Vor allen Dingen suchte man die von _Koch_ im wesentlichen an Tieren

studierten Infektionskrankheiten auch am Menschen in ihrer bakteriellen

Bedeutung zu erfassen. Freilich waren es meistens nur Nachprüfungen,

welche der bei weitem größte Teil der Mitglieder sich erlauben durfte,

selbst wenn die volle Beherrschung der bakteriellen Technik zuvor

erworben worden war. Denn der in der praktischen Tätigkeit stehende und

von ihr in vollstem Maße in Anspruch genommene Wundarzt, dem täglich und

stündlich am Krankenbette neue Fragen auftauchten, mit denen er sich

doch praktisch abzufinden hatte, behielt nur selten die Muße, um sich

mit sehr zeitraubenden Untersuchungen auf dem Gebiete der Keimlehre

abzugeben. Mehr und mehr wurde es daher Sitte, daß chirurgische

Kliniken und große Krankenhausabteilungen wenigstens _einen_

pathologisch-anatomisch und bakteriologisch völlig geschulten Gehilfen

anstellten, dem die Sonderarbeiten auf diesen Gebieten übertragen werden

konnten. Auch waren die Vertreter der bald auf allen deutschen

Universitäten begründeten Professuren für Hygiene und Bakterienforschung

meistens gern bereit, den chirurgischen Abteilungen die Arbeit entweder

ganz abzunehmen, oder doch zu erleichtern. Um so beachtenswerter ist

es, daß auch aus chirurgischen Arbeitsstuben manche wichtige und

fördernde Entdeckungen hervorgegangen sind. Vor allen anderen sind zwei

jüngere Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie zu nennen,

deren Studien berechtigtes Aufsehen erregten.

Der junge Schwabe _Fehleisen_, damals Assistent an _Ernst_ v.

_Bergmanns_ Universitätsklinik in Berlin, veröffentlichte im Jahre 1883

eine Einzelschrift unter dem Titel: »Die Ätiologie des Erysipels«, in

welcher er den Nachweis erbrachte, daß die Wundrose durch eine in die

Saftkanälchen und Lymphbahnen der Umgebung der Wunde gelangende

Streptokokkenart erzeugt werde, die er Streptococcus erysipelatis

benannte und als spezifisch ansah. In letzterer Beziehung hat er sich

allerdings geirrt, da später durch andere Forscher nachgewiesen wurde,

daß _Fehleisens_ Kettenkokkus nichts anderes als der überall verbreitete

und zahlreiche Krankheiten eitriger Art erzeugende Streptococcus

pyogenes sei; dennoch bleibt _Fehleisens_ Verdienst ungeschmälert, daß

er jene Wundkrankheit auf eine ganz bestimmte Bakterienart zurückführte

und deren Verbreitungswege erkannte und schilderte. Um so bedauerlicher

ist es, daß der Entdecker wenige Jahre später verstimmt und unbefriedigt

seinem Vaterlande den Rücken kehrte.

Ein Jahr später erschien eine noch bedeutungsvollere Arbeit von

_Friedrich Julius Rosenbach_ in Göttingen, damals Assistenzarzt der

_König_schen Klinik, in der er die Poliklinik leitete. Die unter dem

Titel: »Mikroorganismen bei den Wundinfektionskrankheiten des Menschen«

erschienene Schrift teilt zunächst sehr sorgfältige Untersuchungen über

die verschiedenen Schmarotzerformen mit, welche in fast allen eitrigen

Erkrankungen des Menschen (mit Ausnahme der später zu erwähnenden kalten

Abszesse) vorkommen. Er bespricht fernerhin die Entstehung der akuten

Knochenmarkentzündung, die in den meisten Fällen durch den

Staphylococcus pyogenes aureus, seltener durch den albus hervorgerufen

werde, und macht darauf aufmerksam, daß diese beiden Schmarotzer durch

das Vergrößerungsglas allein nicht zu unterscheiden seien, wohl aber im

Impfstrich auf Gelatine schon durch die verschiedene Färbung leicht

erkannt werden können; zeigt aber auch, daß noch andere Mikrobien, wie

die Streptokokken, die Krankheit hervorzurufen vermögen. Demnach ist die

Osteomyelitis, wie die ihr nahestehende Pyämie, keine einheitliche d. h.

keine durch einen spezifischen Pilz erzeugte Entzündung. Mit gleicher

Sorgfalt werden die Fäulnisvorgänge in den Geweben oder die septischen

Erkrankungen geschildert, sowie dem von anderen Untersuchern bestätigten

Gedanken Raum gegeben, daß nicht die bloße Vermehrung der Bakterien,

sondern die von ihnen erzeugten Gifte (Ptomaine) die gefährlichen

Zufälle veranlassen, und zum Schluß eine neue, ungefährliche Krankheit,

das Fingererysipeloid, mit ihrem spezifischen Erreger geschildert; alles

das unter sorgfältiger Benutzung und Besprechung früherer wertvoller

Arbeiten, unter denen die des Engländers _Ogston_ und _Pasteurs_

hervorgehoben werden, die bereits mit menschlichem Eiter gearbeitet

hatten. Auch ist _Rosenbach_ der erste, der _Fehleisens_ Streptococcus

erysipelatis als einen spezifischen Krankheitserreger abweist.

Ein gewaltiger Schritt vorwärts war mit diesen beiden Arbeiten für die

praktische Chirurgie getan worden. Wenn auch _Rosenbachs_ Tierversuche,

sowie die mancher anderer Chirurgen zeigten, daß auch durch Einspritzung

giftiger Reizmittel ohne Bakteriengehalt, wie des Krotonöles, eine

Eiterung im Gewebe zu erzeugen möglich sei, so blieb diese Tatsache doch

praktisch ohne alle Bedeutung. Vielmehr stand es nunmehr unumstößlich

fest, daß der klinische Betrieb nur mit der Bakterienwirkung als Ursache

der Eiterung und der verschiedenen Wundkrankheiten zu rechnen habe. Nur

für den Wundstarrkrampf stand der naturwissenschaftliche Nachweis noch

aus. Er sollte aber nicht zu lange auf sich warten lassen; denn noch

gegen Ende des Jahres 1884 trat der erst 22jährige _Nicolaier_, Student

der Medizin in Göttingen, mit einer im hygienischen Institut der

Universität angefertigten Arbeit hervor, in welcher als Erreger des

Wundstarrkrampfes ein in der Erde lebendes stecknadelförmiges Bakterium

beschrieben wurde. So war auch diese Lücke in der Erkenntnis der

Entstehungsweise der Wundkrankheiten glücklich geschlossen worden.

* * * * *

Nach dieser Abschweifung auf das Gebiet der Keimlehre kehren wir zu dem

weiteren _Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung_ zurück. _Volkmann_

war nicht der einzige Chirurg geblieben, der unter dem Einflusse der

_Schultze_schen Arbeit sich der neuen Behandlungsmethode zugewandt

hatte. Dahin gehörte vor allen Dingen _Adolf Bardeleben_ von der

Berliner Charité, dessen Assistent der Stabsarzt _Schultze_ damals noch

war und der deshalb auf des letzteren Veranlassung die _Lister_sche

Wundbehandlung auf seiner Abteilung ziemlich streng durchführte, nachdem

er schon einige Zeit zuvor tastende Versuche mit der Karbolpaste gemacht

hatte. Auf dem gleichen Kongreß von 1874 konnte daher _Bardeleben_, im

Anschluß an _Volkmanns_ grundlegenden Vortrag, über ziemlich ausgedehnte

Erfahrungen mit dem _Lister_schen Verbande berichten, ebenso _Schönborn_

(Königsberg), _Hüter_ (Greifswald) und _Thiersch_ (Leipzig). Aber

abgesehen von diesen Klinikern hatte das antiseptische Verfahren auch

schon manche Krankenhausleiter zu Versuchen angespornt; so gehörte der

kleine, überaus tätige _Hagedorn_ (Magdeburg) schon frühzeitig zu seinen

eifrigsten Vertretern. Es waren nicht nur die immer häufiger in der

chirurgischen Literatur auftauchenden Besprechungen des neuen

Verfahrens, welche werbend wirkten, sondern es kam noch ein anderer

Umstand hinzu. Einzelne Kliniker und manche Krankenhausleiter folgten

dem Beispiele _Schultzes_, indem sie sich in Edinburgh selber an der

Quelle zu unterrichten suchten, oder wenigstens ihre Assistenten

schickten. Als erster deutscher Kliniker trat _Johann Nepomuk

v. Nußbaum_ in München bald nach _Schultzes_ und _Volkmanns_

Veröffentlichungen die Reise an, von der er als ein begeisterter

Anhänger der Neuerung zurückkehrte. Ihm in erster Linie galt daher der

Besuch, den _Lister_ im Jahre 1875 Deutschland abstattete, um sich

persönlich von dem Stande seiner Lehre in diesem Lande zu überzeugen.

_Nußbaum_ und seine Schüler bereiteten ihm in seiner Klinik, die früher

in ganz entsetzlicher Weise unter Pyämie und Hospitalbrand gelitten

hatte, eine erhebende Feier, von der der englische Meister beglückt und

befriedigt in seine Heimat zurückkehrte. -- Unter den jüngeren Chirurgen

schrieb _Lesser_ schon im Jahre 1873 über einen Besuch bei _Lister_;

ferner konnten auf dem Kongreß von 1874 _Schönborn_ und besonders der

Deutschrusse _Reyher_ eingehend über das Gesehene berichten, während

_Madelung_, Privatdozent und Assistent der chirurgischen Klinik in Bonn,

und J. _Israel_, Assistent am jüdischen Krankenhause in Berlin, zwar in

dem gleichen Frühling Edinburgh besuchten, aber mit ihren Beobachtungen

zunächst noch zurückhielten. Im Februar 1876 machte auch E. _Küster_

eine Reise nach Edinburgh, deren Frucht die Einführung der

antiseptischen Behandlung im Berliner Augusta-Hospital unter genauester

Beobachtung der _Lister_schen Methoden war. Nach diesen Reisen begann

ein Strom besserer Erkenntnis sich von der fernen Stadt des Nordens über

einen großen Teil von Europa zu ergießen; zumal in Deutschland bildeten

sich immer zahlreichere Mittelpunkte, von denen die neue Lehre in immer

weitere Kreise getragen wurde.

Aber in den kritisch angelegten Köpfen einzelner deutscher Chirurgen

regte sich auch, früher wie in anderen Ländern, die Neigung zu

Abänderungen und Vereinfachungen des immerhin etwas umständlichen,

schwerfälligen und kostspieligen Verbandes. Dazu hatte freilich _Lister_

selber die Bahn eröffnet, teils durch seine zahlreichen Verbesserungen,

teils durch seinen Ausspruch, er hege die Hoffnung, daß die Chemie einen

der Karbolsäure in der Wirksamkeit ebenbürtigen, aber von deren

unangenehmen Eigenschaften freien Stoff zu finden imstande sein werde.

Dem gleichen Gedanken gab _Volkmann_, wie oben erwähnt, schon in seinem

ersten Vortrage Ausdruck; und auf demselben Kongresse machte sein

damaliger Assistent _Max Schede_ die Mitteilung, daß in Halle alle nicht

ganz frischen Verletzungen erst einer Ätzung mit 8%iger Chlorzinklösung

unterzogen würden, ehe der Okklusivverband zur Anwendung gelange. Alles

das hielt sich noch in dem von _Lister_ selber vorgetragenen

Gedankenkreise; wirkliche Neuerungen aber brachten schon bei diesem

ersten Waffengange auf dem Gebiete der Antisepsis _Bardeleben_ mit

seiner, freilich etwas zurückhaltenden Empfehlung nasser

Karbolsäureverbände anstatt der trockenen _Lister_schen, und _Thiersch_

durch den Vorschlag, die Karbolsäure durch die von dem Chemiker _Kolbe_

in Leipzig dargestellte Salizylsäure zu ersetzen. In der Tat hat das

letztgenannte Mittel, zumal nach Veröffentlichung einer größeren Arbeit

von _Thiersch_ (Klinische Ergebnisse der _Lister_schen Wundbehandlung

und über den Ersatz der Karbolsäure durch Salizylsäure in _Volkmanns_

Sammlung klinischer Vorträge 84 und 85) vom Jahre 1875, für eine Reihe

von Jahren Aufnahme gefunden und zwar sowohl als trockener, wie als

nasser Watteverband bzw. in der Form der Berieselung bei sonst offener

Wundbehandlung. Auch der Verbandstoff fand durch ihn, hauptsächlich aus

Rücksichten der Verbilligung, eine Abänderung, indem er auf den Rat

v. _Mosengeils_ die Jute, einen aus den Fasern einer ostindischen Tiliazee

hergestellten Stoff, als Grundlage des antiseptischen Verbandes in

seiner Klinik einführte. Nunmehr häuften sich die Neuerungen.

H. _Ranke_, Assistent der _Volkmann_schen Klinik, berichtete 1878 über den

Ersatz der Karbolsäure durch Thymol, so daß bereits eine erhebliche

Vielfältigkeit für die Abänderung des eigentlichen _Lister_verbandes

vorlag. Eine eingehende Besprechung fand die Frage der Behandlungsform

auf dem Kongreß von 1878, im Anschluß an einen Vortrag E. _Küsters_:

»Über die giftigen Eigenschaften der Karbolsäure«, dessen

Endbetrachtungen darin gipfelten, daß dies Mittel zwar zunächst, als

sicherstes der bisher angewandten antiseptischen Verbandmittel, noch

nicht zu entbehren sei, daß es aber nur mit großer Vorsicht gebraucht

werden dürfe, da es bei manchen Personen gefährliche und selbst tödliche

Zufälle hervorzurufen imstande sei. In der Tat wurde bei der ausgiebigen

Erörterung dieses Vortrages die Giftigkeit der Karbolsäure mehr oder

weniger unumwunden fast von allen Rednern zugestanden.

Bald darauf, im Jahre 1880, erfolgte auch der erste kraftvolle Vorstoß

gegen den Zerstäuber (Spray) durch _Viktor v. Bruns_ (Tübingen) in

einem Aufsatze unter dem Titel: »Fort mit dem Spray!« Der Verfasser

hatte bereits seit zwei Jahren, sowohl bei Operationen wie bei

Verbandwechseln, auf den Sprühnebel verzichtet und sich auf

nachträgliche kurze Bespülungen der Wunde mit Karbolsäure beschränkt.

Die Ergebnisse waren vortrefflich. Freilich war der alte Doppelballon

nach _Richardson_, der mit Hand oder Fuß in Bewegung gesetzt wurde,

schon längst durch schmucke Dampfzerstäuber ersetzt worden; aber auch

diese brachten recht große Unannehmlichkeiten für den Kranken sowohl wie

für den handelnden Chirurgen und seine Gehilfen mit sich. Denn der

Körper des Kranken, selbst wenn er sorgfältig mit reinen Leintüchern

abgedeckt war, wurde doch bei längeren Eingriffen allmählich naß; und

die ganze Umgebung des Operationstisches befand sich oft 1-2 Stunden

lang in einem Sprühnebel, der alle freien Körperteile triefend machte

und mit dem Atemstrome in die Luftwege eingesogen wurde. So waren

Vergiftungen auf beiden Seiten möglich; und es hat nicht lange gedauert,

bis die Ärzte selber die unangenehmen Wirkungen zu spüren bekamen, meist

allerdings nur in Form dunklen Urins nach jedem langen Aufenthalte im

Operationszimmer. Allein es sind in jenen Jahrzehnten und bald hinterher

so viele Chirurgen an chronischen Nierenentzündungen zugrunde gegangen

daß der Verdacht nicht ganz abgewiesen werden kann, sie seien als Opfer

ihres Berufes und der neuen Behandlungsmethode gefallen. So hat auch

dieser gewaltige Fortschritt zum Heile der Menschheit nur unter schweren

Opfern erkämpft werden können.

Hiernach wird es begreiflich, daß nicht wenige Chirurgen sich von der

lästigen Beigabe des Zerstäubers nach _Bruns_' Beispiel mit Freuden

losmachten, zumal da die zerstäubte Karbolsäure in Haupt- und Barthaar

der Ärzte so fest haftete, daß die Träger durch den Geruch schon auf

weite Entfernungen gekennzeichnet waren. Andere freilich, und wohl noch

auf Jahre hinaus die Mehrzahl, glaubten den Zerstäuber nicht entbehren

zu können, wenn auch an die Stelle der giftigen und stark riechenden

Flüssigkeit vielfach Salizyl- und Thymollösungen gesetzt wurden.

So war denn eine neue Bresche in den scheinbar so fest gefügten Wall der

_Lister_schen Methode gelegt worden; aber da auch die letzten

Veränderungen keineswegs allgemeine Befriedigung hervorriefen, so

konnten weitere Versuche nicht ausbleiben. Insbesondere war es die

mächtig emporblühende chemische Industrie, die immer neue Mittel mit

antiseptischen Eigenschaften zu erfinden und den Chirurgen zur Prüfung

anzubieten nicht müde wurde. Viele dieser neuen Mittel haben nur ein

kurzes Dasein gehabt, so daß sich nicht einmal ihre Erwähnung lohnt;

andere aber haben nicht nur jahrelang eine große Rolle gespielt, sondern

sind auch heute noch nicht bis auf die letzte Spur aus unserem

Behandlungsschatze ausgetilgt.

Zu letzteren gehört in vorderster Linie das _Jodoform_, welches im Jahre

1880 zuerst von _Mosetig v. Moorhof_ in Wien als ein ganz vorzügliches

Pulver zur Behandlung tuberkulöser Wunden und Geschwüre empfohlen, aber

schon im Jahre darauf auch auf nicht tuberkulöse Verletzungen und

Operationswunden übertragen wurde. In demselben Jahre berichtete auch

_Mikulicz_ von _Billroths_ Klinik in Wien über sehr gute Erfolge mit dem

Jodoformpulververbande, den er als den größten Fortschritt seit der

Einführung des _Lister_schen Verbandes ansah. In gleicher Weise sprach

sich _Franz König_ in Göttingen aus, dessen großes Ansehen vor allen

anderen für die schnelle Verbreitung der Jodoformbehandlung

ausschlaggebend wurde, zumal da er die Leichtigkeit der Anwendung und

die Sicherheit des Verfahrens auch für solche Wunden betonte, die wie

manche Höhlenwunden dem antiseptischen Okklusivverbande nicht zugänglich

seien. Eine wahre Flut von begeisterten Schriften über den Wert des

Jodoforms ergoß sich seitdem in alle medizinischen Zeitschriften; aber

sehr schnell kam auch der Rückschlag. Schon _Mikulicz_ hatte in dem

obengenannten Aufsatze auf Jodvergiftungen hingewiesen. Da wurden fast

gleichzeitig mit _Königs_ Arbeit durch _Henry_ (Breslau) bereits zwei

Todesfälle durch Jodoformvergiftung mitgeteilt; und schon am 21. Januar

1882 war in einer Arbeit _Max Schedes_ der Satz zu lesen: »Der

anfängliche Enthusiasmus für das Jodoform ist längst verraucht und hat

einer sehr vorsichtigen Beurteilung desselben Platz gemacht.« Auch

_Ernst Küster_ sprach sich ungefähr gleichzeitig in einem Vortrage in

der Berliner medizinischen Gesellschaft dahin aus, daß die

Pulververbände, d. h. neben dem Jodoform auch die gepulverte

Salizylsäure, zwar an sich ein ausgezeichnetes und dabei in der

Anwendung sehr einfaches Mittel seien, welches für gewisse, schwer

aseptisch zu haltende Wunden vorläufig noch nicht entbehrt werden könne;

daß aber beide Pulverarten giftig seien und an Sicherheit dem strengen

_Lister_schen Verbande nicht gleichkämen. Dabei ist es denn auch auf

Jahre hinaus geblieben, davon abgesehen, daß an Stelle der Karbolsäure

und der bald wieder verlassenen Salizylsäure- und Thymollösungen immer

neue antiseptische Stoffe versucht wurden.

Den Anstoß dazu hatte schon im Jahre 1881 R. _Kochs_ wichtige

Untersuchung über Desinfektion gegeben, in welcher die gänzliche

Wirkungslosigkeit öliger Karbollösungen, aber auch eine ungenügende

Wirksamkeit der Karbolsäure in wäßriger Lösung von 5:100 nachgewiesen

worden war, soweit es sich um Unschädlichmachung der bei den Versuchen

hauptsächlich benutzten Milzbrandsporen handelte. Dagegen wurde das

_Sublimat_ schon in einer Lösung von 1:5000 als durchaus zuverlässig

erkannt, wenn auch die Giftigkeit des Mittels gewisse Vorsichtsmaßregeln

unerläßlich machte. So wurde denn Sublimat an die Stelle der Karbolsäure

im _Lister_schen Verbande gesetzt und begann seinen Nebenbuhler

allmählich mehr oder weniger zu verdrängen. Aber auch hier blieben üble

Erfahrungen nicht aus, da das Sublimat selbst in schwacher Lösung sich

als recht gefährlich erwies. Auch noch andere Arzneistoffe, außer den

genannten, tauchten weiterhin auf, um gewöhnlich bald wieder zu

verschwinden, meist als Pulververbände, wie das Naphthalin und das

Bismuthum hydrico-nitricum. Daneben haben auch die Bemühungen

fortgedauert, den teuren Baumwollenmull durch billige Stoffe zu

ersetzen; so entstanden die Versuche mit Torfmull (_Neuber_), Sumpfmoos

(_Hagedorn_), Holzwolle (P. _Bruns_), Sand, Asche und Glaswolle

(_Kümmell_), unter denen nur das Sumpfmoos (Sphagnum) und zum Teil die

Holzwolle als bequem und billig sich einige Jahre eines gewissen

Ansehens erfreut haben.

Schon längst hatte man den _Gummidrain_ zur Ableitung der von der

gereizten Wunde gelieferten Flüssigkeiten als eine unangenehme Beigabe

des antiseptischen Verbandes empfunden, da er teils in die Wunde

rutschte und dort als aseptischer Fremdkörper gelegentlich einheilte,

teils den frühzeitigen Schluß einer sonst gut heilenden Wunde

verzögerte, teils bei einer aus irgendeinem Grunde langsam

vorschreitenden Heilung als Ansteckungspforte zu dienen vermochte. Es

wurden daher schon seit dem Jahre 1878 die von _Trendelenburg_ zuerst

angegebenen resorbierbaren Drains, d. h. Röhrchen aus Knochen

hergestellt, entkalkt und in antiseptischer Flüssigkeit (Spiritus)

aufbewahrt, vielfach an ihre Stelle gesetzt. Aber auch dies Verfahren

genügte nicht, sondern immer neue Versuche wurden angestellt, die

Anwendung von Ableitungsröhrchen ganz überflüssig zu machen. Dies Ziel

suchte man in doppelter Weise zu erreichen: einmal dadurch, daß man die

starke Reizung der Wunden durch antiseptische Mittel einschränkte

(Weglassung des Zerstäubers, einmalige kurze Waschung der Wunde), oder

daß man, unter Beseitigung der Drains, nur die Wundwinkel offen ließ,

wie es _Albert_ (Innsbruck) schon 1884 versuchte, oder die Wunde ganz

nähte, aber neue Öffnungen von einer Form schuf, die sich nicht leicht

verstopfen konnten (Locheisenöffnung nach v. _Esmarch_ und _Neuber_).

Hierher gehört auch der Versuch, die Wunden durch versenkte Darmsaiten

in der Tiefe zusammenzunähen, um sie dann bis auf den letzten Rest zu

schließen und sie nur mit Jodoformkollodium zu bepinseln, also eine

trockene Schorfheilung anzustreben (v. _Esmarch_, _Werth_, _Karl

Schröder_, E. _Küster_, _Neuber_).

In ganz eigenartiger Weise suchte das gleiche Ziel, die Weglassung jedes

Fremdkörpers aus der Wunde, die von _Schede_ angegebene neue _Behandlung

unter dem feuchten Blutschorfe_ zu erreichen. Bis dahin hatte man die

Ansammlung von Blut in der Wunde als eine Gefahr angesehen und die ganze

Behandlung auf schnelle Beseitigung des aus den durchtrennten Gefäßen

hervorsickernden Blutes zugeschnitten. _Schede_ zeigte nun, daß der

Blutpflock einer aseptisch bleibenden Wunde sich so schnell organisiere,

insbesondere mit neugebildeten Gefäßen versehe, daß er zur Ausfüllung

von Höhlen und Gewebsverlusten benutzt werden könne. Die nach

Möglichkeit aseptisch gemachte Höhle, zumal im Knochen, wurde daher

absichtlich mit Blut gefüllt, die Wunde bis auf die Wundwinkel durch die

Naht geschlossen und durch einen Streifen Gummipapier, sowie einen ihn

deckenden Sublimatverband geschützt. Inzwischen zeigte sich auch

hierbei, daß die anfänglich gehegten Hoffnungen trogen; denn weder bei

tuberkulösen Erkrankungen, noch bei der osteomyelitischen Nekrose erwies

sich das Verfahren als zuverlässig. Demnach blieb seine

Verallgemeinerung ausgeschlossen so vortrefflich es sich auch in manchen

Fällen bewährte. Immerhin brachte es aber eine sehr dankenswerte

Förderung und Erweiterung der bisherigen Anschauungen über die Vorgänge

der Wundheilung.

Alle diese Änderungen bereiteten eine Wandlung in den Anschauungen vor,

die mit dem Anfange der neunziger Jahre zu einer grundsätzlichen

Veränderung der Wundbehandlung führte, insofern, als man die bisher für

unentbehrlich gehaltenen chemischen Mittel, die sich doch sämtlich als

mehr oder weniger gefährlich erwiesen hatten, gänzlich zu verbannen

suchte. Aber trotzdem hörte die Empfehlung neuer Antiseptika keineswegs

gänzlich auf. So rühmte _Salzwedel_ im Jahre 1894 die Behandlung

phlegmonöser und ähnlicher Entzündungen mit dauernden Alkoholverbänden

in der Form, daß der Entzündungsherd mit nur mäßig von Alkohol

durchtränkten Wattelagen bedeckt und über diese eine durchlöcherte

Schutzhülle gelegt wurde, um die Verdunstung des Mittels zwar

einzuschränken, aber nicht ganz aufzuheben; so trat im Jahre 1896

_Credé_ mit der Besprechung der ausgezeichneten Eigenschaften der

Silbersalze vor den XXV. Kongreß, deren allgemeine Anwendung als eines

keimtötenden und dabei ganz ungefährlichen Mittels er auf das

dringendste anriet. So empfahl 1905 _Schloffer_ (Innsbruck) den

Perubalsam zur Behandlung unreiner Wunden. Im Jahre 1901 haben

v. _Bruns_ und _Honsell_ auch noch einmal auf die Karbolsäure

zurückgegriffen durch Empfehlung des Verfahrens des Amerikaners

_Phelps_, der septische und eiternde Wunden mit _reiner_ Karbolsäure zu

ätzen und dann mit Alkohol zu waschen empfahl. Aber alle diese Dinge

haben den ruhigen Gang der Entwicklung, wenigstens bei frischen Wunden,

nicht mehr aufzuhalten vermocht; man strebte, unter steter Einwirkung

der genaueren Kenntnis der Lebensbedingungen aller gefährlichen

Schmarotzer, möglichster Vereinfachung der Behandlungsmethoden zu, bei

der man nicht mehr auf die Beihilfe zweifelhafter und in ihren

pharmakologischen Wirkungen unsicherer chemischer Mittel angewiesen zu

sein wünschte. An die Stelle der antiseptischen trat fortan die

aseptische Wundbehandlung, an die Stelle der Ströme antiseptischer

Flüssigkeiten, welche die Operationsräume jahrelang überflutet und die

Wundärzte zu besonderen, wasserdichten Fußbekleidungen gezwungen hatten,

traten Dampfsterilisatoren und Kochapparate.

Kapitel VII.

Einführung der Asepsis.

Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie · 第 6 / 16 段