und Frankreich, bald auch in allen anderen europäischen Ländern und in
Amerika zu verfolgen; vielmehr müssen wir uns damit begnügen, den
Umschwung zu schildern, wie er sich in Deutschland vollzog. Denn
Deutschland ist das Land, dem _Lister_ seine ersten großen Erfolge in
allgemeiner Anerkennung verdankt, wie er selber es wiederholt
ausgesprochen hat. Die Hoffnung, der er in einer Julinacht des Jahres
1874 in Edinburgh dem jungen Dozenten _Otto Madelung_ gegenüber bewegten
Herzens Worte lieh, daß seine jungen ausländischen Schüler, insbesondere
die deutschen, ihm helfen würden, alle die Widerstände zu überwinden,
die ihm in seiner nächsten Umgebung, wie in ganz England, auf Schritt
und Tritt begegneten, ist denn auch nicht getäuscht worden.
_Dritter Abschnitt._
Der Einzug der antiseptischen Behandlung in die deutsche Chirurgie.
Die Asepsis. Das Langenbeckhaus.
Kapitel VI.
Einführung und Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung in Deutschland.
Schon die erste Arbeit _Listers_: Ȇber ein neues Verfahren, offene
Knochenbrüche und Abszesse zu behandeln, mit Beobachtungen über
Eiterung«, vom Jahre 1867 war in Deutschland nicht unbeachtet geblieben;
allein der einzige Gewinn, den man daraus zog, beruhte in der Annahme,
daß die Karbolsäure in öliger, später auch in wäßriger Lösung ein
vortreffliches Verbandmittel sei. Nur wenige deutsche Chirurgen wagten
sich einen Schritt weiter, indem sie an die Stelle der Charpie
_Listers_ Karbolpflaster zur Bedeckung der kleinen Wunden bei
Durchstechungsfrakturen setzten. Im Deutsch-Französischen Kriege von
1870/71 spielten die Karbollösungen in Öl oder Wasser eine große Rolle;
da man sie aber nur zur Anfeuchtung von Charpie überaus zweifelhafter
Herkunft benutzte, so rochen zwar die Dauerlazarette innen und außen
stark nach dem Verbandmittel, aber für die Heilung und das Wohlergehen
der Kranken war damit nichts gewonnen. Die Wundkrankheiten forderten
demnach in den überfüllten Kriegslazaretten ebenso regelmäßig ihre
Opfer, wie dies in alten, verseuchten Krankenhäusern des Friedens bisher
der Fall gewesen war. Auf das eigentliche Wesen der antiseptischen
Wundbehandlung war bisher niemand eingegangen.
Ein Umschwung trat erst ein, als der Stabsarzt A. W. _Schultze_, ein
Schüler der _Bardeleben_schen Klinik in der Berliner Charité, in der
Sitzung der Militärärztlichen Gesellschaft vom April 1872 einen Vortrag
über _Listers_ antiseptische Wundbehandlung hielt, als Frucht einer
Studienreise, die er im Oktober 1871 durch Deutschland, Belgien, Holland
und England bis Edinburgh unternommen hatte. Dieser Vortrag erschien im
Februar 1873 in _Volkmanns_ Sammlung klinischer Vorträge. In klarer und
umfassender Weise ging _Schultze_ auf die Idee ein, welche dem ganzen
Verfahren zugrunde lag und schilderte letzteres in allen Einzelheiten so
genau, daß fortan die Verbreitung einer gründlichen Kenntnis bei allen
deutschen Chirurgen mindestens angebahnt wurde. Der schnelle Aufschwung
indessen, welchen die _Lister_schen Lehren von nun an in Deutschland
erfuhren, würde gar nicht zu verstehen sein ohne die Berücksichtigung
jenes großen, nunmehr zu besprechenden Ereignisses, durch welches die
deutsche Chirurgie in den Stand gesetzt wurde, binnen wenigen Jahren die
führende Stelle in den Wettbestrebungen zur Verbesserung des Loses
verwundeter und erkrankter Menschen zu übernehmen.
Auf eine von _Gustav Simon_ schon im Herbste des Jahres 1871 erfolgte
Anregung erließen nämlich im März 1872 _Bernhard v. Langenbeck_
(Berlin), _Gustav Simon_ (Heidelberg) und _Richard Volkmann_ (Halle) ein
Rundschreiben, welches die Aufforderung zur _Gründung einer Deutschen
Gesellschaft für Chirurgie_ und zur Abhaltung eines Kongresses in Berlin
in den Tagen vom 10. bis 14. April enthielt. Man hatte sich zuvor der
Zustimmung einer größeren Anzahl deutscher Chirurgen versichert,
zunächst aber noch keine Satzungen entworfen, vielmehr nur in
allgemeinen Umrissen die Ziele bezeichnet, denen man zustrebte. Die
Ausarbeitung der Satzungen blieb einem Ausschusse vorbehalten, der in
der ersten Sitzung des Kongresses gewählt werden sollte. Der Kongreß
wurde am 10. April 1872 im Hôtel de Rome zu Berlin unter dem Vorsitze v.
_Langenbecks_ eröffnet, der bei der Wahl des Vorstandes Vorsitzender
blieb. Eine glücklichere Wahl hätte nicht getroffen werden können, um
das neue Unternehmen über die ersten Schwierigkeiten hinweg in geordnete
Bahnen überzuführen. Der gleich vielen großen Deutschen einem
evangelischen Pfarrhause entsprossene, im hannöverschen Horneburg
geborene Wundarzt stand damals mit seinen 61 Jahren auf der Höhe seines
Ruhmes. Aber es waren nicht allein seine Stellung als Leiter der
angesehensten Universitätsklinik Deutschlands, nicht nur seine hohe
wissenschaftliche Bedeutung, welche die Wahl auf ihn lenkten, sondern
mindestens in gleichem Maße die Eigenschaften seines Körpers und
Charakters. Der kaum mittelgroße zierliche Mann mit vollem, grauem,
leicht gewelltem Haupthaar hatte in Haltung, Bewegung und Rede etwas so
ungesucht Vornehmes, daß er auch unter vielen sofort die bewundernden
Blicke auf sich zog. Dazu kam sein stets verbindliches und maßvolles
Wesen, welches auch kleinen Geistern gegenüber niemals sein Übergewicht
hervorkehrte. Mit Recht nennt ihn der im Zentralblatte für Chirurgie
nach seinem Tode erschienene Nachruf den ersten und edelsten Chirurgen
seiner Zeit. Ein Mann mit solchen Eigenschaften war der geborene
Vorsitzende der von ihm gegründeten Gesellschaft und seine
alljährliche Wiederwahl erschien trotz seinem Widerstreben als eine
Selbstverständlichkeit, auch als er im Jahre 1881 auf sein Amt als
Leiter der Klinik verzichtete und seinen Wohnsitz nach Wiesbaden
verlegte. Erst mit dem Kongreß von 1885 trat er endgültig zurück,
nachdem die Gesellschaft ihn zum Ehrenmitgliede ernannt hatte. Im
folgenden Jahre war die Leitung zum erstenmal in anderen Händen, da
R. v. _Volkmann_ zum ersten Vorsitzenden gewählt worden war; aber keiner
der Nachfolger _Langenbecks_ auf dem Stuhle des Vorsitzenden hat es zu
ähnlicher stillschweigender Anerkennung seines Wesens gebracht, wie sie
jenem entgegengetragen wurde.
Schon die dritte Sitzung des ersten Kongresses wurde nicht mehr im
Römischen Hofe, sondern in der chirurgischen Universitätsklinik
abgehalten; von da an bis zum Jahre 1891 stand der Gesellschaft die
alte Aula im Universitätsgebäude zur Verfügung. Die Übersiedlung in ein
eigenes Heim soll später erzählt werden.
Die Gesellschaft zählte im Eröffnungsjahre 130 Mitglieder, von denen 81
sich am Kongresse beteiligten. Dem Ausschusse gehörten außer dem
Vorsitzenden an: _Viktor v. Bruns_ als stellvertretender Vorsitzender,
_Volkmann_ und _Gurlt_ als Schriftführer, _Trendelenburg_ als
Kassenführer. Die Vermehrung der Mitglieder erfolgte in den ersten 10
Jahren des Bestehens in einem keineswegs überstürzten Zeitmaße; vielmehr
war auf dem X. Kongreß von 1881 erst die Zahl 287 erreicht. Seitdem aber
begann ein so schnelles Ansteigen, daß im Jahre 1900 das erste, 10 Jahre
später bereits das zweite Tausend überstiegen war. Von den
Schwierigkeiten, welche dadurch für die Unterbringung der Teilnehmer an
den Kongressen, für die Geschäftsführung und die Verständigung der
Mitglieder untereinander erwuchsen, soll später gesprochen werden; doch
wird man ohne Übertreibung sagen können, daß die ersten 15 Jahre die
glücklichsten der Gesellschaft gewesen sind, da die kleine Zahl allen
Mitgliedern Gelegenheit zu persönlicher und freundschaftlicher
Annäherung bot, durch welche manche Schärfe in den Verhandlungen
vermieden wurde. Und doch gab gerade jene Periode, in der um die
Einführung der Antisepsis zuweilen erbitterte Kämpfe ausgefochten
wurden, Gelegenheit genug zu Reibungen aller Art. Niemals wieder hat
späterhin eine gleich bewegte, fast begeisterte Teilnahme an den
Verhandlungen stattgefunden, wie damals, als ein großes Ziel des
Strebens erst in den Umrissen gezeigt, aber noch nicht erreicht war.
* * * * *
Wenden wir uns nun wiederum der Art und Weise zu, in welcher die neuen
Lehren Boden suchten und fanden, so müssen wir vor allen Dingen eines
Mannes gedenken, der mit fast jugendlicher Begeisterung -- er war damals
42 Jahre alt -- sie ergriff und in stetem, oft überaus lebhaft geführtem
Kampfe, in welchem sein Geist, seine dichterische Begabung, sowie seine
Meisterschaft in der Beherrschung der Sprache ihm die schärfsten Waffen
liehen, die widerstrebende Masse der Ärzte und Chirurgen allmählich zu
überzeugen und fortzureißen wußte. _Richard Volkmann_, dem mittelgroßen,
zierlich gebauten, beweglichen Manne mit den stahlblauen Augen, dem
rötlichen Haupthaare und dem das Kinn freilassenden roten Backenbarte,
verdankt die deutsche Chirurgie die frühzeitige Erkenntnis des Wertes
der neuen Behandlung, für die er seine ganze Persönlichkeit einlegte.
Der Leipziger Professorensohn war in der Tat der rechte Mann zur
Durchführung einer solchen Aufgabe, für welche ihm neben seiner
überragenden Klugheit ein schneidender Sarkasmus, der selbst in
unverhüllte Derbheit übergehen konnte, zu Gebote standen. So geschah es
denn, daß er bis zu seinem im Jahre 1889 erfolgten Tode nahezu
unbestritten der Führer der deutschen Chirurgen auf dem Gebiete der
Wundbehandlung gewesen ist, die alle, einige sehr früh, die meisten erst
spät, seinen Spuren gefolgt sind.
_Volkmann_ hatte in seiner Klinik zu Halle, die außerordentlich
ungünstige hygienische Verhältnisse darbot, bisher die offene
Wundbehandlung geübt, in Verbindung mit einer regelmäßigen Waschung der
Wunden durch Lösungen von übermangansaurem Kali, Chlorkalk, später
Karbolsäure. Bei der übergroßen Zahl schwerer Verletzungen, die in dem
kleinen, überfüllten Krankenhause mit 50 Betten zuweilen bis zu
45 v. H. aller Aufnahmen betrugen, verschlechterten sich aber die
Verhältnisse in einem Maße, forderten die Wundkrankheiten so hohe Opfer,
daß er im Sommer 1871 nahe daran war, die vorübergehende Schließung der
Anstalt zu beantragen. Nur aus dem Gesichtspunkte einer lästigen, aber
unabweislichen Pflichterfüllung begann er Ende November 1872 die Prüfung
der _Lister_schen Methode, in der bestimmten Überzeugung, daß es sich
nur um einen wenige Wochen dauernden, vergeblichen Versuch handeln
würde. Die Ergebnisse aber, welche er unter genauer Befolgung aller
Vorschriften erzielte, waren so verblüffend, daß er nicht wieder davon
abkam. Am 10. April 1874, den wir mit _Madelung_ als einen denkwürdigen
Tag in der Geschichte der deutschen Chirurgie ansehen müssen, hielt er
auf dem III. Kongreß einen Vortrag: »Über den antiseptischen
Okklusionsverband und seinen Einfluß auf den Heilungsprozeß der Wunden«,
in welchem er seine seit 15 Monaten gesammelten Erfahrungen besprach.
Der Vortrag ist in seinen im Jahre 1875 erschienenen Beiträgen zur
Chirurgie ausführlich wiedergegeben. Eigentümlich berührt in ihm die
große Vorsicht, mit der der Redner sich gegen den Gedanken einer
unbedingten Annahme der wissenschaftlichen Grundlage der Antisepsis,
nämlich der bakteriellen Entstehung von Eiterung und Wundkrankheiten,
verwahren zu müssen glaubt. Es braucht keineswegs angenommen zu werden,
daß auch in diesem klaren Kopfe die Idee der Urzeugung der Keime, welche
bei englischen Ärzten damals noch eine erhebliche Rolle spielte,
mitgewirkt habe; immerhin hielt er es für geboten, die einfache Tatsache
einer stark veränderten, besseren Wundheilung hinzunehmen, ohne sich
durch eine bisher noch umstrittene Theorie die Hände binden zu lassen.
Dagegen sprach er es unumwunden aus, daß mit den neuesten _Lister_schen
Abänderungen seines Verbandes noch nicht das letzte Wort gesprochen sein
könne. Insbesondere hoffe er, daß die Benutzung der Karbolsäure, »eines
fatalen und nicht einmal ungefährlichen Mittels«, möglichst bald wieder
aus der Chirurgie verschwinden werde. Darin hat er sich nicht getäuscht.
Seit jenem Tage ist die Frage der allgemeinen Wundbehandlung mehr als
25 Jahre lang in den Tagesordnungen der Chirurgenkongresse zu finden
gewesen; denn die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie war das Manometer,
welches die Hebungen und Senkungen der Anschauungen stets getreulich
aufzeichnete.
Mit gleichem Eifer wie die Entwicklung der Verbandtechnik behandelte sie
aber auch dessen wissenschaftliche Grundlage, so sehr ablehnend sich
_Volkmann_ zunächst auch dagegen verhielt. Wir sind daher genötigt, auf
das Aufkommen und den Ausbau der _Bakterienkunde_, soweit sie einen
unmittelbaren Einfluß auf die Chirurgie ausgeübt hat, einen
zusammenfassenden Rückblick zu werfen.
* * * * *
Auf S. 19 ist bereits erzählt worden, wie _Schwann_ als erster alle
Zersetzungsvorgänge auf Luftkeime zurückführte und wie zahlreiche
Nachfolger er für seine Anschauungen fand. Aber trotz allem Geist und
Scharfsinn, mit denen diese Theorie vorgetragen, verfochten und durch
äußerst sinnreiche Versuche bestätigt wurde, blieb sie für die Lehre von
der Entstehung der Wundkrankheiten dennoch zunächst unfruchtbar. Der
Grund dafür lag in der schon 1840 von _Henle_ beklagten Unfähigkeit,
die Erreger der Zersetzung, in denen er kleinste Pflanzen vermutete,
auch dem bewaffneten Auge sichtbar zu machen. Zwar hatte _Lister_ die
Pilzrasen auf einem entsprechenden Nährboden zu züchten und die Art
ihres Wachstumes zu beobachten gelernt; aber auch damit war man über den
allgemeinen Begriff der »Keime« nicht hinausgekommen.
An diesem toten Punkte erschien die Hilfe in Gestalt der seit dem Jahre
1855 durch J. v. _Gerlach_ eingeführten Färbemethoden, durch welche es
möglich wurde, einzelne Gewebe und Gewebsteile derart mit einem
Farbstoffe zu tränken, daß sie im mikroskopischen Bilde mit Leichtigkeit
von den Nachbargeweben unterschieden werden konnten. Allerdings dauerte
es noch mehr als zwei Jahrzehnte, ehe man auch die pflanzlichen
Schmarotzer zu färben und dem Auge sichtbar zu machen lernte; aber schon
die in die gleiche Zeit fallende Verbesserung und Vervollkommnung der
Mikroskope hatte die Forscher zu allerlei beachtenswerten Entdeckungen
geführt. So hatte _Rindfleisch_ schon im Jahre 1866 das Vorkommen von
Bakterien in den Organen der an Wundinfektionskrankheiten Gestorbenen
nachgewiesen, was durch _Waldeyer_ und v. _Recklinghausen_ 1871
bestätigt wurde. Im gleichen Jahre beschrieb _Klebs_ das Microsporon
septicum als den Erreger der Eiterung und Gewebsfäulnis, indem er unter
jenem Namen die Stäbchen- und Kugelbakterien zusammenfaßte, wie es vor
ihm schon _Karl Hüter_ mit seinen »Monaden« getan hatte. Dagegen stellte
sich _Billroth_ in seiner sehr umfangreichen und fleißigen, der
Deutschen Gesellschaft für Chirurgie gewidmeten Arbeit »über die
Vegetationsformen der Coccobacteria septica« (1874) auf einen wesentlich
verschiedenen Standpunkt. Auch er fand solche, zuweilen ungemein
voneinander abweichende Vegetationsformen, die er einheitlich unter
jenem Namen zusammenfaßte, zwar in allen gärenden und faulenden
Flüssigkeiten und eiternden Geweben, sah sie aber nicht als die Ursache
der Zersetzung an, sondern ließ diese aus der akuten Entzündung der
Gewebe hervorgehen. Erst eine solche führe zur Bildung eines
»phlogistischen Zymoids«, welches einen sehr günstigen Nährboden für die
Entwicklung von Kokkobakterien darstelle. -- Eine so geschraubte Deutung
wird nur erklärlich, wenn man berücksichtigt, daß _Billroths_ an sich
vortreffliche Bakterienbilder doch sämtlich ohne Färbemittel gewonnen
sind und daß, mit dem Fehlen der Unterscheidung bestimmter Arten, auch
eine experimentelle Prüfung der Lebensvorgänge noch nicht hatte
angebahnt werden können.
Wenn auch die übrigen Forscher sich mehr und mehr der von _Rindfleisch_,
_Klebs_ und _Karl Hüter_ vertretenen Auffassung zuneigten, daß die in
den Wundflüssigkeiten vorhandenen pflanzlichen Schmarotzer als Erreger
der Wundkrankheiten anzusehen seien, so konnte man doch so lange nicht
weiterkommen, als alle diese Lebewesen einheitlich betrachtet wurden;
denn bis dahin war es weder möglich, die verschiedenen Formen
systematisch zu ordnen, noch ihre Lebensäußerungen in nutzbringender
Weise zu verfolgen. Für die Notwendigkeit einer Scheidung sprachen sich
zwar einzelne Botaniker wie Pathologen aus; aber nachhaltig gelang dies
erst durch die bahnbrechende Arbeit _Robert Kochs_ über die Ätiologie
der Wundinfektionskrankheiten (1878). _Koch_, der als erster in
umfangreicher Weise mit Färbemitteln und Tierversuchen arbeitete und der
die in den verschiedenen Wundkrankheiten vorkommenden Bakterien einer
genauen, durch Reinkulturen unterstützten Untersuchung unterwarf, kommt
zu dem Schluß, daß die verschiedenen Formen der krankheitserzeugenden
Keime als verschiedene, unabänderliche Arten anzusehen seien. Hiermit
trat er dem größten Teile der Botaniker, die, wie vor allen anderen
_Nägeli_ in München, auf dem Standpunkt standen, daß keinerlei Nötigung
vorliege, um auch nur _zwei_ spezifische Arten voneinander zu
unterscheiden, mit voller Schärfe entgegen. Neben den Studien über
Septichämie, Pyämie, Erysipelas, Gewebsnekrose und fortschreitende
Abszeßbildung bei Tieren gab _Koch_ auch eine solche über den Milzbrand
und dessen Erreger, die seitdem in allen ihren Teilen bestätigt worden
ist.
Die _Koch_schen Untersuchungen und Methoden sind die Grundlagen der
neueren Bakteriologie geworden und haben eine ganze Reihe der
wichtigsten und weittragendsten Entdeckungen herbeigeführt. --
Wie bereits erwähnt, beschäftigte sich die Deutsche Gesellschaft für
Chirurgie von Anfang an auch mit der _Bedeutung der Bakterien für die
praktische Chirurgie_. Schon auf dem ersten Kongreß wurde ein Schreiben
_Wilhelm Rosers_ (Marburg) verlesen, in welchem er sich über den
»Pyämiepilz«, über das Sepsin und das Microsporon septicum ausspricht
und für die Forschung und Fragestellung auf diesem Gebiete einige Winke
gibt. Auf dem zweiten Kongreß von 1873 trat _Ernst Bergmann_ (Dorpat),
der später für die deutsche Chirurgie eine erhebliche Bedeutung gewinnen
sollte, mit einem experimentellen Beitrage zu der Lehre von den
septischen Entzündungen in die Reihe der Redner, in welchem er nachwies,
daß bakterienhaltige Flüssigkeiten in tierische Gewebe eingespritzt,
tödliche septische Lungenentzündungen hervorzurufen vermöchten. Wie alle
solche Fragen verlief auch die Besprechung des _Bergmann_schen Vortrages
nicht ohne starken Widerspruch. -- Auf demselben Kongresse behandelte
_Martini_ (Hamburg) einen verwandten Gegenstand, die Mikrokokkenembolien
innerer Organe und die durch sie hervorgerufenen Veränderungen der
Gefäßwand. Auch auf den nächsten Kongressen setzte sich das Für und
Wider der Anschauungen über die beiden Hauptfragen: Ob die Bakterien die
Wundkrankheiten erzeugen, oder sie wenigstens unterstützen, sowie ob die
in zersetzten Geweben gefundenen Pflänzchen als einheitliche Art
aufzufassen seien oder nicht, unverändert fort. Die Stellung, welche
infolge der bis zu den _Koch_schen Entdeckungen immer noch sehr
unvollkommenen Untersuchungs- und Beobachtungsmethoden ein großer Teil
der Kongreßmitglieder im Gegensatz zu zahlreichen Rednern einnahm,
kennzeichnete sehr gut eine Äußerung des geistvollen Humoristen der
Gesellschaft _Karl Thiersch_ aus Leipzig, der auf einem späteren Kongreß
am Schlusse einer langen und erregten Debatte seine eigenen Bemerkungen
mit den Worten schloß: »Mein Herz zieht mich zu den Bakterien, aber mein
Verstand sagt: Warte noch!«
Die _Koch_schen Arbeiten, seine Reinkulturen der einzelnen
Bakterienarten, die er nicht nur nach ihrer Form, sondern auch nach
ihrem biologischen Verhalten unterscheiden lehrte, seine Färbemethoden
für mikroskopische Untersuchungen, endlich seine Wiedergabe der
gefärbten Pflänzchen in Lichtbildern führten überall einen mächtigen
Anstoß zur Beschäftigung mit den neuen Erkenntnissen herbei und wirkten
in hohem Maße klärend. Grundlegend für die weitere Entwicklung der
Chirurgie wurden insbesondere die »Mitteilungen aus dem Kaiserlichen
Gesundheitsamte 1881, Bd. I.«, in denen die beiden Aufsätze R. _Kochs_:
»Zur Untersuchung von pathogenen Organismen« und: »Über Desinfektion«
von höchster Bedeutung waren, nicht weniger auch die seiner Mitarbeiter
_Georg Gaffky_, _Friedrich Löffler_ und vieler anderer. Mit einem
Schlage waren alle Zweifel gelöst und nur ganz vereinzelt erhoben sich
noch Stimmen gegen die Artverschiedenheiten der Bakterien, oder gegen
ihre Auffassung als Krankheitserreger; und wenn auch die oft sehr
verschlungenen und verdeckten Wege der Körpervergiftung im einzelnen
nicht ohne weiteres klar zutage traten, so setzte doch nunmehr auf allen
Gebieten eine so rüstige Forschungsarbeit ein, daß die Umrisse der die
Chirurgie angehenden Bakterienkrankheiten in wenigen Jahren gezeichnet
waren. Die Ausfüllung des Rahmens freilich machte noch manche mühevolle
Untersuchung und eine durch die bisherigen Forschungen geschärfte
Beobachtung am Krankenbette notwendig.
Diese Bemerkungen treffen auch auf die überaus wertvollen Arbeiten zu,
welche im Jahre 1884 im II. Bande der »Mitteilungen« veröffentlicht
worden sind. Er enthält an erster Stelle _Kochs_ berühmte Arbeit: »Die
Ätiologie der Tuberkulose«, in welcher der staunenden Welt die
Entdeckung des Tuberkelbazillus, über welche schon zwei Aufsätze vom
Jahre 1882 berichtet hatten, in erweiterter Form und in meisterhafter
Darstellung vor Augen geführt wurde. Die ganz vereinzelten Einsprüche
gegen diese Großtat _Kochs_ sind sehr schnell verstummt; und so bilden
denn diese seine Arbeiten den Ausgang aller jener Bestrebungen, durch
welche die schlimmste Geißel des menschlichen Geschlechtes bekämpft, in
ihren Wirkungen eingeengt und der Heilungsmöglichkeit entgegengeführt
worden ist. -- Daneben enthält jener Band auch _Löfflers_ ausgezeichnete
Arbeit über den Diphtheriebazillus.
Der brennende Eifer, mit welchem die Mitglieder der Deutschen
Gesellschaft für Chirurgie jede Bereicherung ihrer Kenntnisse aufnahmen,
zeigte sich nicht am wenigsten in der Verfolgung der bakteriologischen
Forschungen; denn daß die ganze _Lister_sche Wundbehandlung mit ihrer
bakteriologischen Grundlage stand und fiel, war im Beginne des neunten
Jahrzehntes des 19. Jahrhunderts auch dem blödesten Auge klar geworden.