Um diesen Unterschied klar hervortreten zu lassen, möge zunächst ein

kurzer Abriß der Geschichte der bisher üblichen chemischen Wundmittel

gegeben werden, die von den Gegnern _Listers_ zusammengetragen worden

ist. Sie ist von _Thamhayn_ (Halle) in seinem unter der Anregung

_Volkmanns_ geschriebenen Buche: »Der Listersche Verband. 1875«

verwertet worden. Auf die von _John Colbatch_ (»A treatise on Alkali and

Acid«) im Jahre 1698 verfaßte Schrift brauchen wir nicht weiter

einzugehen, da sie nur für Physiologen und innere Mediziner Interesse

bietet. Aber sie enthält einen Anhang unter dem Titel: Novum lumen

chirurgicum, in welchem ein Wundpulver dringend empfohlen wird, nicht

nur als vortreffliches Blutstillungsmittel, sondern zugleich wegen

seiner Einwirkung auf frische Wunden. Der entscheidende Satz lautet nach

_Thamhayns_ Übersetzung folgendermaßen: »Ungefähr 4 Tage nach der ersten

Anwendung des Pulvers wurde die Wunde wegen eines neuen Verbandes

freigelegt. Sie war in einem sehr guten Zustande, eiterte nicht im

geringsten, und nur eine dünne wäßrige Flüssigkeit von der ich vermute,

daß sie aus den Drüsen und Lymphgefäßen ausgeschwitzt sei, kam zum

Vorschein. Blieb sie eine Zeitlang auf dem Verbände liegen, so fing sie

an zu riechen; aber das, was aus der Wunde frisch herauskam, war

wohlriechend wie eine Rose.« Da der Verfasser die Zusammensetzung des

Pulvers nicht verrät, so ist es müßig, sich darüber den Kopf zu

zerbrechen; nur so viel sei gesagt, daß die Schilderung des Verhaltens

der Wunde der Wirkung eines antiseptischen Mittels entspricht ohne daß

man gerade an Karbolsäure zu denken braucht.

Die Karbolsäure, welche in _Listers_ antiseptischer Behandlung eine so

hervorragende Rolle gespielt hat, wurde im Anfange der sechziger Jahre

des 19. Jahrhunderts von Deutschland und Frankreich aus ungefähr

gleichzeitig empfohlen. Der Franzose _Lemaire_ veröffentlichte 1863 eine

Abhandlung über das Mittel, die 1865 in erweiterter Ausgabe erschien.

Eine im Inhalte ähnliche Arbeit lieferte in dem gleichen Jahre _Déclat_;

doch soll schon im Französisch-Österreichischen Feldzuge von 1859 die

Karbolsäure in Form eines Pulvers aus Kreide und Steinkohlenteer zur

Anwendung gekommen sein. Noch früher, als es in Frankreich geschah, hat

_Küchenmeister_ in Dresden (1860) die Karbolsäure unter dem Namen Spirol

äußerlich und innerlich benutzt. Er beschreibt das Spirol als einen

farblosen kristallisierten Körper, der bei 34°C schmilzt, bei 187°

siedet und den man entweder aus dem Steinkohlenteeröl oder durch

Destillation des Salizins mit Kreide herstellt.

So hatte die Karbolsäure in Deutschland und Frankreich sich bereits ein

gewisses Feld erobert, als man auch in England mit der Anwendung des

Eiterung und Fäulnis hemmenden Mittels begann. Auf diesen Zustand der

Dinge stieß _Lister_, als er dazu überging, seine theoretischen Studien

praktisch zu verwerten.

* * * * *

Es war im Jahre 1867, als _Lister_ mit seinen ersten Erfahrungen über

die neue Behandlungsmethode bei offenen Knochenbrüchen und Abszessen

hervortrat; bald folgte ein Vortrag in der British Medical Association

zu Dublin am 9. August desselben Jahres, in welchem er die Art seiner

Behandlung aller frischen Wunden darlegte. Und von nun an setzte sich

fast durch ein Menschenalter hindurch eine ununterbrochene Reihe von

Äußerungen in Wort und Schrift fort, die dazu dienten, der neuen

Behandlung den Boden zu bereiten und sie immer weiteren Kreisen

zuzuführen.

_Lister_ ging von dem Gesichtspunkte aus, daß alle Wundstörungen

ausschließlich als Bakterienwirkungen zu betrachten seien; demgemäß habe

die Wundbehandlung nur die Aufgabe, das Eindringen der Schmarotzer in

die Wunde zu verhüten oder, falls sie bereits während der Verletzung

eingedrungen seien, ihre Unschädlichkeit herbeizuführen. Diesem

Gedankengange entsprechend entwarf er seinen Behandlungsplan, den er bei

wachsender Erfahrung fortgesetzt zu bessern und zu vervollkommnen sich

bemühte.

Die _Behandlung offener Knochenbrüche_ setzte sich zum Ziele, einen

aseptischen Schorf auf der Wunde zu erzeugen, der sie vor weiterer

Verunreinigung schützen und dadurch eine gleiche Gunst der Verhältnisse

herstellen sollte, wie sie die geschlossenen Brüche genießen. Die Wunde

wurde mit einem in flüssige Karbolsäure getauchten Lintlappen betupft,

später sogar in ihrer Tiefe ausgewischt, zum Schluß mit einem neuen, die

Wundränder nur wenig überragenden, in Karbolsäure getauchten Lintstücke

bedeckt und dieser so lange angedrückt gehalten, bis er festhaftete. Das

Läppchen bildete mit Blut und Serum einen die Wunde verschließenden

Schorf, der nun die Möglichkeit einer Heilung wie bei geschlossenen

Knochenbrüchen darbot, wenn das verletzte Glied zugleich entsprechend

geschient worden war; aber in der Weise, daß die Wunde immer leicht

zugängig blieb. Denn wenn auch _Lister_ von vornherein dem Grundsatze

huldigte, daß die Wunde nach Möglichkeit in Ruhe gelassen werden müsse,

so trat dieser Gesichtspunkt doch zurück gegenüber der drohenden Gefahr

einer Bakterieneinwanderung, wenn bei schneller Verdunstung der

Karbolsäure und Eintrocknen des Schorfes sich in letzterem Risse

bildeten, oder wenn der Lintrand sich lockerte. Um dem entgegenzutreten,

wurde der Schorf entweder täglich von neuem antiseptisch angefeuchtet,

oder Umschläge mit verdünnter Karbolsäure gemacht, auch wohl, um die

Verdunstung zu verlangsamen, das ursprüngliche Lintstück mit

angefeuchtetem Wachstaft (Protective silk), oder Ölpapier, oder endlich

mit einem dünnen, biegsamen Stücke Zinnblech oder Stanniol überdeckt.

Diese Behandlung wurde fortgesetzt, selbst wenn etwas Eiterung sich

einstellte, meistens mit dem Erfolge, daß die Absonderung bald aufhörte

und die weitere Heilung ungestört verlief.

Die Eiterbildung war häufig nur die Folge der Reizung, welche die starke

Karbolsäurelösung (20-40 %) auf der Haut hervorrief. Auch zeigte sich

bald, daß die bisherige Behandlung nur für kleinere Wunden brauchbar

war, für größere aber ihre Bedenken hatte, weil die weit überdeckte Haut

unter der ätzenden Wirkung des Heilmittels zu leicht abstarb. Um das zu

vermeiden, stellte _Lister_ eine dem Glaserkitt gleichende Paste aus

Schlämmkreide und gekochtem Leinöl her, der im Verhältnis von 1:4

Karbolsäure zugesetzt wurde; sie war übrigens von ihm schon früher bei

Abszeßeröffnungen benutzt worden. Diese Paste wurde, auf Zinnblech oder

Stanniol gestrichen, auf die Wunde gelegt und durch Heftpflaster

festgehalten; die Kappe sollte so geformt sein, daß der Abfluß der

Wundfeuchtigkeiten möglich blieb. Sehr bezeichnend ist aber des Meisters

Furcht vor einer Ansteckung der Wunde durch Luftkeime, die in seinen

Anschauungen stets eine erhebliche Rolle gespielt hat. Unter die

Zinn- oder Stanniolkappe, deren Unterseite mit dem Gemisch von Glaserkitt

und Karbolsäure bestrichen ist, legt er nämlich noch ein mit Karbolsäure

getränktes Lintstück unmittelbar auf die Wunde; aber nicht, wie man

denken sollte, um ein seitliches Einwandern von Keimen zu hindern,

sondern seine Sorge richtet sich vor allen Dingen darauf, daß beim

täglichen Abheben der Deckplatte jenes Lintstück nicht abgerissen oder

auch nur gelüftet werde, weil ein auch nur vorübergehend freier Zutritt

der Luft den verderblichen Luftkeimen den Eingang zur Wunde eröffnen

könne. Diese Sorge ist auch für die weitere Entwicklung seiner

Behandlungsmethode maßgebend gewesen. Im übrigen unterscheidet er

bereits in dieser frühen Periode die durch Bakterienwirkung erzeugte von

der durch chemische Mittel hervorgerufenen Eiterung.

Die zweite Gruppe von Erkrankungen, auf welche die neue Behandlung

Anwendung fand, waren die _Abszesse_. Die darüber von _Lister_

angestellten Betrachtungen sind weniger grundlegend geworden, als die

Behandlung offener Knochenbrüche und anderer Wunden; denn da der

Tuberkelbazillus damals noch nicht entdeckt und die infektiöse Grundlage

der kalten Abszesse demnach noch unbekannt war, so findet nirgends eine

Scheidung zwischen heißen und kalten Abszessen statt. Die Besprechung

seiner Behandlung bezieht sich aber fast ausschließlich auf letztere,

was aus seiner Bemerkung entnommen werden kann, daß im ungeöffneten

Abszesse der allgemeinen Regel nach keine septischen Lebensformen

vorhanden seien. Die großen Hoffnungen, welche er an die Anwendung

seiner Methode auch bei dieser Erkrankung knüpfte, haben sich freilich

bei ausgedehnterer Erfahrung nicht in dem ursprünglichen Sinne aufrecht

erhalten lassen, da zwar die Eiterabsonderung mehr oder weniger

aufhörte, aber an ihre Stelle eine Fistel mit wäßriger Absonderung ohne

Heilungsneigung zu treten pflegte. Immerhin hat die Methode erst die

Möglichkeit eröffnet, den Verlauf einer tuberkulösen Eiterung, frei von

jeder Gefahr einer Ansteckung durch Bakterien anderer Art und Wirkung,

zu studieren und die Lebensäußerungen dieser gefährlichen Schmarotzer in

breiterem Rahmen festzustellen.

Die Eröffnung der Abszesse geschah nach den gleichen Grundsätzen der

Antisepsis, die oben schon dargelegt wurden. Ein Stück Zeug, in eine

Lösung von 1 Karbolsäure zu 4 gekochten Leinöls getaucht, wird über den

Hautbezirk gedeckt, in welchem die Eiteransammlung eröffnet werden soll,

das obere Ende von einem Gehilfen festgehalten, das untere ein wenig

gelüftet, hier das zuvor in die Lösung getauchte Messer eingeführt, durch

die Haut gestoßen und sofort zurückgezogen, während die antiseptische

Decke sogleich wieder angedrückt wird. Der Eiter wird durch die Finger

unter dem Decklappen herausgepreßt und kann sich durch die

Schnittöffnung hindurch frei entleeren. Nur bei stärkerer Blutung oder

sehr dicker Abszeßwand soll man ein Stück getränkten Lints in die

Öffnung legen. Über diesen tiefsten Schutzverband kommt dann die oben

beschriebene Kappe des mit antiseptischer Paste bestrichenen Zinnblechs

oder eines Stückes Stanniol.

Wir sehen also, daß der ursprüngliche antiseptische Verband so

eingerichtet ist, daß die obere Schicht täglich abgenommen und durch

Aufträufeln von Karbolsäure auf die tieferen Schichten in seiner

Wirksamkeit immer von neuem verstärkt werden kann. Die Wundfläche als

solche bleibt dabei völlig unberührt, die Wunde heilt unter einem

antiseptischen Schorfe.

Ein weiterer, besonders bedeutungsvoller Schritt wurde durch Abänderung

und Vervollkommnung der _Unterbindungsfäden_ getan. Die bisher benutzten

seidenen Fäden, die in ihrem lockeren Gewebe stets eine Menge von Keimen

enthielten, riefen demgemäß gewöhnlich Eiterung der Umgebung hervor, die

durch ihren Einfluß auf die Unterbindungsstelle des Gefäßes und seines

aus einem oder -- bei Kontinuitätsunterbindungen -- aus zwei

Blutpfröpfen bestehenden Inhaltes bei Arterien zu gefährlichen und oft

wiederholten Nachblutungen, bei größeren Venen zu pyämischen

Erscheinungen infolge der Fortschwemmung keimbeladener Thrombenbröckel

zu führen vermochte. _Lister_ sprach sich zuerst im Jahre 1867 bei noch

geringer Erfahrung über die Möglichkeit aus, antiseptisch gemachte

Unterbindungsfäden kurz abzuschneiden und sie in der Wunde zu versenken,

wo sie durch Aufsaugung oder sonstwie verschwinden möchten. Versuche an

der umfangreichen äußeren Halsschlagader des Pferdes, die mit

gewöhnlichen, aber zuvor mit Karbolsäure durchtränkten Seidenfäden

unterbunden worden war, bestätigten seine Vorstellungen; und seitdem

wurden alle seidenen Unterbindungsfäden abgeschnitten und versenkt.

Zugleich machte er dabei die Erfahrung daß die durch Zusammenschnürung

des Fadens absterbenden Gewebsteile keinerlei Schaden anrichten,

vorausgesetzt, daß sie keimfrei bleiben. Immerhin war die durch dies

Verfahren erzielte Sicherheit noch keineswegs vollkommen und wir finden

daher den fleißigen Forscher jahrelang mit der Verbesserung des

Unterbindungsmaterials beschäftigt. In der Darmsaite (Catgut), nachdem

sie eine vorgeschriebene Zeit in Karbolöl gelegen hatte, glaubte er im

Jahre 1870 einen allen Anforderungen genügenden Stoff gefunden zu haben,

zumal auch in der Richtung, daß die kurz abgeschnittenen Fäden in der

geschlossenen Wunde der Aufsaugung verfielen und deshalb außerstande

wären, später Störungen hervorzurufen. In der Tat hat die

Karboldarmsaite lange Jahre als ein notwendiger Bestandteil des

antiseptischen Verbandes gegolten, bis auch hier die immer schärfer

einsetzende Kritik auf Grund der wachsenden Fortschritte in der

Bakterienlehre das Karbolcatgut zu Fall brachte, die Karbolsäure durch

andere Stoffe ersetzte und das Verfahren vielfach änderte; bis man in

dem ewigen Kreislaufe der Dinge endlich zum seidenen Unterbindungsfaden

fast allgemein zurückgekehrt ist. Wir werden darauf weiter unten

zurückzukommen haben.

Inzwischen nehmen wir den Faden der weiteren Entwicklung des

eigentlichen antiseptischen Verbandes wieder auf, dessen verschiedene

Abänderungen wir nur kurz zu berühren brauchen, da sie eine dauernde

Bedeutung nicht gewonnen haben. Die beiden Ziele, welche _Lister_

verfolgte, waren einerseits die Verhinderung einer fortgesetzten

Berührung der Karbolsäure mit der Wunde, durch welche erfahrungsgemäß

eine übermäßige Heizung und Absonderung hervorgerufen wurde, anderseits

der sichere Abschluß der Wunde gegen Luftkeime. Dazu kam allmählich das

Bestreben, den täglichen Wechsel der oberen Verbandschichten behufs

ihrer neuen Durchtränkung mit Karbolsäure zu vermeiden, also einen

_Dauerverband_ herzustellen, unter dem wenigstens mehrere Tage lang die

Wunde vor einer Infektion gesichert sein konnte. Das erstgenannte Ziel

suchte er nun zeitweilig auch auf _dem_ Wege zu erreichen, daß er die

Karbolsäure durch ein anderes Mittel, das Chlorzink, zu ersetzen

anstrebte; allein so wertvoll sich dieses bei Wunden erwies, die nicht

sicher aseptisch zu halten waren, wie solche der Zunge und des

Oberkiefers, so blieben doch für alle anderen die Eigenschaften der

Karbolsäure unerreicht Die Schlämmkreide als Trägerin des antiseptischen

Mittels ersetzte er eine Zeitlang durch Bleipflaster, dem die

Karbolsäure und etwas Wachs beigemischt waren. Darüber legte er ein mit

wäßriger Karbolsäurelösung getränktes Stück Kaliko, welches wiederum von

einem breiten Bleipflasterstreifen festgehalten wurde. Allein als sich

zeigte, daß durch die wäßrige Lösung die Pflastermasse erweicht und

allmählich die Sicherheit der Wunde gefährdet wurde, vertauschte er das

Bleipflaster mit einem Schellackpflaster, welches später noch von einer

schwachen Lösung von Guttapercha in Schwefelalkohol überpinselt wurde,

um das unangenehme Ankleben des Schellacks an die Haut zu vermeiden. Ein

solcher Verband wurde dann bei einer frischen Wunde (offener

Knochenbruch) in folgender Schichtenfolge angelegt: Einspritzung einer

reichlichen Menge wäßriger 20%iger Karbolsäurelösung in die Wunde,

Verbreitung derselben durch Druck und Wiederentfernung eines Teils durch

Streichen und Drücken; Auflegen eines antiseptisch befeuchteten Stückes

Zinnblech dessen Bedeckung mit einem weit überragenden Stücke

Schellackpflaster darüber ein zusammengefaltetes Verbandstück, von

öliger Karbolsäurelösung 1:4 durchtränkt, endlich Pappschienen, die den

Knochenbruch sicherten. Die geölte Überlage wurde alle 24 Stunden

erneuert, blieb aber vom 3. Tage an liegen und wurde nur noch mit

Karbolöl überstrichen.

Hatte sich das geschilderte Verfahren auch auf das beste für einfachere

Verwundungen bewährt, so nötigte doch die Vielgestaltigkeit der

Verletzungen zu immer neuen Maßnahmen. Insbesondere waren es die durch

Operation erzeugten Wunden, die zu besonderen Vorsichtsmaßregeln

zwangen, um von dem Kranken jede schädliche Einwirkung fernzuhalten. So

entstanden neue Vervollkommnungen, die der Unermüdliche in seinem

Vortrage gelegentlich der 39. Jahressitzung der British Medical

Association zu Plymouth im August 1871 besprach. Als die unverrückbare

Grundlage seiner Methode sieht er nach wie vor _Pasteurs_ Versuche an,

die er selbsttätig fortsetzte und ergänzte. So erweiterte er den auf

S. 20 geschilderten Versuch _Pasteur-Chevreuils_ in folgender Weise: An

vier, zum Teil mit frischem Harn gefüllten Flaschen zog er bei dreien

den Hals lang aus mit mehrmaligen winkligen Knickungen, während er den

der vierten Flasche noch enger machte, aber kurz und senkrecht stehen

ließ. Dann wurde der Inhalt aller vier Gefäße 5 Minuten lang gekocht und

unverschlossen weggestellt. In dem Behälter mit geradem Halse

entwickelten sich schon nach wenigen Tagen ein Pilzrasen und Zersetzung,

während der Urin der drei anderen Flaschen noch nach 4 Jahren

unverändert war. Mit Recht deutet _Lister_ den Versuch dahin, daß die in

alle vier Gefäße gleichmäßig ein- und ausströmende Luft ihre Keime an

den Winkeln absetze, während diese durch den zwar engen, aber geraden

Hals ohne Hindernis zur Flüssigkeit gelangen. Auch physikalisch konnte

diese Annahme bestätigt werden, indem sich zeigte, daß die in den

Flaschen enthaltene Luft optisch leer, d. h. ohne alle Staubteilchen

war.

Auf dieser Grundlage baute er an der Vervollkommnung seiner

Behandlungsmethode unentwegt weiter. Bei seinen Versuchen hatte er die

Entdeckung gemacht, daß die durch Watte hindurchströmende Luft ihres

Gehaltes an Staub und Keimen entkleidet wurde; demgemäß spielte auch die

»antiseptische Watte« in seinen späteren Verbänden eine hervorragende

Rolle. Im übrigen gibt er über den dermaligen Stand seiner Maßnahmen

einen Bericht, dem noch die weiteren Verbesserungen bis zum Jahre 1874

eingefügt werden sollen.

Als neu ist der Zerstäuber (Spray) eingeführt, ein mit verdünnter

Karbolsäure gefülltes Glas, dessen Inhalt durch ein Gebläse mit

doppeltem Gummiballon in Form eines Dunstkegels ausgeworfen wurde und

den Zweck hatte, die während einer Operation anzulegende Wunde vor dem

Eindringen von Luftkeimen zu schützen. Zuvor wurde die Oberhaut

antiseptisch befeuchtet und die zum Gebrauche bestimmten Geräte, sowie

alle Schwämme zum Reinigen der Wunden in eine Karbolsäurelösung

getaucht, deren Stärke eine Zeitlang bis auf 1:100 heruntergegangen war,

späterhin aber wieder auf 1:40 = 2½ % oder selbst auf 5:100 erhöht wurde.

Wunden, die erst längere Zeit nach der Verletzung zur Behandlung kamen,

wurden mit einer noch stärkeren Lösung, nämlich 1:5 Weingeist,

gewaschen.

Schon seit 1870 stellte sich das Bedürfnis heraus, bei genähten und

unregelmäßigen Wunden für den Abfluß der Wundabsonderungen zu sorgen.

Das geschah zunächst durch Einführung eines in Karbolöl getauchten

Lintstreifens, der später durch Gummiröhrchen, endlich durch aufsaugbare

Drains ersetzt wurde.

So hatte sich denn der eigentliche Wundverband seit jenem Jahre zum

antiseptischen Dauerverbande entwickelt. Er bestand aus einem

grobmaschigen Baumwollengewebe, dem antiseptischen Mull, der in eine

Mischung von Karbolsäure 1, Harz 5 und Paraffin 7 eingetaucht, dann

zwischen zwei Rollen ausgepreßt und getrocknet wurde. Auf diese Weise

erreichte man die völlige Durchtränkung der Fäden, die Maschen des

Gewebes aber blieben offen. Das Harz sollte die antiseptische

Flüssigkeit längere Zeit festhalten, der Paraffinzusatz das nachteilige

Ankleben verhindern. Der Verband wurde in folgender Weise angelegt:

Unter fortgesetzter Karbolzerstäubung legte man auf die offene oder

genähte Wunde ein Stück Schutzhülle (Protective silk), d. h. ein Stück

undurchlässigen Stoffes von dem Umfange der Wunde, um diese vor der

fortdauernden Reizung durch die Karbolsäure des Verbandes zu schützen.

Darüber kam eine achtfache Lage des antiseptischen Mulls, die Wundränder

weit überragend, zwischen dessen zwei obersten Lagen wiederum ein Blatt

guten, wasserdichten Stoffes (Mackintosh-Zeug) eingefügt war. Das Ganze

wurde später, wenigstens in Deutschland, gewöhnlich noch mit einer

Schicht antiseptisch gemachter, trockener Watte überdeckt, die

Verbandstücke durch eine darübergelegte Binde, entweder aus dem gleichen

antiseptischen Mullstoffe, oder mit steif werdenden Gazebinden

befestigt. Auf letztere hat später _Volkmann_ einen besonderen Wert

gelegt, da sie eine Art von Schienung darstellten, welche die Bewegungen

des verletzten Körperteiles einschränkte. -- Die beschriebene Anordnung

hatte den Zweck, einesteils die Wunde vor jeder Reizung zu schützen,

andernteils die Wundflüssigkeiten zu einem weiten Wege durch die

Verbandstoffe zu zwingen, ehe sie an der Oberfläche erschienen. Geschah

dies, so mußte der Verband sofort gewechselt werden, entweder ganz oder

wenigstens in den oberen Schichten; dagegen konnte er bei nur geringer

Absonderung zuweilen 8 und selbst 14 Tage liegen bleiben, so daß die

Heilung nicht selten unter einem einzigen Verbande ganz oder doch zum

größten Teile erfolgte.

Die Karbolsäure wurde damals fast ausschließlich in wäßriger Lösung

benutzt; nur selten kamen noch ölige Lösungen oder Chlorzink zur

Anwendung.

Der hier beschriebene Verband ist lange Jahre unter dem Namen des

»_Lister_schen _Verbandes_« gegangen. Die deutsche Sprache wurde sogar

um ein Zeitwort bereichert, indem man die Anwendung der Methode mit dem

Worte »listern« bezeichnete. Ihre Beschreibung dürfte den Beweis

geliefert haben, daß _Lister_ völlig im Rechte war, als er gegen die

Gleichstellung seines Verfahrens mit der alten Anwendung antiseptischer

Mittel auf Wunden Verwahrung einlegte. Es gewährt einen nicht geringen

ästhetischen Genuß, die in allen Einzelheiten fein ausgeklügelte Methode

in ihren Entwicklungsstufen zu verfolgen; nicht minder aber, zu sehen,

mit welcher wachsenden Zuversicht der edle, ganz seinen Zielen sich

hingebende Mann das Wesen und die Wirksamkeit seiner Behandlung darlegt

und mit welcher nachdrücklichen, aber trotzdem bescheidenen Weise er von

deren Erfolgen spricht.

* * * * *

Man hätte denken sollen, daß ein wissenschaftlich so sorgfältig

vorbereitetes, bis ins kleinste durchdachtes Behandlungssystem mit

seinen schon damals glänzenden Ergebnissen, wie sie von _Lister_

bruchstückweise mitgeteilt wurden, sich die Welt im Fluge hätte erobern

müssen. Davon war indessen auf lange hinaus nichts zu verspüren. Der

völlige Bruch mit den hergebrachten Anschauungen und Überlieferungen,

die menschliche Trägheit, welche es verschmäht, sich in Gedankengänge

hineinzuarbeiten, denen gegenüber von vornherein ein gewisses Mißtrauen

erwacht, der bequeme Schlendrian des bisherigen Verfahrens, die

teilweisen Mißerfolge der ersten halben Versuche und die Furcht, zu

schaden, die häufigen Abänderungen der Methode, endlich hier und da Neid

und Mißgunst: alles das kam zusammen, um den Siegeslauf der neuen

Gedanken in einer Weise zu mäßigen, daß man bei der Rückschau in jene

Zeit fast vor einem Rätsel steht. In England, zumal in Schottland, und

sogar in der nächsten Umgebung _Listers_ verhielt man sich ablehnend,

bestenfalls abwartend. Von seinen chirurgischen Kollegen (Namen wie

_Watson_, _Spence_, _Annandale_) in der alten Infirmary zu Edinburgh, wo

jener seine klinische Abteilung hatte, war noch im Jahre 1876 kein

einziger über die ersten schüchternen Versuche hinausgelangt; meistens

verhielten sie sich gleichgültig oder gar feindlich. Und noch lange

darüber hinaus bewährte sich das Wort, daß der Prophet in seinem

Vaterlande nichts gilt; denn die größere Menge der englischen Chirurgen

folgte erst nach, als der Ruhm des Landsmannes im Auslande bereits fest

begründet war.

Noch viel länger freilich als in England dauerte der Widerstand in

Frankreich. Nicht zum wenigsten trug hierzu der nationale Widerwille

gegen eine Neuerung bei, die alle Errungenschaften der bis dahin

führenden französischen Chirurgie umzuwerfen oder auf den Kopf zu

stellen drohte. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts war Frankreich

fast unbestritten das Land des chirurgischen Fortschritts gewesen,

obwohl hervorragende Geister in England wie in Deutschland wiederholt

den Versuch gemacht hatten, ihre Wissenschaft von der geistlosen und

unselbständigen Bewunderung des Fremden zu befreien und ihr ein mehr

völkisches, auf gesunder Kritik beruhendes Gepräge zu geben. Solche Wege

waren, freilich ohne allzu große Erfolge, schon von _August Gottlieb

Richter_ und _Vinzenz v. Kern_, späterhin mit größerem Nachdrucke von

_Karl Ferdinand v. Gräfe_, C. F. _Dieffenbach_ und _Bernhard v.

Langenbeck_ eingeschlagen worden; aber die hohe Stellung der

französischen Chirurgie, der Einfluß insbesondere der Schule von Paris

auf das Urteil der deutschen Ärzte blieb dennoch fast unerschüttert. So

begreift sich seelisch die Abneigung der Franzosen gegen die Neuerungen

aus einem Lande, welches man damals noch als Sitz des Erbfeindes zu

betrachten niemals aufgehört hatte. Freilich hat die französische

Chirurgie ihr sehr langes Zögern mit der zeitweilig starken Verminderung

ihres Ansehens bezahlen müssen, obwohl sie späterhin in glänzendem

Aufschwunge ihre Fehler gutzumachen, das Versäumte einzuholen verstand.

Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie · 第 4 / 16 段