idiopathischen Tetanus unterschied, ist seit der Entdeckung des
Tetanusbazillus durch _Nikolaier_ im Jahre 1884 kein Zweifel mehr
geblieben, daß die Ansteckung durch eine Wunde geschieht, die aber
zuweilen sehr unbedeutend oder zur Zeit des Krankheitsbeginnes schon
verheilt ist. In die Fußsohle oder unter die Nägel eingestoßene
Holzsplitter sind von jeher besonders gefürchtet gewesen. Die Krankheit
beginnt mit einer Spannung in den Kaumuskeln (Trismus) oder mit
Schlingbeschwerden; die krampfhafte Zusammenziehung der Gesichtsmuskeln
(Bisus sardonicus), die gerunzelte Stirn, die harte Spannung der
Rückenmuskeln (Opisthotonus), sowie der Muskeln der Bauchwand bilden die
Fortsetzung. Endlich treten von Zeit zu Zeit tonische Krämpfe in den
genannten Muskelgruppen auf, die auch in stoßartiger Form sich geltend
machen können. Die Extremitäten bleiben meistens frei; doch gibt es auch
einen örtlichen Wundstarrkrampf, der dauernd oder in erster Linie auf
eine einzelne Extremität beschränkt bleibt. In den milden Fällen klingen
die kurz umrissenen Erscheinungen allmählich ab, in den schwereren
erfolgt unter steter Steigerung der Krämpfe der Tod durch krampfhaften
Stillstand der Atemmuskeln, Glottisödem oder Apoplexie im Gehirne.
Daß es sich um eine Giftwirkung, insbesondere auf die Nervensubstanz,
handle, war längst vermutet worden; die Entdeckung des Tetanusbazillus
in der Gartenerde, im Straßenstaube, überhaupt in weitester Verbreitung,
hat diese Annahme bestätigt. Das Studium seiner Lebensbedingungen hat
als Krankheitserreger ein Toxin erkennen lassen, und die mit dem
v. _Behring_schen Tetanusantitoxin angestellten Behandlungsformen,
insbesondere dessen prophylaktische Anwendung, haben nicht nur die
Sterblichkeit, sondern schon die Häufigkeit der Erkrankung
außerordentlich vermindert. So sah _Max Martens_, der im Berliner
Krankenhause Bethanien die prophylaktische Serumeinspritzung seit 1904
durchgeführt hat, im Laufe von 10 Jahren, abgesehen von eingelieferten
Erkrankungen, nur einen einzigen Fall, bei dem die übliche Sicherung
durch Zufall unterlassen worden war; so wird auch von der _Graser_schen
Klinik in Erlangen berichtet, daß nach Einführung des gleichen
Verfahrens die Krankenräume seit 5 Jahren von Starrkrampf verschont
geblieben seien.
* * * * *
Zu den echten Wundkrankheiten gehört auch die _Wundrose_, das
Erysipelas, da das Gift, welches sich in den benachbarten Saftkanälen
und Lymphbahnen ausbreitet, stets und unter allen Umständen durch die
verletzte Haut eindringt. Allerdings hat diese Erkenntnis sich erst in
den letzten drei Jahrzehnten zu allgemeiner Anerkennung durchgerungen;
denn der Umstand, daß sehr unbedeutende Verletzungen der Haut oder der
Schleimhäute, die, wie leichte Abschürfungen, schon in einem Tage bis
zur Unerkennbarkeit geheilt sind, die Eingangspforten des Giftes bilden
können, der fernere Umstand, daß die Wundrose nach _Fehleisens_
Untersuchungen eine Inkubationszeit von 15-61 Stunden besitzt, während
deren manche Eingangspforte schon unkenntlich geworden ist, haben der
richtigen Deutung der Erscheinungen beharrlich im Wege gestanden. Daher
die bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts hineinreichende
Unterscheidung zwischen einem chirurgischen, von Wunden ausgehenden und
einem medizinischen, selbständig im Körper entstehenden Erysipel, als
dessen Ursache man eine »gallige Schärfe im Blut« neben allerlei
atmosphärischen und klimatischen Einflüssen anzunehmen pflegte. Wir
dürfen diese Anschauungen als gänzlich überwunden betrachten, seitdem
die bakterielle Natur des Leidens festgestellt worden ist. Die
atmosphärischen Einflüsse sind allerdings insofern nicht gänzlich
ausgeschaltet worden, als sie zweifellos von Bedeutung für das Wachstum
der Keime und ihre zeitweilig gesteigerte Giftigkeit sind.
Die Wundrose tritt in der unmittelbaren Umgebung der Eingangspforte in
Form einer dunkel- oder rosenroten Schwellung auf, die ganz scharf
abgegrenzt und über der blassen Haut der Nachbarschaft durch Quellung
etwas erhaben ist. Sie erscheint bei zuvor fieberlosen Kranken nach
einem mehr oder weniger heftigen Schüttelfroste, dem andauernd hohes,
morgens etwas abfallendes Fieber folgt. Zugleich breitet sich die
scharfrandige Rötung in breiten Vorschüben nach verschiedenen Richtungen
aus, überzieht mehr oder weniger erhebliche Teile der Körperhaut und
endet meist in wenigen Tagen, zuweilen aber erst nach wochenlangem
Umherwandern, welches selbst schon einmal befallene Körperstellen nicht
verschont, mit plötzlichem Temperaturabfalle und meist einer
Abblätterung, seltener bloßer Abschilferung der Oberhaut.
Gefährlich wird das Leiden, zumal bei alten Leuten, durch die lange, mit
hohem Fieber verbundene Dauer und durch die Neigung mancher Fälle zu
metastatischen Eiterungen. Indessen ist das Erysipel unter den neueren
Wundbehandlungsmethoden nicht nur an Zahl, sondern auch an Gefahr ganz
erheblich zurückgegangen. In den gutgehaltenen chirurgischen Abteilungen
großer Krankenhäuser ist die Wundrose als Hospitalkrankheit fast völlig
verschwunden; doch werden immer noch eine Anzahl von außerhalb
entstandenen Fällen eingeliefert, die indessen meist einen leichten
Verlauf nehmen. Ein Todesfall an Wundrose dürfte heute bereits zu den
Seltenheiten zählen.
* * * * *
Wir haben hiermit die fünf Hauptkrankheiten erwähnt, welche einst die
Tätigkeit des Wundarztes und seine Erfolge, zuweilen in
schreckenerregender Fülle, einengten und bedrohten. Versuchen wir nun,
ein Bild zu entwerfen von dem _Aussehen einer chirurgischen Abteilung
vor einem bis zwei Menschenaltern_.
Dem in einen großen Krankensaal Eintretenden fiel zunächst der fade,
süßliche Eitergeruch, nicht selten sogar ausgesprochener Fäulnisgeruch
auf, die nur mühsam durch den Duft chemischer oder pflanzlicher
Verbandmittel der Kamille, des Kampfers, später der Karbolsäure und
anderer Stoffe gedämpft wurden. Schon die Gesichter der Kranken, an
deren Betten man vorüberging, verrieten, daß man sich unter
Schwerleidenden befand. Die hektisch geröteten Wangen, die glänzenden
Augen und das schweißbedeckte Antlitz der Fiebernden, ihr ängstlicher
Gesichtsausdruck, daneben die blassen, gleichgültigen Züge der
Septischen, das Stöhnen und Sprechen in abgerissenen, halb
unverständlichen Sätzen -- das waren die immer wiederkehrenden Bilder,
die jedem fühlenden Arzte das Herz zusammenschnürten. Deckte man die
Wunde auf, so fand man den Verband von Eiter durchtränkt und
übelriechend. Selbst bei mehrfach am Tage vorgenommenem Verbandwechsel
durchdrangen die Flüssigkeiten nicht selten den Verband, beschmutzten
benachbarte Körperteile, verunreinigten die Bettdecke und das Bettuch,
suchten ihren Weg selbst über Gummiunterlagen hinweg und drangen in die
Matratze ein. So erforderte jeder Verbandwechsel zugleich einen Wechsel
der Bettwäsche, selbst der Matratzen; und alles das war nicht möglich,
ohne den Verletzten vom Lager zu erheben, ihn und seine Wunde zu
beunruhigen und zuweilen heftige Schmerzen zu erzeugen. Rechnet man
hinzu, daß in überfüllten Krankenhäusern und Kriegslazaretten die auf
diese Weise geforderte Arbeitslast oft genug die körperliche
Leistungsfähigkeit der vorhandenen Ärzte weit überstieg, so begreift es
sich, daß vieles den weniger geschulten Händen des Wartepersonals
überlassen wurde, was besser dem Arzte vorbehalten geblieben wäre. Und
wenn man endlich in Anschlag bringt, daß eine so schwere Fronarbeit
unter dem steten Drucke zu leisten war, daß doch das meiste an
ärztlicher Arbeit und Quälerei des Kranken ganz vergeblich sei, daß man
gegen ein unabwendbares Fatum ankämpfe, daß eine große Anzahl
Schwerverletzter mit dem Augenblicke als verloren zu betrachten war, in
welchem sich ihnen die Pforten des mehr oder weniger verseuchten
Krankenhauses oder Unterkunftsraumes öffneten, so begreift es sich,
welch eine Fülle von körperlicher Leistungsfähigkeit und Charakterstärke
dazu gehörte, um auch nur den ärztlichen Gehilfendienst pflichtgemäß zu
erfüllen. Für den leitenden Arzt aber kam noch das schwere
Verantwortlichkeitsgefühl bei jedem operativen Eingriff hinzu, um die
der Seele aufgeladene Last manchmal bis zum Unerträglichen zu steigern.
Daß unter solchen Umständen so mancher jüngere Arzt unter der Schwere
seines Berufes fast zusammenbrach, die Unberechenbarkeit seiner
Tätigkeit nicht mehr zu tragen vermochte und deshalb von der
Chirurgie, der er sich in glücklicher Unkenntnis zunächst mit
Begeisterung zugewandt hatte, Abschied nahm, um sich einem minder
verantwortungsvollen Zweige der Medizin zuzuwenden, kann nicht
überraschen. Um so bewundernswerter müssen uns aber jene Männer
erscheinen, welche unter den niederdrückendsten Erfahrungen aller Art,
im steten und vielfach vergeblichen Kampfe gegen dunkle Hemmnisse, durch
welche oft genug die an eine wohlgelungene Operation geknüpften
Hoffnungen aufs grausamste zerstört wurden, unbeirrt ihren Weg
fortsetzten, um der schweigsamen Natur ihre Geheimnisse abzulauschen,
ihre Wissenschaft auszubauen und zu retten, soweit es eben möglich war.
Konnte sich unter allen Schrecken des Krankenhauses doch gelegentlich
ein Hochmut entwickeln, wie er am verblüffendsten in einem Satze des
französischen Chirurgen _Boyer_ zutage tritt, der in der Einleitung zu
seiner »Chirurgie« (1814-1826) folgende Worte findet: »Die Chirurgie
unserer Tage hat die größten Fortschritte gemacht, so daß sie den
höchsten oder nahezu den höchsten Grad der Vollkommenheit, deren sie
überhaupt fähig ist, erreicht zu haben scheint.«
Den meisten anderen Chirurgen hat wohl die in diesem Satze ausgeprägte
Überhebung ferngelegen; sie übten vielmehr jene Entsagung, der einst
bereits _Ambroise Paré_ einen schönen Ausdruck gegeben hat, indem er,
nach dem Befinden eines Kranken gefragt, erwiderte: »Je l'ai opéré, Dieu
le guérira.«
Diesen unerhörten Zuständen hat _Joseph Listers_ schrittweise
entwickelte Wundbehandlung ein für allemal ein Ende gemacht. Er erlöste
die ärztliche Welt von dem Albdrucke unbekannter und unberechenbarer
Einflüsse auf den Wundverlauf und gab ihr damit eine Freiheit des
Handelns, wie sie unsere Wissenschaft und Kunst während ihrer mehr als
2000jährigen Geschichte niemals auch nur entfernt besessen hat. Erst
jetzt erhielt auch die chirurgisch-operative Phantasie den nötigen
Spielraum, um immer neue Ausflüge in bisher dunkle und unbekannte
Gebiete zu unternehmen, sie zu erobern und zu unterwerfen,
Nachbargebiete der Chirurgie zu befruchten, den Ausbau der
Hilfswissenschaften anzuregen und selbst ganz neue Wissenszweige ins
Leben zu rufen.
Wie alles das im einzelnen vor sich gegangen ist, soll in den
nachfolgenden Blättern geschildert werden.
_Zweiter Abschnitt._
Joseph Listers antiseptische Wundbehandlung.
Kapitel IV.
Die Vorläufer Listers.
Gleich fast allen großen Entdeckungen und Erfindungen ist auch die
_Lister_sche Wundbehandlung nicht unvermittelt aus dem Kopfe eines
einzigen hervorragenden Mannes hervorgegangen, sondern zahlreiche
Arbeiten, Schriften und Entdeckungen bereiteten ihr den Weg. Wir
Deutsche dürfen stolz darauf sein, daß schon unter den Vorarbeiten der
deutsche Anteil recht erheblich gewesen ist.
Diese Vorarbeiten suchten auf zwei völlig getrennten Wegen der Aufgabe
einer Beseitigung oder wenigstens einer Einschränkung der
Wundkrankheiten und damit einer verständigen Wundbehandlung näher zu
kommen; nämlich einmal auf dem Wege klinischer Beobachtung und
Erfahrung, anderseits mit Hilfe der Bakteriologie.
Es war ein Geburtshelfer, der als erster die Wunderkrankungen, hier der
durch die Vorgänge des Gebärens in eine Wunde verwandelten Innenfläche
der Gebärmutter, also die verschiedenen Formen der verderblichen
Wochenbettleiden, zu bekämpfen suchte. Sie waren bisher, d. h. bis in
die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, von den Geburtshelfern ganz
allgemein auf sehr unklare miasmatisch-epidemische Einflüsse
zurückgeführt worden, die auch in den Anschauungen der Chirurgen die
fehlenden tieferen Kenntnisse der eigentlichen Krankheitsursachen
ersetzen mußten. Gegen diesen Glauben kämpfte seit dem Jahre 1847 der
junge deutsch-ungarische Geburtshelfer _Semmelweis_ auf Grund seiner
Erfahrungen und scharfsinnigen Beobachtungen in der ersten Gebärklinik
des Allgemeinen Krankenhauses zu Wien, wo er als Assistent tätig
war. Er erkannte die völlige Gleichartigkeit einer Gruppe von
Puerperalerkrankungen mit solchen Wundkrankheiten, welche die Chirurgen,
bis dahin ohne scharfe Abgrenzung, als Pyämie zu bezeichnen pflegten und
führte als erster die häufigste Entstehung der Krankheit auf den
untersuchenden Finger des Geburtshelfers oder seiner Gehilfen, also auf
unmittelbare Übertragung des Krankheitserregers zurück. Neben dieser
Einimpfung ließ er aber auch eine Verbreitung der Krankheit auf dem
Luftwege zu. Sehr angesehene Vertreter der Medizin, wie _Rokitansky_,
_Skoda_ und _Hebra_, traten mehr oder weniger entschieden auf seine
Seite. Aber an dem starken Widerspruche der Geburtshelfer, der
_Kiwisch_, _Scanzoni_ und _Seyfert_, scheiterte der ideenreiche und
kluge Mann bis zu dem Maße, daß er im Jahre 1850 verstimmt und mißmutig
Wien verließ und in seine Vaterstadt Pest zurückkehrte. Hier wurde er
1855 Leiter der geburtshilflichen Universitätsklinik, vermochte sich
aber auch als solcher nicht durchzusetzen, obwohl er im Jahre 1861 seine
Anschauungen in einem umfangreichen Werke: »Die Ätiologie, der Begriff
und die Prophylaxis des Kindbettfiebers« niedergelegt hatte. Nachdem
auch der größere Teil der Chirurgen und unter den pathologischen
Anatomen _Virchow_ noch im Jahre 1864 sich gegen _Semmelweis_' Lehre
ausgesprochen hatten, war sein Schicksal entschieden: man verlachte ihn
als einen unklaren Schwärmer. Er starb in einer Irrenanstalt in Wien im
Jahre 1865 an Pyämie als Folge einer Fingerverletzung. In so trauriger
Weise endete das Leben eines Pfadfinders, dessen Anschauungen und Lehren
erst einige Jahrzehnte später die unumwundene Anerkennung gefunden
haben.
Es war nicht die Geburtshilfe allein, welche die Kosten dieses
bedauerlichen Zusammenbruches zu tragen hatte, sondern in gleicher Weise
wurde auch die Chirurgie auf dem Gebiete der Wundkrankheiten und der
Wundbehandlung zum Stillstande verdammt. Der beherrschende Einfluß eines
_Virchow_ machte sich selbst bei Männern wie _Billroth_ und _Otto Weber_
in der Abweisung des Gedankens einer unmittelbaren Übertragung einer
äußeren Ansteckung geltend, während _Wilhelm Roser_ die Pyämie durch ein
Miasma _und_ Kontagium sich fortpflanzen ließ und den pyämischen
Erkrankungen auch das Kindbettfieber wie die Wundrose zurechnete. Ebenso
spricht _Pirogoff_ fortgesetzt von miasmatisch-kontagiösen Einflüssen
als den Erzeugern der Wundkrankheiten. In solchen Vorstellungen blieben
alle Chirurgen der damaligen Zeit befangen; und dem rückschauenden
Blicke ist es leicht erkennbar, daß aus ihnen eine gesunde
Wundbehandlung nicht hervorzukeimen vermochte.
Zu ihr führte aber der zweite Weg, der längst gebahnt, aber von den
Chirurgen bisher noch nicht betreten worden war: die ersten Anfänge und
der weitere Ausbau der Keimlehre. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte
_Gay-Lussac_ in Paris den Sauerstoff der Luft als den Erreger der
Fäulnis und Gärung und damit als Zerstörer organischer Substanzen
hingestellt. Dieser Anschauung war auch der größte Teil der damals
lebenden Chirurgen zugewandt. Sie wurde erst erschüttert, als _Theodor
Schwann_, damals Gehilfe am anatomischen Museum zu Berlin, der
hochberühmte Begründer der tierischen Zellenlehre aus den Jahren 1838
und 1839, mit bedeutsamen Arbeiten über den Anteil lebender Organismen
an den Gärungs- und Fäulniserscheinungen hervortrat. Sie knüpften an die
Entdeckung des Hefepilzes (Torula cerevisiae) an, die ihm im Jahre 1837,
ungefähr gleichzeitig mit dem Franzosen _Cagniard-Latour_, gelungen war.
So wurde _Schwann_ auch der Begründer einer Keimlehre, die schnell eine
weitere Entwicklung fand. Im Jahre 1840 veröffentlichte der mit
_Schwann_ befreundete _Jakob Henle_ eine Abhandlung, die zum erstenmal
mit aller Bestimmtheit die kontagiösen Krankheiten auf organische
Krankheitserreger, wahrscheinlich pflanzlicher Natur, zurückführte. Die
geistvolle Schrift, welche auf deduktivem Wege zu einer Auffassung
gelangt, die mit unseren heutigen Anschauungen fast vollkommen
übereinstimmt, erwähnt auch bereits den Grund, der die Entdeckung und
den Nachweis solcher Organismen bisher verhindert hatte. Sie entzögen
sich, so sagt _Henle_, wahrscheinlich nur deshalb der mikroskopischen
Wahrnehmung, weil man sie nicht ohne weiteres von den umgebenden Geweben
unterscheiden könne. Wie richtig das alles ist, hat die spätere
Entwicklung der Färbemethoden, durch welche auch die kleinsten
Organismen dem bewaffneten Auge noch erkennbar geworden sind, vollauf
bewiesen. -- Auf dem gleichen Gebiet bewegten sich Schriften von
_Helmholtz_, _Schultz_ und anderen Forschern.
Die _Schwann_schen Versuche über Zersetzung wurden in vollem Umfange
aufgenommen und nach allen Richtungen erweitert durch _Louis Pasteur_ in
Paris. Der körperlich kleine, frühzeitig etwas untersetzte Franzose, in
dessen etwas harten Zügen zwei durchdringende Augen von einer großen
Schärfe des Verstandes und rastloser Tatkraft redeten, beschäftigte sich
schon seit der Mitte der fünfziger Jahre mit dem Problem der Gärung und
Zersetzung. Er wußte es durchzusetzen, daß die Akademie eine Kommission
ernannte, um seine Versuche zu prüfen; und diese, aus den ersten Männern
der Naturwissenschaften in Frankreich zusammengesetzte Körperschaft
zögerte nicht, _Pasteurs_ Vorführungen als beweisend anzusehen. Es lohnt
sich, seines grundlegenden Versuches mit einigen Worten zu gedenken.
Eine Anzahl gläserner Behälter mit dünnen Hälsen füllte er zum Teil mit
einer durchgeseihten, klaren und durchscheinenden Hefenabkochung, die
eine Zeitlang siedend erhalten wurde, um alle etwa vorhandenen Keime zu
zerstören. Noch während des Kochens wurde der Hals zugeschmolzen, so daß
nach der Abkühlung innen ein luftleerer Raum entstehen mußte. Eine
Anzahl dieser Gefäße wurde dann z. B. in Hörsälen und ohne besondere
Vorsicht geöffnet, aber sofort wieder mittels des Lötrohres geschlossen:
regelmäßig trübte und zersetzte sich dann die Flüssigkeit binnen wenigen
Tagen. Geschah aber die Eröffnung an keimarmen Orten, z. B. auf einem
hohen Berge, im Wehen des Windes von einem Gletscher her, oder brachte
man den Hals während des Durchfeilens in eine Spiritusflamme, in der
auch die zum Abbrechen bestimmte Zange zuvor geglüht worden war, so
entwickelte sich unter 20 Flaschen nur in einer eine Pilzbildung,
während 19 ganz klar blieben. -- _Chevreuil_ vervollständigte diesen
Versuch dahin, daß er den Flaschenhals zu einer feinen Röhre auszog und
diese zwar mehrmals winklig knickte, aber vollständig offen ließ. Obwohl
nun ein freier Austausch der eingeschlossenen mit der äußeren Luft
stattfinden konnte, so blieb doch jede Zersetzung aus, weil nachweisbar
die Luftkeime an den Winkeln der Röhre mechanisch zurückgehalten wurden.
Der Wahn von der Schädlichkeit des Sauerstoffs war hiermit endgültig
zerstört; die in ihrer Natur und ihrem Wesen bisher noch fast gänzlich
unbekannten Keime mußten als die Unheilstifter bei allen Arten der
Zersetzung angesehen werden.
Kapitel V.
Listers Übertragung der Keimlehre auf die Chirurgie.
Indessen wußte man in der praktischen Chirurgie mit dieser Entdeckung
zunächst noch nichts anzufangen, da irgend ein Weg, die Wunden vor dem
Eindringen von Keimen zu schützen, bisher noch nicht gefunden war. In
diese Lücke trat _Joseph Lister_ ein, nicht mit dem Vorwärtsstürmen
eines alle Hindernisse überspringenden Genies, sondern in der langsamen
Weise des ruhigen Beobachters und ernsten Naturforschers, der keinen
Schritt vorwärts tut, ohne sich vorher die Grundlage zu sichern, auf die
er treten will. _Lister_ war mit 42 Jahren auf den Lehrstuhl für
Chirurgie in Glasgow als Nachfolger seines Schwiegervaters _Syme_
berufen worden; als er die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen begann, war
er Professor der Chirurgie in Edinburgh. Der hochgewachsene, kräftige
Mann von echt germanischem Typus, das Haupt mit leicht gewellten, ein
wenig lang getragenen Haaren bedeckt in dessen blauen Augen sich neben
einem etwas schwärmerischen Ausdrucke eine unendliche Güte und nie
versagende Liebenswürdigkeit widerspiegelte, stand dort im achten
Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auf der Höhe seines Schaffens. Dort
empfing er die zahlreichen Besucher aus allen Weltteilen sowohl in
seiner Klinik, der alten Infirmary, als in seinem Hause immer mit der
gleichen Gastlichkeit, aber auch stets mit der gleichen wissenschaftlich
ernsten Sachlichkeit. Denn oft geschah es, daß er nach einem Mittagessen
in seinem Hause einen oder mehrere seiner Gäste zu einem Vortrage über
seine Theorie und zur Besichtigung seiner Bakterienzüchtungen einlud;
und nicht selten holte er noch spät abends einen Gast aus dem Gasthause
ab, weil eine wichtige Verletzung ihm aus der Klinik gemeldet worden
war. So wußte er seine Zuhörer stets in kürzester Zeit in Theorie und
Praxis einzuführen. --
Durch _Pasteurs_ Arbeiten angeregt, hatte sich _Lister_ schon jahrelang
mit dem Studium der Bakterien und ihrer Beziehungen zu Wunden
beschäftigt, aber zunächst rein theoretisch. Den Anstoß zur Umsetzung in
die praktische Tätigkeit erhielt er durch einen Bericht vom Jahre 1865
über die Wirkungen, welche man auf den Rieselfeldern der Stadt Carlisle
durch Zusatz von Karbolsäure zu den Abwässern gemacht hatte: fast jede
Art von Fäulnis wurde auf diese Weise verhindert, tierische und
pflanzliche Schmarotzer unschädlich gemacht und zerstört. Von diesem
Antiseptikum, der Karbolsäure, gingen also _Listers_ praktische Versuche
aus; aber es möge von vornherein betont werden, daß sie einem wesentlich
anderen Gesichtspunkte Rechnung trugen, als dies bisher geschehen war.
Seine zahlreichen Gegner, die ihm besonders in England erstanden
(_Simpson_, _Elliot_ u. v. a.), suchten zu beweisen, daß seine
»antiseptische Behandlung« nichts weiter sei als die längst bekannte
Anwendung der Karbolsäure bei der Wundbehandlung. Demgegenüber hat
_Lister_ stets den grundsätzlichen Unterschied zwischen seiner
»antiseptischen Wundbehandlung« und der Anwendung antiseptischer Mittel
als Verbandmaterial hervorgehoben.