Ihr Hauptmangel liegt in dem Umstande, daß sie, als nicht oder doch nur

unvollkommen mit Heizvorrichtungen versehbar, ausschließlich im Sommer

und bei guter Witterung benutzt werden können. In ungünstigen

Jahreszeiten tritt indessen eine andere Erfindung der Neuzeit an ihre

Stelle, nämlich die v. _Döcker_sche _Zeltbaracke_, die einen Übergang

von der Baracke zum Leinwandzelte bildet, in vollem Umfange zwischen

beiden steht. Der dänische Rittmeister v. _Döcker_ führte seine neue

Vorrichtung zur Krankenlagerung zuerst auf der Berliner Ausstellung von

1883 vor und schenkte das Modell späterhin dem Augusta-Hospital, in

welchem es seit 1884 ausgiebige Verwendung fand. Ebenso hat die

preußische Militär-Medizinalverwaltung sofort eine Prüfung ihrer

Brauchbarkeit vorgenommen. In ihrer ersten Form war die Baracke freilich

auch nur für die Sommermonate brauchbar. Sie besteht nämlich aus einer

Anzahl genau zusammenpassender Holzrahmen, deren Lichtung nur von außen

von einem sehr groben, segeltuchartigen Stoffe geschlossen wird, der an

dem Holzrahmen durch Nägel befestigt ist. An der äußeren Seite ist der

Stoff von einer dicken Schicht Ölfirnis überzogen. Die Rahmen sind

mittels Haken und Ösen leicht zusammenfügbar, so daß ein solcher Bau in

wenigen Stunden aufgestellt, in noch kürzerer Zeit wieder abgebrochen

werden kann. Die leichte Brennbarkeit der benutzten Stoffe machte

selbstverständlich irgendwelche Heizvorrichtungen unmöglich; allein

durch eine wenig kostspielige Umänderung lernte man, wie es scheint

zuerst im Berliner Augusta-Hospital, diesem Übelstande zu begegnen und

die Zeltbaracke auch für den Winter bewohnbar zu machen. Die Wandflächen

wurden nämlich durch Aufnagelung eines zweiten Stoffstückes an der

Innenseite des Rahmens verdoppelt, der Stoff durch Aufstreichen von

Wasserglas an beiden Seiten unverbrennbar gemacht, ein kleiner

verschließbarer Dachreiter für die Ventilation aufgesetzt und endlich

eiserne Öfen in dem nun nahezu feuersicheren Raume angebracht. In dieser

Form ist die _Döcker_sche Baracke für Friedens- und Kriegszeiten in

allgemeinen Gebrauch gekommen.

Die besprochene Vielgestaltigkeit der Krankenunterkunftsräume, unter

denen bis zum heutigen Tage das Pavillonsystem als das beste, zugleich

aber auch kostspieligste anerkannt werden muß, hatten auf die

Gesundheitsverhältnisse großer Krankenhäuser einen sehr merkbaren

Einfluß in günstiger Richtung ausgeübt: die Sterblichkeitsziffer sank

erheblich, solange die Krankenräume frisch und neu waren. Allein es war

unmöglich sich der Erkenntnis zu entziehen, daß in den gleichen

Krankenhäusern die Verhältnisse sich von Jahr zu Jahr wieder

verschlechterten, so daß nur ausgedehnte Erneuerungen und jährliche

Neuanstriche, welche die Unterhaltungskosten wesentlich in die Höhe

trieben, imstande waren, zumal auf chirurgischen Abteilungen, die

Wundkrankheiten auf erträglicher Höhe zu erhalten. Das Gespenst des

unbekannten Etwas, welches die Erfolge der Chirurgen seit Jahrhunderten

beeinträchtigt hatte, begann wieder drohend sein Haupt zu erheben. Da

aber in kleinen Krankenanstalten der Krankheitsverlauf sich viel länger

günstig gestaltete als in großen, da insbesondere sich zeigte, daß

Kranke und Verletzte, die in ihrer eigenen Wohnung behandelt wurden,

viel seltener von schweren Wundstörungen heimgesucht wurden als die

Insassen großer Hospitäler, so blieben die Chirurgen bei dem uralten

System der Operationen in Privathäusern, so viele Unbequemlichkeiten

damit auch verknüpft waren; und als das sich immer enger ziehende

Eisenbahnnetz es auch dem weniger Bemittelten möglich machte, angesehene

Chirurgen in fernen Städten aufzusuchen, ging man zu dem

_Krankenzerstreuungssystem_ über, welches zwar schon seit Jahrhunderten

hier und da benutzt, doch erst in sehr eigenartiger Weise von _Nicolai

Pirogoff_ angewandt und bekannt gemacht worden war.

Unter dem Eindruck sehr schlechter Erfahrungen, welche dieser

bedeutendste und mit der Entwicklung der westlichen Medizin genau

vertraute russische Chirurg in der chirurgischen Klinik zu Dorpat und in

St. Petersburger Krankenhäusern gemacht hatte, begann er auf seinem

großen Gute in Podolien um 1860 ein System einzurichten, das ihm schon

aus seinen Kriegserfahrungen im Kaukasus geläufig geworden war. Die

zahlreichen Kranken, welche hilfesuchend von allen Seiten ihm

zuströmten, verteilte er nach vorgenommener Operation in die elenden

Hütten seiner leibeigenen Bauern, die gegen Bezahlung seitens der

Kranken diese einzeln in den gemeinsamen Wohnraum der Familie aufnahmen

und verpflegten. Dort lagen sie in einem Winkel auf Stroh, oft

wochenlang in der gleichen, mit Blut und Eiter beschmutzten Wäsche, die

Wunde tagelang ohne Verband, oder nur mit eitergetränkten,

übelriechenden Lappen bedeckt. Der Verbandwechsel wurde entweder von den

Kranken selber oder von einem rohen, unwissenden Feldscher vorgenommen;

_Pirogoff_ selber konnte seine Operierten höchstens zweimal in der Woche

besuchen. Trotzdem sah er im Laufe von 1½ Jahren niemals Wundrose oder

»purulente Diathese« und verlor unter einigen Hunderten von Leuten, an

denen große Operationen vorgenommen waren, nur _einen_ Fall nach einer

_Lithothrypsie_. Diese erstaunlichen und von den Erfahrungen der

Behandlung in Hospitälern himmelweit verschiedenen Ergebnisse führt

Pirogoff ausschließlich auf die strenge Verteilung der Kranken zurück,

so daß Hospitalmiasmen und Kontagien, von denen er wiederholt als von

den eigentlichen Ursachen der Krankenhausseuchen spricht, nicht zur

Entwicklung kommen konnten. Ob freilich die verblüffend guten

Ergebnisse, welche er mit seinem Systeme auf dem Lande erzielt hatte,

ihm auch im weiteren Leben treu geblieben sind, ist aus seinen Schriften

nicht sicher zu ersehen; doch darf daran um so mehr gezweifelt werden,

als späterhin kaum noch davon gesprochen wird. Zumal in großen Städten

sicherte auch die Krankenzerstreuung keineswegs ausreichend vor dem

Auftreten von Wundkrankheiten, unter denen die Wundrose auch in

Privatwohnungen eine besonders unliebsame Rolle spielte. Es bedurfte

erst der Entdeckung der letzten Ursachen für Wundeiterung und

Wundkrankheiten bevor man in zweckentsprechender Weise ihre Bekämpfung

in die Hand nehmen konnte.

Kapitel III.

Die ältere Wundbehandlung und die Wundkrankheiten.

Ehe wir uns indessen der Schilderung dieses Entwicklungsganges zuwenden,

soll eine Darlegung der _Wundbehandlungsmethoden, mit denen unsere

Altvordern arbeiteten_, sowie eine Würdigung der damit erzielten

Ergebnisse Platz greifen, die uns erst über den ungeheuren Abstand

zwischen den Verfahren beider Zeiträume aufklären.

Die Salben und Pflaster, welche noch bis zum Beginne des 19.

Jahrhunderts den Hauptbestandteil der dem Chirurgen zur Verfügung

stehenden Hilfsmittel für die Behandlung von Wunden bildeten, waren

durch die Bemühungen _Vinzenz v. Kerns_ in Wien in den Jahren 1805 bis

1828 einer einfacheren und naturgemäßeren Behandlung gewichen, wenn sie

auch nicht ganz ausgeschaltet werden konnten. Das _Kern_sche Verfahren

war das gleiche, welches in den fünfziger und sechziger Jahren des 19.

Jahrhunderts unter dem Namen der _offenen Wundbehandlung_ noch einmal

eine gewisse Rolle gespielt hat. _Bartscher_ und _Vezin_ in Osnabrück

1856, _Burow_ in Königsberg 1859, _Volkmann_ in Halle bis Ende 1872,

_Rose_ und sein Assistent _Krönlein_ in Zürich 1872 waren die späten

Vertreter dieser Richtung, die erst bei dem allmählichen Aufkommen der

antiseptischen Wundbehandlung, wenn auch nicht ohne scharfen Kampf,

völlig ihren Boden verlor. Vor _Kern_ wurden die Wunden mit allerlei

Deckverbänden behandelt unter der Vorstellung, daß sie die verletzten

Gewebe vor unmittelbarer Berührung mit der Luft, insbesondere mit dem

als überaus schädlich angesehenen Sauerstoffe, zu schützen, zugleich

aber eine Beschmutzung der Leib- und Bettwäsche durch den ausfließenden

Eiter zu verhindern hätten mittels der Anwendung eines die

Wundflüssigkeiten aufsaugenden Verbandmateriales. Als solches diente

seit dem 18. Jahrhundert die aus der französischen Chirurgie übernommene

Charpie, Fäden aus alter weicher Leinwand gezupft und zu großen und

kleinen Bündeln vereinigt. So stark hydrophile Eigenschaften dieser

Stoff auch besitzt, so gefährlich wurde er durch die Art seiner

Herstellung und seiner Anwendung. Denn die Herstellung geschah vielfach

in den Krankenräumen selber durch die vorher nicht gewaschenen

und gereinigten Finger der Kranken; und nirgends fand ein

besonderer Abschluß, eine zuverlässige Aufbewahrung des aus den

allerverschiedensten Quellen stammenden Verbandmateriales statt. So kam

denn eine nicht einmal äußerlich rein aussehende, jedenfalls mit Keimen

aller Art überladene Charpie auf die Wunden, und zwar meistens in der

Art, daß diese ausgestopft, durch Binden zusammengehalten und zugleich

unter einen nicht immer unbedeutenden Druck gestellt wurden. Die

Notwendigkeit eines mehrmaligen Verbandwechsels täglich, um die

beschmutzten und durchweichten Verbandstücke zu ersetzen, vermehrte nur

das Übel, da jeder Neuverband eine starke Beunruhigung und Reizung der

Wunde, zuweilen selbst mit erheblichen Blutungen aus den üppig

wuchernden Granulationen hervorrufen mußte.

Es begreift sich, daß unter solchen Umständen das Vorgehen _Kerns_, das

verwundete Glied nur zweckmäßig zu lagern, die Wunde nur mit

Kaltwasserumschlägen zu behandeln, sie offen zu lassen und nur

ausnahmsweise einige wenige Nähte anzulegen, als ein großer Fortschritt

angesehen werden mußte. Aber auf die Dauer vermochte sich dies einfache

Verfahren nicht durchzusetzen. Die große Mehrzahl der Chirurgen suchte

immer noch ihr Heil in den alten, schnell schmutzig werdenden

Deckverbänden und nach _Kerns_ Tode ist auf Jahrzehnte hinaus von der

offenen Wundbehandlung nicht mehr die Rede. Nur die einfachen

Kaltwasserumschläge zur Linderung des brennenden Wundschmerzes blieben

als einzige Erinnerung an die _Kern_sche Behandlungsmethode bei den

Ärzten bis zur Einführung der Antisepsis, bei den Laien bis zum heutigen

Tage in Gebrauch. Die alte Behandlung kehrte in vollem Umfange zurück.

So forderten denn in großen chirurgischen Abteilungen nach wie vor die

Wundkrankheiten allwöchentlich ihre Opfer; zumal die Kriegslazarette

wurden Brutstätten endemischer Seuchen, die so manchem Krieger einen

Soldatentod auf dem Schlachtfelde gegenüber dem Aufenthalte in solchen

Pesthöhlen als das erheblich kleinere Übel erscheinen ließen.

* * * * *

Die _Wundkrankheiten_, welche in fast allen größeren Krankenanstalten in

so schreckenerregender Weise auftraten, waren faulige Zersetzung der

Wundflüssigkeiten (Septichämie oder kurzweg Sepsis), die metastasierende

Pyämie, die Wundrose, der Wundstarrkrampf und endlich der Hospitalbrand.

Alle übrigen Störungen, wie Nachblutungen, Phlegmonen, Ekzeme,

Wundscharlach usw., dürfen beiseite gelassen werden, da sie entweder das

Leben nur selten bedrohten, oder nur als Beigaben genannter schwerer

Krankheiten die Gefahr erhöhten.

Die Pathologie dieser Zustände kann hier nur kurz berührt, darf aber

doch nicht ganz übergangen werden, da einer derselben, der

Hospitalbrand, fast völlig verschwunden, also wirklich geschichtlich

geworden ist, während andere, so die metastasierende Pyämie, selbst die

schweren Formen der Wundrose, so selten geworden sind, daß das jüngere

und jüngste Geschlecht deutscher Chirurgen nur noch ganz ausnahmsweise

Gelegenheit findet, sie kennen zu lernen. Man vergleiche nur einen

Jahresbericht aus älterer Zeit, z. B. von F. _Busch_, _Billroth_,

_Lister_ (vor Einführung der antiseptischen Wundbehandlung) und anderen,

mit einem solchen des letzten Jahrzehntes, um sich zu überzeugen, welche

ungeheure Einschränkung die Besprechung der Wundkrankheiten erfahren

hat, da mit ihrer zahlenmäßigen Verminderung auch das Interesse an ihnen

heruntergegangen, ja nahezu erloschen ist. Freilich ist hervorzuheben

daß die Entstehung aller dieser Krankheiten durch mehr oder weniger

spezifische Bakterien und deren Stoffwechselgifte (Toxine) zu jener Zeit

noch gänzlich unbekannt war; wir beschränken uns also im wesentlichen

auf die Krankheitsbilder, wie sie von unseren Altvordern zuweilen in

überraschender Schärfe, zuweilen aber auch mit verschwommenen Grenzen

gezeichnet worden sind.

_Wundfäulnis_, _Sepsis_, _Septichämie_, _Sephthämie_ nannte man nach der

Mitte des 19. Jahrhunderts einen Zustand, bei welchem die

Wundflüssigkeiten ein graugelbes, graues, rotbraunes oder dunkelbraunes,

mehr oder weniger blutig gefärbtes Ansehen bekamen und zugleich einen

üblen Geruch annahmen, in einzelnen Fällen selbst aashaften Gestank

verbreiteten. Diese Erscheinungen entwickelten sich nicht plötzlich,

steigerten sich aber doch in wenigen Tagen zur Höhe und gingen nicht nur

mit einer Veränderung der Wunde und ihrer Umgebung, sondern auch mit

einer wachsenden Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens einher. Die

Wundränder nahmen eine blasse Rötung an, schwollen etwas an, waren aber

nicht auffallend empfindlich; in vorgeschrittenen Fällen war häufig

sogar eine erstaunliche Unempfindlichkeit vorhanden, die auf beginnende

und schnell zunehmende Benommenheit des Bewußtseins zurückgeführt werden

mußte. Der Puls wurde schnell, zuweilen schon zu einer Zeit, in welcher

die örtlichen Veränderungen noch nicht in die Augen sprangen, die

Arterien zeigten sich wenig gefüllt. Hand in Hand mit dieser

Pulsveränderung stellte sich ein remittierendes Fieber ein, meistens

mit morgendlichen Abfällen bis zur Norm oder gar weit darunter, und

einem abendlichen Anstiege, dessen Spitzen immer höher reichten, bis mit

dem Nachlassen der Herzkraft oft plötzlich ein bedeutendes Sinken

eintrat. Dies galt bei schneller und kleiner werdendem Pulse als ein

sehr ungünstiges Zeichen und ging meistens dem Tode unmittelbar voran.

Daß es sich um eine Giftwirkung der in der Wunde sich ansammelnden

fauligen Stoffe handle, war schon um die sechziger Jahre den meisten

Beobachtern nicht zweifelhaft. In der Tat gelang es E. _Bergmann_ und

_Schmiedeberg_ in Straßburg im Jahre 1868, aus faulender Bierhefe ein

Alkaloid, das _Sepsin_ herzustellen, welches, dem Tierkörper in

genügender Menge einverleibt, ein der menschlichen Septichämie sehr

ähnliches Krankheitsbild hervorrief. Für die Behandlung war damit aber

zunächst nichts gewonnen, da einerseits die Ursachen der Wundfäulnis mit

dem Nachweise des Sepsins noch längst keine Erklärung gefunden hatten,

andererseits die einzelnen Fälle, neben mancher Ähnlichkeit in den

Umrissen, doch auch recht erhebliche Verschiedenheiten aufwiesen.

_Billroth_ und seine Schule mühten sich jahrelang vergeblich ab, der

Natur hinter ihr Geheimnis zu kommen, bis er mit seinem Buche Ȇber die

Cocoobacteria septica« den ersten Schritt auf dem noch sehr unsicheren

und schwankenden Grunde der chirurgischen Bakterienforschung tat. Wir

werden darauf an späterer Stelle im Zusammenhange zurückzukommen haben.

* * * * *

Ein in seinen ausgeprägten Formen sehr verschiedenartiges Krankheitsbild

stellte das _Eiterfieber_, die _Pyämie_ oder _Pyohämie_ dar.

Voraussetzung für ihr Auftreten war das Vorhandensein einer meist

größeren Wunde, am häufigsten an den Bewegungsorganen; doch gehörte es

in verseuchten Krankenhäusern keineswegs zu den Seltenheiten, das Leiden

selbst bei kleinen und anscheinend wenig bedeutenden Wunden auftreten zu

sehen. Während aber die Wundfäulnis in langsamer Steigerung ihre Höhe

erreichte, trat die Pyämie meist ohne jede Vorbereitung und ganz

plötzlich in die Erscheinung. Ein Mensch mit einer ganz reinen, von

guten Granulationen bedeckten und einen geruchlosen Eiter absondernden

Wunde erkrankte, zuweilen aus voller Fieberlosigkeit heraus, andere Male

nach nur geringfügigem Anstieg der Körperwärme, mit einem heftigen

Schüttelfroste, dem ein ergiebiger Schweißausbruch folgte. Nach 2-4

Stunden sank die bis zu 41°C und selbst darüber emporgeschnellte

Körperwärme in steilem Sturze wieder zur Norm oder selbst erheblich

darunter, der Kranke fühlte sich zwar etwas angegriffen, aber doch so

wohl, daß er der Sache keine Bedeutung beizulegen geneigt war, bis die

öftere Wiederkehr der Fröste seinen Gleichmut zu zerstören, sein

Befinden zu verschlechtern begann.

Nach den ersten Schüttelfrösten nämlich traten auch für den Kranken sehr

merkbare Veränderungen der Wunde auf. Die bis dahin roten und üppigen

Granulationen wurden blaß und flach, viel seltener, infolge einer

Venenthrombose, glasig gequollen, die Wunde sonderte statt des gelben

Eiters eine mehr fleischwasserähnliche, gewöhnlich leicht übelriechende

Flüssigkeit ab; zugleich wurde sie so empfindlich, daß der Kranke bei

jeder Berührung aufschrie, zuweilen schon bei leichter Erschütterung

seines Lagers einen Schmerzensschrei ausstieß. Im Gegensatze zu einem

Septichämischen mit seinem gleichgültigen, stupiden Gesichtsausdrucke

und seinen glanzlosen Augen zeigte der Pyämische auf der Höhe seines

Leidens ein ängstliches, aufgeregtes Gesicht mit leicht verzerrten

Zügen, sowie die glänzenden Augen des fiebernden Menschen. Für den

kundigen Blick war das Krankheitsbild der ausgeprägten Pyämie ohne

weiteres erkennbar.

Den eigentlichen Stempel aber erhielt die verderbliche Krankheit durch

das Auftreten zahlreicher Eiterherde, meist in inneren, aber auch in

äußeren Organen. Gehirn, Lungen, Leber, Milz, Nieren und Herzfleisch

wiesen ebenso oft große und kleine Eiterherde auf, wie das Bindegewebe,

die Muskeln, die Gelenke und serösen Höhlen. Diese Eiterungen, die

zuweilen zu gewaltigen, schnell wachsenden Herden sich umwandelten,

traten in der Regel im unmittelbaren Anschluß an Schüttelfröste auf; sie

waren, wie _Virchow_ um 1850 als erster nachzuweisen vermochte, die

Folge des Eindringens zerfallender Gefäßthromben in die Blutbahn und

entwickelten sich an solchen Stellen, an denen ein verschleppter Embolus

in feineren Gefäßen stecken blieb. Daß der Zerfall eines in der

Wundebene liegenden Gefäßthrombus durch eindringende Bakterien

vermittelt wurde und daß die mit Bakterien beladenen Gerinnsel oder gar

die im Blutstrome kreisenden und zusammengeballten Bakterien für sich

allein am Orte ihres Haftens Eiterung hervorriefen, wurde erst

wesentlich später erkannt.

Nicht immer haben die Vorgänge so klar vor Augen gelegen, wie sie hier

geschildert worden sind. Die Schwierigkeiten für die Erkenntnis hatten

zwei Gründe. Zunächst konnte der Zerfall eines Thrombus auch in einer

Wunde sich ereignen, die schon einige Zeit zuvor von Wundfäulnis

heimgesucht war; oder aber letztere gesellte sich den pyämischen

Erscheinungen hinzu. Dann entstanden Mischformen, die zuerst _Karl

Hüter_ mit dem Namen der Septikopyämie belegt hat (1868); und da die

Zeichen beider Krankheiten, bald mit Vorwiegen der Fäulnis, bald der

Metastasen, sich durcheinanderschoben, so war eine reinliche Scheidung

vielfach unmöglich gemacht. Noch mehr aber trug zur Unklarheit und

Verwirrung die Kenntnis einer bis dahin unbekannten Krankheit, der

metastasierenden Osteomyelitis, bei, die zuerst von _Chassaignac_ im

Jahre 1854, bald darauf auch von _Klose_ in Prag unter dem Namen der

akuten Osteomyelitis, späterhin wegen der Ähnlichkeit ihres Verlaufes

mit der Wundpyämie vielfach als Pyaemia interna oder spontanea

beschrieben worden ist. Die Frage hat eine höchst umfangreiche Literatur

hervorgerufen, bis _Rosenbach_ in Göttingen im Jahre 1884 die Krankheit

auf die gleichen Erreger, welche in der Wundpyämie ihre Lebensäußerung

zeigen, zurückzuführen vermochte, nämlich auf den Staphylococcus

pyogenes aureus und verwandte Schmarotzer.

Der _Hospitalbrand_ scheint eine fast ausgestorbene Krankheit geworden

zu sein, da auch die neuesten, so blutigen und unter den ungünstigsten

hygienischen Bedingungen geführten Kriege sie glücklicherweise fast

nirgends zu neuem Leben zu erwecken vermocht haben. Nur im

Russisch-Japanischen Kriege von 1904 ist sie wieder gesehen worden, ohne

daß Zeit und Umstände für genauere Beobachtungen und bakterielle

Forschung günstig gewesen wären. Und doch war sie einst die

schrecklichste Geißel großer Krankenhäuser des Friedens und

umfangreicher Militärlazarette. Ob sie eine besondere, auf einen eigenen

Erreger zurückzuführende Form der Wundfäulnis darstellt, kann heute

nicht mehr gesagt werden, da sie unter dem Einflusse der antiseptischen

Wundbehandlung so schnell verschwunden ist, daß die bis dahin noch

höchst unvollkommenen bakteriologischen Untersuchungsmethoden nicht mehr

imstande waren, ihr Wesen festzustellen. Um so mehr ist es geboten, ihre

Erscheinungsformen festzuhalten, und zwar nicht nur von rein

geschichtlichen Gesichtspunkten aus; denn wie andere verheerende Seuchen

des menschlichen Geschlechtes, Diphtherie z. B. und Pest, gewissermaßen

unter unseren Augen eine Wiedererstehung erlebt haben, so sind

Verhältnisse auf Erden denkbar, verheerende Ereignisse irgendwelcher

Art, welche auch dem Erreger des Hospitalbrandes aus der bisherigen

Versenkung aufzutauchen erlauben.

In großen Krankenhäusern des Friedens, besonders aber in

Kriegslazaretten, in denen zahlreiche Verwundete dicht zusammengehäuft

waren, trat die Krankheit gelegentlich in ihren gefährlichsten und

abschreckendsten Bildern auf. Seit _Delpech_ in Montpellier (1815)

unterschied man zwei Formen, den ulzerösen und den pulpösen Brand, die

zwar im Beginne nicht unerhebliche Verschiedenheiten zeigten, im

späteren Verlaufe aber untrennbar ineinander übergingen. Die erste

begann mit dem Auftreten eines oder mehrerer graugelblicher, etwas

erhabener und mit bräunlichen Punkten (von thrombotischen Gefäßen

herrührend) durchsetzter Flecken, welche sich schnell vergrößerten, dann

zerfielen und scharfrandige, rundliche Geschwüre hinterließen, die sich

bald vereinigten und in kurzer Zeit die Hautränder der Wunde erreichten.

Der pulpöse Brand dagegen begann mit dem Auftreten eines grauen Belages

in einem Teile oder von vornherein in der ganzen Wunde, der nur in

Fetzen abgerissen werden konnte und eine blutende Fläche hinterließ. Der

zunächst etwas flache Grund erhob sich bald unter dem Drucke der in der

Tiefe entwickelten Fäulnisgase, zerfiel und wandelte sich in eine

schmierige, faulender Gehirnsubstanz ähnliche Masse um. Bald kam es

infolge von Gefäßstauungen zu heftigen, oft wiederholten kapillären

Blutungen und zugleich schritt die Zerstörung in die Breite und in die

Tiefe mehr oder weniger schnell fort. Kein Gewebe widerstand auf die

Dauer; doch starb am schnellsten das lockere Bindegewebe ab, während

Faszien, Muskeln und große Gefäßstämme länger Widerstand leisteten. Die

Knochen wurden ihres Periostes beraubt und verloren in steter Berührung

mit der faulenden Flüssigkeit teilweise oder auch im ganzen Umfange ihre

Lebensfähigkeit. Die Wunde verbreitete einen widerwärtigen Geruch, der

aber dem gewöhnlichen Geruche faulender Gewebe nicht völlig glich. Eine

Heilung war selbst in vorgeschrittenen Fällen noch möglich wenn auch

meist mit Hinterlassung schwerer Schädigungen; ein erheblicher

Prozentsatz der Kranken aber erlag den fortgesetzten Blutungen oder der

septischen Vergiftung, oft auch einer ausgesprochenen Pyämie.

Die Krankheit hat unverkennbare Ähnlichkeit mit den schweren Fällen von

Diphtherie, welche nach einem Luftröhrenschnitte auf die äußeren

Weichteile des Halses übergreift; doch scheint es heute nicht mehr

möglich, nachdem auch letztere wohl kaum noch zur Beobachtung kommen,

die Gleichheit oder Verwandtschaft beider Krankheiten bakteriologisch

festzustellen.

* * * * *

_Der Wundstarrkrampf oder Tetanus_ ist eine weitere Wundkrankheit, die

nur selten in größerer Zahl auf einmal, sondern gewöhnlich nur in

vereinzelten Fällen nicht allein bei der Zusammenhäufung zahlreicher

Verwundeter in einem Raume, sondern auch bei Menschen vorkommt, die in

Privathäusern ein Zimmer für sich bewohnen. Ist somit die allgemeine

Bedeutung des Leidens für Krankenhäuser und Feldlazarette geringer als

die der meisten anderen Wunderkrankungen, so ist doch das einzelne

Krankheitsbild so schrecklich, daß es bereits sehr früh die

Aufmerksamkeit der Ärzte auf sich zog. Schon _Hippokrates_ hat ihm einen

eigenen Abschnitt gewidmet.

Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie · 第 2 / 16 段