Der Winter nahte: doch durch jenes Geschenk und durch meine eigene

kleine Cassa hoffte ich in irgend einem Landstädtchen oder auf einem

Dorf mir die Erlaubniß, mich daselbst aufzuhalten erkaufen und mit

Handarbeit meinen Unterhalt die rauhe Jahrszeit hindurch sichern zu

können. Mich zog die Sehnsucht wieder rückwärts dem Lande zu, wo die

Geliebten meines Herzens weilen; allein mehrere Versuche jener Art

mislangen, unfreundlich wurde ich hie und da abgewiesen und meine

Hoffnung schwand nach und nach gänzlich.

Der rauhe Nordwind wehte die lezten welken Blätter von den Bäumen,

weiser Reif lag am Morgen auf den Fluren und befeuchtete meinen Fuß

oder strömender Regen durchnäßte mich schauernd; und immer hatte ich

noch keine bleibende Stätte. Lüstern blickte ich nach den rauchenden

Schlöten eines freundlich vor mir liegenden Dorfs oder wandelte durch

die Straßen einer Stadt, und sog die mannigfachen Gerüche bereiteter

Speißen begierig ein, wenn ich an Garküchen und Gasthöfen vorbei

schlich, ohne mich zu sättigen: denn ich wagte es nicht, meinen Hunger

und Durst ganz zu befriedigen, um mein kleines Vermögen nicht zu sehr

zu schmählern. Auch meine Kleidung war der Jahrszeit nicht angemessen:

denn mit jedem Tag wurde es kälter und meine Noth größer.

Höchst niedergeschlagen und mich durch so viel erlittenes Ungemach

recht unwohl fühlend, kam ich in diese Stadt. Der Jahrmarkt hatte

in der Herberge, welche ich aufsuchte, herumziehende Krämer,

Taschenspieler, Seiltänzer u. s. w. versammelt: schüchtern, bat ich

die Wirthin um ein einsames Winkelchen zum Schlafen, da die Nacht

hereinbrach. Sie schlug es mir ab und ich war genöthiget, meinen Platz

auf einer Ofenbank zu nehmen. Hier verzehrte ich, still weinend ein

Näpfchen schwarze Brod-Suppe und wollte mit aller Gewalt den Schlaf,

deßen Anwandlung ich fühlte, widerstehen. Es schien mir gerathener:

unter diesen Leuten zu wachen, als zu schlafen. Allein die Natur errang

die Oberherrschaft über die Klugheit, ich entschlief. Als ich wieder

erwachte -- Gott wer schildert meinen Schrecken! -- war das Zimmer leer

und mein ganzes Bündelchen mit Geld und Wäsche -- war weg.

«So ~muß~ ich denn den Bettelstab ergreifen!» rief ich laut

jammernd und lief händeringend umher. Die Wirthsleute -- harte

Menschen, wollten weder von einer polizeilichen Anzeige, noch weniger

von einer Vergütung etwas hören und verweigerten mir sogar ein kleines

Frühstück, da ich es nicht bezahlen konnte. Verzweiflungsvoll rannte

ich zum Haus hinaus und durch die Strassen der Stadt. Ich kam an einer

Kirche vorüber, welche offen stand. Mit aller Gewalt zog es mich

hinein. Ich sank weinend an dem Altar nieder und himmlischer Trost

träufelte in mein leidendes Herz. Eine fromme Beterin kniete neben

mir; als sie sich entfernt hatte, fand ich auf ihrem Platz ein feines

Bildchen, das wahrscheinlich ihrem Gebetbuch entfallen war. Es stellte

ein in Gefahr schwebendes Schiff auf brausenden Wellen vor. In der

Entfernung war die glänzende Halbkugel der Sonne, mit ihren Strahlen

dem Meer entsteigend, sichtbar. Unten las man die Worte: «nach der

langen stürmischen Nacht scheint wieder freundlich die Sonne;» und den

Biblischen Spruch: «des Herrn Hülfe ist nahe denen, die ihn fürchten.»

Psalm 84. v. 10.

Wie wichtig war mir in dem Augenblick dieser Fund! wie stärkte er mein

Vertrauen auf Gott! wie hob er meinen sinkenden Muth! ich verließ

voll Hoffnung die Kirche. -- Der Mittag nahte, der Hunger quälte mich

fürchterlich: da entschloß ich mich, wie wohl mit schweren Herzen

das Erwerbsmittel zu ergreiffen, wovon Theodor (Gott, mit welchen

schmerzlichen Empfindungen schrieb ich diesen Namen nieder!) mich einst

befreit hatte. Ich suchte einen der größten Gasthöfe auf, und nahte

mich schüchtern dem Speisesaale. Ich traf eine stark besezte Tafel

und begann einen Gesang; doch indem ich das niedergeschlagene Auge

einmal in die Höhe hob: erblickte ich unter den Gästen, ganz am End

des Tisches Richard von Steinfels. Hunger und Frost, Kummer und Sorge

hatten meinen Körper mehrere Wochen sehr mitgenommen: nun kam noch

diese Ueberraschung hinzu und warf mich ganz darnieder. -- Ich wurde in

die Krankenanstalt gebracht und was nun weiter mit mir vorgieng, welche

Hülfe und Rettung mir durch die Grosmuth Eugeniens wiederfuhr, ist

der edlen Seele bekannt und bleibt mit unauslöschlichen Zügen in mein

Inneres gegraben.

* * * * *

Eugenia hatte nicht ununterbrochen fortlesen können. Theils versagte

ihr zuweilen selbst die durch Rührung gehemmte Stimme den Dienst,

theils konnten Therese und Albina die Aeußerungen inniger Theilname

und schmerzlichen Mitgefühls nicht zurückhalten. Eugenia fügte noch

der schriftlichen Mittheilung die fehlende Ergänzung bei, in dem sie

erzählte: daß ihr Gatte die Bekanntschaft jenes Barons in den erwähnten

Gasthof gesucht und angeknüpft und in ihm einen achtungswürdigen jungen

Mann gefunden habe. Er verheelte aber in einer der vertraulichen

Unterhaltungen dem Professor nicht: daß er erst durch Antoniens

Beispiel rein moralich denken, fühlen und handeln gelernt habe. Er

gestand offenherzig ein paar Universitäts-Jahre durchaus verschleudert

und ohne irgend einen Nutzen für seine Geistes- und Herzens-Bildung

durchlebt zu haben, versicherte aber, fest entschloßen zu seyn:

das Versäumte einzuholen; deswegen sey er in diese Stadt gekommen

und wollte hier noch ein Jahr den Vorlesungen einiger berühmter

accademischer Lehrer beiwohnen. Antoniens Schicksal, das er durch den

Professor erfuhr, erschütterte ihn heftig und die früher bekämpfte

Neigung drohte wieder mit Gewalt hervor zu brechen. Eugenia hatte

ihren Gatten schon früher von Antoniens Verhältnis zu Theodor

erzählt und ihn auch späterhin ihren Plan mitgetheilt die Getrennten

wieder zu vereinigen. Dies benützte der kluge Mann bei dem Baron auf

zweckmäsige Weise und verhinderte dadurch eine abermalige, für ihn

gefährliche Annäherung an Antonien. Unendlich glücklich machte diese

der ihr eröffnete Entschluß Eugeniens: sie ihren lang und schmerzlich

entbehrten Freunden wieder zuzuführen. Zu verdoppeltem Dank fühlte

sie sich verpflichtet, als sie von Richards längerer Anwesenheit

auf der Universität hörte und sie trug mit der größten Sorge selbst

alles zu ihrer gänzlichen Wiederherstellung bei, um recht bald

abreisen zu können, «Ach! wie muß jezt dem armen, vom Schicksal so

verfolgtem Geschöpf zu Muthe seyn, da sie sich jezt in dem Haven

der Ruhe befindet!» rief Therese; «Wenn sie nur einer dauerhaften

Gesundheit genöße!» sezte Eugenia hinzu. «Von Natur fein und zart,

haben die vielen erduldeten Leiden ihren Körper furchtbar geschwächt.»

«Freundschaft und Liebe werden alles aufbiethen ihn zu stärken, ihr

Leben zu verlängern!» -- sagte Albina.

Es dämmerte schon der Morgen, als sich die Freundinnen auch noch ein

wenig zur Ruhe niederlegten.

Am folgenden Tag war Antoniens erste Frage: nach Theodor und man

erzählte ihr vorsichtig seinen gehabten Unfall. «O laßt mich, laßt

mich zur Stadt gehen, ich fühle mich gesund und kräftig, es ist mir

unmöglich ihn länger zu missen!» so bat Antonia und Albina, Eugenia und

Therese begleiteten sie dahin.

Theodor hatte sich nicht nur am Arm beschädigt, es hatte auch der Fuß

etwas gelitten und er konnte sich nicht gut von der Stelle bewegen.

Langenheim und Volkmars hatten es daher für beßer gehalten, ihn

Antoniens Anwesenheit zu verschweigen, um nicht seine Ungedult noch

heftiger und schmerzlicher zu machen. Wie war ihm, als sie nun in sein

Zimmer trat! -- Ein Schrei des Entzückens und -- sie lag an seinem

Herzen! Fest, fest umschlang er sie mit dem gesunden Arm und wollte

sie nicht loslassen: doch ihr bleichgewordenes Antlitz ließ die

Freundinnen eine zurückkehrende Schwäche befürchten, und die Bitten

derselben brachten Theodor zur Besinnung, welche ihm beinahe die

Freude geraubt hatte. Durch zweckmäßige Mittel fühlte sich Antonie

bald wieder ganz gestärkt und sie wich nun nicht mehr von Theodors

Seite. Auf das zärtlichste sorgte sie für ihn, suchte seine Schmerzen

und das Unangenehme seiner Lage ihm so viel als möglichen zu versüßen

und segnete oft laut den wackern Unbekannten, welcher nach Langenheims

Erzählung ein noch größeres Unglück verhütet hatte. Am Mittag trat

dieser mit einem jungen Mann in das Zimmer und sagte: «da hat mir ein

glücklicher Zufall deinen Retter in den Weg geführt, lieber Theodor!

Eben wollte er mit seinem Wanderbündel wieder zum Thor hinaus; ich

erkannte ihn und bat: er möchte mit mir kommen, du sehntest dich, ihn

kennen zu lernen und ihm zu danken. Es hat mir aber viel gekostet, bis

ich ihn dazu bewegen konnte.»

Antonie, welche Theodor liebkosend, an seinem Armseßel stand, hatte

sich bei ihrem Eintritt weg, und an ein Fenster begeben: denn sie

erkannte in dem jungen Reisenden, Georg Werner. Theodor nöthigte

ihn freundlich sich niederzusetzen und rief: «Antonie! willst du

wohl diesem lieben Freund hier Brod und Wein bringen!» Georg blickte

bei diesem Namen um sich, erkannte Antonien und stammelte verlegen

und ganz roth im Gesicht die wiederholte Versicherung: daß er sich

unmöglich lang aufhalten könnte. «Das soll auch nicht geschehen,»

versicherte Theodor, «sie wird gleich wieder da seyn.» Sie kam wirklich

und reichte ihm mit freundlicher Unbefangenheit ein Glas Wein und ein

Stück Kuchen, wandte sich dann gegen Theodor und sagte: «Wunderbar sind

die Wege des Schicksals! dieser junge Mann und ich sind alte Bekannte.

In seiner Eltern Haus wurde ich aufgenommen, als ich einst keinen

Zufluchtsort hatte. Georg verstand es, mir mit zarter Aufmerksamkeit

das Drückende meiner damaligen Lage weniger fühlbar zu machen und nun

muß er mir sogar mein Theuerstes auf der Welt, dich meinen Theodor, vor

einem großen Unglück schützen! Innigen Dank dafür lieber Freund! Ach,

noch ist mir der Augenblick gegenwärtig, wo Sie mir mit freundlicher

Sorge in mein einsames Kämmerchen ein Glas Wein und ein Stück Kuchen

brachten! Wäre es mir doch vergönnt, so, wie ich Ihnen hier eine

ähnliche Erfrischung reichen konnte, ihnen auch den lezten wichtigen

Dienst vergelten zu können!

Doch wie ist es Ihnen bisher gegangen? gewiß, ich nehme den

herzlichsten Antheil! und mein Theodor,» fuhr sie fort, indem sie

ihren Arm um ihn schlang, «wird aufrichtig mit ihnen fühlen, wenn ich

ihm später von Ihrem Schicksal erzählen werde.» Georg hatte sich

gesammelt. Er konnte dem offenen und herzlichen Benehmen Antoniens

unmöglich Verschloßenheit entgegen setzen und mußte sich, wenn auch mit

einiger Verlezung seines Gefühls, ihres Glücks und des Zufalls freuen,

welcher ihn in den Stand gesezt hatte, eine große Störung desselben

abzuwenden. Er wurde zutraulich und erzählte: daß er nach Antoniens

Entfernung noch viele harte Kämpfe mit seinen Eltern zu bestehen hatte;

jedoch Rosinchen führte endlich selbst die Trennung herbei, indem sie

sich mit einem Unterofficier, eines im Städtchen einquatierten Truppen

_Detachement_, in ein Liebesverständniß eingelassen hatte. Nun

mußten ihn seine Eltern selbst frei sprechen und um die Leiden der

Vergangenheit ein wenig zu vergeßen, auch um anderer Vortheile willen,

habe er sich vor wenig Wochen auf die Wanderschaft begeben, wo ihn sein

Weg zur glücklichen Stunde in diese Stadt geführt hatte. Von dem Dank

und den herzlichsten Wünschen der Liebenden begleitet, sezte er bald

darauf seine Reise weiter fort.

* * * * *

Eugenia hatte nun ihr schönes Werk vollendet und glaubte der

glücklichen Antonie entbehrlich zu seyn. Sie verbarg auch nicht, daß

sie sich herzlich nach ihrem Gatten sehne, in deßen zärtlichen Briefen

sie ihre Belohnung für die Opfer fand, welche sie, als liebende Gattin

der Freundschaft gebracht hatte. Albina riefen nothwendige Geschäfte

auf das Landhaus zurück und Eugenia entschloß sich, sie dahin zu

begleiten, um daselbst Abschied zu nehmen und ihre dort befindlichen

Effecten einzupacken.

Der Weg dahin wurde den Freundinnen durch trauliche Gespräche verkürzt.

In gebildeten und tieffühlenden Gemüthern giebt es der Berührungspuncte

so viele, welche dann ein weites Feld gegenseitiger Mittheilungen

eröffnen.

Auch Albina und Eugenia fanden in ihren Ansichten und Urtheilen über

die Erscheinungen im Leben, reichen Stof zu gehaltvoller Unterhaltung;

und so waren sie denn auch auf das interessante Thema: über den großen

Einfluß, welchen der Umgang mit geliebten Personen auf den Charakter

des Menschen behauptet, gekommen. Eugenia schien ergriffen und gieng

eine Zeitlang schweigend neben Albinen. Endlich sagte sie: «Zu der

Behauptung dieses Satzes, gebe ich selbst den unwiedersprechensten

Beleg. Ja theure schwesterliche Freundin! ich kann unmöglich dem Drang

widerstehen: dir einen Beweiß meines unbegränzten Vertrauens zu geben

und zugleich mir den Genuß einer Mittheilung zu verschaffen, den ich

mir noch bei keiner Seele gestattet habe. In deine verschwiegene Brust

weiß ich, darf ich Alles niederlegen, was ausserdem mit mir begraben

werden würde. Du, du bist das Wesen, dem sich alle Herzen öffnen,

das mit einer sanften Gewalt, alle an sich zieht und -- ohne es zu

wollen, sich dieselben zu eigen machen weiß. Ich würde unzufrieden

abreisen, hätte ich dich nicht ganz in das verborgene Gebieth meines

Innern blicken lassen: denn ich kenne nichts heiligeres und süßeres

in der Freundschaft, als die gegenseitige Enthüllung der Herzen. Nur

dann, wenn du alles von mir weißt, nur dann sind wir ganz vereinigt

und bleiben es in jeder Entfernung für dieseits und jenseits.» Albina

umarmte tief bewegt die begeisterte Freundin und versicherte innig: sie

würde ihr freudig dies volle Vertrauen erwiedern und ihr auch alles

mittheilen, was ihr vielleicht noch in ihrem Schicksal unbekannt wäre:

doch jezt möchte Eugenia ihre Begierde: etwas der Freundin Wichtiges zu

erfahren, befriedigen.

Eugenia begann mit niedergeschlagenen Augen das Bekenntniß: daß

sie in ihren Mädchen-Jahren, ja noch im Anfang ihrer Ehe so viele

irrige Meinungen und Ansichten, so viele tadelnswürdige Neigungen und

Eigenschaften beseßen habe, daß sie jezt mit tiefer Beschämung sich

derselben erinnere. «Und die gänzliche Umwandlung meiner selbst,»

sagte sie gerührt, «hat -- die Liebe bewirkt! eine reine Liebe, deren

Andenken eine stille Ruhe in meiner Seele verbreitet, mich zu jeder

Tugend anfeuert und mir den Standpunct, auf welchem ich unter den

Menschen stehe, erst recht theuer und wichtig macht.

Höre, wie es zugieng. Ein naher Verwandter meines Mannes, Ottmar von

Wildenfels, der als Major im heiligen Krieg seine Gesundheit und seinen

geraden Körperbau eingebüßt hatte, kam unerwartet zu uns und bat mit

sanfter Stimme um freundliche Aufnahme, da sein trauriges Schicksal

ihm unter fremden Menschen noch schwerer zu ertragen fiele. Mein guter

Mann gewährte ihm mit Freuden seine Bitte und er zog bei uns ein.

Sein Anblick hatte einen ganz eigenen Eindruck auf mich gemacht. So

viel männliche Liebenswürdigkeit und so viel Unglück hatte ich noch

nicht vereinigt gesehen. Er war innerlich verletzt und sein lahmer

rechter Arm verkümmerte ihn jede Erleichterung seines harten Geschicks.

Wissenschaftlich gebildet, edlen Sinnes, zart und tieffühlend, ein

geschickter Mahler und Dichter, hatte er manche Quelle des Trostes

in sich, doch von seinen vielen Fertigkeiten und Kenntnißen konnte

er, vermöge seiner Unbehülflichkeit keinen Gebrauch machen. «Dir

lieber Vetter,» sagte mein Gatte bei dem ersten Mittagessen, «muß

eine sanfte weibliche Hand zu Hülfe kommen, uns Männern fehlt hiezu

der richtige Tact und die geschickte Weise; auch kann ich meiner

übrigen Verhältniße und Geschäfte wegen meinen Wunsch, dir gefällig

zu werden, kein völliges Genüge leisten; Eugenia! dir übergebe ich

also unsern leidenden Freund! trage alles dazu bei, ihm bei uns

sein Unglück vergeßen zu machen.» Ich wagte nicht aufzublicken und

stammelte verlegen eine kurze Zusicherung meiner Bereitwilligkeit. Nun

mußte ich sogleich mein Amt übernehmen und alles dem armen Invaliden

vorschneiden und zureichen. Er ergrif mit der linken Hand die Meinige,

führte sie dankbar und ehrerbiethig zu den Lippen und eine Thräne

glänzte in seinem schönen dunklen Auge. Ich mußte mich entfernen,

so sonderbar war mir zu Muth. Gefühle, mir ehedem ganz unbekannt,

erwachten in meiner Brust mit aller Lebhaftigkeit und drohten, die

sonst darinn herrschende kalte Ruhe ganz daraus zu verdrängen. Doch

fand ich in der Einsamkeit wieder so viel Stärke, meine Bewegung

zu verbergen und gefaßter kehrte ich in das Zimmer zurück. Mit der

größten Sorge richtete ich darauf die für unsern Gast bestimmten

Gemächer zurecht! und es schien, als wäre ich in der kurzen Zeit unsers

Beisammenseyns, schon völlig in den Geist seines Wesens eingedrungen,

als wären mir alle seine Neigungen und Wünsche bekannt. Ich decorirte

die Wände seines Zimmers mit den vorzüglichsten Kupferstichen, die

ich mit Bewilligung meines Mannes aus allen Theilen unsers Hauses

zusammentrug; ich versah ein Bücherschränkchen mit den besten und

unterhaltensten Schriften die wir besaßen; ich schmückte die Fenster

mit Blumentöpfchen, die Tische mit Blumenvasen und Einfachheit suchte

ich mit der höchsten Reinlichkeit und Ordnung zu verbinden. Dabei war

meine Stimmung so ganz verschieden von der ehemaligen; ich gefiel

mir so wohl in den Hausmütterlichen Beschäftigungen, die mir sonst

eine Last waren, daß ich mir selbst räthselhaft erschien. Mein Gatte,

welcher in meinen Anordnungen nur die Gewährung seiner Wünsche fand,

dankte mir mit einer herzlichen Umarmung und führte, als ich alles

vollendet hatte, Ottmar in sein kleines Besitzthum. Als mich dieser

wieder sah, sagte er mit Innigkeit: «Wie kann ich der Schöpferin meines

höchst angenehmen Daseyns in diesem theuern gastfreundlichen Hause

genug danken! Ihr Gatte hat mich versichert: die liebliche Einrichtung

meines Zimmers wäre ganz ihr Werk. Kennt denn Eugenia so genau meine

Lieblings-Gegenstände, daß sie auch nichts vergaß, was mir Freude und

Genuß gewähren kann?» -- Ich erröthete und suchte nach Worten, welche

ihm meinen Antheil an seiner traurigen Lage, ruhig doch herzlich

versichern sollten. Er drückte mir die Hand und sagte: «ich bin nun

völlig mit meinem Schicksal ausgesöhnt und erwarte in diesen lieben

Umgebungen gefaßt den Freund, der mich aus der Erde Prüfungsschule in

das Land der Vollendung führen wird.» Ich blickte ihn ängstlich an. «Ja

meine Freundin!» fuhr er fort. «Ich habe dem Vaterland die Aussicht

auf ein langes Leben geopfert. Eine feindliche Kugel fuhr mir durch

die Rippen, auf der Seite wieder heraus und verlezte mir die innern

Theile so stark, daß ich täglich bedeutender die tödlichen Folgen

davon empfinde.» Ich fühlte Thränen über meine Wangen träufeln und die

Bewegung, in der ich mich befand, benahm mir das Vermögen auch nur

ein Wort hervorzubringen; aber er sah, was in mir vorgieng und sagte:

«Dank, tausend Dank für Ihr Mitleid, das aus Ihrem Auge spricht! aber

lassen Sie die Ueberzeugung: daß eine höhere Hand unser Geschick zu

unserm wahren Besten leitet, den Sieg über jede zu weiche Regung in

unserm Innern davon tragen. Auch ist es ja ein schöner Tod, der Tod

fürs Vaterland! Ich bin stolz darauf und darf es seyn, denn dieser

Arm hat, ehe er zerschmettert wurde, die Schmach der Unterdrückten

grimmig gerächt.» Er wurde bei dieser Aeußerung so heftig, daß mich

die Angst entsezlich ergriff: es möchte ihm Schaden bringen. Herzlich

froh war ich daher, als mein Gatte herein trat und Ottmar anbot: mit

ihm in eine Abendgesellschaft zu gehen. Ich war nun allein und forderte

mich selbst zu einer strengen Rechenschaft über den in so kurzer Zeit

gewaltig veränderten Zustand meines Innern auf. Sie gab mir Aufschluß

darüber, den ich nun auch dir theure Albina nicht vorenthalten will.

~Ich hatte nemlich noch nie geliebt!~ zur geistigen Eitelkeit

geneigt fand ich genug Befriedigung im eigenen Wissenschaftlichen

Forschen und in der Anerkennung meines Wissens von Andern. Diese

Neigung verdrängte jedes andere zartere und tiefere Gefühl und gab

meinem Geist eine ganz falsche Richtung. Ich hatte für nichts Sinn,

als für das, was Bezug auf die Vollendung meiner Verstandesbildung

hatte. Das Herz gieng völlig leer aus und wollte es hie und da unter

Menschen sein Recht geltend machen; so überstimmte es augenblicklich

der kalte hochmüthige Geist; der mich beherrschte. Mit dieser Gesinnung

lernte ich meinen Gatten kennen. Seine gründliche Gelehrsamkeit und

sein Gefallen an meinem Wissen, hieß mich seinen Wunsch nach meinem

Besitz Gehör geben, und aus diesem Gesichtspunkt betrachtete ich auch

mein ehliches Verhältniß zu ihm. Ich sah in ihm den einsichtsvollen

Lehrer, welcher in meinen Augen nun doppelte Verpflichtung hatte, mich

bei meinem wissenschaftlichen Streben zu unterstützen; hingegen seine

übrigen treflichen Eigenschaften glitten an meinem verblendeten Blick

leicht und ohne Werth vorüber. Mein Hauswesen war und blieb klein,

die wenigen, doch mir immer lästigen Geschäfte, welche ich nicht den

Dienstboten übertragen konnte, waren schnell besorgt und ich hatte viel

Zeit für meine Lieblings-Beschäftigung. Ich wurde nun Schriftstellerin;

tummelte mich aber immer auf dem Felde, mystischer Gegenstände und

wollte unserm Geschlecht durchaus gelehrte Speise auftischen, indem

ich philosophische und wissenschaftliche Gegenstände in ein gefälliges

Gewand kleidete. Der Beifall meines Gatten und der Recensenten, den

sie meiner Schreibart schenkten, ließ mich den Tadel verschmerzen, den

ich oft über den Gehalt der Werke selbst erfahren mußte. Da uns die

Vorsicht die Eltern-Freuden versagte, so konnte mein Herz auch von der

Seite der mütterlichen Gefühle auf keinen Zeitpunct hoffen, wo deßen

tieferes Empfindungs-Vermögen sein Daseyn beurkunden würde: allein

dieser Zeitpunct erschien dennoch, wenn auch etwas später und unter

andern Umständen.

Die Liebe hatte sichs vorbehalten, ihre Allgewalt an mir zu beweisen.

In der Person des Majors drang sie mächtig in mein Herz; ich konnte es

mir nicht abläugnen und diese Entdeckung machte auf mein Pflichtgefühl

einen betrübenden Eindruck. Es entstand ein heftiger Zwiespalt in

meinem Innern; die Gattin und die Freundin eines Leidenden, standen

gegeneinander auf und jede forderte ihre Rechte. Ich gelobte mir

endlich: mit der größten Vorsicht meine übernommenen Verbindlichkeiten

bei unserm Gaste zu erfüllen, doch streng das eigene Herz zu hüten,

damit es nicht nachgiebig der erwachten Neigung zu viel Raum gestatte.

Albina, das Blumenmädchen · 第 14 / 16 段