daß ich Feuer machen und Thee bereiten sollte; der gestrige Verdruß
habe dem Vater eine Unpäßlichkeit zugezogen. Ich fand ihn wirklich
bedeutend krank. Der Knecht wurde in die Stadt nach dem Arzt geschickt
und mehrere Tage verstrichen unter bangen Besorgnißen. An meine
Abreise in Jacobs Begleitung war nun sobald nicht zu denken, denn er
war von der Krankheit sehr mitgenommen und ohne jene war diese nicht
zu wagen: also sah ich sie mit geheimer Angst im Herzen auf lange
verschoben. Gertrud vermehrte dieselbe, wenn sie öfters bei ihrer
Rückkehr von der Stadt erzählte, wie die jungen Herrens schon am
frühen Morgen herumschwärmten und einer von ihnen ganz besonders sie
im Aug zu haben schien; ja sie einmal immer von fern, bis in einige
Straßen der Stadt begleitet habe. Bald darauf kam sie mit der Nachricht
zurück: das vielleicht jezt der Himmel für mich gesorgt habe. Denn
in einem vornehmen Haus, wohin sie täglich Milch trug, sey unter den
Dienstboten die Rede von einer Kammerjungfer gewesen, welche die
Herrschaft suche. Die Köchin, die uns (wie ich mich wohl erinnerte)
an der Kirmes besucht, und mich damals gesehen hatte erinnerte sich
nun meiner. Gertrud versprach, mich davon zu benachrichtigen und am
folgenden Tag wurde sie von der gnädigen Frau selbst beauftragt, mich
zu ihr zu schicken. In meiner Lage mußte mir jeder Ort der Entfernung,
wenn sie nur halb zu genehmigen war, erwünscht seyn und ich machte
mich also sogleich auf den Weg nach der Stadt. Ich fand in der Frau
von Steinfels eine liebe freundliche Dame, und unsere Unterhandlungen
waren schnell und zu meiner Zufriedenheit beendigt. Mit herzlicher
Trauer nahm ich von meinen redlichen Landleuten und ihren guten
Kindern Abschied. Auch sie waren alle tief betrübt doch tröstete sie
der Gedanke, mich jezt in Sicherheit zu wissen. Meine Fertigkeiten in
häuslichen und weiblichen Arbeiten, welche ich ganz allein den theuern
Vorsteherinnen des Instituts zu N* verdanke, erwarben mir bald die
Gunst meiner neuen Herrschaft, und ich hatte nicht Ursache über Etwas
Klage zu führen: desto schmerzlicher war es mir, als ich nach ein paar
Monaten abermals eine Störung meines Glückes gewahr werden mußte. Eben
war ich im Begriff meine gnädige Frau ins Theater anzukleiden, als
sich die Thür öffnete und ein junger Mann mit den Worten: «guten Abend
liebe Mutter!» eintrat. «Ey guten Abend Richard! erwiederte diese, hast
du endlich auch wieder einmal an das nach Hause kommen gedacht! was
machen die neuen Bewohner der alten Ritterburg?» nun erst betrachtete
ich den Angekommenen und erkannte in ihm einen der Barons, welche
meinen friedlichen ländlichen Aufenthalt so grausam getrübt hatten.
Ich zitterte daß mir die Stecknadeln, mit denen ich den Anzug der Dame
vollenden wollte, eine nach der andern entfielen. «Wie ist sie denn
so ungeschickt?» schmälte diese und ich nahm mich zusammen, so gut ich
konnte.
Richard schien mich nicht zu bemerken und unterhielt sich ganz
unbefangen mit der Mutter. Es vergiengen mehrere Tage und ich empfand
nichts von seiner Anwesenheit im Haus, was meine Angst vermehrt hätte.
Sie minderte sich nach und nach durch die Hoffnung, daß Richard
wahrscheinlich nur die Vettern immer begleitet, doch ihre Plane und
Absichten nicht getheilt habe. Allein bald wurde ich leider vom
Gegentheil überzeugt. An einem Abend, wo ich alleine im Haus zu seyn
glaubte, da meine Herrschaft mit dem Sohn sich in einer Gesellschaft
befand, stand auf einmal Lezterer vor mir, klagte, daß er nicht wohl
sey und ersuchte mich, ihm Thee zu machen. Ich mußte sein Verlangen
erfüllen und als ich ihm denselben brachte, sagte er: «ob ich schon
wisse, das der wackere Jakob in einem kostspieligen Prozeß mit der
Schloßherrschaft über ein Stückchen Land, das an deren Besitzungen
angränzt, verwickelt worden wäre, der ihn leicht um sein Vermögen würde
bringen können?» Ich erschrack heftig, und Zorn und Verlegenheit,
verbreiteten eine heiße Gluth in meinem Gesicht. Richard ergriff
meine Hand und sagte theilnehmend: «Gewiß, ich kann das Verfahren
meiner Oheims und meiner Vettern durchaus nicht billigen; ich war
lange Zeuge davon und erfuhr jeden ihrer Plane; daher hielt ich es
auch für rathsam, Ihnen liebes Kind, in dem Hause meiner Mutter einen
sichern Zufluchtsort zu verschaffen. Mir haben Sie es zu verdanken,
wenn es Ihnen bei uns wohlgefällt.» Ich wußte nicht, sollte ich mich
über diese Mittheilungen freuen oder ängstigen. Daß Richard ohne alle
Neben-Absicht so gehandelt habe -- dieses Edelmuths schien er mir nicht
fähig. Ich suchte auszuweichen, erwiederte einige höfliche Worte und
schloß mich dann in mein Kämmerchen ein, wo ich Gott an flehte, mich
aus dem gefährlichen Standpunct, worauf ich mich meiner Meinung nach
befand, zu schützen.
Richard ließ wieder einige Wochen verstreichen, ohne einen Versuch zu
machen, sich mir zu nähern: allein diese von ihm ergriffene Maaßregel,
konnte dennoch meine Wachsamkeit nicht einschläfern und bald bemerkte
ich, wie nach und nach seine erkünstelte Kälte sich in zunehmende
Freundlichkeit verwandelte, hielt mich desto entfernter von ihm und
da ich ihm jede Möglichkeit mit mir alleine zu sprechen benahm: so
suchte er den schriftlichen Weg der Erklärung; jedoch seinen Brief,
den er mir in Gegenwart der Eltern, als ein Schreiben, das ich auf die
Post bestellen sollte zu geben wußte, legte ich in seiner Abwesenheit
uneröffnet auf sein Zimmer und ein Zettelchen dabei, worauf ich ihm
bedeutete: daß ich ein zweites Schreiben unverzüglich seinen würdigen
Eltern übergeben würde. Wirklich verdienten diesen Beinahmen der
Baron Steinfels und seine Gattin und es schmerzte mich tief, wenn
ich bemerkte, mit welcher innigen Zärtlichkeit sie den Sohn liebten,
behandelten, und für ihn Sorge trugen der durch seinen Leichtsinn
dieser Gesinnung sich unwerth machte. Ein gutes Herz blickte indeßen
aus allen seinen Handlungen hervor, auch scheute er sich, die Eltern
zu beleidigen und bemühte sich daher in ihren Augen viel solider zu
erscheinen, als er war. In dieser Bemerkung lag viel Beruhigendes für
mich und ich kannte keine größere Sorge, als mir die Gunst meiner
gütigen Herrschaft zu erhalten, durch welche mich die Baronin dann
immer gerne und viel um sich sah. Richard war nach jener Begebenheit
mit dem Brief sehr ungehalten auf mich: allein je weniger ich mich
um ihn bekümmerte, desto mehr schien eine unglückliche Leidenschaft
für mich ihn aufzuregen. Er bewieß mir, nachdem sich sein Zorn gelegt
hatte, wieder mit der zartesten Aufmerksamkeit allerlei Artigkeiten
und bei einer großen Gesellschaft, welche seine Eltern gaben, gieng
er zu mir an den Theetisch, wo ich beschäftigt war und sagte zu mir:
«Antonie; Jacob und seine Familie ist sehr unglücklich geworden, wollen
sie mehr von ihnen hören, so gestatten Sie mir eine kurze Unterredung.»
Ich war einen Augenblick unentschloßen. Dankbarkeit und Sorge um meine
Ehre stritten miteinander. Doch bald trug die Lezte den Sieg davon. Ich
erwiederte: «In Gegenwart eines Dritten, soll jene Unterredung nicht
statt finden, das begreife ich wohl und ohne Zeugen ziemt sie sich
zwischen uns nicht. Gott helfe den armen Leuten! ich -- ~kann~
es nicht! --» Ein kleines Packetchen glitt aus Richards Hand auf den
Theetisch und er entfernte sich schnell. Es war überschrieben: «der
edlen Antonie zu wohlthätigen Zwecken.» Wieder ein neuer Kampf! Mit
diesem Gold es waren 2 Ducaten -- konnte ich meiner Sehnsucht: mich
gegen Jacob und seine Familie dankbar zu beweisen, ein Genüge leisten
und doch schien es mir gefährlich, mich Richard zu verpflichten. Nach
reiflicher Ueberlegung entschied ich -- und er fand auch dies Geld am
Abend wieder auf seinem Schreibtisch. Nun aber, war er fürchterlich
gereizt und kaum fähig, sich in Gegenwart seiner Eltern, wo er mich
nur sahe zurückzuhalten. Aengstlich schlug mir das Herz wenn ich seine
wild rollenden Augen, seine finstere Stirne, seinen verbißenen Grimm
bemerkte. Aber konnte ich anders handeln? -- ich vertraute also fest
auf den Schutz Gottes und hatte auch den Muth stille zu stehen, als
er mir auf einem Gang vor die Stadt, wozu mich die Baronin in seiner
Gegenwart beauftragt hatte, nacheilte. «Antonie!» rief er stark und
heftig. Ich wandte mich um und sagte: «Herr Baron! es ist sehr unedel
ein Mädchen zu verfolgen, das keinen andern Reichthum hat, als seine
Ehre.» Er fieng nun an, mir Vorwürfe über mein Betragen zu machen,
seine leidenschaftlichen Empfindungen für mich zu schildern und mir
zu versichern: daß ich durch Wiederstand meine Lage verschlimmern
würde. Zugleich wollte er die Grenzen der Achtung und Bescheidenheit
übertretten und seiner Leidenschaft den Zügel lassen. Wir waren
indessen an einen Teich gekommen und entschloßen schwor ich bei allem
was heilig ist: augenblicklich meinem Leben ein Ende zu machen, wenn er
nicht wieder die gehörige Herrschaft über sich gewinnen und mich ruhig
anhören wolle. Bei dieser Versicherung trat ich an das äusserste Ende
des Ufers. Er zog mich ängstlich zurück und versprach mir schuldige
Mäßigung.
Ich bot nun meine ganze Beredsamkeit auf, ihm das Verwerfliche
seines Benehmens mit den grellsten Farben darzustellen; ich ließ die
verlezten Pflichten gegen Gott und die Tugend, gegen seine Eltern und
gegen ein armes verlaßenes Geschöpf in Begleitung aller Qualen der
zu späten Reue gegen ihn auftretten und entwarf ihm das Bild eines
Jünglings, der, Herr seiner selbst rein und schuldlos aus dem Kampf
mit Verführung und Leidenschaft herrlich wie der Phönix aus der Asche
hervorgeht. Ich gestehe es, ich war in Begeisterung, die sich zulezt
in unbeschreibliche Rührung auflößte. Richard gieng lange still, und
mit niedergeschlagenen Augen neben mir. Als ich aber immer lebhafter
sprach, blieb er einigemal stehen und blickte mich staunend an; und
als ich weich wurde und Thränen über meine Wangen träufelten: da nahm
er sein Taschentuch, trocknete sie sanft und dann auch sich damit die
feuchten Augen; umfaßte mich endlich und küßte mich ehrerbiethig auf
die Stirne. --
«Antonie!» sprach er feierlich, als ich geendigt hatte: «du hast mein
Herz zerrißen: denn ich liebe dich! warlich! ich muß dich lieben und
-- kann dich nicht besitzen, das sehe ich ein. Doch du hast mich
für die Tugend auf ewig gewonnen. Wehe den Verführern auf jener
Burg! deren Beispiel mich verleiten konnte, ein solches Wesen zu
ängstigen! Vergieb mir! und nimm den Lohn mit dir: in dem Bewußtseyn:
eine Seele gerettet zu haben! --» Er drückte meine Hand an sein
Herz, hob das Auge gen Himmel und ein paar große Thränen perlten ihm
über das Gesicht. Auch ich mußte weinen, doch durchdrang mich ein
unaussprechlich beseeligendes Gefühl. Gerührt dankte ich Richard für
seine tröstlichen Versicherungen und bat ihn nun, um nähere Nachrichten
von Jacobs Schicksal, das mich tief bekümmerte. Ich erfuhr, daß dieser
in jenem Prozeß, durch einen ränkevollen Advocaten, der sich von
der Gegenparthey bestechen ließ, den größten Theil seines Vermögens
verlohren hatte und genöthigt wurde sein Gütchen zu verpfänden, daß
dieß endlich ganz seinen Schuldnern anheim gefallen sey, er das Dorf
verlassen habe, wo er einst glücklich war und an einem andern Ort sich
mit seiner Familie durch Taglohn den ärmlichen Unterhalt verdiene.
Innig beklagte und beweinte ich das Schicksal dieser Redlichen. Richard
versprach mir, die Armen nach Kräften zu unterstützen, da er beschämt
sich gestehen mußte: daß auch er einen kleinen Antheil an dem Unglück
derselben habe.
Nach diesem Ereignis betrug sich Richard mit Resignation und Würde,
aber auch unverkennbar war die Anstrengung, mit welcher er seine
Neigung zu bekämpfen suchte. Dieß schmerzte mich und ich faßte den
Entschluß, durch meine freiwillige Entfernung es ihm zu erleichtern.
Doch wohin? das war die große Frage. Einen andern Dienst zu suchen,
dünkte mir eine unverdiente Kränkung für meine jezige Herrschaft zu
seyn, da sie mir durchaus keine Veranlassung zu einer Veränderung
meiner Lage gab, und ausserdem war ich ohne alle Freunde und Bekannte.
Zu einer Reise ins Vaterland aber, war meine Baarschaft, welche sich
wohl im Hause des Barons ziemlich vermehrt hatte, noch zu gering, denn
ich wußte aus Erfahrung, wie viel bei der sparsamsten Einrichtung
doch unterwegs aufgezehrt werden konnte. Mir fiel wohl die in Waldsee
verheirathete Schwester der wackern Gertrud bei, welche mich damals,
nach dem Plan der Leztern hatte aufnehmen sollen: allein wie konnte
ich mich den Verwandten der Familie nähern, welche durch mich
unglücklich geworden war! In der Zeit, als ich so mit mir zu Rathe
gieng, erschien auf einmal Gertrud und äusserte: daß sie und Jacob
nicht länger hätten den Wunsch unterdrücken können, wieder einmal
etwas näheres von mir zu hören und mir für die reichlichen Geschenke,
die sie zuweilen erhielten, zu danken. Erstaunt und gerührt erkannte
ich den edlen Geber und nannte ihn auch Gertruden; eröffnete ihr aber
zugleich mein Verlangen, irgend eine andere Unterkunft zu finden, da
mich gewiße Verhältnisse dazu nöthigten. Gertrud verwies mich abermals
an ihre Schwester und da ich ihr meine Bedenklichkeit entgegensezte,
versicherte sie mich herzlich: daß Niemand den geringsten Groll gegen
mich empfinde, daß sie bei ihrer Armuth zufrieden und also auch ihre
Verwandten darüber ganz ruhig seyen. Sie versprach mir, bei ihrer
Schwester Anfrage zu halten und mich von dem Erfolg zu benachrichtigen.
Statt der Antwort kündigte sich nach Verlauf von einigen Wochen ein
junger Mann, als den Sohn jener Leute bei mir an, mit der Zusage seiner
Eltern auf meine Bitte, und mit dem Vorschlag mich sogleich dahin zu
begleiten. Ich ersuchte ihn ein paar Tage im Gasthof zu verweilen,
schrieb einen Brief an Richard, worin ich ihm meinen Vorsaz, und die
Gründe, welche ihm das Entstehen gaben, mittheilte; und bat die Eltern
um meine Entlassung, mit dem Vorgeben: jene Leute wären nahe Verwandte
von mir und wünschten mich unverzüglich bei sich zu haben. Ungern wurde
mein Verlangen bewilligt; auch verweilte ich noch so lange im Haus, bis
sich eine Stellvertretterin fand, die ich einzuweisen mich verpflichtet
hielt. Dann schied ich mit Rührung von den Edlen, die mich so liebreich
so menschenfreundlich behandelt hatten. Richard sah ich nicht mehr; er
hatte sich auf einige Wochen vom Hause entfernt.
Mit Georg, so hieß jener junge Mann, trat ich nun meine Wanderschaft
nach Waldsee in Schwaben an und wurde von seinen Eltern so ziemlich
herzlich empfangen: doch gewahrte ich in den ersten Augenblicken
einen überaus großen Unterschied zwischen den beiden Schwestern und
fühlte mich in der neuen, ganz eigenen Sphäre in der ich mich befand,
lange, ja beinahe gar nicht, heimisch. Bei treuherzigen Landleuten,
bei der gebildeten Menschen-Classe und vor diesen allen, in dem Kreiß
liebender und geliebter Freunde, öffnete sich mein Herz und Sinn allen
den eigenthümlichen Vorzügen jener Umgebungen; sie zogen mich an; sie
harmonirten mit meinem ganzen Wesen; sie befriedigten mich. Nicht so
der wohlhabende bürgerliche Mittelstand, dessen tadelnswürdige Seite
in dem Haus zu finden war, in welches ich jezt als Genoßin trat. Ich
wurde wohl anfangs freundlich behandelt und ein, doch weit geringerer
Grad Gutmüthigkeit machte Frau Brigitta ihrer Schwester etwas ähnlich.
Uebrigens stieß ich immer auf Spuren von Beschränktheit des Geistes,
auf kleinliche Ansichten und Neigungen und überall war die Uebermacht
eingebildeter Vorzüge sichtbar. Unter solchen Verhältnißen war mir
meine Existenz drückend und ich sehnte mich von ganzer Seele hinweg:
jedoch, bis sich eine andere Gelegenheit darbot, beeiferte ich mich
doppelt durch alle möglichen Dienstleistungen, die Bereitwilligkeit,
mit welcher ich aufgenommen wurde, zu vergüten: denn ich begrief sehr
gut, daß ich hier bald lästig werden könnte.
Von den ebengenannten Fehlern schien indeßen Georg ganz frei zu
seyn. Er hatte für seinen Stand so viele richtige Bildung, so tiefes
Gefühl und überhaupt einen so rechtlichen Charackter: daß ich ihm
die verdiente Werthschätzung im Stillen nicht versagen konnte. Auch
er betrug sich achtungsvoll gegen mich und suchte mir durch allerlei
kleine Gefälligkeiten den Auffenthalt in seinem Hause recht angenehm zu
machen. Ich konnte es deutlich merken, daß er es schmerzlich fühlte,
wenn irgend eine unzarte Erwähnung meiner gemachten Erfahrungen
von Seite seiner Eltern mir wehe that und überhaupt rügte er, zwar
bescheiden, doch ernst, jedes Benehmen der Seinigen, das Eigensinn,
Hochmuth und Rohheit verrieth.
In eine peinliche Verlegenheit gerieth er an einem der ersten Sonntage,
den ich bei ihnen verlebte:
Brigitta erzählte bei Tisch, daß Georg versprochen sey; ich äusserte
meine Theilnahme, er aber wurde blutroth im Gesicht und machte Miene
sich zu entfernen. «Du bleibst!» sagte der Vater heftig. «Was soll das
heißen? schämst du dich deiner Braut?» «Das hat er nicht Ursache,» fiel
Brigitta ein. «Rosinchen ist ein braves, sparsames, fleißiges, Mädchen,
ist recht hübsch und hat überdies viel blanke Thaler.»
Georg rückte auf seinem Stuhl hin und her und wischte sich den Schweis
vom Gesicht. «Du bist ein recht läppischer Junge!» sagte der Alte
zürnend, «meinte man denn nicht, es wäre ein Verbrechen, daß du dein
Liebes hast!» «Sie wird sie heute kennen lernen Jungfer, sagte die
Mutter zu mir und gewiß ~unsere~ Wahl billigen.» «Armer Schelm!
dachte ich im Stillen, Du hast also nicht gewählt; --»
Nachmittag wurde der Kaffeetisch zierlich gedeckt; die Kannen, die
Tassen von blauem Porzelan herbeigeholt; der bestellte, ungeheuer
große Kuchen kam vom Nachbar Beckermeister und wurde auf den Tisch
gestellt und die Anzahl der Stühle, welche man einstweilen herumsezte,
so wie die der Kaffeetassen, ließen auf eine starke Gesellschaft,
welche kommen würde schließen. Bald erschienen auch einige Vettern
und Baasen, nebst den Eltern Rosinchens und sie selbst. Georg hatte
vorher seine Mutter in die anstoßende Kammer geführt und ich hörte sie
stark sprechen. Als sie wieder hereintraten vernahm ich von Brigitten
noch die Worte: «Ich werde thun, was mir gut däucht;» wahrscheinlich
war von meiner Herkunft die Rede und unter welchem Namen ich bei der
Gesellschaft erscheinen sollte: denn da mich Brigitta derselben als
eine arme weitläuftige Verwandte vorstellte, welche bei ihnen Aufnahme
gesucht und gefunden habe -- drehte sich Georg unwillig auf dem Absatz
herum, biß sich in die Lippen und wurde feuerroth. Ich erbot mich:
den Kaffe zu kochen und Georg schlich mir in die Küche nach, ergrif
meine Hand und sagte leise mit niedergeschlagenen Augen: «Antonie,
wollten Sie nicht den schönen Herbsttag benützen und die Umgebungen
des Städtchens auf einem Spaziergang kennen lernen?» Ich verstund ihn,
doch sagte ich: «warum? Ihre Eltern könnten es nicht gerne sehen.»
«Ach!» sezte er ängstlich hinzu: «Unser Besuch und das, was er mit
sich bringt, paßt durchaus nicht für Sie.» «Guter Georg!» erwiederte
ich «seyn Sie unbesorgt; ich habe mich in manches finden gelernt.»
Wir hörten die Stubenthüre knarren und er entfernte sich schnell.
Wohl fühlte ich bald, daß er recht voraus gesagt hatte. Lächerliche
Höflichkeit, plumper Scherz stolze Anmaßung charackterisirte den
versammelten Zirkel und Rosinchen -- ach wie beklagte ich den
armen Georg! Rosinchen erschien mir als ein eitles, hochmüthiges,
herrschsüchtiges Mädchen, ohne allen innern Gehalt. Sie erwiederte
meine, ihr um Georgs willen bewiesene freundliche Annäherung, mit
verächtlicher, hämischer Zurücksetzung und der Bräutigam wurde von
der Verlobten und von den beiden Aelternpaar wahrhaft tyrannisirt.
Sobald ich konnte, flüchtete ich mich in mein Kämmerchen. Es war im
Erdgeschoß und sein Fenster gieng in den kleinen Hofraum des Hauses.
Auf einmal wurde leise daran gepocht. Ich blickte auf, Georg stand vor
mir und reichte mir mit nassen Blicken ein Glas Wein und ein Stück
Kuchen hinein. «Was soll das:» fragte ich. «Nehmen Sie doch!» bat er
«und ein freundliches Wort von Ihnen soll mich stärken, mein trauriges
Schicksal, das ich heute mehr als jemals fühle, gedultig zu ertragen.»
«Getrost Freund!» sagte ich ermuthigend zu ihm: «der Vater im Himmel
verläßt seine Kinder nicht und sie sind fromm und gut!» Er drückte mir
seufzend die Hand und gieng.
Die folgende Zeit war Georg unbeschreiblich traurig. Er sprach den
ganzen Tag bei seiner Arbeit kein Wort und trocknete sich oft im
Geheim die Augen. Die Eltern schmälten mit ihm und ich bemerkte, wie
ihre Freundlichkeit gegen mich zusehends abnahm. Der Mutter Blick
ruhte oft lange auf mir und dann auf ihrem Sohn finster und forschend.
Ich hütete mich wohl, eine Veranlaßung zu irgend einem Argwohn zu
geben, hielt mich beständig um Frau Brigitta herum und suchte ihr so
gefällig als möglich zu seyn. Demohngeachtet, als ich an einem Morgen
aus meinem Kämmerchen in die Stube gehen wollte, hörte ich einen
gewaltigen Lärm darin: der Vater polterte: die Mutter schrie, Georg
sprach heftig und laut. Ich hörte ihn sagen, als ich zitternd stehen
blieb: «Ich kann Rosinen nicht heirathen, und ihr könnt mich durchaus
nicht zwingen, eher gehe ich in die weite Welt.» Die Mutter kreischte.
«Seht den Trotzkopf! die fremde Jungfer hat dich berückt, darum ist
jezt das brave Rosinchen in deinen Augen nichts mehr, aber warte --
jene sollst du mir nicht kriegen oder ich lege mein Haupt nicht sanft;
ich enterbe dich, ganz enterb' ich dich und sie muß mir heute noch
aus dem Haus.» «Das ist das beste Mittel» fiel der Alte ein. Georg
erwiederte nun sanfter und bittend: «Laßt es doch dem armen Mädchen
nicht entgelten! sie ist ja ganz unschuldig und ich verlange sie auch
nicht; aber was kann sie und ich dafür, daß Rosina durch Vergleiche
mit ihr ganz verlohren hat, ich konnte sie gleich Anfangs nicht lieb
gewinnen und nun ist sie mir vollends zuwieder. Kurz ich heirathe
diese und jene nicht und damit hat es ein Ende.» Ich hörte ihn der
Thüre sich nähern und eilte in meine Kammer zurück. Bald darauf kam
die Mutter und kündigte mir mit trockenen Worten an: daß ich eine
andere Unterkunft suchen möchte, da sie mich nicht länger behalten
könnte. Damit gieng sie fort und schlug die Thüre hinter sich zu,
daß alles zitterte. «Großer Gott!» sagte ich zu mir selbst. Bin ich
denn nicht ein wahrer Unglücksvogel der wo er sich zeigt, das Glück
anderer stört! Indeßen so wenig ich wußte, wohin ich mich jezt wenden
und was aus mir werden sollte, war es mir dennoch unmöglich, einen
Augenblick länger als es seyn mußte, in diesem Haus zu verweilen.
Ich packte mein Wanderbündelchen, nahm kurz Abschied und gieng fort.
Georg war ausgegangen. Als ich um die Straßen-Ecke herumbog, kam
er mir entgegen. «Wie Antonie?» frug er erstaunt -- «was soll das
heißen?» -- «Der Mutter Wille ist es, erwiederte ich, daß ich Ihr Haus
verlaße.» Georg glühte vor Zorn und wollte mich durchaus bewegen,
wieder mit ihm zurückzugehen. Ich aber bat ihn, mich ruhig meinem
Schicksal zu überlassen und lieber darauf zu denken, das Seinige durch
ein kindliches Betragen gegen die Eltern zu verbeßern. «Antonie kann
nicht wollen, daß ein freier Mensch sich selbst zum Galeerensclaven
machen soll, versetzte er.» «Das nicht, antwortete ich, aber sanfter
Ernst richtet mehr aus, als heftige Wiederspenstigkeit und der Himmel
belohnt den ~guten~ Sohn.» Seine Augen füllten Thränen. Er sagte:
«wahrhaftig die Trennung von Ihnen wird mir sehr schwer. Erleichtern
sie mir dieselbe liebe Antonie und gewähren Sie mir in der Annahme
eines kleinen Angedenkens meine ~lezte~ Bitte.» Mit diesen Worten
zog er einen Beutel aus der Tasche, drückte mir denselben in die Hand
und eilte mit einem Lebewohl um die Ecke herum.
* * * * *