Die Abendstunden abgerechnet, wo sich Ferdinand Ottmarn wiedmen konnte,

war dieser den ganzen Tag allein auf ~meinen~ Umgang beschränkt

und angewiesen. Ausser unserm Hause wollte er keine Bekanntschaft

anknüpfen und schien nichts zu wünschen, als immer in meiner Nähe

seyn zu können. So redlich mein Wille und Vorsatz war wenn ich mich

allein befand: die gehörige Herrschaft über mich und meine Gefühle zu

behalten; so schwer wurde es mir, ihm treu zu bleiben, wenn der Major

Hülfe bedürfend mit weicher bittender Stimme sich an mich wandte, wenn

er neben mir saß und von seinen frühern Erfahrungen offen und herzlich

zu mir sprach, oder wenn ein lang verhaltener körperlicher Schmerz

ihm eine sanfte Klage entlockte; inniges Mitleid riß mich dann zu den

theilnehmensten Aeußerungen, zu der aufmerksamsten Sorge für ihn hin:

oder wenn ich ihm vorlas und seine gehaltreichen, richtigen Urtheile

hörte, wenn er absichtslos scheinend, über meine sonstigen Ansichten

und Grundsätze, gleich als über die, einer dritten Person sprach und

durch seine ausgesprochenen Meinungen, die Meinigen sanft und schonend

zu berichtigen strebte: dann regte sich das sehnsüchtige Verlangen in

mir: ihm meine Achtung doch recht beweisen zu können; oder wenn er

endlich gar mit dem ihm eigenthümlichen Feuer mir versicherte: was

ihm meine Freundschaft, meine Pflege, meine Unterhaltung gewähre,

wenn er mir für jede kleine Dienstleistung mit einem Blick, mit einem

Händedruck dankte, in welchem stille verborgene Liebe brannte: dann

begann der Kampf in mir aufs Neue und in solchen Fällen konnte ich

nur durch die Flucht der Gefahr entgehen, mich nicht zu verrathen;

ich entfernte mich dann unter irgend einem scheinbaren Vorwand und

kehrte gefaßter zu ihm zurück. Doch der Zeitpunct nahte, wo jede meiner

Vorsichts-Maßregeln durch die Macht des Augenblickes niedergeworfen

wurde, wo sich mir -- ach nur für einmal! ein großes edles

Menschen-Herz ganz enthüllte und ich die heiligste Stunde meines Lebens

feierte.

An einem Abend, an welchem mein Gatte durch eine Einladung zu einem

Collegen abwesend seyn mußte: saß Ottmar auf unserm, nach Landessitte,

gleich einem Zimmer garnirten Vorplatz, welchen noch einige, in voller

Blüthe prangende Orangen-Bäume zierten, an meiner Seite. Wir hatten

Thee zusammen getrunken, wobei ich ihm den gewöhnlichen Beistand

leistete. Er schien mir kränker und in einer besonders weichen

Stimmung, die auch mir sich mittheilte, so, daß ich mir immer Etwas

zu schaffen machte, um meine Rührung zu verbergen. Unter andern brach

ich von einem der Orangen-Bäume einen blühenden Zweig und legte ihn

vor Ottmar hin. «Ein frischer Schmuck für Ihre Vase lieber Freund!»

sagte ich, «doch entfernen Sie ja diese Blüthen bei Nacht aus Ihrem

Zimmer, ihr Duft ist zu stark, er könnte Ihnen schaden.» Er sah mich

wehmüthig lächelnd an -- «Schaden?» -- wiederholte er; «bald kan

mir nichts Irdisches mehr schädlich seyn. Theure Eugenia! wie diese

Blüthen nur als Treibhaus Pflanze ~hier~ gedeihen können und

in ihrem eigentlichen Vaterland kräftig und in Fülle empor streben:

so wird meine Seele, deren Gefühle ~hier~ auf Erden nicht

alle hervorbrechen konnten und durften, sich bald ~jenseits~

in ihrer Heimath entfalten. Dort,» er drückte mir heftig die Hand,

«ist das Feuer, das ich in mir trage, eine heilige Gluth, hier

ist es eine versengende Flamme. Eugenia ich sterbe bald! -- Ein

starker Bluthusten, der mich kurz vorhin überfiel, giebt mir diese

Ueberzeugung. Traure nicht geliebtes Wesen!» fuhr er fort, als ich das

Tuch vor die weinenden Augen hielt. «Es ist gut daß ich sterbe -- o der

schrecklichen Möglichkeit: daß ich dein Leben vergiften könnte! und

das Meinige wäre mir künftig eine Qual; so aber scheide ich schuldlos

und ruhig: denn ich habe mit meiner Leidenschaft redlich gekämpft und

wenn dies Herz stille steht, wird meine Freundin des armen Pilgers, der

ihr auf dem Lebensweg begegnete, freundlich und vorwurfsfrei gedenken

können. Nicht wahr?» -- Ich reichte ihm still weinend die Hand. «Mach

mich nicht zu weich liebe Eugenia!» fuhr er fort. «Ich habe dir noch

viel zu sagen, ehe der Tod mir den Mund verschließt und -- ich weis

es -- es sind mir nur noch wenige Stunden dazu vergönnt. Sie sind mir

deswegen um so feierlicher und ich will sie benützen, um einen ewigen

Bund von höchster Wichtigkeit zwischen uns zu schließen. Bist du es

zufrieden? und darf ich ohne Rückhalt mein Herz dir eröffnen? --»

«Ottmars reiner Sinn bürgt mir für Alles!» erwiederte ich tief

gerührt. «Dank für dies beseeligende Vertrauen!» sagte er und drückte

meine Hand an sein Herz. «Ich will es verdienen. Ich will dir alle

meine, in deiner Nähe gesammelten Beobachtungen und ihre Resultate

mittheilen. Sie gründen sich auf eine vieljährige Erfahrung und

Menschenkenntniß; auf eine unaussprechliche aber reine Liebe zu dir

und auf den heißen Wunsch, dich, durch dich selbst recht glücklich zu

machen.» Auf seine Bitte rückte ich näher zu ihm, da ihm das laute

Sprechen schwer wurde und gab ihm das vom Arzt verordnete _Gelée_

zur Erfrischung. Während einer kleinen Ruhe, die er sich gestattete,

wo er mit zurückgebogenem Haupt auf dem Sopha-Kißen ein wenig zu

schlummern schien, bemerkte ich mit tiefem Schmerz in dem blaßen,

aber männlich schönen Antlitz, die Spuren einer baldigen Verklärung

und ließ ungehindert meinen Thränen freien Lauf. Endlich richtete er

sich mühsam wieder auf und sagte: «Ich fühle mich wieder etwas stärker

und nun laß mich aber von der mir noch geschenkten kostbaren Zeit

nichts mehr verliehren.» Seine lezte wichtige Rede, welche er, oft

von heftigen Husten unterbrochen und mit zuletzt immer mehr heisser

werdenden Stimme sprach, habe ich bald nach seinem Hinscheiden

aus meinem Gedächtniße hervorgerufen und niedergeschrieben, um sie

dem möglichen Vergessen zu entziehen. Es sind festliche Stunden

in denen ich sie zur Hand nehme und mir jene heiligen Augenblicke

vergegenwärtige. Diese Worte bewähren dann jedesmal ihren segensreichen

Einfluß auf meine Denk- und Handlungsweise und neue Kraft zur Tugend,

zur treuen Erfüllung meiner Gelübde gewähren sie mir.» Eine steinerne

Bank unter einem dicht belaubten Kastanienbaum lud die Freundinnen

auf dem Wege ein, hier auszuruhen; sie setzten sich Arm in Arm und

beobachteten lange ein tiefes Stillschweigen. Ein sanftes Säuseln in

den grünen Wipfel, däuchte ihnen wie Geisterwehen; in der ländlichen

Stille unterbrach nichts den hohen Flug ihrer Gedanken, welche sich

ungestört mit überirdischen Gegenständen beschäftigten. Endlich zog

Eugenia aus einem Brieftäschchen ein Blatt Papier hervor und sagte:

«Hier ist das theure Vermächtnis meines vollendeten Freundes -- Ganz

ist dieser feierliche Augenblick dazu geeignet dir meine Albina es

mitzutheilen. Mir ist, als wäre Ottmars Geist uns recht nahe! o wohl

mir, wohl mir, daß ich mit einer himmlischen Ruhe mich darüber freuen

und seiner gedenken kann! hier» (sie deutete auf die Brust) «hier ist

es so stille, wie es jezt in der Natur um uns her ist. Ja Albina!

deine reine Seele wird in dem, was ich dir noch eröffnen will, gewiß

nichts finden was sie verdammen müßte. Vernimm also die lezten Worte

meines Freundes: Er begann: «Meine Eugenia ist in einem ihr selbst

unbekannten reichen Besitz der herrlichsten Gefühle, vereinigt mit

einer Stärke des Geistes, welche mich in dem Entschluß befestigt

~alles~, was in Beziehung auf sie und mich, schon lange mich

beschäftiget, ihr anzuvertrauen. Bei einer andern deines Geschlechts

würde ich es nicht wagen. Du aber verstehst mich, das bin ich gewiß,

du vermagst allen meinen Aeußerungen die rechte Deutung und Anwendung

zu geben; so laß mir denn gestehen, daß ich meine Freundin, wie mich

selbst kenne, daß ich durch stille Beobachtung deines ehelichen

und häuslichen Verhältnißes und aus den Producten deines Geistes,

welche mir Ferdinand mittheilte, und welche nicht den Kreiß, in dem

sich das Weib alleine bewegen soll, sondern einen Außergewöhnlichen

durchschreiten, mit Schmerz gewahr wurde: daß meine Eugenia den Weg

verfehlte, den ihr Geschlecht wandeln soll. Die steile Bahn, welche uns

Männern vorgezeichnet ist, lockte sie, durch den von fern her winkenden

Loorbeer und auf diesem Pfad blühten ihr nicht die Blumen, welche durch

ihren Duft, den weiblichen Sinn für eigenthümliches Wirken, und für die

ihm verliehenen Genüsse und Freuden empfänglich machen.

Indeßen konnten diese Bemerkungen, den Eindruck nicht schwächen, den

dein Anblick bei mir bewürkte und den deine zarte Sorge für mich,

deine traulichen Mittheilungen, deine geäußerten Grundsäze und dein

würdevolles Betragen verstärkten. Die tiefste Achtung gesellte sich

zur feurigsten Liebe. Als ich durch dies alles bei dir das innigste

Mitleid, als ich -- o laß mich, laß mich mein Glück aussprechen, als

ich hie und da einen Strahl der Liebe durchbrechen sah: da gewann

meine Leidenschaft die höchste Stufe. Doch Gottlob! Ottmar würdigte

sich nicht selbst durch ein Vergehen herab, das in seinen Augen

unverzeihlich schien. Die Gastfreundschaft, das Vertrauen deines

würdigen Gatten wollte ich nicht mißbrauchen, dir meine Eugenia den

sichtbaren Kampf mit der Pflicht nicht geflissentlich erschweren.

Ach, nur in ganz glücklichen Augenblicken, wo mich deine Nähe so

unaussprechlich beseeligte, drohte die verhaltene Flamme hervor zu

brechen. Gewiß! dieser Kampf hat auch meine Lebenstage verkürzt, aber

dennoch ist mir die Erinnerung daran ewig theuer. O mit welcher hohen

Freude bemerkte ich, daß meine Eugenia durch den Schwesterlichen

Umgang mit ihrem Freunde immer und immermehr sich der schönen

Eigenthümlichkeit ihres Geschlechts näherte! Wie gerne sah ich,

während mancher, Rührung erregenden Unterhaltung, Thränen in diesem

Auge glänzen, welche sie vorher streng in ihren Schriften, als eine

leicht zu mißbrauchende Weichheit verurtheilte. Ich empfand es tief:

so, nur so kann meine Freundin glücklich werden und glücklich machen.

Den zerstörenden Feind in meinem Körper fühlend, wollte ich noch die

wenigen Tage, den süßen Duft der mir heimlich blühenden Blume, eines

stillen verborgenen Glücks, ~alleine~ genießen und durch eine

voreilige Berührung den zarten Kelch mir nicht selbst verschließen;

faßte aber den Entschluß: bei der Annährung meines Todes jene Blume

auch für Andere, vorzüglich für deinen Ferdinand zu erhalten zu suchen.

Der Augenblick ist gekommen!» fuhr er fort, ergrif meine Hand und sah

mir mit einem seelenvollen Blick ins Auge.

«Der Sterbende -- ich betrachte mich als einen solchen -- muß jede

Hülle abwerfen und so will ich denn auch frei und offen dir bekennen!

daß ich dich Eugenia liebte, wie noch kein weibliches Wesen auf Erden!

daß ich diese Liebe mit hinüber nehme in die beßre Welt und dort

sehnsüchtig des Augenblicks harren werde, wo ich dir entgegen eilen und

die Freuden der Ewigkeit mit dir theilen werde können. Gieb mir den

Trost mit in die bange Sterbestunde, daß auch du mich geliebt hast!» Er

hielt inne und Thränen füllten seine Augen.

Meiner nicht mehr mächtig, sank ich weinend ihm an das Herz. Er drückte

mich sanft an sich und sagte: «O der seeligen Minute! wie versüßt sie

mir den Tod! aber Eugenia, daß sie nie reuevoll uns erscheine, so sey

dies Bündnis unserer Seelen geheiliget durch fromme Vorsätze.

Ich habe deinem Gatten nichts geraubt: denn du hast ihn nicht geliebt!

Mir Glücklichem war dies Gefühl in deinem Herzen aufbewahrt. Aber

Ferdinand ist gut und edel, ist dein Gatte und verdient, daß du ihn

mit inniger, und zärtlicher Achtung zugethan bleibst -- auch deine

Zufriedenheit wird dabei gewinnen und ich werde mich dort freuen,

etwas dazu beigetragen zu haben. Ich scheide -- die Liebe zu mir

wird in deiner Brust einen heiligen Charakter annehmen. Liebe ist

kein Verbrechen, nur die Leidenschaft ist es und verklärte Geister

kennen keine Leidenschaft, und erwiedern sie auch nicht. Liebe ist der

Grundton im Universum. Liebe verbindet die Menschen mit Gott, die Engel

mit den Menschen, die Sterblichen untereinander. Dieses Band Eugenia,

das du ehedem zu verschmähen schienst sollst du ehren und dich damit

schmücken; es ist die schönste Zierde des Weibes. So liebend, darfst

du auch meiner gedenken, als deines treuesten Freundes, als deines

Schutzgeistes. O ich will -- ist es mir vergönnt, immer dich umschweben

und es wird meine Seeligkeit erhöhen, wenn meine Freundin auf den nun

betrettenen Pfad, immer weiter zur Vollendung schreitet; wenn sie die

Pflichten der Gattin in ihrem ganzen weiten Umfange erfüllt, wenn sie

für Anderer Wohl und Weh ein immer gleich offenes Herz darbietet,

und nicht mehr durch kalte Sophisterei die beßern Empfindungen

verdrängt, sondern was die Edlen ihres Geschlechts seyn sollen, als

sanft tröstender, mitfühlender, rettender Genius, unter den Menschen

wandelt.» «O Ottmar!» rief ich tief erschüttert aus, «ich will es!

nimm das feierliche Versprechen, daß ich stets dieser Stunde gedenken

werde. Ja, ich gestehe es dir -- die Liebe zu dir hat mich veredelt und

auch in Zukunft wird sie als stärkender Engel mich begleiten durchs

Leben.» «Heiliger Gott!» sagte er, mich an sich drückend, den schon

matten Blick, in welchem noch einmal Feuer zurückkehrte, gen Himmel

hebend -- «heiliger Gott! wie weise und gütig sind deine Wege! du hast

mich durch mein Leiden veranlaßt, Trost bei guten Menschen zu suchen;

ich habe noch mehr gefunden, Liebe, beglückende Liebe wurde mir zu

Theil! und vergönnt war es mir, einer theuern Seele Wohl und Heil zu

befördern und das der meinigen damit zu begründen. Nun sind wir Eins

hier und dort in der Liebe zu dir und deinen Geboten! und die lezte

Zeit meines Erdenaufenthalts hast du mir guter Gott da angewiesen, wo

sie mir so genußreich verstrich und wo ich schon den Vorschmack deiner

himmlischen Freuden empfand. Wie huldreich und gnädig ist Gott!» -- Mit

diesem frommen Gebet beschloß mein edler Freund seine schöne irdische

Laufbahn.» -- Eugenia faltete hier das Papier zusammen und feierte

stille und mit Thränen, das Andenken dieser schmerzlich süßen Stunde.

Auch Albina war höchst gerührt, wollte aber die Freundin durch keine

Aeußerung in ihren heiligen Empfindungen stören. Nach einer Weile fügte

Eugenia mit zurückgekehrter Fassung noch folgendes jener schriftlichen

Mittheilung bei. «Erschöpft sank Ottmar nach jener Ergießung seines

Herzens auf das Sopha-Kißen zurück, schloß die Augen und preßte

krampfhaft meine Hand. Meine Angst war auf das Höchste gestiegen; ich

suchte die Klingel zu erreichen und sandte die Magd schnell nach dem

Arzt. Er kam und zuckte die Achsel. «Lassen Sie ihren Gatten ruffen,»

sagte er; «unser Leidender wird bald vollendet haben.» Und so war es.

In meinem Arm hauchte er nach einigen starken Athemzügen die schöne

große Seele aus. Diese Hand trocknete ihn den Todesschweis von der

Stirne, diese Hand drückte ihn die Augen zu und ich legte sie auf das

edle Herz, das nun ausgeschlagen hatte und wiederholte im Stillen meine

heiligen Gelübde.

Ferdinand traf ihn nicht mehr bei Leben an und in aufrichtiger Trauer

um unsern Verlust, vereinigten sich an seinem Sarge inniger unsere

Herzen. Ottmars Beerdigung hatte ich angeordnet, da er mir deswegen

seine Wünsche schon mitgetheilt hatte. Würdevoll, aber einfach und

stille wurde sie vollzogen. Seine Uniform und alle theuer erworbenen

Ehrenzeichen schmückten ihn im Sarge; einen blühenden Orangenzweig

legte ich in seine kalte Hand und unter sanften Harmonieen blasender

Instrumente wurde er dem kühlen Schoos der Erde übergeben. An seine

Grabstätte pflanzte ich weise Rosen und oft weilte ich daselbst und

holte mir neue Kraft zur Ausführung frommer Entschlüße. Ferdinand

schien meinen Schmerz, um den mir von ihm selbst Anvertrauten sehr

natürlich zu finden, ohne mehr zu ahnen, vielmehr dankbar dieser

Erscheinung in unserm sonst ziemlich alttäglichen Leben, die Umänderung

meiner Denk- und Handlungsweise zuzuschreiben: da er einen sehr

ruhigen, durchaus nicht zur Eifersucht geneigten Charakter besitzt

und durch meine Umwandlung keinen Nachtheil, sondern für sich und das

Hauswesen die größten Vortheile gewahr wurde; ja immer herzlicher,

immer zufriedener wurde unser Verhältnis: denn ich bemühte mich durch

vermehrte Beweise meiner achtungsvollen Anhänglichkeit an Ferdinand,

die Grundpfeiler unsers ehelichen Glückes zu befestigen und betrachtete

von jezt an, meinen Standpunct als Gattin und Hausfrau als den Höchsten

und Wichtigsten; den Beschäftigungen am Schreibtisch wiedmete ich nur

meine Musestunden. Meine Feder bearbeitete nun ganz andere Gegenstände

als vormals und ich darf nach dem Ausspruch meines Gattens, mich

der süßen Hoffnung überlassen: durch meine kleinen Schriften jezt

mehr Segen und Genuß zu verschaffen und zu verbreiten als ehedem.»

Eugenia endigte hier mit der wiederholten Versicherung: daß ein reines

dankbares Andenken an Ottmar, den Schöpfer ihres wahren innern Glückes,

unvertilgbar in ihrem Herzen wohne, daß sie ihn nicht liebe, sondern

gleich einen Heiligen verehre und sein Bild und seine Wünsche ihr als

Maasstab durchs ganze Leben dienen würde.

«In dieser Gestalt ist die Liebe ein wahrer Schutzengel der

Sterblichen,» sagte Albina, «rein von allen irdischen Mängeln gehört

sie auf solche Weise, wie sie sich dir theure Eugenia genähert hat,

zu den himmlischen Genien, und ohne Vorwurf darfst du dich ihres

beseeligenden Einflußes auf dein Leben freuen, ja ihr noch jezt

huldigen. Wir gewinnen alle dabei! o Dank und Seegen dem Edlen! der

dich für ein segenreiches Wirken in der Welt und für unsere Herzen

gewonnen hat!» «ja Dank und Segen ihm!» versezte Eugenia, und blickte

mit leuchtenden Augen nach der Höhe. «Er hat sich unaussprechlich

verdient um mich gemacht und mit hoher Ruhe folgt ihm mein Geist in

jene Gefilde. -- Die Trennung von ihm war zwar schmerzlich, aber sein

Leben würde für ihn und mich qualvoll seyn, indeß sein sanfter Tod uns

beiden Frieden gab. Aus voller Ueberzeugung ruffe ich mit ihm aus: Wie

huldreich und gnädig ist Gott!» Unter diesen Gespräch hatten sie das

Landhaus erreicht, und Eugenia schickte sich zur Abreise an. Mit heißem

Dankgefühl für das was sie Antonien erzeigt hatte, trennten sich die

Freunde, so wie diese selbst von ihr und wann sich das liebende Paar

in seiner Wiedervereinigung höchst beglückt fühlte: so wurde Eugeniens

Name mit Dank und Rührung genannt.

Antonie kehrte nach Theodors Herstellung auf das Landhaus zurück und

half Albinen eifrig zu ihrer Ausfertigung. Guido's Sehnsucht sprach

sich in jedem seiner feurigen Briefe aus und gerne hätte er dieselbe

durch einen Besuch befriedigt: allein die Entfernung war zu bedeutend

und seine Berufspflichten, welche er mit Eifer und Treue erfüllte,

gestatteten keine lange Abwesenheit. Er hatte sich einen sehr großen

und segensreichen Wirkungskreis selbst gebildet, in welchem er

unermüdet, unendlich viel Gutes stiftete und manche große Tugend übte.

Endlich winkte ihm der Lohn für alle ausgestandenen Leiden sowohl, als

für alle edlen und gemeinnützigen Handlungen, welche seine Tage und

Stunden bezeichneten; und es ergieng der beglückende Ruf an ihn; daß

er kommen und die Heißgeliebte zu sich holen dürfe. Langenheim lud ihn

in einem freundschaftlichen Schreiben ein, mit dem Bedeuten: daß er

in seinem Haus und aus seiner Hand die theure Pflegetochter erhalten

würde. Er kam, und noch nie hat ein glücklicheres Paar seine Vermählung

gefeiert. Die heißeste Liebe, auf die tiefste Achtung gegründet,

von dem Segen der Eltern und dem innigen Antheil treuer Freunde

begleitet, schüttete das Füllhorn ihrer reinsten Freuden auf das Haupt

der Verlobten. William und Fany waren unendlich fröhlich über diese

Begebenheit und unzertrennlich von den Eltern. Die andern Zöglinge

Albinens aber und Aurelia trauerten herzlich über die Trennung von der

geliebten und liebevollen Erzieherin. Cornelia war tief erschüttert als

Albina mit dem überglücklichen Guido, mit den Kindern und Therese in

den Reise-Wagen stieg; und es verstrichen Wochen und Monate, bis sie

das Versprechen ganz erfüllen konnte, welches Albina den Abend vor der

Abreise im Ton der kindlichsten Ehrerbiethung ihr abgenommen hatte:

nemlich Aurelia für ihre Tochter anzusehen und mit dieser vereint das

Wohl der anvertrauten Pfleglinge zu besorgen: denn obgleich durch

Albinens Entfernung, Aureliens Auffenthalt bei Cornelien allen Reitz

verlohren hatte, so hielt es doch diese zartfühlende Seele für ein

großes Unrecht, die ohnehin jezt betrübte Mutter zu verlassen und hatte

Albinen zugesichert: jene noch eine Zeitlang zu unterstützen; denn auf

Antonien konnten sie nicht rechnen. Diese lebte ihrem zärtlichen Freund

und der Sorge für ihre Zukunft, in Verfertigung ihrer von Cornelien

großmüthig bestimten reichlichen Mitgabe von Kleidung und Wäsche.

Nach Jahresfrist wurde auch sie mit Theodor verbunden, bei welchem

fröhlichen Fest Albina mit ihrem Gatten innig theilnehmende Gäste

waren.

Doch ich kehre zu diesen und zu der Zeit zurück, wo sie sich in E*

häuslich niederließen. Albina und Therese begegneten sich in dem

Wunsch: daß diese, jene dahin begleiten möchte. An dem Ort, wo durch

die edelmüthige Freundin, Albinens Lebensglück gegründet wurde, in so

ganz veränderter Lage mit ihr einige Wochen wieder zusammen zu seyn,

mit ihr die Vergangenheit in der Erinnerung daselbst durchleben zu

können: welche erfreuende Aussicht! Auch Therese hofte viel Genuß in

der lezten Beziehung von der Reise nach E* und was sich beide von der

Erfüllung ihres Verlangens im Geist versprochen hatten, gieng alles

in Wirklichkeit über. Mit Hülfe Theresens war Albinens häusliche

Einrichtung bald geordnet und dann ersuchten beide Frauen Guido,

daß er sie in die ehemalige Wohnung Langenheims führen möchte. Nach

eingezogener Erkundigung erfuhr er zu Theresens großer Freude, daß

der gegenwärtige Besitzer der edelmüthige Asseßor Freiberg war, der

sich so verdient um Langenheims gemacht hatte. Durch einen frühern

Briefwechsel, wurde Langenheim benachrichtigt, daß sich der Rath nach

jenem unangenehmen Auftritt in der Session abgefordert hatte und daß er

Willens war, irgend wo Anders eine Anstellung zu suchen. Er versprach

Langenheim, ihn von seinem neuen Auffenthaltsort, wenn er bestimmt seyn

würde in Kenntniß zu sezen: allein es erschien kein Schreiben mehr und

dieser glaubte sich vergeßen. Als nun Therese und ihre Freunde Freiberg

besuchten, erfuhren sie, daß der Tod seiner Gattin ihn die Lust

benommen habe, den ersten Plan auszuführen. Er hatte vorgezogen, in dem

Ort zu bleiben, in deßen Nähe die Hülle seiner Lebensgefährtin ruhte

und hatte es auch Langenheim geschrieben. Da der Brief also verlohren

gegangen seyn mußte und er keine Antwort erhalten hatte, gestund er:

dem Argwohn Raum gegeben zu haben, daß die Glücklichen nicht mehr des

Freundes gedächten, der im Unglück ihnen so viel war. Höchst erfreut

über diesen angenehmen Irrthum, gab er Theresens dringenden Bitten

nach und entschloß sich, mit ihr zurück nach D* zu reisen um den Rest

seiner Tage in ihrer Nähe zu zuzubringen. Hier machten Guido's Eltern,

Langenheims und der Asseßor in der großen Welt eine kleine, innig

mit sich zufriedene Welt aus; und auch Cornelia gehörte in diesen

Cirkel. Freiberg seegnete oft seinen Entschluß: denn ihm waren jezt

theilnehmende Freunde so nothwendig, als Andere sonst seiner in dieser

Hinsicht bedurften. Er war im höchsten Grad trübsinnig geworden und

führte in M* ein einsames, freudenloses Leben. Wie süß war Theresens

edlen Herzen die Hoffnung: dem Redlichen seinen thätigen, segensreichen

Antheil, den er einst an ihrem Schicksal genommen hatte, vergelten zu

können. Ach, für den guten Menschen ist dies eine hohe, eine himmlische

Wonne! Auch Albina und Guido strebten nach diesem reinen Genuß.

Sie suchten nemlich die wackern Gärtnersleute auf, deren

menschenfreundliche Denkungsart Albinen nicht nur das Leben erhielt,

sondern auch demselben durch eine treue und fromme Erziehung die

Kinderjahre hindurch, Werth gab.

Ihre Freude war unaussprechlich, Albinen wieder zu sehen, und zwar

in einer so glücklichen Lage und mit so unverändert dankbaren und

liebevollen Gesinnungen gegen sie. Die Eltern weinten vor herzlicher

Rührung, als sich Albina wie ehedem traulich zu ihnen auf die

Bank sezte, nach allem fragte, sich alles erzählen ließ und die

Hauptabschnitte ihrer nachherigen Lebensgeschichte ihnen mittheilte.

Die Kinder, deren mehrere in Dienste gegangen und nur noch die drei

jüngsten derselben bei den Eltern sich aufhielten, schienen sie nicht

mehr zu erkennen; doch wurden sie bald recht herzlich und gesprächig:

denn Albina hatte sich einen großen Korb nachbringen lassen, welchen

sie geschäftig auspackte und dann jedes reichlich und passend

beschenkte. Auch Vater und Mutter giengen nicht leer aus; allerlei

Bedürfniße der Nahrung wurden befriedigt und die Familie konnte nicht

aufhören zu danken und sich zu freuen. «Ach Vater Paul!» sagte Guido

und umfaßte innig seine Gattin -- «was ist all das gegen dies Kleinod

welches ich euch zu verdanken habe! so lange ich lebe sollt ihr gewiß

an Nichts Mangel leiden und dennoch werde ich meinem Verlangen, euch zu

vergelten, immer nicht Genüge leisten können!» Er hielt Wort, besuchte

häufig mit seiner Albina den Ort ihrer Kindheit und erzeigte ihren

Pflegeltern viel Gutes.

Albina, das Blumenmädchen · 第 15 / 16 段