war dieser den ganzen Tag allein auf ~meinen~ Umgang beschränkt
und angewiesen. Ausser unserm Hause wollte er keine Bekanntschaft
anknüpfen und schien nichts zu wünschen, als immer in meiner Nähe
seyn zu können. So redlich mein Wille und Vorsatz war wenn ich mich
allein befand: die gehörige Herrschaft über mich und meine Gefühle zu
behalten; so schwer wurde es mir, ihm treu zu bleiben, wenn der Major
Hülfe bedürfend mit weicher bittender Stimme sich an mich wandte, wenn
er neben mir saß und von seinen frühern Erfahrungen offen und herzlich
zu mir sprach, oder wenn ein lang verhaltener körperlicher Schmerz
ihm eine sanfte Klage entlockte; inniges Mitleid riß mich dann zu den
theilnehmensten Aeußerungen, zu der aufmerksamsten Sorge für ihn hin:
oder wenn ich ihm vorlas und seine gehaltreichen, richtigen Urtheile
hörte, wenn er absichtslos scheinend, über meine sonstigen Ansichten
und Grundsätze, gleich als über die, einer dritten Person sprach und
durch seine ausgesprochenen Meinungen, die Meinigen sanft und schonend
zu berichtigen strebte: dann regte sich das sehnsüchtige Verlangen in
mir: ihm meine Achtung doch recht beweisen zu können; oder wenn er
endlich gar mit dem ihm eigenthümlichen Feuer mir versicherte: was
ihm meine Freundschaft, meine Pflege, meine Unterhaltung gewähre,
wenn er mir für jede kleine Dienstleistung mit einem Blick, mit einem
Händedruck dankte, in welchem stille verborgene Liebe brannte: dann
begann der Kampf in mir aufs Neue und in solchen Fällen konnte ich
nur durch die Flucht der Gefahr entgehen, mich nicht zu verrathen;
ich entfernte mich dann unter irgend einem scheinbaren Vorwand und
kehrte gefaßter zu ihm zurück. Doch der Zeitpunct nahte, wo jede meiner
Vorsichts-Maßregeln durch die Macht des Augenblickes niedergeworfen
wurde, wo sich mir -- ach nur für einmal! ein großes edles
Menschen-Herz ganz enthüllte und ich die heiligste Stunde meines Lebens
feierte.
An einem Abend, an welchem mein Gatte durch eine Einladung zu einem
Collegen abwesend seyn mußte: saß Ottmar auf unserm, nach Landessitte,
gleich einem Zimmer garnirten Vorplatz, welchen noch einige, in voller
Blüthe prangende Orangen-Bäume zierten, an meiner Seite. Wir hatten
Thee zusammen getrunken, wobei ich ihm den gewöhnlichen Beistand
leistete. Er schien mir kränker und in einer besonders weichen
Stimmung, die auch mir sich mittheilte, so, daß ich mir immer Etwas
zu schaffen machte, um meine Rührung zu verbergen. Unter andern brach
ich von einem der Orangen-Bäume einen blühenden Zweig und legte ihn
vor Ottmar hin. «Ein frischer Schmuck für Ihre Vase lieber Freund!»
sagte ich, «doch entfernen Sie ja diese Blüthen bei Nacht aus Ihrem
Zimmer, ihr Duft ist zu stark, er könnte Ihnen schaden.» Er sah mich
wehmüthig lächelnd an -- «Schaden?» -- wiederholte er; «bald kan
mir nichts Irdisches mehr schädlich seyn. Theure Eugenia! wie diese
Blüthen nur als Treibhaus Pflanze ~hier~ gedeihen können und
in ihrem eigentlichen Vaterland kräftig und in Fülle empor streben:
so wird meine Seele, deren Gefühle ~hier~ auf Erden nicht
alle hervorbrechen konnten und durften, sich bald ~jenseits~
in ihrer Heimath entfalten. Dort,» er drückte mir heftig die Hand,
«ist das Feuer, das ich in mir trage, eine heilige Gluth, hier
ist es eine versengende Flamme. Eugenia ich sterbe bald! -- Ein
starker Bluthusten, der mich kurz vorhin überfiel, giebt mir diese
Ueberzeugung. Traure nicht geliebtes Wesen!» fuhr er fort, als ich das
Tuch vor die weinenden Augen hielt. «Es ist gut daß ich sterbe -- o der
schrecklichen Möglichkeit: daß ich dein Leben vergiften könnte! und
das Meinige wäre mir künftig eine Qual; so aber scheide ich schuldlos
und ruhig: denn ich habe mit meiner Leidenschaft redlich gekämpft und
wenn dies Herz stille steht, wird meine Freundin des armen Pilgers, der
ihr auf dem Lebensweg begegnete, freundlich und vorwurfsfrei gedenken
können. Nicht wahr?» -- Ich reichte ihm still weinend die Hand. «Mach
mich nicht zu weich liebe Eugenia!» fuhr er fort. «Ich habe dir noch
viel zu sagen, ehe der Tod mir den Mund verschließt und -- ich weis
es -- es sind mir nur noch wenige Stunden dazu vergönnt. Sie sind mir
deswegen um so feierlicher und ich will sie benützen, um einen ewigen
Bund von höchster Wichtigkeit zwischen uns zu schließen. Bist du es
zufrieden? und darf ich ohne Rückhalt mein Herz dir eröffnen? --»
«Ottmars reiner Sinn bürgt mir für Alles!» erwiederte ich tief
gerührt. «Dank für dies beseeligende Vertrauen!» sagte er und drückte
meine Hand an sein Herz. «Ich will es verdienen. Ich will dir alle
meine, in deiner Nähe gesammelten Beobachtungen und ihre Resultate
mittheilen. Sie gründen sich auf eine vieljährige Erfahrung und
Menschenkenntniß; auf eine unaussprechliche aber reine Liebe zu dir
und auf den heißen Wunsch, dich, durch dich selbst recht glücklich zu
machen.» Auf seine Bitte rückte ich näher zu ihm, da ihm das laute
Sprechen schwer wurde und gab ihm das vom Arzt verordnete _Gelée_
zur Erfrischung. Während einer kleinen Ruhe, die er sich gestattete,
wo er mit zurückgebogenem Haupt auf dem Sopha-Kißen ein wenig zu
schlummern schien, bemerkte ich mit tiefem Schmerz in dem blaßen,
aber männlich schönen Antlitz, die Spuren einer baldigen Verklärung
und ließ ungehindert meinen Thränen freien Lauf. Endlich richtete er
sich mühsam wieder auf und sagte: «Ich fühle mich wieder etwas stärker
und nun laß mich aber von der mir noch geschenkten kostbaren Zeit
nichts mehr verliehren.» Seine lezte wichtige Rede, welche er, oft
von heftigen Husten unterbrochen und mit zuletzt immer mehr heisser
werdenden Stimme sprach, habe ich bald nach seinem Hinscheiden
aus meinem Gedächtniße hervorgerufen und niedergeschrieben, um sie
dem möglichen Vergessen zu entziehen. Es sind festliche Stunden
in denen ich sie zur Hand nehme und mir jene heiligen Augenblicke
vergegenwärtige. Diese Worte bewähren dann jedesmal ihren segensreichen
Einfluß auf meine Denk- und Handlungsweise und neue Kraft zur Tugend,
zur treuen Erfüllung meiner Gelübde gewähren sie mir.» Eine steinerne
Bank unter einem dicht belaubten Kastanienbaum lud die Freundinnen
auf dem Wege ein, hier auszuruhen; sie setzten sich Arm in Arm und
beobachteten lange ein tiefes Stillschweigen. Ein sanftes Säuseln in
den grünen Wipfel, däuchte ihnen wie Geisterwehen; in der ländlichen
Stille unterbrach nichts den hohen Flug ihrer Gedanken, welche sich
ungestört mit überirdischen Gegenständen beschäftigten. Endlich zog
Eugenia aus einem Brieftäschchen ein Blatt Papier hervor und sagte:
«Hier ist das theure Vermächtnis meines vollendeten Freundes -- Ganz
ist dieser feierliche Augenblick dazu geeignet dir meine Albina es
mitzutheilen. Mir ist, als wäre Ottmars Geist uns recht nahe! o wohl
mir, wohl mir, daß ich mit einer himmlischen Ruhe mich darüber freuen
und seiner gedenken kann! hier» (sie deutete auf die Brust) «hier ist
es so stille, wie es jezt in der Natur um uns her ist. Ja Albina!
deine reine Seele wird in dem, was ich dir noch eröffnen will, gewiß
nichts finden was sie verdammen müßte. Vernimm also die lezten Worte
meines Freundes: Er begann: «Meine Eugenia ist in einem ihr selbst
unbekannten reichen Besitz der herrlichsten Gefühle, vereinigt mit
einer Stärke des Geistes, welche mich in dem Entschluß befestigt
~alles~, was in Beziehung auf sie und mich, schon lange mich
beschäftiget, ihr anzuvertrauen. Bei einer andern deines Geschlechts
würde ich es nicht wagen. Du aber verstehst mich, das bin ich gewiß,
du vermagst allen meinen Aeußerungen die rechte Deutung und Anwendung
zu geben; so laß mir denn gestehen, daß ich meine Freundin, wie mich
selbst kenne, daß ich durch stille Beobachtung deines ehelichen
und häuslichen Verhältnißes und aus den Producten deines Geistes,
welche mir Ferdinand mittheilte, und welche nicht den Kreiß, in dem
sich das Weib alleine bewegen soll, sondern einen Außergewöhnlichen
durchschreiten, mit Schmerz gewahr wurde: daß meine Eugenia den Weg
verfehlte, den ihr Geschlecht wandeln soll. Die steile Bahn, welche uns
Männern vorgezeichnet ist, lockte sie, durch den von fern her winkenden
Loorbeer und auf diesem Pfad blühten ihr nicht die Blumen, welche durch
ihren Duft, den weiblichen Sinn für eigenthümliches Wirken, und für die
ihm verliehenen Genüsse und Freuden empfänglich machen.
Indeßen konnten diese Bemerkungen, den Eindruck nicht schwächen, den
dein Anblick bei mir bewürkte und den deine zarte Sorge für mich,
deine traulichen Mittheilungen, deine geäußerten Grundsäze und dein
würdevolles Betragen verstärkten. Die tiefste Achtung gesellte sich
zur feurigsten Liebe. Als ich durch dies alles bei dir das innigste
Mitleid, als ich -- o laß mich, laß mich mein Glück aussprechen, als
ich hie und da einen Strahl der Liebe durchbrechen sah: da gewann
meine Leidenschaft die höchste Stufe. Doch Gottlob! Ottmar würdigte
sich nicht selbst durch ein Vergehen herab, das in seinen Augen
unverzeihlich schien. Die Gastfreundschaft, das Vertrauen deines
würdigen Gatten wollte ich nicht mißbrauchen, dir meine Eugenia den
sichtbaren Kampf mit der Pflicht nicht geflissentlich erschweren.
Ach, nur in ganz glücklichen Augenblicken, wo mich deine Nähe so
unaussprechlich beseeligte, drohte die verhaltene Flamme hervor zu
brechen. Gewiß! dieser Kampf hat auch meine Lebenstage verkürzt, aber
dennoch ist mir die Erinnerung daran ewig theuer. O mit welcher hohen
Freude bemerkte ich, daß meine Eugenia durch den Schwesterlichen
Umgang mit ihrem Freunde immer und immermehr sich der schönen
Eigenthümlichkeit ihres Geschlechts näherte! Wie gerne sah ich,
während mancher, Rührung erregenden Unterhaltung, Thränen in diesem
Auge glänzen, welche sie vorher streng in ihren Schriften, als eine
leicht zu mißbrauchende Weichheit verurtheilte. Ich empfand es tief:
so, nur so kann meine Freundin glücklich werden und glücklich machen.
Den zerstörenden Feind in meinem Körper fühlend, wollte ich noch die
wenigen Tage, den süßen Duft der mir heimlich blühenden Blume, eines
stillen verborgenen Glücks, ~alleine~ genießen und durch eine
voreilige Berührung den zarten Kelch mir nicht selbst verschließen;
faßte aber den Entschluß: bei der Annährung meines Todes jene Blume
auch für Andere, vorzüglich für deinen Ferdinand zu erhalten zu suchen.
Der Augenblick ist gekommen!» fuhr er fort, ergrif meine Hand und sah
mir mit einem seelenvollen Blick ins Auge.
«Der Sterbende -- ich betrachte mich als einen solchen -- muß jede
Hülle abwerfen und so will ich denn auch frei und offen dir bekennen!
daß ich dich Eugenia liebte, wie noch kein weibliches Wesen auf Erden!
daß ich diese Liebe mit hinüber nehme in die beßre Welt und dort
sehnsüchtig des Augenblicks harren werde, wo ich dir entgegen eilen und
die Freuden der Ewigkeit mit dir theilen werde können. Gieb mir den
Trost mit in die bange Sterbestunde, daß auch du mich geliebt hast!» Er
hielt inne und Thränen füllten seine Augen.
Meiner nicht mehr mächtig, sank ich weinend ihm an das Herz. Er drückte
mich sanft an sich und sagte: «O der seeligen Minute! wie versüßt sie
mir den Tod! aber Eugenia, daß sie nie reuevoll uns erscheine, so sey
dies Bündnis unserer Seelen geheiliget durch fromme Vorsätze.
Ich habe deinem Gatten nichts geraubt: denn du hast ihn nicht geliebt!
Mir Glücklichem war dies Gefühl in deinem Herzen aufbewahrt. Aber
Ferdinand ist gut und edel, ist dein Gatte und verdient, daß du ihn
mit inniger, und zärtlicher Achtung zugethan bleibst -- auch deine
Zufriedenheit wird dabei gewinnen und ich werde mich dort freuen,
etwas dazu beigetragen zu haben. Ich scheide -- die Liebe zu mir
wird in deiner Brust einen heiligen Charakter annehmen. Liebe ist
kein Verbrechen, nur die Leidenschaft ist es und verklärte Geister
kennen keine Leidenschaft, und erwiedern sie auch nicht. Liebe ist der
Grundton im Universum. Liebe verbindet die Menschen mit Gott, die Engel
mit den Menschen, die Sterblichen untereinander. Dieses Band Eugenia,
das du ehedem zu verschmähen schienst sollst du ehren und dich damit
schmücken; es ist die schönste Zierde des Weibes. So liebend, darfst
du auch meiner gedenken, als deines treuesten Freundes, als deines
Schutzgeistes. O ich will -- ist es mir vergönnt, immer dich umschweben
und es wird meine Seeligkeit erhöhen, wenn meine Freundin auf den nun
betrettenen Pfad, immer weiter zur Vollendung schreitet; wenn sie die
Pflichten der Gattin in ihrem ganzen weiten Umfange erfüllt, wenn sie
für Anderer Wohl und Weh ein immer gleich offenes Herz darbietet,
und nicht mehr durch kalte Sophisterei die beßern Empfindungen
verdrängt, sondern was die Edlen ihres Geschlechts seyn sollen, als
sanft tröstender, mitfühlender, rettender Genius, unter den Menschen
wandelt.» «O Ottmar!» rief ich tief erschüttert aus, «ich will es!
nimm das feierliche Versprechen, daß ich stets dieser Stunde gedenken
werde. Ja, ich gestehe es dir -- die Liebe zu dir hat mich veredelt und
auch in Zukunft wird sie als stärkender Engel mich begleiten durchs
Leben.» «Heiliger Gott!» sagte er, mich an sich drückend, den schon
matten Blick, in welchem noch einmal Feuer zurückkehrte, gen Himmel
hebend -- «heiliger Gott! wie weise und gütig sind deine Wege! du hast
mich durch mein Leiden veranlaßt, Trost bei guten Menschen zu suchen;
ich habe noch mehr gefunden, Liebe, beglückende Liebe wurde mir zu
Theil! und vergönnt war es mir, einer theuern Seele Wohl und Heil zu
befördern und das der meinigen damit zu begründen. Nun sind wir Eins
hier und dort in der Liebe zu dir und deinen Geboten! und die lezte
Zeit meines Erdenaufenthalts hast du mir guter Gott da angewiesen, wo
sie mir so genußreich verstrich und wo ich schon den Vorschmack deiner
himmlischen Freuden empfand. Wie huldreich und gnädig ist Gott!» -- Mit
diesem frommen Gebet beschloß mein edler Freund seine schöne irdische
Laufbahn.» -- Eugenia faltete hier das Papier zusammen und feierte
stille und mit Thränen, das Andenken dieser schmerzlich süßen Stunde.
Auch Albina war höchst gerührt, wollte aber die Freundin durch keine
Aeußerung in ihren heiligen Empfindungen stören. Nach einer Weile fügte
Eugenia mit zurückgekehrter Fassung noch folgendes jener schriftlichen
Mittheilung bei. «Erschöpft sank Ottmar nach jener Ergießung seines
Herzens auf das Sopha-Kißen zurück, schloß die Augen und preßte
krampfhaft meine Hand. Meine Angst war auf das Höchste gestiegen; ich
suchte die Klingel zu erreichen und sandte die Magd schnell nach dem
Arzt. Er kam und zuckte die Achsel. «Lassen Sie ihren Gatten ruffen,»
sagte er; «unser Leidender wird bald vollendet haben.» Und so war es.
In meinem Arm hauchte er nach einigen starken Athemzügen die schöne
große Seele aus. Diese Hand trocknete ihn den Todesschweis von der
Stirne, diese Hand drückte ihn die Augen zu und ich legte sie auf das
edle Herz, das nun ausgeschlagen hatte und wiederholte im Stillen meine
heiligen Gelübde.
Ferdinand traf ihn nicht mehr bei Leben an und in aufrichtiger Trauer
um unsern Verlust, vereinigten sich an seinem Sarge inniger unsere
Herzen. Ottmars Beerdigung hatte ich angeordnet, da er mir deswegen
seine Wünsche schon mitgetheilt hatte. Würdevoll, aber einfach und
stille wurde sie vollzogen. Seine Uniform und alle theuer erworbenen
Ehrenzeichen schmückten ihn im Sarge; einen blühenden Orangenzweig
legte ich in seine kalte Hand und unter sanften Harmonieen blasender
Instrumente wurde er dem kühlen Schoos der Erde übergeben. An seine
Grabstätte pflanzte ich weise Rosen und oft weilte ich daselbst und
holte mir neue Kraft zur Ausführung frommer Entschlüße. Ferdinand
schien meinen Schmerz, um den mir von ihm selbst Anvertrauten sehr
natürlich zu finden, ohne mehr zu ahnen, vielmehr dankbar dieser
Erscheinung in unserm sonst ziemlich alttäglichen Leben, die Umänderung
meiner Denk- und Handlungsweise zuzuschreiben: da er einen sehr
ruhigen, durchaus nicht zur Eifersucht geneigten Charakter besitzt
und durch meine Umwandlung keinen Nachtheil, sondern für sich und das
Hauswesen die größten Vortheile gewahr wurde; ja immer herzlicher,
immer zufriedener wurde unser Verhältnis: denn ich bemühte mich durch
vermehrte Beweise meiner achtungsvollen Anhänglichkeit an Ferdinand,
die Grundpfeiler unsers ehelichen Glückes zu befestigen und betrachtete
von jezt an, meinen Standpunct als Gattin und Hausfrau als den Höchsten
und Wichtigsten; den Beschäftigungen am Schreibtisch wiedmete ich nur
meine Musestunden. Meine Feder bearbeitete nun ganz andere Gegenstände
als vormals und ich darf nach dem Ausspruch meines Gattens, mich
der süßen Hoffnung überlassen: durch meine kleinen Schriften jezt
mehr Segen und Genuß zu verschaffen und zu verbreiten als ehedem.»
Eugenia endigte hier mit der wiederholten Versicherung: daß ein reines
dankbares Andenken an Ottmar, den Schöpfer ihres wahren innern Glückes,
unvertilgbar in ihrem Herzen wohne, daß sie ihn nicht liebe, sondern
gleich einen Heiligen verehre und sein Bild und seine Wünsche ihr als
Maasstab durchs ganze Leben dienen würde.
«In dieser Gestalt ist die Liebe ein wahrer Schutzengel der
Sterblichen,» sagte Albina, «rein von allen irdischen Mängeln gehört
sie auf solche Weise, wie sie sich dir theure Eugenia genähert hat,
zu den himmlischen Genien, und ohne Vorwurf darfst du dich ihres
beseeligenden Einflußes auf dein Leben freuen, ja ihr noch jezt
huldigen. Wir gewinnen alle dabei! o Dank und Seegen dem Edlen! der
dich für ein segenreiches Wirken in der Welt und für unsere Herzen
gewonnen hat!» «ja Dank und Segen ihm!» versezte Eugenia, und blickte
mit leuchtenden Augen nach der Höhe. «Er hat sich unaussprechlich
verdient um mich gemacht und mit hoher Ruhe folgt ihm mein Geist in
jene Gefilde. -- Die Trennung von ihm war zwar schmerzlich, aber sein
Leben würde für ihn und mich qualvoll seyn, indeß sein sanfter Tod uns
beiden Frieden gab. Aus voller Ueberzeugung ruffe ich mit ihm aus: Wie
huldreich und gnädig ist Gott!» Unter diesen Gespräch hatten sie das
Landhaus erreicht, und Eugenia schickte sich zur Abreise an. Mit heißem
Dankgefühl für das was sie Antonien erzeigt hatte, trennten sich die
Freunde, so wie diese selbst von ihr und wann sich das liebende Paar
in seiner Wiedervereinigung höchst beglückt fühlte: so wurde Eugeniens
Name mit Dank und Rührung genannt.
Antonie kehrte nach Theodors Herstellung auf das Landhaus zurück und
half Albinen eifrig zu ihrer Ausfertigung. Guido's Sehnsucht sprach
sich in jedem seiner feurigen Briefe aus und gerne hätte er dieselbe
durch einen Besuch befriedigt: allein die Entfernung war zu bedeutend
und seine Berufspflichten, welche er mit Eifer und Treue erfüllte,
gestatteten keine lange Abwesenheit. Er hatte sich einen sehr großen
und segensreichen Wirkungskreis selbst gebildet, in welchem er
unermüdet, unendlich viel Gutes stiftete und manche große Tugend übte.
Endlich winkte ihm der Lohn für alle ausgestandenen Leiden sowohl, als
für alle edlen und gemeinnützigen Handlungen, welche seine Tage und
Stunden bezeichneten; und es ergieng der beglückende Ruf an ihn; daß
er kommen und die Heißgeliebte zu sich holen dürfe. Langenheim lud ihn
in einem freundschaftlichen Schreiben ein, mit dem Bedeuten: daß er
in seinem Haus und aus seiner Hand die theure Pflegetochter erhalten
würde. Er kam, und noch nie hat ein glücklicheres Paar seine Vermählung
gefeiert. Die heißeste Liebe, auf die tiefste Achtung gegründet,
von dem Segen der Eltern und dem innigen Antheil treuer Freunde
begleitet, schüttete das Füllhorn ihrer reinsten Freuden auf das Haupt
der Verlobten. William und Fany waren unendlich fröhlich über diese
Begebenheit und unzertrennlich von den Eltern. Die andern Zöglinge
Albinens aber und Aurelia trauerten herzlich über die Trennung von der
geliebten und liebevollen Erzieherin. Cornelia war tief erschüttert als
Albina mit dem überglücklichen Guido, mit den Kindern und Therese in
den Reise-Wagen stieg; und es verstrichen Wochen und Monate, bis sie
das Versprechen ganz erfüllen konnte, welches Albina den Abend vor der
Abreise im Ton der kindlichsten Ehrerbiethung ihr abgenommen hatte:
nemlich Aurelia für ihre Tochter anzusehen und mit dieser vereint das
Wohl der anvertrauten Pfleglinge zu besorgen: denn obgleich durch
Albinens Entfernung, Aureliens Auffenthalt bei Cornelien allen Reitz
verlohren hatte, so hielt es doch diese zartfühlende Seele für ein
großes Unrecht, die ohnehin jezt betrübte Mutter zu verlassen und hatte
Albinen zugesichert: jene noch eine Zeitlang zu unterstützen; denn auf
Antonien konnten sie nicht rechnen. Diese lebte ihrem zärtlichen Freund
und der Sorge für ihre Zukunft, in Verfertigung ihrer von Cornelien
großmüthig bestimten reichlichen Mitgabe von Kleidung und Wäsche.
Nach Jahresfrist wurde auch sie mit Theodor verbunden, bei welchem
fröhlichen Fest Albina mit ihrem Gatten innig theilnehmende Gäste
waren.
Doch ich kehre zu diesen und zu der Zeit zurück, wo sie sich in E*
häuslich niederließen. Albina und Therese begegneten sich in dem
Wunsch: daß diese, jene dahin begleiten möchte. An dem Ort, wo durch
die edelmüthige Freundin, Albinens Lebensglück gegründet wurde, in so
ganz veränderter Lage mit ihr einige Wochen wieder zusammen zu seyn,
mit ihr die Vergangenheit in der Erinnerung daselbst durchleben zu
können: welche erfreuende Aussicht! Auch Therese hofte viel Genuß in
der lezten Beziehung von der Reise nach E* und was sich beide von der
Erfüllung ihres Verlangens im Geist versprochen hatten, gieng alles
in Wirklichkeit über. Mit Hülfe Theresens war Albinens häusliche
Einrichtung bald geordnet und dann ersuchten beide Frauen Guido,
daß er sie in die ehemalige Wohnung Langenheims führen möchte. Nach
eingezogener Erkundigung erfuhr er zu Theresens großer Freude, daß
der gegenwärtige Besitzer der edelmüthige Asseßor Freiberg war, der
sich so verdient um Langenheims gemacht hatte. Durch einen frühern
Briefwechsel, wurde Langenheim benachrichtigt, daß sich der Rath nach
jenem unangenehmen Auftritt in der Session abgefordert hatte und daß er
Willens war, irgend wo Anders eine Anstellung zu suchen. Er versprach
Langenheim, ihn von seinem neuen Auffenthaltsort, wenn er bestimmt seyn
würde in Kenntniß zu sezen: allein es erschien kein Schreiben mehr und
dieser glaubte sich vergeßen. Als nun Therese und ihre Freunde Freiberg
besuchten, erfuhren sie, daß der Tod seiner Gattin ihn die Lust
benommen habe, den ersten Plan auszuführen. Er hatte vorgezogen, in dem
Ort zu bleiben, in deßen Nähe die Hülle seiner Lebensgefährtin ruhte
und hatte es auch Langenheim geschrieben. Da der Brief also verlohren
gegangen seyn mußte und er keine Antwort erhalten hatte, gestund er:
dem Argwohn Raum gegeben zu haben, daß die Glücklichen nicht mehr des
Freundes gedächten, der im Unglück ihnen so viel war. Höchst erfreut
über diesen angenehmen Irrthum, gab er Theresens dringenden Bitten
nach und entschloß sich, mit ihr zurück nach D* zu reisen um den Rest
seiner Tage in ihrer Nähe zu zuzubringen. Hier machten Guido's Eltern,
Langenheims und der Asseßor in der großen Welt eine kleine, innig
mit sich zufriedene Welt aus; und auch Cornelia gehörte in diesen
Cirkel. Freiberg seegnete oft seinen Entschluß: denn ihm waren jezt
theilnehmende Freunde so nothwendig, als Andere sonst seiner in dieser
Hinsicht bedurften. Er war im höchsten Grad trübsinnig geworden und
führte in M* ein einsames, freudenloses Leben. Wie süß war Theresens
edlen Herzen die Hoffnung: dem Redlichen seinen thätigen, segensreichen
Antheil, den er einst an ihrem Schicksal genommen hatte, vergelten zu
können. Ach, für den guten Menschen ist dies eine hohe, eine himmlische
Wonne! Auch Albina und Guido strebten nach diesem reinen Genuß.
Sie suchten nemlich die wackern Gärtnersleute auf, deren
menschenfreundliche Denkungsart Albinen nicht nur das Leben erhielt,
sondern auch demselben durch eine treue und fromme Erziehung die
Kinderjahre hindurch, Werth gab.
Ihre Freude war unaussprechlich, Albinen wieder zu sehen, und zwar
in einer so glücklichen Lage und mit so unverändert dankbaren und
liebevollen Gesinnungen gegen sie. Die Eltern weinten vor herzlicher
Rührung, als sich Albina wie ehedem traulich zu ihnen auf die
Bank sezte, nach allem fragte, sich alles erzählen ließ und die
Hauptabschnitte ihrer nachherigen Lebensgeschichte ihnen mittheilte.
Die Kinder, deren mehrere in Dienste gegangen und nur noch die drei
jüngsten derselben bei den Eltern sich aufhielten, schienen sie nicht
mehr zu erkennen; doch wurden sie bald recht herzlich und gesprächig:
denn Albina hatte sich einen großen Korb nachbringen lassen, welchen
sie geschäftig auspackte und dann jedes reichlich und passend
beschenkte. Auch Vater und Mutter giengen nicht leer aus; allerlei
Bedürfniße der Nahrung wurden befriedigt und die Familie konnte nicht
aufhören zu danken und sich zu freuen. «Ach Vater Paul!» sagte Guido
und umfaßte innig seine Gattin -- «was ist all das gegen dies Kleinod
welches ich euch zu verdanken habe! so lange ich lebe sollt ihr gewiß
an Nichts Mangel leiden und dennoch werde ich meinem Verlangen, euch zu
vergelten, immer nicht Genüge leisten können!» Er hielt Wort, besuchte
häufig mit seiner Albina den Ort ihrer Kindheit und erzeigte ihren
Pflegeltern viel Gutes.