folgenden Tag führte ich sogleich meinen Vorsatz aus und fand Antonien
in einem bewußtlosen gefährlichen Zustand. Eine heftige Nervenkrankheit
hatte sie ergriffen und in grausen Fieberphantasien beschäftigte sie
sich unaufhörlich mit Theodor und mit dir theure Albina. In dieser
Lage war nichts für sie zu thun, als fleißig Nachfrage zu halten:
wie es mit ihr stehe und ob sie gut verpflegt würde; von lezterm
konnte ich mich immer überzeugen, aber ihr Leben schwebte lange in
Gefahr. Endlich erschienen wieder heitere Augenblicke und in einem
solchen nahte ich mich ihr. Sie erkannte mich; jedoch bald trat
wieder Fieberhitze ein und nun mischte sich auch mein Bild in ihre
verwirrten Vorstellungen. Aber so oft sie zu sich kam, war ihre
erste Frage nach mir. Indeßen vergingen mehrere Tage, bis ich etwas
zusammenhängendes mit Antonien sprechen konnte. Doch als sie einmal
aus einem lang andauernden sanften Schlummer erwachte und ich gerade
an ihrem Bett saß: ergrif sie meine Hand, führte sie zu den Lippen und
sagte schwach und leise: «süße Erscheinung aus meiner glücklichsten
Lebensperiode, bist du ein Traum oder Wirklichkeit? --» Ich suchte sie
nun zu überzeugen, daß keine Täuschung ihrer Sinne vorwalte und daß ich
von Herzen bereitwillig wäre, ihr nach Kräften beizustehen, wenn sie
meine Hülfe nöthig hätte. «Ach ich bin sehr unglücklich!» sagte sie und
brach in heftiges Weinen aus; ich bat sie: ihre Genesung nicht durch
Gemüthserschütterungen zu hindern und versprach ihr, sobald es der Arzt
erlauben würde, sie in mein Haus zu nehmen. Diese Zusage schien sie
sehr zu trösten und sie fragte täglich den Arzt: ob der ersehnte Tag
noch nicht bald komme? In dieser Zeit versuchte sie einigemal mir von
ihrem Schicksal zu erzählen: allein sie gerieth immer dabei in eine,
ihrem schwachen Körper so nachtheilige Bewegung, daß ich es ihr bis zu
ihrer vollkommenen Herstellung nicht mehr gestattete, ihr aber dagegen
durch vorsichtige Mittheilung deßen, was ich von Eurem Befinden, und
Begebnißen wußte, manche innig frohe Stunde schuf; auch zeigte ich ihr
von ferne die Aussicht auf ein glückliches Wiedersehen, daß ich ihr
bereiten wollte. Als ich sie endlich mit Beistimmung des Arztes zu mir
nehmen durfte, als sie mein edler Gatte mit Güte und Wohlwollen aufnahm
und behandelte und ich ihr jede Stärkung Bequemlichkeit und Erheiterung
zu verschaffen suchte; da erhielt ihr Körper und Geist wieder so viel
Kraft, daß sie meinen Rath befolgen und ihre Lebensgeschichte seit der
Zeit ihrer Trennung von euch niederschreiben konnte; es schien mir
dies weniger angreifend für sie zu seyn, als eine mündliche Erzählung.
Eugenia stand auf nahm ein geschriebenes Heft aus einem Schrank und
sagte: «in diesen Papieren erhielt ich die Urkunde des Werths eines
Mädchen-Herzens, welches heldenmüthige Tugend zu ihrem Tempel erkohren
hatte und das der Sitz der edelsten Gefühle ist. Durch diese erlangte
Kenntniß von Antoniens Vorzügen, freute ich mich doppelt, daß es mir
vergönnt war, ihr auf dem Lebensweg tröstend zu begegnen und denselben
ebener für sie zu machen und ich und mein Gatte gelobten ihr treuen
Beistand für die Zukunft.»
«O Ihr guten edlen Menschen! unterbrach sie hier Albina, Gott muß euch
segnen für das, was Ihr an dem armen verlassenen Geschöpf gethan habt!»
--
Eine innige Umarmung beider Freundinnen gab der Vereinigung ihrer
Herzen, welche früherhin unmöglich war, nun aber natürlich erfolgen
mußte die erste heilige Weihe. Eugenia wurde dann von Albinen und
Theresen gebetten, Antoniens Lebensgeschichte vorzulesen, denn auch der
Leztern war noch manches darinnen unbekannt geblieben. Und sie begann
also:
«In jener verhängnisvollen Nacht, wo ich mich mit blutendem Herzen
von meinem Geliebten losrieß, eilte ich so schnell als es meine
Kräfte erlaubten den Berg hinan, welcher hinter dem Landhaus,
durch ein kleines Gehölz, zu dem Weinberg führte. Der Mond blickte
freundlich durch die dunklen Tannen und Fichten und beleuchten meinen
Thränenreichen Pfad, den ich jedoch mit aller Besonnenheit wandelte.
Wohl bedenkend, daß, sobald meine Flucht entdeckt seyn würde, man
Anstalten treffen könnte mich einzuholen, fand ich es für nöthig, mich
unter Wegs auf einige Stunden zu verbergen. In jenem Weinberg befand
sich ein Hüttchen und unter diesem war ein kleiner Keller gegraben.
Darinnen hielt ich mich bis zu dem andern Abend versteckt.
Zur Stillung meines Hungers hatte ich etwas Brod mitgenommen, aber
brennender Durst nöthigte mich, nun meinen Zufluchtsort zu verlassen.
Dunkelheit begünstigte meine Wanderung und ich erreichte bald das
nächste Dorf. Hier labte ich mich an einem Röhrbronnen und fühlte
nun aber auch das Bedürfniß des Schlafes im höchsten Grad. Die
Besorgniß, daß in diesem Ort leicht am vorigen Tag Nachforschungen
wegen mir gehalten worden seyn konnten, verhinderten mich hier um ein
Nachtquatier zu bitten; ich wankte weiter und weiter und kam endlich
an ein Gartenhäuschen, das zu der Besitzung eines reichen Edelmanns
gehörte, welcher aber das Gut nicht bewohnte. Ich versuchte die Thüre
zu öffnen, es gelang mir und in dem ganz leeren Zimmer lagerte ich
mich auf dem Erdboden, machte mein Wäschbündelgen zum Kopfkißen,
meinen Mantel zur Decke und genoß auf diese Weise einige Stunden,
einen durch die höchste Erschöpfung sogleich herbeigeführten sanften
Schlummer. Gestärkt erwachte ich, war froh, unentdeckt geblieben
zu seyn und pilgerte nun eben so getrost durch schöne Obst Alleen,
Gemüßfelder, üppige Wiesen und kühle Wälder, als durch sandige Einöden
und magere Steppen. Ich umgieng die Städte, paßirte aber noch manche
Dörfer und erhielt theils durch gutmüthige Einwohner, theils von
der freigebigen Mutter Natur, hin und wieder Nahrung und Obdach.
Meine kleine Baarschaft war aber dennoch aufgezehrt, noch ehe ich
die Hälfte meiner Reise zurückgelegt hatte. Ich wollte nemlich nach
Italien in mein Vaterland zurückkehren und befand mich jezt in der
Schweiz an der Grenze von Schwaben. Meine vorige Lebensart wieder zu
ergreifen, oder -- noch schrecklicher -- Almosen zu verlangen, beides
war mir unmöglich. Ich wollte nun von den Kenntnißen und Fertigkeiten
Gebrauch machen, in welchen mich meine geliebte unvergeßliche Albina
unterrichtet hatte, durch sie in einem soliden Haus Unterkunft suchen
und wagte mich deshalb in eine Stadt. Allein in derselben war, wie
es wohl seyn soll, eine wohl organisirte Polizey. Mein Aufenthalt in
einer kleinen Herberge wurde angezeigt, ich vorgefordert und als ich
keinen Paß, keinen Attest vorzeigen konnte, mir angedeutet: daß ich
nicht daselbst gedultet werden könnte: sondern mich ungesäumt aus der
Stadt begeben müsse. «Großer Gott! ich werde für eine Landstreicherin
gehalten und kann es Niemand verargen; wie unglücklich bin ich!»
So jammerte ich, als ich mich ausserhalb der Stadt befand. Ich saß
auf einer steinernen Ruhebank und weinte heftig. Eine mitleidige
Bauernfrau kehrte eben mit ihrem Korb ausgeleerter Milchkrüge auf
ihr Dorf zurück, erblickte mich und blieb mit theilnehmender Miene
bei mir stehen. «Ach gute Frau! sagte ich, Sie sieht in mir ein ganz
verlaßenes, heimathloses Mädchen! weis sie Niemand in ihrem Dorf,
der mich aufnehmen würde? ich wollte ja gern mein bischen Brod mit
jeder, auch noch so schweren Arbeit zu verdienen suchen.» «Hör sie
Jungfer sagte das Weib und betrachtete mich vom Kopf bis zum Fuß, zu
schweren Arbeiten ist sie nicht gemacht; vielleicht kann sie aber
mit der Näh- und Striknadel umgehen: ich habe viele Kinder, muß mein
Feld und mein Vieh besorgen, da reicht mir oft die Zeit nicht hin,
Kleider und Wäsche auszubeßern und zu verfertigen; geh' sie mit mir;
wir wollens ein paar Tag mit einander probiren. Aber da, ihr dünnes
Vorhängchen, das ihr Gesichtchen ganz verbirgt und ihren seidenen
Schlumber lege sie ab: denn meine Nachbarsleute würden große Augen
machen, wenn so eine vornehme Mamsel zu mir ins Haus käme. Die Lumpen
da, helfen ihr nicht für den Hunger, ich aber kann dafür helfen und
also muß sie meinen Willen thun.» «Herzlich gern gute Frau! sagte ich,
nahm geschwind Mantel und Schleier ab und wickelte beides in mein
Wäschbündelchen. «So, gefällt sie mir beßer» äusserte Jene billigend,
und nun wollen wir machen, daß wir nach Hause kommen!» «Gott vergelte
ihr den menschenfreundlichen Entschluß! erwiederte ich, es soll sie
nicht gereuen!» «gut, wir wollen sehen» antwortete die Bäuerin und eilig
schritten wir beide dem nah gelegenen Dorfe zu. Unterwegs ruhten oft
die Blicke der Frau auf mir, aber keine neugierige Frage kam über ihre
Lippen: denn sie war Eine von jenen seltenen unverdorbenen Seelen,
welche auch Andern Gutes zutrauen und edle Handlungen mit Hoffnung auf
Gottes Beistand ohne vieles Forschen und Klügeln ausüben. Ich aber
erzählte ihr unaufgefordert Mancherlei von meinem Vaterland von meinen
Eltern, wie ich diese frühzeitig verlohr und gezwungen war, meinen
Unterhalt durch Singen und Leiern zu verdienen; auch von der kürzern
Vergangenheit theilte ich ihr so viel mit, als mir nöthig schien,
um ihr Zutrauen zu erhöhen und zu befestigen. Natürlich verschwieg
ich dabei, was meine Freunde und meine innigen Verhältniße zu ihnen
betraf. «Armes Kind! Sie hat schon viel erfahren!» sagte beklagend
die Landfrau, und sezte hinzu; «verzag sie nur nicht, vor der Hand
bleibt sie bei mir, wo es ihr gewiß nicht schlimm gehen wird, und dann
wird ihr Gott schon weiter helfen!» Wir kamen endlich in Gerdrudens
ländliche Wohnung. Im reinlichen Stübchen wimmelte es von Kindern; das
Aelteste ein Mädchen von 12 Jahren trug ein Schwesterchen, das wenig
Wochen alt war auf ihren Armen und die andern sprangen der Mutter
entgegen. Voll kindischer Ungeduld nach dem Mitgebrachten aus der Stadt
bemerkten sie die Fremde nicht, die mitgekommen war, nur Marie die
älteste grüßte mich freundlich kopfnickend.
Die Frau packte Semmel und Birn aus und gab jedem davon. «Ich bin auch
recht unachtsam,» sagte sie zu mir, «daß ich ihr unter Wegs nichts
von diesen Sachen angeboten habe; sie wird hungrig seyn; nun da nehme
sie auch ihren Theil, oder ist ihr mein schwarzes kräftiges Brod und
ein Glas Buttermilch lieber?» -- Ich wählte das Lezte und genoß es
mit herzlichem Dank. «Nun Kinder gebt der Jungfer ein Patschhändchen»
sagte Gertrud, als diese, ihr Brod und Obst verzehrend sich um
mich versammelten, und mich anstaunten; «sie wird einige Zeit bei
uns bleiben,» fuhr die Mutter fort, «und eure Kleidungsstücke wieder
herstellen, welche ihr muthwillig zerrißen habt.» «das ist gut, sagte
Konrad der älteste bauspackigte Knabe, lief fort und brachte ein
Jäckchen das schadschaft war; ein Anderer brachte Strümpfe und die
jüngern Mädchen, wollten die Schürzen, welche sie um hatten, gleich
losmachen, weil auch hie und da kleine Ausbeßerungen daran nothwendig
waren. «Seyd doch gescheud, sagte Marie. Wie kann denn die Jungfer
alles zugleich machen, auch muß sie ja erst ausruhen, sie wird wohl
müde seyn. «Du hast recht Mädchen!» sagte die Mutter, «doch was wissen
die einfältigen Dinger, die Jungfer wird es ihnen zu gut halten.»
Nun kam auch der Mann vom Feld zurück. Er sah mich mit großen Augen
an, aber Gertrud nahm ihm beim Ermel und führte ihn hinaus. Als sie
wieder herein kamen sagte er freundlich zu mir: «Nun kann ich sie
erst ordentlicher Weise begrüßen liebe Jungfer, weil ich von meiner
Frau gehört habe -- na es ist gut, daß Gertrud sie mit sich genommen
hat, ich zähle sie zu meinen Kindern, betrachte sie mich als Vater!»
-- Ich drückte ihm herzlich die durch Arbeit schwülenvolle Hand und
gelobte im Stillen die Gutmüthigkeit der wackern Leute mit treuer
Ergebenheit zu vergelten. Mein geringer Vorrath von Wäsche und Kleidung
hatte durch die Fußreise, (ich war schon 3 Wochen unter Wegs) ziemlich
gelitten. Gertrud bemerkte es und einige Tage nachher brachte sie mit
etwas verlegener Freundlichkeit ein Päckchen und legte es vor mich
auf dem Tisch hin. «Das ist wohl auch etwas zum ausbeßern?» frug ich.
«Nein,» erwiederte die Frau «was darinnen ist gehört ihr. Ich möchte sie
eben gar zu gerne, Tochter und du nennen, und da meine ich, wenn sie
~meine~ Kleidung trüge, gieng es mir leichter vom Mund weg, doch
muß sie mir es nicht übel nehmen.» «Ach Gott!» sagte ich und ergrif
Gertrudens beide Hände, «wie gut ist sie, wie gut! gleich liebe Mutter
soll sie mich nach ihrem Wunsch umgekleidet sehen, und immer mit ihrer
dankbaren Tochter zufrieden seyn.» Ich gieng nun in mein Kämmerchen und
als ich das Geschenk genauer untersuchte, fand sich ein vollständiger
Anzug eines Land-Mädchens von Canton Appenzell welchem auch etwas
Wäsche beigelegt war. Mit herzlicher Bereitwilligkeit vertauschte ich
meine Kleidung mit dieser, flocht mein Haar in zwei Zöpfe: und trat
vor Gertrud mit der Frage hin: «gefall' ich ihr nun liebe Mutter?»
«Freilich, freilich» sagte diese mit großer Zufriedenheit, packte
mich an beiden Schuldern und drehte mich vor und rückwärts. «Ey
Töchterchen, wie hübsch läßt dir die Tracht!» fieng sie wieder an und
rief, «Marie, Konrad, Lise kommt, seht, nun ist Antonie eure Schwester
geworden.» Die Kinder sprangen mit Lachen und Jubel um mich herum und
freuten sich herzlich darüber. Bald fand ich mich in die ländlichen
Beschäftigungen und stand Mutter Gertrud redlich bei, wußte mich auch
in ihre und ihres Mannes Launen gut zu fügen und wurde dafür von Beiden
herzlich geliebt. Was mir die Zuneigung der Eltern in noch höherem
Grade gewann, war meine Sorge für die Kinder; ich pflegte und wartete
die Jüngern und lehrte die Aelteren. Sie hingen aber auch alle mit
sehr großer Liebe an mir und lernten mit so viel Freude und Eifer, daß
in kurzer Zeit Marie und Konrad fertig lesen, so ziemlich schreiben
und auch ein bischen rechnen konnten. Erstere unterrichtete ich noch
überdies im Nähen und Stricken, worinn sie bald bedeutende Fortschritte
machte. Ich war mit meinem Loos ganz zufrieden, ich konnte wirken und
nützen, befand mich im Kreiße gutmüthiger, redlicher Menschen und die
ländliche Abgeschiedenheit und Stille sagte meiner verschwiegenen
Trauer um verlohrenes Glück vollkommen zu: denn oft erschienen mir die
Bilder meiner entfernten Lieben und ich begrüßte sie mit schmerzlicher
Rührung. Wenn der Mond die volle Scheibe den Erdbewohnern zeigte,
suchte ich am Abend ein Stündchen zu einem einsamen Spaziergang zu
gewinnen und gedachte mit Thränen der Trennungs-Stunde, wo auch Lunens
freundlicher Schimmer mein Schlafgemach erhellte und mich auf meiner
Flucht begleitete.
So waren mehrere Monate ruhig dahin geschwunden. Der Frühling grüßte
die Erde wieder! da kam einst Vater Jakob von der Stadt nach Hause und
sagte, (indem er Hut und Stock den dienstfertigen Kleinen hinreichte
und den beßern Rock mit der Hausjacke vertauschte.) «Kinder! nun wirds
lebendig in unserm Dorfe werden. Das, schon so viele Jahre leerstehende
Schloß dort üben auf dem Berg hat eine adelige Herrschaft gekauft
und will Jahr aus Jahr ein hier haußen. -- Ich weis nicht, warum mir
dies nicht in den Sinn will! ich kenne die Menschen nicht, und es
ist mir doch ordentlich bange vor ihnen.» «Hast wieder Mucken im Kopf
Alter!» sagte Gertrud und klopfte ihm freundlich auf die Schulter.
«Sey nicht wunderlich Jakob, die Leute werden uns nichts in den Weg
legen, wir haben ja gar nichts mit ihnen zu schaffen.» und der Mann
setzte bedeutend hinzu: «Na wir wollen sehen» und gieng damit zur
Thüre hinaus. Ich saß am Fenster, nähete und theilte (mir selbst
unerklärlich) Jakobs bange Bersorgniße. Gertrud bemerkte daß ich tief
aufseufzte. «Auch du kraußt die Stirne» sagte sie schmälend. «Ihr seyd
nicht klug. Es ist ja nicht anders als würde künftig das Nest dort
von argen Burggeistern bewohnt.» «Werdet nicht böse Mutter!» erwiederte
ich; «mir war die ruhige Stille, in der wir bisher lebten, so lieb!
ich bin so zufrieden unter euch und sehnte mich nach keinem fremden
Menschen, daher denke ich mit Besorgnis an eine mögliche Aenderung der
Dinge» «Ey so erwartet es erst, was die Zeit bringen wird und quält
euch nicht im Voraus» erwiederte Gertrud. Bald darauf kam wirklich
ein vierspänniger Reisewagen, ihm folgten mehrere Küchen-Wägen, auch
einige Reuter. Diese, den bequemeren Fußpfad einlenkend, welcher an
Jakobs Hüttchen vorbei, sich nach und nach dem Berg hinauf schlängelte,
sprengten an den niedern Fenstern vorüber. Eben saß ich wieder an
meinem gewöhnlichen Platz bei dem geöffneten Fenster und nähete emsig;
aber schon waren die Reuter verschwunden, als ich den Hufschlag der
Pferde hörte und auf blickte. Allein im Nu wandte der Eine wieder um
und ritt langsam an das Fenster hin, bückte sich herab und frug: «ob
dies der rechte Weg zu jenem Schloß hinauf zu kommen sey?» da ich
nichts vermuthet hatte, erschrack ich so heftig, daß ich kaum ein
«Ja» hervorzubringen im Stande war und schnell entfernte ich mich vom
Fenster und aus dem Zimmer: denn der Reuter stieg ab und machte sich
etwas am Steigbügel zu schaffen. Eine unaussprechliche Bangigkeit
fühlte ich nach diesem Ereignis den ganzen Tag über; ja es traten
mir sogar Thränen in die Augen, als Jakob bei dem Abendeßen mit der
Hand die faltige Stirne rieb und seufzend sagte: «Nun sind sie da die
vornehmen Plagegeister!» «Wie kannst du sie so nennen, du weißt ja
nicht, wie sie seyn werden.»! entgegnete unzufrieden Gertrud, «O,
ich weis jezt genug, versezte der Mann; ich habe nachgeforscht und
erfahren, daß es recht hochmüthige, viel verlangende Menschen sind,
welche glauben, unser Einer wäre nur um ihrentwillen da.» Gertrud sah
ernst vor sich hin. Jakob fuhr fort: «die Familie besteht aus einem
alten Herrn, seiner Schwester, die sonst am Hof gelebt hat, aus zwei
eitlen Töchtern und drei jungen Barons die immer noch einige ihres
Gelichters bei sich haben, wo dann die liebe von Gott geschenkte Zeit,
mit Jagen, Fechten und Reiten verthan wird. O, das wird eine herrliche
Wirthschaft werden!» «das ist freilich nicht tröstend» sagte die Mutter,
«Tonchen Tonchen! da darfst du dich hübsch verborgen halten. --» Dies
war auch mein fester Entschluß; Ohngeachtet deßen entwarf mir meine
rege Phantasie ein so schreckliches Gemählde der Zukunft, daß ich die
ganze Nacht schlaflos zubrachte. Am Fenster ließ ich mich nun nicht
mehr sehen, denn Thomas der goldgelockte 4 jährige Knabe konnte nicht
aufhören, von den schönen Reutern auf den herrlichen Pferden mit den
prächtigen Reitzeuch zu erzählen, welche immer und immer an unserer
Wohnung vorbei einen. Mit einem fortdauernden ängstlichen Arbeiten
den gewöhnlichen heitern Muth und erschrack oft vor meinem Schatten,
indem ich im Geist einen der Schloßbewohner sah. Diese streiften viel
in der Gegend umher. Die Fräuleins wollten ihr Burgleben ganz nach
dem in Rittergeschichten geschilderten und oft gelesenen einrichten;
hatten sich altdeutsche Kleidung verfertigen lassen, hatten Rocken und
Spindeln angeschafft und wollten wenigstens bei den Dorfsbewohnern
und bei den seltenen Besuchen aus der Stadt Aufsehen dadurch erregen.
Dazu gehörte nun auch, daß sie also aufgepuzt häufig lustwandelten
und mit erkünstelter Leutseligkeit die Landleute und ihre Kinder
ansprachen. Sie kamen auch in Jakobs Hütte, wollten sich mit Gertrud
über ökonomische Gegenstände unterhalten und die Kenntniße der
Kinder prüfen: allein in jenem Gespräch mußten sie sich eilfertig
zurückziehen, da die gescheute Landfrau, die unwissenden Stadtfräuleins
mit ihren prahlerischen Schein-Wissen in die Enge trieb. Bei den
Kindern fanden sie auch mehr, als sie erwartet hatten und sie konnten
über deren Fertigkeit im Lesen, Schreiben und Rechnen ihr Staunen nicht
verbergen, da in dem Ort keine Schule, sondern diese eine Stunde weit
entfernt war, wohin in der Regel die Eltern ziemlich saumseelig ihre
Kinder schickten.
Da nannte mich Konrad, wie mir nachher die Mutter erzählte, mit den
herzlichsten Ausdrücken, als ihre Lehrmeisterin. «Ey so zeigt sie uns
doch! wer ist sie denn?» fragten die Fräuleins; und so eben trat ich
in die Stube; wollte aber eilig durch eine andere Thüre wieder hinaus:
allein die Kinder riefen fröhlich: «da ist sie, da ist sie!» hiengen
sich an mich zogen mich mit den Worten zu den Damen «Komm nur komm nur,
wir haben eben von dir gesprochen.» Ich begrüßte jene, welche mich aber
kaum eines Danks würdigten, sondern heimlich mit einander flüsterten
und uns schnell verließen. Gertrud schüttelte den Kopf als sie weg
waren, und sagte: «das sind sonderbare Leute, bald möchte ich Jakob
Recht geben!--»
Ein paar Tage nachher kam Gertrud, die Hacke über der Schulter langsam
und nachdenkend vom Feld nach Haus gegangen. Jakob stand mit seiner
Pfeiffe unter der Thüre, und ich war im Vorplatz mit einer häuslichen
Arbeit beschäftigt. Die Kinder sprangen der Mutter entgegen, sie schien
sie aber gar nicht zu bemerken. «Gertrud! wie kommst du mir vor! rief
ihr der Mann entgegen. Du hast ja für nichts Augen und Ohren!» Sie war
nun ins Haus getretten, lehnte schweigend die Hacke in einen Winkel und
gieng auf die Stube zu. Jakob hielt sie auf. «Und nicht einmal einen
guten Abend biethest du uns!» sagte er. «Ey, was hast du denn?» «Ach!»
erwiederte Gertrud und trocknete sich mit der Schürze die Augen. «Ich
habe etwas Betrübendes erfahren und weiß nicht recht wie ich es dir
und Antonien erzählen soll, ohne daß ihr auch traurig werdet, doch
kommt herein.» Ich ließ alles stehn und liegen und eilte den Gatten
nach ins Stübcben. Hier begann nun Gertrud: «Ihr wißt, ich gieng in den
Kraut-Acker dort am Hügel, wo die Garten-Laube der gnädigen Herrschaft
anstößt, und hackte das Erdreich auf. Da hörte ich in meiner Nähe
sprechen, und konnte der Neugierde nicht widerstehen, sondern begab
mich hinter einen breitästigen Apfel-Baum, dessen dichtes Laub mich
verbarg und lauschte. Soll ich es Glück oder Unglück nennen, daß es
sich so fügte -- kurz ich hörte, wie die gnädigen Fräuleins mit gar
spöttischen und boshaften Worten und Gebehrden von uns und vorzüglich
von dir arme Antonie sprachen. Das Herz im Leibe that mir weh, denn
sie nahmen unsere unbescholtene kleine Hütte unbeschreiblich mit,
verschonten weder den Vater, noch mich, ja selbst die Kinder nicht und
am schlimmsten verfuhren sie mit Antonien. Es war der pure Neid der aus
ihnen sprach, das hab ich gleich neulich gemerkt, wie sie bei uns waren
und dich mein Goldkind erblickten. Nun aber hörte ich auch wie sich
die Herren Barons eifrig um dich annahmen und da war mir wahrhaftig
der vorige Tadel noch lieber, als das Lob von diesen, es klang mir
gar zu gefährlich. Sie rühmten dich gewaltig, nannten dich die Krone
des Dorfs, bedauerten, dich nur ein einzigesmal gesehen zu haben und
versicherten: es in Zukunft schon klüger anzufangen. Ihr Vater sagte
drohend: nehmt euch in acht ihr lockern Vögel, daß ihr nicht an der
Leimruthe hängen bleibt und das alte Fräulein verbat sich streng mit
kreischender Stimme alle Gemeinschaft mit der Bauern-Familie. Dann
verließen sie die Laube und ich hatte alle Arbeits-Lust verlohren;
mir fielen Eure bangen Ahnungen aufs Herz und ich dachte mir allerlei
Mittel und Wege, um die Unannehmlichkeiten, welche ich mir jezt auch
als möglich denke, zu verhüten.» «Nun, was hab ich denn gesagt,
erwiederte Jacob finster, da habt ihr die Bescherung. Wie kann ich
unsere arme Taube da, vor den Raubvögeln genug sichern und wenn ich als
ihr Beschützer fest auftretten will, werde ich nicht ihre Rache gegen
mich und meine Familie reitzen?» Ich gieng verzweifelnd im Zimmer auf
und ab und rang die Hände. «Guter Vater! sagte ich endlich, schickt
mich fort! nur auf diese Weise können wir alle dem drohenden Unheil
begegnen.» «Ach Gott! versezte Gertrud, wie ungerne würde ich dich
missen, giebt es denn kein anderes Rettungsmittel?--»
Indem wir so miteinander überlegten, traten die jungen Herrn vom Schloß
in die Stube. Ich sank zitternd auf einen kleinen Schemel. Gertrud
stellte sich gleich einem Schild vor mich hin und sprach mir leise
Trost ein, und der eine Sohn der Herrschaft fragte im barschen Ton
nach verkäuflichem Haber. Jacob wußte die Absicht ihres Erscheinens,
war gereizt und antwortete in eben so kurzen und rauhen Ausdrücken.
Ich rafte mich auf und wollte mit Gertrud aus dem Zimmer gehen, die
jungen Herren vertraten uns den Weg, Jacob aber packte zwei von ihnen
und führte sie ziemlich unsanft zur Thüre hinaus. Was weiter vorgieng,
weis ich nicht. Die Angst hatte mir das Bewußtseyn geraubt und als ich
wieder zu mir kam, stand Gertrud weinend an meinem Bett. «Ach du lieber
Himmel!» sagte sie; «ich dachte, du wärest gestorben und habe für
deine Seele herzlich gebetet. Nun Gottlob, daß du nur lebst!» -- «Wie
geht es denn?» frug ich ängstlich. «Der Vater hat eben zu rasch und
unbesonnen gehandelt,» antwortete sie, «es wird kein gutes Ende nehmen.
Er ist jezt auf dem Schloß und beschwert sich bei dem Alten.» Jacob kam
erzürnt zurück, warf sich in seinen Sorgenstuhl und sagte: «elende,
erbärmliche Menschen! Weil in ihnen kein ehrlicher Blutstropfen ist,
so trauen sie andern Leuten auch nur Schlechtes zu, und glauben das
Recht zu haben unser Einem immer nur als Mittel zu ihren gottlosen
Zwecken gebrauchen zu dürfen! -- und die hämischen Frauenbilder! --
habe ich denn nicht des Satans Freude aus ihren Augen lachen sehen, als
ich mich mit dem Vater herumzankte und er mir drohte: mein Vergehen,
an seinen hochgebohrnen und niedrigdenkenden Söhnen bitter zu rächen?
«Ey, meinetwegen!» fuhr er fort, sprang zornig auf und rannte wild im
Zimmer auf und ab; «meinetwegen! thut was ihr wollt! jagt mich von Haus
und Hof -- da drinnen, er schlug mit geballter Faust vor die Brust --
bleibts dennoch ruhiger, als in dem Sündenpfuhl eurer armen Seelen! --»
Jacobs Heftigkeit ließ Gertruden und mich alles befürchten und es
wollte uns durchaus nicht gelingen, ihn zu besänftigen. Endlich als er
mich so ganz trostlos weinen sah und klagen hörte: daß ich die Ursache
des Jammers wäre! faßte er etwas ruhiger meine Hand und sagte: «du hast
ja all' dies nicht herbeigeführt armes Kind! und bist unter uns am
übelsten daran; kannst auch nicht bei uns bleiben. Aber wohin? --» «Zu
meiner Schwester!» fiel Gertrud entschloßen ein. «Heute ists schon zu
spät, aber morgen Jacob, morgen mache dich mit Antonien auf den Weg
nach Waldsee. Du wirst gut aufgenommen werden, versicherte sie mir.
Es sind wackere Leute; auch sind sie vermögend. Mein Schwager ist ein
geschickter Schuhmacher und verdient sich des Jahrs über ein hübsches
Sümmchen.» «Gut, das ist ein gescheuter Einfall,» sagte der Mann und ich
dankte den beiden Gatten herzlich für ihre elterliche Sorgfalt.