«Liebe theure Mutter!» rief Albina, indem sie in Theresens Zimmer flog

und ihr um den Hals fiel, «theile meine Freude! der Großvater lebt und

liebt uns; er will uns sehen, wir sollen zu ihm reisen, lies', lies'

diesen Brief!» mit diesen Worten zog sie obiges Schreiben aus dem

Arbeitsbeutel und reichte es Langenheim hin, dessen Anwesenheit sie

jezt erst gewahrte. Die Gatten durchlasen dasselbe miteinander und

äusserten den aufrichtigsten Antheil über dies frohe Ereignis. -- «Dies

hat Guido herbeigeführt» sagte Langenheim. «Ja, nun ist mir alles klar.»

-- Albina schmiegte sich an Theresens Busen, und flüsterte: «Mein Herz

hat mir dies auch schon gesagt, o! des edlen Mannes!» -- Nun aber

trug die Stillbeglückte ihre und der Mutter Bitte den treuen Freunden

vor: «daß, während ihrer Abwesenheit Therese ihre Stelle im Landhaus

vertretten möchte!» und sie wurde gewährt. Langenheim versprach,

Theodor zu beruffen und so wurde denn die ganze Angelegenheit bald

ins Reine gebracht. Der Tag der Abreise erschien und mit Rührung

und Freude fuhren alle der Bekanntschaft mit dem Familien Oberhaupt

entgegen. Der alte Hainau wünschte: Guido sollte bei dem Empfang

der Verwandten gegenwärtig seyn; jedoch dieser suchte es abzulehnen

und sah nur durch eine kleine Oefnung seiner Fenster-Gardine, als

der Reisewagen vor Hainaus Wohnung hielt. Aber das Herz pochte ihm

hörbar, als er seine heißgeliebte Albina erblickte. Er verfolgte sie

im Geist, wie sie des guten Großvaters Segen empfangen und der Blick

desselben mit sichtbaren Wohlgefallen auf der holden Gestalt ruhen

würde. So war es auch, der alte Hainau war tief bewegt und suchte jedem

der ihm vom Himmel Geschenkten seine innige Liebe zu beweisen: doch

Albina erhielt den sichtbaren Vorzug. Sie mußte immer um ihn seyn und

er nannte sie mit den süßesten Namen. Diese Begebenheit, und alle

vorhergehenden hatten seine morsche irdische Hütte hart erschüttert;

er fühlte sich so schwach und angegriffen, daß er das Bett nicht

verlassen konnte. Albina bewieß ihm die zärtlichste Sorgfalt; auch

Cornelia pflegte ihn mit kindlicher Liebe und Theodor erhielt von dem

Großvater den Auftrag: seine Papiere zu ordnen. Wenn in dieser Zeit

Albina beschäftigt war diesem eine Erfrischung zu bereiten und sie ihm

darreichte, oder sonst etwas zu seiner Bequemlichkeit und Zufriedenheit

vornahm und einrichtete: betrachtete sie der Greis oft lange mit

lächelndem, liebevollem Blick und es schien ihr: als bekämpfe er ein

aufwallendes Gefühl, als wünsche er ihr Etwas mitzutheilen. Doch wenn

sie mit ihrer melodischen Stimme fragte: «Großväterchen hast du ein

Anliegen?» so drückte er ihr die Hand und schüttelte schweigend den

Kopf. Nach einigen Tagen fühlte er sich wieder etwas gestärkter und

wollte nun aufs Neue testiren. Er verlangt nach dem Stadtgerichtsrath

Volkmar. Albinen durchzuckte bei dieser Aeusserung, bei diesem Namen

ein süßer Schauer und Guido wollte sein begonnenes schönes Werk nun

auch vollenden, überwand mit diesem Entschluß alle Bedenklichkeiten

und trat wie er glaubte, ganz gefaßt in das Krankenzimmer. Jedoch

als er Albinen daselbst in sorgsamer Beschäftigung um den theuern

Großvater fand und als diese bei seinem Anblick die innere Bewegung

nicht verbergen konnte: hielt er ihr schnelles Erbleichen für ein neues

Zeichen ihrer Abneigung und fühlte sich unfähig, dies zu ertragen. Er

sagte dem Kranken: daß er gekommen sey, ihn um die Erlaubnis zu bitten,

sein Geschäft einem andern Collegen übertragen zu dürfen; und ehe jener

Etwas darauf erwiedern konnte, empfahl er sich schnell, und gieng fort.

Albina aber eilte durch eine Seitenthüre auf den Vorplatz. Unerwartet

stand sie vor dem erschütterten Guido. «Edler Mann! sagte sie bewegt,

ergrif seine Hand und sah ihn mit einem seelenvollen Blick in die

dunkeln düstern Augen: vergönnen Sie doch diesem gepreßten Herzen, die

Wohlthat, sich mit der Versicherung gegen Sie erleichtern zu dürfen:

daß ich weiß, ~wer~ diese wichtigen Ereigniße hier bewürkte;

gestatten Sie mir den Trost, Ihnen danken zu dürfen!» die lezten Worte

erstickten hervorbrechende Thränen. Verwirrt stammelte Guido: «Sie

irren -- ich weis nicht, was Sie damit sagen wollen.» Indem rief die

Mutter ängstlich zur Thür heraus: ob der Asseßor nicht mehr einzuholen

sey, der Großvater wolle ihn durchaus sprechen.

Guido kehrte mit Albinen ins Zimmer zurück. Der Kranke richtete sich in

seinem Bette kräftig auf, streckte beide Hände den Kommenden entgegen

und sagte: «Hat mir doch Gott vor meinem Ende noch einen heissen Wunsch

erfüllt! So wie ich da mein Goldtöchterchen erblickte, dachte ich in

meinem Herzen: Wenn doch mein wackerer Asseßor Gefallen an ihr finden

könnte. Dem biedern Mann, dem ich es allein verdanke, daß ich ruhig

sterben kann, wünschte ich den Lohn dafür in einer guten tugendhaften

Gattin und meine Albina kann gewiß einen Mann beglücken; wie meinen Sie

liebe Tochter?» mit dieser Frage wandte er sich an Cornelien. «Guido

ist auch mir, wie uns allen so achtungswerth, daß ich mich seines

Glückes, in welcher Gestalt er auch erscheine, immer herzlich und

dankbar erfreuen werde» erwiederte diese. Albinen vergiengen beinahe

die Sinnen; sie zitterte und sank endlich still der Mutter weinend im

Arm. Guido stand mit gefaltenen Händen am Fuß des Krankenbettes und sah

finster zur Erde. Der Alte schüttelte wehmüthig den Kopf. «Habe ich

geirrt, fieng er an, so verzeiht mir! ich meinte es gut. Ihr schnelles

Entfernen Volkmar, Albinens Betroffenheit bei Ihrem Erscheinen fiel mir

auf, ich äusserte gegen die Mutter mein Befremden und erfuhr: daß ihr

euch nicht unbekannt seyd. Nun wollte ich Licht haben, fuhr er fort

und verlangte sehnlich Ihre Rückkehr mein Freund! Bei euerm Eintritt

war mir alten Mann als ~müßte~ ich ein vereintes Päärchen in euch

erblicken, allein ich sehe wohl, ich war zu voreilig. -- Noch einmal

verzeiht mir!» «Ach! wenn Sie sich nicht geirrt hätten!» rief Guido in

heftiger Bewegung; «aber es ist unmöglich,» fuhr er fort! bog sich zu

dem Kranken über das Bett hin und sagte im schmerzlichsten Ton halb

leise: «ich bin sehr, sehr unglücklich! Albina fühlt keine Liebe für

mich, ja ich fürchte, sie haßt mich.» «Großer Gott!» rief sie und fuhr

empor, «wer sagt dies! welch ein Argwohn!» und mit weicher Stimme,

mit unaussprechlicher Liebe im Blick sezte sie hinzu: «hatte Guido

denn durchaus keine Ahnung von den Gefühlen, die seit Jahren mit süßer

Gewalt mein Inneres beherrschen und welche ich nur mit der äussersten

Anstrengung verbergen konnte?» «Ist es möglich! fiel Guido ein, mir

wäre der Himmel auf Erden längst schon offen gestanden und unseelige

Zweifelsucht hätte mein Auge verschloßen! Albina, du liebst mich!» Er

breitete im höchsten Entzücken beide Arme aus und sie sank mit einem

innigem: «Ja» an seine Brust.

«O meine Albina! Mutter meiner Kinder!» sagte Guido mit unendlicher

Zärtlichkeit. «Dich, dich nur liebte ich seit dem ersten Augenblick in

dem ich dich erblickte. Jedes Gefühl für Andere deines Geschlechts

war Täuschung und Wahn. Du allein warst das Ideal meiner Wünsche und

mit furchtbarem Schmerz gab ich dich verlohren!» Nach einer heissen

Umarmung, in welcher beide die Wonne einer lang verborgenen reinen

Liebe fühlten, empfieng das überglückliche Paar knieend den Segen des

vergnügten Großvaters, der liebenden Mutter. Lächelnd bemerkte Hainau

dann: daß heute mit dem Herrn Rath kein wichtiges Geschäft abzumachen

seyn würde und verschob die Verfertigung des Testaments auf den andern

Tag. Sie mußten sich nun alle um sein Bett herumsetzen und ihm Viel

und Mancherlei aus ihrer Lebensgeschichte mittheilen. Cornelia fühlte,

daß ihre Erfahrungen nur schmerzlich das Herz des Greises berühren

würden und sprach am Wenigsten. Desto mehr mußte Albina erzählen, wozu

sie ein höchst angenehmes Talent besaß. Auch entzündete sich an der

heiligen Gluth inniger Dankbarkeit gegen Gott und gute Menschen, welche

eine der vielen treflichen Eigenschaften ihrer schönen Seele war, das

Feuer der Darstellung bei der Mittheilung der glücklichen Ereigniße

ihres Lebens. Oft unterbrach sie Guido mit den feurigsten Aeußerungen

seiner Verehrung, besonders als sie seiner Kinder und der Belohnung

erwähnte, welche sie in ihrem sichtlichen Gedeihen an Geist und Körper

und in ihrer innigen Anhänglichkeit an sie, für ihre süße Sorge

erhielt. Es war nun aber der Augenblick erschienen, wo auch der Vater

derselben durch die Ergüße der dankbarsten Zärtlichkeit sie von seiner

Anerkennung ihrer treuen mütterlichen Erziehung zu überzeugen strebte.

«Durch mein ganzes Leben will ich dir meine Albina! diese edelmüthige,

uneigennützige Liebe zu vergelten suchen,» rief er aus und drückte sie

innig an seine Brust.

«Warst du nicht auch großmüthig besorgt, mir die Zuneigung meines

theuern Großvaters zu bewirken, sagte Albina, zu einer Zeit, wo du

noch für eine Undankbare zu handeln glaubtest! du hast ~Alles~

abgetragen, was du mir auch vielleicht schuldig zu seyn glaubtest.»

-- Als Theodor, welcher abwesend war, zurückkehrte, sah und hörte was

unterdessen vorgefallen war: begrüßte er herzlich theilnehmend Guido

als seinen Bruder. Aber sein trauriges Geschick fiel ihm bei dem

Anblick des hohen Glücks der Liebenden mit neuer Schwere auf das Herz.

Sie vermieden auch mit zarter Schonung so viel als möglich in seiner

Gegenwart jede laute Aeusserung desselben.

O die reine Menschenliebe, wie unser großer Meister sie lehrt, spricht

sich nicht allein in inniger Theilnahme, in thätigem Beistand aus, sie

zeigt sich auch bei manchen Fällen in einem tiefen Schweigen, in einem

sorgfältigen Verbergen unserer Vorzüge, oder unserer Freuden, wenn es

die Ruhe Anderer erfordert. --

* * * * *

Guido konnte nun als anerkannter Enkel des Testirenden das amtliche

Geschäft dabei nicht mehr vollziehen. Es wurde am folgenden Tag einer

seiner Collegen berufen und mit diesem war Hainau mehrere Stunden

allein, um denselben seinen lezten Willen zu dicktiren. Als er nach

seinem Tod eröffnet wurde, ergab es sich daraus, daß die Enkel nach

Abzug der Legate, zu Haupterben seines großen Vermögens bestimmt

waren, daß die Mutter jährlich die Zinße eines bedeutenden Capitals,

und auch Langenheim ein beträchtliches Vermächtnis erhalten sollte. Des

Letzteren hatte sich Hainau öfters Reuevoll gegen Guido erinnert und

sich seines Glücks herzlich gefreut.

Bald darauf erlöschte sanft der Lebensfunke des Greises, dessen

letzten Tage alles früher begangene Unrecht austilgten und um seine

Leiche stand trauernd die Liebe und die Dankbarkeit und segneten sein

Andenken. Als er beerdigt war, trat Cornelia mit ihren Kindern die

Rückreise an. So schwer die Liebenden von einander schieden, brachten

sie doch willig der Pflicht und der Nothwendigkeit das Opfer und Albina

versprach ihrem Guido bald mit William und Fany wieder zu kommen, um

sich nicht mehr von ihm zu trennen.

* * * * *

Auf dem Weg zum Landhaus war es gerade nicht nothwendig D* zu paßiren,

man konnte die Stadt seitwärts liegen lassen. Jedoch Albina bat, den

kleinen Umweg nicht zu scheuen, indem sie das Verlangen äusserte:

Guido's würdigen Eltern sich als Tochter zu nähern, und Segen für sich

und den Geliebten zu erbitten. Cornelia fand diesen Wunsch gerecht

und bewilligte ihr ihn freudig. Glücklich erreichten sie D*, allein

als sie über den volkreichen Markt fuhren, nöthigte ein hochbepackter

Fuhrmanns Wagen den Kutscher auszuweichen. Er verfuhr dabei nicht

vorsichtig genug und unsere Reisenden wurden umgeworfen. Man hofte,

mit dem bloßen Schreck ohne Beschädigung davon gekommen zu seyn, und

Theodor wollte bei dem Wagen und Gepäck zurück bleiben, bis derselbe

wieder in der Höhe und alles in Ordnung seyn würde. Cornelia und Albina

eilten nun zu Fuß nach Volkmars Wohnung. Sie fanden die Thüre geöffnet

und schlichen durch den Hof in den Garten, der sich am Haus befand,

weil es sie bedünkte: als hörten sie von daher einige Kinderstimmen. So

war es; William und Fany tummelten sich mit mehreren kleinen Gespielen

im Gras herum. Aurelia saß dabei und strickte. Welch ein Jubel, als

sie Albinen erblickten! die Kinder flogen auf sie zu, umklammerten sie

fest und konnten nicht Worte genug finden, ihre Freude, sie wieder

zu haben, auszudrücken. Auch Aurelien beglückte das Wiedersehen der

geliebten Freundin unendlich. Albina, überwältigt von den Empfindungen

ihres liebenden Herzens, sank auf ihre Kniee, umfaßte die beiden

Kleinen und rief: «o meine Kinder! nun bin ich durch die Liebe eures

Vaters wirklich eure Mutter! -- doch kann ich euch mehr lieben als

bisher?» -- «gute Mutter! mich recht lieb haben und Fany auch, nimmer

fortgehen, wir wollen recht brav seyn!» so plauderte William und fiel

Albinen immer aufs Neue um den Hals; auch Fany küßte und streichelte

ihr unaufhörlich Hand und Wangen.

Die laute Freude war bis in die Gemächer des Hauses gedrungen, auch

dem Baron und seiner Gattin wurde sie bemerkbar und sie folgten ihren

Tönen. Ohne von Albinen gesehen zu werden, näherten sie sich schon ihr,

als sie jene bedeutungsvollen Worte sprach -- «meine Tochter!» rief

innig erfreut und gerührt die Baronin. Albina blickte auf und fiel

mit den Worten: «meine verehrte Mutter!» ihr in die Arme; dann nahm

sie der beiden Eltern Hand und sagte: «segnen, o segnen Sie den Bund

zweier Herzen, welche sich längst angehörten, die aber ein sonderbares

Geschick so lang von einander entfernt hielt; wir haben uns gefunden

und wollen nun vereint in der Erfüllung kindlicher Pflichten gegen die

geliebten Eltern wetteifern.» -- «Welch einen heissen Wunsch hat uns

dadurch die Vorsicht erfüllt!» erwiederte Volkmar. «Sey uns willkommen

und gesegnet als Tochter, du edles theures Mädchen!»

«Du weinst Großmütterchen!» sagte William und küßte schmeichelnd

die Hand der Baronin, welche Cornelien umarmend sich die Augen

trocknete. «O Kind! das sind süße Thränen!» erwiederte diese. «Ich

bin eine glückliche Mutter! denn indem sie sich zu Albinen wandte:

höre und freue dich mit mir; Eugenie hat mich während der Zeit deiner

Abwesenheit besucht und ich habe sie jetzt ganz deiner Freundschaft

würdig gefunden. Du würdest sie kaum mehr kennen. Ihr ganzes Wesen hat

eine Weichheit, eine Anmuth gewonnen, welche sie wirklich liebenswürdig

macht. Ihr Gatte, von dem sie mit inniger Liebe spricht und welcher

ohne Zweifel diese Veränderung bewirkte, rechtfertigt meine, gleich

anfangs von ihm gefaßte Meinung; er muß ein treflicher Mann seyn!»

«Ist sie denn schon wieder abgereißt?» fragte Albina. «Ja -- nein» --

antwortete die Baronin zögernd und blickte verlegen auf Aurelien. «Ich

denke, versezte diese, wir wollen unsern theuern Freundinnen nichts

vorenthalten. Sie sollen es ja doch erfahren und Theodor ist nicht

zugegen.» «Nun denn,» sagte die Baronin, «Eugenia ist nicht alleine

gekommen -- aber ihre Begleitung ist euch nicht fremd und verdient

den herzlichsten Empfang zum Ersaz vieler ausgestandener Leiden und

zum Lohn vieler Tugenden» -- «Antonie!» rief Albina. «Ja sie ist es!»

erwiederte Jene; und Mutter und Tochter geriethen in die freudigste

Bewegung. «Gott sey gelobt!» rief Erstere, nun kann ich manches

begangene Unrecht wieder gut machen! und ihren und Theodors Wünschen

steht nichts mehr im Weg, da er jetzt im Besitz eines bedeutenden

Vermögens ist. Eben trat dieser von Langenheim geführt ein; blaß im

Gesicht, den linken Arm in einer Binde. «Mein Gott was ist geschehen,

was fehlt dir?» riefen alle ängstlich. «Ich habe mich beim Aufheben

des Wagens so beschädigt, daß ich zu einem Chirurg gehen und mich

verbinden lassen mußte» antwortete Theodor. «Ja,» sagte Langenheim,

«es ist keine Kleinigkeit! er brachte den Arm in eine Klemme und es

hätte nicht viel gefehlt, so wäre ihm der Knochen abgedrückt worden.

Ein fremder junger Mann hat ihn von diesem Unglück gerettet. Den

Wanderbündel auf dem Rücken gieng er vorbei und hörte Theodor dem

Kutscher zuruffen: «halt mein Arm» schnell warf er das Ränzchen ab,

stieß jenen, der sehr ungeschickt zu Werk gieng unwillig weg und

hob mit Gewandtheit und Stärke den Wagen vollends in die Höhe: denn

so viele Neugierige sich auch versammelt hatten, so leisteten doch

Wenige hülfreiche Hand; und ich war zu schwach dazu.» «Du bist sehr

angegriffen lieber Theodor! sagte die Baronin mütterlich sorgend, komm

doch gleich mit herauf und lege dich nieder; ich will Thee machen

lassen und dich treulich pflegen.» Sie giengen und als Albina äusserte:

«in diesem Zustand müsse man ihm die Nachricht von Antoniens Rückkehr

behutsam vortragen;» versprach Langenheim dieß zu übernehmen und

folgte jenem schnell nach. Die Andern aber fuhren bald darauf nach dem

Landhaus. Therese empfieng sie an der Thüre und wollte sie bestimmen

im Gartenzimmer abzutretten; jedoch Albina rief: «Mütterchen! ich weis

Alles, Antonia ist oben, laß mich, laß mich zu ihr!» Sie eilten nun

hinauf und Antoniens schwächlicher Gesundheitszustand unterlag der

Freude des Wiedersehens. Sie wurde ohnmächtig. Doch die Bemühungen der

Freundschaft brachten sie wieder zum Bewußtseyn ihres Glücks: denn

Albinens Entzücken und Corneliens mütterliche Liebkosungen verlöschten

auch die kleinste Spur trüber Erinnerungen in ihrer Seele. Sie gab

sich ganz den seeligsten Hoffnungen für die Zukunft hin. «Warum ist

aber Theodor nicht mit gekommen?» frug sie etwas befremdet. Albina

fiel schnell ein: «er blieb in der Stadt, und ihm ist das Glück, dich

wiederzusehen, noch unbekannt.» «Aber, wann wird er es erfahren und ich

ihn an dies liebende Herz drücken?» erwiederte Antonie mit sehnsüchtigem

Verlangen. «Bald, bald» antwortete Eugenia beschwichtigend, welche durch

Aurelien von Theodors Unfall unterrichtet, wieder neuen Nachtheil

für ihre Freundin befürchtete, wenn sie es unvorbereitet erführe.

Auch war es spät geworden und mit Eugenien einverstanden, erklärte

Therese für nothwendig: «daß die Reisenden wegen Ermüdung und Antonia

wegen den Einfluß der gehabten Gemüthsbewegung auf ihren Körper,

sich bald zu Bett begeben und die wechselseitigen Mittheilungen auf

den folgenden Tag verschieben sollten.» Man trennte sich also um die

Ruhe zu suchen. Doch Albinen verscheuchte den Schlaf die Begierde:

von Antonien mehr zu wissen und das Verlangen sich mit Theresen und

Eugenien recht auszusprechen: denn sie fand Leztere wirklich ungemein

zu ihrem Vortheil verändert und fühlte sich durch die neugeknüpften

schwesterlichen Bande liebend zu ihr hingezogen. Beide Freundinnen

waren bereit, Albinens Wunsch zu erfüllen und sie benützten noch einige

Stunden der stillen Nacht, zu einer traulichen Unterhaltung. Albina

folgte in derselben dem Drang ihres Herzens und schilderte sein reines

und inniges Glück den aufrichtig theilnehmenden Freundinnen; und dann

gewährte Eugenia ihre Bitte und erzählte ihr, wie sie mit Antonien

zusammen gekommen sey, auf folgende Weise:

Auf der Universität F* wo Eugeniens Gatte als Profeßor lebte war,

noch nicht lang von einem edlen unverheiratheten Einwohner der

Stadt ein Spital gestiftet worden, welcher ausser andern treflichen

Einrichtungen, auch den Vorzug hatte, daß einige Gemächer des Hauses

und ein Theil des großen Fonds ganz allein zur Verpflegung solcher

Kranken bestimmt war, welche fremd, ohne Verwandte, auch zuweilen ohne

Geld, sich in einer doppelt hülflosen Lage befanden.

Jeder große und kleine Gastwirth hatte die Weisung: dergleichen

Personen zu dem Vorsteher der Anstalt zu bringen, für welche dann nach

Beschaffenheit der Umstände unentgeltlich, oder gegen eine geringe

Vergütung auf das menschenfreundlichste und zweckmäsigste gesorgt

wurde.

Nach einem Conzert, welches in einem Gasthof der Stadt während

der winterlichen Jahrszeit wöchentlich statt fand, wurde von den

Theilhabern derselben ein _Soupée_ einmal veranstaltet und Eugenia

und ihr Gatte befanden sich auch dabei. Der besorgte Wirth saß mit an

der Tafel und bediente seine Gäste, wobei er die ihm nahe Sizenden

immer zu unterhalten bemüht war. Eugenia war auch nicht weit von ihm

entfernt und hörte: wie er eines kranken Mädchens erwähnte, welche am

Mittag bei der öffentlichen Tafel in das Zimmer gekommen war und durch

einen himmlischen Gesang die Anwesenden bezaubert habe: allein noch vor

dem Schluß desselben ohnmächtig niedergesunken sey. Er beschrieb ihr

Aeußeres und Eugenia wurde aufmerksam. Sie wünschte mehr von ihr zu

erfahren und setzte das Gespräch mit der Frage fort: «was mag wohl die

Ursache des schnellen Zufalls bei dem Mädchen gewesen seyn?» «Lieber

Gott» antwortete Herr Braun, so hieß der Wirth, «die bittre Noth! das

arme Kind war leicht bekleidet und zitterte vor Frost, als sie in das

Zimmer kam. Hier war ziemlich dafür gesorgt, daß der schon sehr strenge

Winter seine Gewalt nicht ausüben konnte und so mag der schnelle

Uebergang von Kälte zur Hitze nachtheilig auf sie gewirkt haben: denn

als sie auch wieder zu sich kam, befand sie sich so übel, daß ich sie

in unser wohlthätiges Krankenhaus bringen lassen mußte.» «Wissen sie

ihren Namen?» frug Eugenia. «Ja wohl, antwortete Herr Braun, ich mußte

ihn bei dem Spitalpfleger vorweisen. Die Arme hat mir ihn mit schwacher

zitternder Hand aufgeschrieben.» Er suchte in beiden Westen-Taschen

lange herum, endlich brachte er ein Zettelchen heraus und reichte es

Eugenien hin.

«_Antonie Viscolina!_ rief diese und schlug die Hände zusammen,

welche Entdeckung! fuhr sie gegen ihren Gatten, fort, der neben ihr

saß; diese Antonie ist Theodors Geliebte, Albinens Freundin! und so

unglüklich! ach Ferdinand! morgen mit dem Frühesten muß ich zu ihr, muß

sie trösten und ihr helfen, wenn es in meiner Macht steht!»

Albina, das Blumenmädchen · 第 11 / 16 段