Herzen, dieses kindlichen Wesens Besitz genommen und Albina gieng
mit sich zu Rath, welche Maaßregeln sie wegen ihrer gelibten Aurelia
ergreiffen sollte. War sie ihrer Gefühle deutlich bewußt: so ließ
sich keine vorübergehende Neigung in diesem tiefen Gemüth vermuthen,
doch im Fall einer Unbekanntschaft mit ihren Empfindungen schien es
vortheilhafter, sie nicht bemerken zu wollen und nur ein öfteres
Wiedersehen zu verhüten; dann, hoffte Albina, würde Aurelia bald
ihre sonstige Stimmung erlangen. Sie war entschloßen die mütterliche
Freundin Therese zu ihrer Vertrauten zu machen und der klugen und
milden Leitung derselben das Schicksal Aureliens, Edmunds und auch
das ihrige zu empfehlen: jedoch in den ersten Tagen beobachtete
Edmund die gewöhnliche feine Sitte und stattete bei den Bekannten des
Langenheimischen Hauses Besuch ab. Daß der Gang zum Landhaus der
Wichtigste für ihn war, läßt sich denken.
Albina saß eben im Kreise ihrer Pflegetöchter und gab ihnen in
weiblichen Arbeiten Unterricht. Die Größern saßen an Stickrahmen, die
Kleinen nähten und strickten. Albina lehrte mit dem süßen Wohllaut
ihrer Stimme, sanft und liebevoll. Aurelia war ihre treue Gehülfin und
stand bald dieser, bald jener Schülerin bei. William und Fany saßen zu
den Füßen Albinens. Ersterer baute Häuserchen von Karten, Fany reichte
ihm dieselben zu und machte frohlockend Mütterchen aufmerksam, wenn es
dem Bruder gelang einige Stockwerke aufeinander zu thürmen.
Von diesem allen war Edmund unbemerkt Zeuge. Es wurde ihm von der
Magd, welche gerade unten beschäftigt war, bei der Frage nach Albinen
der Saal bezeichnet, wo er sie finden würde und er hielt sich vor der
Thüre, welche Glasfenster hatte unbeweglich und stille, um sich recht
lange an Albinens Anblick so wie an der ganzen anziehenden Gruppe zu
weiden.
Aurelia stand gerade bei Albinen, ihr die Arbeit von einer der
Schülerinen vorzeigend, als er die Thüre öffnete und eintrat. Sie
erschrack so sehr, daß sie das Strickzeug fallen ließ und sich
geschwind zu den Kindern hinunter bückte, um Edmund die glühende Röthe
ihres Gesichts zu verbergen. Besonnen und anmuthig strebte Albina
seine Anwesenheit so unschädlich als möglich zu machen; sie führte
ihn sogleich weg und zu Cornelien dann in Begleitung einiger Kinder
im Garten und Haus herum und zeigte ihm unbefangen und heiter alles,
was einiges Intereße für ihn haben konnte: doch konnte sie nicht
verhindern, daß Edmund überall die Spuren ~ihrer~ Einrichtung,
ihres Waltens gewahr wurde und daß er in der sich fröhlich und
unaufhörlich äussernden innigen Zärtlichkeit aller Zöglinge eine neue
Bestättigung ihres Werthes fand. Aurelia hatte Albinens geheimen Wunsch
erfüllt und war in dem Saal zurükgeblieben. Denn ihre Bewegung war zu
heftig als daß sie es hätte wagen können, Edmund sich zu nähern. Sie
wollte sich sammeln, um beim Abschied gefaßt zu erscheinen. Ach! sie
däuchte sich so unglücklich! die ersten Gefühle der Liebe erregte in
ihr ein Mann, welcher sie ganz zu übersehen schien und Albina, ihre
geliebte Albina mit glühender Leidenschaft verehrte! Sie konnte nicht
mit sich fertig werden, wohin sie ihren Blick wandte sah sie nur
Schreckbilder und der, Andern freundlich blühende Garten der Liebe, der
sich zum erstenmal ihr öffnete, bot ihr nur Dornen, welche ihren Fuß
bei ~jedem~ Schritt zu verletzen drohten. Im tiefen Nachsinnen
stand sie am Fenster und zerblätterte gedankenvoll eine blühende
Aster als Albina -- ~ohne~ Edmund eintrat. Ein neuer Schmerz! Er
zuckte so gewaltig durch ihr ganzes Wesen, daß sie, nicht mehr ihrer
mächtig an den Busen Albinens sank und laut weinte. Innig drückte sie
diese an ihre Brust, bedeutete ihr leise: daß sie nicht alleine wären
und versprach, gleich nach geendigter Unterrichtsstunde, deren vorige
Störung sie jetzt ersetzen müsse, ihr nach in den Garten zu kommen.
In der Unterredung mit ihr fand Albina, daß die Liebe schon tiefe
Wurzeln in Aureliens Herz gefaßt hatte, fand sie aber auch fest
entschloßen, schweigend zu dulden und Albinens Glück ihre Gefühle
zu opfern. Daß dies nicht der Fall seyn könnte, belehrte sie die
Versicherung der letztern: «daß sie durchaus keine Neigung für Edmund
fühle und seine fernern Bewerbungen um sie schonend abweisen müße» doch
in dem ersten Entschluß: «ihre Empfindung vor Jedermann und vorzüglich
vor ihm zu verbergen» bestärkte sie Albinens Beifall, welcher hohe
Begriffe von der weiblichen Würde hegte, und streng bei sich und ihren
Zöglingen jede Miene, jedes Wort, jede Bewegung bewachte. Sanfte
religiöse Tröstungen und die innigste Theilnahme verfehlten bei der
dafür empfänglichen Seele Aureliens, nicht ihre Wirkung und sie fügte
sich mit wehmüthiger Ergebung in Albinens Rath: durch den Einfluß
Theresens ein abermaliges Wiedersehen Edmunds für sie beide zu verhüten.
Vergeblich sahen sie einen Besuch dieser Freundin mehrere Tage
entgegen; und Albina hielten auch die bekannten Gründe von der Stadt
zurück. Endlich erhielt sie eine schriftliche Einladung von Jener, wo
von einem ungestörten alleinigen Zusammenseyn die Rede war und dem zu
Folge wagte Albina es zuzusagen.
Nicht unerwartet, aber dennoch ergreiffend waren ihr die Mittheilungen
der theuern Pflegemutter. Edmund hatte dieser seine Leidenschaft
für Albinen gestanden und um ihre Verwendung bei ihr gebetten. So
wohl sein innerer Werth, als auch seine begüterte Lage gaben seinem
ausgesprochenen Wunsch in Theresens Augen eine unaussprechlich
erfreuende Gestalt. Sie sah für ihre geliebte Albina nur Glück, reines
Glück darinnen und trug ihr also denselben auch mit so viel freudiger
Theilnahme vor, daß diese, innig gerührt in Thränen ausbrach. Sie
ergrif Theresens Hand drückte sie an ihr Herz und sagte: «theure
Mutter! wie traurig ist es mir, deine gütige Sorge für mich und die
reine Liebe eines edlen Mannes unerwiedert, unbelohnt lassen zu
müssen! Du kennst deine Albina! du wirst gewiß voraussehen: daß mich
~wichtige~ Gründe bestimmen müssen, die Wünsche so guter Menschen
nicht zu erfüllen. So ist es auch und ich halte es für unerläßliche
Pflicht, dir diese Gründe mitzutheilen; aber nur du geliebte Mutter,
sonst Niemand auf der Welt soll erfahren, was mich bestimmt, Edmunds
mich ehrenden Antrag auszuschlagen!
Die innige Vereinigung zweier Menschen durch den Ehebund ist für mich
ein so ehrwürdiger und heiliger Gegenstand, daß ich ihm öfters mein
stilles Nachdenken wiedmete; und das Resultat meiner Betrachtungen
war die Ueberzeugung: daß ein Mädchen mit ihrer Hand auch ein ganz
ungetheiltes Herz voll reiner Liebe dem Erwählten hingeben müße.
Das Gelübde am Altar ist ein Inhaltsschwerer Eid! die leiseste und
geheimste Verletzung derselben dünkt mir eine große Sünde! auch führt
der Ehestand zu viel Ernst, zu viel unvermeidliche Unannehmlichkeiten,
selbst in den glücklichsten Verhältnißen mit sich: als daß nicht die
höchste Liebe dazu erforderlich wäre, um alles so zu ertragen wie es
seyn soll; und kann ein glückliches Ehebündniß ohne eine der festesten
Grundsäulen, ohne alles Vertrauen statt finden? ist dies aber denkbar
wenn irgend ein Geheimnis vorwaltet? und liegt nicht das nachtheiligste
Geheimnis in einer, wenn auch unterdrückten ältern Neigung? Selten, ach
selten sind die Fälle, wo achtungsvolle Freundschaft an der Stelle der
Liebe genügend für das Glück beider Gatten seyn könnte und häufig geht
das gegenseitig reine und beglückende Verhältnis da verlohren, wo man
leichtsinnig über jene Puncte fühlt und denkt!» --
Albina hielt inne. «Mit wahrem Vergnügen höre ich meiner für Tugend
und Pflicht so beredten Albina zu,» sagte Therese, indem sie dieselbe
zärtlich umfaßte: «und preiße den Mann unendlich glücklich, welcher
die ganze Fülle der Liebe dieses reichen schönen Herzens besitzt!
daß es Edmund nicht ist, das begreiffe ich und nach allen deinen
Aeusserungen kann und darf ich kein Wort mehr für ihn sprechen. Meine
Sorge muß nun seyn, ihn mit seinem traurigen Schicksal so schonend als
möglich bekannt zu machen.» «Wie wirst du mich dadurch verpflichten
liebe Mutter!» erwiederte Albina, «denn gewiß, ich achte ihn sehr! aber
~lieben~? -- nein theure mütterliche Freundin! ~lieben~ kann
ich nur ~Einen~ und dies ist -- Guido!» Sie verbarg bei diesen
Worten ihr glühendes Gesicht an Theresens Busen. -- Erstaunt und
zögernd antwortete diese: «Guido -- Guido?» -- «Du hast wohl diesen
Namen nicht erwartet?» versezte Albina, indem sie sich empor richtete,
«Niemand -- hoffentlich auch er nicht, wird den Zustand meines Herzens
ahnen, nicht wahr?» Therese bejahte dies und sah schweigend und ernst
zur Erde nieder. «Du bist ungehalten Mütterchen,» klagte Albina, «du
nennst meine Liebe vielleicht ein Phantom, du willst, ich soll es dem
Glück Anderer opfern -- ists nicht so?» «Ich kann es nicht läugnen,»
versezte Therese, «es schmerzt mich, daß meine Albine ein Gebild
ihrer Phantasie der Wirklichkeit vorzieht. Guido scheint mir deine
Gefühle nicht zu theilen, Edmund verehrt dich bis zur Anbetung; diesem
schlägt deine Weigerung eine tiefe Herzenswunde, jener kennt dein
Opfer gar nicht; Edmund würde alles aufbiethen, um deine Lebenstage
zu verschönern, indeß du, in einer immer noch beschränkten Lage mit
dem Leiden einer hoffnungslosen Liebe kämpfest. Mädchen, Mädchen! was
hat deinen sonst so klaren Sinn geblendet?» «Die großen Eigenschaften
Guido's, antwortete Albina mit Begeisterung, die ich noch bei
keinem männlichen Wesen in der Vollkommenheit antraf; überhaupt die
magnetische Kraft in dem Menschen, welche sich nicht schildern, nicht
aussprechen läßt, die aber ohne es zu wollen, mit unwiderstehlicher
Gewalt die Herzen anzieht. O geliebte Mutter!» fuhr sie fort, faßte
Theresens beide Hände und sah ihr bittend ins Auge: «sey nicht
grausam! versage mir nicht deine Beistimmung zu meinem Vorsatz, nie
zu heirathen! Ich könnte Edmund nicht beglücken, wie er es verdient;
es wäre mir unmöglich, Guido's Bild aus meiner Seele zu bannen; ich
würde Vergleiche anstellen, ich würde mich elend und schuldig fühlen
-- ich kann nicht anders handeln! o laß mir mein geringeres Glück!
laß mir meinen Wirkungskreis! er ist dazu geeignet, mich wohlthätig
zu zerstreuen und meine Liebe zieht mich keinen Augenblick von meinen
Pflichten ab, im Gegentheil: das edle Bild das ich im Herzen trage,
verstärkt meinen Eifer, es ist mein Ideal, dem ich nachzuahmen suche.
Ja ich will meinen Entschluß selbst vor dem Allwissenden verantworten:
denn ich kann in meiner Lage auch viel Gutes thun, viel nützliches
wirken und finde meinen Lohn in Gottes Wohlgefallen und in meiner
innern kleinen Welt, wo Guido lebt, und herrscht, was ich aber Niemand
als dir theuere Mutter vertraue!» --
Therese umarmte Albina und sagte: «nach deiner schönen
Eigenthümlichkeit, wäre es höchst unrecht, dich zu einer andern Denk-
und Handlungsweise verleiten zu wollen. Folge deiner Ueberzeugung! Gott
segne dich!»
Durch diese Versicherung ganz beruhigt und glücklich entdeckte nun auch
Albina Theresen den Zustand von Aureliens Herzen und Jene versprach,
die Sache so zu leiten, daß kein Wiedersehen Edmunds mehr statt
finden sollte. Albina sezte sich mit Genehmigung Theresens an deren
Schreibtisch und suchte in folgendem Abschiedsworte für Edmund milden
Trost zu legen. Sie schrieb:
Kann Sie aufrichtige Hochachtung und herzliche Freundschaft
mit einem Mädchen aussöhnen, dem es sein Geschick versagt, die
ehrende Liebe eines edlen Mannes mit gleichen innigen Gefühlen zu
erwiedern: so wird dies unaussprechlich ein Herz beruhigen, das die
wärmsten Wünsche für Ihr künftiges Glück hegt und sich stets mit
dankbarer Theilnahme Ihrer erinnern wird.
Albina.
Edmund nahm aus Theresens sanfter Hand den gebrochenen Stab seiner
schönsten Hoffnungen mit männlicher Kraft und reiste schnell ab. Von
ihm hatte Langenheim erfahren was Guido schon früher erkundet aber
verschwiegen hatte; daß nemlich der alte Hainau noch lebe, jedoch ganz
in der Gewalt jener bekannten nichtswürdigen Familie sey. Dieser Zusatz
bestimmte Langenheim, Cornelien und ihren Kindern jene ihm unnütz
scheinende Entdeckung nicht mitzutheilen.
* * * * *
Mit einem wohldurchdachten Plan war Guido in E* angekommen. Grade
Hainaus Wohnung gegenüber miethete er sich bei einem wackern Bürger ein
und trat seine Stelle an. Da er den Secretair Haßlieb, welcher so lange
ungestraft die gewissenlosesten Handlungen unter einer heuchlerischen
Larve verübt hatte, durch getreue Schilderungen genau kannte: so wurde
es ihm nicht schwer, jenen auch in amtlichen Verhältnißen bei manchen
heimlichen Vergehungen auf die Spur zu kommen, welche Erfahrungen er
sorgfältig sammelte und zu gelegener Zeit aufbewahrte. Dann ging seine
zweite Sorge dahin, sich dem alten Hainau bemerkbar zu machen. Durch
seinen Hauswirth erhielt er in gleichgültig scheinender Unterhaltung
manche Winke darüber, welche er weise benützte. So erfuhr er z. B.
daß Hainau ein leidenschaftlicher Jagd- und Hunde-Liebhaber war und
das leztere noch sey. Er besaß eine ganze Kuppel dieser Thiere, welche
oft einen gräulichen Lärm im Hause verursachten, aber von ihrem
Herrn häufig am Fenster geliebkoßt wurden, auch alle mit glänzenden
mössingen Halsbändern geziert waren welche mit den Anfangsbuchstaben
des Eigenthümers Namen prangten. Guido gab sich nun auch gleich
für einen Freund der Jagd aus, strebte einen ausgezeichnet schönen
Hühnerhund zu bekommen und wanderte in Begleitung desselben, mit Flinte
und Waidtasche alle Abende aus seiner Wohnung und zum Thor hinaus.
Hainau unfähig mehr zu irgend einem Geschäft, vertrieb sich die meisten
Stunden des Tags damit, daß er in einem Lehnstuhl am offenen Fenster
saß, alles beobachtete was sich auf der Straße und in der Nachbarschaft
zutrug und dicke Rauchwolken aus seiner türkischen Tobackspfeife, die
an einem ungeheuer langen Rohr befestigt war, in die Luft bließ: denn
seine zweite Leidenschaft war das Tobackrauchen, aus besonders seltenen
und kostbaren Pfeiffen.
Guido hatte bald seine Absicht erreicht. Der Jäger mit seinem schön
gefleckten Tyras zog Hainau's ganzes Interesse auf sich, zumal da das
würdevolle und anziehende Aeußere des wohlgebildeten jungen Mannes und
seine verbindliche Art zu grüßen ihm ausnehmend gefiel. Als er aber
nun gar nach einigen Tagen in der Hand seines jungen Nachbars einen
meerschaumenen Pfeiffenkopf von noch nie gesehener Größe und Schönheit
erblickte: da vergaß der erstaunte Greis den höflichen «guten Morgen»
von jenem zu erwiedern, ergrif die nahe bei ihm stehende Klingel und
schellte heftig.
Ein Diener kam. «Thomas lauf geschwind da hinüber zu dem Herrn -- hörst
du? da in dem Haus des Meister Gerards, verstehst du mich? und sage --
hm hm! -- was will ich sagen -- frage -- nein bitte den neuen Herrn
Rath, der da üben wohnt: er möchte als Nachbar seine Frühpfeife bei mir
rauchen und ein Frühstück mit mir einnehmen. Hörst du? lauf geschwind!»
Der Bediente folgte dem Befehl. Ein zweiter Klingelzug rief die Magd,
welche «schnell ein paar Tassen Chocolate zu bereiten» beauftragt
wurde. Daß Guido augenblicklich erschien läßt sich denken und Hainau
zürnte mit dem Thürmer, als die Glocke seinen angenehmen Besuch von ihm
weg zur Session rief: denn er hatte sich unbeschreiblich gut mit ihm
unterhalten, ihn auch für Morgen zum Mittag-Eßen gebetten, da heute,
einer nothwendigen Arbeit wegen, Guido sein Anerbiethen ausschlagen
mußte.
Der alte Mann konnte kaum die Stunde erwarten, in welcher sein neuer
Freund erscheinen würde, er gieng nicht vom Fenster hinweg und
als Guido aus seinem Haus trat, eilte er, so schnell, als es mit
seinen kranken Füßen gehen wollte, bis zur Treppe ihm entgegen;
nahm ihn am Arm und führte ihn triumphirend in das Zimmer. Auch die
zahlreiche Hunde-Gesellschaft rannte auf ihn zu und bewillkommte ihn
mit gewaltigen Geklöffe; einige sprangen an ihm in die Höhe, als
wollten sie recht ihre Freude bezeugen. «Ey, still doch!» rief der
Alte abwehrend. «Bst Pedrillo, ruhig Cinthio, Caro, Jason! was ist
das für ein Lärm; wollt ihr ordentlich seyn?» er drohte mit seinem
Krückenstock und sagte zu Guido: «Verzeihen sie das ungestümme Betragen
der unartigen Hunde! allein es ist als ob sie mein Vergnügen, Sie
theurer Freund, bei mir zu sehen mit mir theilten, auch haben die
lieben Thiere gar ein scharfes Erinerungsvermögen und wahre Dankbarkeit
-- wissen Sie wohl, Sie haben es gestern mit der Raçe da verdorben (im
guten Sinne nemlich) denn Sie haben ihnen geschmeichelt und sie mit
mürbem Brod gefüttert.» Dabei sah Hainau Guido recht wohlgefällig an
und klopfte ihn freundlich auf die Schulter. Das Mahl würzte dem Greiß
Guidos Unterhaltung über seine Lieblingsgegenstände und es schien, als
wären sie für jenen unerschöpflich; immer wußte er eine neue Ansicht,
einen neuen Vortheil denselben abzugewinnen, und seine, in dieser
Hinsicht gemachten Erfahrungen trug er mit einer Darstellungsgabe vor,
welche Hainau entzückte und mit jugendlichem Feuer stimmte er in
Guidos Aeußerungen ein, oder erhob sie mit preißenden Worten. Er mußte
versprechen in jener Woche noch einmal zu kommen und hier machte ihm
der Alte den Vorschlag sich ganz bei ihm einzuquartiren. Dies schlug
Guido aus; denn er wollte langsam, aber desto sicherer bei der Sache
zu Werk gehen. Die Woche zweimal bei ihm zu eßen: dazu machte er sich
verbindlich; allein schon dies war dem mißtrauischen Secretair höchst
ärgerlich. Er wurde durch Guido überzeugt, daß, außer ihm, doch noch
jemand fähig wäre, Hainaus Zuneigung zu gewinnen und dies war ihm
unerträglich. Mit heuchlerischer Besorgniß warnte er seinen Gönner:
sich dem Fremden doch nicht zu sehr anzuvertrauen, denn er wollte
manches Nachtheiliges von ihm gehört haben. Der schwache Greis wurde
anfangs bedenklich, aber als Guido das nächstemal wiederkam, und mit
seiner gewöhnlichen Herzlichkeit des alten Mannes Neigungen huldigte,
auch ehrlich und freimüthig wie immer ihm ins Auge blickte: da schwand
aller Verdacht aus Hainaus Seele und er erklärte Haßlieb fest: Guido
könne nicht täuschen und ihm würde nichts vermögen seinen angenehmen
Umgang aufzugeben. Der Bösewicht sah daß von dieser Seite nichts zu
machen sey und versuchte nun von einer andern Guido zu schaden.
Ein Prozeß eines unredlichen Vormunds gegen eine betheiligte Mündel
war bei dem Stadtgericht anhängig. Guido hatte sich überzeugt, daß
das Recht auf Seiten der Leztern war und vertheidigte mit Feuer die
Forderungen der Unterdrückten. Dieß schien dem ränkevollen Haßlieb
die unvermeidliche Klippe an welcher Guidos Ruf und Glück scheitern
würde. Er machte mit dem Vormund gemeinschaftliche Sache, beide
erkauften falsche Zeugen und diese mußten in der Stadt vorzüglich bei
den Mitgliedern des Raths das Gerücht verbreiten: «Guido sey in einem
Einverständnis mit dem Mädchen: seine täglichen Jagdpromenaden dienten
ihm zu geheimen Zusammenkünften mit ihr und die kostbare Tobackspfeife
welche er besäße, wäre ein Geschenk der Liebe und der Dankbarkeit
für seine Verwendung.» Der vorher überall geachtete Guido wurde nun
wirklich hie und da mit zweifelhaften Augen betrachtet, und so viel
Freunde er in seinem Collegium hatte; kannten sie ihn doch zu kurze
Zeit, um nicht auch mißtrauisch zu werden. Guido bemerkte bald eine
Aenderung ihres Betragens gegen ihn und konnte es sich lange nicht
erklären.
Auch Hainau erfuhr die Geschichte und eines Mittags traf ihn Guido sehr
übler Laune. Als er sich theilnehmend nach der Ursache erkundigte,
sagte dieser: lieber Herr! wem wird es nicht weh thun, wenn er sich
getäuscht findet und zwar so bitter wie ich! Sie wollen wissen wie?
Gut, ja, es soll heraus was mich herzlich verdrießt, und somit erzählte
er Guido, was die Leute von ihm sagten. Nun fiel diesem die Binde
von den Augen. Er schüttelte Hainau die Hand, versicherte ihm seine
Unschuld und versprach ihm in den nächsten Tagen Aufklärung über Alles.
Am folgenden Tag hinderte ihn eine Unpäßlichkeit in die Session zu
gehen. Dieser Umstand wurde benüzt, ihm eine schriftliche Aufforderung
zuzuschicken (weil man eine gewiße Scheu fühlte, ihn mündlich zu
ersuchen) sein _Votum_ in der bewußten Sache abzugeben, da er
nicht ganz unpartheiisch zu seyn schiene. Mit einem Blick durchschaute
er das ganze Gewebe der Bosheit und sobald es seine Gesundheit
erlaubte, trat er als Kläger vor Gericht, und verlangte den Grund zu
obigem Benehmen gegen ihn. Man mußte sein Begehren erfüllen und dann
nannte er Haßlieb seinen Verläumder. Als Genugthuung forderte er die
Untersuchung aller der Belege schlechter Handlungen jenes Elenden,
welche er in seiner Gegenwart vorlegte. Haßlieb wurde überwiesen und
konnte der gerechten Strafe nicht entgehen, denn eine Entdeckung
führte immer wieder zu vielen Andern und die Zahl und Größe seiner
Vergehungen zogen ihm nicht nur Dienstentsezung, sondern auch schnelle
Landesverweisung zu.
Guido suchte in dieser Zeit eine Zusammenkunft Hainau's mit Haßlieb
dadurch zu vermeiden, daß er jenen auf schonende Weise so bald als
möglich alles mittheilte, was nothwendig war, ihn selbst bei dem
besorgten Greis zu rechtfertigen und den Bösewicht zu entlarven. Es
schien ihm um so nothwendiger, da sich unter jenen Acten auch eine
unbesonnene Hindeutung des Secretairs auf ein vorhandenes Testament
des alten Hainaus befand. Guido verlangte es zu sehen, und Haßlieb
war darinnen als Haupterbe des ganzen großen Vermögens eingesezt.
Des alten Mannes Erstaunen gieng in Wehmuth und lauten Jammer über,
als Guido auch Haßlieb's frühere Handlungsweise schilderte, welche
auf seine Verwandten Verderben bringend gewirkt hatte, als er die
dadurch entstandenen Folgen in den Schicksalen desselben auseinander
sezte und mit Begeisterung von Hainau's Enkeln sprach. Tiefgebeugt,
ja völlig zerknirscht stand der sonst stolze Mann vor Guido, wie vor
seinem Richter und fragte mit hohler Stimme: Wie kann, wie soll ich
mein großes Unrecht gut machen? dann hob er das zitternde Greisenhaupt
in die Höhe, der Reue Thränen flossen über die eingefallenen Wangen
und mit flehenden Worten beschwor er den Geist seines Sohnes: ihm zu
verzeihen.
Guido erschütterte der Zustand des armen Greises sehr; er sorgte
mit kindlichem Eifer, daß der traurige Vorgang keine nachtheiligen
Folgen für ihn haben sollte und gelobte ihm: alles für seine Ruhe zu
thun. Hainau forderte selbst fürs Erste sogleich sein Testament ihm
zu verschaffen, welches Guido auf der Stelle holte, und auf Hainaus
Geheiß zerriß. Dann bat ihn dieser, sich an sein Bett zu sezen und
ihn von seinen Verwandten zu erzählen. Die Liebe und Freundschaft
führte in Guidos Hand den Pinsel, auch Cornelien gedachte er ehrenvoll
und erregte dadurch bei dem Greis den lebhaften Wunsch: recht bald
die geliebten Enkel und ihre Mutter bei sich zu sehen. Er ließ sich
Schreibmaterialien bringen und schrieb mit ungewisser Hand selbst
einen kurzen Brief, in welchem er sie eilig zu sich berief, um die
lezten Tage seines irdischen Daseyns mit ihnen zu verleben. Er wollte
durchaus die Veranlassung zu diesem Schreiben der Wahrheit gemäß ihnen
mittheilen, allein Guido bat so ängstlich dringend, seiner nicht zu
erwähnen, daß ihm Hainau, um ihn zu beruhigen, sein Wort gab, ihn
nicht zu nennen, sondern im Allgemeinen eine sonderbare Verkettung der
Umstände als Grund anzugeben.
* * * * *