Albina hatte viel mit diesen wechselnden Gefühlen zu kämpfen und immer

kehrten sie wieder. Beglommenen Herzens gieng sie nun jedesmal in die

Stadt, Guidos Wiedersehen bald fürchtend, bald hoffend. An einem Abend,

als sie wieder in Langenheims Haus trat, überfiel sie ein heftiges

Zittern denn ein Reise-Wagen im Hofraum ließ sie Guidos Ankunft

vermuthen. Sie war nicht vermögend gleich die Treppe hinaufzugehen

und mußte ihre ganze Seelenstärke aufbiethen, um Fassung zu erringen.

Endlich hielt sie sich für fähig Guido ruhig zu begrüßen. Die Thüre

öffnete sich und er -- etwas mager und bleich, demohngeachtet edel

und schön, saß mit dem Rücken nach der Thüre gekehrt, einem Spiegel

gegenüber, in welchem sie sein Gesicht und er ihr Eintretten sehen

konnte. Er sprang auf und eilte auf sie zu, die kleine Fany auf dem

Arm, führte er Albinens Hand an seine Lippen. Das Kind aber streckte

verlangend die Aermchen nach ihr aus; es schien ihre, alles bezaubernde

Anmuth selbst das kleine Mädchen-Herz mit magnetischer Kraft an sich

zu ziehen. Ein dunkles Roth überflog Guidos blasse Wangen; auch

Albina fühlte die ihrigen erglühen und war froh, sie an Fanys zartem

Gesichtchen verbergen zu können. William wurde auf des Großvaters

Knie geschauckelt, als Albina in das Zimmer trat, und die Baronin war

ausser demselben beschäftigt für den geliebten Sohn und die theuern

Enkel Bequemlichkeit und Erfrischung zu besorgen: denn noch war keine

Stunde verfloßen, daß Guido angekommen war. Albinens befangenem Zustand

kam die Gegenwart der Kleinen wohl zu statten. Von jeher der Kinderwelt

mit wahrer Liebe zugethan, waren ihr natürlich Guidos Sohn und Tochter

unbeschreiblich theuer; und so lange sie anwesend war, beschäftigte sie

sich unaufhörlich mit ihnen. Auf ihrem Schoos genoßen sie erquickenden

Thee und wohlschmeckenden Zwieback auf ihrem Arm, an ihrer Hand trug

und führte sie die Kleinen in den Gemächern des Hauses umher, wo irgend

ein Gegenstand war, der sie unterhalten konnte und endlich schlummerten

sie auf ihrem Schoos, von der Reise ermüdet ein, und wurden sanft von

ihr in die für sie bereiteten Bettchen getragen. Guidos Blick weilte

mit stillem Entzücken, so oft er es unbemerkt konnte, auf Albinens

zärtlicher Sorge für seine Lieblinge und auf deren zutraulicher

Annäherung an Jene. Schmeichelnd schmiegte der kleine William sein

Gesichtchen an das ihrige, fest schlang Fany die Aermchen um ihren

Nacken und schüttelte weinend das blonde Lockenköpfchen, wenn sie die

Grosmutter oder die Wärterin zu sich nehmen wollte.

Eine unerklärbare Bangigkeit hielt indeß Albina von Guido entfernt und

da auch dieser eine gewiße ehrerbietige Zurückhaltung beobachtete:

so herrschte zwischen Beiden eine drückende Spannung. Herzlich froh

war Albina als Langenheims von einem Besuch nach Haus kamen und die

Unterhaltung allgemeiner wurde. Jedoch das Uebermaß der Empfindungen

bewegte zu stürmisch das sonst so ruhige Herz. Sie konnte es nicht

länger unter ihren Freunden aushalten, sie mußte fort, um in der

Einsamkeit sich selbst wieder zu finden.

Schlaflos verstrich ihr die Nacht. Ach! Guido war ihr wieder so

interessant, so liebenswürdig und doch so kalt erschienen! und es

dünkte ihr sehr nothwendig sich einen festen Plan für ihr künftiges

Betragen zu entwerfen. Sie beschloß mit ruhiger Freundlichkeit ihm zu

begegnen aber Miene, Wort und Handlungen genau abzuwägen um ihm zu

keiner falschen Beurtheilung Veranlassung zu geben. Am andern Morgen

erhielt sie ein liebevolles Billet von der Baronin, in welchem sie

dieselbe dringend, und unter der Zusage ihrer wärmsten Dankbarkeit

bat, «sich ihrer Enkel an -- und sie zu sich zu nehmen, ihre physische

und moralische Bildung zu leiten und auf diese Weise die Ruhe der

Groseltern und des Vaters zu sichern; da sie durch zunehmendes Alter

und durch Aengstlichkeit unfähig zur Erfüllung jener Pflicht sey.»

Albinens Herz hatte sogleich entschieden; allein die Zustimmung der

Mutter war auch nothwendig und sie zitterte bei dem Gedanken, daß sie

sich weigern könnte.

Als sie eben überlegte, wie sie, ohne ihr Inneres zu verrathen Jene, zu

einer Einwilligung bestimmen könnte: wurde sie zu Cornelien geruffen,

und fand -- Theresen, welche von Volkmars beauftragt, die obige Bitte

mündlich wiederholen sollte. Albina zeigte der Mutter, das, kurz

zuvor erhaltene Schreiben und diese fühlte sich verpflichtet durch

das Andenken an den segensreichen Einfluß von Theresens großmüthiger

Freundschaft auf ihr Schicksal der edlen Frau jenen Wunsch welchen sie

wie einen Eigenen vortrug zu erfüllen. Albina trat an ein Nebenfenster

und mit einem frommen Blick zum Himmel sandte sie ihre Freude, ihren

Dank zur Gottheit, verband aber auch damit ein heisses Flehen um Stärke

und Weisheit zu ihren neu übernommenen theuern Obliegenheiten.

In Begleitung der liebenden Grosmutter kamen die Kleinen bald

darauf in das Landhaus und der Auffenthalt daselbst, unter Albinens

allumfassender treuer Fürsorge war segensreich für ihr körperliches

und geistiges Gedeihen. Aber die mütterliche Erzieherin war auch so

gewissenhaft, daß sie nur durch die äusserste Nothwendigkeit gedrungen

ihre Pfleglinge verließ, daher auch selten, und nur mit ihnen in die

Stadt gieng.

Guido war ein eben so seltener Besuch auf dem Landhaus, und Albina

verwieß ihr Herz zur Ruhe, wenn es unzufrieden darüber klagen wollte.

Die kältere Vernunft gebot ihr sogar dies spärliche Zusammenkommen zu

wünschen: denn ach! in Guido's Nähe war ihr so weh, so beglommen! --

Eine düstere Schwermuth bemeisterte sich nach und nach ganz seiner

Seele und verlezte ihr Gefühl in dem Grad, als seine übrigen großen

Eigenschaften es oft beseeligten. Sie suchte den Grund in seinen

ehemaligen traurigen Erfahrungen, als unglücklicher Gatte, zweifelte

durchaus an ihrem Vermögen, ihn trösten und erheitern zu können und

hielt sich mit wunden Herzen so weit als möglich von ihm zurück.

Allein in Guido war die alte Leidenschaft für Albinen mit aller Stärke

wiedergekehrt; doch in ihrem schüchternen ja beinah ängstlichen

Betragen, wollte er eine neue schonende Abweisung finden. Ihre Liebe

zu seinen Kindern schrieb er auf Rechnung ihrer angebohrenen Milde,

so wie der, edlen weiblichen Wesen eigenen Hinneigung zu den kleinen

hülflosen Geschöpfen und so vergrößerten Beide die Scheidewand immer

mehr, die anfangs leicht zu übersteigen gewesen wäre. Die Eltern und

Langenheims theilten Albinens obige Vermuthung und boten vergeblich

alles auf, ihn zu zerstreuen. Aus gutmüthiger Gefälligkeit gieng er

auf jeden gesellschaftlichen Plan ein: jedoch er war in solchen Zirkeln

ein unnützes Glied. Wortarm, in sich versunken saß er oft in den bunten

Reihen und so sehr sein vortheilhaftes Aeußeres den Damen und Mädchen

wohlgefiel: so sehr schreckte sie sein Ernst, seine trübe Stimmung

ab. War er mit Albinen zusammen: so vermied sein Auge absichtlich den

ihrigen zu begegnen und geschah es dennoch, so lag so viel innerer Gram

in seinem Blick daß es tief, tief ihr Gemüth verwundete, und sie die

Thränen kaum zurückzuhalten vermochte. Langenheim gelang es am besten,

durch seine Unterhaltung Guido etwas zu zerstreuen; sein gebildeter

Geist, sein tiefes Gefühl, sprach diesen wohlthätig an, und in der

Mittheilung ihrer Erfahrungen, fanden sie gegenseitig viel Interesse.

Doch wurden von Guido nur Jene berührt, welche die Welt und die

Menschheit im ~Allgemeinen~ betrafen; indeß Langenheim von seinem

eigenen Schicksal ihm Mancherlei erzählte. In einem solchen Gespräch

erhielt Guido Aufschluß über Familien-Verhältniße, welche sich in

seiner Abwesenheit anders gestaltet hatten; und auch des todgeglaubten

Direcktor Hainau's wurde erwähnt; Langenheim schilderte seinen

Reichthum und beklagte, daß seine rechtmäßigen Anverwandten, Albina und

Theodor keinen Genuß davon erhalten konnten. Guido beschloß nach dieser

Unterhaltung an einen Bekannten zu E* zu schreiben und Erkundigungen

einzuziehen, ob zum Vortheil der ihm so theuren Geschwister gar nichts

mehr zu unternehmen wäre.

Aus der Antwort ergab es sich, daß der alte Hainau wirklich noch

am Leben, aber fest umstrickt sey von der ganzen Familie des

verabscheuungswürdigen ehemaligen Kammerdieners, welcher nun die

Secretairsstelle begleitete. Nun war Guidos Plan entworfen und sein

Entschluß gefaßt!

An einem Morgen beim Frühstück, als den Tag zuvor wieder zärtliche

Sehnsucht die Groseltern nach dem Landhaus hingeführt hatte und sie

höchst befriediget zurückgekommen waren, konnte die Baronin nicht

aufhören, das glückliche Geschick ihrer Enkel zu preißen welches ihnen

Albinen zur Pflegerin gegeben hatte; und ihr Gatte stimmte auf das

herzlichste in diese Versicherungen ein. Guido schwieg und sah finster

zur Erde. Die Mutter nahte sich ihm, mit bittender Miene, strich sanft

mit der Hand über seine faltige Stirne und sagte: «Wenn doch nur mein

Guido Herr über die traurigen Erinnerungen an die Vergangenheiten und

dadurch fähig werden könnte, das was die Gegenwart biethet, freier zu

beobachten!

Ach eine holde liebliche Erscheinung könnte ihm durchaus nicht

entgehen, welche das Ideal einer treflichen Tochter ist und das einer

eben so vorzüglichen Gattin und Mutter werden würde!» «Ich weis wen

Sie meinen liebe Mutter!» sagte Guido ernst; «aber nein -- es ist

nichts -- es kann nicht seyn,» sezte er tief seufzend hinzu; «und

wenn sie mich lieben, kein Wort mehr davon!» Er stand auf, rückte den

Sessel zurecht und entfernte sich. Nach einigen Tagen theilte er den

Eltern seinen Plan mit: ein thätiges Leben zu beginnen und sich um eine

Assessors Stelle zu melden, welche bei dem Stadtgericht zu E* erledigt

sey. «Und warum denn gerade nach E*?» fragte der Vater. «Ich habe einen

Freund dort,» erwiederte Guido, «welcher mir eine sehr vortheilhafte

Schilderung von jenem Posten und der ganzen Lebensweise in E*

mitgetheilt hat; hier lieber Vater! ist vor der Hand keine Aussicht

zu einer mir wünschenswerthen Anstellung und ich denke, Thätigkeit

ist das kräftigste Mittel gegen meine trübe Stimmung, die auch leider

ihnen geliebte Eltern! manche unangenehme Stunde macht. Verzeiht mir!

und laßt den finstern Sonderling ziehen: heiterer hoffe ich, wird er

Euch wiedersehen! --» Die Eltern konnten nichts dagegen einwenden, sein

Gesuch wurde begünstigt und er beschleunigte so sehr er konnte seine

Abreise.

Die Besorgnis, bei der abermaligen Trennung von Albinen sich vielleicht

nicht genug verbergen zu können, bestimmte ihn, einen Tag zum

Abschiedsbesuch auf dem Landhaus zu wählen wo er wußte, daß Albinen

ein unabänderliches Geschäfte ohne seine Kleinen in die Stadt rief.

Unter schmerzlichen Kämpfen hatte er in der Nacht zuvor ein Schreiben

an sie aufgesezt, das sein dankbares Gefühl als Vater innig ausdrücken

und doch von seiner unaussprechlichen Liebe zu ihr, nichts verrathen

sollte. Immer vernichtete er wieder, was er geschrieben hatte, denn es

däuchte ihn bald zu leidenschaftlich, bald zu kalt. Endlich schien er

es getroffen zu haben; aber erschöpft und mit verweinten Augen warf er

sich auf sein Bett, nicht um zu schlafen sondern in stolzen Entwürfen

für das Glück der geliebten Grausamen, Linderung seiner Schmerzen und

süße Zerstreuung zu finden. Mit klopfendem Herzen näherte er sich am

andern Tag dem Landhaus, denn es war doch möglich Albinen zu treffen.

Er hatte es gut berechnet, sie war nicht zu Hause. Gerührt drückte

er seine Kinder an sein Herz, gab Cornelien den Brief für Albinen

und eilte so schnell als möglich wieder fort. Albina war mit seinem

Entschluß, wegzugehen schon bekannt; doch sie hatte gehofft, noch

einmal ihn zu sehen, ein freundliches Wort von ihm zu hören und gelobte

sich selbst: von diesem, gleich einem ärmlichen Reisepfennig durchs

Leben, in den künftigen Tagen sparsam und zufrieden zu zehren. Allein

auch darauf sollte sie Verzicht leisten müssen! dies war hart! und sie

wurde bleich bis in die Lippen, als sie bei ihrer Zurückkunft aus

der Stadt hörte, Guido habe Abschied genommen und den Brief für sie

zurückgelassen. Sie nahm ihn und gieng damit in die Gartenlaube.

«Also wählte er absichtlich diese Zeit, um mich doch ja nicht zu

finden!» sagte sie schmerzlich zu sich selbst; und ein gerechter

Stolz empörte sich in ihr gegen diese Vernachläßigung. Sie hielt

lange den Brief unentsiegelt in ihrer Hand, starrte auf ihn hin und

war ungewiß, ob sie ihn öffnen sollte oder nicht. «Guido Guido!» rief

sie, «du mishandelst ein Herz, das ganz dein gehört hat und -- noch

immer dein ist,» sezte sie wehmüthig leise hinzu, und ein wohlthätiger

Thränenstrom erleichterte die beglommene Brust. Sie löste das Siegel,

las, las wieder und noch einmal und manche einzelne, herabfallende

bittere Thräne verlöschte hier und da ein Wort des Briefs, der nichts

wohlthuendes für ihre leidende Seele enthielt. Es herrschte darinnen

ein steifer kalter Ton; der in diesem Augenblick doppelt hart an

das liebende weiche Herz Albinens anschlug. «Also auch nicht einmal

Freundschaft, nein nur dankbare Höflichkeit giebt mir Guido für die

heisse Liebe, die ich für ihn fühle!» klagte Albina und legte die

glühende Stirne in die hohle Hand. «Aber weis er es denn, daß ich ihn

liebe? fuhr sie fort, o! hätte er ahnen können, was in mir vorgieng,

wenn ich seinen Kummer über die Vergangenheit, oder seine Freude über

seine Kinder sah! wäre er Zeuge von meinen jezigen Leiden -- dies große

Herz, das die ganze Menschheit umfäßt mit reicher Liebe, würde auch für

mich freundlich tröstenden Gefühlen Raum geben! Ach! er bleibt dennoch»

-- und dabei preßte sie fest beide Hände an das blutende Herz -- «er

bleibt dennoch Beherrscher dieses stillen Reiches in meiner Brust!

guter Gott!» seufzte sie und sank in betender Stellung an der Rasenbank

nieder, «guter Gott! laß einen deiner heiligen Boten, als Schutzengel

ihn begleiten auf allen seinen Wegen und mir gieb Stärke bei der

Erziehung seiner Kinder, sein Glück und das ihrige zu begründen!» --

Wieder ganz einig mit ihrem Herzen nahm sie noch einmal Guido's Brief

zur Hand. Ihrem nun klaren Auge wollte hie und da manche Stelle in

einer Spannung des Gemüths geschrieben dünken, ja sie fand Ausdrücke,

welche ihr jezt eine ganz andere Auslegung zu fordern schienen, als

vorhin. «Wie -- sagte sie, sollte er Gefühle mir verbergen wollen,

welche die höchste Seeligkeit meines Lebens hienieden ausmachen

würden und sollte dieses Streben jene Kälte erzeugt haben? nicht doch

Albina! täusche dich nicht wieder selbst! o der Zwiespalt im Innern

ist etwas fürchterliches! Gott bewahre dich dafür!» Sie versank in

tiefes Nachdenken; endlich -- wie daraus erwacht -- stand sie rasch

auf, hob Hand und Auge gen Himmel und sagte: «es sey, wie es wolle!

ich gehöre schon lange mir nicht mehr selbst an, ich bin sein und

will es bleiben, bis dies Herz nicht mehr schlägt!» mit diesen Worten

verließ sie die Laube und kehrte in das Haus zurück. William hüpfte

ihr entgegen und seine freundlichen Liebkosungen hießen vollends jeden

Nachklang schmerzlicher Gefühle schweigen. -- War sie vorher schon eine

treue mütterliche Pflegerin der Kleinen, so wurde sie es jezt mit einer

beispiellosen Aufopferung. Sie konnte sich in dieser Pflicht immer gar

nicht genügen und wer den Kleinen Beweise von Liebe und Wohlgefallen

gab, der erhöhte Albinens Glück, das in diesem wunderschönen Kinderpaar

aufblühte. Es waren aber auch holde liebliche Wesen, in deren großen

klaren Augen ein Himmel von Unschuld und Liebe lag, auf deren Wangen

die Rosen der Gesundheit glühten und in all deren Bewegungen Freude und

Leben war.

Man konnte nicht anders, als liebend sich ihnen nähern und dann

schmiegten sie sich mit unendlicher Freundlichkeit an die Menschen

an, welche sich oft um ihre Gunst stritten. Schon in dem zarten

Alter, worinnen sie noch waren, suchte Albina die schöne Grundlage

der weichen Herzen für den Saamen herrlicher Tugenden zu benützen,

und Wohlthätigkeit, Eintracht, Dankbarkeit, alle diese und ähnliche

Eigenschaften trieben frühzeitig süße Früchte. William trug, kam

während der Tischzeit ein Armer, vorsichtig seinen Teller Suppe hinaus

und brachte ihn denselben mit Engelsfreude. Fany schob freundlich das

vielgeliebte Spielzeug dem Bruder hin, wenn dieser darum bat und Hand

und Lippe boten sie freiwillig und ohne Erinnerung Jedem der ihnen mit

irgend Etwas einen Genuß verschaffte. Auch Cornelien wurden die Kleinen

lieb und theuer und verwandelten oft ihre ernste Stimmung in eine

heitere Laune. William nannte sie Grosmutter und Albina mußte sich,

den Mutter Namen von ihm geben lassen, so wollte es die Baronin. Der

kleine Mädchen Kreiß, der ebenfalls Albinens Leitung anvertraut war und

dem sie mit viel umfaßender Einsicht und Liebe, trotz ihrer Pflichten

gegen Guido's Kinder nichts entzog, was sie ihnen schuldig zu seyn

glaubte: theilte nach Kräften, mit Albinen die Sorge für die Kleinen

mit einer Anhänglichkeit an dieselben, welcher oft Albina Einhalt zu

thun genöthigt war; doch diente dies ganze Verhältnis zur gegenseitigen

Ausbildung mancher Tugenden und Fertigkeiten und die kluge liebevolle

Vorsteherin verstand es ~so~ zu leiten, daß jedem Familien-Glied

Vortheil daraus entstand. In heiligen Augenblicken, wo sich Albina mit

William und Fany allein befand, sprach sie in schöner Begeisterung zu

ihnen von dem Vater und in einer für sie faßlichen Weise legte sie

ein herrliches Bild von ihm in die zarten Kinder-Seelen, damit es

mit ihnen heranwachse und unvergänglich in ihnen wohne und herrsche!

-- Bei einem Besuch, den Albina mit den Kleinen in Volkmars Hause

machte, gewahrte William das Portrait des Vaters und mit kindischer

Heftigkeit verlangte er es mitzunehmen. Albina erröthete und suchte

ihn davon abzubringen; doch den Groseltern war es unmöglich einen

Wunsch ihres geliebten Enkels unerfüllt zu lassen, sie äusserten: daß

sie sich mit einem kleinern Gemälde begnügen wollten und sagten jenes

William zu. Dieser klopfte voll Freude in die Händchen und Albina

mußte das Portrait über sein Bettchen hängen; wo sie dann oft, den

Einfall des Knaben im Stillen segnend, mit thränenvollen Augen und mit

unendlicher Liebe darauf verweilte, wenn sie William schlafen legte,

oder wenn sonst sie ein Geschäft in dieses Zimmer allein führte.

Erwähnte Guido in seinen seltenen, beinah unbedeutenden Briefen doch

jedesmal seiner Lieblinge und ihrer treuen Erzieherin freundlich: dann

eilte sie besonders zu des Geliebten Bild und weihte ihm des Herzens

heissen Dank für das tröstende Angedenken. Die verstärkten körperlichen

Kräfte der Kleinen, ihre immermehr zunehmende Fertigkeit im Gehen,

machte, daß Albina nun öfters den Wunsch der Groseltern erfüllen

und mit ihren Enkeln zur Stadt kommen konnte. Sie unterließ dann

nicht, ihre theuern Pflegeltern auch jedesmal zu besuchen. An einem

schönen Herbst Nachmittag wurde wieder in die Stadt gewallfahrtet

und Aurelia begleitete Albinen. Dieses sanfte Geschöpf war aus der

Pflegetochter Albinens, ihre Freundin geworden. Frei von allem

jugendlichen Leichtsinn, hatte sie sich frühzeitig jeden Vorzug einer

treflich gebildeten Jungfrau erworben und hätte ihren Kenntnissen

und Fertigkeiten nach, schon länger die Schule, worinnen sie erzogen

wurde verlassen können; auch erschien einst ihr Vater (welcher schon

mehreremale seine Töchter besucht hatte und immer höchst befriedigt

hinweggereißt war) mit dem Wunsch, daß sie nun ihren bisherigen

Auffenthaltsort verlassen und zu ihm zurückkehren möchten. Sie mußten

sein Verlangen billig finden und hegten eine zu kindliche Liebe für den

Vater, eine zu hohe Meinung von dem ihm schuldigen Gehorsam, als daß

sie sich hätten wiederspenstig zeigen sollen; indeßen fühlten sie tief

das Schmerzliche der verlangten Trennung. Sidi sah, wie es besonders

der von ihr herzlich geliebten Schwester einen schweren Kampf kostete,

sich von Albinen loszureißen und beschloß, ins Mittel zu tretten,

indem sie den Vater bat: sie einstweilen mitzunehmen und Aurelien noch

eine Zeitlang zurückzulassen. Er willigte in den Vorschlag ein und

mit welcher Innigkeit dankte Aurelia der edelmüthigen Schwester! wie

fühlte sie sich so glücklich mit Albinen noch länger vereinigt leben zu

können!

Aurelia verband mit vieler Geistesbildung auch tiefes und richtiges

Gefühl, Albina fühlte sich sehr zu ihr hingezogen und führte sie

mit einem, jene hoch ehrenden, Vertrauen öfters in die Tiefe ihres

schönen Gemüthes ein. Doch über Guido's Bild war in Albinens Herzen

ein dichter Schleier gezogen, den nur sie zuweilen wegzuziehen wagte;

allein Aureliens spähendes Auge für alles was der Freundin wichtig

war erblickte durch den verhüllenden Flor dennoch die wohlbekannten

Züge. Auch hatte sie Jene einst bei einer der geheimen Ergießungen

ihrer Seele vor Guidos Bild ohne ihren Willen überrascht, sich aber

augenblicklich und stille zurückgezogen; und suchte nun bescheiden, auf

unmerkliche Weise alle diese Entdeckungen zu wohlthätigen Erheiterungen

der geliebten mütterlichen Freundin zu benützen. Das heißt: sie gab

öfters ganz unbefangen scheinend Albinen Gelegenheit, sich über den

Heißgeliebten aussprechen zu müssen, wobei diese immer so glücklich

schien. Aurelia wußte dann so geschickt durch Fragen Albinen immer

mehr in solche Unterhaltungen zu verwickeln, daß dieselbe oft am Ende

im Stillen staunend zu sich selbst sagen mußte «wie kam es, wie war

es dir möglich so viel von Guido zu sprechen?» -- Auch auf jenem Weg

nach der Stadt war unversehens der entfernte Freund ihr unsichtbarer

Begleiter geworden. Aurelia sprach von seinen Reisen und wünschte so

herzlich mehr davon zu hören, daß Albina nicht ausweichen konnte, sie

mußte ihr manches was ihr davon bekannt war, mittheilen. Das Feuer der

Liebe röthete dabei immer höher ihre Wangen, strahlte immer lebhafter

aus ihrem Auge und auf William und Fany übertrug sie in vielen heissen

Küßen die Aeußerung ihrer schuldlosen Leidenschaft. Aurelia gieng,

befriedigt durch die Erreichung ihrer reinen Absicht: Albinen wieder

einen Genuß bereitet zu haben, stille, neben ihr, wagte aber keinen

freien Aufblick, um ihre Freundin im Erguß ihrer Empfindungen nicht zu

stören. Indeßen dadurch aufgeregt und voll seeliger Erinnerung an Guido

kam diese zu Langenheims. Sie fand ausser Volkmars einen Fremden, deßen

Gesicht ihr bekannte Züge zu haben schien. Auch er betrachtete sie mit

einer Aufmerksamkeit, welche sie beinahe verlegen machte; doch bald

stellte Langenheim beide einander als alte Bekannte vor. Edmund, so

hieß der junge Mann war der Sohn des reichen Besitzers jenes Gartens,

in welchem Albina ihre Kinderjahre verlebt hatte.

Ach, sein Anblick und diese Erläuterung führte die Vergangenheit

ganz vor ihre dankbare Seele und mit einer herzlichen Lebhaftigkeit

fragte sie augenblicklich bei Edmund nach ihren ersten Wohlthätern so

nannte sie mit inniger Rührung die braven Gärtnersleute. In Edmunds

Auge glänzte bei dieser Unterhaltung eine Thräne; Er drückte Albinens

Hand und sagte. «Haben Sie Dank für diese Frage; edle Albina! sie

läßt mich in ein schönes Menschenherz blicken. --» Albina schlug

den Blick bescheiden zur Erde und Edmund fuhr fort, ihre Hand immer

nicht loslassend; «Gärtner Paul ist mit all' den Seinigen gesund und

heiter und sie würden sich unaussprechlich freuen, wenn sie Zeugen des

freundlichen Angedenkens ihrer Albina seyn könnten, die sie warlich

nicht vergeßen haben!» Freudig wollte Albina zu Edmund aufsehen,

doch sie begegnete abermals seinem Feuerblick und konnte ihn nicht

ertragen. Theresen entgieng nicht die Befangenheit ihres geliebten

Töchterchens, eben so wenig der Eindruck, welche der Anblick desselben

bei Edmund bewürkt hatte und sie suchte dem Gespräch eine muntere

Wendung und ein allgemeines Intresse zu geben. Albina erfuhr, daß

Edmunds Eltern nicht mehr am Leben seyen und jener sein großes Vermögen

-- ganz unähnlich den kargen Eltern -- zu schönen Zwecken verwende,

auch einen Theil desselben zu einer bedeutenden Reise bestimmt habe.

Es war sein Plan, auf derselben D* zu passiren, wo er Langenheim und

Albinen zu finden hoffte. Ersterer war ihm nur durch die beredten und

vortheilhaften Schilderungen des Gärtner Paul's bekannt; doch des

hübschen Gärtnermädchens -- wie er sich ausdrückte und dadurch eine

Rosengluth auf Albinens Wangen jagte -- hatte er sich noch sehr gut

erinnern können, allein immer so erwartet, wie er es gefunden habe.

Bei diesen Worten trat er ihr näher und küßte ehrerbietig die weiche

runde Hand. Albina hatte sich wieder ganz zurecht gefunden, und suchte

mit möglichster Unbefangenheit in den gewöhnlichen Unterhaltungston

einzustimmen und in demselben sich nach allen, ihr durch die

Vergangenheit lieben und wichtigen Personen, Gegenständen, Pläzchen

und Ergebnißen zu erkundigen. Edmund befriedigte sie ganz, jedoch es

überraschte ihn öfters dabei eine Art Leidenschaftlichkeit, welcher

dann Albina desto mehr Ruhe und Kälte, entgegenzusetzen strebte. Sie

konnte es nicht läugnen an Edmund viele große Charakterzüge bemerkt zu

haben: doch die Glorie welche in ihrem Herzen Guidos Bild umgab, fehlte

jeder andern Erscheinung und sie verlohr sich dann im Schatten.

Edmund war anfangs Willens nur ein paar Tage in D* zu verweilen:

allein schon war eine Woche vorüber und er fand noch immer so viel

Sehenswerthes, oder so viele Hinderniße diese und jene Merkwürdigkeit

zu beschauen: daß er seine Abreise von Tag zu Tag verzögerte. Er kam

sehr oft in Langenheims gastfreundliches Haus. Sein Blick suchte aber

bei jedem Eintritt immer zuerst Albinen, er versäumte auch nicht nach

ihr zu fragen; aber sein sehnsüchtiges Verlangen wurde nie befriedigt.

Albinen konnte ihrer unverstellten Anspruchslosigkeit ohngeachtet der

Eindruck nicht entgangen seyn, welchen sie auf Edmund gemacht hatte;

jedoch, wie hätte ein so edles Mädchen-Herz wie das ihrige gewißenlos

mit der Ruhe eines braven Mannes spielen können! Sollte sie seinen

Gefühlen noch mehr Leben und Bestimmtheit geben, da es nicht in ihrer

Macht stand dieselben zu erwiedern! dagegen empörte sich ihr reines

Gemüth. Sie beschloß also ihn zu vermeiden.

Aber an Aurelien bemerkte sie seit jenem Nachmittag eine sichtbare

Veränderung. Das sonst harmlose, Geschöpf schlich jezt traurig umher,

seufzte tief auf und war ungemein zerstreut.

Albina, das Blumenmädchen · 第 9 / 16 段