Mylady empfieng mich mit sichtbarer Freude und sowohl bestochen

von ihrer verlaßnen Lage, als gedrungen von dem Verlangen nach

nützlicher, zerstreuender Thätigkeit, welche meinen Schmerz um den

verlohrnen Freund mildern sollte, gab ich ihr das Versprechen: ihre

Angelegenheiten zu ordnen, denn ihren dermaligen Geschäftsführer

mangelte es an Einsicht und an gutem Willen. Ihre Dankbarkeit

bewieß sie mir auf eine Art, welche mich immer mehr anfeuerte ihr

recht wichtige Dienste zu leisten. Sie bot alle Künste der feinsten

Coquetterie auf, mich zu feßeln und es gelang ihr; in wenig Monaten

war ich ihr Gatte.

Meinem geraden Sinn war es unmöglich, eine so entsezliche

Verstellung zu argwohnen, deren Lady Anna wirklich fähig

war. Ach! ich glaubte in einem Herzen Liebe zu finden wo nur

Selbstsucht herrschte und wurde fürchterlich getäuscht! -- Die

häuslichen Tugenden, welche sie um mir zu gefallen geheuchelt

und in schönen Redensarten damit geprahlt hatte, wurden in der

Wirklichkeit vergeblich bei ihr gesucht! In der Anstalt worinn sie

erzogen wurde, hatte sie Vielerlei doch alles nur Oberflächlich

und durchaus Nichts für ihre künftige weibliche Bestimmung

gelernt. Aus Stolz wollte sie, wie ich späterhin erfuhr von der

Haushälterin ihres Vaters, welche sie fälschlich für so böse mir

geschildert hatte, keinen Unterricht annehmen und so war sie

höchstens nur im Stande, einen guten Thee zu bereiten und bei

Tisch die von mir angegebenen und vom Koch verfertigten Speisen

vorzulegen. Ihr Charakter enthüllte zu meinem größten Schmerz

nach und nach immermehr seine wahre Gestalt. Eigennutz, Härte

und drückender Stolz auf ihrem Reichthum, sprach sich in jedem

Worte, in jeder Handlung aus. Die erste Leidenschaft war es,

welche unsere nähere Bekanntschaft gründete. Ich hatte mich ihr

bei unserm Zusammentreffen in der City von einer etwas glänzenden

freigebigen Seite gezeigt; dies steigerte ihr Wohlgefallen an

mir und durch die Schilderungen des Doctors, so wie durch unsere

spätern Unterhaltungen glaubte sie an mir einen Mann kennen

gelernt zu haben, welcher geeignet schien ihre Reichthümer auf

eine vortheilhafte Weise verwalten zu können. Daher däuchte es ihr

der Mühe werth, meiner gewiß zu werden und die Rollen sorgfältig

einzustudiren, in welchen sie mir zu gefallen glaubte: doch als

wir verbunden waren, legte sie den sehr lästigen Zwang nach und

nach ab und ließ mich -- leider zu spät! -- das Unglück meiner

Wahl tief empfinden. Ich wandte anfänglich alles an, nur Annen's

Liebe zu gewinnen und zartere weibliche Grundsätze und Empfindungen

ihr einzuflössen; allein weder meine Bemühungen, noch die Reitze

der Natur in dem unaussprechlich schönen Richmonds Thal worinn

unser Landsitz lag, noch ihr Verhältnis als Mutter, da sie zwei

lieblichen Kindern, einem Knaben und einem Mädchen das Daseyn

gab, konnten irgend eine vortheilhafte Umänderung ihrer Ansichten

und Gefühle bewirken. Sie blieb die herrische, anmaßende Gattin,

welche meine Dienstleistungen als Schuldigkeit forderte und

mit Undank belohnte, die gleichgültige sorglose Mutter, welche

keinen Sinn für die Freuden und süßen Mühen derselben zeigte; die

unwissende und daher desto ungerechtere und härtere Hausfrau. Ich

verschleiere die traurigen, mir höchst wiederlichen Scenen, welche

ein solches Betragen unter uns herbeiführen mußte und eile zu einer

Begebenheit, welche entscheidend für mein Schicksal wurde.

Geschäfte riefen mich einst nach der Stadt (so wird London

vorzugsweise in ganz England genannt.) Ich mußte länger

daselbst verweilen, als ich geglaubt hatte und während meines

Aufenthaltes führte mich ein Zufall an einem Abend an der

~Westmünsterabtey~ vorüber. Nur einmal hatte ich sie mit

meinem unvergeßlichen William und da nicht ganz genau besehen. In

der schwermüthigen Stimmung in welcher ich mich immer, besonders

aber damals befand, zog mich das alte gothische Gebäude mit seinen

heiligen Denkmälern berühmter Entschlaffener unwiederstehlich an.

Ich trat hinein und wandelte allein in diesen schauerlichen Hallen,

wo die Geister der Vorwelt mich umschwebten und ich ihr Geflüster

wahrzunehmen wähnte. Hie und da verweilte ich bei den, seltenen

Sterblichen geweihten Monumenten und erblickte leider! an manchen

unter ihnen den alles zerstörenden Zahn der Zeit. Jedoch mich

ergriff der große Gedanke: «daß, was jene Männer wirkten, nicht

der Gewalt irdischer Vergänglichkeit unterworfen ist; das Edle

bleibt ewig Groß, das Schöne ewig Neu, und es giebt Handlungen,

welche sich empor über die Erde erheben, dort von himmlischen

Genien aufgenommen und eingetragen werden in das Buch des Lebens!»

bewegt nahte ich mich dem sanften Dichter ~Goldsmith~, dem

ernsten ~Milton~, Thomson u. s. w. und gedachte der herrlichen

Werke jener unsterblichen Sänger, des Reichthums ihres Geistes

und Herzens; ich vergegenwärtigte mir den segensreichen Einfluß

ihrer Schriften auf die gleichzeitigen Weltbürger, so wie auf

spätere Geschlechter; ich gewahrte im Geist die Erheiterungen,

die Begeisterungen, die vielen ernsten, folgereichen Erweckungen

zum Guten, welche wir Jenen zu verdanken haben und die als

ausgestreuter Saame in kürzerer oder längerer Zeit immer neue

Früchte bringen. O wie klein, wie unbedeutend erschien ich mir,

vor den Nachgebilden jener Geistes-Helden! ich habe ja mit all'

dem reichen guten Willen, den ich in mir trage, noch nichts

gemeinnütziges gethan und das Wenige, was andere von mir empfiengen

verschwindet wie ein leichter Schatten, vor den Strahlen der

Wahrheit und der Verdienste würdigerer Menschen.

Düster, mit verschlungenen Armen, wandelte ich dem Tempel

entlang, zu den zwölf, sich an ihn schlißenden Kapellen, welche

die irdischen Ueberreste der Könige und Königinnen von jeher in

ihrem Schoos aufnahmen. Auch hier bewunderte ich manches Werk der

Kunst und beobachtete ihre stufenweis' fortschreitende Ausbildung.

Innig gerührt stand ich an dem Grabe der unglücklichen ~Marie

Stuart~, welche nicht weit von ihrer ~Todfeindin~ und

~Mörderin~ hier schlummert. Noch mehr erschütterte mich das

Grabmahl ~Eduard's~ I. und das seiner Gemahlin ~Eleonora~

von ~Kastilien~. Von ihr erzählt die Sage ein rührendes

Beispiel seltener, ehelicher Liebe und Treue. Ihr Gemahl zog als

Kronprinz 1274 zum heiligen Krieg ins gelobte Land. Kein noch so

furchtbar drohendes Ungemach konnte Eleonoren von dem Vorhaben,

ihn zu begleiten zurückhalten. An ihrem weiblichen Heldensinn

entzündete sich sein Muth und er richtete große Niederlagen

unter den Türken an. Um sich deswegen zu rächen, sandten sie

Meuchelmörder gegen ihn aus, und ihr vergifteter Pfeil traf Eduard

im Arm. Die Aerzte gaben ihn verlohren, wenn nicht augenblicklich

das Gift aus der Wunde gesogen würde. Keiner seiner Diener

entschloß sich zu dieser That, aber Eleonora scheute nicht die

Gefahr und weihte sich freudig dem Tod, um das Leben des geliebten

Gemahls zu erkaufen und -- ihr gelang das schöne Werk! die Stärke

treuer Liebe ehrend, soll indeßen der Todesengel sich schonend

hinweggewendet und die Gatten noch eine Reihe glücklicher Jahre mit

einander gelebt haben; auf ihrem Sarkophage liegen die Gestalten,

der darunter Schlummernden und in Eleonorens Gesicht ist ihre Güte

und Milde kunstvoll ausgedrückt.

Eine unbeschreibliche Wehmuth bemächtigte sich meiner, bei diesen

Denkmählern! «Glücklicher Eduard!» rief ich aus, dir wurde der Erde

höchst Seeligkeit zu Theil! mir ist sie versagt, Vergeblich sehne

ich mich nach Liebe, welche ich, wie du Eleonora (ja ich fühle es!)

reich, reich mit jedem Opfer zu vergelten und zu erwiedern bereit

wäre! --

Mit diesen Klagen machte ich meinem gepreßten Herzen Luft und wurde

so weich, daß ich weinen mußte.

Endlich bemerkte ich, daß es über meine Betrachtungen ziemlich

dunkel in dem hohen Gewölbe wurde und trennte mich von dem der

Trauer geweihten Ort. Auf der Straße, wo es schon dämmerte, kam

ich zu einem Grausen erregenden Auftritt. Ein Zusammenlauf vieler

Menschen zog meine Aufmerksamkeit an sich. Das Blut starrte mir

in den Adern, als ich in unserm vierspännigen Wagen meine Gattin

~ruhig~ sitzen und unter den wiehernden Schimmeln, deren

Zügel einige Männer hielten, ein halbtodes Mädchen von 4 Jahren

hervorziehen sah. Ich weis noch heute nicht, was Lady Anna bewog,

mir nachzureisen; ich weis nicht, wohin sie nachher ihren Weg

nahm: denn ihre laute unmenschliche Aeußerung: «Fort, fort! was

kümmert mich der Lärm; --» machte meinen ganzen Zorn rege. Ich war

ausser mir. Eine bejahrte Frau, die Pflegemutter jenes Mädchens,

kam händeringend herbeigelaufen und ließ weinend und schreiend das

ohnmächtige Kind, von dessen Kopf das Blut herunter trof, in ihr

Haus tragen. Das tiefste Mitleid drängte mich ihr zu folgen, ich

mußte aber leider Zeuge seyn, daß alle Rettungsversuche vergeblich

waren und die arme kleine Molly unter den Händen des Chirurgs ihren

Geist aufgab. Herzzerreissend waren die Klagen jener Frau; leider!

war sie bei diesem Unglück nicht Vorwurfsfrei; auch sie hatte nach

der in England häufigen Weise, die kleinsten Kinder ohne Aufsicht

auf den Volkreichsten Wegen herumtrippeln zu lassen, (was mich oft

in meinem Wagen ängstlich aufschreiend machte) unvorsichtig genug,

Molly mit andern Kindern auf der Strasse spielen lassen, ohne sich

um sie zu bekümmern, nun kam Lady Anna nach ihrer gewöhnlichen Art

ungemein rasch gefahren und das Kind war verlohren. Ob nun gleich

Jene einigermassen Schuld an dem traurigen Vorfalle war, konnte

er doch ihr hartes Herz nicht zur Theilnahme bewegen und dies war

es, was mich so sehr empörte. Es entstand ein Aufruhr in meinem

Innern, der dem, durch Sturm bewegten Meere glich; und da ich zu

keinem Geschäft tauglich war und das lezte Ereignis vorzüglich mein

Gemüth beschäftigte: so gieng ich nach ein paar Stunden wieder

in jenes Haus der Trauer; ich hatte schon vorher, sowohl durch

die Aeußerungen meines aufrichtigen Mitleids, als auch durch ein

reichliches Geschenk die betrübte Pflegemutter der Verunglückten

von meinem Antheil überzeugt und sie mir so geneigt gemacht, daß

ich ihr bei meinem zweiten Besuch sehr willkommen schien. Ich

hörte nun, daß Molly eine Waise war und eine Verwandte von Frau

Sara (so nannte sich jene Frau). Ihr Nahme machte mich aufmerksam;

die Haushälterin des Lord Sidney's hieß auch Sara. Ohne mich zu

erkennen zu geben, forschte ich weiter nach und meine Vermuthung

bestättigte sich; sie war jene Person wirklich. Aber ach! welche

Erzählungen folgten dieser Entdeckung! Sie schilderte die vielen

tadelnswürdigen Eigenschaften meiner Gattin so richtig, daß ich sie

in ihrem Betragen während der Zeit unserer Verbindung vollkommen

wieder fand. Die Alte versicherte, daß sie nur aus Liebe zu dem

verstorbenen würdigen Lord im Hause geblieben sey, denn Lady Anna

mishandelte sie mit Stolz und Härte und verwarf jedes Anerbieten,

ihr etwas zu lehren. Nach dem Tod des Lords, als sie den Dienst

verlassen, aber noch mit dem Pächter zu Sidney's House im guten

Vernehmen geblieben war, erfuhr sie durch diesen noch Manches von

dem nachherigen Betragen der Lady, welches sie mir mit einer ihr

eigenen Geschwäzigkeit mittheilte. Dadurch erhielt ich Aufklärung

über D. Richards Stellung zu Anna, und über sein Benehmen. Er war

nemlich ihr vertrauter Freund, ihr verschmizter Rathgeber und

gab sich alle Mühe, ihr, weil sie es wünschte, einen für ihre

habsichtigen Plane passenden Gemahl aufzufinden; suchte mich daher

für sie einzunehmen und hatte ihr früherhin auch Wortley zugeführt.

Statt daß dieser, wie sie sagte, sich um ihre Hand beworben stellte

sie ihm Netze auf: jedoch sie muß damals noch nicht so geübt in

der Verstellungskunst gewesen seyn, er bemerkte zu rechter Zeit

manches Misfällige an ihr und zog sich zurück. Aus dem Mund jener

Frau hörte ich nun meinen Namen nennen, hörte, wie man mich beklagt

hatte, eine schlechte Wahl getroffen zu haben und daß man als gewiß

vorausgesezt, ja hie und da bedeutende Wetten über die Behauptung

angestellt habe: daß ich unmöglich lange mit Lady Anna würde leben

können. Auch mir schien dies nach den heutigen Erfahrungen ganz

klar, und doch war mein Entschluß noch nicht fest genug. Kaum

wird dies, für alle die mich kennen glaublich seyn. Der feurige,

freigesinnte, jeden ungerechten Druck verabscheuende Guido konnte

so lange, konnte damals noch zögern, sich von einem Weibe zu

trennen, die ihn unwürdig behandelte! Jedoch meine geliebten Eltern

werden es begreifen, warum dies geschah; Sie welche das innige

Gefühl verstehen, das in einem treuen Vaterherzen waltet!

Die Besorgnis: daß Lady Anna ihr Recht auf Eines meiner geliebten

Kinder geltend machen und mir es vorenthalten könnte war es, was

mich immer von einem entscheidenden Schritt abhielt. Ich wollte

nun auch wirklich wieder zu ihnen zurückkehren. Auf der Landstraße

wurde ich von einem Menschen angebettelt, dessen Gesichtszüge

mir bekannt schienen. Mich trieb eine dunkle Ahnung, von meinem

Irländer abzusteigen und mich mit Jenem in eine Unterhaltung

einzulassen. Sein Name brachte mir ihn ganz ins Gedächtnis zurück.

Er war der Diener, welcher kurz vor meiner Verheirathung, von der

Lady unter dem Vorwand: daß er ein ungeziemendes Betragen gegen sie

hätte zu Schulden kommen lassen, fortgeschickt wurde. Der rüstige

junge Bursche dauerte mich, daß er das Bettlerhandwerk ergriffen

hatte und meine gutgemeinten dringenden Ermahnungen wirkten so

mächtig auf ihn, daß er mir zu Füssen fiel und unter Thränen

versicherte: er verdiene diese Güte nicht, er habe sich auch gegen

mich verfehlt. Erstaunt sah ich ihn an, und erfuhr folgendes: Mit

dem Brief, an meine geliebten Eltern, dessen ich schon im Anfang

dieses Schreibens gedachte und worinnen ich sie um Ihren Segen

zu meiner Verbindung mit der Lady gebetten hatte, wollte ich ein

Kistchen mit verschiedenen Produckten des englischen Kunstfleißes

für meine entfernten Lieben absenden. Ich hatte es in Gegenwart

meiner Braut eingepackt und gab es John, damit er es zu einem

gewissen Kaufmann in London tragen sollte, welcher mir versprochen

hatte, es einer Schiffsladung nach Deutschland beizufügen. Ich

erinnere mich noch sehr deutlich, wie theilnahmlos mir damals

Lady Anna zusah, welches mich innig schmerzte; und wie sie bei

meiner Aeusserung: «daß ich jene Sachen auf meinen Streifereien

durch England schon lange gesammelt und aufgekauft habe» den Mund

zu einem spöttischen Lächeln verzog und sich schnell entfernte.

Sehr gut weis ich auch, daß ich darauf in den Park eilte, um die

unangenehmen Gefühle niederzukämpfen, welche dies Benehmen in mir

erregt hatte. -- In meiner Abwesenheit ließ nun (so erzählte John)

die Lady ihn zu sich ruffen und versprach ihm noch über seinen

Lohn, den sie ihm hinzahlte, eine Guinée, wenn er meinen Auftrag

nicht vollziehen, sondern ihr das Kästchen und den Brief übergeben

aber auch auf der Stelle schweigend ihr Haus verlassen wollte:

«denn, sezte sie mit Heftigkeit hinzu, ich laße von meinem Vermögen

nichts übers Meer führen.» Den armen Burschen blendete das Gold;

er willigte ein und hofte bald wieder einen Dienst zu bekommen,

allein mehrere Versuche mislangen, und nun ergrif er das Betteln

als den bequemsten Erwerb.

Diese Entdeckung machte mich rasend. Anna war also die Ursache so

vieler trüben Stunden, in welchen ich mich über das Stillschweigen

der Meinigen ängstigte! Anna unterschlug das von mir bestimmte

Eigenthum derselben und verkümmerte mir die kleine Freude aus

niedrigem Eigennutz, aus schändlichen Argwohn! Nun war es fest

beschloßen mich von ihr zu trennen; und statt nach Sidney'shouse,

sprengte ich nach London zurück, eilte zum Westminster Gebäude,

woselbst viele Rechtshändel geschlichtet werden und brachte

meine Ehescheidungsklage an. Nach diesem Schritt trieb mich die

Vaterliebe wieder nach Hause: denn ich wußte, wie wenig Sorge die

Mutter den Kindern wiedmete. Unterwegs überlegte ich, daß ich mit

Ruhe am Ersten zu meinem Zweck gelangen und Lady bestimmen würde,

mir meine zwei Kinder zu überlassen; und diese Hoffnung gab mir

die Gewalt über die heftigen Ausbrüche meines gereizten Gemüths

gegen die Urheberin seiner Leiden. Besonnen und kalt machte ich

Anna mit meinem obigen unwiederruflichen Entschluß, und mit den

Beweggründen zu demselben bekannt und fand zu meinem Erstaunen

eben so viel Kälte und Bereitwilligkeit, sowohl für die Trennung,

als für meinen Wunsch, die Kinder mir zu überlassen. Mir war es in

diesem Augenblick, als fielen klirrend die Ketten zu meinen Füssen,

welche mich so lange schmählich gefangen hielten. Ich eilte in das

Zimmer meiner Kinder, preßte die Kleinen unter heißen Küssen an das

klopfende Herz und konnte kaum den folgenden Tag erwarten, um mit

ihnen und ihrer Wärterin nach London zu fahren. Ganz ruhig war der

Abschied der unnatürlichen Mutter von ihren Kindern und -- und als

hätte ich sie aus dem Feuer gerettet eilte ich mit ihnen davon.

Auf der Straße begegnete ich John wieder und nahm ihn in meine

Dienste, wo er sich bisher ganz zu meiner Zufriedenheit beträgt. In

der Stadt logierte ich mich in einen Gasthofe ein, um den Ausgang

meines Prozeßes zu erwarten. Nur einmal mußte ich mit Lady Anna vor

den Schranken erscheinen und da weder sie noch ich an eine andere

Instanz zu appellieren gedachten sondern mit dem Ausspruch der

Richter vollkommen zufrieden waren, so war er sehr bald geendigt.

Meine beschwerliche und sorgenvolle Lage während meiner Rückreise,

konnte nur die unendliche Vaterliebe zu meinem William, zu meiner

Fany mir ertragen helfen. Fast in jedem bedeutenden Ort, wechselte

ich, theils durch Umstände genöthiget, theils vielleicht auch aus

übertriebener Besorgniß die Wärterin und es ist ein wahres Wunder,

welches mich mit dem innigsten Dank gegen die Vorsicht erfüllt, daß

die Kleinen diese gefahrvolle große Reise so glücklich überstanden

haben. Einige kleine Unpäßlichkeiten abgerechnet, brachte ihnen das

veränderte Klima und die verschiedene Lebensweise keinen Schaden.

Auch gegenwärtig, wo ich dieses schreibe, sind sie vollkommen

gesund.

Aber Guido der Vater, theilt mit Guido dem Sohn, die

unbeschreibliche Sehnsucht, bald mit seiner köstlichen Beute im

sichern Haven, im Arm der Eltern von all den Stürmen, welche ihn im

fernen Land Verderben drohend umbraußten, auszuruhen! --

O, des seeligen Augenblicks! wo meine Kleinen ihre Aermchen um

den Nacken der besten Großeltern schlingen und ich die theuern

Vater- und Mutter-Hände auf mein wundes Herz drücken und damit

die vielerlei schmerzlichen Gefühle, welche darinnen herrschen

beschwichtigen werde!

Ein neues Leben wird mir aufgehen! Meine gesammelten Erfahrungen

sollen mich begleiten auf das Feld der Thätigkeit, das ich mir

suchen werde. Ich will wirken und nützen, und wird gleich mein Bild

einst nicht der Nachwelt aufbewahrt, wie das berühmter Britten

in der Westmünster Abtey: so soll doch hie und da eine Stimme im

Vaterland mir ein segnendes Lebewohl in die kühle Gruft nachrufen.

Ich erwarte nun keine weitere Nachricht. Fest auf die Liebe theurer

Eltern bauend, werde ich diesem Brief bald nachfolgen, um den

Forderungen eines kindlichen Herzens und den väterlichen Wünschen

und Sorgen für meine Kinder ein Genüge zu leisten.

~Ihr Guido.~

* * * * *

Die Baronin gieng einigemal, während Albina las zu dieser hin, umfaßte

sie und sah mit ihr in Guido's Brief hinein. Bei manchen bedeutenden

Stellen konnte sie die Ausbrüche ihrer mütterlichen Empfindungen

nicht zurück halten, welche wechselnd Staunen, Mitleid und Freude

ausdrückten; der Vater klopfte sie dann sanft auf die Schulter und

sagte: «Mütterchen! laß doch unsere Albina ungestört fortlesen!» auf

diese Weisung kehrte sie wieder aufs Sopha zurück; doch nicht lange, so

führte sie eine neue Aufwallung der Gefühle, abermals zu Albinen, zu

dem Brief. -- Schweigend faltete endlich Leztere denselben zusammen. --

Die Baronin sprang auf und schloß sie in die Arme. Durch ihre eigene

Bewegung war sie unfähig, Albinens Gemüths-Zustand zu beobachten und

die Fluth ihrer Worte gab dieser Zeit und Gelegenheit sich zu sammeln.

Sie mußte sich nun zwischen das würdige Elternpaar setzen und mit

redseeliger Freude theilte ihr die Baronin mancherlei häusliche Plane

für die Zukunft mit, welche oft im nächsten Augenblick wieder durch

Neue verdrängt wurden. Volkmar hörte lächelnd zu und gab nur zuweilen

durch eine besonnene Rede dieser oder jener flüchtigen Idee Festigkeit.

Albina kehrte diesmal in einer höchst unruhigen Stimmung auf das

Landhaus zurück. -- Sie sollte ihn wiedersehen, ihn der ihr Herz ganz

erfüllte! Er unglücklich -- sie voll Mitgefühl -- beide frei -- war

es nicht natürlich, daß die Möglichkeit einer Annäherung sich ihr

unwillkührlich aufdrang? -- aber fest war ihr Entschluß, sich streng

im Auge zu behalten und ihre weiche Seele mit ruhiger Ergebung in den

Willen der Vorsehung auszurüsten.

Guido war durch sein Schreiben noch weit höher in ihrer Achtung

gestellt; sein trefflicher Charakter, sein Sinn für das Schöne und

Große, seine menschenfreundlichen Handlungen, seine Vaterliebe,

alles dies blickte aus jeder Zeile seines Briefs hervor und ihre

rege Phantasie mahlte sein Bild in männlicher Vollkommenheit;

aber der Zweifel flüsterte in ihrer Seele: wird Guidos Herz nicht

~unheilbar~ verwundet seyn? wird die gemachte traurige Erfahrung

ihn nicht gegen das ganze weibliche Geschlecht mißtrauisch gemacht --

werden die Jahre der Trennung nicht die Empfindungen der Freundschaft,

deren Daseyn sie vor Zeiten in seinem Herzen ahnen durfte ganz

verlöscht haben? --

Albina, das Blumenmädchen · 第 8 / 16 段