von ihrer verlaßnen Lage, als gedrungen von dem Verlangen nach
nützlicher, zerstreuender Thätigkeit, welche meinen Schmerz um den
verlohrnen Freund mildern sollte, gab ich ihr das Versprechen: ihre
Angelegenheiten zu ordnen, denn ihren dermaligen Geschäftsführer
mangelte es an Einsicht und an gutem Willen. Ihre Dankbarkeit
bewieß sie mir auf eine Art, welche mich immer mehr anfeuerte ihr
recht wichtige Dienste zu leisten. Sie bot alle Künste der feinsten
Coquetterie auf, mich zu feßeln und es gelang ihr; in wenig Monaten
war ich ihr Gatte.
Meinem geraden Sinn war es unmöglich, eine so entsezliche
Verstellung zu argwohnen, deren Lady Anna wirklich fähig
war. Ach! ich glaubte in einem Herzen Liebe zu finden wo nur
Selbstsucht herrschte und wurde fürchterlich getäuscht! -- Die
häuslichen Tugenden, welche sie um mir zu gefallen geheuchelt
und in schönen Redensarten damit geprahlt hatte, wurden in der
Wirklichkeit vergeblich bei ihr gesucht! In der Anstalt worinn sie
erzogen wurde, hatte sie Vielerlei doch alles nur Oberflächlich
und durchaus Nichts für ihre künftige weibliche Bestimmung
gelernt. Aus Stolz wollte sie, wie ich späterhin erfuhr von der
Haushälterin ihres Vaters, welche sie fälschlich für so böse mir
geschildert hatte, keinen Unterricht annehmen und so war sie
höchstens nur im Stande, einen guten Thee zu bereiten und bei
Tisch die von mir angegebenen und vom Koch verfertigten Speisen
vorzulegen. Ihr Charakter enthüllte zu meinem größten Schmerz
nach und nach immermehr seine wahre Gestalt. Eigennutz, Härte
und drückender Stolz auf ihrem Reichthum, sprach sich in jedem
Worte, in jeder Handlung aus. Die erste Leidenschaft war es,
welche unsere nähere Bekanntschaft gründete. Ich hatte mich ihr
bei unserm Zusammentreffen in der City von einer etwas glänzenden
freigebigen Seite gezeigt; dies steigerte ihr Wohlgefallen an
mir und durch die Schilderungen des Doctors, so wie durch unsere
spätern Unterhaltungen glaubte sie an mir einen Mann kennen
gelernt zu haben, welcher geeignet schien ihre Reichthümer auf
eine vortheilhafte Weise verwalten zu können. Daher däuchte es ihr
der Mühe werth, meiner gewiß zu werden und die Rollen sorgfältig
einzustudiren, in welchen sie mir zu gefallen glaubte: doch als
wir verbunden waren, legte sie den sehr lästigen Zwang nach und
nach ab und ließ mich -- leider zu spät! -- das Unglück meiner
Wahl tief empfinden. Ich wandte anfänglich alles an, nur Annen's
Liebe zu gewinnen und zartere weibliche Grundsätze und Empfindungen
ihr einzuflössen; allein weder meine Bemühungen, noch die Reitze
der Natur in dem unaussprechlich schönen Richmonds Thal worinn
unser Landsitz lag, noch ihr Verhältnis als Mutter, da sie zwei
lieblichen Kindern, einem Knaben und einem Mädchen das Daseyn
gab, konnten irgend eine vortheilhafte Umänderung ihrer Ansichten
und Gefühle bewirken. Sie blieb die herrische, anmaßende Gattin,
welche meine Dienstleistungen als Schuldigkeit forderte und
mit Undank belohnte, die gleichgültige sorglose Mutter, welche
keinen Sinn für die Freuden und süßen Mühen derselben zeigte; die
unwissende und daher desto ungerechtere und härtere Hausfrau. Ich
verschleiere die traurigen, mir höchst wiederlichen Scenen, welche
ein solches Betragen unter uns herbeiführen mußte und eile zu einer
Begebenheit, welche entscheidend für mein Schicksal wurde.
Geschäfte riefen mich einst nach der Stadt (so wird London
vorzugsweise in ganz England genannt.) Ich mußte länger
daselbst verweilen, als ich geglaubt hatte und während meines
Aufenthaltes führte mich ein Zufall an einem Abend an der
~Westmünsterabtey~ vorüber. Nur einmal hatte ich sie mit
meinem unvergeßlichen William und da nicht ganz genau besehen. In
der schwermüthigen Stimmung in welcher ich mich immer, besonders
aber damals befand, zog mich das alte gothische Gebäude mit seinen
heiligen Denkmälern berühmter Entschlaffener unwiederstehlich an.
Ich trat hinein und wandelte allein in diesen schauerlichen Hallen,
wo die Geister der Vorwelt mich umschwebten und ich ihr Geflüster
wahrzunehmen wähnte. Hie und da verweilte ich bei den, seltenen
Sterblichen geweihten Monumenten und erblickte leider! an manchen
unter ihnen den alles zerstörenden Zahn der Zeit. Jedoch mich
ergriff der große Gedanke: «daß, was jene Männer wirkten, nicht
der Gewalt irdischer Vergänglichkeit unterworfen ist; das Edle
bleibt ewig Groß, das Schöne ewig Neu, und es giebt Handlungen,
welche sich empor über die Erde erheben, dort von himmlischen
Genien aufgenommen und eingetragen werden in das Buch des Lebens!»
bewegt nahte ich mich dem sanften Dichter ~Goldsmith~, dem
ernsten ~Milton~, Thomson u. s. w. und gedachte der herrlichen
Werke jener unsterblichen Sänger, des Reichthums ihres Geistes
und Herzens; ich vergegenwärtigte mir den segensreichen Einfluß
ihrer Schriften auf die gleichzeitigen Weltbürger, so wie auf
spätere Geschlechter; ich gewahrte im Geist die Erheiterungen,
die Begeisterungen, die vielen ernsten, folgereichen Erweckungen
zum Guten, welche wir Jenen zu verdanken haben und die als
ausgestreuter Saame in kürzerer oder längerer Zeit immer neue
Früchte bringen. O wie klein, wie unbedeutend erschien ich mir,
vor den Nachgebilden jener Geistes-Helden! ich habe ja mit all'
dem reichen guten Willen, den ich in mir trage, noch nichts
gemeinnütziges gethan und das Wenige, was andere von mir empfiengen
verschwindet wie ein leichter Schatten, vor den Strahlen der
Wahrheit und der Verdienste würdigerer Menschen.
Düster, mit verschlungenen Armen, wandelte ich dem Tempel
entlang, zu den zwölf, sich an ihn schlißenden Kapellen, welche
die irdischen Ueberreste der Könige und Königinnen von jeher in
ihrem Schoos aufnahmen. Auch hier bewunderte ich manches Werk der
Kunst und beobachtete ihre stufenweis' fortschreitende Ausbildung.
Innig gerührt stand ich an dem Grabe der unglücklichen ~Marie
Stuart~, welche nicht weit von ihrer ~Todfeindin~ und
~Mörderin~ hier schlummert. Noch mehr erschütterte mich das
Grabmahl ~Eduard's~ I. und das seiner Gemahlin ~Eleonora~
von ~Kastilien~. Von ihr erzählt die Sage ein rührendes
Beispiel seltener, ehelicher Liebe und Treue. Ihr Gemahl zog als
Kronprinz 1274 zum heiligen Krieg ins gelobte Land. Kein noch so
furchtbar drohendes Ungemach konnte Eleonoren von dem Vorhaben,
ihn zu begleiten zurückhalten. An ihrem weiblichen Heldensinn
entzündete sich sein Muth und er richtete große Niederlagen
unter den Türken an. Um sich deswegen zu rächen, sandten sie
Meuchelmörder gegen ihn aus, und ihr vergifteter Pfeil traf Eduard
im Arm. Die Aerzte gaben ihn verlohren, wenn nicht augenblicklich
das Gift aus der Wunde gesogen würde. Keiner seiner Diener
entschloß sich zu dieser That, aber Eleonora scheute nicht die
Gefahr und weihte sich freudig dem Tod, um das Leben des geliebten
Gemahls zu erkaufen und -- ihr gelang das schöne Werk! die Stärke
treuer Liebe ehrend, soll indeßen der Todesengel sich schonend
hinweggewendet und die Gatten noch eine Reihe glücklicher Jahre mit
einander gelebt haben; auf ihrem Sarkophage liegen die Gestalten,
der darunter Schlummernden und in Eleonorens Gesicht ist ihre Güte
und Milde kunstvoll ausgedrückt.
Eine unbeschreibliche Wehmuth bemächtigte sich meiner, bei diesen
Denkmählern! «Glücklicher Eduard!» rief ich aus, dir wurde der Erde
höchst Seeligkeit zu Theil! mir ist sie versagt, Vergeblich sehne
ich mich nach Liebe, welche ich, wie du Eleonora (ja ich fühle es!)
reich, reich mit jedem Opfer zu vergelten und zu erwiedern bereit
wäre! --
Mit diesen Klagen machte ich meinem gepreßten Herzen Luft und wurde
so weich, daß ich weinen mußte.
Endlich bemerkte ich, daß es über meine Betrachtungen ziemlich
dunkel in dem hohen Gewölbe wurde und trennte mich von dem der
Trauer geweihten Ort. Auf der Straße, wo es schon dämmerte, kam
ich zu einem Grausen erregenden Auftritt. Ein Zusammenlauf vieler
Menschen zog meine Aufmerksamkeit an sich. Das Blut starrte mir
in den Adern, als ich in unserm vierspännigen Wagen meine Gattin
~ruhig~ sitzen und unter den wiehernden Schimmeln, deren
Zügel einige Männer hielten, ein halbtodes Mädchen von 4 Jahren
hervorziehen sah. Ich weis noch heute nicht, was Lady Anna bewog,
mir nachzureisen; ich weis nicht, wohin sie nachher ihren Weg
nahm: denn ihre laute unmenschliche Aeußerung: «Fort, fort! was
kümmert mich der Lärm; --» machte meinen ganzen Zorn rege. Ich war
ausser mir. Eine bejahrte Frau, die Pflegemutter jenes Mädchens,
kam händeringend herbeigelaufen und ließ weinend und schreiend das
ohnmächtige Kind, von dessen Kopf das Blut herunter trof, in ihr
Haus tragen. Das tiefste Mitleid drängte mich ihr zu folgen, ich
mußte aber leider Zeuge seyn, daß alle Rettungsversuche vergeblich
waren und die arme kleine Molly unter den Händen des Chirurgs ihren
Geist aufgab. Herzzerreissend waren die Klagen jener Frau; leider!
war sie bei diesem Unglück nicht Vorwurfsfrei; auch sie hatte nach
der in England häufigen Weise, die kleinsten Kinder ohne Aufsicht
auf den Volkreichsten Wegen herumtrippeln zu lassen, (was mich oft
in meinem Wagen ängstlich aufschreiend machte) unvorsichtig genug,
Molly mit andern Kindern auf der Strasse spielen lassen, ohne sich
um sie zu bekümmern, nun kam Lady Anna nach ihrer gewöhnlichen Art
ungemein rasch gefahren und das Kind war verlohren. Ob nun gleich
Jene einigermassen Schuld an dem traurigen Vorfalle war, konnte
er doch ihr hartes Herz nicht zur Theilnahme bewegen und dies war
es, was mich so sehr empörte. Es entstand ein Aufruhr in meinem
Innern, der dem, durch Sturm bewegten Meere glich; und da ich zu
keinem Geschäft tauglich war und das lezte Ereignis vorzüglich mein
Gemüth beschäftigte: so gieng ich nach ein paar Stunden wieder
in jenes Haus der Trauer; ich hatte schon vorher, sowohl durch
die Aeußerungen meines aufrichtigen Mitleids, als auch durch ein
reichliches Geschenk die betrübte Pflegemutter der Verunglückten
von meinem Antheil überzeugt und sie mir so geneigt gemacht, daß
ich ihr bei meinem zweiten Besuch sehr willkommen schien. Ich
hörte nun, daß Molly eine Waise war und eine Verwandte von Frau
Sara (so nannte sich jene Frau). Ihr Nahme machte mich aufmerksam;
die Haushälterin des Lord Sidney's hieß auch Sara. Ohne mich zu
erkennen zu geben, forschte ich weiter nach und meine Vermuthung
bestättigte sich; sie war jene Person wirklich. Aber ach! welche
Erzählungen folgten dieser Entdeckung! Sie schilderte die vielen
tadelnswürdigen Eigenschaften meiner Gattin so richtig, daß ich sie
in ihrem Betragen während der Zeit unserer Verbindung vollkommen
wieder fand. Die Alte versicherte, daß sie nur aus Liebe zu dem
verstorbenen würdigen Lord im Hause geblieben sey, denn Lady Anna
mishandelte sie mit Stolz und Härte und verwarf jedes Anerbieten,
ihr etwas zu lehren. Nach dem Tod des Lords, als sie den Dienst
verlassen, aber noch mit dem Pächter zu Sidney's House im guten
Vernehmen geblieben war, erfuhr sie durch diesen noch Manches von
dem nachherigen Betragen der Lady, welches sie mir mit einer ihr
eigenen Geschwäzigkeit mittheilte. Dadurch erhielt ich Aufklärung
über D. Richards Stellung zu Anna, und über sein Benehmen. Er war
nemlich ihr vertrauter Freund, ihr verschmizter Rathgeber und
gab sich alle Mühe, ihr, weil sie es wünschte, einen für ihre
habsichtigen Plane passenden Gemahl aufzufinden; suchte mich daher
für sie einzunehmen und hatte ihr früherhin auch Wortley zugeführt.
Statt daß dieser, wie sie sagte, sich um ihre Hand beworben stellte
sie ihm Netze auf: jedoch sie muß damals noch nicht so geübt in
der Verstellungskunst gewesen seyn, er bemerkte zu rechter Zeit
manches Misfällige an ihr und zog sich zurück. Aus dem Mund jener
Frau hörte ich nun meinen Namen nennen, hörte, wie man mich beklagt
hatte, eine schlechte Wahl getroffen zu haben und daß man als gewiß
vorausgesezt, ja hie und da bedeutende Wetten über die Behauptung
angestellt habe: daß ich unmöglich lange mit Lady Anna würde leben
können. Auch mir schien dies nach den heutigen Erfahrungen ganz
klar, und doch war mein Entschluß noch nicht fest genug. Kaum
wird dies, für alle die mich kennen glaublich seyn. Der feurige,
freigesinnte, jeden ungerechten Druck verabscheuende Guido konnte
so lange, konnte damals noch zögern, sich von einem Weibe zu
trennen, die ihn unwürdig behandelte! Jedoch meine geliebten Eltern
werden es begreifen, warum dies geschah; Sie welche das innige
Gefühl verstehen, das in einem treuen Vaterherzen waltet!
Die Besorgnis: daß Lady Anna ihr Recht auf Eines meiner geliebten
Kinder geltend machen und mir es vorenthalten könnte war es, was
mich immer von einem entscheidenden Schritt abhielt. Ich wollte
nun auch wirklich wieder zu ihnen zurückkehren. Auf der Landstraße
wurde ich von einem Menschen angebettelt, dessen Gesichtszüge
mir bekannt schienen. Mich trieb eine dunkle Ahnung, von meinem
Irländer abzusteigen und mich mit Jenem in eine Unterhaltung
einzulassen. Sein Name brachte mir ihn ganz ins Gedächtnis zurück.
Er war der Diener, welcher kurz vor meiner Verheirathung, von der
Lady unter dem Vorwand: daß er ein ungeziemendes Betragen gegen sie
hätte zu Schulden kommen lassen, fortgeschickt wurde. Der rüstige
junge Bursche dauerte mich, daß er das Bettlerhandwerk ergriffen
hatte und meine gutgemeinten dringenden Ermahnungen wirkten so
mächtig auf ihn, daß er mir zu Füssen fiel und unter Thränen
versicherte: er verdiene diese Güte nicht, er habe sich auch gegen
mich verfehlt. Erstaunt sah ich ihn an, und erfuhr folgendes: Mit
dem Brief, an meine geliebten Eltern, dessen ich schon im Anfang
dieses Schreibens gedachte und worinnen ich sie um Ihren Segen
zu meiner Verbindung mit der Lady gebetten hatte, wollte ich ein
Kistchen mit verschiedenen Produckten des englischen Kunstfleißes
für meine entfernten Lieben absenden. Ich hatte es in Gegenwart
meiner Braut eingepackt und gab es John, damit er es zu einem
gewissen Kaufmann in London tragen sollte, welcher mir versprochen
hatte, es einer Schiffsladung nach Deutschland beizufügen. Ich
erinnere mich noch sehr deutlich, wie theilnahmlos mir damals
Lady Anna zusah, welches mich innig schmerzte; und wie sie bei
meiner Aeusserung: «daß ich jene Sachen auf meinen Streifereien
durch England schon lange gesammelt und aufgekauft habe» den Mund
zu einem spöttischen Lächeln verzog und sich schnell entfernte.
Sehr gut weis ich auch, daß ich darauf in den Park eilte, um die
unangenehmen Gefühle niederzukämpfen, welche dies Benehmen in mir
erregt hatte. -- In meiner Abwesenheit ließ nun (so erzählte John)
die Lady ihn zu sich ruffen und versprach ihm noch über seinen
Lohn, den sie ihm hinzahlte, eine Guinée, wenn er meinen Auftrag
nicht vollziehen, sondern ihr das Kästchen und den Brief übergeben
aber auch auf der Stelle schweigend ihr Haus verlassen wollte:
«denn, sezte sie mit Heftigkeit hinzu, ich laße von meinem Vermögen
nichts übers Meer führen.» Den armen Burschen blendete das Gold;
er willigte ein und hofte bald wieder einen Dienst zu bekommen,
allein mehrere Versuche mislangen, und nun ergrif er das Betteln
als den bequemsten Erwerb.
Diese Entdeckung machte mich rasend. Anna war also die Ursache so
vieler trüben Stunden, in welchen ich mich über das Stillschweigen
der Meinigen ängstigte! Anna unterschlug das von mir bestimmte
Eigenthum derselben und verkümmerte mir die kleine Freude aus
niedrigem Eigennutz, aus schändlichen Argwohn! Nun war es fest
beschloßen mich von ihr zu trennen; und statt nach Sidney'shouse,
sprengte ich nach London zurück, eilte zum Westminster Gebäude,
woselbst viele Rechtshändel geschlichtet werden und brachte
meine Ehescheidungsklage an. Nach diesem Schritt trieb mich die
Vaterliebe wieder nach Hause: denn ich wußte, wie wenig Sorge die
Mutter den Kindern wiedmete. Unterwegs überlegte ich, daß ich mit
Ruhe am Ersten zu meinem Zweck gelangen und Lady bestimmen würde,
mir meine zwei Kinder zu überlassen; und diese Hoffnung gab mir
die Gewalt über die heftigen Ausbrüche meines gereizten Gemüths
gegen die Urheberin seiner Leiden. Besonnen und kalt machte ich
Anna mit meinem obigen unwiederruflichen Entschluß, und mit den
Beweggründen zu demselben bekannt und fand zu meinem Erstaunen
eben so viel Kälte und Bereitwilligkeit, sowohl für die Trennung,
als für meinen Wunsch, die Kinder mir zu überlassen. Mir war es in
diesem Augenblick, als fielen klirrend die Ketten zu meinen Füssen,
welche mich so lange schmählich gefangen hielten. Ich eilte in das
Zimmer meiner Kinder, preßte die Kleinen unter heißen Küssen an das
klopfende Herz und konnte kaum den folgenden Tag erwarten, um mit
ihnen und ihrer Wärterin nach London zu fahren. Ganz ruhig war der
Abschied der unnatürlichen Mutter von ihren Kindern und -- und als
hätte ich sie aus dem Feuer gerettet eilte ich mit ihnen davon.
Auf der Straße begegnete ich John wieder und nahm ihn in meine
Dienste, wo er sich bisher ganz zu meiner Zufriedenheit beträgt. In
der Stadt logierte ich mich in einen Gasthofe ein, um den Ausgang
meines Prozeßes zu erwarten. Nur einmal mußte ich mit Lady Anna vor
den Schranken erscheinen und da weder sie noch ich an eine andere
Instanz zu appellieren gedachten sondern mit dem Ausspruch der
Richter vollkommen zufrieden waren, so war er sehr bald geendigt.
Meine beschwerliche und sorgenvolle Lage während meiner Rückreise,
konnte nur die unendliche Vaterliebe zu meinem William, zu meiner
Fany mir ertragen helfen. Fast in jedem bedeutenden Ort, wechselte
ich, theils durch Umstände genöthiget, theils vielleicht auch aus
übertriebener Besorgniß die Wärterin und es ist ein wahres Wunder,
welches mich mit dem innigsten Dank gegen die Vorsicht erfüllt, daß
die Kleinen diese gefahrvolle große Reise so glücklich überstanden
haben. Einige kleine Unpäßlichkeiten abgerechnet, brachte ihnen das
veränderte Klima und die verschiedene Lebensweise keinen Schaden.
Auch gegenwärtig, wo ich dieses schreibe, sind sie vollkommen
gesund.
Aber Guido der Vater, theilt mit Guido dem Sohn, die
unbeschreibliche Sehnsucht, bald mit seiner köstlichen Beute im
sichern Haven, im Arm der Eltern von all den Stürmen, welche ihn im
fernen Land Verderben drohend umbraußten, auszuruhen! --
O, des seeligen Augenblicks! wo meine Kleinen ihre Aermchen um
den Nacken der besten Großeltern schlingen und ich die theuern
Vater- und Mutter-Hände auf mein wundes Herz drücken und damit
die vielerlei schmerzlichen Gefühle, welche darinnen herrschen
beschwichtigen werde!
Ein neues Leben wird mir aufgehen! Meine gesammelten Erfahrungen
sollen mich begleiten auf das Feld der Thätigkeit, das ich mir
suchen werde. Ich will wirken und nützen, und wird gleich mein Bild
einst nicht der Nachwelt aufbewahrt, wie das berühmter Britten
in der Westmünster Abtey: so soll doch hie und da eine Stimme im
Vaterland mir ein segnendes Lebewohl in die kühle Gruft nachrufen.
Ich erwarte nun keine weitere Nachricht. Fest auf die Liebe theurer
Eltern bauend, werde ich diesem Brief bald nachfolgen, um den
Forderungen eines kindlichen Herzens und den väterlichen Wünschen
und Sorgen für meine Kinder ein Genüge zu leisten.
~Ihr Guido.~
* * * * *
Die Baronin gieng einigemal, während Albina las zu dieser hin, umfaßte
sie und sah mit ihr in Guido's Brief hinein. Bei manchen bedeutenden
Stellen konnte sie die Ausbrüche ihrer mütterlichen Empfindungen
nicht zurück halten, welche wechselnd Staunen, Mitleid und Freude
ausdrückten; der Vater klopfte sie dann sanft auf die Schulter und
sagte: «Mütterchen! laß doch unsere Albina ungestört fortlesen!» auf
diese Weisung kehrte sie wieder aufs Sopha zurück; doch nicht lange, so
führte sie eine neue Aufwallung der Gefühle, abermals zu Albinen, zu
dem Brief. -- Schweigend faltete endlich Leztere denselben zusammen. --
Die Baronin sprang auf und schloß sie in die Arme. Durch ihre eigene
Bewegung war sie unfähig, Albinens Gemüths-Zustand zu beobachten und
die Fluth ihrer Worte gab dieser Zeit und Gelegenheit sich zu sammeln.
Sie mußte sich nun zwischen das würdige Elternpaar setzen und mit
redseeliger Freude theilte ihr die Baronin mancherlei häusliche Plane
für die Zukunft mit, welche oft im nächsten Augenblick wieder durch
Neue verdrängt wurden. Volkmar hörte lächelnd zu und gab nur zuweilen
durch eine besonnene Rede dieser oder jener flüchtigen Idee Festigkeit.
Albina kehrte diesmal in einer höchst unruhigen Stimmung auf das
Landhaus zurück. -- Sie sollte ihn wiedersehen, ihn der ihr Herz ganz
erfüllte! Er unglücklich -- sie voll Mitgefühl -- beide frei -- war
es nicht natürlich, daß die Möglichkeit einer Annäherung sich ihr
unwillkührlich aufdrang? -- aber fest war ihr Entschluß, sich streng
im Auge zu behalten und ihre weiche Seele mit ruhiger Ergebung in den
Willen der Vorsehung auszurüsten.
Guido war durch sein Schreiben noch weit höher in ihrer Achtung
gestellt; sein trefflicher Charakter, sein Sinn für das Schöne und
Große, seine menschenfreundlichen Handlungen, seine Vaterliebe,
alles dies blickte aus jeder Zeile seines Briefs hervor und ihre
rege Phantasie mahlte sein Bild in männlicher Vollkommenheit;
aber der Zweifel flüsterte in ihrer Seele: wird Guidos Herz nicht
~unheilbar~ verwundet seyn? wird die gemachte traurige Erfahrung
ihn nicht gegen das ganze weibliche Geschlecht mißtrauisch gemacht --
werden die Jahre der Trennung nicht die Empfindungen der Freundschaft,
deren Daseyn sie vor Zeiten in seinem Herzen ahnen durfte ganz
verlöscht haben? --