So sehr ich mich schon von der Vortreflichkeit der englischen

Gasthöfe überzeugt hatte, zog ich dennoch vor, in einem Privathaus

zu logiren, welches mir durch meine guten Adreßen, die ich bei mir

hatte, nicht schwer wurde. Ich war einem reichen Banquier empfohlen

und hatte alle Ursache, mit meinem Loose zufrieden zu seyn. Die

Gastfreundschaft ist in London, wo nur Wenige sich eines großen

Raums in ihrer Wohnung zu erfreuen haben und wegen der eingeführten

häuslichen Lebensweise, welche pedantisch beobachtet wird, nicht

allgemein zu Hause. Ich aber erfuhr eine von den erfreuenden

Ausnahmen dieser Bemerkung, wurde freundlich aufgenommen und man

bestrebte sich, mir meinen Aufenthalt so angenehm als möglich zu

machen. Im Hause herrschte die größte Reinlichkeit und Ordnung. In

meinem Zimmer waren die Wände mit Kupferstichen, die Fenster mit

schönen Vorhängen geziert. Ein mit Marmor künstlich eingelegter

Kamin befand sich darinnen, in dessen Vertiefung der stählerne

Rost, die Zange und Schaufel hellpolirt entgegen blinkten und in

einer ~großen~ Bettstelle, welche in England üblich sind,

mit grün seidenen Gardinen umhängt, fand ich zu Nachts auf den

schwellenden Matratzen, auf den blendend weis bezogenen Küssen

sanfte Ruhe. Am Morgen (welcher in London erst um 9 Uhr die

Schläfer weckt, da man dagegen die Nacht zum Tag macht und die

meisten Vergnügungen bis zu seiner Annäherung dauern) versammelt

man sich anständig gekleidet am Theetisch mit der Familie in dem

zum Frühstück bestimmten Zimmer. Ein trefflich zubereiteter Thee,

Brod, weis und wollig wie Pflaum, frische Butter, hartgekochte

Eyer, Honig und noch mancherlei Delikatessen verschaffen hier einen

angenehmen Sinnengenuß.

Jedoch mir wurde dabei das höhere Vergnügen einer interessanten

Unterhaltung mit dem jüngern Bruder meines Hauswirths zu Theil,

welcher sich mit einer, sonst den Engländern nicht eigenen

Gewohnheit, bald mit vieler Wärme an mich anschloß. Ich erhielt

an ihm einen treuen Freund im wahren Sinn des Worts; auch trug er

Sorge, mich mit allen Merkwürdigkeiten Londons bekannt zu machen.

Mit ihm besuchte ich die großen und geringern Theaters, Conzerte,

Gemählde-Ausstellungen, die Parks, das brittische Museum, den Tower

u. s. w. welches Alles uns zu mündlichen Unterhaltungen Stoff geben

wird.

William zeichnete sich vor Vielen seiner Nation durch ~ächten~

Kunstsinn und warmes tiefes Gefühl aus womit er Brittische

Festigkeit und Besonnenheit verband. Mein Temperament schien dem

Seinigen zu ähneln und mir seine Freundschaft, sein Vertrauen

gewonnen zu haben. Wir waren unzertrennlich, und als ich den Wunsch

äusserte: «Auch die prächtigen Landsitze der Reichen nach einander

durchstreifen und in der Badezeit die vornehmsten Bäder besuchen zu

können» war William sogleich bereit, mich zu begleiten; denn seine

Anwesenheit im Haus des Bruders war nicht sehr nothwendig, und er

lebte ohnehin mehr der Natur und Kunst, als dem Kaufmännischen

Beruf. Schon nahte sich der Monath Julius; von welchem an kein

vornehmer Londoner in der Stadt anzutreffen ist; Alles eilt aufs

Land, wo man bis gegen Weihnachten verweilt, und dann geht es in

die berühmten Bade-Orte, von denen man erst im Frühling wieder

zurückkehrt. Auch wir hatten den Tag zu unsrer Abreise schon

bestimmt, als mich eine bedeutende Unpäßlichkeit überfiel.

In England zieht man in der Regel mehr die Apotheker als die

eigentlichen Aerzte zu Rath. Jene sind ziemlich geschickt und

diese sind all' zu kostbar. Jeder Besuch von ihnen wird mit einer

Guinée bezahlt. Jedoch mein Hauswirth hätte es für schimpflich

gehalten das Wohlfeilere vorzuziehen er ließ einen der berühmtesten

Aerzte ruffen und dieser behandelte mich mit vieler Sorgfalt und

Geschicklichkeit.

William war mein treuer Pfleger und ich war fast nie allein,

doch schrieb mir die Krankheit eine einförmigere Lebensweise vor

und gab mir Zeit manchen durch Zerstreuung aller Art verdrängten

Phantasieen wieder nachzuhängen. Ach wie oft verweilten da

meine Gedanken und Wünsche in der Heimath! -- In einer stillen

Abendstunde schwebte aber auf einmal auch das Bild jener Dame vor

meiner Seele, welche mir in den ersten Stunden meines hiesigen

Aufenthalts erschienen und deren Andenken in dem Strudel zahlloser

neuer und merkwürdiger Erscheinungen untergegangen war. Ich nahm

mir vor, gleich nach erfolgter Genesung sie aufzusuchen. Am andern

Morgen erstaunte ich, als mein Arzt einer kranken Lady Sydney

erwähnte; Ich horchte auf, sie war die Nemliche welche mir in der

City begegnete. Der Tod ihres Vaters hatte sie, nach der Erzählung

des Arztes so sehr betrübt, daß ihr Körper darunter litte! Doctor

Richard wußte recht viel Vortheilhaftes von ihr zu rühmen so,

daß ich in seinen Wunsch: «die trefliche Lady möge doch bald

wieder gesund werden!» im Stillen einstimmte. Bei seinem nächsten

Besuch strebte der Doctor absichtlich mit mir allein zu seyn, und

eröffnete mir mit geheimnisvoller Miene, daß er Lady Sidney von

mir erzählt, daß sie durch seine Schilderung den Fremden in mir

erkannt habe, der vor kurzen in der City einen kleinen Fehler der

Unachtsamkeit gegen sie so artig verbeßert hätte, daß sie vielen

Antheil an meiner Krankheit nähme und herzlich meine Beßerung

wünsche. Dieser Mittheilung folgte nun eine Auseinandersetzung

des Reichthums der Lady, so wie ihrer andern Vorzüge. Ich war

nicht recht einig mit mir, ob ich über Richards Aeußerungen mich

freuen sollte oder nicht. Es stritt mit meinen Forderungen an das

weibliche Zartgefühl, daß Lady Sidney eines Unbekannten, so lebhaft

wie es schien, gegen einen Dritten erwähnte und doch war mir ihre

Theilnahme nicht gleichgültig. Dies verbarg ich aber dem Doctor

und nach einer flüchtigen, ja kalten Erwiederung leitete ich das

Gespräch auf andere Gegenstände. Indeßen konnte ich dadurch nicht

verhindern, daß Richard bei jeder Gelegenheit der Lady gedachte,

und so erfuhr ich denn auch nach einigen Wochen, daß sie wieder

hergestellt, auf ihr Landgut gezogen sey, welches in der reitzenden

Gegend von Richmonds Park an der Themse liegt, und daß sie von da

aus bald eine Badereise antretten würde.

Auch ich befand mich wieder wohl und erinnerte meinen Freund an

sein mir gegebenes Versprechen, das um so mehr Reitz für mich

hatte, als William mir gleich anfangs zusagte: mich nicht nur mit

den Landhäusern der Großen des Reichs sondern auch mit allen,

denselben nahe gelegenen Fabricken und anderen bedeutenden Orten

bekannt zu machen.

Noch in der schönsten Jahreszeit traten wir unsere Reise an und

mein Brief würde die Stärke eines Buchs erhalten, wollte ich

alle Kunstschätze, alle Naturschönheiten, so wie die Industrie

der Engländer, in den von mir bereisten Gegenden ausführlich

schildern. Ich begnüge mich, das Merkwürdigste herauszuheben. Z. B.

~Oxford~ die bekannte Universität, wo so viele große Geister

Englands gebildet wurden; ferner das Städtchen ~Woodstock~,

berühmt durch seine Stahlfabricken, so wie durch seine Umgebungen:

Nahe daran liegt das prächtige Schloß ~Blenheim~, womit

Königin ~Anna~ dem Herzog Marlboraugh, dem sie sehr gewogen

war, seine erkämpften Siege belohnte. Auf einer Wiese des dazu

gehörigen Parks stand ein Landhaus, in welchem die Königin

Elisabeth ihre Jugend in beinah gefänglicher Eingezogenheit

verlebte, aber auch die Bildung erhielt, durch welche sie fähig

wurde nachher zu regieren. Doch konnte sie leider! der Rückblick

auf diese traurige Periode, in welcher auch ihr die Ansprüche auf

den Thron streitig gemacht wurden, nicht milde und schonend gegen

ihre unglückliche Schwester machen; daher richtet sie noch jezt die

Nachwelt. Ihre Nation versagt ihr nicht die Bewunderung, welche

sie als Regentin verdient, jedoch als Weib wird sie verabscheut,

indeßen die unglückliche ~Maria Stuart~ noch immer ihre

Vertheidiger hat, welche ihr Liebe und Mitleid weihen.

In jenem erwähnten Landhaus lebte auch einst die schöne

~Rosamunda~, welche im Geheim mit ~Heinrich II~ getraut

war. Hier schwanden ihr, innig von dem König geliebt in glücklicher

Verborgenheit die Tage, bis sie von dessen rechtmäßiger Gemahlin

~Elinor~ entdeckt wurde, und durch Gift getödet, ihren vorher

ermordeten drei unschuldigen Kindern folgen mußte.

Wir reißten weiter nach ~Birmingham~, einer berühmten

Fabrickstadt. Sie erhällt durch die jezt überall gebräuchlichen

Dampf-Maschinen ebenfalls eine unendliche Erleichterung in ihren

Werken. Man findet vorzüglich auch trefliche Stahlfabricken

darinnen. In ~Burton~, einem freundlichen Städtchen, kostete

ich das daselbst gebräute ~Ale~, wovon nach ganz Europa, ja

selbst nach Amerika versendet wird. Die Seidenspinnereien und

Porzelanfabricken zogen uns nach ~Derby~, einer ziemlich

großen, doch nicht schönen Stadt. Siebzehn englische Meilen davon

liegt der erste bedeutende Bade-Ort ~Matlock~ an der Dervent

den wir erreichten, deren es aber in England viele giebt. Mehr die

Schönheit der Lage des Orts, als die Heilkräfte der Quelle tragen

wahrscheinlich hier zur Gesundheit des Körpers und zur Heiterkeit

der Seele bei. Auch wir verweilten mit Vergnügen in diesem

lieblichen Thal, durchstreiften seine nächsten Umgebungen, und

besahen manche, nachgelegene schöne Landhäuser, so wie auch eine

große Baumwollenfabrick. Unser Weg führte uns von hier aus zu einem

von aussen prächtigen und durch sein Alter ehrwürdigen Gebäude: zu

dem Schloße ~Chatsworth~.

Die unglückliche ~Maria Stuart~ wurde von ihrer grausamen

Feindin zuerst hieher in enge Gefangenschaft und dann nach

sechzehn traurig verlebten Jahren nach ~Fotheringhay~ im

~Nordhumberland~ gebracht, wo sie hingerichtet wurde. In

jenem Schloß findet man ein Zimmer noch ganz so eingerichtet und

meublirt, wie Maria es bewohnte.

Die nächste bedeutende Stadt, welche wir besahen, war

~Manchester~, welche jedoch von dem Kohlendampf ihrer vielen

Fabricken eingeräuchert, ein finsteres Ansehen, und auch durch die

Erwerbsgierde der Einwohner, so wie durch den Mangel an hübschen

äussern Umgebungen, wenig Angenehmes hat. ~Leverpool~ die

größte und bedeutenste Stadt in England nach London, war der

Grenzpunct unsrer Reise. Handel und Betriebsamkeit, Reichthum und

Luxus zeigt sich hier auf alle Weise. Ein schönes Theater, ein

Conzertsaal, ein großer Gasthof und viele mildthätigen Anstalten

entstanden durch das Zusammenwirken der reichen Bewohner, das

prächtigste Werk aber sind ihre ~Docks~ oder künstliche mitten

in der Stadt (ähnlich denen, welche bei London errichtet wurden.)

wo für die Sicherheit und Herstellung der Schiffe und für die

Bequemlichkeit der Ein- und Ausladung derselben aufs Zweckmäsigste

gesorgt ist. Das in Leverpool befindliche ~Institut~ für

~Blinde~ erregte indeßen mehr als alles andere meine

Theilnahme, da es ein Beweis höchster Menschenfreundlichkeit

ist, die Blinden erhalten hier Unterricht in der Musik und in

leichten passenden Arbeiten, als Spinnen, Korbflechten u. s. w.

welche zum Vortheil der Anstalt in einem am Haus angebrachten

Laden verkauft werden. Wie herzlich freute ich mich, als ich sahe,

daß diesen Bedauernswürdigen, durch jene wohlthätige Einrichtung

in gesellschaftlicher Unterhaltung, unter Arbeit und Musik ihr

dunkles Leben heitrer und angenehmer verstreicht und sie nicht so

schmerzlich, wie andere ihrer Unglücksgenoßen das Licht vermissen,

das ihren Pfad erhellen sollte.

Viele reitzende Gegenden, viele stattliche Schlößer und prächtige

Landhäuser durchstreiften wir auf dem Rückweg nach Derby durch

~Warwick~, einem am Ufer der Avon freundlich gelegenen

Städtchen, mit dem alten Schloß ~Warwickcastle~ und seinem

herrlichen Park; von wo aus wir nach ~Stratford~ giengen.

Dieser kleine, an sich arme Ort hat das große Intereße für die

Verehrer Schackspeare's, daß es sein Geburts-Ort ist und daß

dieser, auch am Ende seiner rühmlichen Laufbahn wieder dahin

kehrte und sie daselbst beschloß.

Ich betrat wirklich mit Ehrfurcht die Hütte, wo Schakespeares

Vater, ein armer Wollkrämer einst wohnte und wo der große Mann, bis

in sein 16tes Jahr lebte. In der Westmünster Abtey, wo die Könige

begraben liegen, hat auch ihm die Nation welche mit Recht stolz auf

ihn ist, ein Denkmal errichtet.

Rasch gieng es nun auf ~Bristol~ und auf das nah gelegene

bedeutende Bad zu; nur flüchtig passirten wir unterwegs einen

kleinen freundlichen Bade-Ort ~Cheltenham~ und betrachteten

auch ~Glocester~ nur als ein Nachtquatier. Von Glocester

nach ~Bristol~ sind die Gegenden unbeschreiblich reizend und

reicher an Erzeugnißen wärmerer Zonen; viele große Pflanzungen

köstlicher Obstbäume findet man hier und der schöne Strom Avon

belebt, mit seinen auf silberner Fläche hinschwebenden kleinen

Schiffen die herrliche Landschaft. Die Nähe des Meers, der

schiffbare Strom, der fruchtbare Boden; alles vereinigt sich hier,

um Fleiß und Mühe in Fülle zu belohnen. Die Stadt ist groß, mit

breiten Straßen, schönen Privat- und öffentlichen Gebäuden versehen

und voll regen Lebens. Wie Rom ruht diese Stadt auf 7 Hügeln. Von

einigen derselben genießt man eine köstliche Aussicht. Der Hafen

ist prächtig, aber mir schauderte bei dem Gedanken: daß er der

Ort war, von wo einst mit unmenschlicher Grausamkeit Schiffe

zum Sclavenhandel ausgerüstet wurden, wodurch Bristols Einwohner

sich bereicherten. Es war mir unmöglich hier lange zu verweilen.

Wir stiegen den steilen Berg hinab nach ~Hotwels~, wo die

Heilquelle fließt und viele schöne Wohnungen für Bade-Gäste erbaut

sind. Jene Quelle wird besonders Kranken empfohlen, welche an der

Schwindsucht leiden und da meinem Begleiter und mir dem Himmel sey

Dank! dieses Uebel nicht drohte so verließen wir ~Hotwels~,

nachdem wir daselbst von allen Seiten die reizenden Aussichten und

jede Naturschönheit genoßen hatten und fuhren zu dem berühmtesten

Badeort Englands nach ~Bath~. Der Weg dahin gleicht einem

reitzenden Garten; doch bemerkten wir den Einfluß der winterlichen

Jahrs-Zeit, welche sich näherte. Bis zu ihrem gänzlichen Eintritt,

da mit ihr erst das eigentliche Leben in ~Bath~ beginnt,

besuchten wir die bedeutendsten Landsitze in der Umgegend, und

machten uns dann mit allen Merkwürdigkeiten des Orts selbst bekannt.

Es liegt in einem schönen Thal, umgeben von beträchtlichen Anhöhen,

welche dem Strom Avon nur den Durchzug zu vergönnen scheinen.

Dieser erhöht die Reitze der Gegend und bewirkt eine vortheilhafte

Verbindung der Stadt mit dem Seehafen ~Bristol~. ~Bath~

gewährt einen ganz eigenen Anblick. Völlig vom Thal Besitz nehmend,

erhebt es sich auf den nächsten Anhöhen. Die Häuser sind alle von

Quadern erbaut, haben ein neues freundliches Ansehen und bilden

geräumige Plätze und Straßen, in denen große Reinlichkeit herrscht,

und die auch gut gepflastert, so wie bei Nacht wunderschön

erleuchtet sind. Wegen der bergigen Bauart ist das Fahren darinnen

unmöglich, doch die Wagen werden durch Portechaises ersezt. Die

ganze Stadt ist zur Aufnahme der Fremden geeignet und in ein

paar Stunden können sie bequem und angenehm eingerichtet wohnen.

Das Wasser ist sehr heiß und erst nach 3 Stunden brauchbar. Die

Entdeckung dieser Quelle verliert sich in das finstere Alterthum

und es wurde uns davon manches Mährchenhaftes erzählt. In jedem

Bade-Ort ist ein ~Ceremonien-Meister~, der über die Ordnung

und Etiquette, welche auch hier herrschen sorgfältig wachen muß. In

~Bath~ findet man deren zwei und ihre Gesetze, welche in den

Assembleesälen angeschlagen sind, werden strenge befolgt.

Meines Freundes Wunsch zu erfüllen, da er sich zu meinem großen

Leidwesen nicht wohl fühlte, beschloß ich, mich mit ihm in

~Bath~ auf einige Monate häuslich niederzulassen. Wir

bezogen ein nettes Quartier, speißten im Gasthof, sandten unsere

Visitenkarten zu den schon anwesenden Badegästen und abonirten uns

in den Gesellschaftssälen, zu den Conzerten, Leihbibliotheken, u.

s. w. um überall Eintritt zu haben.

Der _Bals parés_, so wie der kleineren Bälle, giebt es

vier in der Woche. Anfangs vermied ich sie gänzlich, da ich

nicht den Tanz liebe, auch William durch vermehrte Kränklichkeit

unfähig war, dieselben zu besuchen und ich ihn ungerne verließ.

Allein einmal nöthigte mich mein Freund hinzugehen und der

Ceremonienmeister gerieth auf den unglücklichen Einfall, mich

für den Abend einer Dame als Tänzer zuzuführen, in welcher ich

zu meinem Erstaunen ~Lady Sidney~ fand. Auch sie erkannte

mich und es gelang ihr kaum ihre Freude über dies Zusammentreffen

genugsam zu verbergen. Durch Mr. ~Edwin~ von meinen Pflichten

unterrichtet, beobachtete ich sie auch treulich und sorgte für der

mir anvertrauten Dame Bequemlichkeit und Unterhaltung. Das lezte

wurde mir nicht schwer. Sie wich von der Sitte der Brittinnen ab,

welche in der Regel sehr wenig sprechen und theilte mir von ihren

Verhältnißen und gemachten Erfahrungen in ein paar Stunden so viel

mit, daß ich meiner Meinung nach ganz bekannt mit ihrer Lage, ihr

meine Theilnahme nicht versagen konnte. Sie war die Tochter eines

sehr reichen Lords, wurde in einer Erziehungs-Anstalt gebildet

(deren England viele hat, da es Sitte ist, die Kinder sogleich von

der Kinderstube in die Fremde hinauszustoßen!) und verließ dieselbe

in ihrem 15. Jahr, um zu Hause an dem Sarge der Mutter, den frühen

Verlust derselben zu beweinen. Eine Haushälterin führte nun das

Regiment und herrschte, aber auch grausam über Lady Anna: so, daß

diese viel Unangenehmes zu erdulten hatte. Vom Vater wurde sie wohl

sehr geliebt, doch da jene Person ihm brauchbar, ja unentbehrlich

dünkte: so bewirkten alle Klagen Anna's nicht ihre Entfernung.

Vor 6 Monaten, 5 Jahre nach der Mutter Hinsterben, entriß ein

schneller Tod ihr auch den Vater. Ohne alle Verwandte stand sie nun

ganz allein. Durch eine öffentliche Bekanntmachung, welche ihren

Wunsch: einen Geschäftsführer zu erhalten, aussprach, veranlaßt,

meldete sich ein junger Rechtsgelehrter, welcher eine Zeitlang

seine übernommene Verbindlichkeiten genügend erfüllte. Allein bald

suchte M. Wortley seine Rechte auszudehnen und quälte die Lady mit

Heiraths-Anträgen. Da sie diese unerbittlich abwieß legte er seine

Stelle trozig nieder und nun war sie so verlassen als vorher.

Durch die im kurzen wechselnden heftigen Gemüthsbewegungen

erkrankte Mylady. Ihr Arzt war bekanntlich der Meinige und

sie nannte ihn ihren treuen Freund. Er mußte ihr mehr von

mir mitgetheilt haben, als er der Wahrheit gemäß hätte thun

sollen; denn Lady Anna dankte mir sehr verbindlich für einen

freundschaftlichen Antheil an ihrem Schicksal, dessen sie D.

Richard versichert und den ich durchaus nicht gegen ihn geäussert

hatte. Durch seine Fürsorge erhielt sie mittlerweile wieder einen

Geschäftsführer: allein da sie nach des Arztes Vorschrift bald

nachher ins Bad reisen mußte, so war sie nicht im Stande jenen

genug kennen zu lernen und sie zeigte eine ängstliche Besorgnis,

wegen ihrer Entfernung vom Haus und sprach von einer baldigen

Rückkehr. Ueberdies hatte sie auch nach des Vaters Tod die fatale

Haushälterin sogleich abgedankt und das ganze Dienstpersonale

neu angestellt. Daher war nach ihrem Dafürhalten, zu Hause ihre

Anwesenheit unentbehrlich.

In dem Allen was Lady Sidney mir erzählte, fand ich nichts

Unglaubwürdiges und bedauerte sie aufrichtig, denn sie verstand es

vollkommen durch die Art ihres Vortrags Theilnahme einzuflößen.

Von jenem Abend an wiedmete ich ihr alle Zeit, welche nicht die

Pflicht für meinen kranken Freund in Anspruch nahm. Dies schien

sie sehr zu freuen und sie zeichnete mich mit einem sichtbaren

Vertrauen vor allen Bade-Gästen aus. Es dauerte aber leider!

nicht lange genug, um die Schlaue ganz kennen zu lernen: denn der

Gesundheitszustand meines armen Williams verschlimmerte sich so

sehr, daß ich genöthigt war, unverzüglich mit ihm die Rückreise

nach London anzutretten. Lady Anna schien bestürzt, als ich sie

davon benachrichtigte doch sprach sie unverholen von einem baldigen

Wiedersehen. Wir nahmen den kürzesten Weg, hielten uns nirgends

ohne Noth auf und ich kann daher von dieser Reise durchaus nichts

Merkwürdiges mittheilen.

Bald nach unserer Ankunft in London wurde mein geliebter Freund

tödlich krank und D. Richard wurde wieder gerufen. Er suchte einen

Augenblick zu erhaschen, in dem er mir seine Freude äussern konnte:

daß ich die frühere Bekanntschaft mit Lady Sidney erneuert hätte.

Sie erhielten wohl eine _Estafette_? fragte ich etwas bitter.

Mit einiger Verlegenheit erwiederte er: «die Lady habe ihn von Bath

aus, wegen ihres Gesundheitszustandes geschrieben und dabei meiner

erwähnt;» gedachte aber nach diesem Gespräch der Lady mit keiner

Silbe mehr. Mir war der tiefe Schmerz bestimmt: daß die treue Seele

meines Williams in meinen Armen die irdische Hülle verließ. Kaum

wird der eigene Bruder ~das~ gefühlt haben, was ich bei dem

frühen Hinscheiden dieses edlen Mannes empfand. Das große London

war mir zu enge, ich flüchtete mich hinaus und mehr ein Verlangen

nach Zerstreuung, als sonst irgend ein sehnsüchtiger Wunsch trieb

mich zu dem Landhaus der Lady Sidney.

Da die Landsitze in England vieles miteinander gemein haben, und

ich von allen denen, welche ich gesehen, noch keines schilderte:

so will ich eine Beschreibung desjenigen liefern in dem ich 4

leidensvolle Jahre verlebte. --

Ein schöner Park umgiebt dasselbe mit bedeutenden in der

üppigsten Vegetation prangenden Aeckern, und Wiesen. Hie und da

stehen mahlerisch gruppirte ehrwürdige Eichen und Buchen; feste,

reinliche Kieswege durchschlängeln den Park, in welchem zerstreut,

freundliche Wirthschafts-Gebäude liegen. Ein beträchtlicher

Bach, über welchen eine hübsche Brücke führt, bewäßert in

mancherlei Krümmungen die Flur. Das Wohnhaus liegt auf einer

Anhöhe. Die _Facade_ ist mit Säulen geziert, welche einen

schattigen Ort bilden, von wo aus man so recht die Aussicht

auf die herrlich grünen Wiesen und fruchtbaren Aecker genießen

kann. Dieser Platz ist mit köstlichen Gesträuchen und Blumen in

_Vasen_ geschmückt. (Ein Gegenstand, mit welchem in England

ein ausserordentlicher Luxus getrieben wird.) Die Obst- und Gemüß-

Gärten, die Treibhäuser und alle Oekonomie-Gebäude liegen auf einer

andern Seite ganz nahe am Haus. Erstere sind eigentlich das, was

die Engländer Gärten nennen. Auch der zu Fuß-Promenaden vorzüglich

bestimmte Theil, ist nicht weit davon entfernt; er hat Aehnlichkeit

mit den deutschen Parks. Hier giebt es Lauben, Bogengänge, Tempel,

Säulen, Denkmähler, Ruheplätze u. s. w. hier grünen und blühen

alle möglichen in- und ausländischen Gewächse, Blumen und Bäume.

Alle Gebäude sind von Stein, alle Geländer und Thüren von schönem

eisernen Gitterwerk. Das Wohnhaus hat hohe wohl erleuchtete

_Sousterains_, in welchen die Küche, Speiß-Gewölbe und die

Bedienten-Zimmer sind. Vom Garten aus tritt man in eine Halle, die

mit schönen Statüen, Anticken u. s. w. ausgeschmückt ist, zu beiden

Seiten liegen die Putz und Wohnzimmer, ein langer Saal mit einer

ansehnlichen Bibliothek, deren Bücher, alle kostbar eingebunden

in zierlichen Schränken aufgestellt sind. Die Gemälde-Sammlung

ist in verschiedene Zimmer vertheilt und ich traf in diesen

Landhäusern auf wahre Kunstschätze von den berühmtesten Meistern.

Vorzüglich muß van Dyk in England ungemein fleißig gewesen seyn.

Ueberall, auch in Sidney's Hause zieren die Produkte seiner Kunst

die Gemächer. Im obern Stock des Hauses sind die Schlafzimmer.

Fußböden, Treppen und Vorplätze sind mit schönen Teppichen belegt.

Die Möbeln sind von Mahagoni oder künstlichem lackirten Holz und

die Kamine größtentheils in Marmor geschmackvoll gearbeitet.

Dies ist die Beschaffenheit des Landsitzes der Lady Sidney welchem

mit einigen kleinen Abänderungen beinahe alle Landsitze der reichen

und vornehmen Engländer gleichen, wo unbeschreiblicher Genuß zu

finden wäre, wenn nicht die leidige Etikette, die unendlich vielen

Vorurtheile, und die tyrannisirende Mode ihn verkümmerte.

Doch ich kehre zu meinem verhängnißvollen Erscheinen in

Sidney'shouse zurück.

Albina, das Blumenmädchen · 第 7 / 16 段