als Hainau bedenklich krank wurde. Die geschickteste ärztliche Hülfe,
die ängstlichste Pflege treuer Liebe konnte seine Genesung nicht
bewirken. Die Natur unterlag den Folgen früherer harter Erfahrungen
und leichtsinniger Handlungsweise. Er entschlummerte zu jenem Leben
in den Armen Albinens, welche ihm sanft die Augen zudrückte. Cornelie
blieb sich auch hier gleich, ihr leidenschaftlicher Schmerz brach in
so heftige Aeusserungen aus: daß man sie vom Krankenbett entfernen
mußte! auch Theodor war nicht vermögend den Vater sterben zu sehen.
Mit verhülltem Gesicht schritt er im Zimmer auf und ab und Antonie
kniete in einer Ecke desselben und sandte fromme Gebete für des
Sterbenden Heil zum Himmel. Er hatte vollendet! -- Albina küßte die
kalte väterliche Hand und trug nun treue Sorge für die Lebenden, da sie
in allen Fällen so viele Besonnenheit und Einsicht zeigte, mußte sie
auch Langenheim bei dem Geschäft der Beerdigung unterstützen. Antonien
übergab sie den trauernden Bruder und diese ließ ihr liebendes Herz
ganz gewähren, sie war unerschöpflich in den Bemühungen Theodor zu
trösten und aufzuheitern. -- Auch dem Todten weihte sie ihre fromme
kindliche Ehrfurcht. Am Abend zuvor, ehe er in die kühle Gruft gesenkt
wurde, verfertigte sie aus sinnig gewählten Blumen ein langes Gewinde,
womit sie inwendig den Sarg bekränzte, daß es schien als läge die
Leiche auf Blumen gebettet. So geschmückt, und einfach, aber würdig
bekleidet, wurde dieselbe einige Stunden im Garten-Zimmer ausgestellt,
indeßen die trauernde Familie nebst den Freunden aus der Stadt oben
versammelt waren und auf mannigfache Weise ihren Schmerz äusserten.
Auf einmal vermißte man Theodor. Erschrocken eilte Antonie weg, ihn
aufzusuchen. Sie fand ihn bei der Hülle des geliebten Vaters. Bei ihrem
Eintritt las er wieder in ihrer Miene die besorgte Liebe, und rief,
indem er beide Arme ausbreitete: «Treue Seele!» -- Sie sank an das
Herz des Heisgeliebten, mit ihm dann am Sarge nieder und fest schloß
sich an des erblichenen Vaters Seite das Bündnis ihrer Herzen. Albina,
den Vorgang ahnend, entfernte sich schweigend, um die Abwesenheit
der Liebenden weniger auffallend zu machen, traf sie noch in obiger
Stellung an der theuern Leiche und jenen war es wohlthätig an dem
treuen schwesterlichen Herzen den süßen Schmerz ausweinen zu dürfen.
Als nach der Beerdigung wieder mehr Ruhe und die gewohnte Lebensweise
nach und nach eintrat, wurde Cornelia in dem Benehmen Theodors und
Antoniens ihre gegenseitige Neigung gewahr, welches sie tief betrübte.
Sie liebte beide herzlich und sah keine Möglichkeit zur Erreichung
ihrer Wünsche. Theodors Amt war nicht einträglich und die Familie nicht
reich. Der Ertrag ihres Instituts reichte gerade zu ihrem anständigen
Unterhalt zu. Sie konnte also nicht anders, sie mußte mit gänzlicher
Mißbilligung ihre offnen Mittheilungen erwiedern. Jedoch es blieb
nicht alleine dabei: zu Theodors heftiger Leidenschaft für Antonien,
gesellte sich ein Trotz gegen die Mutter, (die er ausserdem kindlich
verehrte) den weder Albinens sanfte Bitten, noch Antoniens Thränen
mildern konnten; er reitzte dadurch Corneliens Unwillen immer mehr und
es gab manche unangenehme Auftritte, welche ehedem in dem friedlichen
Landhaus nie vorgefallen waren. Albinens Herz litte unendlich mit
den Bekümmerten. Sie suchte es aber vorzüglich Antonien, als der am
schwersten Verlezten zu verbergen, allein in dieser Schwester Seele
hallte jeder, noch so leise Miston wieder; sie fühlte es schmerzlich,
wenn sie im Stillen Vergleiche zwischen Sonst und Jezt anstellte,
daß ~sie~ die Ursache der traurigen Veränderung sey und dies
war ihr unerträglich. Unter heissen Kämpfen reifte nach und nach in
ihrem Innern ein Entschluß, der ihr ganzes Glück zerstören, doch das,
ihrer Geliebten wieder herstellen sollte! Bei einem der jezt seltenen
Abendbesuche Theodors, führte ihn Antonie, was sie sonst nie that, in
die Laube, zu einer ungestörten und wichtigen Unterhaltung, (wie sie
sagte). In ihrem ganzen Wesen lag so viel Feierliches, daß, Theodor
unwillkührlich davon ergriffen, lange ernst und schweigend an ihrer
Seite saß. Sie schien schmerzliche Empfindungen in ihrem Innern zu
verarbeiten und sich mühsam Fassung zu erringen. Endlich sagte sie
mit unaussprechlicher Zärtlichkeit: «mein Theodor! in dem mir ewig
theuern Augenblick, wo du mir das Glück verkündet, daß ich in deine
Familie aufgenommen werden sollte, war deine erste Frage an mich:
ob ich dir vertrauen könne? -- Laß mich nun dieselbe Frage an dich
richten: würdest du, auch in zweifelhaften Fällen, immer mir vertrauen,
nie den Glauben an mich verlieren?» Theodor sah sie befremdend an.
«~Nie~!» erwiederte er dann und umschlang feurig die Geliebte.
«Jedoch ich glaube, daß Antonie immer ~so~ handeln wird, daß ich
sie begreiffen kann.» «Das wirst du können,» versezte sie, «wenn du
stets meine unaussprechliche Liebe zu dir ermißest, welche nur dein
Glück zum Ziel ihrer Bestrebungen hat. O welch ein Trost liegt in dem
Einverständnis unsrer Seelen!» fuhr sie fort, schlang ihren Arm um
Theodors Nacken und blickte ihn liebend ins Auge, «Sollten uns auch die
Menschen trennen, was hierinnen (sie deutete auf das Herz) für dich
lebt, dauert ewig und mir bleibt der Trost deines freundlichen, durch
keinen Zweifel entweihten Angedenkens» --
«Wer will, wer kann uns trennen?» rief Theodor, sprang wild in die Höhe
und wollte -- Böses ahnend, fort stürmen. Antonie hielt ihn zurück
und betheuerte: all' das Gesagte hätte seinen Grund nicht in der
Handlungsweise Anderer, sondern in ihrer eigenen leidenden Phantasie.
Durch manche liebende Rede, besänftigte sie Theodors aufgeregtes Gemüth
und ehe sie sich trennten, bat Antonie den Geliebten: «um ein Zeichen
der Erinnerung an diese schöne Stunde» Sie zog bei diesen Worten ein
Scher'chen aus dem Arbeitskörbchen das neben ihr stand und schnitt
Theodor eine Locke ab, wickelte sie sorgfältig in ein Papier, drückte
sie an ihre Lippen und verbarg sie ins Busentuch. Theodor sah ihr
lächelnd zu. «Gieb mir auch von deinem glänzenden Rabenhaar» sprach er
und griff nach der Scheere. Als er welches abgeschnitten hatte, ordnete
sie es zierlich in Ringeln und indem sie ein Papier zuschneiden wollte,
um es einzuwickeln, verwundete sie sich so tief in die kleine Hand, daß
große Blutstropfen auf das Papier fielen. Theodor jammerte und sog das
Blut aus der Wunde. Antonie schien erschüttert; nach einer Pause sprach
sie bewegt: «o sey ruhig mein Lieber! der Schmerz ist unbedeutend und
warst ja du die Ursache davon! dieser Gedanke würde mich auch bei einer
tiefern Herzenswunde zum ruhigen Ertragen derselben stärken; doch
behalte dies Papier, diese Spuren von meinem Blut sollen dich immer
lebhaft an die von mir so tief empfundene Wahrheit erinnern, daß ich
Ruhe, Blut und Leben willig deinem Glück opfern würde.» Ein langer Kuß
dankte Antonien für die Aeußerung der treusten zärtlichsten Liebe und
diese fühlte von Neuem das unaussprechliche Weh der nächsten Stunden.
Blaß erhob sie sich aus Theodors Armen, die Pulse schlugen fieberisch,
die Augen brannten und es überfiel sie ein so heftiges Zittern, daß
Theodor in der größten Herzensangst nach Hülfe eilen wollte. Antonie
verhinderte es «laß gut seyn!» sagte sie leise, «es wird bald wieder
vorübergehen.»
Albina kam, um den Liebenden so schonend als möglich die
Unzufriedenheit der Mutter über ihr langes Zusammenseyn mitzutheilen.
Theodor durch alles Vorhergehende gereizt, tobte fürchterlich, Antonie
weinte; endlich flehte sie: «um meinetwillen Theodor sey gelassen!
vergieb der Mutter und -- laß uns scheiden!» sezte sie mit besonderm
Nachdruck hinzu; «Scheiden!» rief Theodor und drückte sie stürmisch an
die Brust; «wer kann uns scheiden, wer? --» «für ~jezt~ meint Antonie,»
sagte Albina beschwichtigend, «lieber Bruder! -- erfülle Antoniens
Bitte, durch ihre Nichtgewährung bereitest du deiner Geliebten eine
neue Unannehmlichkeit; verlaß uns für heute, ein baldiges Wiedersehen
soll dich schadlos halten.»
«Ja, das Wiedersehen!» flüsterte Antonie; und nach einer Umarmung,
in welcher es schien, als vermögte sich keines von dem Andern
loszureissen, gehorchte endlich Theodor Albinens ängstlich wiederholter
Bitte und -- gieng.
Antonie lag ohnmächtig in Albinens Armen. Diese suchte im
Arbeitskörbchen der Lezten nach dem stärkenden Mittel welches jene
immer bei sich trug um sich vor ähnlichen Unfällen, denen sie öfters
ausgesezt war zu sichern und nach einigen Minuten gelang es ihr, sie
wieder ins Leben zu bringen. Antonie wankte, von Albinen unterstützt
sogleich in ihr Schlafzimmer, da sie der Ruhe höchst bedürftig war.
Finster hörte die Mutter die Nachricht von ihrem Uebelbefinden und
verwundete Albinens liebendes Herz durch manche harte Rede, welche die
leidende Freundin traf. Indeß ließ sich nicht das Geschäft der Pflege
Antoniens nehmen: allein Letztere schien immer zu schlummern.
Nur einmal preßte sie Albinens Hand an ihre Lippen und sagte innig:
«Dank, heissen Dank für Alles!» --
Sie schlief noch mit 4 Töchtern der Anstalt in einem Zimmer; unter
diesen war auch Aurelie. Nach ein paar Stunden unruhigen Schlummers
erwachte Antonie; als sie sich aufrichtete, bemerkte sie, daß die
Kinder während der Zeit ins Bett gegangen waren und schon schliefen.
«Was soll ich thun?» sprach sie nun halb laut für sich -- «ich fühle
mich zwar noch schwach, jedoch viel ist mit dem gestrigen Abend
überstanden, soll ich es noch einmal durchkämpfen? -- nein o nein!
fort, sogleich fort!» Sie sprang mit diesen Worten aus dem Bett,
kleidete sich an, warf sich auf ihre Knie und schien heiß zu beten.
Dann nahm sie aus ihrer Comode einige Wäsche, eine Chatoulle worin
ihr kleiner Reichthum war unter dem Arm, hüllte sich in Mantel und
Schleier und -- wollte zur Thüre hinaus. «Antonie was beginnst du!»
rief Aurelia mit dem Ausdruck des Entsetzens. Sie war noch wach, als
Erstere ihr Selbstgespräch hielt, hatte sie bisher beobachtet und
mußte nun ihrer Angst Worte geben. Gleich einer Bildsäule erstarrte
Antonie. Endlich trat sie an Aureliens Bette und sagte: «wenn dir
meine Seeligkeit lieb ist, so laß mich fort und schweige.» «Ach warum
willst du uns denn verlassen?» jammerte diese. «O meine Aurelia,»
erwiederte Antonie bewegt und umfaßte innig die Weinende, «du warst
mir unter deinen Schwestern immer die Theuerste, nimm als einen Beweis
davon das Vertrauen, mit dem ich mich dir in den lezten Augenblicken
unsers Beisammenseyns nähere. Ich ~muß~ euch verlassen; unser aller
Ruhe fordert diesen Schritt. Wohin ich gehe, weis ich selbst noch
nicht, also ist auch jede Nachforschung von eurer Seite vergeblich.
Dir geliebtes Mädchen übergebe ich die Sorge für meinen Theodor, für
meine Albina. Verdopple die Aeusserungen deiner Liebe gegen sie, das
wird sie über meinen Verlust trösten; sage ihnen, daß, wenn ich hier
geblieben wäre, ich endlich gewaltsamen Tod gewählt haben, nun aber
entfernt, vielleicht meinen Seelenfrieden wieder finden würde, sage
ihnen aber auch, daß meine treue Liebe zu ihnen nur mit meinem Leben
enden wird; und auch deiner du theures Kind werde ich immer gedenken.»
Aurelia verhüllte ins Küssen ihr Gesicht und schluchzte laut, indem sie
Antoniens Hand fest in der ihrigen hielt. «Laß mich, laß mich,» sagte
diese «und weine nicht so sehr! du machst mich weich und ich habe viel
Stärke nöthig! Beruhige dich, Gott wird stets mit dir, mit allen meinen
Geliebten seyn! auch mich wird er nicht verlassen, leb wohl, leb wohl!»
sie küßte sie noch einmal mit dem heftigsten Ausdruck der Liebe und des
Schmerzens und eilte fort.
Aurelia war betäubt; -- sie wußte nicht, was sie thun sollte. Als sie
noch mit sich selbst zu Rathe gieng, trat Albina leise in das Zimmer.
Der gestrige Abend in der Laube, Antoniens höchst gespanntes Wesen,
machte sie unruhig: schlaflos verstrich ihr die Nacht bis dahin und
nun schien es ihr als höre sie eine Bewegung im Hauß; endlich sogar an
der Thür. Ihr erster Gedanke war -- Antonie; und -- siehe da -- sie
fand sich in ihrer schrecklichen Vermuthung nicht getäuscht -- sie
war entflohen. Alles was Aurelia ihr, immer von Thränen unterbrochen
mittheilte, war nur vermögend ihren tiefen Schmerz zu vermehren; sie
sah daraus das Vergebliche jedes angestellten Versuchs, Antonien wieder
zu finden. Sie kannte die Festigkeit und Besonnenheit derselben und
vermuthete mit Recht, daß sie ihre Flucht sehr überlegt unternommen
haben würde. So war es. Albina machte zwar gleich Anstalten und sandte
die Pächtersleute nach Antonien aus, jedoch sie kamen am Morgen ohne
sie gefunden zu haben, zurück. Als Cornelia die Sache erfuhr, befand
sie sich in der Lage, in welche leidenschaftliche Gemüther gerathen,
die durch ihre Heftigkeit etwas herbeiführen, was dann ausser ihrer
Macht steht zu ändern, so lebhaft sie es auch wünschen. Sie peinigte
sich Tag und Nacht mit Vorwürfen, die gerecht waren, jedoch ihre
Stimmung immer mehr verdarben; sie wurde beinahe tiefsinnig und
Albina mit so manchem eignen stillen Kummer in der Brust, hatte
die schwere Aufgabe, den schlimmen Einfluß der lezten Ereignisse
auf ihre anvertrauen Zöglinge zu verhindern, die Mutter von dem
Erziehungsgeschäft ihr und Andern unbemerkbar ganz zu entfernen, ihre
kindlichen Pflichten gegen dieselbe zu erfüllen und den trostlosen
Bruder vor gänzlicher Verzweiflung zu bewahren! -- Welche Seelengröße,
welche Selbstverläugnung war hiezu erforderlich! -- oft sank sie
auch weinend an Theresens Brust und sagte: o Mütterchen, bete zu
Gott für dein Kind um Stärke! Sie suchte dieselbe häufig selbst im
eigenen andächtigen Gebet und stand davon aufs Neue ermuthiget stets
auf. Therese war wie immer, auch in diesem traurigen Zeitpunct der
Trost ihrer Freunde und erleichterte Albinen manche schwere Last,
versüßte manchen trüben Tag; auch theilte sie sich mit dieser in die
Sorge um den schmerzlich leidenden Theodor. Der Unglückliche fiel
ganz in seine alte Schwermuth zurück, hielt sich entfernt von allen
gesellschaftlichen Freuden und fand die einzige Linderung seines
Kummers in dem Umgang mit Albinen und Theresen; ihre sanfte Theilnahme,
ihr inniges Mitgefühl löste seinen stummen düstern Gram in Klagen und
Thränen auf, welche das gepreßte Herz erleichterten. Cornelia vermied
er; ihr eigener Schmerz gestattete es ihm nicht, ihr Vorwürfe zu machen
und doch vermochte er es nicht, sich gegen die Urheberin seiner Leiden,
freundlich zu benehmen.
Langenheim hatte einen würdigen vielvermögenden Gönner, der einen
Gesandtschaftsposten am *** Hof bekleidete. Er erfuhr, daß deßen
Secretair von ihm verabschiedet worden sey und schlug Theodor zu dieser
Stelle vor. Zur gegenseitigen Zufriedenheit fiel der Erfolg dieser
Empfehlung aus und öftere Reisen, zerstreuendere Geschäfte wirkten
vortheilhaft auf Theodors Stimmung. Auch überhob ihn diese Anstellung
der unangenehmen Nothwendigkeit bei einem Ereignis gegenwärtig zu seyn,
das sich in Volkmars Familie zutrug und Veranlaßung zu Festen und
Gesellschaften gab, welche durchaus zu seiner Stimmung nicht paßten,
ihn auch öfters mit Cornelien zusammen geführt hätten.
Jene Begebenheit war die Vermählung Eugeniens mit einem berühmten
auswärtigen Gelehrten. Diesen lernte sie bei seinem Auffenthalt in
D* kennen. Uebereinstimmend in ihren Neigungen fanden sie Geschmack
an einander. Der sich rechtlich äussernde Charakter des Mannes, so
wie seine vortheilhafte finanzielle Lage bestimmten die Eltern zur
Einwilligung und Eugenie folgte ihm als Gattin auf eine entfernte hohe
Schule, wo er als Profeßor angestellt war. --
Nachdem die geräuschvollen Wochen vor und nach der Hochzeit vorüber
waren, trat desto größere Stille bei Volkmars ein. Sie waren nun ganz
Kinderlos und fühlten sich oft sehr einsam. Es gereichte ihnen daher
zu einer wahren Aufheiterung, wenn Albina, welche die Achtung und
Liebe des würdigen Paars in einem sehr hohen Grad besaß, sie besuchte.
Aurelia, die gewissenhaft Antoniens lezte Wünsche zu erfüllen und
dieselbe durch Thätigkeit und treue Anhänglichkeit Albinen zu ersetzen
strebte, hatte für ihr Alter ungemein viel Ernst und Verstand; ihr
konnte Albina ruhig mehrere Stunden die Führung des ganzen Hauswesens
überlassen und daher war es ihr auch möglich dem Verlangen Volkmars von
Zeit zu Zeit ein Genüge zu leisten. Sie erfüllte freudig diese süße
Pflicht: denn sie verehrte jene kindlich, auch lag noch eine geheime
Ursache zum Grund, weswegen sie gerne bei ihnen weilte.
Ach seit sie wußte, daß es die nah verwandschaftlichen Bande waren,
welche sie einst zu Theodor hingezogen hatten, besaß Guido die ganze
stille Liebe ihres Herzens und sie pflegte treu die Gefühle für ihn,
welche gleich anfangs seine Vorzüge in ihr erregt hatten und die nur
durch die Neigung zu Theodor verdrängt worden waren. Sie traten nun
wieder mit süßer Allgewalt hervor und beherrschten Albinens reine
Phantasie. Daher war ihr Alles, was näher oder entfernt auf ihn Bezug
hatte theuer und von unendlicher Wichtigkeit; daher vertraute sie
der verschwiegenen Nacht so manches leise «Ach»! so manche geheime
Thräne: denn Guido hatte seine Reise verlängert und endlich blieben die
Nachrichten von ihm aus welches die Seinigen in die tiefste Betrübnis
versetzte.
Bei einem wiederholten Besuch welchen Albina Volkmars machen wollte
traf sie die Eltern in großer Bewegung: der Vater schritt nachdenkend
mit, auf dem Rücken übereinander geschlagenen Händen im Zimmer auf und
ab. Die Mutter saß auf dem Sopha einen Brief von mehreren Bögen in der
einen, das Sacktuch in der andern Hand haltend, womit sie sich die
Augen trocknete. «Ach, unsre Albina!» rief sie, als diese ins Zimmer
trat. «Komm liebes Kind! theile unsern Schmerz und unsrer Freude! Guido
-- (Albina erschrack) unser geliebter lang entbehrter Guido wird in
den nächsten Wochen bey uns seyn; doch, lies diesen Brief,» fuhr sie
fort, «ach! wie unglücklich war der Arme und -- ist es noch!» Albina
nahm das Schreiben und trat damit an das Fenster, um zu verbergen, was
in ihrem Innern vorgieng. Aber sie zitterte, daß sie kaum die Blätter
zu halten vermogte, und mehr als einmal verdunkelten Thränen ihren
Blick, die sie unbemerkt zu trocknen sich bemühte.
Guido's Brief lautete also:
Endlich haben sich die Umstände auf solche Weise gestaltet, daß
ich nicht mehr ein finstres Schweigen gegen meine theuern Eltern
zu beobachten gezwungen, sondern in die Nothwendigkeit versetzt
bin, mich Ihnen mit einer kindlichen Bitte zu nähern, die Sie einem
unglücklichen Sohn nicht verweigern werden. Ich höre im Geist
den sanften Vorwurf: «warum theiltest du uns nicht früher deine
Schicksale mit?» Ach ich kannte ja Ihre Liebe zu mir theure Eltern!
und es war mir unmöglich Sie durch die Schilderung meiner Leiden
so sehr zu betrüben. Ich war zu unglücklich! doch jezt ist es
vorüber und ich vermag es sogar zuweilen wieder frohere Tage mir zu
träumen. Ja in ihrer Nähe werde ich Ruhe und Frieden finden. Daher
bitte ich, vergönnen Sie mir die Rückkehr ins Vater-Haus. Mich
dünkt, ich sehe meinen geliebten Vater, meine zärtliche Mutter die
Arme ausbreiten nach dem vielleicht Todtgeglaubten; ich vernehme
den Gruß der Liebe und danke Gott für diese tröstende Aussicht in
die Zukunft.
Indeßen, da ich unter ganz veränderten Umständen bei ihnen
eintreten werde und die mündliche Erzählung meiner Erfahrungen
höchst angreiffend für Sie und mich seyn würde: so erlaube ich
mir dieselbe in diesem Schreiben voraus zu schicken, und in der
Ueberzeugung, daß es ihnen angenehm seyn wird, wenn ich damit die
Fortsetzung meiner Reisebeschreibung liefere (da durch ein, in
mein Schicksal genau verflochtenes Ereignis, dessen ich später
erwähnen werde, ein Brief von mir nicht in ihre Hände kommen
konnte, welchen ich in einer wichtigen Periode meiner Abwesenheit
an sie schrieb): will ich den abgerissenen Faden derselben wieder
anknüpfen.[*] Meinen lezten Brief erhielten Sie von Valenciennes,
von wo ich über Lille nach Callais gieng, um mich hier nach England
einzuschiffen. Wir hatten günstigen Wind und landeten, nach einer
8 stündigen Fahrt glücklich in den Haven zu Dover an. Eine ganz
eigene unangenehme Empfindung ergrif mich, als ich den Brittischen
Boden betrat. Es war mir unmöglich über sie Herr zu werden und
schon überlegte ich bei mir selbst: ob ich nicht lieber umkehren
und durch Holland in mein Vaterland zurück reisen sollte. Jedoch
der Wunsch, das berühmte London und die rege Betriebsamkeit der
Engländer, so recht im Innern des Landes kennen zu lernen, trug
leider den Sieg über jene richtig bange Ahnung davon, und ich sezte
meine Reise weiter fort.
Sobald ich das Land erreicht hatte, empfand ich das Wohlthätige der
in England treflichen Einrichtungen und Anstalten für Reisende.
Wege, Posten und Gasthäuser befriedigen jede, auch noch so strenge
Forderung; und die milde Seeluft, die fruchtbaren frischen Triften,
mit ihrem unbeschreiblichen schönen Grün, herrliche Getraidfelder,
dies alles vermehrte die Annehmlichkeiten meiner Reise durch die
Landschaft Kent welche ich zuerst passirte. Auch weiterhin fand ich
das englische Klima mild und angenehm, die Gegenden gesegnet und
fruchtbar; einige Wenige ausgenommen; nur in den Fabrickstädten so
wie in London selbst, macht der Steinkohlen-Dampf der unendlich
vielen Rauchstätten, die Luft schwer und trüb. Wir näherten uns der
Themse. Ich nahm meinen Weg ganz an ihrem südlichen Ufer, besah
die Stadt ~Wolwich~, wo man die, zur englischen Seemacht
nothwendigen Schmieden, Magaziene und Fabricken findet und
erreichte bald das berühmte und wohlthätige Institut für invalide
Soldaten zu ~Greenwich~. Ich verweilte mit vielem Intresse
darinnen: denn nirgends sah ich eine ähnliche zweckmäsige und für
die Bedürfniße sowohl als für die Zufriedenheit der abgelebten
Helden so gut berechnete Anstalt. Nicht unerkannt, nicht unbelohnt
darf in England der Krieger zu Wasser und zu Land seine Kräfte und
seine gesunden Glieder dem Vaterlande opfern; er weiß, daß am Ende
seiner Laufbahn ihm Ruhe, Pflege, ja selbst noch Vergnügen winkt.
In ~Greenwich~ für die Seeleute, so wie in ~Chelsea~
(wohin mich später mein Weg führte) für die Landsoldaten, wird auf
das treflichste für die ausgedienten Krieger gesorgt.
In ~Greenwich~ bestieg ich ein Bot, fuhr auf dem mit
Fahrzeugen aller Art bedeckten mächtigen Themse Strom ~London~
zu und befand mich als ich das Bot verließ, in dem arbeitsamsten
Theil der Stadt, in der ~City~. Von dem in derselben
herrschenden Geräusch läßt sich keine Beschreibung liefern.
Hier ist der Handwerker, und Händler in ununterbrochenem Fleiß
beschäftigt, sein ärmliches Leben fortzufristen, indem Theurung
aller Bedürfniße und große Abgaben seine Existenz erschweren.
In den breitern Straßen der City trift man in einer Menge Läden,
die, auf das vortheilhafteste ausgestellten Producte jenes Fleißes
und hier ist so wohl der Anblick der vielen hundert Equipagen und
Fiackers im Fahrweg, als auch das Wogen und Drängen der Fußgänger
auf den, an den Häusern hinlaufenden Trotoirs höchst unterhaltend.
Das Leztere würde noch ärger seyn und zu vielen Unannehmlichkeiten
Veranlaßung geben, wäre nicht die Regel festgesetzt: zur rechten
Hand den Entgegenkommenden auszuweichen. Den Damen läßt man die
Seite nach den Häusern zu.
Unbekannt mit dieser Gewohnheit, führte ein von mir begangener
Fehler gegen dieselbe, ein Ereignis herbei, welches -- unbedeutend
scheinend -- von äusserst wichtigen Folgen für mich war.
Ich begegnete nemlich einem Frauenzimmer in Trauer gekleidet.
Ich, dem Stromme zur rechten Hand folgend, sie, von ihrem Recht
Gebrauch machen wollend, kamen wir einander so nahe, daß ich ein
niedliches Arbeits-Körbchen welches sie nachläßig hielt ihr aus
der Hand stieß. Ich erschrack; doch da wir uns gerade an einem
reich geschmückten Galanterie-Laden befanden: so bot ich der Dame
meinen Arm, führte sie hinein und suchte einen kostbaren Ersatz,
ihres durch meine Schuld etwas beschädigten Eigenthums heraus. Ihr
Benehmen bei dem ganzen Vorgang war äusserst anständig und der
schwarze Anzug erhöhte ihre blendende Schönheit. Ein Bedienter kam
und meldete ihr, daß am Ende der Strasse ihr Wagen hielt, aus
dem sie, wie sie sagte gestiegen war, um verschiedene Läden näher
betrachten zu können. Ich führte sie hin, erbat mir ihren Namen,
ihren Auffenthalt, und die Erlaubnis, ihr aufwarten zu dürfen.