Therese wurde durch häusliche Angelegenheiten genöthiget in die

Stadt zurückzukehren. Albina verdoppelte nun ihre Sorgfalt für die,

dem Geist und Körper nach leidende Mutter; ihre dadurch vermehrten

Geschäfte ließen ihr nicht Zeit, ihren eigenen Empfindungen Gehör

zu geben, welche sie oft mit einer süßen Unruhe erfüllten. An dem

Abend, an welchem Theodor, der von seiner Reise zurückgekehrt war,

auf den Flügeln der Liebe zu seiner Albina eilte und beide des lang

entbehrten Genußes eines traulichen Beisammenseyns in der Laube sich

erfreuten, kam Therese auch, doch etwas später in das Landhaus. Sie

brachte Cornelien den Brief, worinn ihr Gatte seine und Hainaus Ankunft

und zugleich letztere als Theodors Vater ankündigte. Nachdem sie die

heftig aufgeregte Freundin etwas beruhigt verlassen konnte, suchte sie

die Liebenden auf und als sie vorbereitend von Vater Hainau manches

erzählt hatte was beide aufmerksam und empfänglich für die Nachricht

machte, die sie ihnen bringen mußte, nannte sie die Namen: Bruder --

Schwester! -- Theodor fuhr erschrocken auf, Albina wurde blaß und

zitterte, endlich lößte ein wohlthätiger Thränenstrom, die Betäubung,

in welche sie diese Entdeckung versezt hatte, auf. Therese drückte

sie an ihr Herz und sagte: «Laß uns Gott danken, theures Kind! der zu

~rechter~ Zeit einen erleuchtenden Strahl in die drohende Nacht

deiner Zukunft sandte, welcher uns alles im wahren Licht erblicken läßt

und uns von dem Abgrund hinwegreißt an dem wir ohne Wissen standen.

Theodor!» fuhr sie fort, indem sie sich zu den noch immer in dumpfen

Sinnen finster brütenden Jüngling wandte: «Theodor! müssen Sie denn

die Geliebte ohne allen Ersatz hingeben? erhalten Sie nicht dafür

einen versöhnten Vater, eine treue Schwester?» «Ja, eine treue, treue

Schwester will ich dir seyn!» fiel Albina ein und umfaßte ihn liebend

tröstend, «wir haben uns ja nur verlohren, um uns in anderer Gestalt

wieder zu finden.» «Lasst mir Zeit, mich zu sammeln,» bat Theodor, und

wandte sich sanft aus Albinens Armen; «ich muß mit mir ~alleine~

seyn, und hoffe, wenn wie uns wieder sehen, Euch alle zufrieden zu

stellen.» Er drückte einen Kuß auf Albinens Stirn, reichte Theresen die

Hand und eilte fort. «Wir wollen nun Anstalten zum Empfang der theuern

Gäste treffen» sagte leztere zu Albinen, «dies wird eine wohlthätige

Zerstreuung für meine geliebte Tochter seyn.» Folgsam, aber schweigend

mit niedergesenktem Blick gieng sie an Theresens Seite in die Wohnung.

Cornelia schloß sie in ihre Arme und sagte: «Ist Dir der letzte Vorfall

nicht Bürge für die Untrüglichkeit meiner Ahnungen? -- Als der Sohn

meines Hainau, als dein Bruder, wird Theodor den nächsten Platz nach

dir in meinem Herzen einnehmen. Bis jezt konnte ich ihn aber nie ohne

geheimen Schauer betrachten. Ach Albina! welche beseeligende Aussicht

zeigt sich unserm Auge! öffne doch dein Herz auch meinen Empfindungen

geliebtes Kind! ich flehe zu dir, theile ~meine~ Freude!» «Theure

Mutter!» erwiederte Albina bewegt, «ist sie denn nicht auch ~meine~

Freude? Einen hohen Genuß, den der väterlichen Liebe, bringen mir die

nächsten Stunden und ich fühle gewiß seinen Werth. Aber sey nachsichtig

beste Mutter. Zu neu ist mir mein gegenwärtiges Verhältniß gegen

Theodor, das Herz muß sich erst daran gewöhnen lernen.»

* * * * *

Es kam der der große Augenblick des Wiedersehens und das freundliche

Landhaus umschloß eine unaussprechlich glückliche Familie! Nur das

gealterte kränkliche Ansehen Hainaus goß einen Tropfen Wermuth in

den Freudenbecher. Es giebt Scenen im menschlichen Leben, wo die

Gegenwart, selbst der vertrautesten Freunde, störend werden kann. Diese

richtige Ansicht hatten auch Langenheims und da der Tag der Ankunft

genau bestimmt war, begab sich Theodor -- welcher das zur Seelenruhe

erforderliche Gleichgewicht der Empfindungen sich wieder errungen

hatte, an demselben ~alleine~ zur geliebten Schwester und Mutter

und der glückliche Hainau fand alles vereint, wonach in den letzten

Tagen sein Herz die heisseste Sehnsucht empfunden hatte. Er gab sich

ganz den süßen Regungen der zärtlichsten Gatten und Vaterliebe hin

und fühlte sich oft, durch die Genüsse, die ihm wurden zu dem Glauben

geneigt: er sey schon der Erde entrückt.

Auch Cornelia war unendlich glücklich in der Erwiederung einer lange

hoffnungslos gehegten, doch treu bewahrten Liebe und bemühte sich,

ihren Gatten immerwährend davon zu überzeugen.

Der herangereifte Jüngling befriedigte nun ganz die Forderung des

Vaters und auf der lieblichen Tochter ruhte oft lange mit stillem

innigen Wohlgefallen sein Blick. Joseph der seltene treue Diener

gehörte auch mit in den häuslichen Verein und wurde durch die

allgemeine dankbare Anerkennung seiner Verdienste um seinen Herrn,

für dieselben belohnt. Seine abentheuerliche Ritter-Kleidung wurde

als eine Reliquie der vorigen Zeit aufbewahrt. Sie hatte sich seiner

Aussage nach in der alten Ritterburg vorgefunden und schien ihm damals

geeignet, das geheimnisvolle Benehmen, wozu ihn Hainau verpflichtet

hatte, noch mehr zu erhöhen. Der sonst stumme Diener war jezt sehr

redselig geworden. Er erzählte viel und gerne von der Vergangenheit.

Unter andern gab er gleich in den ersten Tagen, bei einer zufälligen

Gelegenheit, folgende wichtige Geschichte zum besten:

Er war Soldat, und immer menschlich gesinnt kam er als Feind in ein

Dorf. Hier sah er vom weiten eine Frau, im Begriff ein neugebohrnes

schreiendes Kind im vorbeiströmenden Fluß zu werfen. Joseph rief ihr

ein donnerndes: «Halt» zu. Sie blieb stehen und erwartete ihn. «Was

willst du thun Barbarin?» fuhr sie jener an. «Ey was,» erwiederte die

Frau, «das Kind ist nicht mein, eine Fremde hat es mir zurückgelassen

und in den harten Kriegszeiten habe ich genug zu thun für mich und

meinen Mann zu sorgen; das Kind ist mir eine Last.» Joseph stellte

ihr das Gräßliche ihres Vorsatzes so eindringend vor, daß sie in sich

gieng, die Augen mit der Schürze trocknete, das Kind küßte und sagte:

«Nun wohl, ich will die Kleine morgen in der Früh vor ein Gartenhaus

in der Gegend setzen: da wohnen reiche Leute die können sich ihrer

annehmen.» Joseph quartierte sich darauf absichtlich bei jenen Leuten

ein, aber statt sich von ihnen frei halten zu lassen, bezahlte er

alles, was sie ihm gaben, doppelt und die Kleine trug er selbst den

ganzen Abend über auf seinen Armen herum und liebkoßte sie. «Sie hat

es gewußt, daß ich ihr Lebensretter war,» sezte er treuherzig hinzu,

«denn wenn sie im vollen Schreien war, und ich nahm sie zu mir, so

war sie stille und blickte mich lieb und freundlich an. Es war ein

wunderschönes Kind. In der Nacht mußte ich weiter marschiren und ich

weiß nicht, was aus ihr geworden ist, hab aber oft an sie gedacht. --»

Theodor und Albina waren es, die er vorzüglich mit seinen Geschichten

und also auch mit dieser unterhielt. Als er geendigt hatte sagte

Leztere: «Treue Seele! die du gerettet hast vom Wassertod -- steht

vor dir -- ich bin es, und will dir mein Lebenlang dies zu vergelten

suchen.» Sie erzählte ihm ihre Jugend-Geschichte und Joseph war ausser

sich vor Freude daß er zum Werkzeug erkohren war einem so edlen Wesen

das Leben erhalten zu haben. Als den übrigen Gliedern der Familie diese

Begebenheit mitgeteilt wurde, beeiferte man sich um die Wette, dem

wackern Joseph die herzlichste Dankbarkeit für seine schöne Handlung,

welcher man das Daseyn der allgemein geliebten und verehrten Albina

zu verdanken hatte, zu beweisen. Vorzüglich hatte er sich dadurch

Cornelien unendlich verpflichtet. Sie betrachtete ihn als ihren

Wohlthäter und bot alles auf, ihm dies mit der That zu lohnen.

* * * * *

Albinens zarter liebender Sinn hatte einen Plan entworfen, nach

welchem, der letzten Ereigniße wegen, ein würdiges Familienfest

gefeiert werden sollte. Es war ihrer schönen Seele Bedürfniß, sich

öffentlich darüber aussprechen zu dürfen; und Theodor wurde von ihr zur

freundlichen Mitwirkung aufgefordert.

Mehrere Tage bemerkte Cornelia bei Albinen eine geheime Thätigkeit,

so wie auch bei den Zöglingen. Diese standen oft auf einem Fleckchen

beisammen, flüsterten und lachten versteckt. «Mütterchen, forsche nicht

nach!» schmeichelte Albina, als Jene sie darüber fragte: «nur heute

noch, und du wirst Aufschluß erhalten.» Am folgenden Abend erschienen,

von Albinen eingeladen und überraschend für die Eltern, als liebe

Gäste, Langenheims und Volkmar.

Im festlich mit Eichengewinden decorirten Saal war der Theetisch

bereitet. Eine der ältern Pflegetöchter, eine muntre hübsche Brünette

bediente die Anwesenden anmuthig und gewandt. Die andern Zöglinge

giengen ab und zu und Albina wußte es leicht zu veranstalten,

daß die Mutter die Freunde mit den Produkten des Fleißes und der

Geschicklichkeit der Kinder unterhalten mußte und also ihre und

Theodors Entfernung weniger bemerkt wurde. Endlich (es war schon

dunkel und an der reinen azurnen Himmelsdecke funkelten zahllose

Sterne) traten die 2 jüngsten Kinder der Anstalt, als Genien gekleidet

in das Zimmer. Das weise Gewand war mit Blumengewinden hinaufgeschürzt

und Blumenkränze zierten die blonden Köpfchen. Jede trug eine kleine

Fackel in der Hand und mit freimüthigem Anstand näherten sie sich der

Gesellschaft und sprachen abwechselnd:

Möchte es Geliebte Euch gefallen

Uns zu folgen in die heil'gen Hallen

Wo die Kindesliebe Eurer harrt.

* * *

Möchte dort ihr Walten Euch erfreuen

Wo sie treulich in dem Kreis der Treuen

Jegliche Empfindung offenbart.

Freudig erstaunt folgten die Eingeladenen den lieblichen Führerinnen.

Im Gartenzimmer, das von einer Lampe matt erhellt und reich

ausgeschmückt mit duftenden Blumen in Töpfen und Vasen war, standen

vor der geöffneten Flügelthüre, welche in den Garten führte, die

berechneten Sitze für die Eintrettenden. Der mit vielen farbigen

Flämmchen erleuchtete Gang leitete die Blicke zu einem im Hintergrund

befindlichen Tempel, dessen Dach auf grün belaubten Säulen ruhte

und welcher die Strahlen, einer hinter ihm transparent angebrachten

Sonne wiedergab. Ein Altar stand in der Mitte derselben; an ihm ward

Albinens edle holde Gestalt im himmelblauen griechischen Gewand

sichtbar, welche die Flamme die auf dem Altar brannte, sorgfältig

unterhielt. Die Kinder alle wie die beyden Ersten gekleidet, umringten

in 2 Halb-Zirkeln den Tempel. In der entfernten Laube ertönte (auf das

gegebene Zeichen, daß die Gefeierten zugegen wären) eine vollstimmige

Musik. Sie begann mit einem feierlichen Choral, in welchen die feinen

Kinder-Stimmen einfielen und Albina in betender Stellung an dem Altar

niedersank.

Sie sangen:

Dem großen Geist, der wunderbar und weise

Der Sterblichen Geschick hienieden lenkt

Sey Lob und Preiß für diese schöne Stunde

Die uns hier himmlische Genüsse schenkt!

Er leite ferner huldvoll unsre Wege

Zu der Vollendung schönem Ziele hin:

Und reich' uns stets im innigen Vereine

Der Lieb und Freundschaft dauernden Gewinn!

* * * * *

Theodor kam nun als Minnesänger hervor. Um den Hals an einem breiten

Band befestigt hieng die Guitarre. Die Kinder eilten ihm entgegen

und führten ihn, gleich wie im Triumpf der Versammlung zu. Vor der

Flügelthüre stehend begann er:

Euch Ihr hochverehrten, heiß Geliebten

Tönt des Minnesängers frohes Lied

Dem auf seinen Wanderungen lieblich

Hier der Freude schönste Blume blüht.

* * *

Was Irrthum einst trennte schaut er hier vereinigt

Und in der Vergeßenheit ewiges Grab

Sieht er die vergangenen Leiden sich senken

Im Augenblick, welcher uns Wonne nur gab!

* * *

Hochbegeistert laßt mich aber preißen

Dich o Freundschaft! mit dem edlen Sinn!

Du bist von dem Glück das uns beseeligt

Mächtige und holde Schöpferin

Und die Grosmuth, die mit milden Händen

Die Verlaßnen führte und sie reich

Segnete, beglückte und erfreute

Grüße ich verehrend hier in Euch!

* * *

Ihr habt schon den Lohn jener liebenden Thaten

Im süßen Bewußtseyn; doch nehmt jezt den Kranz

Mit freundlicher Güte aus kindlichen Händen,

Den Unschuld Euch reichet im himmlischen Glanz!

* * * * *

Mit einer Verbeugung trat Theodor zurück und 4 Mädchen reichten den

Langenheimischen und Volkmarischen Ehegatten Kränze aus Lorbeeren und

Vergißmeinnicht gewunden. Nachdem wurde man Theodor im Tempel gewahr,

wo er und Albina sich über der heiligen Flamme auf dem Altar die Hand

reichten und der Chor der Kinder sang mit Musik begleitet:

Heil dem neu geschloßnen Bunde

Reiner Bruder- treuer Schwesterliebe!

Dauernd gründe diese Stunde

Jene heil'gen Triebe.

Ihre Herzen, die sich schnell gefunden

Sind für eine Ewigkeit verbunden.

* * * * *

Nach Endigung dieses Gesangs giengen die Geschwister Hand in Hand, von

den Genien begleitet, der Versammlung zu und Albina lies sich vor dem

Vater, Theodor vor der Mutter, auf ein Knie nieder; Aurelia trat hervor

und sang mit weicher Stimme:

Segnet theure Eltern die Geliebten,

Die für Euch in frommer Lieb' erglüh'n!

Euer immer werth zu bleiben

Ist ihr unermüdetes Bemühn

Es soll Eure Tage schön verklären

Und des trauten Kreißes Glück vermehren!

* * * * *

Mit tiefer Rührung legten die Eltern die Hand auf die Häupter der

geliebten Kinder, zogen sie dann an ihre Brust und kein Auge blieb

trocken bei dieser herrlichen Scene welche besonders für Cornelien und

Hainau sehr angreifend zu werden schien: doch Moly die schon erwähnte

heitre Brünette unterbrach dieselbe, indem sie mit noch einem Kranz

am Arm, auf den in einer Ecke des Zimmers stehenden Joseph hineilte,

welcher beinah laut weinte, ihn mit freundlicher Gewalt in ihre Reihen

zog und zu singen begann:

Nimm diesen Kranz aus meiner Hand

Sieh'! er gebühret der Treue!

Sey auch verschieden ihr äußeres Gewand,

In welchem Sie uns erfreue.

Du hast in der alten Rittertracht

Auch teutschen Rittern dich gleich gemacht --

Sey hoch geprießen aufs Neue! --

* * * * *

Hiemit sezte ihm das fröhliche Mädchen den Kranz auf. Jung und Alt,

Groß und Klein drängte sich zu ihn und drückte des Wackern Hand. Hainau

fand keinen Anstand, den bewährten Diener an seine Brust zu nehmen, der

die Hand des gütigen Herrn mit Küssen bedeckte und lange vor strömenden

Thränen, nicht sprechen konnte. Endlich kam in den treuherzigsten

Ausdrücken ein gutgemeinter Wunsch hervor. -- Man gieng dann zur

näheren Beschauung, Gruppenweise in die erleuchteten Parthien des

Gartens und freute sich wiederholt Albinen und Theodors schöpferischer

Liebe.

Nach und nach schlichen sich die Aeltesten unter den lieblichen Genien,

dann Theodor und zulezt Albina und Joseph hinweg. Und nicht lange --

so wurden die Eltern und Freunde gebetten, in den Saal zurückzukehren,

wo hell erleuchtet ihnen die gedeckte Tafel einladend entgegen winkte.

Albinens Hausmütterliches Talent, die Gelehrigkeit und Emsigkeit

ihrer Schülerinnen, sprach sich in der Anordnung des, wenn auch nicht

kostbaren, doch wohlschmeckenden und geschmackvoll eingerichteten

Abendeßen aus. In das Nebenzimmer war eine Harmonie-Musik blasender

Instrumente gewiesen, deren sanfte Zauber die beseeligenden

Empfindungen in den Gemüthern der Anwesenden noch mehr erhöhte und --

erst beim ernsten Schlag der Mitternachts-Stunde trennten sich die

Stadtbewohner mit den Gefühlen aufrichtiger Achtung und Dankbarkeit

gegen Albinen und Theodor von dem Wohnsitz reiner Freude.

* * * * *

So sehr Hainau wünschte mit dem lang entbehrten Sohn häufiger beisammen

seyn zu können: hielt doch Letzteren seine Pflicht in der Stadt. Er

war als Actuar angestellt, hatte seine Wohnung im Langenheimischen

Haus und brachte nur die Sonntäge, an andern Tagen zuweilen ein paar

Abendstunden im Kreiß seiner Familie zu.

Wie schon erwähnt wurde -- war er ein leidenschaftlicher Freund der

Musik und besaß auch von und in derselben ausserordentliche Kenntniße

und Fertigkeit. Seine Neigung gieng so weit, daß er nicht nur jedem

Conzert; ~jedem~ musicalischen Privat-Verein beiwohnte, und auch

täglich, wenn die schöne militärische Musik des in D* garnisonirenden

Regiments bei seinem Büreau vorüberzog, um die Wache zur Ablößung zu

begleiten -- von seinem Sitz auf und ans Fenster sprang um sie zu

hören: sondern daß sogar ~jeder~ an den Messen herumziehende

Strassensänger seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Einst spielte wieder ein Knabe vor seiner Wohnung eine kleine Orgel

und lockte Theodor an das Fenster. Ein zartes Mädchen von 14-15 Jahren

sang mit einer umgemein lieblichen Stimme dazu. Diese war für ihr

Alter von einem bedeutenden Umfang, metallreich und hatte so viel

Weiches, daß Theodors Augen sich unwillkührlich mit Thränen füllten.

Er rief die Kinder in das Haus, erfuhr, daß sie unter Wegs zufällig

zusammengekommen wären und Antonie, so hieß das Mädchen, aus dem

westlichen Theil Italiens gebürtig, ohne Verwandte in der weiten Welt

durch ihre Stimme den ärmlichsten Unterhalt zu erwerben suchte. Ihr

bescheidenes Wesen, ihre ausdrucksvollen Gesichtszüge und ihre hülflose

Lage, verbunden mit ihren musikalischen Talenten machte sie Theodor

ungemein interessant. Er beschenkte sie und ihren Begleiter reichlich

und ließ sich ihre Herberge sagen.

Den größten Theil der Nacht beschäftigte ihn der Gedanke: wie

unglücklich dies Mädchen sey, in welchen Gefahren sie schwebe und

ob es nicht möglich wäre, sie denselben zu entziehen. Er beschloß,

sie näher kennen zu lernen und -- wäre sie es würdig! sich ihrer

anzunehmen: Theils führte ihn das Gefühl der Schiklicheit, theils das

Vertrauen auf Theresens Einsicht und wohlwollende Gesinnung am andern

Tag zu derselben und er gieng mit ihr in dieser Angelegenheit zu

Rath. Sie zeigte sich bereitwillig seinen Wunsch zu erfüllen und ließ

Antonien zu sich rufen. Diese war der Französischen Sprache kundig,

welche auch Therese vollkommen verstand und so war es der Lezten

möglich nach einer langen Unterredung das Mädchen auf verschiedene

Weise als Menschenkennerin zu prüfen; doch ach, die freundliche

Behandlung Theresens, die schöne Wohnung die sichtbaren Spuren der

Wohlhabenheit ihrer Besitzer, dies alles erregte bei Antonien, welche

hier den Abstand zwischen ihrer ärmlichen Lage und der, der glücklichen

Stadtbewohner sehr schmerzlich fühlte, eine Sehnsucht und Wehmuth,

die sich bei ihrem Abschied von Theresen in hervorbrechenden Thränen

äusserte. Diese senkte einen Funken der Hoffnung in ihre betrübte Seele

und versprach ihr auch, sie während ihres Auffenthalts öfter zu sich

kommen zu lassen. Als sie Theodor das Resultat ihrer Beobachtungen

mitgetheilt hatte, kamen beide darinnen überein: Antonien in die

Anstalt seiner Mutter zu bringen zu suchen.

Er gieng noch an dem nemlichen Abend hinaus, gewann zuerst die

mitleidige Albina für seinen Wunsch und beide trugen ihn Cornelien vor.

«Bist du denn sicher mein Sohn,» sagte diese ernst, «daß der Schritt,

zu welchem du mich bestimmen willst keine nachtheiligen Folgen für

unser häusliches Glück haben wird?»

«Beste Mutter!» erwiederte dieser, «ist denn die mögliche Rettung

eines Menschen nicht eines, wenn auch gewagten Versuches, werth? Was

wäre aus Albinen, was aus mir geworden, hätten unsere Wohlthäter an

unserer Würdigkeit zweifelnd, ängstlichen Besorgnissen Gehör gegeben,

welche ihnen vielleicht auch wiederrathen haben würden, sich unsrer

anzunehmen! --» Albina tief durchdrungen von der Wahrheit dieser Worte,

ließ mit Bitten nicht eher nach, bis Cornelia ihre Einwilligung zur

Aufnahme Antoniens in ihrem Hause gab. Mit dem freudigsten Dankgefühl

kehrte Theodor in die Stadt zurück, theilte Theresen den Erfolg seiner

Bemühung für Antoniens Zukunft mit und bat: sie am folgenden Tag zu

einer bestimmten Stunde rufen zu lassen, wo er wußte, daß er gewiß zu

Hause sey; denn er wollte Zeuge von dem Entzücken des Mädchens seyn,

wenn sie die frohe Kunde hören würde. «Antonie!» sprach sie Theodor

freundlich an, als sie bei ihnen am andern Morgen erschien. «Antonie!

könntest du dich mir wohl vertrauen? ich möchte dein Glück gründen

und dich deiner unwürdigen Lebensweise entziehen!» -- Das Mädchen

schaute ihn mit großen Augen an: «Kannst du dich entschließen,» fuhr

Jener fort, «hier zu bleiben und die Bemühungen dich auszubilden mit

Gehorsam und Fleiß zu belohnen: so will ich dich zu einer geliebten

Mutter und Schwester führen, welche geneigt sind dich aufzunehmen. --»

Noch immer schien Antonie ihr Glück nicht begreiffen zu können. Nun

sezte ihr Therese Theodors Plan deutlicher auseinander, und -- ein

freudiges «Ach!» war alles was sie hervor bringen konnte. Aber sie

zitterte, daß sie sich an einem nahestehenden Tisch fest halten mußte

und eine glühende Röthe wechselte mit Todtenblässe in ihrem Gesicht ab.

«Fasse dich doch mein Kind!» sagte Therese -- und -- «prüfe dich,» fiel

Theodor ein, welcher anfieng an ihrem Willen in seinen Plan einzugehen,

zu zweifeln, «prüfe dich, ich will dich durchaus nicht zwingen, meinen

Vorschlag anzunehmen.»

«Ach Gott! ich bin zu glücklich! ich vermag es kaum zu fassen,» sagte

das Mädchen und schlug die schönen dunkeln Augen gen Himmel. «Die arme

verlassene Antonie soll einen Zufluchtsort finden, eine Mutter, eine

Schwester, einen Bruder! -- o es ist zu viel es ist zu viel!» Sie

ergriff bei diesen Worten Theodors beide Hände und preßte sie an ihr

Herz. Noch an demselben Abend führte sie Therese mit Theodor in ihre

neuen lieblichen Umgebungen.

Sie wurde von der Mutter gütig, von Albinen mit schwesterlicher

Freundlichkeit empfangen und Antonie fühlte sich über allen Ausdruck

glücklich.

Sie zeigte sich bald als eine höchst gelehrige, fleißige und gehorsame

Schülerin, wurde Albinens emsigste Gefährdin, treueste Freundin und

dieser unbeschreiblich werth und theuer; auch die Mutter fand nicht

Ursache, ihren Entschluß zu bereuen; sie wurde bald im ganzen Hause

allgemein geliebt. Albina machte sich sehr verdient um sie, sie lehrte

ihr alles, was ihr nöthig war und wozu sie Lust hatte und streute in

das empfängliche weiche Mädchen-Herz den Saamen aller schönen Gefühle.

Theodor, entzückt, über sein gelungenes gutes Werk, kam nicht einmal,

wo er nicht neue Vorzüge an Antonien entdeckte und Albinen innig für

ihre schwesterlichen Bemühungen um Jene dankte. In der Musik gab er

ihr Unterricht und seine Schülerin machte riesenmäsige Fortschritte

warum? -- die Liebe trat als Lehrerin auf. Theodor ihr Wohlthäter war

ihr Abgott ihres Herzens. Mit geheimer aber glühender Leidenschaft war

sie ihm ergeben, ohne daß sie es anfangs selbst wußte. Sehnsüchtig

sah sie jedem Abend entgegen, wo nun Theodor öfter auf dem Landhaus

erschien, als sonst. Die Unterrichtsstunden mußten zum Vorwand dienen,

denn er wollte es nicht gestehen, was doch wirklich war, daß ihm das

Mädchen, welches er vom leiblichen, ja vielleicht auch vom ewigen

Verderben errettet hatte, ihm immer theurer wurde. Sah Antonie (welche

sich nun die Zeit, in welcher er gewöhnlich kam, immer am Fenster

etwas zu schaffen machte) ihn die Strasse herauf eilen: so suchte sie

zuerst ein paar einsame Augenblicke zu erhaschen um sich zu sammeln,

und dennoch begrüßte sie ihn immer mit niedergeschlagenen Blicken und

pochendem Herzen. Albina durfte sich auf Antoniens dringende Bitten,

nie während der Unterrichtsstunde entfernen: «denn,» sagte sie zu

dieser, in kindlicher Unschuld und Vertraulichkeit: «ich kann dir

nicht sagen, wie bange mir an Theodors Seite ist und dennoch freue ich

mich so sehr auf jede Lehrstunde.» Albina lächelte, ihr war der Grund

jener süßen Unruhe wohl erklärbar. Die Mutter schien auch auf einige

Vermuthungen zu gerathen, sah aber sehr finster dabei aus.

* * * * *

Albina, das Blumenmädchen · 第 5 / 16 段