umgeschlagenes Gemälde in seiner Mappe hindeutete, «muß ich zuerst
die Erzählung eines Ereignißes voranschicken, welches eigentlich der
Darstellung noch mehr Werth giebt; ich kam vor einigen Wochen auf
meiner Fußwanderung durch das Gebirg, schon als die Sonne im Sinken
war, an das Ende eines schwarzen Tannen-Waldes. Die feurige Kugel
blitzte mit dunkelm Roth durch die Stämme der lichter stehenden Bäume
und auf einmal strahlte mir seitwärts ihr goldner Wiederschein aus
hochgewölbten Fenstern einer alten verfallenen Burg entgegen, die
jetzt erst sichtbar von einem hohen Felsen stolz hernieder schaute.
Dieser Felsen war auf der vordern Seite nackt und kahl, neben aber
schlängelte sich ein Fußsteig mit bequemen Stufen herunter bis zu
einer Quelle welche sanft murmelnd das Auge auf einem etwas freiern
Platz hinleitete, der mit grünen Moos bedeckt und mit einigen Birken
verschönert, gar freundlich gegen das düstre Dunkel der übrigen
Umgebung abstach. Auf einer, unter den Bäumen angebrachten Rasenbank
saß ein ältlicher magerer Mann mit finstern halb erloschnem Auge
und mit den Spuren ehemaliger Schönheit in dem bleichen Gesicht. Er
stützte sich auf einen Officiers-Degen und betrachtete aufmerksam eine
getrocknete Rose, die er in der einen Hand hielt. Ein tiegerartig
gefleckter Jagdhund lag zu seinen Füssen und schien seinen Herrn zu
beobachten. Es hatte für mich das Ganze so viel Anziehendes, daß ich
in einer kleinen Entfernung mich auf einen Baumsturz setzte und es mit
einigen Strichen skizirte. Eben hatte ich vollendet, als der Mann in
die Höhe fuhr, dann den Degen entblößte und eine Bewegung machte sich
damit zu töden. Der Hund sprang auf und bellte und ich rief mit lauter
Stimme: «Halt» Jener sah sich um und als er mich erblickte entfloh er
ins Gehölz; ich konnte nichts mehr von ihm gewahr werden und gieng
in das nicht ganz weit von dieser Stelle gelegene Dorf um hier ein
Nachtquartier zu nehmen. Bei meinem Wirth erkundigte ich mich nach den
nähern Umständen der beschriebenen seltsamen Erscheinung und erfuhr:
daß schon seit längerer Zeit das Felsenschloß von dem Unbekannten
bewohnt werde, welcher jede menschliche Begegnung vermeidend, sich nur
gespensterartig jeden Abend um eine gewisse Stunde in dem Hain sehen
ließe, wo ich ihn traf. Wöchentlich einmal käme ein stummer Knappe
in fast abentheuerlicher Kleidung in das Dorf, der durch Zeichen
die nothwendigsten Bedürfnisse für seinen Herrn und sich verlange;
jedoch alles redlich bezahle. Am andern Morgen erschien wirklich der
sonderbare Diener. Einen Hut mit Federn, den er tief ins Auge drückte,
einen kurzen Mantel, welchen er um sich herum schlug, und darinnen
sein Gesicht zu verbergen suchte, schwarze kurze Beinkleider, nach
alter Ritterart aufgeschlizt, Strümpfe von gleicher Farbe, nebst
hohen geschnürten Schuhen mit Franzen und Maschen geziert -- so trat
er in die Wirthsstube, zog sich aber sogleich zurück, als er mich,
einen Fremden erblickte; doch erfuhr ich nachher von der Wirthin,
daß sein Herr am Leben sey, was mir wirklich am Herzen lag und
weswegen ich entschloßen war, trotz meinem Wunsch, schnell weiter zu
reisen, demselben Abend mich wieder in den Wald zu begeben, um mich
zu überzeugen, ob jener Unglückliche, den Vorsatz, von dem ich ihn
abgehalten hatte, vielleicht doch ausgeführt habe, nun war es aber
nicht nöthig und ich verfolgte meinen weitern Reiseplan.»
Jetzt zeigte Hugo das Gemälde. Cornelia, welche der Erzählung sehr
aufmerksam zugehört hatte, warf einen Blick auf dasselbe und sank
ohnmächtig auf das Sopha zurück. Alles war in der größten Bestürzung.
Man brachte sie ins Nebenzimmer und durch Theresens Bemühungen kam sie
bald wieder ins Leben zurück.
Sie blickte scheu um sich und als sie die Freundin neben sich sitzen
sah, fuhr sie heftig empor, schlang beide Arme fest um sie und rief:
«Er ist es, mein Romberg ists! wo ist die Burg? wo find ich ihn?»
Therese bot ihre ganze Beredsamkeit auf, um sie zu beruhigen. Das
wirksamste Mittel hiezu war der Entschluß Langenheims: nachdem Hugo
auf sein Verlangen die Lage des Felsenschloßes und den Weg dahin genau
bezeichnet hatte, selbst hinzureisen um für Cornelien und Albinen
etwas Entscheidendes zu bewirken: und wirklich trat er gleich am
folgenden Morgen seine Reise dahin an. Erst am 2ten Tag erreichte er
das Felsenschloß, wo ihm der Einlaß schlechterdings versagt wurde.
Er ritt nun in das Dorf und erwartete hier die Abendstunde in welcher
der Menschenfeind an der Quelle erschien; begab sich hier auf einen
Posten, wo ihn dieser nicht eher sehen konnte, bis er vor ihm stand.
Beide erkannten sich sogleich und Romberg drang mit gezogenem Degen
wüthend auf seinen ehemaligen Nebenbuhler ein. Der Ueberraschte hatte
jedoch so viel Fassung jenem die Waffe aus der Hand zu winden; aber
Romberg blind vor Zorn verwundete sich durch eine ungeschickte heftige
Bewegung selbst so tief damit, daß er zu Boden stürzte. Langenheim
eilte in das Schloß, trug mit Hülfe des stummen Knappens den, durch den
starken Blutverlust ohnmächtig Gewordnen in seine Wohnung und sprengte
nach dem Dorf, um den dortigen Chirurg zu holen. Mit brüderlicher
Sorgfalt pflegte Langenheim den Verwundeten, der während der ersten
Tage zu schwach für jeden Widerstand, oder auch für die Erwiederung
großmüthiger Gesinnung war. Als er wieder zur Besinnung kam,
beobachtete er ernst und schweigend Langenheims Handlungsweise und das
wohlthätige der herzlichen Bemühungen desselben. Um ihn, schien nach
und nach die Eisrinde, die sich um sein Herz gezogen hatte zu sprengen.
An einem Abend saß Jener an seinem Bette. Eine Lampe erhellte matt das
große düstre Zimmer. Nach einem kurzen Schlummer verlangte Romberg
Thee. Als Langenheim ihm denselben reichte, das Kissen zurecht machte
und theilnehmend nach seinem Befinden fragte, ergrif jener seine Hand,
drückte sie und sagte mit noch schwacher Stimme: «Sie sind ein edler
Mann! -- tief stehe ich unter Ihnen -- lassen Sie mir Zeit zur Erholung
-- und Sie sollen meine herzliche Reue sehen.» Langenheim, glücklich
den Sieg über ein hartes Menschenherz gewonnen zu haben, verwies ihn
zur Ruhe, um durch heftige Gemüthsbewegungen seine Genesung nicht zu
erschweren. Nach 8 Tagen erhielt Romberg von dem Wundarzt die Erlaubniß
zu einer Unterhaltung mit Langenheim, und mit herzlichem Vertrauen
wurde ein Freundschaftsbündniß geschloßen, das, durch die Einwirkung
ein und derselben Personen auf ihre beiderseitigen Schicksale desto
mehr Interesse und Festigkeit erhielt. Langenheim erfuhr zu seinem
Erstaunen, daß Hainau der wahre Name seines unglücklichen Freundes
und der Direktor zu E* sein Vater sey, daß der nemliche bösartige
Kammerdiener, welcher ihn ins Unglück zu stürzen suchte, auch den
Sohn durch Verläumdungen um die Liebe seines Vaters ja diesen so weit
gebracht habe, daß er ihn förmlich aus dem Haus und aus dem Herzen
verbannte. «Unter dem Namen Romberg» fuhr Hainau fort, «suchte ich
Militair-Dienste. Von Natur leidenschaftlich, ohne Grundsätze, ohne
Leitung lebte ich eigentlich zügellos. Ich hatte viele Abentheuer,
Streite, Liebesgeschichten u. s. w. und auf meine Monats-Gage warteten
schon immer die Schuldner, allein sie reichte nicht hin diese zu
bezahlen.»
«Als ich eben von einer Anzahl Gläubiger gequält wurde, erhielt ich
einen Brief von jenem Bösewicht, in welchem er mir den Tod meines
Vaters mit vielen heuchlerischen Klagen meldete und die Anweisung
auf ein dortiges Handelshaus beilegte, welches mir eine kleine Summe
auszahlen sollte, die er, nach seiner Versicherung meinem Vater für
mich abgebettelt hätte. Nur meine damals bedrängte Lage zwang mich dies
schimpfliche Erbgut anzunehmen, aber den Brief zerknitterte ich mit
Zähnknirschen in den Händen und warf ihn dann fluchend ins Feuer. Mit
dem Geld bezahlte ich meine Schulden und den kleinen Rest verjubelte
ich mit lachender Wuth in den ersten Tagen. Bald darauf wurde meine
Garnison in den Ort verlegt, wo Cornelia als Schauspielerin mit lautem
Beifall auftrat. Sie zu sehen, und die heftigste Leidenschaft für sie
zu fühlen, war das Werk eines Abends; ich suchte ihre Bekanntschaft und
es gelang mir bald, mich auf Ihre Kosten armer Freund! in ihre Gunst
zu setzen. Aber Cornelia verstand es, meinen flatterhaften Sinn ganz
zu fesseln. Durch sie wurde ich erst mit der Gestalt und dem Wesen
der wahren Liebe bekannt. Anfangs beschäfftigte ihre ausgezeichnete
Schönheit nur meine Sinnlichkeit, allein ihre Tugendliebe und ihr
innerer Werth erregten nach und nach meine achtungsvolle Bewunderung,
welche sich bald in die zärtlichste Liebe verwandelte. Ich hatte
nun keinen heissern Wunsch, als ihren Besitz und dieses Verlangen
wirkte sogar auf meine Lebensweise. Bekannt mit meiner und Corneliens
vermögungsloser Lage wurde ich auf einmal sparsam und haushälterisch
und entwarf mit ihr die zweckmäßigsten Plane zu unserm einstigen
Fortkommen. Cornelia wollte Unterricht in fremden Sprachen ertheilen,
ich im Zeichnen und Mathematik, worinn ich so ziemlich bewandert
war und den sonst so bedürfnißreichen Hainau schuf die Liebe zum
genügsamsten und doch glücklichsten Sterblichen um.
Der Feldzug gegen Frankreich begann; ich mußte marschieren und beschwor
bei unserer Trennung meine weinende Geliebte mir zu folgen, sobald ich
ihr ein Standquartier würde melden können. Sie versprach es und hielt
Wort. Ein dortiger Geistlicher, in welchem ich einen Jugendfreund fand,
gab meinen dringenden Bitten nach und traute mich mit meiner Cornelia.
Der Reichthum ihrer Vorzüge lieh unserm häuslichen, wenn gleich stillen
Leben so viel Reitz, daß durchaus keine Sehnsucht nach andern Freuden
in meiner Brust entstand und ich sann nur immer darauf, auch ihr durch
Erweisungen meiner Liebe dies Verhältniß so angenehm als möglich zu
machen. Aber ach! dies Glück war von kurzer Dauer! Meine Verheirathung
wurde bekannt, so wie der ehemalige Stand meiner Gattin und meine
Cameraden beeiferten sich, mir jenen Schritt als ein Vergehen gegen die
Ehre in immer wiederholten höhnischen Aeusserungen vorzuspiegeln.
Stolz war stets eine meiner heftigsten Leidenschaften; er erlitte
unendliche Beleidigungen und endlich gewann er die Herrschaft über die
Liebe. Ein unglückliches Duell ließ mich die schrecklichsten Folgen
befürchten, ich rieß mich mit blutendem Herzen von meinem Weibe los,
und ergrif die Flucht.»
Die Erinnerung an diese Epoche seines Lebens, erschütterte Hainau von
Neuem so sehr, daß Langenheim ihn bat, seine Erzählung ein andermal
fortzusetzen. Dagegen ließ er ihn mit möglichster Schonung von weitem
ahnen, daß er im Stande sey, ihm von Cornelien einige Nachrichten zu
geben. Ein Strahl von Freude glänzte in Hainau's Auge; und indem er
Jenen versicherte: er fühle sich stark genug alles zu hören; verlangte
er dringend weitere Aufschlüße. Der Freund mußte nachgeben und Hainau
erfuhr nun Corneliens Schicksale, Albinens Daseyn und die Gewißheit:
durch treue Gatten- und Kindesliebe noch glücklich zu werden. Dies
war zu viel für sein Herz, für seinen geschwächten Körper. Er war
unbeschreiblich angegriffen und mußte zu Bette gebracht werden. Als
er am andern Morgen, gestärkt durch einen sanften Schlummer erwachte,
beschwor er seinen Arzt, Langenheim und seinen treuen Joseph (der
nun beredt und unermüdet in seiner Pflicht sich zeigte) alles zu
seiner schleunigen Genesung beizutragen, um recht bald in die Arme
der Seinigen eilen zu können. Er selbst befolgte pünctlich alle
Vorschriften und die Wonne des Wiedersehens nahm im Vorgefühl so sehr
sein ganzes Wesen in Anspruch, daß Langenheim es nicht über sich
vermogte ihn an die Ergänzung seiner Lebensgeschichte zu erinnern, so
sehr ihn die Ungewißheit beunruhigte: ob darinnen vielleicht Theodor
Hainau, da er des Freundes Nahme führte, auch eine wichtige Rolle noch
spielen würde. In einer der gewöhnlichen Unterhaltungen zwischen ihm
und Hainau über die fernen Lieben, brach Letzterer in die Aeusserung
aus: «Eine Gattin, eine Tochter werde ich bald an mein Herz drücken,
wer aber, wer giebt mir meinen verlornen Sohn Theodor?» Langenheim,
dadurch aufmerksam gemacht, sprach nun den Wunsch: noch etwas von
Hainaus Geschichte zu hören gegen ihn aus und erhielt von diesem
folgende Fortsetzung der Erzählung:
Als er sich nemlich von Cornelien getrennt hatte, stürzte er sich
wieder in den Strudel der Zerstreuungen und da es ihm an Geld mangelte,
buhlte er um die Gunst der Göttin Fortuna im Spiel. Er war an jedem
grünen Tisch zu finden, wußte aber seinen Vortheil sehr gut zu
benützen, spielte vorsichtig und gewann manche hübsche Summe. Doch
die Leere in seinem Herzen konnte keine Lustbarkeit, keine gesellige
Freude, kein Sinnen-Genuß ausfüllen, er fühlte sich verlassen und
suchte ein Wesen, das ihm Cornelien ersetzen sollte. Auch war er
überzeugt, daß seine ausschweiffend durchlebte Jugend, ihm ein frühes
und kränkliches Alter herbeiführen würde und sehnte sich: mit dem im
Spiel erworbenen Gewinn, sich wieder ein stilles häusliches Glück zu
erkaufen.
Auf einem glänzenden Maskenball zog ein Frauenzimmer das als Catinka
(im Mädchen von Marienburg) erschien, seine ganze Aufmerksamkeit auf
sich. Es war dies die Rolle, in welcher er Cornelien das Erstemal
auf der Bühne sah. Jene Erscheinung brachte deshalb sein Inneres in
heftige Bewegung und in einer wehmüthigen Stimmung, welcher er nicht
Meister werden konnte, nahte er sich jener Maske, lernte in ihr ein
liebenswürdiges bescheidenes Mädchen kennen und verfolgte den günstigen
Eindruck, den auch er in seinem sanft melankolischen Benehmen auf sie
gemacht hatte, mit dem gewöhnlichen Ungestüm. Sie war die Nichte eines
Lehrers an dem Liceum der Stadt. Hainau suchte in Bekanntschaft mit ihm
zu tretten, und fand in ihm einen Mann, welcher sich mehr für seine
Griechen und Römer, als für seine nächsten Umgebungen interessierte.
Ohne viele Umstände gab er nach einigen Wochen seine Einwilligung zu
Hainaus Werbung um Herminien. Sie wurde seine Gattin und bezog mit
ihm ein Landgut, das er von seinem erspielten Vermögen gekauft hatte.
Allein bald zeigte sich der Misgriff der Ehegatten in ihrer Wahl. Sie
paßten durchaus nicht für einander. Herminie war bis zur Erniedrigung
demüthig und furchtsam, zitterte bei jeder Forderung Hainau's und
handelte dennoch in immerwährender ängstlicher Besorgniß vor seinem
Unwillen verkehrt. Dies machte sie Hainau wiederlich. Er verkannte
dadurch ihre übrigen guten Eigenschaften, misbrauchte ihre Sanftmuth
und der Schmerz über ein unfreundliches rauhes Betragen, verkürzte
Herminiens zartes Leben. Nachdem sie Hainau einen Sohn gebohren, starb
sie bald darauf an einer unheilbaren Schwäche. «Mein Theodor hatte
das sanfte, zur Schwermuth sich hinneigende Temperament der Mutter
geerbt,» fuhr Hainau seufzend fort «und ich mochte den weichen, so
ganz unmännlichen Knaben durchaus nicht leiden. Bis in sein 12tes Jahr
war er unter der Aufsicht mehrerer Hauslehrer; jedoch ich forderte von
diesen; sie sollten die Gemüthsart meines Sohnes umändern, und da sie
dies nicht vermogten, schickte ich sie nach kurzer Zeit unzufrieden
wieder fort. Theodor war der unglückliche Gegenstand meines Unwillens.
Er mußte meine trübe Stimmung, welche immer finsterer wurde, auf alle
Weise fühlen und nach einer besondern, heftigen Scene, wo ich den armen
Jungen sehr hart behandelte, floh er vor dem unnatürlichen Vater und
ließ mich in einem furchtbaren Zustand zurück. Die Erinnerung an alle
Leiden der eigenen unglücklichen Jugend, an die traurigen Erfahrungen
der spätern Zeit, alle Vergehungen, deren ich mich schuldig gemacht
hatte, vor allem aber Corneliens Bild und die unendliche Sehnsucht
nach ihr, machte mir mein Leben qualvoll; ich fieng an die Menschen zu
hassen und diese feindliche Gesinnung brachte mich endlich so weit,
daß ich mein Gut verkaufte, meine Dienerschaft entließ, bis auf den
einzigen Treuen, der mich nicht verlassen wollte und mir in diese
schauerliche abgelegene Burg folgte, wo ich meine Wohnung aufschlug.
Joseph mußte mir geloben mit Niemand ausser mir ein Wort zu sprechen
und mein Herz verhärtete sich nach und nach so sehr, daß ich fähig war,
einen Brief meines Sohnes unerbrochen zurück zu schicken.
Nur das Andenken an Cornelien war vermögend mich aus der gänzlichen
Erstarrung meiner Gefühle zu wecken. Laß dir die Stelle zeigen mein
Freund,» sagte Hainau, «wo ich die einzigen hellen Augenblicke in der
dunkeln Nacht meines Daseyns, in der heiligen Erinnerung an Cornelien
gelebt habe.»
Arm in Arm wandelten die Freunde zu dem Hain; in deßen tiefsten
Hintergrund eine Laube, welche Hainau aus einigen Birken gezogen hatte,
sie aufnahm. In ihr war ein kleiner Altar von Rasen aufgebaut und auf
der Oberfläche desselben aus Vergißmeinnichtpflänzchen ein O gebildet.
«In diesem Tempel,» fuhr Hainau fort, «brachte ich täglich die Stunde
zu, worinnen ich mich in einem thörigt falschen Wahn von Cornelien
trennte. Ich nahm ihr damals die Rose welche sie am Busentuch hatte
mit hinweg und hob sie getrocknet wie ein Heiligthum auf. Kürzlich
hatte ich sie wieder bei mir, als ich wieder zur gewöhnlichen Zeit
hieher wankte; ich saß dort am Saum des Waldes auf jener Rosenbank und
betrachtete lange in tiefes Nachdenken versunken die dürre Blume. Auf
einmal schien es mir, als rief eine leise, süße Stimme meinen Namen --
Sie ist Tod! in diesem Augenblick ist sie von der Erde geschieden und
mitleidig ruft sie mich! dieß waren meine Gedanken und mein Entschluß
sogleich gefaßt: ihr zu folgen. Doch daran verhinderte mich ein Fremder
und nachher kehrte mein gewöhnliches Stumpfsein wieder zurück. Ach
ich war sehr sehr unglücklich! und das bittre Gefühl der Reue, wird
mich ~nie ganz~ glücklich werden lassen! denn: habe ich nicht als
Vater unverantwortlich gehandelt? -- auch der Augenblick, wo ich im
letzten Anfall wilden Menschenhaßes bald meinen Retter gemordet hätte,
auch dieser wird noch oft ein strenges Gericht über mich halten.»
-- so klagte Hainau und warf sich Langenheim an die Brust. «Laß die
Erinnerung an die Vergangenheit in deinen dunklen Mauern zurück» sagte
Langenheim «und gehe mit getrostem Muth der Zukunft entgegen. Laß uns
aber auch jetzt aus diesem Dunklen Labyrinth dort zu der freundlichern
Rosenbank hinwandeln, hier ist es zu düster» setzte er hinzu und führte
Hainau dahin. Von hieraus hatte das Aug eine etwas freiere Aussicht,
besonders auf einen Teich welcher Zufluß von jener Quelle erhielt, auf
seiner klaren Fläche spiegelte sich der blaue Himmel und die Strahlen
der Sonne versilberten die kleinen Wellen, über ihn hinweg sah man
durch eine perspectivisch gepflanzter Reihen hoher Pappeln das öfters
schon erwähnte freundliche Dörfchen.
«Vertraue mir!» sagte hier tröstend Langenheim zu Hainau, der noch
immer den Kopf in die hohle Hand gesenkt, trübe neben ihm saß.
«Vertraue mir Freund! so wie ich dich eben jetzt aus der Nacht deiner
Tannen hieher ans heitere Tageslicht führte, wo dem Blick, der dort nur
auf den nächsten Umgebungen beschränkt ruht sich heitere Gegenstände
zeigen, so hoffe ich dir in der Nacht den Kummer, der noch als Vater
deine Seele belastet Trost, und leicht geben zu können. Es müßte
mich alles täuschen, wenn ich dir nicht einige Auskunft über deinen
Theodor ertheilen könnte.» Hainau blickte ihn zweifelnd an. Langenheim
beschrieb nun Theodors Aeußeres so lebhaft und treu, als kein Pinsel
es vermögte. «Ja er ist es» rief Hainau entzückt, sank auf seine Kniee
und sprach ein lautes inniges Dankgebet aus. Dann fiel er stürmisch
Langenheim um den Hals und «du mein süßer Wohlthäter hienieden der
du mir alles zuführen willst was mir theuer ist sprich! wo lebt
mein Sohn?» «In unsrer Mitte, geliebt von uns allen und auch deiner
Vaterliebe werth,» erwiederte Langenheim; er mußte nun von Theodor
erzählen, was er wußte dann aber versicherte Hainau: «nun kann ich
nicht mehr länger hier verweilen. Morgen, Langenheim morgen reisen
wir.» Dieser erbat sich noch einen Tag Aufschub, um einen Brief als
Vorläufer absenden zu können, ob er gleich schon mehrere abgeschickt
und Theresen darin alles mitgetheilt hatte: was sie beruhigen und worin
sie Cornelien und Albinen vorsichtig benachrichtigen sollte.
* * * * *
Unruhig über Corneliens ungewöhnlich langes Aussenbleiben, und mit
einem seltsam bangen Vorgefühl kämpfend, schaute Albina an jenem
Abend, wo die folgereiche Scene in Langenheims Haus vorgefallen war
sinnend zum Fenster hinaus und lauschte auf jeden vermeintlichen
fernen Fußtritt. Ihre Zöglinge umgaben den runden Tisch in der Mitte
des Zimmers, auf welchem schon die freundliche Kerze brannte und
lispelten leise mit einander: denn Albinens befangenes Wesen, das für
sie eine auffallende Erscheinung war, hatte ihre kindliche Munterkeit
gestört und die Abendsuppe wurde ungenoßen wieder weggetragen. Die
~nun~ 12 jährige Aurelia schlich zu Albinen, umfaßte sie innig
und der volle Mond der silbern am Himmel stand spiegelte sich in ihren
Thränen. «Gutes theures Kind!» sagte Albina gerührt und drückte sie an
die Brust. -- «Du verstehst meine Sorge und ich danke dir für deine
Theilnahme, sie ist wohlthuend für mein Herz. Doch beunruhige dich
nicht auch. Der große Geist, der diesen schön leuchtenden Weltkörper
schuf und in seiner Bahn erhält, sieht eben so mildsorgend auf das
funkelnde Johanniswürmchen dort unten im Grase, und der Menschen
Schicksale, lenkt er nach ewig weisen und huldreichen Gesetzen. Ich
sagte mir dies vorhin recht nachdrücklich vor und bin nun gefaßt,
das, was die nächsten Stunden, meiner geheimen Ahnung noch Wichtiges
mir bringen werden ruhig anzunehmen.» Bald darauf hörten sie in der
Stille der Nacht von ferne einen Wagen rollen. «Das wird die Mutter
seyn!» sagte Aurelia fröhlich. «Ist sie es,» erwiederte Albina mit
pochendem Herzen leise, «so beauftrage ich dich als die Verständigste,
deine Schwestern gut zu unterhalten, damit meine Abwesenheit nicht
nachtheilig für sie wird, denn ich muß mit der Mutter alleine
sprechen.» -- Sie eilte hinunter -- und aus dem Wagen stieg -- Cornelia
und Therese -- Leztere hatte sich entschlossen, da sie alles von der
Leidenschaftlichkeit ihrer Freundin befürchtete, sie zu begleiten und
die Nacht auf dem Landhaus zuzubringen. Aengstlich spähend blickte
Albina beide an. Die Mutter äusserte mit schlecht verheelter Unruhe,
sie möchte die Kinder so schnell als möglich zu Bett bringen und dann
im Gaststübchen sie aufsuchen. Es geschah und als Albina wieder kam,
fand sie Cornelien, mit rückwärts gebogenem, ins Sacktuch verhüllten
Gesicht, auf dem Sessel sitzend; sie eilte auf Theresen zu, die
neben Jener stand und bat im flehenden Ton, um Aufschluß über alle
diese Erscheinungen. Therese, die Seelenstärke der geliebten Tochter
kennend, entdeckte ihr Alles; und Albina; in deren Herzen diese
Mittheilungen verschiedenartige Empfindungen erregt hatten, beeiferte
sich mit Theresen für die Hoffnungsreichsten derselben auch Corneliens
Gemüth empfänglich zu machen und schon hatte die Mitternachtsstunde
geschlagen, als Mutter und Tochter erst von der trefflichen Freundin
schieden und zwar mit den Aeusserungen der innigsten Dankbarkeit für
die abermalige Beschäftigung einer treuen Freundschaft und Fürsorge,
welche in Theresens schöner Seele immerdar segnend für ihre Lieben
waltete.
* * * * *
Haben wir im Leben irgend eine wichtige Erfahrung gemacht, so ist es
höchst wohlthätig, in der Einsamkeit dieselbe noch einmal durchzugehen
um sie vollkommen zu würdigen, und unser Benehmen gehörig regeln zu
können, -- aber es entsteht dann auch sogleich der Wunsch dem mit
uns am nächsten verwandten Herzen, Kunde davon geben und uns seines
Mitgefühls freuen zu können. Albina, als sie sich auf ihrem Lager
allein mit ihren Empfindungen befand war jetzt erst vermögend, reiflich
über die Ereignisse des Abends und über das, was die Pflicht aufs Neue
von ihr fordern würde, nachzudenken. Als sie damit im Reinen war,
entstand die Frage: «Ob wohl Theodor von dem Vorfall wisse?» und das
sehnsüchtige Verlangen regte sich lebhaft, doch recht bald mit ihm
darüber sprechen zu können. Du mein Geliebter! wirst also einen Vater
durch deine Albina wieder erhalten! sprach sie leise und innig: doch in
diesem Augenblick verschmolzen die Bilder seines und ihres Vaters in
ihrer Phantasie so wunderbar in einander, daß sie unzufrieden mit ihren
verworrenen Ideen, sich bemühte, einzuschlummern um am Morgen sich
ihrer gewöhnlichen Geistesklarheit erfreuen zu können.
Sie war auch am folgenden Tag wieder vollkommen im Stande, alles,
was ihr schöner Beruf heischte, genau zu besorgen, und der noch
heftig angegriffenen Mutter kindlich beizustehen -- doch gewährte
es ihr hohen Trost, als Therese äusserte: noch einige Tage bei ihnen
zu bleiben, da ihres Gatten Reise und Abwesenheit ihr die längere
Entfernung vom Hause gestatte. Die erste günstige Minute wo Albina
allein die mütterliche Freundin sprechen konnte benützte sie um zu
erfahren, ob auch Theodor von den neuesten Begebenheiten unterrichtet
sey? «Er ist nicht hier,» erwiederte Jene; «Volkmar gab ihm einen
Auftrag, der ihn schnell abzureisen und 10-12 Tage wegzubleiben
nöthiget. Durch mich sendet er Albinen seine zärtlichsten Grüße.»
* * * * *
Nach einigen Tagen brachte Corneliens Dienstmädchen aus der Stadt
einen Brief an Theresen mit -- «von meinem Albert!» rief diese
und eilte damit in den Garten. Albine auf alles gefaßt, entschloß
sich ihr nachzugehen. Therese gieng aus der Laube mit dem Ausruf
entgegen: «Dein Vater ist gefunden -- doch vielleicht -- nur um
ihn wieder zu verliehren!» Sie theilte ihr nun den Brief mit, den
Jener an dem Krankenbette des noch in Gefahr schwebenden Verwundeten
geschrieben hatte. Albina war tief bewegt -- aber ganz mit Theresen
einverstanden: der Mutter diese Nachricht vorzuenthalten, vermogte sie
es, ihre Gefühle zu verbergen. Bald verwandelte ein zweites Schreiben
Langenheims diese peinliche Unruhe in glückliche Gewißheit und mit
möglichster Vorsicht machte Therese Cornelien mit dem Erfolg der Reise
ihres Gattens so wie nach und nach mit allen sie begleitenden Umständen
bekannt. In Freude und Schmerz gleich ausschweifend, war Cornelia kaum
fähig die Erste zu ertragen und sie scholt die Zeit, welche sie viel zu
langsam zum Ziel ihrer Wünsche, zum Wiedersehen ihres Rombergs führte.
(Langenheim hatte nemlich den wahren Namen seines Freundes und seine
Vermuthungen wegen Theodor weislich noch verschwiegen.)
* * * * *