So lebhaft es nach und nach in dem freundlichen Landhaus wurde, so

stille war es um Theresen, seit sich Albina von ihr getrennt hatte; sie

fühlte sich verwaißt: denn die süße Gewohnheit, alle Arbeiten mit dem

Beistand des lieben Mädchens vorzunehmen, alle Vergnügungen mit ihr zu

genießen, sich an ihren Vorzügen im Stillen zu weiden, dies Alles --

hatte aufgehört. -- Daher kam es ihr sehr erwünscht, als Langenheim

mit einem Brief in der Hand in ihr Zimmer trat, und ihr eröffnete:

daß Präsident Volkmar, wegen Kränklichkeit um seine Dienstentlassung

nachgesucht habe, daß er künftig in der Residenz mit seiner Familie zu

leben gedenkt und den lebhaften Wunsch hege: in Langenheims Wohnung ein

Quartier zu beziehen. «Kann ich wohl anders liebes Weib! als ihm den

2ten Stock unsers Hauses zusagen? setzte Langenheim am Schluß hinzu,

ihm haben wir ja so viel zu danken! und es sind gute edle Menschen!»

Therese stimmte ihm bei und traf gleich an den folgenden Tagen alle

hiezu nöthigen Vorkehrungen im Haus. Nach Verfluß eines Monats erschien

nicht nur Volkmar, mit Gattin und Tochter, sondern auch Guido sein

Sohn und Theodor ein Freund desselben kamen mit ihnen nach D**. Die

beiden letztern waren eben von der hohen Schule zurückgekehrt und

sollten sich in der Residenz um eine Anstellung bewerben. Nun war auf

einmal wieder Leben in Langenheims Haus. Es wurden die öffentlichen

Vergnügungen mehr genoßen und viele Gesellschaften so wohl gegeben, als

auch besucht.

Volkmar wurde, als vertrauter Freund gleich während den ersten Tagen in

die Verhältniße Corneliens und Albinens eingeweiht, welche sich bald

nach seinem letzten kurzen Aufenthalt zu D** entwickelt hatten und er

und seine Familie zeigte eine große Sehnsucht bei Jenen eingeführt zu

werden.

An einem schönen Nachmittag überraschte die ganze Gesellschaft die

würdigen Vorsteherinnen des kleinen Instituts, als sie eben bei einer

Lesestunde in dem Saal unter ihren Zöglingen saßen und sich nebst

den andern mit Handarbeit beschäftigten, indeß Aurelia, welche die

Reihe traf mit Richtigkeit und Ausdruck in Lossius Gumal und Lina

vorlaß. Albina flog von ihrem Sitz auf, als sie Theresen erblickte

und wollte in ihre Arme eilen: jedoch sie trat wieder einige Schritte

hocherröthend zurück: denn eine schöne männliche Gestalt ging auf

sie zu und verbeugte sich mit edlem Anstand. Therese nannte Guido,

Volkmars Sohn. Unterdessen waren sie alle in den Saal getretten und

die Bewillkommnungsscene erregte sehr gemischte Empfindungen in den

Gemüthern der Anwesenden; besonders bei Cornelien. So bald sie konnte

flüsterte sie Theresen ins Ohr: «wer ist der junge Mann?» indem sie auf

Theodor zeigte. «Theodor Hainau,» antwortete Jene und sah erstaunt die

Freundin an, welche ihr wieder in einem leidenschaftlichen Zustand zu

seyn schien. Es war keine Zeit zu Erörterungen zu finden und nachdem

Garten und Haus mit Allem was dazu gehörte, eingesehen und eine kleine

Erfrischung gereicht und genossen war, endete sich der Antrittsbesuch.

Man schied zwar sehr befriedigt von Allem, was man gesehen und gehört

hatte, indessen freuten sich mehrere der Theilnehmer derselben im

Stillen, allein oder in geringerer Anzahl bei den interessanten

Freundinnen zuweilen zuzusprechen, wovon man sich einen größeren Genuß

versprach.

* * * * *

Langenheims waren mit ihren lieben Miethsbewohnern höchst zufrieden.

Der Baron war ein Mann von seltenen trefflichen Eigenschaften. In

seiner Gattin, welche das Bild einer unermüdet thätigen treuen

Hausmutter vorstellte, erhielt Therese eine liebende, ihrer Liebe

werthe Freundin. Aber in Eugenien fand sie Albinen -- nicht. Sie besaß

mehr einen männlichen als weiblichen Charakter, war mehr gelehrt, als

gebildet, anmaßend im höchsten Grad und stolz auf ihr Wissen. -- So

unzufrieden die Eltern mit ihrer Tochter waren, so sehr beglückte sie

der Besitz ihres Guido's. Mit einem Schatz gesammelter Kenntniße, mit

einem reinen, unverdorbenen Herzen, den Sitz eines unaussprechlich

tiefen Gefühls, mit einem festen Sinn und feinen Sitten -- so kehrte

er von der Universität in die Arme der Eltern, dabei war er schön wie

Apoll und kühnen Muthes wie Mars. Ihm flogen alle weiblichen Herzen

in der Residenz entgegen: doch das Seinige schlug seit dem ersten

Anblick nur für -- Albinen. Theodor Hainau wurde überall als Freund

Guido's und Verwandter des Hauses vorgestellt, stand aber neben

Ersterm im Schatten. Er hatte nichts ausgezeichnetes, als einen höchst

schwermüthigen Zug im Gesicht. Auch war er immer ernst und stille,

dabei aber nicht ohne Kenntniße und unbeschreiblich sanften weichen

Gemüthes. Seine größte Neigung war die Musik; er spielte den Flügel und

bließ die Flöte trefflich. Auch ihm schien Albina das vollkommenste

weibliche Wesen, das er je gesehen, und er konnte nichts denken als

sie. Sie war der Inhalt seiner klagenden Töne am Clavier, denen seine

Leidenschaft Worte gab, sie erschien ihm im Traume und oft gieng er vor

die Stadt, um nur von ferne die Wohnung zu sehen, wo sie liebend und

emsig waltete.

In dem Landhaus hatte jener Besuch auch verschiedenartige Folgen

zurückgelassen. Albinens ruhiger Gleichmuth war gestört. Sie mochte

es sich noch so sehr selbst abläugnen wollen, die beiden Jünglinge

beschäftigten ihre Phantasie mehr als alle männliche Erscheinungen,

welche ihr schon auf ihrem Lebensweg begegnet waren. Guido'n mußte sie

den Vorzug geben: jedoch wunderseltsam zog sie Theodor an; sie konnte

sich durchaus keine Rechenschaft von dem Gefühl geben, das er in ihr

erregt hatte. Niemand konnte indessen etwas davon ahnen, was in ihrem

Herzen vorgieng; nur in stiller Nacht, oder wenn sie alleine den Garten

durchwandelte, hing sie ähnlichen Betrachtungen nach, dann stand sie

freilich oft lange gedankenvoll vor ihren duftenden Pfleglingen, ohne

sich um sie zu bekümmern, bis ein leiser Lufthauch ihre Zweiglein und

Blüthenkronen gegen sie führte, gleich als wollten sie dieselbe an ihr

Daseyn erinnern. War Albina aber im Kreise der Kinder oder sonst bei

einem Geschäfte, so wieß sie strenge Alles in die Tiefe des Herzens

zurück, was sie stören konnte und gegen die Mutter -- ja die Mutter --

war nicht Therese! So sehr sie Jene ehrte und liebte, so schreckte sie

ihre Leidenschaftlichkeit zurück und sie fühlte es oft mit Schmerz,

daß sie sich ihr weniger zu vertrauen vermögte als Theresen. Auch

war Corneliens Betragen seit jenem Besuch so ungleich, daß Albina

Mühe hatte, seinen Einfluß auf die Kinder zu verhindern. Oft, ja

größtentheils war jene ernst, trübe, heftig. Zuweilen aber blitzte

ein Strahl, wie von einer schnell auflodernden freudigen Empfindung

des Herzens aus ihrem Auge und Albina sah sehnsüchtig einem Besuch

Theresens entgegen, deren Seelenfrieden, wie sie hoffte, auch in ihrer

beider Herzen ihn wieder herstellen würde. Nur wünschte sie, daß sie

alleine kommen möchte. Dieß geschah nicht; die Baronin begleitete sie

und jene wußte es zu veranstalten, daß Albina der letztern den Weinberg

zeigen und also sich lange mit ihr entfernt halten mußte. Diese Zeit

benützte Therese, um sich von Cornelien Aufschluß über ihre letzthin

an sie gerichtete Frage: «wer Theodor sey?» geben zu lassen. «O meine

Freundin!» rief diese, und warf sich weinend in Theresens Arme: «Alles

was ich mühsam in Schlummer gewiegt hatte, das hat Theodors Anblick

wieder mächtig erweckt. Ich fand eine Aehnlichkeit in seinem Gesicht,

welche mir das Bild meines Gattens ganz vergegenwärtigte. Vorzüglich in

den letzten Tagen unserer Vereinigung, wo Schwermuth, die vorherrschend

in Theodors Zügen liegt, auch meines Rombergs Miene aussprach. Doch --

jener heißt Hainau?» «Ja,» erwiederte Therese, «so heißt er, und ist

ein Verwandter Volkmars, Theodors Vater war, seiner Aussage nach nicht

Officier sondern der Besitzer eines Guts und ist seiner Gattin, welche

nach der Geburt des Sohnes starb, bald nachgefolgt.

Volkmars nahmen sich seiner an, und in dieser Familie fühlte

sich Theodor so glücklich, daß er sich um seine übrigen

Familien-Verhältnisse nichts bekümmerte und ihm dieselben ganz

unbekannt blieben. Auch meinen Albert und mich interessirte sein Name

und meines Gatten erste Frage war: «ob er mit dem Direktor zu E*

welcher auch Hainau hieß, verwandt sey?» jedoch Theodor konnte uns

keine Aufklärung darüber geben. Gewiß hat die feurige Einbildungskraft

meiner Freundin sie irre geführt und bei öfterem Wiedersehen wenn

es ihr gelingen wird, der Phantasie die Zügel anzulegen, wird jene

Aehnlichkeit weniger auffallend erscheinen.» Cornelia versprach ihre

Unruhe zu beherrschen: allein so oft sie mit Theodor zusammen kam,

hatte es immer nachtheilige Folgen auf ihre Stimmung und Theodor

begleitete Theresen ~oft~ in das Landhaus; denn ihm war nur wohl

in Albinens Nähe: Ihr zu lieb studierte er emsig die Blumenpflege,

bereicherte ihren Garten, ihr Treibhaus mit neuen Schätzen, half ihr

dann bei allen ihren Beschäftigungen mit demselben und diese Stunden,

wo Albina in schwesterlicher Vertraulichkeit mit ihm lebte, waren für

ihn die seeligsten. Wenn er noch so tief im Herzen betrübt zu ihr kam,

so theilte sie ihm bald ihre sanfte Heiterkeit mit und sein Trübsinn

verwandelte sich in die munterste Laune. Albina bemerkte seinen Hang

zur Schwermuth und das innigste Mitleid erfüllte ihre schöne Seele.

Mit herzlicher Freude wurde sie ihres Einflußes auf seine Stimmung

gewahr und es schien ihr Pflicht, ihn immer zu seiner Aufheiterung zu

benützen.

Einst wurde Volkmars zu Ehren in der Stadt eine Gesellschaft gegeben,

auch Cornelia und Albina waren dazu gebeten. Allein da beide, der

Zöglinge wegen, nicht zugleich sich vom Haus entfernen konnten, so

schlug letztere die Einladung aus.

Theodors Blick suchte in den gesellschaftlichen Cirkeln immer zuerst

Albina. Heute fand er sie nicht, und erfuhr von Theresen die Ursache

ihres Nichterscheinens. Nun brannte unter ihm der Boden, nun war nur

sein Körper gegenwärtig, er selbst war in dem freundlichen Garten,

im Kreise der Kinder, an Albinens Seite. Ein Bedienter kam und rief

ihn ab. Welch ein glücklicher Zufall! Im Gasthof zur Rose war ein

Universitäts-Freund von ihm abgestiegen und verlangte ihn zu sprechen.

In dem Augenblick war Theodors Entschluß gefaßt. Er entschuldigte sich

bei der Hausfrau, suchte schnell den Bekannten auf und nach einer

kurzen Unterredung, eilte er von ihm weg, zur Stadt hinaus und dem

Landhaus zu. Albina trat eben aus der, im Erdgeschoß befindlichen

Küche, mit einem Teller Suppe auf den Vorplatz, wo ein armer Greis

saß, den die Kinder mitleidig umringten und sich von ihm sein Elend

vorerzählen ließen. Theodor blieb in der Entfernung stehen und weidete

sich an dem himmlischen Anblick; wie die Kinder, tröstenden Engeln

gleich, sich beeiferten, den Armen zu bedienen, jedes ihm eine kleine

Hülfe zu leisten sich bemühte, Albina selbst mit milder Theilnahme

seine Klagen willig anhörte und ihm Speise und Trank, Geld und

freundliche Worte spendete. Theodor blieb noch immer verborgen, um die

rührende Scene nicht störend zu unterbrechen. Erst als der Greiß mit

heißen Segenswünschen von seiner Wohlthäterin geschieden war, von den

Kindern unterstützt und in ihrem Geleite den Berg hinter dem Landhaus

mühsam hinauf stieg, trat er hervor und begrüßte Albinen, die, jenen

nachschauend unter der Thür stehen geblieben war. Sie schien betroffen

und auch ihm entsank beinahe der Muth bei ihrer ganz eigen betonten

Frage: «Theodor! was führt Sie ~alleine~ zu mir?» Er blickte ihr

bittend ins Auge und antwortete: «der Schmerz, sie bei Regierungsrath

W* nicht getroffen zu haben und die schon lang gehegte Sehnsucht: mein

von so manchem Kummer belastetes Herz gegen Sie durch vertrauliche

Mittheilung zu erleichtern. Darf ich bleiben, oder schicken Sie mich

trostlos fort?» Albina vermogte dies nicht; doch erwiederte sie

ernst: «Sie bleiben mein Freund! aber Sie erwarten meine Mutter, nur

~dadurch~ wird sich das Unschickliche, das in diesem Schritte lag,

vermindern.»

Die Kinder kamen zurück und tummelten sich im Garten. Albina und

Theodor nahmen Platz in der Laube und Erstere glaubte, jene von

ihrem Freund gewünschten Mittheilungen verhüten zu müssen, da es

ihr gefährlich dünkte, seine Vertraute zu werden; sie suchte mit

möglichster Unbefangenheit die Unterhaltung auf gewöhnliche Gegenstände

zu lenken. Allein Theodor ging wenig darauf ein, war einsilbig und

traurig. Endlich sagte er mit einem tiefgeholten Athem-Zug: «Die

wohlthätige gütige Albina, welche einem alten Bettler ein williges

Gehör für seine Klagen leiht, will durchaus ihrem armen Freund den

Trost versagen, den er in der Schilderung seiner betrübenden Schicksale

finden würde.» Albina ließ das Strickzeug in den Schoos sinken und

in ihrem feuchten Auge laß Theodor die Bewilligung seiner Bitte,

dankbar drückte er ihre Hand an seine Lippen und fuhr fort: «Erklären

Sie mir, theure Albina! den unwiderstehlichen Drang meines Herzens

Ihnen, und nur Ihnen allein Ereigniße anzuvertrauen, welche ausserdem

tief in meinem Innern begraben liegen. Auch der edlen Familie,

die sich des Verlaßnen annahm, sogar meinem Guido ist manches in

meiner Lebensgeschichte unbekannt geblieben. Ja über den wichtigsten

Gegenstand in derselben, der so schwer mir auf der Seele liegt, daß

ich ihn nicht mehr alleine zu tragen vermag, sind sie im Irrthum.

Sie glauben nemlich: mein Vater ist tod -- aber -- er ist nur tod

für mich! er lebt Albina! er lebt! doch Gott weiß es, wo jetzt sein

Aufenthalt ist!» Auf Albina machten diese Worte einen eigenen tiefen

Eindruck und in gespannter Erwartung bat sie nun Theodor selbst, seine

traurigen Erfahrungen ihr mitzutheilen. «Das Unglück hat mich von

Kind auf verfolgt,» begann er, «schon mein Eintritt in die Welt hatte

die schreckliche Folge, daß er meiner Mutter das Leben kostete; einer

Mutter, welche nach der Aussage Anderer, unbeschreiblich sanft und gut,

der rauhen Behandlung meines Vaters unterlag. Auch ich wurde von ihm

mißhandelt und lebte eine harte Jugend. Endlich erlauschte ich einen

günstigen Zeitpunct und entfloh. Die kleine Baarschaft, die ich bei

mir trug, war bald aufgezehrt; aber als Kind hatte ich auf unserm Gut,

das mitten im Wald lag, von den Knaben im Dorf kleine Hirtenflöten aus

Lindenholz zu machen gelernt; welche ich, so ziemlich geschickt zu

blasen verstand. Mit dieser Kunst, die Instrumente zu verfertigen und

durch meinen Vortrag zu empfehlen, erwarb ich mir Freunde und durch sie

Brod und Obdach. So kam ich in die Stadt, wo Volkmars lebten. Guido,

den ich auf der Strasse begegnete und welcher Gefallen an mir fand,

führte mich zu seinen Eltern, und diese rührte mein Unglück. Guido's

Bitten bestärkten sie in ihrem großmüthigen Entschluß, mich bei sich

zu behalten und ich genoß von diesem Augenblicken an bei ihnen die

Rechte eines eigenen Kindes. Mit dem Sohn theilte ich jeden Unterricht

und nach geendigten Schulstudien bezogen wir zusammen die Universität.

Eine unüberwindliche Scham hatte mich bisher abgehalten, die Wahrheit:

daß ich vor meines Vaters Mißhandlungen entflohen sey, zu bekennen;

ich hatte vorgegeben: er wäre gestorben, und ich, nach seinem Tod

ganz arm und verlassen, hätte mein Glück in der weiten Welt suchen

wollen. Oft aber bereute ich diese Unwahrheit: denn in meinem Herzen

lebte, trotz der Behandlung, die ich von meinem Vater erfahren hatte,

Liebe zu ihm und Sehnsucht etwas von ihm zu hören und doch verschloß

mir immer eine gewisse Schüchternheit den Mund, wenn ich meine erste

Aeußerung wiederrufen wollte. Als ich zu H* studirte und fähiger war,

einen festen Entschluß männlich auszuführen, schrieb ich an meinen

Vater alles, was mir ein reuiges kindliches Herz eingab, allein der

Brief kam unerbrochen in einem Couvert zurück, worin Jener mit kurzen

Worten erklärte: daß jede meiner Bemühungen ihn mit mir zu versöhnen

vergeblich seyn würde, indem er seinen Aufenthalt verändern und einen,

vor der Welt ganz verborgenen wählen würde. -- Dies ist es nun theure

Freundin, was unaussprechlich quälend jede Erdenfreude mir vergiftet,

was bisher als lastendes Geheimniß mein Leben trübte und mich zu

keiner Ruhe kommen läßt» -- bei diesen Worten löste sich Theodors

Schmerz in Thränen auf und Albina weinte mit ihm.

«Armer, armer Theodor!» sagte sie sanft, «wie bedauernswürdig sind Sie!

doch, wäre es nicht besser gewesen, wenn Sie schon längst Ihren edlen

Pflegeltern sich anvertraut und ihre Vermittelung erbetten hätten?»

Theodor machte eine verneinende Bewegung. «Mein Vater ist unerbittlich»

versetzte er, «ich habe auf Alles verzichtet, nur nicht darauf, daß ich

in Ihrem edlen Herzen Albina eine Freistätte für meinen verborgenen

Kummer finden würde!»

Unfähig sich anders zu geben als sie war, und voll des innigsten

Mitgefühls, erwiederte sie mit einem herzlichen Druck der Hand:

«Könnte ich Ihnen doch mehr geben als Theilnahme! könnte ich helfen!»

Theodors lang unterdrückte Leidenschaft brach hier mit Heftigkeit aus.

Er stürzte zu Albinens Füßen und betheuerte ihr: «daß es nur in ihrer

Macht stehe, ihm sein Unglück ganz vergessen zu machen, und daß er sie

unendlich liebe!» Welche Seeligkeit gab Theodor Albinens Gegenliebe,

die der Glückliche unverkennbar in ihrem Auge laß, als er seinen Blick

zu ihr erhob! jedoch, indem er von ihren Lippen die theure Versicherung

wegküssen wollte, hörte Albina die Haus-Klingel schellen. «Laß uns der

Mutter entgegen gehen!» sagte sie, «ihr dürfen und wollen wir uns

nicht verbergen.»

Corneliens Scharfblick entgieng die Bewegung nicht, in welcher sie

die jungen Leute antraf und als sie beide schweigend und forschend

betrachtete, schlang Albina die Arme um ihren Nacken, Theodor ergrif

ihre Hand und ohne viele Worte war sie in ihr süßes Verständniß

eingeweiht. Allein die schöne Morgenröthe des Glücks an dem Himmel des

liebenden Paars verdunkelte bald die trübe Wolke auf der Stirne der

Mutter. Sie schien nach besonnener Gelassenheit zu ringen. Endlich zog

sie beide an ihr Herz und bat sie ernst und dringend: sich durch kein

übereiltes Versprechen unglücklich zu machen. «Ich will den Pfad Eurer

Liebe nicht mit Dornen bestreuen,» sagte sie, «aber ich kann meiner

Ueberzeugung nach, Eure Neigung für jetzt nicht begünstigen, o Ihr

müßt Euch noch näher kennen lernen, wenn Ihr sagen wollt: wir sind für

einander gebohren, und um jeder unangenehmen Folge der Oeffentlichkeit

Eures Verhältnißes vorzubeugen, verlange ich von Euch, daß Ihr dasselbe

vor den Augen der Welt verberget. Nach Jahresfrist könnt Ihr eher auf

meine Einwilligung hoffen.»

Die Liebenden gehorchten, begnügten sich mit den zwar spärlich

zugemeßenen aber dann desto kostbareren Augenblicken schuldloser Genüße

und Albina machte nur Mütterchen Therese zu ihrer Vertrauten.

* * * * *

Guido hatte seine glühende Liebe zu Albinen tief in seine Brust

verschloßen; sobald er gewahr wurde, daß Theodor in ihrem Besitz seine

höchste Glückseeligkeit setzte. Kein Blick, keine Miene verrieth den

Zustand seines Innern. Aber Albinens Zauber feßelte ihn dennoch an den

Ort, wo sich ihm öfters die Gelegenheit darbot, sie in ihrer ganzen

Liebenswürdigkeit zu beobachten. Er schlürfte mit Wohlbehagen das Gift,

welches sie ihm ohne Wissen und Willen in ihrer holden Freundlichkeit

darreichte und jede Stunde, die er mit ihr in den bunten Reihen der

Gesellschaft oder am traulichen Theetisch bei Langenheims, wie auch bei

seinen Eltern zusammen lebte, umfaßte eine Fülle der schmerzlichsten

und seeligsten Empfindungen für ihn.

An jenem Abend, als der glückliche Theodor wonnetrunken nach Haue kam

und die Freunde in ihr gemeinschaftliches Zimmer traten, legte jener in

das Heiligthum der Freundschaft, in Guido's Herz, das Geheimniß seines

stillen Glücks, seiner Liebe. Auch hier blieb jener edle Jüngling Herr

über seine Gefühle; aber am andern Morgen, trug er den Eltern, den (wie

er sagte) schon lang gehegten Wunsch vor: eine Reise ins Ausland machen

zu dürfen, um sich noch mehr Kenntniße und Erfahrungen zu sammeln. Er

erhielt ihre Einwilligung und in einem kurzen Abschied, rieß er sich

mit männlich verhaltenem aber unendlichem Schmerz von Albinen los.

* * * * *

Die eingeführte Gewohnheit, nach welcher jeder Künstler in Langenheims

Haus willkommen war, wurde immerwährend beobachtet und war schon oft

für sie die Quelle manches reinen hohen Genußes geworden. An einem

Abend führte sie einen geschickten Maler, Namens Hugo zur Theezeit in

den kleinen Kreis, welcher nebst den Hauswirthen und Volkmars auch

Cornelien gerade damals umfaßte. -- Hugo erzählte viel Interessantes

von seinen Reisen und zeigte manche trefflichen Producte seiner Kunst,

besonders in Landschafts-Gemälden.

Bald war es eine freundliche Ansicht, bald eine, die schauerliche Größe

der Natur beurkundente Gegend, bald ein stilles Dörfchen in üppiger

Flur an einem klaren See, bald eine einsame Kapelle unter alten Eichen

was Hugo im Flug aufgenommen und dann mit Muse meisterhaft ausgeführt

hatte.

Albina, das Blumenmädchen · 第 3 / 16 段