Bei einem jener Besuche, die Therese häufig bei Cornelien machte,

erzählte Erstere dieser von ihrer geliebten Pflegetochter Albina.

Sie war unerschöpflich in ihrem Lob und fand bei Cornelien eine

wunderseltsame Theilnahme. Bei der regelmäßigen Schönheit Albinens

erwähnte sie, als eines kleinen Verstoßes gegen dieselbe eines Mal's am

Halse, weswegen sie genöthigt sey, ihren blendend weisen Nacken, immer

in hohe Chemissetten zu verhüllen. «Wie ist dies Mal gestaltet?» frug

Cornelia schnell? «Ganz wie ein natürliches Erdbeerchen» antwortete

Therese. «Gott! mein Kind, mein Kind! meine wiedergefundene Tochter!»

rief ganz ausser sich Cornelia, stürzte vor Theresen nieder, hob die

Hände empor und flehte: «Engel! vollende dein himmlisches Werk! gieb

mir mein Kind wieder! Ich will Tag und Nacht sinnen, wie ich deine

Liebe dir vergelte! Ja fordre was du willst, ich will Alles thun,

nur sey barmherzig und gieb mir meine Tochter wieder!» Therese hob

sie tröstend auf und versicherte freudig: augenblicklich Albinen

davon zu benachrichtigen und ihr dieselbe zuzuführen. Sie eilte auch

sogleich nach Haus und als Albina ihr entgegen kam, umarmte sie

dieselbe gerührt und sagte: «Du ahnest wohl nicht gutes Kind! welch

ein wichtiger Augenblick dir naht, bereite dich auf eine große Freude

vor!» «o Mütterchen! sprich doch,» schmeichelte Albina! «ich bin voll

Begierde.» Sie waren jetzt ins Zimmer gekommen und hier entdeckte

ihr die bewegte Pflegemutter, daß Albina sich von ihr trennen müsse,

um an dem Herzen der eigenen Mutter zu ruhen. Welch eine Fluth süßer

Empfindungen goßen diese Worte in des Mädchens Seele. Wie fühlte sie

die Stärke der, in den Banden des Bluts begründeten Rechte der Natur!

Von welch ganz anderer Art war, was sie jetzt empfand im Vergleich mit

dem, was sie für ihre geliebten Pflegeltern fühlte! Mit der ihr eigenen

Offenheit warf sie sich Theresen in die Arme und sagte: «so lang meine

Lebenspulse schlagen und noch jenseits werde ich mit unaussprechlicher

Liebe und Dankbarkeit dich verehren: aber vergieb der Sehnsucht die

mich fest mit aller Gewalt zu meiner Mutter hinzieht. O Albina ist

nicht mehr heimathlos! Wie viel süßes liegt in diesem Gedanken! und ich

habe eine Mutter, die du werth hälst, die ich lieben und achten kann

und die auch mich, so, wie ich durch deine treue Fürsorge bin, nicht

von ihrem Herzen wegweisen wird. Komm, o komm, daß sie sich mit mir zu

dem Dank vereinigt, den ich so tief fühle, für den ich aber keine Worte

finden kann!» Therese streichelte die glühende Wange des entzückten

Mädchens und sagte: «nur so lange gedulde dich liebes Kind! bis ich den

guten Vater von allem unterrichtet habe, es wäre pflichtwidrig dies

anstehen zu lassen, ich will mich recht kurz fassen und bin gleich

wieder bei dir.» Erstaunt hörte Langenheim Theresens Erzählung und

freute sich mit ihr, vom Schicksal auserkohren worden zu seyn, das Kind

einer Freundin so zu erziehen, um es ihr nun vorwurfsfrei in die Arme

führen zu können.

Unterdessen fühlte Cornelia eine Ungedult, welche bei ihrem

leidenschaftlichen Charakter, schmerzlich wurde, sie verwirrte ihre

Ideen, daß sie nichts deutlich denken konnte als den Wunsch: wenn

sie doch kämen! hundertmal gieng sie ans Fenster und rannte dann,

wenn sie niemand erblicken konnte, laut weinend im Zimmer auf und ab.

Endlich öffnete sich die Thüre und -- Albina flog in ihre Arme. Für

solche heilige Momente besitzt die Feder keine Fähigkeit sie würdig

zu schildern und begnügt sich damit, erst wieder nach den ersten

Ergüssen heftig ergriffener Gemüther ihre Thätigkeit fortzusetzen;

unterdessen entwerfe sie mit einigen Zügen Albinens Bild: Sie stand vor

ihrer Mutter in der vollen Jugendblüthe eines 16 jährigen Mädchens,

ausgestattet mit jeder äusseren Schönheit und Anmuth. Das reiche blonde

Haar umschlang in zierlichen Flechten das schön geformte Haupt, einige

Locken umspielten die freie offene Stirn, die feine, fast unmerklich

gebogene Nase gab ihrem Gesicht ein regelmäßiges Profil. Die Wangen

schienen von sanfter Pfirsichblüthenfarbe nur angehaucht, des kleinen

Mundes Korrallen-Lippen verschloßen zwei blendend weiße Reihen Zähne

und das Kinn mit einem Grübchen versehen, vollendete die rein ovale

Form des Gesichts welches durch ein paar seelenvolle blaue Augen

Leben und Ausdruck erhielt. Ihr Wuchs war edel, ihr Gang leicht und

schwebend, ihre Sprache tönte melodisch und alle ihre Bewegungen,

alles was sie sagte und that trug das Gepräge von Anmuth, von richtiger

Bildung erworbener Fertigkeiten und -- von Seelenadel. Wahr und treu

im engsten Sinn des Wortes, war sie schon von Kindheit an gewesen und

der Reichthum von Liebe in dem Herzen ihrer treflichen Pflegmutter

waltend, theilte sich auch dem ihrigen mit und nahm ganz Besitz

davon. Es entzündete sich an ihrer Gluth das Feuer der Thätigkeit für

Andere. Ja, die Kraft, die schon in ihr lag, sich für die Menschen,

besonders für geliebte Wesen aufzuopfern, verstärkte sich durch das

edle Beispiel Theresens. Sehr geschickt in allen weiblichen Arbeiten,

nicht unbekannt mit den schönen Wissenschaften, verband sie mit all'

diesen herrlichen Eigenschaften eine liebenswürdige Bescheidenheit,

eine unverstellte fromme Demuth. Auch jetzt als Cornelia, lange in

ihren Anblick versunken, endlich in gerechte oder leidenschaftliche

Aeusserungen der Bewunderung ausbrach, suchte Albina, hoch erröthend

und beinah ängstlich sie dadurch davon abzubringen, daß sie ihren

Blick auf Therese als die Gründerin ihres Glücks lenkte. Cornelia

verstand sie und ließ nun ihr volles Herz gegen diese in Dank und Wonne

ausströmen. «Es ist einer der seeligsten Augenblicke meines Lebens»

sagte Therese, «und ich danke der Vorsicht gerührt für den hohen Lohn

einer Handlung, welche der Menschlichkeit angehörte; für den süßen

Erfolg meines Strebens, die natürlichen Eigenschaften unserer Albina

dazu auszubilden, daß sie jetzt die Freude und der Stolz einer würdigen

Mutter werden kann und wird.» «Aber Mütterchen, welcher feindseelige

Dämon stellte sich einst trennend zwischen dich und dein armes Kind?»

sagte Albina, indem sie sich mit thränenvollem Auge an Corneliens

Busen schmiegte: diese erwiederte: «ja, ich fühle es, ich bin dir die

Beantwortung dieser natürlichen Frage schuldig, so wie auch dir, meiner

schwesterlichen Freundin Therese -- setzt euch zu mir ihr Theuern!

ich will euch Aufschluß geben so gut ich kann, nur ist mir selbst

gar manches dunkel: In der Periode, in welcher ich meiner Entbindung

entgegen sah, war wie ich schon erzählte durch die Kriegs-Unruhen,

unsere Truppe und ich mit ihr genöthiget, einen andern Aufenthalts-Ort

zu suchen. Ich kam auf der Reise in einem kleinen Ort in die Wochen.

Eine dem Schein nach gutmüthige Person, die Frau des Leinenwebers,

bei dem ich mich eingemiethet hatte, zeigte so viel Antheil an mir

und meinem Kinde, daß ich nach 8 Tagen -- (längere Zeit wurde mir von

meinem Direktor nicht zur Erholung gegönnt, sondern ich wurde schleunig

einberufen) -- ihr den Vorschlag machte: meine Kleine nur so lang zu

behalten, bis unsere Gesellschaft wieder einen festen Haltungspunct

hätte; ich glaubte sie hier besser versorgt, als sie es bei mir, in

meiner unstäten Lebensweise gewesen seyn würde, versprach: sie so bald

als möglich holen zu lassen und sie dann reichlich zu belohnen. Auch

schon bei meiner Abreise beschenkte ich sie und riß mich mit tiefem

Schmerz von meinem geliebten Kinde los. Die damalige Zeit erschwerte

und verzögerte eine sichere Unterkunft für uns. Wir entfernten uns

immer mehr von jenem Dorf und ich konnte keine Nachricht geben noch

hören. Beinah war ein Jahr verfloßen, als es mir endlich gelang einen

Kanal auszumitteln, durch welchen ich etwas zu erfahren hofte, was

meine sehnsüchtige Sorge befriedigen könnte: allein, was ich erfuhr

war nur geeignet, mich ganz niederzubeugen. Jenes Dorf, hieß es, sey

ausgeplündert und die Einwohner vertrieben worden. Die Ungewißheit über

dein Schicksal meine Albina! die Vorwürfe die ich mir wegen meines

Verfahrens machte, war ein neuer Stachel, der sich tief in mein ohnehin

wundes Herz senkte und es immer von Neuem unheilbar verletzte. Der

Anblick jedes lieblichen Mädchens rief mir das Bild vor die Seele, das

sich meine Phantasie von dir ausgemalt hatte. Ueberall sah ich nur

dich, forschte genau bei jeder scheinbaren Spur von dir nach, hoffte da

und dort etwas von dir zu hören und hatte ich mich wieder getäuscht,

dann beweinte ich dich so lange als tod, bis mir wieder ein neuer

Hoffnungsschimmer glänzte. Noch ehegestern als ich mich der Stadt

näherte, sagte ich zu mir selbst: «sollten diese Mauern dein verlohrnes

Kleinod umschließen! und wirklich -- ich habe es darinnen gefunden! ich

besitze es und bin nun unbeschreiblich reich!» --

So lebhaft Corneliens Wunsch war, sich nicht mehr von Albinen zu

trennen: so billigte sie doch Theresens Ansichten, welche glaubte,

daß man, um großes Aufsehen zu verhüten, ein kleines Opfer nicht

scheuen sollte. Sie schlug vor: bis das nun gekaufte Landhaus ganz

in bewohnbarem Zustand sey, sollte Albina bei Langenheim bleiben,

mit Theresen aber die Mutter bei ihren neuen Einrichtungen treulich

unterstützen und erst dann ganz bei ihr wohnen. Auf diese Weise wäre

die neugierige Welt immer in einer Art Ungewißheit über die Sache, und

es bliebe ihr anheimgestellt, was, und wie sie davon denken mögte.

Therese war die beinah ängstliche Scheu vor der öffentlichen Meinung

von ihrer ehemaligen Wohlthäterin, der sie ihre ganze Bildung zu

verdanken hatte, so sehr eingeprägt worden, daß sie auch in der großen

Welt, worinnen sie jetzt lebte, in diesem Punct äusserst streng

dachte und besonnen handelte, um durch nichts einen übeln Schein

zu verlassen, oder den äussern Anstand zu verletzen. So offen sie

sich übrigens benahm, so verschwiegen und geheimnißvoll war sie bei

Ereignissen, welche zu falschen Urtheilen Gelegenheit geben konnten.

Cornelia ehrte ihre Grundsätze und erfüllte ihren Wunsch. Rasch gieng

es nun über die Herstellung und Einrichtung des neuen Wohnsitzes

Corneliens her. Ihr erworbenes Vermögen reichte zu, um die nöthigen

Meubeln, Garten- und Hausgeräthe, zwar einfach, aber geschmackvoll

anzuschaffen und bald schimmerte das Haus in frischem Anstrich von

weisgelber Farbe, mit grünen Fensterläden und neu gedeckter Bedachung

durch die dunkeln Kastanienbäume die es umgaben und zog Vorübergehende

zu näherer Beschauung an. Man gewahrte dann an der einen Nebenseite

des Hauses einen Blumen- und Gemüß-Garten, in dessen Mitte ein Delphin

seinen Wasserstrahl in ein kleines Bassin sprudelte; ringsherum waren

Akkazien-Hecken gepflanzt. An einem Ende des Gartens duftete eine

Laube von jelänger jelieber. Ihr gegenüber war ein kleines Treibhaus

angebracht. Die Wand des Gebäudes an welche der Garten sich anschloß,

war mit hohen, dichtbelaubten Weinreben bedeckt und an den Spalieren

prangten reifende Früchte, die andere Seite des Hauses stand frei; ein

Fußsteig schlängelte sich an ihr Berg an, durch ein kleines Gehölz zu

einem Hügel, der auch mit Wein bepflanzt, in guten Jahren eine ziemlich

reiche Erndte versprach. Noch gehörten Wiesen und Aecker zu diesem Gut,

welches Alles bei Corneliens Uebernahme vortheilhaft verpachtet wurde;

ausgenommen der Garten, den sich Albina zur Bestellung vorbehielt.

Hier trat die Kinderzeit mit süßer Magie ganz vor ihre Seele und

sie lebte mit ihren ersten Gespielen mit den Blumen wieder in alter

Vertraulichkeit, pflegte sie mit großer Sorgfalt und hatte bald in

ihrem Glashause Seltenheiten, welche ihr den Besuch vieler Fremden und

Einheimischen verschafften, wo sie durch manchen vortheilhaften Verkauf

Gewinn erhielt. Vorzügliche Pflege wiedmete sie der Laube, damit das

~Jelänger Jelieber~ in Ueppigkeit an ihr empor wuchs und auf ihren

~Nelkenflor~, der bald jeden andern übertraf, so wie auf einige

~Granatenbäume~, welche mit Blüthen, in die Farbe der Wahrheit

getaucht alljährlich in Fülle prangten. Auch in ihrem Zimmer durften

in der Blumenwase jene 3 Gattungen ihrer Pfleglinge nicht fehlen; denn

Albina ließ sich so gerne durch sie an den Augenblick erinnern, in dem

sie Langenheims kennen gelernt hatte und der so entscheidend für ihr

Leben war. Doch wir wollen nun auch in das Innere des Landhauses, wo

unsere Albina ferner leben soll tretten und es näher beschauen.

Es war eine liebliche, geräumige und bequeme Wohnung, wo überall

die höchste Reinlichkeit herrschte, wo die gefällig geformten und

sauber gehaltenen Meubeln, die fehlende Kostbarkeit ihres Werthes

vergessen machten, und wo man überall die Spuren der feinen Bildung

und nützlichen Thätigkeit der Bewohner wahrnahm. So war z. B. im

Erdgeschoß ein freundliches Zimmer, durch welches man in den Garten

gehen konnte. Hier hielten sich Mutter und Tochter größtentheils in

der bessern Jahreszeit auf. Es war einfach meublirt und Tisch und

Stühle hatten die Farbe der Bäume und Gesträuche, welche durch die

Fenster nickend, liebliche Kühle in dem Gemach schufen. Doch die sinnig

geordneten Töpfe mit aufgeblühten Blumen, die Albinens Sorgfalt der

brennenden Sonnenhitze entzog, verbreiteten in dem Zimmer herrliche

Wohlgerüche und gaben dem Ganzen das Ansehen eines Tempels der Göttin

Flora. Im obern Stockwerk war ausser den gewöhnlichen Gemächern ein

geräumiger Saal. Ein schöner Flügel, eine Guittarre, ein Bücherschrank,

hinter dessen Glasfenster man die Namen der besten Werke, alle in

ein gleiches Gewand von englischem Leder gehüllt, lesen konnte, und

ausgesuchte treffliche Kupferstiche unter Rahm und Glas waren darinnen

zu finden. Auch im Gastzimmer war für die Unterhaltung des gern

Beherbergten durch ein kleines Repositorium mit einigen interessanten

Büchern gesorgt; schwellende Kissen mit glänzendem Weis bezogen,

luden zur behaglichen Ruhe ein; ja auch hier, war Reinlichkeit und

Anstand zu finden, wie in jedem Theil des Hauses. Den Hofraum umgaben

Oeconomie-Gebäude, nemlich die Wohnung des Pächters, seine Stallungen,

Scheuren u. s. w. es fehlte nichts was zur Bequemlichkeit und zum

Vortheil der Besitzer gehörte.

Cornelia fühlte sich unbeschreiblich glücklich im Besitz dieses

Eigenthums und durch die, von ihrer ehemaligen nun so ganz

verschiedenen Lebensweise. Ordnung, Einfachheit und Ruhe, und dennoch

hohe Genüsse waren mit ihr verbunden; und an der Seite ihrer Albina

erhielt alles noch mehr Werth für sie.

Nur Theresen, der Schöpferin ihres Glücks, gestand sie zuweilen, wenn

sie feurig ihre Lage prieß: «daß noch ~ein~ Wunsch in ihrer Seele

lebe, nemlich der: von Rombergs Schicksal etwas zu erfahren;» und bei

solchen Aeußerungen fielen oft auf Theresens Hand, die sie an ihr

pochendes Herz drückte, große Thränen.

Albina war auch hier in ihrer neuen Sphäre wieder unermüdet thätig.

Sie wußte, daß die Mutter Langenheims Schuldnerin war und so gerne sie

sich den edlen Menschen verpflichtet fühlte: so glaubte sie doch höchst

undankbar zu handeln, wenn sie nicht das, was in ~ihrer~ Macht

stand anwenden wollte, um von der Güte der theuern Freunde nicht zu

lange Gebrauch zu machen, was in ihren Augen Misbrauch schien.

Die Mutter hatte ihr gleich Anfangs das Haus-Regiment übergeben, da

sie durch ihre ehemaligen Verhältniße verhindert sich wenig häusliche

Kenntniße erwerben konnte und dieselben sich erst nach und nach zu

eigen zu machen im Stillen sich vornahm. Albinens feines Gefühl wußte

es aber ~so~ zu wenden: als sey es für die Mutter eine Last, die

sie ihr freudig abnehmen wolle; sie unternahm nichts ohne Beistimmung

Corneliens, verstand es aber immer so vorzutragen, daß Jene gegen ihre

klugen Einrichtungen nichts einwenden konnte. Alle zielten dafür ab,

zu ersparen, zu gewinnen, ohne zu geitzen, oder es den Dienenden und

Hülfsbedürftigen zu entziehen.

Auch schämte sie sich nicht, ihre Fertigkeiten in weiblichen Arbeiten

jetzt für sie einträglich zu machen. Sie bemühte sich immer die

neuesten Mode-Arbeiten, von deren Erscheinen sie durch Theresen

sogleich in Kenntniß gesetzt wurde, schnell nachzufertigen und dies

trug ihr viel Geld ein. Cornelia, welche Verstand genug besaß, sich

überall bald zurecht zu finden, lernte Albinen ihre Vortheile ab und

beide beeiferten sich nun um die Wette, recht viel auf solche Weise zu

verdienen.

Therese freute sich, so oft sie ihre Freundinnen besuchte, mit Dank

gegen Gott ihres gelungenen schönen Werks und wurde jedesmal von

jenen mit der dankbarsten Verehrung und Liebe begrüßt. Durch ihr

offenes, kluges und liebevolles Betragen brachte sie es dahin, daß die

Scheidewand fiel, welche bisher noch immer trennend zwischen ihrem

Gatten und Cornelien stand. Sie näherten sich einander herzlich und

ruhig, das gegenseitige volle Vertrauen beugte jedem gefährlichen,

leidenschaftlichen Gefühl vor und jedes fand sich befriedigt im

ungestörten Besitz einer Neigung, welche Vorzüge und Pflicht

einflößten und erlaubten.

Der Ruf von dem freundlichen Landhaus und seinen achtungswerthen

Besitzerinnen verbreitete sich sehr bald und sie wurden fleißig

heimgesucht. Bald wünschte man Albinens Treibhaus zu sehen, bald ein

seltenes Gewächs zu kaufen, bald wurde eine künstliche Arbeit bestellt.

Wer nun kam, gieng immer äusserst befriedigt hinweg und erzählte hie

und da von der lieblichen Wohnung, von der gebildeten Mutter, von der

liebenswürdigen Albina. Auch die Aufmerksamkeit der vorüberfahrenden

Fremden (es führte die Poststrasse an dem Garten vorbei) zog das Ganze

oft auf sich.

An einem schönen Sommer-Abend saß Cornelia und Albina im

Garten-Zimmerchen an einer Stickrahm. Ein Ofenschirm war seiner

Vollendung nahe, auf welchem die Kunst einen Korb voll Blumen

hingezaubert hatte, von denen jede der Natur abgeborgt schien. «Glaubst

du nicht Mütterchen, daß hier noch eine Lücke ist, welche dort jene

Moosrose gut ausfüllen würde?» frug Albina, die Stickerei bald näher,

bald von der Ferne betrachtend, und das blonde Köpfchen dabei hin und

her wiegend. «Sie kann sich zwischen der Nachtviole und der kleinen

Rosette gut ausnehmen,» erwiederte Cornelia, «doch pflücke keine von

dem Blumentopf,» setzte sie hinzu, als Albina im Begriff war dies zu

thun; «im Garten, nahe an der Laube sah ich vorhin eine Blüthe, die

noch halb in der Knospe mir malerischer dünkt.» Albina eilte durch die

offene Thüre in den Garten und pflückte die Blume. Im Rückweg, als

sie an dem schwarzen Gatterthor vorbei gieng, durch welches man von

der Fuhrstraße herein kam, erblickte sie an demselben einen Fremden

mit zwei allerliebsten Mädchen von 6 und 8 Jahren, alle in Trauer

gekleidet, welche den Garten zu betrachten schienen. Albina öffnete

sogleich das Thor und erfreute Jene durch das mit ihrer liebenswürdigen

Freundlichkeit geäußerte Anerbieten: einzutretten, welches auch

sogleich dankbar benützt wurde. «O wie schön ist es hier!» riefen die

Kinder und klopften in die Hände. Sehr, sehr schön stimmte der Vater

bei, und ihm -- einem großen Botaniker fiel sogleich das Treibhaus in

die Augen. Albina führte sie hin und zeigte einige seltene Gewächse,

wobei sie sehr geläufig die Namen, so wie die Eigenschaft jeder

derselben zu nennen wußte.

Baron Kronthal (so hieß der Fremde) sah und erfuhr hier selbst Manches,

was ihm noch unbekannt war und schien so unendlich erfreut darüber, daß

Albina trotz seiner Lobsprüche, womit er sie überhäufte, diesmal doch

mehr ihrer Gutmüthigkeit, als ihrer Bescheidenheit Gehör gab und alle

ihre Schätze ihm vorstellte. Dann führte sie die Fremden zur Mutter

und nachdem man sie begrüßt hatte, zogen die Kinder, die schon ganz

vertraulich mit Albinen plauderten, dieselbe jubelnd zu einem zahmen

Canarienvögelchen, das bald in den nahstehenden offenen Käfig hinein

hüpfte, bald wieder heraus flatterte und sich auf den Blumenkronen

wiegte; sie waren unbeschreiblich glücklich als Albina etwas Futter

in ihr Händchen streute und der zahme Pipi dasselbe wegpickte. Der

Baron unterhielt sich unterdessen sehr befriedigend für ihn mit

Cornelien. Die kunstvolle Arbeit wurde auch nach Verdienst bewundert

und ein auf der Stickrahm aufgeschlagen liegendes Buch (es war: die

Bilder des Lebens von Ehrenberg) in welchem Albina Cornelien kurz

vorher vorgelesen hatte, bestärkte Kronthal in seiner, von Mutter und

Tochter gefaßten vortheilhaften Meinung, denn während Erstere Albinen

den Auftrag ertheilte, eine kleine Erfrischung zu holen, konnte er

den Reiz nicht widerstehen in das Buch hinein zu schauen und fand von

einer niedlichen Frauenhand niedergeschriebene geist- und gefühlvolle

Bemerkungen über mehrere intereßante Stellen in dem erwähnten Buch. Die

Mädchen baten schmeichelnd, daß sie Albinen begleiten dürften. In der

Zeit machte Kronthal Cornelien mit der Absicht seiner Reise bekannt:

Er hatte nemlich das Unglück vor einigen Wochen die Gattin, die treue

Mutter seiner Kinder durch den Tod zu verlieren und unfähig auf dem

einsam gelegenen Gut, das er bewohnte, letztern die gehörige Erziehung

geben zu können: wollte er sich in der Residenz nach einer Anstalt

erkundigen, welcher er seine Töchter anvertrauen könnte; allein setzte

er hinzu: «Was ich ~hier~ sah und hörte wird mein Urtheil, meine

Forderungen steigern. Warum; o warum machen Sie Ihr schönes Leben nicht

gemeinnütziger? warum sorgt Ihre liebenswürdige Tochter für leblose

Pfleglinge, indem Ihre Wohnung eine wohlthätige Pflanzschule für junge

Gemüther werden könnte, worin der Natur die hülfreiche Hand geboten

und köstliche Früchte gezogen werden würden.» -- Cornelia schien

nachdenkend. -- Der Baron fuhr fort. «Könnten Sie sich entschließen,

einen bekümmerten Vater die große Sorge für seine geliebten Kinder

abzunehmen -- ich würde mit Freuden jede Ihrer Forderungen befriedigen

und mein Dankgefühl würde unauslöschlich seyn.» Indem trat Albina mit

den Kleinen in das Zimmer. Sie hatten ihr Alles abgenommen, um nur von

ihrer Hand geführt zu werden und trugen -- die Eine ein zierliches

Körbchen mit Apricosen und Frühbirnen, die Andere einen Teller mit

mürbem Brod. «Aurelia! Sidi!» rief der Vater ihnen zu, «wie gefällts

euch hier?» «ach so wohl, so wohl» erwiederten beide, «daß wir immer

hier bleiben möchten!» -- «überall ist so freundlich, so lieb, ich

fühle mich ganz heimisch hier,» sagte Sidi. Aurelia die Aeltere klagte:

«So wirds nicht in der Anstalt seyn, wo Du uns hinbringen willst guter

Vater» -- sie schlang ihren Arm um seinen Nacken und fuhr fort -- «dort

werde ich viel und lange weinen, wenn Du von uns weggehst, hier aber

glaube ich, könnt' es mit ein paar Thränchen vorübergehen; mir ist so

wohl, so wohl, als wenn noch die Mutter bei mir wäre» hier lief sie vom

Vater weg zu Albinen; barg ihr Gesichtchen an den Busen derselben, und

weinte sanft.

«Albina» -- sagte Cornelia -- «dieser Freund hier schenkte uns ein

Vertrauen, diese holden Kinder eine Liebe, welches beides unsere

dankbare Anerkennung fordert: ich denke aber, wir können jene uns

ehrenden und beglückenden Aeusserungen in die Zukunft dadurch

rechtfertigen, wenn wir mit gewissenhafter Treue die Erziehung und

Ausbildung dieser theuern Wesen übernehmen und besorgen.»

Entzückt küßte Kronthal Cornelien die Hand; die Kinder horchten hoch

auf und als ihnen Albina freundlich bestättigte, «ja wir bleiben

beisammen!» war ihre Freude ohne Grenzen.

* * * * *

Die Gegenwart der Kleinen änderte wenig in der Lebensweise Corneliens

und Albinens, denn der Vater hatte es nicht nur gebilligt sondern

ausdrücklich gewünscht: daß, in Rücksicht der physischen Bedürfnisse

und Ausbildung seiner Kinder die höchste Einfachheit beobachtet werden

möchte.

Es wurde also wie bisher mit der Sonne aufgestanden, ein Glas

frisches Quell-Wasser und etwas später Milch getrunken, dann

erhielten die Kinder abwechselnd von Mutter und Tochter Unterricht in

wissenschaftlichen Gegenständen, aber auch bei häuslichen Geschäften

durften sie, wo sie konnten kleine Dienste leisten. Nach Tisch wurde

wie auch Abends ein Stündchen der Blumenpflege gewiedmet, nachher

mußten die Mädchen eine weibliche Handarbeit vornehmen und der übrige

Theil des Abends gehörte ihren Erholungen, wobei Albina ihre Spiele

leitete und überhaupt immerwährend durch Beispiel und Unterhaltung,

ohne daß sie es oft selbst wußte, lehrreich für sie wurde, das

Mittagessen und die Abendsuppe blieben so einfach wie bisher und

bald nachdem die letzte eingenommen war, ruheten auf dem Lager von

Roßhaarküssen die durch beständige Thätigkeit ermüdeten Glieder der

holdseligen Mädchen sanft aus. Diese ganz einfache und doch herrlich

gedeihende Erziehung wirkte so vortheilhaft auf Aurelia und Sidonie,

daß nicht nur ihr Geist und ihr Herz eine treffliche Richtung und einen

Reichthum von Kenntnißen und zarten edlen Gefühlen erhielt, sondern,

daß auch ihr Aeußeres die Spuren der festesten Gesundheit und der

Reinheit ihrer Seele trug.

Jeder Blick ruhte mit Wohlgefallen auf ihnen und die Folge war: daß

mehrere Eltern ihre Lieblinge Albinen und ihrer Mutter zuführten

und sich auf diese Art ein Institut bildete, das, zwar nicht seiner

Ausdehnung nach (denn die Zahl der Zöglinge durfte nur bis auf

12 steigen) aber in Hinsicht seiner aufgestellten und befolgten

Grundsätze, zu den Vorzüglichsten gehörte. Die befriedigten Eltern

entwarfen selbst für Cornelien die vortheilhaftesten Bedingnisse,

unter welchen ihre Kinder angenommen werden sollten und so hatte sich

auf einmal der Lebensplan von Jener und von Albinen ohne ihren Willen

geändert. Sie suchten vorher beinah ängstlich durch den Erwerb ihrer

Handarbeit, ihre Verpflichtung gegen Langenheims zu erfüllen und ihre

Existenz zu erleichtern, sie wollten dabei nur ihr Gärtchen anbauen

und in der Stille leben, jedoch ganz anders gestaltete sich auf einmal

ihre Lage. Ein großer segensreicher Wirkungskreis war auf einmal vor

ihren Blicken geöffnet. Hier sollten sie pflanzen und pflegen, säen

und erndten. Die Sorge für das eigene Fortkommen wurde von der weit

edlern Sorge für die geistigen und physischen Bedürfnisse Anderer

verdrängt und mit dem Gewinn, den sie reichlich durch die Freigebigkeit

der Eltern und Verwandten in klingender Münze erhielten, verband sich

der noch weit höhere Lohn, der in dem Gelingen ihres gewissenhaften

Strebens: fromme, durch sich selbst glückliche Menschen zu erziehen,

bestand.

* * * * *

Albina, das Blumenmädchen · 第 2 / 16 段