Ein Diener, der seinen Herrn sprechen wollte, fand das Gemac

Anmerkungen zur Transkription

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Der vorliegende Text wurde anhand der 1826 erschienenen Ausgabe

möglichst originalgetreu wiedergegeben. Einzelne Begriffe mit

offenbar vertauschten (z.B. n/u) oder überflüssigen Zeichen wurden

stillschweigend korrigiert. Altertümliche und regionale Ausdrücke

wurden beibehalten, ebenso Inkonsistenzen und Wortvarianten sowie eine

inkonsequente Groß- und Kleinschreibung.

Im Originaltext wurden die Anführungszeichen "umgekehrt" gesetzt, d.h.

öffnend: Anführungszeichen oben; schließend: Anführungszeichen unten.

Entsprechend werden in diesem Text «romanische Guillemets» verwendet;

alle Anführungszeichen der wörtlichen Rede wurden sinngemäß ergänzt.

Die übrige Zeichensetzung wurde nur in den Fällen abgeändert, in denen

sonst der Sinn des Textes verfälscht würde.

Die folgenden Passagen wurden korrigiert:

# S. 10: "Dorothe" --> "Dorothea"

# S. 23: "Langengenheim" --> "Langenheim"

# S. 43: "bemüthe" --> "bemühte"

# S. 104: "ein (welcher" --> "ein, welcher"

# S. 130: "Z. b." --> "Z. B."

# S. 207: "vorgetragen" --> "vortragen"

# S. 242: "daß ich ich": doppeltes Wort entfernt

Die Originalvorlage wurde in Frakturschrift gesetzt. Gesperrte Passagen

werden in diesem Text von Tilden umgeben (~gesperrt~), Antiquaschrift

wird durch Unterstriche hervorgehoben (_Antiqua_).

Albina

das

Blumenmädchen

von

Constanze Reinhold.

Neue, wohlfeilere Ausgabe.

Nürnberg, 1826.

bei Heinrich Haubenstricker.

Albina

das Blumenmädchen

von

Constanze Reinhold.

«Lieber Herr! wollen Sie nicht Blumen kaufen?» rief eine süße

Kinderstimme dem Secretair Langenheim nach, welcher mit einem Bund

Acten unter dem Arm schnellen Schritts über den Markt eilte, um auf

das Rathhaus zu gehen. Unwillig über den Aufenthalt, da ihn schon zu

Hause der Schlag der Stunde, die ihn zur Session rief, überrascht

hatte, blickte er um, und gewahrte ein liebliches Mädchen von ungefähr

9 Jahren mit einem Körbchen zierlich geordneter Blumen, welche sie ihm

wiederholt mit so anmuthiger Freundlichkeit anbot, daß auch Langenheim

sie freundlich anhören mußte. Er suchte Nelken, Granaten und jelänger

jelieber zu einem sinnigen Strauß für sein junges Weibchen zusammen;

indem schlug die Uhr wieder. Er wirft hastig dem Mädchen die Blumen

wieder in den Korb, und bestellt sie nach dem Mittagessen in seine

Wohnung, die er ihr genau bezeichnet. Halb ausser Athem kommt er

in's Session-Zimmer und der Direktor läßt ihn über sein längeres

Aussenbleiben so heftig an, daß er -- aus Aerger, bleich bis in die

Lippen -- nicht im Stand ist, seinen Verdruß zu unterdrücken.

Der Direktor des Stadtgerichts zu E* war Langenheims erklärter Feind,

die Secretairstelle hatte dieser seinem Kammerdiener Haßlieb gewünscht

und zugesagt; aber Langenheim erhielt sie durch Stimmenmehrheit,

welche ein würdiges Mitglied des Raths, der den jungen Mann schätzte

und begünstigte, für ihn geworben hatte. Dies trug ihm Hainau (so

hieß der Direktor) immer nach und er und sein ränkevoller Diener

warteten sehnsüchtig auf eine Gelegenheit, Langenheim ihre ganze Rache

ungestraft fühlen zu lassen; jedoch seine Gewissenhaftigkeit und

Pflichttreue, sein unbescholtenes Betragen, vereitelten alle deshalb

geschmiedeten Plane. Welche bösartige Freude empfand daher Hainau,

als er dem Secretair, wegen seines Verspätens recht empfindlich seine

Uebermacht fühlen lassen konnte. Er überschritt dabei so sehr alle

Gränzen und wurde so beleidigend, daß Langenheim gereitzt, auch etwas

heftig sich zu verantworten suchte. Dies war ein großes Vergehen in den

Augen des stolzen Direktors; welcher verlangte, daß der Untergeordnete

sich, wenn man wolle, mishandeln müsse lassen, ohne zu wiedersprechen.

Der Vorgang erregte endlich Spaltungen unter den Gliedern des Raths.

Der eine Theil war auf des Direktors Seite, der andere und größere

aber, auf der des Assessor Freibergs, welcher Langenheims Gönner

war und sich auch diesmal seiner lebhaft annahm. Es entsteht eine

allgemeine Bewegung und die Sitzung wird aufgehoben.

* * * * *

Voll trüber Ahnungen kam der Secretair nach Haus und theilte seiner

Gattin den Vorgang mit. Therese, welcher das Glück zufällige

Reichthümer versagt hatte, besaß dagegen einen weit größern Schatz

in Geist und Herzen, und eine unendliche Fülle der Liebe für ihren

Albert. Auch jetzt verstand sie es, den Betrübten aufzurichten und

das, in ihrem Herzen herrschende Vertrauen auf die Vorsehung, recht

lebendig in dem Seinigen zu erwecken; und das einfache Mittagsmahl

wurde darauf mit so viel Ruhe und Zufriedenheit verzehrt, als wäre

nichts unangenehmes vorgefallen. Nach Tisch kam das holde Kind mit

den Blumen. Ihr bescheidener Anstand, ihr kindliches zutrauliches

Wesen, so wie die regelmäßigen Züge ihres freundlichen Gesichtchen

bezauberten die Gattin. Albina (so hieß das Mädchen) wurde von ihnen

mit Liebkosungen überhäuft und für den gewählten Strauß reichlich

beschenkt. Sie sollte erzählen: allein sie wußte nichts zu sagen:

als daß sie ein Findling und das Pflegkind braver aber unbemittelter

Leute sey, welche, aus Frankreich emigrirt, den Garten einer vornehmen,

jedoch sehr kargen Herrschaft besorgten. «Noch sechs eigene Kinder und

ich machen dem guten Vater Paul viel zu schaffen, und es ist recht

traurig, daß ich ihm auch zur Last fallen muß» setzte das Mädchen am

Schluße hinzu und dabei füllten sich ihre sanften blauen Augen mit

Thränen und der niedliche Mund verzog sich zum schmerzlichen Weinen

-- Therese fühlte sich bei dieser Erzählung tief bewegt: denn sie

wußte aus Erfahrung was es hieße: arm zu seyn. Mit ihrer Händearbeit

hatte sie sich als elternlose Waise mehrere Jahre auch sehr kümmerlich

ernährt, bis ihr günstiges Geschick sie in den Dienst einer trefflichen

Dame brachte, welche sich auf eines ihrer Güter zurückgezogen hatte, um

daselbst den frühen Tod eines heißgeliebten Gattens zu betrauern und

hier in ländlicher Stille sorgte sie für die Ausbildung der natürlich

guten Anlagen Theresens (welche sie wie eine Tochter liebgewann

und mütterliche Zärtlichkeit ihr schenkte) mit der größten Treue.

Langenheim, der mit Theresen verwandt, in Familien-Angelegenheiten sie

zu sprechen genöthiget war, suchte sein Bäschen auf; er fand in ihr ein

so vorzügliches Wesen, daß er sich mit dem festen Entschluß von ihr

trennte: ein Amt zu suchen, das ein Paar Menschen, welche ihr Glück

nicht in zeitlichen Ueberfluß setzen, ernähren würde und dann Theresen

als Weib heim zu holen. Dies geschah als er die Secretairstelle

erhielt; denn auch bei ihr hatte der gebildete innige Mann einen

bleibenden Eindruck gemacht und sie folgte ihm gerne. Ihre gütige

Gebietherin stattete sie reichlich aus und durch weise Sparsamkeit und

Fleiß war es ihnen bei der ziemlich unbedeutenden Einnahme des Mannes

doch möglich: recht ordentlich auszukommen, ja noch Etwas übrig zu

behalten.

* * * * *

Der Nachmittag jenes verhängnisvollen Morgen war einladend schön,

Therese bemerkte wieder einige leichte Wolken auf ihres Gatten Stirne;

freundlich trat sie daher zu ihm an den Schreibtisch und sagte: «wie

wäre es mein Albert, wenn wir ein Bischen ins Freie giengen? In Gottes

herrlicher Natur vergißt man leichter die für uns schmerzlichen

Folgen der Verirrungen seiner Menschen, als in den engen Mauern!»

Langenheim zog die treu besorgte Gattin an sein Herz und dankte ihr

mit einem innigen Kuße; packte dann seine Schreibereien zusammen und

wandelte mit ihr zur Stadt hinaus. Unterwegs kam das Gespräch wieder

auf Albinen und es wurde beschloßen, den Garten aufzusuchen, wo sie

sich aufhielt, um auch ihre Pflegeltern kennen zu lernen. Albinens

Freude war unbeschreiblich als sie hinkamen und geschäftigt reinigte

sie mit ihrer Schürze den besten Stuhl im kleinen Stübchen, um ihn

Theresen zum Sitz anzubiethen. Doch sie und ihr Gatte zogen vor, in dem

schön angelegten großen Garten zu gehen. Hier erfuhren sie nun in der

Unterhaltung mit den wackern Gärtnersleuten: daß Albina als ein Kind

in Windeln vor die Gartenthür in einen Korb gesetzt worden sey. «Als

meine Dorothea, erzählte der Mann, sie am Morgen entdeckte, machte sie

den Besitzern des Gartens die Anzeige davon: allein diese schickten sie

höchst aufgebracht mit dem Kinde wieder fort. Mir war es unmöglich, das

arme Würmchen weinen zu hören und mich seiner nicht anzunehmen; ich

ließ ihr die h. Taufweihe und den Namen Albina geben und zählte sie in

Gottesnamen zu meinen Kindern, mit denen ich trotz meines ärmlichen

Einkommens noch nicht erhungert bin.» «Gott segnet jede gute That

braver Mann!» sagte Langenheim gerührt, «aber, ist denn Albina des

christlichen Werks, das an ihr geübt wurde werth?» setzte er fragend

hinzu (diese war mit seiner Gattin und mit Dorothea in eine Seitenallee

gegangen, um Theresen einen herrlichen Nelkenflor zu zeigen) da

glänzten des Mannes Augen vor Freude und er rief aus: «Lieber Herr!

mein Lebtage hab ich kein Kind gesehen, das ihr gleichkommt! so

fleißig, so einsichtsvoll, so engelgut! -- weil sie sieht, wie wir

uns absorgen, getraut sie sich kaum satt zu essen, immer müssen wir

ihr zureden. Dabei strengt sie unermüdet ihr bischen Kraft vom frühen

Morgen bis an den Abend an, um uns in allem beizustehen, uns alles

zu erleichtern. Sehen Sie, vorhin kam sie beinahe athemlos gelaufen

und mit einem Gesicht, das die Freude glühroth gefärbt hatte, zählte

sie der Mutter und mir das Geld vor, womit sie von Ihnen beschenkt

wurde; dann gieng sie in ein Winkelchen der Stube, faltete die Hände

und betete stille. Gewiß hat sie für Sie gebetet. Ja, ja, sie ist ein

liebes Kind! Gott sey mit ihr!» so endigte Paul und große Thränen

träufelten ihm über die braune Wange. Als Langenheim auf dem Rückweg

der Gattin das Gespräch mit dem Gärtner mittheilte, sagte diese: «ach,

was könnte aus diesem Mädchen bei einer sorgfältigen Erziehung werden!

wie glücklich würde ich mich dünken, wenn ich Mutterstelle bei ihr

vertreten könnte! doch will ich wenigstens thun was ich vermag mit

deiner Beistimmung lieber Albert, Albinen zuweilen zu mir kommen lassen

und sie in weiblichen Arbeiten unterrichten.» Langenheim willigte

gerne ein und Albina konnte immer die bestimmten Tage kaum erwarten,

an welchen sie einige Stunden Theresens gründlichen und liebevollen

Unterricht genießen durfte.

* * * * *

Der Direktor Hainau welcher bei der Regierung viel Gewicht hatte,

bewirkte durch eine schwarze, durchaus unwahr entworfene Darstellung,

in welcher Langenheim als träg, unbrauchbar und anmaßend geschildert

wurde, wirklich dessen Amtsentsetzung. Sie kam nach 14 Tagen und

beugte jenen tief. Therese mußte ihre ganze Seelenstärke aufbieten,

um theils sich selbst zu trösten, theils ihren Gatten vor gänzlicher

Muthlosigkeit zu sichern. Nächte vergiengen schlaflos, langsam und

düster schlichen die Tage vorüber und Langenheim konnte zu keinem

Entschluß kommen. Endlich gab er Theresens Bitten nach, besiegte die

ihm eigene Aengstlichkeit und gieng zu seinem Gönner, dem Assessor

Freiberg. Mit herzlicher Theilnahme versicherte ihn dieser, daß,

sobald er von seinem traurigen Schicksal gehört habe, er sogleich

einem bedeutenden Freund an dem Sch*schen Hof geschrieben, denselben

Langenheim geschildert und ihn gebetten habe, bei der ersten

Dienststelle die sich eröffnen und die er für jenen passend finden

würde, sich seiner zu erinnern. -- Die Fürsorge dieses würdigen Mannes,

hatte den günstigsten Erfolg.

Die schleunige Rückantwort des Finanzrath Volkmar's (dies war

Freibergs Freund) enthielt den Ruf an Langenheim zur eben

vacanten Secretairs-Stelle in jenem Fache, und die Aufforderung

sich unverzüglich an den Ort seiner Bestimmung zu begeben. Der

Assessor eilte mit dieser frohen Botschaft ungesäumt zu seinem

Günstling und fand sich für seine schöne That reich belohnt in dem

wiederhergestellten Glück der gerührten Gatten, welche keine Worte

finden konnten, ihre Gefühle auszudrücken.

Albina war gerade zugegen, als Freiberg den Brief vorlas; ihr entfiel

das Strickzeug als sie von Langenheims baldiger Abreise hörte; endlich

entfernte sie sich. Als nun der gütige Freund weggegangen und die

ersten Ergießungen der Herzen zwischen den Ehegatten vorüber waren,

vermißte man Albina. Therese fand sie im kleinen Hofraum, den sie

händeringend durchschritt und dabei laut weinte. «Was hast du denn

Kind?» frug jene. «Ach ich kann es nicht ertragen, wenn ich Sie nicht

mehr sehen soll; antwortete schluchzend das Mädchen, gewiß ich bin

recht, recht unglücklich!» «Sey ruhig Kleine, es wird sich geben!»

sagte Therese beschwichtigend und führte sie ins Zimmer zurück, nahm

ihren Gatten beiseite und das Resultat ihres kurzen Gesprächs war --

Albinen mitzunehmen. Bei der größern Einnahme, zu welcher sie die

Aussicht hatten, schien es ihnen ausführbar sich um Albinen auf diese

Weise verdient machen zu können. Des Mädchens Entzücken, als ihr dies

kund gethan wurde, überstieg alle Beschreibung; sie jubelte laut, fiel

einmal Theresen, dann wieder ihren Gatten um den Hals und gelobte eine

recht gute Tochter zu werden.

Rührend war Langenheims Abschied von seinem für ihn so treubesorgten

Freund; noch rührender Albinens Trennung von Vater Paul und Mutter

Dorothea. So sehr beide mit freudiger Theilnahme einsahen, daß jener

ein weit glücklicheres Loos zu Theil werden würde, als sie je bei

ihnen hoffen konnte, so sehr sie mit Dank erkennen mußten, eine

Kostgängerin weniger zu haben: so war ihnen doch das liebe Pflegkind

so theuer, daß der Abschied sie recht tief betrübte. Auch Albina

war sehr bewegt und konnte nicht aufhören den guten Eltern für alle

Wohlthaten zu danken. «Ihr habt mir das Leben gerettet» sagte sie, «ihr

habt mich christlich erzogen, und was ich bin, ist Euer Werk!» so war

es auch. Die Leute waren von keiner gemeinen Herkunft und so genoßen

ihre Kinder, mit ihnen auch Albina, eine bessere Erziehung, als bei

andern ihres Gleichen gewöhnlich der Fall ist. Letzteres hatte mit den

größern Geschwistern vom Vater Paul in den langen Winterabenden und an

Sonntägen fertig lesen, schreiben auch rechnen gelernt und war durch

Lehre und Beispiel der wackern Pflegeltern in allem Guten bestärkt

worden, wozu sie die natürliche Anlage schon hatte.

* * * * *

Langenheims Aufenthalt in der Residenzstadt D* war äußerst angenehm und

vortheilhaft. Die gewissenhafte Pflichttreue, der redliche Charakter

und das untadelhafte Betragen des Mannes, so wie die bescheidene

Sitte, das ungeheuchelte Wohlwollen und die äußere Anmuth Theresens

wurde anerkannt und sie deswegen geschätzt und vorgezogen. Nicht lange,

so erhielt Langenheim einen höhern Posten und noch waren nicht ganz

4 Jahre verfloßen, als er mit einer ansehnlichen Besoldung in die

Stelle eines abgehenden Finanzraths einrückte. Wohl macht man zuweilen

die Erfahrung, daß verbesserte Glücks-Umstände, vermehrter Reichthum

und erhöhter Rang einen nachtheiligen Einfluß auf den menschlichen

Charakter äussern: doch ist dieß nur ~da~ der Fall, wo man die

~Urquelle~ alles Guten auf der Welt leichtsinnig vergeßen kann und

wo ein falscher Wahn herrscht, der jenen vergänglichen Dingen einen

Werth beilegt, welchen sie durchaus nicht haben und den sie erst durch

die Anwendung erhalten. Bei Langenheims war es anders: sie blieben

nicht nur die guten unverdorbenen Menschen, die sie waren, sondern

sie strebten vielmehr unabläßig nach einer immer höheren Stufe der

Verfeinerung und Vervollkommnung. Ohne sich zuzudrängen nahmen sie

die Aeußerungen wahrer Achtung dankbar und aufrichtig erwiedernd an,

waren gleich weit von lächerlichem Hochmuth und niedriger Kriecherei

entfernt und benahmen sich so wohl gegen Vornehmere würdevoll, als

gegen Geringere freundlich. In ihrem Hause fand jeder, der für das

Schöne und Anständige Sinn hatte, vollkommne Befriedigung, jeder

Besuchende herzliche Aufnahme, jeder Unglückliche Theilnahme und Trost

und -- was die Hauptsache war -- ein ~frommer~ Sinn heiligte dies

alles, theilte sich allem mit, was mit Langenheims in Berührung kam und

zeigte sich auch in der, ohne ängstliche Scheu pünctlichen Ausübung

äusserlicher gottesdienstlicher Handlungen. In solchen Umgebungen und

unter einer solchen Leitung wurde Albinens Geist und Herz auf die

vorzüglichste Weise ausgebildet. Langenheim ließ sie von den besten

Lehrern in allen Wissenschaften und Künsten unterrichten, welche einem

Mädchen nothwendig sind, die späterhin einen Gatten beglücken, in

weiche Kinderherzen den Saamen alles Schönen und Guten streuen, und

auch selbst in freundschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen

eine erfreuliche und vortheilhafte Rolle spielen will. Therese ließ

sie an allen häuslichen Beschäftigungen Antheil nehmen, und konnte ihr

bald einen großen Theil der Führung ihres Hauswesens überlassen. Das

Beispiel der anspruchslosen und doch so verdienstreichen Pflegemutter

leuchtete ihr auf ihrem heitern Jugendweg voran und so wurde sie, ohne

daß sie es wußte, eines der vorzüglichsten weiblichen Geschöpfe und

glaubte: sie könnte nun gar nicht anders denken, handeln und seyn. Ihre

Vorzüge und ihre dankbare innige Liebe zu ihren Wohlthätern ließ diese

leichter das Glück verschmerzen, das ihnen die Vorsicht versagte,

eigene Kinder zu besitzen.

Langenheim folgte in D* -- wo eigentlich der Sammlungsort der schönen

Künste und Wissenschaften so wie ihrer Priester und Jünger ist --

selbst einer frühern Neigung und erhöhte durch häufigen Umgang mit

Künstlern und Kunstfreunden sein natürliches Gefühl dafür, schärfte

sein Urtheil, verfeinerte seinen Sinn, vermehrte seine Kenntniße

und überließ sich oft solcher reiner Genüsse. Sein Haus, das jedem

Gebildeten offen stand, bekam den Ruf, daß Virtuosen und Künstler

vorzüglich darinnen willkommen wären, und so wurde es von Einheimischen

und Fremden fleißig besucht. Nur 2 der holden 9 Schwestern: Melpomene

und Thalia konnten sich keiner freundlichen Duldung bei Langenheims

erfreuen. Alles, was auf das Theater Bezug hatte, war ihm zuwider und

in dem sonst heitern und offenen Wesen des Mannes gieng eine sichtbare

Veränderung vor, wenn irgend ein Gespräch oder ein anderer Zufall seine

Blicke auf jene Art der öffentlichen Unterhaltung hinlenkte. Therese

gewohnt immer den Wunsch ihres Alberts gemäß zu handeln, äusserte nie

einen Wunsch nach dem Genuß jenes Vergnügens und so blieb das dortige

berühmte Theater von Allen unbesucht.

* * * * *

An einem Abend hielt ein Reisewagen vor Langenheims Wohnung, Baron

Volkmar, der Freund des Assessor Freibergs stieg mit seiner Tochter

Eugenia aus und kündigten sich als Gäste bei ihnen an. Er war ehedem

bei Hof angestellt, und war derjenige welcher auf des Assessors

Fürsprache, Langenheim eine Anstellung in D* verschafft hatte, aber

noch ehe dieser an seinen neuen Aufenthalts-Ort kam, erhielt jener den

Ruf als Präsident in eine entfernte Kreisstadt. Welche Verpflichtung

fühlten die Gatten, dem achtungswürdigen Manne ihre innige Dankbarkeit

durch das rücksichtsvollste und aufmerksamste Benehmen zu beweisen!

-- Am andern Tag kam beim Mittagsessen die Unterhaltung auf das

Theater und es sprach sich bei dem Präsidenten und seiner Tochter

eine leidenschaftliche Vorliebe für dasselbe aus. Ersterer beklagte

sehr, diesen Abend durch eine andere Einladung abgehalten zu seyn ins

Schauspiel zu gehen und Langenheim mußte den Pflichten eines gefälligen

Wirthes seine Abneigung zum Opfer bringen und Eugenien durch seine

Gattin und Albinen ins Theater begleiten lassen. Es wurde Müllners

Schuld gegeben. Eine fremde Schauspielerin trat in der Rolle der Elwire

auf und rieß durch die Kunst ihres Spiels das Publikum zur Bewunderung

hin. Die Leiden eines wunden Gewissens stellte sie mit so furchtbarer

Natürlichkeit dar, daß jedes Gemüth und vorzüglich Albinens im

Innersten ergriffen wurde. Sie verbarg sich einigemal an Theresens

Busen und flüsterte in heftiger Bewegung: «Ach Mutter! Mutter! ich

möchte vergehen!» Der Anblick der Schauspielerin erregte ein Gefühl

in ihr, für das sie keine Worte hatte. Verließ jene die Bühne so war

Albina zerstreut und wünschte sie wieder, ja immer zu sehen; trat sie

auf, so war dem Mädchen so wohl, so weh, daß sie mit sich zu kämpfen

hatte, um nicht die Aufmerksamkeit Anderer auf sich zu ziehen.

Therese schrieb ihr Benehmen der Neuheit des Gegenstands zu und

ermahnte im Nachhausgehen Albina leise: dem Vater nichts von dem

Eindruck zu sagen, welchen der erste Genuß des Schauspiels auf sie

gemacht hatte, es möchte ihm Verstimmung, und ihr seinen Tadel zuziehen.

Bei dem 2ten Debüt der Schauspielerin ward Langenheim von Volkmar

aufgefordert, mit ihm das Theater zu besuchen. Er konnte nicht

ausweichen ohne unartig zu seyn. Das Schauspielhaus war gedrückt voll;

selbst in der Loge, wo sie sich befanden waren mehr Personen als

eigentlich seyn sollte. Auf diese Weise blieb Langenheim ganz hinten

an der Thüre stehen: jedoch als die Schauspielerin auftritt und einige

Worte spricht, drängt er sich vor, wirft einen Blick auf die Bühne,

ergreift die Hand des neben ihn stehenden Barons, die er krampfhaft

drückt, sagt ihm ins Ohr: «mir wird schlimm!» und stürzt zur Loge

hinaus.

Er traf zu Hause Niemanden. Die Frauenzimmer waren in einer Theevisite.

Langenheim schließt sich in sein Zimmer ein und kämpft mit seinem

aufgeregten Innern.

«Die Schauspielerin -- ja sie war es -- ich täusche mich nicht -- sie

ist Cornelia Bergen» -- ruft er aus und schreitet heftig im Zimmer auf

und ab.

Ein Diener, der seinen Herrn sprechen wollte, fand das Gemach

verschloßen und säumte nicht, es sogleich Theresen bei ihrer

Zurückkunft zu melden. Als sie ihre sanfte Stimme vor der Zimmerthüre

ihres Gatten hören ließ, öffnete er dieselbe, aber ach! was erwartete

sie hier. Bei dem trüben Schimmer einer lang hinunter gebrannten Kerze,

schien sein blasses Antlitz eher einem Todten als einem Lebendigen

anzugehören, seine Arme hingen schlaff herunter und sein scheuer Blick

vermied den ihrigen. «Gott! was fehlt dir mein Albert?» rief die

Erschrockene. Statt der Antwort stürzte er zu ihren Füßen und Therese

fühlte den brennenden Fieberhauch seines Mundes auf ihrer Hand. «So

sprich doch um Gotteswillen!» fuhr Therese fort und zitterte am ganzen

Körper. «Ach! mein Weib wird mich hassen, sie wird mich verlassen --

ich werde grenzenlos elend seyn!» jammerte Langenheim; sprang auf, rang

die Hände, warf sich auf das Sopha und verhüllte sein Gesicht in die

Kissen. Die bestürzte Gattin hielt ihn fest umschlungen und beschwor

ihn mit den zärtlichsten Ausdrücken, sie von dem peinlichen Zustand

der Ungewißheit zu befreien und seinen Kummer ihr zu entdecken. «Ich

will dir ihn ja gerne tragen helfen, wäre es noch so schwer» setzte

sie tief bewegt hinzu. Lange bat sie vergebens. Endlich richtete er

sich langsam auf, fuhr mit der Hand über die heiße Stirn und sagte,

indem er den Blick finster auf die Erde heftete: «Ich will -- ich muß

dir alles sagen Therese! sollte es mich auch deine Liebe kosten. --

Es wird zwar vorüber gehen, was heute mein Gemüth erschütterte -- es

ist auch möglich, daß es dir verborgen bliebe und -- die sogenannte

feine Welt würde das Ganze vielleicht für unbedeutend halten! --

aber ich, nein ich kann es nicht! in das treue Aug meines geliebten

Weibes könnte ich nimmer mit Ruhe blicken, an diesem stillen frommen

Herzen würde das Meinige nimmer seinen Frieden finden, wenn ich dir

verheelte, was mir heute begegnet ist.» Dabei sank er mit dem Kopf auf

Theresens Schulter und preßte ihre Hand an sein laut pochendes Herz.

«Du warst im Theater?» frug die Gattin ahnungsvoll um ihm bei seiner

Mittheilung entgegen zu kommen. «Ja,» flüsterte Langenheim, «und --

die fremde Schauspielerin.» -- Therese zitterte. -- «Zittre nicht so

theures Weib!» fuhr jener fort; «schwach war dein Albert, er ist

es noch, aber niedrig konnte er nie handeln; höre, und dann richte

mich. Cornelia Bergen war wohl einst der Gegenstand meiner heftigsten

Liebe. Sie war von ausgezeichneter Schönheit und Liebenswürdigkeit,

besaß einen gebildeten Geist, so wie Sinn und Liebe für die Kunst

und Wissenschaften. Der Eindruck, den dies Alles auf mich machte,

verstärkte sich durch den Vorzug, welchen sie mir vor allen ihren

Verehrern gab und bald waren wir einig unter uns. Meinem Vater, der

schon viele Jahre kränklich war, wurde mein Verhältniß zu Cornelien

von einer geschäftigen alten Base hinterbracht und er zürnte so

heftig darüber, daß ich viele trübe Stunden hatte: Denn ich liebte

ihn herzlich, lag aber zu fest in Corneliens süßen Ketten, als daß

es mir möglich gewesen wäre, mich hier loszureissen. Ein jäher Tod

entriß mir den Vater in dieser Katastrophe und oft schlich sich der

reuige Sohn zu seinem Grabe und weinte hier seinen Schmerz darüber

aus, daß unversöhnt mit ihm das väterliche Herz gebrochen ist. Meine

dadurch oft getrübte Stimmung mißfiel Cornelien, welche immer heiter

und fröhlich war und bald bemerkte ich eine Veränderung in ihrem

Betragen. Ich forschte nach und erfuhr, daß ein fremder Officier mich

bei ihr verdrängt habe, mit diesem verschwand sie auf einmal. Ach

Therese! was ich hier litte war unbeschreiblich! Jahre lang kämpfte

ich mit meiner Liebe, mit meiner Reue, die mitleidige Zeit zog nach

und nach einen Vorhang über die Ereigniße der Vergangenheit und mir

wurde das Glück dich mein gutes Weib kennen zu lernen, durch die

Verbindung mit dir wurde jede Forderung meines Herzens befriedigt

und der Schatten meines Vaters versöhnt: denn oft entwarf er mir das

Bild eines Mädchens, wie er es für mich gewünscht, und diesem warst

du nicht nur ähnlich, du übertrafst dasselbe. Daß ich nun ganz in der

glücklichen Gegenwart lebte, dieß Therese wird dir meine unverstellte,

immer gleiche Zufriedenheit und Ruhe gezeigt haben; aber ich wollte

nicht frevelnd durch unangenehme Erinnerungen an die Vergangenheit

selbst meinen Frieden stören: daher vermied ich das Theater, und alles

was darauf Bezug hatte. Heute nun trat ich mit bangem Vorgefühl in die

Loge. Nicht lange, so hörte ich die bekannte Stimme, ein Blick und

ich erkannte Cornelien -- Alles was ich Trübes und Angenehmes in dem

einstigen Verhältniß mit ihr erfahren hatte, stürmte in dem Moment auf

mich ein und ich eilte fort, um in meinem häuslichen Asyl mich wieder

zu finden. Hier entstand aber erst recht eigentlich der Aufruhr in

meinem Innern. Die Schuld, an dir du Treue, durch Verheimlichung meiner

frühern Verhältniße begangen, stand riesenhaft vor mir, mich folterte

die Angst, wenn und wie du es erfahren würdest -- ich verwünschte

meine Schwäche, die mich verhinderte, jenes überraschende Ereigniß

männlich zu behandeln und durch welche ich ihm eine Wichtigkeit gab,

die es wohl nicht mehr hat -- tausenderlei Plane durchkreutzten mein

Gehirn, und ich konnte keinen festhalten. Nun erschienst du Engel! die

ruhige Klarheit deines ganzen Wesens vergegenwärtigte mir dein Anblick.

Auf einmal war auch ich mit mir im Reinen. Ich fühlte und dachte nichts

mehr als die Ueberzeugung, daß ich dir Nichts verschweigen dürfte und

nun -- ist es hier leichter,» sagte er, indem er auf die Brust deutete.

Therese hatte während der Erzählung mühsam nach Fassung gerungen, denn

der süße Wahn: daß sie ~alleine~ Alberts Herz beseßen habe, war

zerstört, ihr felsenfestes Vertrauen auf seine Treue die sie nach der

ihrigen maß, war erschüttert und die Aussicht in ihre häusliche Zukunft

schien ihr in diesem Augenblick getrübt. Jedoch, wer vermag den Grad

der Stärke der Liebe eines edlen Weibes zu bestimmen! -- Schwer ist der

Streit eines Helden mit äußern Feinden, ungleich schwerer der, jener

weiblichen Heldinen, mit den innern Gegnern! aber -- ihr Panier ist

die Liebe! mit diesem kämpfen und siegen -- sie dulden, sie tragen,

sie verläugnen sich selbst und ermüden nicht bei den fortwährenden

Forderungen ~der~ Pflichten, welche sie aus Liebe übernommen

haben. Auch Therese duldete keine andere Empfindung in ihrem Herzen.

Sie war bald wieder mit sich ganz einig und strebte nur noch die letzte

Regung einer vorübergehenden Wehmuth in sich nieder zu kämpfen, als

Langenheim endigte.

Nach einer kurzen Pause sagte sie sanft: «ich will kein Gedächtniß für

die Vergangenheit haben, für die Gegenwart will ich mir Kraft von Gott

erbitten und die Zukunft wird mich wieder mit deiner Liebe belohnen.»

«Herrliches trefliches Weib» rief Langenheim, warf sich vor ihr auf die

Kniee und bedeckte ihre Hand mit Küssen.

Therese bat ihn, ruhig zu werden und mit ihr gemeinschaftlich den

Plan zu einer übereinstimmenden Handlungsweise für die nächsten Tage

und Stunden zu überlegen, um in keiner Hinsicht den äussern Anstand

zu verletzen, da seine schnelle Entfernung aus dem Theater, leicht

Aufsehen erregt haben könnte.

«Ich werde alles thun, was du willst,» sagte Jener, «handle du für

mich, ich kann es nicht. Das Ganze hat ohnehin nicht nur mein Gemüth,

sondern auch meinen Körper so sehr angegriffen, daß ich mich recht

unwohl fühle.» Besorgt bat ihn Therese, sich niederzulegen und bestand

darauf, nach einem Arzt zu schicken. Indem sie über den Vorplatz

eilte, um einem Dienstmädchen hiezu den Befehl zu ertheilen, hörte

sie die Treppe herauf gehen. Sie blieb stehen und -- siehe da, der

Präsident stieg mit einem Frauenzimmer dieselbe herauf, in welcher

er Theresen die gefeierte Schauspielerin und dieser, die Dame von

Haus: Frau Finanzrath Langenheim vorstellte. Höchst schmerzlich

überrascht, war Therese mit sich selbst zu viel beschäftigt, um die

Bestürtzung Corneliens bei Erwähnung dieses Namens wahrzunehmen und

Volkmar scherzte darüber, da er sie für Schüchternheit auslegte und

sie versicherte: Einer Priesterin Thaliens müßte dies Gefühl ganz

fremd seyn, zumal in einem Hause, worin der Kunst so sehr gehuldigt

würde. Therese fand während dieser Rede Zeit, sich zu sammeln und

nachdem sie, den Gatten mit Unpäßlichkeit entschuldigend, die Gäste ins

Speisezimmer geführt hatte, entfernte sie sich auf kurze Zeit, schrieb

mit Bleifeder auf ein Stückchen Papier: «Ich sende Dir Albina zur

Pflege, da unsere Gäste, worunter auch Cornelia ist, mich in Anspruch

nehmen; beunruhige Dich nicht! ich werde mich zu beherrschen wissen und

hoffe, auch Du wirst Niemanden dein Inneres verrathen. Am wenigsten

Albinen.» Mit diesem Zettelchen schickte Therese Albina gleich von der

Küche, in welcher sie beschäftigt war, zum Vater, mit der Weisung, ihn

nicht zu verlassen, bis sie von ihr abgelößt werden würde. Dann kehrte

sie mit dem festen Entschluß: ihr aufgeregtes Inneres zu bemeistern,

zu ihren Gästen zurück. «Ganz stille, armes Herz!» sagte sie leise

und drückte fest die Hand darauf, «du darfst heute dein Recht nicht

geltend machen.» Der gefällig arrangirte runde Tisch lud freundlich

zur Abendmahlzeit ein. Volkmar ein feiner Weltmann führte das Wort,

Eugenia kramte dazwischen hie und da ein gelehrtes Wissen aus; Therese

lächelte, erzählte, hörte aufmerksam zu: doch Alles mit der höchsten

Anstrengung und -- Cornelia, ganz gegen die Weise der Schauspieler

war ernst, bescheiden und sprach nur, wenn sie aufgefordert wurde,

dann aber mit einer Tiefe des Gefühls, mit einer Wärme, und mit

einem Reichthum von Kenntnißen, daß Therese sie bewundern mußte.

Corneliens ganzes Wesen erregte ihre Theilnahme und ihre angebohrene

unaussprechliche Milde löste bald den Zwang, den sie Anfangs ihrem

Benehmen anlegen mußte in natürliche Werthschätzung und Freundlichkeit

auf. Ihre Geistes-Stärke ging so weit, daß sie, nachdem die Gäste

sich entfernt hatten, ihres Gatten heftige Aeußerung über Corneliens

Besuch mit vieler Mühe beschwichtigen und ihm von der gehaltreichen

Unterhaltung während des Abendeßen manches mittheilen konnte. «Edles,

edles Weib! wie hoch stehst du über mir!» rief Langenheim und preßte

ihre Hand an seine Lippen. «Ich thue nichts» erwiederte Therese, «als

was mich die Liebe zu dir, und die Gerechtigkeit gegen Andere lehrt;

ja der Wohlstand erfordert, daß ich morgen Cornelien einen Gegenbesuch

mache,» fuhr sie fort; «mein Albert hat doch nichts dagegen?» «Wie

könnte ich!» antwortete er, «ich unterwerfe mich ja allen deinen

Anordnungen!»

* * * * *

Am folgenden Tag, als sich Therese wirklich anschickte um zu Cornelien

zu gehen, sagte Albina, indem sie der Mutter den Mantel umgab und die

Schleifen der Haube ein wenig ordnete: «ach, wenn ich dich zu der

intereßanten Frau begleiten dürfte, liebe Mutter! welche Freude wäre

mir dies! Gewiß, als ich gestern Abend, dem Vater zur Unterhaltung

eine Lectüre zur Hand nahm, laß ich wirklich gar nicht hübsch. Ich war

so zerstreut, daß er es einigemal bemerkte und unwillig wurde, aber

ich konnte mir nicht helfen, ich war immer im Geist im Speisezimmer

und nur dein Gebot hielt mich ab bei Euch ein Bischen zuzusprechen,

denn unvergeßlich ist mir der Eindruck welchen die Künstlerin auf mich

gemacht hat.» «Nun, wer weiß,» erwiederte Therese, «sie verlängert

vielleicht ihren Aufenthalt, dann könnte es sich wohl fügen, daß du

mich einmal zu ihr begleiten würdest.»

Therese wurde bei Cornelien angemeldet, vermißte aber bei dem Empfang

ganz die gewandte Schauspielerin; sichtbar befangen wurde sie begrüßt.

Jedoch nach einigen gewöhnlichen Erörterungen des Theaters und

Corneliens Kunst, worinn so viel Steifes und Gezwungenes lag, daß es

Theresen drückend wurde, begann diese mit wahrer Engelsfreundlichkeit,

indem sie Cornelien näher rückte und ihre Hand ergriff: «mein ganzes

Gefühl sträubt sich gegen die Art und Weise unsers gegenseitigen

Benehmens, ich bin es mir klar bewußt: ~so~ kann und darf es nicht

bleiben; von einem wichtigen Ereigniß Ihres Lebens unterrichtet, habe

ich ein Recht zu wünschen, daß zwei Herzen, die sich in ~einem~

Gegenstand begegneten, sich nicht fremd bleiben möchten, lassen Sie

uns diesen ungestörten Augenblick benützen, sie gegeneinander zu

eröffnen, lassen Sie uns von der gewöhnlichen Weise unsers Geschlechts

abweichen, wo Eifersucht und Haß vielleicht jetzt trennend zwischen

uns tretten würde. O ich kann Sie nicht hassen,» rief sie lebhaft,

«ich ~muß~ Sie lieben, mein Albert hat Sie geliebt und -- ich

täusche mich nicht -- Sie verdienten diese Liebe!» Cornelia war tief

erschüttert und brach in Thränen aus. «Himmlische Güte!» stammelte sie

«-- nein -- nein Sie irren! ich war die Liebe eines so vorzüglichen

Mannes nicht werth. In dem Feuer des Unglücks geläutert, darf ich mich

wohl ~jetzt~, mit einigem Selbstgefühl der Annäherung eines so

edlen Wesens freuen -- aber die Vergangenheit reicht mir stets nur des

Vorwurfs Wermuthsbecher. Doch dieser Augenblick giebt meinem verweißten

Herzen, was es Jahrelang vergebens suchte: Mitgefühl, Theilnahme,

Freundschaft! o ich bin unaussprechlich glücklich!» setzte sie im

höchsten Affect hinzu und warf sich in Theresens Arme.

Sie glaubte: dieser ihre innige Dankbarkeit durch ein unbedingtes

Vertrauen am sprechendsten zu beweisen und in der Ueberzeugung theilte

sie der edlen Freundin ihre ganze Lebensgeschichte mit:

Von Schauspielern gebohren, war sie schon als kleines Kind auf der

Bühne einheimisch geworden. Ihr Vater gehörte zu den Gebildetern

seines Standes und wandte auf die Erziehung seiner einzigen Tochter

viel Fleis und Mühe. Ein geschickter ältlicher Schauspieler, der ihr

sehr gewogen war, trug auch das Seinige dazu bei und so wurde in ihr

nicht nur der Sinn für die Wissenschaft geweckt, sondern auch genährt

und vortheilhaft würkte dies auf ihr ganzes Betragen. Ihr Aeusseres

zog ihr überall einen Schwarm von Verehrern zu, deren Absichten aber

größtentheils unlauter waren, jedoch so leichtsinnig Cornelia schien,

so streng tugendhaft war sie wirklich. Ihre Eitelkeit gefiel sich in

den Bewerbungen der Männer, allein ihre Würde wußte dieselben in den

Schranken der Sittlichkeit zu erhalten. Langenheim näherte sich ihr

auf eine Art, welche seinen reinen Sinn und seine Liebe für Kunst und

Wissenschaft aussprach, dies machte ihr ihn sehr theuer. Die Stunden,

die sie zusammen verlebten, verstrichen nicht blos unter Kosen und

Tändeln: sie lasen miteinander die besten englischen, italienischen und

französischen Werke, er suchte mit ihr den Geist ihrer Rollen auf und

half sie ihr einstudiren, oder hörte ihrem Spiel auf dem Flügel und auf

der Guitarre zu. Diese reinen Genüsse wurden indessen bald durch die

Unzufriedenheit des Vaters Langenheims gestört. Albert kam nun oft in

trüber Stimmung zu Cornelien und als endlich vollends der Vater jäh und

unversöhnt mit dem Sohne starb, war dieser einige Zeit ganz tiefsinnig.

Ob sich wohl seine Liebe gegen Cornelien immer gleich blieb und ihr

Einfluß auf seine Stimmung, wenigstens in ihrer Gegenwart sichtbar

vortheilhaft war: so wurde es dieser doch in die Länge peinlich, immer

trösten, immer beruhigen zu müssen und zum Unglück lernte sie in der

Periode einen Officier kennen, der mit einem sehr vortheilhaften

Aeussern die Gabe der Verführungskunst im hohen Grad besaß. Er verstand

es, Langenheim zu verdrängen und in Cornelien eine glühende Liebe für

ihn zu erwecken. Die Revolution in Frankreich wüthete, die deutschen

Fürsten boten ihre Völker auf, auch Romberg (so hieß der Officier)

bekam Ordre zum Marsch. Er überredete Cornelien ihm ins Hauptquartier

zu folgen. Hier lebte von ihm ein Jugendfreund als Geistlicher. Dieser

mußte den ungestümmen Bitten desselben nachgeben und das Paar trauen.

«Kurz war der seeligste Traum meines Lebens!» sagte tiefseufzend

Cornelia, «und fürchterlich war sein Erwachen. Was Liebe erfinden kann

um zu beglücken, das war mein schöner Theil in den geschloßnen Ehebund

und in der noch ~nie~ genossenen, aber in ihrer Neuheit mir

unbeschreiblich süßen häußlichen Stille, entflohen mir die glücklichen

Flitterwochen. Allein bald entdeckte ich finstre Wolken auf der

Stirne meines Gatten. Er wich meinen ängstlichen Fragen aus und half

sich mit leeren Ausflüchten. Sein Trübsinn nahm jedoch immer mehr zu

und -- an einem Abend, wo er mit einer seltsamen Bewegung von mir

schied, da ihn Dienstgeschäfte riefen -- sah ich ihn zum letztenmal!

Vergeblich wartete ich zur gewöhnlichen Zeit auf seine Rückkehr. Die

Nacht erschien, sie verstrich, ohne Ruhe und Schlaf für mich und

-- Romberg kam nicht wieder.» Ein Strom von Thränen unterbrach hier

Cornelien, Therese umfaßte tiefgerührt die Trauernde und ihre innige

Theilnahme besänftigte den aufgeregten Sturm in dem Gemüth derselben.

Nach einer Pause fuhr sie fort: «Ich erfuhr nachher durch meine

Wirthsleute, welches gute Menschen und mir in Liebe und Mitleid sehr

zugethan schienen, daß Romberg meinetwegen ein Duell gehabt hätte und

da dies unglücklich ausgefallen sey, genöthigt worden wäre: mich und

den Dienst heimlich zu verlassen. Wer beschreibt meine hülflose Lage!

Ohne alles Vermögen, mit jener Gesellschaft, von der ich mich durch

Romberg verleitet, selbst getrennt hatte; aus aller Verbindung, hatte

ich Niemanden auf der weiten Welt, dem ich näher angehörte und war

also auch nicht im Stand irgend eine andere Lebensweise zu beginnen,

als mich eben wieder auf eine andere Bühne zu begeben. Mein Hauswirth

dem ich mich vertraute und der mich mit etwas Geld unterstützte, erbot

sich, mit dem Direktor der Truppe, welche in dem Ort spielt, wo ich

mich befand, meinetwegen zu sprechen: allein mir war es unmöglich

hier aufzutretten; ich verkaufte einen Ring, das Einige was ich noch

von Werth besaß und fuhr mit dem Postwagen nach C* wo ich bei dem

dortigen berühmten Theater gerne aufgenommen wurde. Vor Mangel war ich

nun wieder geschützt: aber in meinem Innern sah es furchtbar aus. Das

Leiden einer Betrogenen, immer noch heftigen Liebe, erkannte ich für

eine gerechte Strafe meiner an Langenheim verübten Untreue, der mir,

nicht nur die öffentliche Meinung, sondern auch die Liebe seines Vaters

geopfert hatte. Die Sorge um sein Schicksal, welches das Gefühl meines

eigenen Glückes verdrängt hatte, trat wieder hervor und verfolgte

mich immer, auch wollte mir das Schauspielerleben durchaus nicht mehr

zusagen. Ich hatte -- wie wohl nur in kurzen 4 Wochen -- mit meinem

Romberg gefühlt, was häusliches Glück ist und mit unaussprechlicher,

doch vergeblicher Sehnsucht hing ich den süßen Träumen nach, die mir

meine rege Phantasie davon entwarf. Die Zeit nahte heran, wo ich einem

armen vom grausamen Vater verlassenen Kinde das Leben geben sollte, ich

konnte nicht mehr auf der Bühne erscheinen und in die trübe Einsamkeit,

in welcher ich nun lebte, folgten mir die Gespenstergleichen Bilder

meines Unglücks.

Endlich vertrieben die Kriegsunruhen unsere Gesellschaft aus jener

Gegend. Auf der Reise wurde ich in einem kleinen Oertchen von einer

Tochter entbunden. Doch» -- hier schien Cornelia mit einer geheimen

Unruhe zu kämpfen -- «doch auch das Kind starb. Für so viele bittere

Erfahrungen suchte ich Trost in dem Gebieth der Wissenschaften und

durch immerwährendes Studium gelang es mir, mich mit bereichertem

Geist aber verarmten Herzen auf den Standpunct empor zu schwingen,

auf welchem ich nun stehe, wo ich gewöhnlich rauschenden Beifall

einerndte, doch sonst auch Nichts für meine bessere Sehnsucht gewinne.

Meine Absicht ist auch, mir nur eine gewisse Summe zu erwerben, dann

auf dem Lande mich anzukaufen und dort in der Stille mein vergriffenes

Leben zu vertrauern. -- Wohl» setzte sie noch hinzu, «habe ich jetzt

viel, sehr viel meinem Verhältniß als Schauspielerin zu danken! ich

lernte durch dasselbe ein Wesen kennen, das, wie ein tröstender

Engel aus bessern Welten, wieder Ruhe und Stille in das ungestümme

Meer meiner Empfindungen gebracht hat. Auch weiß ich, daß Langenheim

glücklich ist, ertrage also leichter in Zukunft mein eigenes Unglück.

Ach, wie konnte ich mir ~die~ seelige Folge denken, als ich mich

gestern entschloß, Ihrem Gast zu folgen, welcher mich nach geendigtem

Schauspiel aufsuchte und mir anbot mich in das Haus eines seiner

Freunde zu bringen, worinnen Künstler so sehr willkommen wären; ich

willigte ziemlich gleichgültig ein, denn erst, als ich vor Ihnen

stand, hörte ich den mir unvergeßlichen Namen. Geübt in der Kunst

mich, wenn es seyn muß, auf der Bühne anders zu geben als ich bin, war

mir doch dies in jenem Augenblick eben so unmöglich als auch vorhin

bei Ihrem Eintritt eine Verwirrung zu verbergen. Nur Ihre hinreißende

Herzlichkeit und Güte --» «Wie glücklich wäre ich,» fiel Therese hier

schnell ein, «wenn ich mir durch mein Benehmen eine Freundin gewonnen

hätte!» Cornelia hob das schöne dunkle Aug gen Himmel, faltete die

Hände und sprach in Begeisterung: «Gott! mache mich dieses großen

Glückes, der Freundschaft dieser Edlen würdig!» --

* * * * *

Mit kurzer Auswahl theilte Therese nach und nach ihrem Gatten aus

Corneliens Lebensgeschichte mit, was ihr, ihm zu sagen nothwendig

däuchte (auch Albinen erzählte sie manches davon, welches diese

mit großem Intereße aufnahm). Vorzüglich blieb sie bei dem, von der

Freundin geäusserten Wunsch: vom Theater wegzugehen und sich auf dem

Lande anzukaufen -- öfters stehen, und sprach denselben gleich einem

Eigenen aus. Zufällig wurde eben ein kleines Landhaus in der Nähe der

Stadt feilgeboten und Therese forderte von ihrem Gatten als einen

Beweis seiner Liebe für sie: ihr das dazu erforderliche Capital als

Vorschuß für Cornelien und seinen Beistand bei den Unterhandlungen des

Kaufs zu bewilligen. Langenheim betrachtete sie lange stillschweigend.

Er fürchtete durch irgend eine Aeußerung das zarte Gefühl ihres schönen

Herzens zu verletzen, das er fähig war in diesem Augenblick ganz zu

durchschauen, ganz zu verstehen. Endlich schloß er sie in seine Arme

und sagte: «bestimme über mein Vermögen, über meine Handlungsweise!

mein edles Weib wird nichts von mir fordern, das ich nicht leisten

könnte und leisten dürfte.» Mit inniger Rührung hörte und nahm Cornelia

Theresens großmüthiges Anerbiethen an, und es entzückte sie die

Aussicht künftig in der Nähe dieser theuern Freundin ein glückliches

und ruhiges Leben führen zu können. Sie verlangte und erhielt bald

darauf ihre Entlassung vom Theater und fühlte sich durch Theresens

achtungsvolle Freundschaft mehr geehrt, als durch alle, noch so

vortheilhafte mündliche und schriftliche Urtheile über ihre Kunst,

wovon die Zeitschriften erfüllt waren und die gesellschaftlichen Zirkel

wiederhallten. O den Besitz eines edlen Menschenherzens wiegt keine

Krone auf: sie sey von Gold oder von Lorbeeren!

Therese gieng nun wegen des Kaufs des Landguts öfters zu Cornelien,

denn Langenheim hatte jede ~mittelbare~ Hülfe versprochen, aber

kein Verlangen gezeigt, sich Cornelien persönlich zu nähern. Die Gattin

schien ihn hier ganz ruhig nach eigener Willkühr handeln zu lassen,

äusserte keine Besorgniß, daß sich die alten Freunde wieder sehen

würden, wollte es aber auch nicht absichtlich veranlassen, sondern

überließ Alles dem Gang der Zeit und des Schicksals, welchem auch

Cornelia nicht vorgreifen zu wollen schien und Langenheims Haus seit

dem ersten Besuch nicht betretten hatte. Therese hatte ihr von dem

Eindruck, den ihr Wiederfinden auf Langenheim machte, nichts gesagt,

aber sie aufrichtig seiner fortdauernden Freundschaft oft versichert

und auf diese Weise ein rein herzliches doch leidenschaftsloses Gefühl

in beider Gemüther erregt und unterhalten.

Albina, das Blumenmädchen · 第 1 / 16 段