Da rief ich leise: „Katharina!“

Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich einer

Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als ich sie

endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig vor ihr

stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer fremden

Stimme sagte sie: „Es ist nun einmal so, Johannes! Ich wußte wohl, du

seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, daß du heute kommen

würdest.“

Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: „Katharina,—so bist du des

Predigers Eheweib?“

Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. „Er hat das

Amt dafür bekommen“, sagte sie, „und dein Kind den ehrlichen Namen.“

—„Mein Kind, Katharina?“

„Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß gesessen;

einmal doch, er selbst hat es mir erzählet.“

—Möge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!—„Und du, du

und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!“

Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich todtenbleich.

„Ich will das nicht!“ schrie ich; „ich will …“ Und eine wilde

Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn.

Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf meine

Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen Antlitz

sahen mich flehend an. „Du, Johannes“, sagte sie, „du wirst es nicht

sein, der mich noch elender machen will.“

—„Und kannst denn du so leben, Katharina?“

„Leben?—Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das Kind;—was ist denn

mehr noch zu verlangen?“

—„Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er davon?“

„Nein, nein!“ rief sie heftig. „Er nahm die Sünderin zum Weibe: mehr

nicht. O Gott, ist’s denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm

angehört!“

In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.— „Das

Kind“, sagte sie. „Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm ein Leids

geschehen!“

Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. „Bleib

doch“, sagte ich, „es spielet ja fröhlich dort mit seinem Moose.“

Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. Die

goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter Hauch kam

von der See herauf. Da hörten wir von jenseits durch die Weiden das

Stimmlein unseres Kindes singen:

„Zwei Englein, die mich decken,

Zwei Englein, die mich strecken,

Und zweie, so mich weisen

In das himmlische Paradeisen.“

Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und geisterhaft

mich an. „Und nun leb wohl, Johannes“, sprach sie leise; „auf

Nimmerwiedersehen hier auf Erden!“

Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus;

doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: „Ich bin des anderen Mannes

Weib; vergiß das nicht.“

Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. „Und

wessen, Katharina“, sprach ich hart, „bist du gewesen, ehe bevor du

sein geworden?“

Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor ihr

Angesicht und rief. „Weh mir! O wehe, mein entweihter armer Leib!“

Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust,

ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich

wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen Lippen

duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ich hätte sie

tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterben können. Und als

dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz weideten, da sprach

sie, fast erstickt von meinen Küssen: „Es ist ein langes, banges Leben!

O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!“

—Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, aus

dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der Ruf kam

von drüben aus dem Predigergarten, und noch einmal und härter rief es:

„Katharina!“

Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie

mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort.

—Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da. Er

begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich einzureden.

„Ihr haltet wohl nicht viel davon“, sagte er; „sonst wäret Ihr heute

nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar die Bauern und ihre

Weiber in die Stadt getrieben.“

Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei durchschnitt

die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben.

„Was war das, Küster?“ rief ich.

Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah

nichts weiter. „So mir Gott“, sagte er, „es war ein Weib, das so

geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam’s.“

Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. „Nun, Herr?“ rief

sie mir zu. „Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach gefallen!“

—„Was soll das heißen, Trienke?“

„Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus dem

Wasser ziehen.“

Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die

Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle Wasser

und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.—Ich bedachte mich

nicht, es war ganz wie von selber, daß ich durch das weiße Pförtchen in

des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus wollte, trat er selber

mir entgegen.

Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren geröthet,

und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. „Was wollt Ihr?“ sagte

er.

Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich denn

eigentlich?

„Ich kenne Euch!“ fuhr er fort. „Das Weib hat endlich alles

ausgeredet.“

Das machte mir die Zunge frei. „Wo ist mein Kind!“ rief ich.

Aquis Submersus · 第 4 / 6 题