—„Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?“
„Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe.“
Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. „Gehet nicht,
Johannes“, sagte er dringend; „erzählet mir zum wenigsten, was
geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath gewußt!“
„Hernach, Dieterich, hernach!“ entgegnete ich. Und also mit diesen
Worten riß ich meine Hände aus den seinen.
Der Alte schüttelte den Kopf. „Hernach, Johannes“, sagte er, „das weiß
nur unser Herrgott!“
Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei eben in
seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum befragte.
Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst
betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war hier
vielerlei Gewaffen, Handröhre und Arkebusen, auch allerart Jagdgeräthe
an den Wänden angebracht; sonst war es ohne Zier und zeigete an ihm
selber, daß niemand auf die Dauer und mit seinen ganzen Sinnen hier
verweile.
Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des
Junkers „Herein“ die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu mir
wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren Radschloß
er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den Tollen käme.
„So?“ sagte er gedehnet; „wahrhaftig, Sieur Johannes, wenn’s nicht
schon sein Gespenste ist!“
„Ihr dachtet, Junker Wulf“, entgegnet ich, indem ich näher zu ihm trat,
„es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in Euere
Kammer fahren!“
—„So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch
immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!“
In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem
Sprunge lag, so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr.
Jedennoch sprach ich: „Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort, Herr
Junker!“
Er aber unterbrach meine Rede: „Du wirst gewogen sein, mich erstlich
auszuhören! Sieur Johannes“—und seine Worte, die erst langsam waren,
wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll—, „vor ein paar Stunden, da ich
mit schwerem Kopf erwachte, da fiel’s mir bei und reuete mich gleich
einem Narren, daß ich im Rausch die wilden Hunde dir auf die Fersen
gesetzet hatte;—seit aber Bas’ Ursel mir den Fetzen vorgehalten, den
sie dir aus deinem Federbalg gerissen,— beim Höllenelement! mich reut’s
nur noch, daß mir die Bestien solch Stück Arbeit nachgelassen!“
Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker schwieg,
so dachte ich, daß er auch hören würde. „Junker Wulf“, sagte ich, „es
ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin kein geringer Mann
in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch einmal den Größeren
gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich, gebet Euere Schwester
Katharina mir zum Ehgemahl—“
Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz starrten
mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen schlug mir in
das Ohr, ein Schuß—dann brach ich zusammen und hörete nur noch, wie mir
der Degen, den ich ohn Gedanken fast gezogen hatte, klirrend aus der
Hand zu Boden fiel.
Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren
Sonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß,
mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend, an dessen jenseitigem
Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thörichten Augen suchten stets
aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir vorstellete, Katharinens
Kämmerlein von drüben auf die schon herbstlich gelben Wipfel schaue;
denn von ihr selber hatte ich keine Kunde.
Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des
Junkers Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem Weibe
und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langen Lagers
niemand zu mir gekommen.—Von wannen ich den Schuß in meine Brust
erhalten, darüber hat mich niemand befragt, und ich habe niemandem
Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn Gerhardus’ Sohn und
Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir zu Sinnen kommen. Er
mochte sich dessen auch wohl getrösten; noch glaubhafter jedoch, daß er
allen diesen Dingen trotzete.
Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des
Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als Lohn
für Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in Gedanken, es
sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein Weib wohl später
nicht zu viel empfahen würde. Zu einem traulichen Gespräch mit
Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir nicht gerathen
wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes allaugenblicks in
meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, daß der Junker nicht
nach Kiel gereiset und Katharina seither von niemandem weder in Hof
noch Garten war gesehen worden; kaum konnte ich noch den Alten bitten,
daß er dem Fräulein, wenn sich’s treffen möchte, meine Grüße sage, und
daß ich bald nach Holland zu reisen, aber bälder noch zurückzukommen
dächte, was alles in Treuen auszurichten er mir dann gelobete.
Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich, gegen
den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die letzten
Blätter von den Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; langete
auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der holländischen
Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar liebreich empfangen
wurde, und mochte es auch ferner vor ein glücklich Zeichen wohl
erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort zurückgelassen, durch die
hilfsbereite Vermittelung meines theueren Meisters van der Helst beide
zu ansehnlichen Preisen verkaufet waren. Ja, es war dessen noch nicht
genug: ein mir schon früher wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er
habe nur auf mich gewartet, daß ich für sein nach dem Haag
verheirathetes Töchterlein sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch
sofort ein reicher Lohn dafür versprochen. Da dachte ich, wenn ich
solches noch vollendete, daß dann genug des helfenden Metalles in
meinen Händen wäre, um auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl
bestellet Heimwesen einzufahren.
Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes war,
mit allem Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner Abreise
gar fröhlich nah und näher rücken sahe, unachtend, mit was vor üblen
Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte.
Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.— Als
nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen willen
mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte in der
Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet, die schlecht geheilte Wunde warf
mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste auf allen
Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann mein Siechthum
und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt. Zwar der besten
Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein Mangel, aber in
Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine Kunde konnte von ihr,
keine zu ihr kommen.
Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine grünen
Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber statt des
frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an Bord. Doch ging
die Reise rasch und gut von Statten.
Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor nun
fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald, an dem
noch kaum die ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon die Finken
und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kümmerten sie mich heute!—Ich
ging aber nicht nach Herrn Gerhardus’ Herrengut; sondern, so stark mein
Herz auch klopfete, ich bog seitwärts ab und schritt am Waldesrand
entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in Hans Ottsens Krug und ihm
gar selber gegenüber.
Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht
munter. „Nur“, fügte er bei, „mit den Schießbüchsen müsset Ihr nicht
wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein Malerpinsel.“
Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, hier
allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach dem alten
Dieterich.
Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee, wie es
so starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn auch gelinden
Todes verfahren sei. „Der freuet sich“, sagte Hans Ottsen, „daß er zu
seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für ihn auch besser so.“
„Amen!“ sagte ich; „mein herzlieber alter Dieterich!“
Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft von
Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, und ich
sprach beklommen: „Was machet denn Euer Nachbar, der von der Risch?“
„Oho“, lachte der Alte; „der hat ein Weib genommen, und eine, die ihn
schon zu Richte setzen wird.“
Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, daß
er nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den Namen
nannte, so war’s ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der
Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie’s drüben in Herrn
Gerhardus’ Haus bestellet sei, und wie das Fräulein und der Junker mit
einander hauseten.
Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. „Ihr meinet
wohl“, sagte er, „daß alte Thürm’ und Mauern nicht auch plaudern
könnten!“
„Was soll’s der Rede?“ rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer aufs
Herz.
„Nun, Herr Johannes“, und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in die
Augen, „wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am besten
wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten hier gewesen;
nur wundert’s mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen; denn Junker Wulf
wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen Spiel gemachet haben.“
Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig worden;
dann aber kam mir plötzlich ein Gedanke. „Unglücksmann!“ schrie ich,
„Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina sei mein Eheweib
geworden?“
„Nun, lasset mich nur los!“ entgegnete der Alte—denn ich schüttelte ihn
an beiden Schultern.—„Was geht’s mich an! Es geht die Rede so! Auf alle
Fäll’; seit Neujahr ist das Fräulein im Schloß nicht mehr gesehen
worden.“
Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich wisse
nichts von alledem.
Ob er’s geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, es
sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in großer
Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas’ Ursel das
Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der Mägde eine, so
durch die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über den Flur nach der
Treppe haben gehen sehen; dann später hätten sie deutlich einen Wagen
aus dem Thorhaus fahren hören, und seien seit jener Nacht nur noch Bas’
Ursel und der Junker in dem Schloß gewesen.
—Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um
Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll nicht
hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte Geschwätz, davon
Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum machete ich mich auf
nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus’ Schwester; aber die Dame wollte
mich nicht vor sich lassen; wurde im übrigen mir auch berichtet, daß
keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr gesehen worden. Da reisete ich
wieder zurück und demüthigte mich also, daß ich nach dem Hause des von
der Risch ging und als ein Bittender vor meinen alten Widersacher
hintrat. Der sagte höhnisch, es möge wohl der Buhz das Vöglein sich
geholet haben; er habe dem nicht nachgeschaut; auch halte er keinen
Aufschlag mehr mit denen von Herrn Gerhardus’ Hofe.
Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach Hans
Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu dringen,
er würde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.— Da bin ich in
den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am Weg auf ihn
gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloß geworden; wir haben
gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein Degen in die
Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen bösen Augen an;
gesprochen hat er nicht.—Zuletzt bin ich zu längerem Verbleiben nach
Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit größerer Umsicht
meine Nachforschungen zu betreiben dachte.
Es ist alles doch umsonst gewesen.
Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir liegt
dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein, meiner
Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.—Ich werde auf meiner Reise
dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus’ Hof belegen ist.
Aber das alles gehört ja der Vergangenheit.
Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der
Schreiber ein fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner
Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe.
Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte nicht
zweifeln, der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer aber war jener
tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft in seinen Arm
gebettet hatte?—Sinnend nahm ich das zweite und zugleich letzte Heft,
dessen Schriftzüge um ein weniges unsicherer erschienen. Es lautete wie
folgt:
Geliek as Rook un Stoof verswindt,
Also sind ock de Minschenkind.
Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem Thürsims
eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich allzeit meine
Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen Wanderungen ist dann
selbiger Spruch oft lange mein Begleiter blieben. Da sie im letzten
Herbste das alte Haus abbrachen, habe ich aus den Trümmern diesen Stein
erstanden, und ist er heute gleicherweise ob der Thüre meines Hauses
eingemauert worden, wo er nach mir noch manchen, der vorübergeht, an
die Nichtigkeit des Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er eine
Mahnung sein, ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit
der Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben
Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit meinem
kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so ich bei
meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet, dir nicht habe
anvertrauen mögen.
Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der Nordsee;
maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der Auftrag
worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie zum
schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen, der hiesigen
Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es denn auch noch
heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu schauen ist. Daneben
wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus Axen, so früher in Hamburg
Thumherr und mir von dort bekannt war, sein Conterfey von mir gemalet,
so daß ich für eine lange Zeit allhier zu schaffen hatte.—Mein Losament
aber hatte ich bei meinem einzigen und älteren Bruder, der seit lange
schon das Secretariat der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als
unbeweibter Mann lebte, war hoch und räumlich, und war es dasselbig
Haus mit den zwo Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin
ich, nachdem es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben,
anitzt als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den
vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre.
Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe
eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und bekam
alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte. Nur daß die
gute Frau selber gar zu gegenwärtig war; denn allaugenblicklich kam sie
draußen von ihrem Schanktisch zu mir hergetrottet mit ihren
Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer Wohlbeleibtheit mir auf den
Malstock und roch an meinem Bild herum; gar eines Vormittages, da ich
soeben den Kopf des Lazarus untermalet hatte, verlangte sie mit viel
überflüssigen Worten, der auferweckte Mann solle das Antlitz ihres
Seligen zur Schau stellen, obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu
Gesicht bekommen, von meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger,
wie es die Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine
blaurothe Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man
glauben mag, dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten
müssen. Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft nach ihr
gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet, und sie endlich
von mir lassen müssen, da sank mir die Hand mit dem Pinsel in den
Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, da ich eines gar
andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, und wer da in der
kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.— Und also rückwärts
sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; als aber selbiger eine
gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich zu eigener Verwunderung
gewahren, daß ich die Züge des edlen Herrn Gerhardus in des Lazari
Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem Leilach blickte des Todten
Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen mich, und ich gedachte: So
wird er dir einstmals in der Ewigkeit entgegentreten!
Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich auf
meine Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster setzte und
durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt hinabsah. Es gab
aber groß Gewühl dort, und war bis drüben an die Rathswaage und weiter
bis zur Kirchen alles voll von Wagen und Menschen; denn es war ein
Donnerstag und noch zur Stunde, daß Gast mit Gaste handeln durfte, also
daß der Stadtknecht mit dem Griper müßig auf unseres Nachbaren
Beischlag saß, maßen es vor der Hand keine Brüchen zu erhaschen gab.
Die Ostenfelder Weiber mit ihren rothen Jacken, die Mädchen von den
Inseln mit ihren Kopftüchern und feinem Silberschmuck, dazwischen die
hochgethürmeten Getreidewagen und darauf die Bauern in ihren gelben
Lederhosen—dies alles mochte wohl ein Bild für eines Malers Auge geben,
zumal wenn selbiger, wie ich, bei den Holländern in die Schule gegangen
war; aber die Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe.
Doch war es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein
sehnend Leid kam immer gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit
wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an. Drunten lag
der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen Augen aber
dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein paar Zackengiebel
auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus Träumen schlugen leis und
fern die Nachtigallen. O du mein Gott und mein Erlöser, der du die
Barmherzigkeit bist, wo war sie in dieser Stunde, wo hatte meine Seele
sie zu suchen?—
Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme meinen
Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen großen
hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers, obschon sein
herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und dem tiefen
Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann angestanden wäre. Er
wies soeben einem andern, untersetzten Manne von bäuerischem Aussehen,
aber gleich ihm in schwarzwollenen Strümpfen und Schnallenschuhen, mit
seinem Handstocke nach unserer Hausthür zu, indem er selbst zumal durch
das Marktgewühle von dannen schritt.
Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich hinab
und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, darauf ich
ihn genöthigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete.
Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und erfuhr
ich bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des Pastors Bildniß
in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein wenig, was für Verdienst
um die Gemeine dieser sich erworben hätte, daß sie solche Ehr ihm
anzuthun gedächten, da er doch seines Alters halben noch nicht gar lang
im Amte stehen könne; der Küster aber meinete, es habe der Pastor
freilich wegen eines Stück Ackergrundes einmal einen Proceß gegen die
Gemeine angestrenget, sonst wisse er eben nicht, was Sondres könne
vorgefallen sein; allein es hingen allbereits die drei Amtsvorweser in
der Kirchen, und da sie, wie er sagen müsse, vernommen hätten, ich
verstünde das Ding gar wohl zu machen, so sollte der guten Gelegenheit
wegen nun auch der vierte Pastor mit hinein; dieser selber freilich
kümmere sich nicht eben viel darum.
Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten auf
eine Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen aber wegen
eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen konnte, so hub ich
an, dem Auftrage näher nachzufragen.
Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar gering,
so daß ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen Pfennigmaler, wie
sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten für ihre heimgebliebenen
Dirnen abzumalen; aber es muthete mich plötzlich an, auf eine Zeit
allmorgendlich in der goldnen Herbstessonne über die Heide nach dem
Dorf hinauszuwandern, das nur eine Wegstunde von unserer Stadt belegen
ist. Sagete also zu, nur mit dem Beding, daß die Malerei draußen auf
dem Dorfe vor sich ginge, da hier in meines Bruders Hause paßliche
Gelegenheit nicht befindlich sei.
Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor
schon fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls
ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Küsterei
erwählet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am
Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden, so
daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder, die im
Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus geschicket.
Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße des
Bildes fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth, deß ich
bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr hinausbefördert
werden.
Als mein Bruder dann nach Hause kam—erst spät am Nachmittage; denn ein
Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer Schinderleichen,
so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen wollten—, meinete er, ich
bekäme da einen Kopf zu malen, wie er nicht oft auf einem
Priesterkragen sitze, und möchte mich mit Schwarz und Braunroth wohl
versehen; erzählete mir auch, es sei der Pastor als Feldcapellan mit
den Brandenburgern hier ins Land gekommen, als welcher er’s fast wilder
denn die Offiziers getrieben haben solle; sei übrigens itzt ein
scharfer Streiter vor dem Herrn, der seine Bauern gar meisterlich zu
packen wisse.—Noch merkete mein Bruder an, daß bei desselbigen
Amtseintritt in unserer Gegend adelige Fürsprach eingewirket haben
solle, wie es heiße, von drüben aus dem Holsteinischen her; der
Archidiaconus habe bei der Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen
lassen. War jedoch Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden.
So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über die
Heide schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits ihr
rothes Kleid und ihren Würzeduft verbrauchet und also diese Landschaft
ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von grünen Bäumen war
weithin nichts zu ersehen; nur der spitze Kirchthurm des Dorfes, dem
ich zustrebte—wie ich bereits erkennen mochte, ganz von Granitquadern
auferbauet—, stieg immer höher vor mir in den dunkelblauen
Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen Strohdächern, die an seinem Fuße
lagen, krüppelte nur niedrig Busch- und Baumwerk; denn der
Nordwestwind, so hier frisch von der See heraufkommt, will freien Weg
zu fahren haben.
Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei
gefunden hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze
Schul entgegen; der Küster aber hieß an seiner Hausthür mich
willkommen. „Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!“ sagte
er. „Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen sehen.“
In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich
denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf
seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; das
war ein schöner blasser Knabe, den er an der Hand mit sich führete; das
Kind mochte etwan vier Jahre zählen und sahe fast winzig aus gegen des
Mannes hohe knochige Gestalt.
Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so gingen
wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, daß man nach
den anderen Seiten über Marschen und Heide, nach Westen aber auf den
nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen kann. Es mußte eben Fluth
sein; denn die Watten waren überströmet, und das Meer stund wie ein
lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie oberhalb desselben die Spitze des
Festlandes und von der andern Seite diejenige der Insel sich gegen
einander strecketen, wies der Küster auf die Wasserfläche, so
dazwischen liegt. „Dort“, sagte er, „hat einst meiner Eltern Haus
gestanden; aber anno 34 bei der großen Fluth trieb es gleich hundert
anderen in den grimmen Wassern; auf der einen Hälfte des Daches ward
ich an diesen Strand geworfen, auf der anderen fuhren Vater und Bruder
in die Ewigkeit hinaus.“
Ich dachte: ,So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch ohne den
Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.‘
Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt dessen
Nacken mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die zarte Wange
an das schwarze bärtige Gesicht des Mannes, als finde er so den Schutz
vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort vor unseren Augen
ausgebreitet lag.
Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich mir
die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl eines
guten Pinsels werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben
Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schüler van der Helsts hier in
gar sondere Gesellschaft kommen.
Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte
Stimme des Pastors neben mir: „Es ist nicht meines Sinnes, daß der
Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber ich
habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister, machet
es kurz; ich habe besseren Gebrauch für meine Zeit.“
Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl für
meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget, fragete ich
einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem Bruder mir war
gerühmet worden.
Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. „Da
kommet ihr zu spät“, sagte er, „es ging in Trümmer, da ich’s aus der
Kirche schaffen ließ.“
Ich sah ihn fast erschrocken an. „Und wolltet Ihr des Heilands Mutter
nicht in Euerer Kirche dulden?“
„Die Züge von des Heilands Mutter“, entgegnete er, „sind nicht
überliefert worden.“
—„Aber wollet Ihr’s der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn zu
suchen?“
Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu den
Kleinen nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines halben
Kopfes Höhe;—dann sprach er heftig: „Hat nicht der König die
holländischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; nur um
durch das Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht zu trotzen?
Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drüben in der Stadt sich
zwei der Heiligen in ihr Gestühlte schnitzen lassen? Betet und wachet!
Denn auch hier geht Satan noch von Haus zu Haus! Diese Marienbilder
sind nichts als Säugammen der Sinnenlust und des Papismus; die Kunst
hat allzeit mit der Welt gebuhlt!“
Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag
liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie
schmiegte.
Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber danach,
daß wir in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine edle Kunst
an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub.
Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide nach
dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend antraf
Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto rascheren
Fortgang. Gemeiniglich saß der Küster neben uns und schnitzete allerlei
Geräthe gar säuberlich aus Eichenholz, dergleichen als eine Hauskunst
hier überall betrieben wird; auch habe ich das Kästlein, woran er
derzeit arbeitete, von ihm erstanden und darin vor Jahren die ersten
Blätter dieser Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes
Willen diese letzten darin sollen beschlossen sein.—
In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige
auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er
stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der Ecke
des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heiße, antwortete
er: „Johannes!“—„Johannes?“ entgegnete ich, „so heiße ich ja auch!“—Er
sah mich groß an, sagte aber weiter nichts.
Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?—Einmal gar überraschete
mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den Pinsel müßig auf der
Leinewand ruhen ließ. Es war etwas in dieses Kindes Antlitz, das nicht
aus seinem kurzen Leben kommen konnte; aber es war kein froher Zug. So,
dachte ich, sieht ein Kind, das unter einem kummerschweren Herzen
ausgewachsen. Ich hätte oft die Arme nach ihm breiten mögen; aber ich
scheuete mich vor dem harten Manne, der es gleich einem Kleinod zu
behüten schien. Wohl dachte ich oft: ,Welch eine Frau mag dieses Knaben
Mutter sein?‘—
Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau
befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: „Die kennt man
nicht; in die Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier und Hochzeit
ist.“—Der Pastor selbst sprach nicht von ihr. Aus dem Garten der
Küsterei, welcher in eine dichte Gruppe von Fliederbüschen ausläuft,
sahe ich sie einmal langsam über die Priesterkoppel nach ihrem Hause
gehen; aber sie hatte mir den Rücken zugewendet, so daß ich nur ihre
schlanke, jugendliche Gestalt gewahren konnte, und außerdem ein paar
gekräuselte Löckchen, in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren
getragen werden und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das Bild
ihres finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es
passe dieses Paar nicht wohl zusammen.
—An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die Arbeit
an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger Zeit diese
Bilder mit einander nahezu vollendet waren.
So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem Bruder
unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die Kerze fast
herabgebrannt, und die holländische Schlaguhr hatte schon auf Eilf
gewarnt; wir aber saßen am Fenster und hatten der Gegenwart vergessen;
denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir mitsammen in unserer Eltern
Haus verlebet hatten; auch unseres einzigen lieben Schwesterleins
gedachten wir, das im ersten Kindbette verstorben und nun seit lange
schon mit Vater und Mutter einer fröhlichen Auferstehung
entgegenharrete.—Wir hatten die Läden nicht vorgeschlagen; denn es that
uns wohl, durch das Dunkel, so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt
lag, in das Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken.
Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem dunkeln
Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit Rast und
Unrast fanden.—Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren Höhen, fiel es
mir jählings in die Brust: Die Augen des schönen blassen Knaben, es
waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne denn gehabt!—Aber dann,
wenn sie es war, wenn ich sie selber schon gesehen?—Welch schreckbare
Gedanken stürmten auf mich ein!
Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, mit
der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen aber itzt
ein heller Schein zu uns herüberschwankte. „Sieh nur!“ sagte er. „Wie
gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide ausgestopfet haben! Die
kommen von des Glockengießers Hochzeit; aber an ihren Stockleuchten
sieht man, daß sie gleichwohl hin und wider stolpern.“
Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich von
der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, daß die
zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als eines Glasers
Meisterstück erstanden waren, in ihren satten Farben wie in Feuer
glühten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem Hause laut redend in
die Krämerstraße einbog, hörete ich einen unter ihnen sagen: „Ei
freilich; das hat der Teufel uns verpurret! Hatte mich leblang darauf
gespitzet, einmal eine richtige Hex so in der Flammen singen zu hören!“
Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die
Stadt lag wieder still und dunkel.
„O weh!“ sprach mein Bruder; „den trübet, was mich tröstet.“
Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt ein
grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so wegen
einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte verbrannt
werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker aufgefunden
worden; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl sein peinlich Recht
geschehen.
Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. Hatte
doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem Thurm der
Kirche den grünen Bücherschranken hat, mir am Mittage, da ich wegen der
Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget, daß nun das Lied,
so sie im voraus darüber habe anfertigen und drucken lassen, nur kaum
noch passen werde wie die Faust aufs Auge. Ich aber, und mit mir mein
viellieber Bruder, hatte so meine eigenen Gedanken von dem Hexenwesen
und freuete mich, daß unser Herrgott—denn der war es doch wohl
gewesen—das arme junge Mensch so gnädiglich in seinen Schoß genommen
hatte.
Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der
Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von der
Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den todten
Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der Justification selber
zu assistiren. „Es schneidet mir schon itzund in das Herz“, sagte er,
„das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem Karren die Straße
herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben und die Zunftmeister
ihre Lehrburschen loslassen.—An deiner Statt“, fügete er bei, „der du
ein freier Vogel bist, würde ich aufs Dorf hinausmachen und an dem
Conterfey des schwarzen Pastors weiter malen!“
Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage erst
wieder hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, wie er
die Ungeduld in meinem Herzen schürete; und so geschah es, daß alles
sich erfüllen mußte, was ich getreulich in diesen Blättern
niederschreiben werde.
Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der
Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von meinem
Lager aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt, allwo die
Bäcker, vieler Käufer harrend, ihre Brotschragen schon geöffnet hatten;
auch sahe ich, wie an dem Rathhause der Wachtmeister und die Fußknechte
in Bewegung waren, und hatte Einer bereits einen schwarzen Teppich über
das Geländer der großen Treppe aufgehangen; ich aber ging durch den
Schwibbogen, so unter dem Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus.
Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben bei
der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen mächtigen
Holzstoß aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch daran herum, und
mochten das der Fron und seine Knechte sein, die leichten Brennstoff
zwischen die Hölzer thaten; von der Stadt her aber kamen schon die
ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen. Ich achtete deß nicht
weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, und da ich hinter den Bäumen
hervortrat, sahe ich mir zur Linken das Meer im ersten Sonnenstrahl
entbrennen, der im Osten über die Heide emporstieg. Da mußte ich meine
Hände falten:
„O Herr, mein Gott und Christ,
Sei gnädig mit uns allen,
Die wir in Sünd gefallen,
Der du die Liebe bist!“—
Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide führte,
begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre kleinen Jungen
und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort.
„Wohin strebet ihr denn so eifrig?“ fragte ich den einen Haufen; „es
ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt.“
Nun, wie ich’s wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das junge
Satansmensch, verbrennen sehen.
—„Aber die Hexe ist ja todt!“
„Freilich, das ist ein Verdruß“, meineten sie; „aber es ist unserer
Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da können
wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon fürlieb
nehmen.“—
—Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch schon
Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit Menschen
voll geladen waren.—Da ging ich abseits über die Heide, obwohl noch der
Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth verlangte nach der
Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den Anschein hatte, das ganze
Dorf des Weges nach der Stadt ziehen. Als ich auf dem Hünenhügel stund,
der hier inmitten der Heide liegt, überfiel es mich, als müsse auch ich
zur Stadt zurückkehren oder etwan nach links hinab an die See gehen,
oder nach dem kleinen Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber
vor mir in der Luft schwebete etwas wie ein Glück, wie eine rasende
Hoffnung, und es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne schlugen an
einander. ,Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen
Augen ich erblicket, und wenn dann heute—‘ Ich fühlte mein Herz gleich
einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die Heide; ich
wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der Prediger nach der
Stadt fahre.—Aber ich ging dennoch endlich seinem Dorfe zu.
Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des
Küsterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich unschlüssig;
dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen blieb alles ruhig;
als ich aber stärker klopfte, kam des Küsters alte halb blinde Trienke
aus einem Nachbarhause.
„Wo ist der Küster?“ fragte ich.
—„Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren.“
Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich dahin
geschlagen.
„Fehler Euch etwas, Herr Maler?“ frug sie.
Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: „So ist wohl heute keine Schule,
Trienke?“
—„Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!“
Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein
Malergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des Küsters
Schlafkammer und richtete, wie gewöhnlich, meine Staffelei in dem
leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich
suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte keinen Sinn zum
Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen.
Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete über
Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber drängete
es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen, ob selbige alt
oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein ich brachte das
Wort nicht über meine Zungen. Dagegen begann die Alte ein lang
Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im Dorfe und von der
Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet sei; erzählete auch, wie
selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten Weibe keine Ruh gelassen,
drei Leichlaken über des Pastors Hausdach habe fliegen sehen: es gehe
aber solch Gesichte allzeit richtig aus, und Hoffart komme vor dem
Falle; denn sei die Frau Pastorin bei aller ihrer Vornehmheit doch nur
eine blasse und schwächliche Kreatur.
Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem Hause
und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte gegen die
Dorfstraße liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine Augen nach den
weißen Fenstern, konnte aber hinter den blinden Scheiben nichts
gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie überall zu sehen
sind.—Ich hätte nun wohl umkehren mögen; aber ich ging dennoch weiter.
Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der Stadtseite der Wind ein
wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich aber wandte mich und blickte
hinab nach Westen, wo wiederum das Meer wie lichtes Silber am
Himmelssaume hinfloß, und war doch ein tobend Unheil dort gewesen,
worin in einer Nacht des Höchsten Hand viel tausend Menschenleben
hingeworfen hatte. Was krümmete denn ich mich so gleich einem
Wurme?—Wir sehen nicht, wie seine Wege führen!
Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen haben;
ich weiß nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da die Sonne
fast zur Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der Küsterei an. Ich
ging aber nicht in das Schulzimmer an meine Staffelei, sondern durch
das Hinterpförtlein wieder zum Hause hinaus.—
Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage
meine Augen es nicht mehr gesehen.—Gleich dem des Predigerhauses von
der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die
Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe dichter
Weidenbüsche, welche zur Einfassung einer Wassergrube dienen mochten;
denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer wie aus einer Tiefe
daraus hervorsteigen sehen.
Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu
zwingender Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten hinging,
hörete ich von der Koppel draußen eine Frauenstimme von gar holdem
Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach.
Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst der
griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach sich gezogen
haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des Holundergebüsches, das
hier ohne Verzäunung in die Koppel ausläuft, da sahe ich den kleinen
Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, wie es hier in dem kümmerlichen
Grase wächst, gegenüber hinter die Weiden gehen; er mochte sich dort
damit nach Kinderart ein Gärtchen angeleget haben. Und wieder kam die
holde Stimme an mein Ohr: „Nun heb nur an; nun hast du einen ganzen
Haufen! Ja, ja; ich such derweil noch mehr; dort am Holunder wächst
genug!“
Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja längst
schon nicht gezweifelt.—Mit den Augen auf dem Boden suchend, schritt
sie zu mir her, so daß ich ungestöret sie betrachten durfte; und mir
war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde wieder, das sie einst
gewesen war, für das ich den „Buhz“ einst von dem Baum herabgeschossen
hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute war bleich und weder Glück
noch Muth darin zu lesen.
So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann kniete
sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen hinlief; doch
ihre Hände pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt auf ihre Brust
sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor dem Kinde in ihrem
Leide ausruhen.