Er sagte: „Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen.“

—„So laßt mich zu meinem todten Kinde!“

Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er mich

zurück. „Das Weib“, sprach er, „liegt bei dem Leichnam und schreit zu

Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer armen Seelen

Seligkeit!“

Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber des

Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. „Höret mich!“ sprach

er. „So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott in seiner

Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch mich—noch ist

Eines uns gemeinsam.—Geht itzo heim und bereitet eine Tafel oder

Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe wieder und malet

darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder meinem Hause; der

Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben ausgelebet, möget Ihr

das Bildniß stiften. Mög es dort die Menschen mahnen, daß vor der

knöchern Hand des Todes alles Staub ist!“

Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein

Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so

geschehen möge.

—Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens Schuld und

Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so daß ich Glied

um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe.

Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen

Spectacul, dem er heute assistiren müssen, hart ergriffen war, hatte

sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er sich auf „Ich

muß noch eine Weile ruhen“, sagte er, indem er ein Blatt der

Wochenzeitung in meine Hand gab; „aber lies doch dieses! Da wirst du

sehen, daß Herrn Gerhardus’ Hof in fremde Hände kommen, maßen Junker

Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biß gar jämmerlichen

Todes verfahren ist.“

Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber es

fehlte nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war’s bei dieser

Schreckenspost, als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf; aber

schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte stehen, und

aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hüter, Hüter, war dein Ruf so

fern!—Dieser Tod hätte uns das Leben werden können; nun war’s nur ein

Entsetzen zu den andern.

Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht; ich

schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich mein Lager.

Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu Theil. In meinen

erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als sei der Kirchthurm

drüben meinem Fenster nah gerückt; ich fühlte die Glockenschläge durch

das Holz der Bettstatt dröhnen, und ich zählete sie alle die ganze

Nacht entlang. Doch endlich dämmerte der Morgen. Die Balken an der

Decke hingen noch wie Schatten über mir, da sprang ich auf, und ehbevor

die erste Lerche aus den Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die

Stadt im Rücken.

Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf der

Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur und

sagte, daß die Holztafel richtig angelanget, auch meine Staffelei und

sonstiges Malergeräth aus dem Küsterhause herübergeschaffet sei. Dann

legte er seine Hand auf die Klinke einer Stubenthür.

Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: „Wenn es in diesem Zimmer ist,

so wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu sein!“

„Es wird Euch niemand stören“, entgegnete er und zog die Hand zurück.

„Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr drüben in

jenem Zimmer finden.“ Er wies auf eine Thür an der anderen Seite des

Flures; dann verließ er mich.

Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es war

todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor ich

öffnete.

Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den

Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden; die

Fenster sahen über öde Felder nach dem fernen Strand hinaus. Inmitten

des Zimmers aber stund ein weißes Lager aufgebahret. Auf dem Kissen lag

ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die kleinen Zähne

schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen.

Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich

Gebet. Dann rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war; und

dann malte ich—rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht zum

zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von der

andauernden großen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne hielt und

horchte, so wußte ich bald, es sei nichts da gewesen. Einmal auch war

es, als drängen leise Odemzüge an mein Ohr.—Ich trat an das Bette des

Todten, aber da ich mich zu dem bleichen Mündlein niederbeugete,

berührte nur die Todeskälte meine Wangen.

Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu einer

Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war! Allein so

scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine eigenen Sinne

hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben.

So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam und

malete weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie sie auf dem

Linnen lagen, so dachte ich: ,Ein klein Geschenk doch mußt du deinem

Kinde geben!‘ Und ich malete auf seinem Bildniß ihm eine weiße

Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend damit eingeschlafen.

Solcher Art Blumen gab es selten in der Gegend hier, und mocht es also

ein erwünschet Angebinde sein.

Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter Leib

verlangte Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette fort und

ging über den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir angewiesen

hatte. Indem ich aber eintrat, wäre ich vor Überraschung bald

zurückgewichen; denn Katharina stund mir gegenüber, zwar in schwarzen

Trauerkleidern und doch in all dem Zauberschein, so Glück und Liebe in

eines Weibes Antlitz wirken mögen.

Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr Bildniß,

das ich selber einst gemalet. Auch für dieses war also nicht mehr Raum

in ihres Vaters Haus gewesen.—Aber wo war sie selber denn? Hatte man

sie fortgebracht, oder hielt man sie auch hier gefangen?—Lang, gar

lange sahe ich das Bildniß an; die alte Zeit stieg auf und quälete mein

Herz. Endlich, da ich mußte, brach ich einen Bissen Brot und stürzete

ein paar Gläser Wein hinab; dann ging ich zurück zu unserem todten

Kinde.

Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte,

zeigete es sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein

weniges sich gehoben hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne, ich

möchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die kalten

Augensterne vor mir lagen, überlief mich Grausen; mir war, als sähe ich

die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie noch hier aus

unseres Kindes Leichenantlitz künden: „Mein Fluch hat doch euch beide

eingeholet!“ Aber zugleich—ich hätte es um alle Welt nicht lassen

können—umfing ich mit beiden Armen den kleinen blassen Leichnam und hob

ihn auf an meine Brust und herzete unter bitteren Thränen zum ersten

Male mein geliebtes Kind. „Nein, nein, mein armer Knabe, deine Seele,

die gar den finstern Mann zur Liebe zwang, die blickte nicht aus

solchen Augen; was hier herausschaut, ist alleine noch der Tod. Nicht

aus der Tiefe schreckbarer Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts

anderes ist da als deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die

schwarze Fluth hinabgerissen.“

Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte ihm

sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in ein

dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die

Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heißen: Culpa Patris Aquis

Submersus, „Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken“.—Und mit dem

Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend Schwert

durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende.

Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause fortgedauert,

nur in der letzten Stunde war abermalen durch die Thür, hinter welcher

ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein leises Geräusch

hereingedrungen.—War Katharina dort, um ungesehen bei meinem schweren

Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht enträthseln.

Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum Gehen

wenden; aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied nehmen, ohne

den ich nicht von hinnen könne.

So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden Felder

draußen, wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da öffnete

sich vom Flure her die Thür und der Prediger trat zu mir herein.

Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen und

betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des kleinen

Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. Als aber

seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes fielen, hub

er wie im Schmerze seine beiden Hände auf, und ich sahe, wie seinen

Augen jählings ein reicher Thränenquell entstürzete.

Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut: „Leb

wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!“

Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der

Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich hörte

deutlich meinen Namen rufen—oder war es der des todten Kindes?—Dann

rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thüre nieder, und das

Geräusch vom Falle eines Körpers wurde hörbar.

„Katharina!“ rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und rüttelte

an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die Hand des

Pastors sich auf meinen Arm: „Das ist meines Amtes!“ sagte er. „Gehet

itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen gnädig sein!“

—Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff,

wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt.

Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück, das

nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein todtes

Kind—Katharina—alles, alles!—Meine alte Wunde brannte mir in meiner

Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich wurde plötzlich

mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung tösen hörete. Kein

Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm ich; aber aus dem

dumpfen Brausen des Meeres tönete es mir immerfort, gleich einem

finsteren Wiegenliede: Aquis submersus aquis submersus!

Hier endete die Handschrift.

Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft

vermessen, daß er’s wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren

gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft

gesprochen.

Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er in

einem Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner engeren

Heimat weiß niemand von einem Maler seines Namens. Des großen

Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt Erwähnung, das

Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts nach dem Abbruch

unserer alten Kirche gleich den anderen Kunstschätzen derselben

verschleudert und verschwunden.

Aquis Submersus · 第 5 / 6 题