Novelle (1876)

von Theodor Storm

In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit

Menschengedenken aber ganz vernachlässigten „Schloßgarten“ waren schon

in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile angelegten

Hagebuchenhecken zu dünnen, gespenstischen Alleen ausgewachsen; da sie

indessen immerhin noch einige Blätter tragen, so wissen wir Hiesigen,

durch Laub der Bäume nicht verwöhnt, sie gleichwohl auch in dieser Form

zu schätzen; und zumal von uns nachdenklichen Leuten wird immer der

eine oder andre dort zu treffen sein. Wir pflegen dann unter dem

dürftigen Schatten nach dem sogenannten „Berg“ zu wandern, einer

kleinen Anhöhe in der nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem

ausgetrockneten Bette eines Fischteiches, von wo aus der weitesten

Aussicht nichts im Wege steht.

Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten Grün

der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu ergötzen,

auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel schwimmt; meine

Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden, wo, kaum eine Meile fern,

der graue spitze Kirchturm aus dem höher belegenen, aber öden

Küstenlande aufsteigt; denn dort liegt eine von den Stätten meiner

Jugend.

Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die „Gelehrtenschule“

meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am Sonnabendnachmittage

zusammen dahinaus gewandert, um dann am Sonntagabend oder montags früh

zu unserem Nepos oder später zu unserem Cicero nach der Stadt

zurückzukehren. Es war damals auf der Mitte des Weges noch ein gut

Stück ungebrochener Heide übrig, wie sie sich einst nach der einen

Seite bis fast zur Stadt, nach der anderen ebenso gegen das Dorf

erstreckt hatte. Hier summten auf den Blüten des duftenden Heidekrauts

die Immen und weißgrauen Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln

desselben der schöne goldgrüne Laufkäfer; hier in den Duftwolken der

Eriken und des harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die

nirgends sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause

zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen

Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; hatten

wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch um desto

munterer vorwärts, und bald, wenn wir nur erst den langen Sandweg

hinaufwateten, erblickten wir auch schon über dem dunkeln Grün einer

Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, aus dem das Studierzimmer des

Pastors mit seinen kleinen blinden Fensterscheiben auf die bekannten

Gäste hinabgrüßte.

Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten wir

allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der Elle,

ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur die

Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende Baum des

Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des bemoosten

Strohdaches rauschen ließ, war gleich dem Apfelbaum des Paradieses uns

verboten und wurde daher nur heimlich von uns erklettert; sonst war,

soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und wurde ja nach unserer

Altersstufe bestens von uns ausgenutzt.

Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große „Priesterkoppel“, zu

der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit dem den

Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der Grauammern

aufzuspüren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche abstatteten, um

nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden die Eier oder die

Jungen nun gediehen seien; hier auf einer tiefen und, wie ich jetzt

meine, nicht weniger als jene Pappel gefährlichen Wassergrube, deren

Rand mit alten Weidenstümpfen dicht umstanden war, fingen wir die

flinken schwarzen Käfer, die wir „Wasserfranzosen“ nannten, oder ließen

wir ein andermal unsere auf einer eigens angelegten Werft erbaute

Kriegsflotte aus Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im

Spätsommer geschah es dann auch wohl, daß wir aus unserer Koppel einen

Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher gegenüber dem des

Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn wir hatten

dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren Zehnten einzuheimsen,

wofür uns freilich gelegentlich eine freundschaftliche Drohung von dem

gutmütigen alten Manne zuteil wurde.—So viele Jugendfreuden wuchsen auf

dieser Priesterkoppel, in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht

gedeihen wollten; nur den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren,

die hier haufenweis auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in

der Erinnerung, wenn jene Zeiten mir lebendig werden.

Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine dauernde

Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in der Stadt

nichts an die Seite zu setzen hatten.—Ich meine damit nicht etwa die

Röhrenbauten der Lehmwespen, die überall aus den Mauerfugen des Stalles

hervorragten, obschon es anmutig genug war, in beschaulicher

Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen Tierchen zu

beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten und ungewöhnlich

stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach des hohen Turmes war

sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut und beherrschte, auf dem

höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend, die weite Schau über Heide,

Strand und Marschen.—Die meiste Anziehungskraft für mich hatte indes

das Innere der Kirche; schon der ungeheure Schlüssel, der von dem

Apostel Petrus selbst zu stammen schien, erregte meine Phantasie. Und

in der Tat erschloß er auch, wenn wir ihn glücklich dem alten Küster

abgewonnen hatten, die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen

eine längst vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich

frommen Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden

aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich

übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes

Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem

Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, an

der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und Teufelsfratzen

sich hervorzudrängen schienen. Besondere Anziehung aber übte der große

geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche, auf dem in bemalten

Figuren die Leidensgeschichte Christi dargestellt war; so seltsam wilde

Gesichter, wie das des Kaiphas oder die der Kriegsknechte, welche in

ihren goldenen Harnischen um des Gekreuzigten Mantel würfelten, bekam

man draußen im Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit

kontrastierte nur das holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria;

ja, sie hätte leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung

bestricken können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des

Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte.

Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im

Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, eines

schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen besetzten

Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen bleichen Hand

hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem Grauen des Todes, wie

hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des Lebens; ein

unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor diesem Bilde stand.

Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem

Holzrahmen ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen und

Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schönen Knaben;

dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in der

Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben. Auf dem

Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange her. Immer wieder

zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein phantastisches Verlangen

ergriff mich, von dem Leben und Sterben des Kindes eine nähere, wenn

auch noch so karge Kunde zu erhalten; selbst aus dem düsteren Antlitz

des Vaters, das trotz des Priesterkragens mich fast an die

Kriegsknechte des Altarschranks gemahnen wollte, suchte ich sie

herauszulesen.

—Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien dann

das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. Freilich war es

gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines Freundes hoffte, so

lange ich denken konnte, auf einen Neubau; da aber die Küsterei an

derselben Altersschwäche litt, so wurde weder hier noch dort

gebaut.—Und doch, wie freundlich waren trotzdem die Räume des alten

Hauses; im Winter die kleine Stube rechts, im Sommer die größere links

vom Hausflur, wo die aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen

Bilder in Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen, wo man

aus dem westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle, außerdem aber den

ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem

Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! Die lieben

Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte tiefe

Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende Teekessel—es

war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines Abends—wir waren

derzeit schon Sekundaner—kam mir der Gedanke, welch eine Vergangenheit

an diesen Räumen hafte, ob nicht gar jener tote Knabe einst mit

frischen Wangen hier leibhaftig umhergesprungen sei, dessen Bildnis

jetzt wie mit einer wehmütig holden Sage den düsteren Kirchenraum

erfüllte.

Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am

Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche besucht

hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit roter Farbe

geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis jetzt entgangen

waren.

„Sie lauten C. P. A. S.“, sagte ich zu dem Vater meines Freundes; „aber

wir können sie nicht enträtseln.“

„Nun“, erwiderte dieser, „die Inschrift ist mir wohl bekannt; und nimmt

man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten Buchstaben wohl

mit Aquis submersus, also mit ,Ertrunken‘ oder wörtlich ,Im Wasser

versunken‘ zu deuten sein; nur mit dem vorangehenden C. P. wäre man

dann noch immer in Verlegenheit! Der junge Adjunktus unseres Küsters,

der einmal die Quarta passiert ist, meint zwar, es könne Casu

periculoso—,Durch gefährlichen Zufall‘—heißen; aber die alten Herren

jener Zeit dachten logischer; wenn der Knabe dabei ertrank, so war der

Zufall nicht nur bloß gefährlich.“

Ich hatte begierig zugehört. „Casu“ sagte ich; „es könnte auch wohl

,Culpa‘ heißen?“

„Culpa?“ wiederholte der Pastor. „Durch Schuld?—aber durch wessen

Schuld?“

Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, und

ohne viel Besinnen rief ich: „Warum nicht: Culpa patris?“

Der gute Pastor war fast erschrocken. „Ei, ei, mein junger Freund“,

sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. „Durch Schuld des

Vaters?—So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen seligen

Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er dergleichen wohl

schwerlich von sich haben schreiben lassen.“

Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten;

und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor ein

Geheimnis der Vergangenheit.

Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich vor

einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche gleich daneben

hingen, war mir selbst schon klargeworden; daß aber Sachverständige in

dem Maler einen tüchtigen Schüler altholländischer Meister erkennen

wollten, erfuhr ich freilich jetzt erst durch den Vater meines

Freundes. Wie jedoch ein solcher in dieses arme Dorf verschlagen worden

oder woher er gekommen und wie er geheißen habe, darüber wußte auch er

mir nichts zu sagen. Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen

noch ein Malerzeichen.

Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb der

gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später ihrem

Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; ich hatte

keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.—Da, als ich

selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, daß ich für

den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei guten Bürgersleuten

zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit gedenkend, schlenderte ich im

Nachmittagssonnenscheine durch die Straßen, als mir an der Ecke des

Marktes über der Tür eines alten hochgegiebelten Hauses eine

plattdeutsche Inschrift in die Augen fiel, die verhochdeutscht etwa

lauten würde:

Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,

Also sind auch die Menschenkind.

Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; denn

ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit mir einen

Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte. Fast

unwillkürlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand sich hier

ein Unterkommen für den jungen Vetter. Die Stube ihrer alten

„Möddersch“ (Mutterschwester)—so sagte mir der freundliche Meister—,

von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, habe seit Jahren leer

gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen Gast dafür

gewünscht.

Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein ziemlich

niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen beide Fenster mit

ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen Marktplatz hinausgingen.

Früher, erzählte der Meister, seien zwei uralte Linden vor der Tür

gewesen; aber er habe sie schlagen lassen, da sie allzusehr ins Haus

gedunkelt und auch hier die schöne Aussicht ganz verdeckt hätten.

Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während wir

dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des Zimmers

sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines Schrankes hängendes

Ölgemälde gefallen, das plötzlich meine ganze Aufmerksamkeit

hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte einen älteren, ernst

und milde blickenden Mann dar, in einer dunklen Tracht, wie in der

Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie diejenigen aus den vornehmeren

Ständen zu tragen pflegten, welche sich mehr mit Staatssachen oder

gelehrten Dingen als mit dem Kriegshandwerke beschäftigten.

Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich

gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in mir

hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben in den

Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhängenden Hand eine

weiße Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja längst. Auch

hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen zugedrückt hatte.

„Woher ist dieses Bild?“ frug ich endlich, da mir plötzlich bewußt

wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner Auseinandersetzung

innegehalten hatte.

Er sah mich verwundert an. „Das alte Bild? Das ist von unserer

Möddersch“, erwiderte er; „es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein

Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es sind

noch andre Siebensachen von ihm da.“

Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, auf

welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich eingeschnitten

waren.

Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel der

Deckel zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark

vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen.

„Darf ich die Blätter lesen?“ frug ich.

„Wenn’s Ihnen Pläsier macht“, erwiderte der Meister, „so mögen Sie die

ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften; Wert

steckt nicht darin.“

Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen

Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich mich

dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl setzte,

verließ der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt, doch

gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend, daß seine Frau

mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde.

Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen.

So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage

Cantate war es Anno 1661!—Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke hatte

ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich fürbaß, die

Straße durch den maiengrünen Buchenwald, der von der See ins Land

hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar Waldvöglein und

letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den tiefen Radgeleisen stund;

denn ein linder Regen war gefallen über Nacht und noch gar früh am

Vormittage, so daß die Sonne den Waldesschatten noch nicht überstiegen

hatte.

Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand

seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein

theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer

Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden; einen

guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch itzt in

meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar fiel auf

mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher Degen fehlte

nicht an meiner Hüfte.

Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn Gerhardus,

meinen edlen großgünstigen Protector, wie er von der Schwelle seines

Zimmers mir die Hände würd’ entgegenstrecken, mit seinem milden Gruße:

„So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!“

Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige

Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war auch

nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen, so daß er

dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen, wiewohl wegen der

Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung einer

Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather gewesen.

Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater doch stets in

Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen seligem Hintritt sich

meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu verhoffen, angenommen und nicht

allein meine sparsamen Mittel aufgebessert, sondern auch durch seine

fürnehme Bekanntschaft unter dem Holländischen Adel es dahin gebracht,

daß mein theuerer Meister van der Helst mich zu seinem Schüler

angenommen.

Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf seinem

Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu danken; denn,

derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, war daheim die

Kriegsgreuel über das Land gekommen; so zwar, daß die Truppen, die

gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum Beistand hergezogen,

fast ärger als die Feinde selbst gehauset, ja selbst der Diener Gottes

mehrere in jämmerlichen Tod gebracht. Durch den plötzlichen Hintritt

des Schwedischen Carolus war nun zwar Friede; aber die grausamen

Stapfen des Krieges lagen überall; manch Bauern- oder Käthnerhaus, wo

man mich als Knaben mit einem Trunke süßer Milch bewirthet, hatte ich

auf meiner Morgenwanderung niedergesenget am Wege liegen sehen und

manches Feld in ödem Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen

seine grünen Spitzen trieb.

Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur

Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen möchte,

daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe; dachte

auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom Kriege her noch

in den Wäldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber tückete mich ein

anderes, und das war der Gedanke an den Junker Wulf. Er war mir nimmer

hold gewesen, hatte wohl gar, was sein edler Vater an mir gethan, als

einen Diebstahl an ihm selber angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie

öfters nach meines lieben Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem

Gute zubrachte, hatte er mir die schönen Tage vergället und versalzen.

Ob er anitzt in seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden,

hatte nur vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und

Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit rechter

Holstentreue nicht zu reimen ist.

Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den

Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe

nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft des

Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen Sonnenschein

hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen eingehegten

Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den zwo Reihen

gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz hinaufführen.

Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn

alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein

umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd

Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann seinen

Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und flüsterte

mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft.

„Grüß dich Gott!“ sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des

Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es sich

nachmals fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende Buße

meines Lebens beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit. Das war

des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen einzig

Geschwister.

Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum ersten

Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein neunjährig

Dirnlein, die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ; ich zählte um ein

paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens aus dem Thorhaus; der alte

Hofmann Dieterich, der ober der Einfahrt wohnt und neben dem als einem

getreuen Mann mir mein Schlafkämmerlein eingeräumt war, hatte mir einen

Eschenbogen zugerichtet, mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu

gegossen, und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren genug bei dem

Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen.

„Weißt du, Johannes“, sagte sie; „ich zeig dir ein Vogelnest; dort in

dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du ja

nicht schießen!“

Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem Baum

auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille stehn.

„Der Buhz, der Buhz!“ schrie sie und schüttelte wie entsetzt ihre

beiden Händlein in der Luft.

Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen Baumes

saß und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein erhaschen möge.

„Der Buhz, der Buhz!“ schrie die Kleine wieder. „Schieß, Johannes,

schieß!“—Der Kauz aber, den die Freßgier taub gemacht, saß noch immer

und stierete in die Höhlung. Da spannte ich meinen Eschenbogen und

schoß, daß das Raubthier zappelnd auf dem Boden lag; aus dem Baume aber

schwang sich ein zwitschernd Vöglein in die Luft.

Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit einander;

in Wald und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich. Darob aber

mußte mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt von der Risch,

dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen Hofe saß. In

Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr Gerhardus gern

der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch; und da er jünger war

als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und Katharinen angewiesen;

insonders aber schien das braune Herrentöchterlein ihm zu gefallen.

Doch war das schier umsonst; sie lachte nur über seine krumme

Vogelnase, die ihm, wie bei fast allen des Geschlechtes, unter

buschigem Haupthaar zwischen zwei merklich runden Augen saß. Ja, wenn

sie seiner nur von fern gewahrte, so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor

und rief. „Johannes, der Buhz, der Buhz!“ Dann versteckten wir uns

hinter den Scheunen oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald

hinein, der sich in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht

an die Mauern des Gartens hinanzieht.

Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals zwischen

uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn stark war, der

Vortheil meist in meinen Händen blieb.

Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner Ausfahrt

in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier verweilte,

war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes Haar lag itzt

in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn sie die Wimpern

hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier beklommen machte.

Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zur Obhut beigegeben, so man

im Hause nur „Bas’ Ursel“ nannte; sie ließ das Kind nicht aus den Augen

und ging überall mit einer langen Tricotage neben ihr.

Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken mit

beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, mit

spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, den

Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein alter

Widersacher. Ich merkte allsogleich, daß er noch immer bei seiner

schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch daß insonders dem alten Fräulein

solches zu gefallen schien. Das war ein „Herr Baron“ auf alle Frag’ und

Antwort; dabei lachte sie höchst obligeant mit einer widrig feinen

Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft; mich aber, wenn ich ja ein

Wort dazwischen gab, nannte sie stetig „Er“ oder kurzweg auch

„Johannes“, worauf der Junker dann seine runden Augen einkniff und im

Gegentheile that, als sähe er auf mich herab, obschon ich ihn um halben

Kopfes Länge überragte.

Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich,

sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und Antwort

gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein spöttisch

stolzes Lächeln, so daß ich dachte: ,Getröste dich, Johannes; der

Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft‘ Trotzig blieb ich

zurück und ließ die andern dreie vor mir gehen. Als aber diese in das

Haus getreten waren und ich davor noch an Herrn Gerhardus’ Blumenbeeten

stand, darüber brütend, wie ich, gleich wie vormals, mit dem von der

Risch ein tüchtig Haarraufen beginnen möchte, kam plötzlich Katharina

wieder zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den Beeten und

flüsterte mir zu: „Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht einem jungen

Adler gleich; Bas’ Ursel hat’s gesagt!“ Und fort war sie wieder, eh ich

mich’s versah. Mir aber war auf einmal all Trotz und Zorn wie

weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron! Ich lachte hell

und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei den übermüthigen

Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen. Aber diesmal hatte es

mir gerad ins Herz geleuchtet.

Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er zeigte

mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise nach Amsterdam

zu machen habe, übergab mir Briefe an seine Freunde dort und sprach

dann lange mit mir, als meines lieben seligen Vaters Freund. Denn noch

selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu gehen, von wo ein Bürger mich

auf seinem Wagen mit nach Hamburg nehmen wollte.

Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß

Katharina an einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena

gedenken, wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön

erschien mir der junge Nacken, den das Mädchen eben über ihre Arbeit

neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenüber saß Bas’ Ursel und las

laut aus einem französischen Geschichtenbuche. Da ich näher trat, hob

sie die Nase nach mir zu. „Nun, Johannes“, sagte sie, „Er will mir wohl

Ade sagen? So kann Er auch dem Fräulein gleich Seine Reverenze

machen!“—Da war schon Katharina von ihrer Arbeit aufgestanden; aber

indem sie mir die Hand reichte, traten die Junker Wulf und Kurt mit

großem Geräusch ins Zimmer; und sie sagte nur: „Leb wohl, Johannes!“

Und so ging ich fort.

Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und

Ranzen schon für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den

Eichbäumen auf die Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne ich

nicht recht fort, als hätt ich einen Abschied noch zu Gute, und stand

oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den Richtweg

durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel weiteren auf der

großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam vor mir das Abendroth

überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn mich die Nacht nicht

überfallen sollte. „Ade, Katharina, ade!“ sagte ich leise und setzte

rüstig meinen Wanderstab in Gang.

Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet—in stürmender

Freude stund das Herz mir still—, plötzlich aus dem Tannendunkel war

sie selber da; mit glühenden Wangen kam sie hergelaufen, sie sprang

über den trocknen Weggraben, daß die Fluth des seidenbraunen Haars dem

güldnen Netz entstürzete; und so fing ich sie in meinen Armen auf. Mit

glänzenden Augen, noch mit dem Odem ringend, schaute sie mich an.

„Ich—ich bin ihnen fortgelaufen!“ stammelte sie endlich; und dann, ein

Päckchen in meine Hand drückend, fügte sie leis hinzu: „Von mir,

Johannes! Und du sollst es nicht verachten!“ Auf einmal aber wurde ihr

Gesichtchen trübe; der kleine schwellende Mund wollte noch was reden,

aber da brach ein Thränenquell aus ihren Augen, und wehmüthig ihr

Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. Ich sah ihr Kleid im

finstern Tannensteig verschwinden; dann in der Ferne hörte ich noch die

Zweige rauschen, und dann stand ich allein. Es war so still, die

Blätter konnte man fallen hören. Als ich das Päckchen aus einander

faltete, da war’s ihr güldner Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt

hatte; ein Zettlein lag dabei, das las ich nun beim Schein des

Abendrothes. „Damit du nicht in Noth gerathest“, stund darauf

geschrieben.—Da streckt ich meine Arme in die leere Luft: „Ade,

Katharina ade, ade!“—wohl hundertmal rief ich es in den stillen Wald

hinein;—und erst mit sinkender Nacht erreichte ich die Stadt.

—Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.—Wie würd ich heute alles

wiederfinden?

Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten Linden,

hinter deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des Herrenhauses

itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg gehen wollte,

jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeißer mit Stachelhalsbändern

gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein erschreckliches Geheul, der

eine sprang auf mich und fletschete seine weißen Zähne dicht vor meinem

Antlitz. Solch einen Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen.

Da, zu meinem Glück, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe,

aber mir gar traute Stimme. „Hallo!“ rief sie; „Tartar, Türk!“ Die

Hunde ließen von mir ab, ich hörte es die Stiege herabkommen, und aus

der Thür, so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich.

Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde

gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine sonst so

lustigen Augen blickten gar matt und betrübsam auf mich hin. „Herr

Johannes!“ sagte er endlich und reichte mir seine beiden Hände.

„Grüß Ihn Gott, Dieterich!“ entgegnete ich. „Aber seit wann haltet Ihr

solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den

Wölfen?“

„Ja, Herr Johannes“, sagte der Alte, „die hat der Junker hergebracht.“

„Ist denn der daheim?“ Der Alte nickte.

„Nun“, sagte ich, „die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom Krieg her

ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben.“

„Ach, Herr Johannes!“ Und der alte Mann stund immer noch, als wolle er

mich nicht zum Hof hinauf lassen. „Ihr seid in schlimmer Zeit

gekommen!“

Ich sah ihn an, sagte aber nur: „Freilich, Dieterich; aus mancher

Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab

dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der gute

Herr im Schloß wird helfen, seine Hand ist offen.“

Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder

anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in den

Weg. „Herr Johannes“, rief er, „ehe Ihr weiter gehet, höret mich an!

Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post von Hamburg

kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden können.“

„Dieterich!“ schrie ich. „Dieterich!“

„—Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn unser

theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, und die

Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders werden auf dem

Hofe; aber—ich bin ein höriger Mann, mir ziemet Schweigen.“

Ich wollte fragen: „Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!“

Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge.

Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine kleine

Kapelle, die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt war. Dort

also sollte ich Herrn Gerhardus suchen.

Ich fragte den alten Hofmann: „Ist die Kapelle offen?“, und als er es

bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über den

Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam oben aus

den Lindenwipfeln.

Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen

trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der Kerzen

warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten Herrn; die

Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er itzt eines andern

Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem Leichnam zum Gebete

hinknien wollte, erhub sich über den Rand des Sarges mir gegenüber ein

junges blasses Antlitz, das aus schwarzen Schleiern fast erschrocken

auf mich schaute.

Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen herzlich

zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. „O Johannes, seid Ihr’s

denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!“ Und über dem Sarge hatten unsere

Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es war Katharina, und sie war so schön

geworden, daß hier im Angesicht des Todes ein heißer Puls des Lebens

mich durchfuhr. Zwar, das spielende Licht der Augen lag itzt

zurückgeschrecket in der Tiefe; aber aus dem schwarzen Häubchen

drängten sich die braunen Löcklein, und der schwellende Mund war um so

röther in dem blassen Antlitz.

Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: „Wohl kam ich

in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst zu

danken, ihm manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und lehrreich

Wort zu hören. Laßt mich denn nun die bald vergehenden Züge

festzuhalten suchen.“

Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu mir

hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf einem

von den Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz

nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine vor

der Majestät des Todes.

Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich für

die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie nach

einem Fußtritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und einen Fluch

von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt deuchte.

Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten Augen

nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte gingen

vorüber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, wie des

Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange, so kam draußen

ein einzelner Schritt zurück; in demselben Augenblick legte Katharina

die Hand auf meine Schulter, und ich fühlte, wie ihr junger Körper

bebte.

Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte den

Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth und

aufgedunsen schien.

„Was huckst du allfort an dem Sarge!“ rief er zu der Schwester. „Der

Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu bezeigen;

du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!“

Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen

kleinen Augen an. „Wulf“, sagte Katharina, indem sie mit mir zu ihm

trat; „es ist Johannes, Wulf“

Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er musterte

nur mein violenfarben Wams und meinte: „Du trägst da einen bunten

Federbalg; man wird dich ,Sieur‘ nun tituliren müssen!“

„Nennt mich, wie’s Euch gefällt!“ sagte ich, indem wir auf den Hof

hinaustreten. „Obschon mir dorten, von wo ich komme, das ,Herr‘ vor

meinem Namen nicht gefehlet—Ihr wißt wohl, Eueres Vaters Sohn hat

großes Recht an mir.“

Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: „Nun wohl, so magst

du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und soll dazu

der Lohn für deine Arbeit dir nicht verhalten sein.“

Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst vorausbekommen;

da aber der Junker entgegnete, er werd es halten, wie sich’s für einen

Edelmann gezieme, so fragte ich, was für Arbeit er mir aufzutragen

hätte.

„Du weißt doch“, sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf

seine Schwester blickte—„wenn eine adelige Tochter das Haus verläßt, so

muß ihr Bild darin zurückbleiben.“

Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite ging,

gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich entgegnete

ruhig: „Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr denn, Junker

Wulf?“

„Ich meine“, sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte, „daß

du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!“

Mich durchfuhr’s fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über den

Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem Beginnen sei

itzt kaum die rechte Zeit.

Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick mir

zuflog, so antwortete ich: „Wenn Eure edle Schwester es mir vergönnen

will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines Meisters Lehre

keine Schande anzuthun. Räumet mir nur wieder mein Kämmerlein ober dem

Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll geschehen, was Ihr wünschet.“

Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie möge

einen Imbiß für mich richten lassen.

Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber ich

verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war plötzlich eine

Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete, sie könne mit jedem

Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo grimmen Köter nicht gewahr

worden, die dort am Brunnen sich auf den heißen Steinen sonnten. Da wir

aber näher kamen, sprangen sie auf und fuhren mit offenem Rachen gegen

mich, daß Katharina einen Schrei that, der Junker aber einen schrillen

Pfiff, worauf sie heulend ihm zu Füßen krochen. „Beim Höllenelemente“,

rief er lachend, „zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz

oder Flandrisch Tuch!“

„Nun, Junker Wulf“—ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten—,

„soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so möget Ihr

Euere Thiere bessere Sitte lehren!“

Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar Mal

in seinen Zwickelbart. „Das ist nur so ihr Willkommensgruß, Sieur

Johannes!“ sagte er dann, indem er sich bückte, um die Bestien zu

streicheln. „Damit jedweder wisse, daß ein ander Regiment allhier

begonnen; denn—wer mir in die Quere kommt, den hetz ich in des Teufels

Rachen!“

Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich hoch

aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den Hof dem

Thore zu.

Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, die

unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die Freitreppe zu

dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen wir mitsammen die

breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir in des seligen Herrn

Gerhardus Zimmer traten.—Hier war noch alles, wie ich es vordem

gesehen; die goldgeblümten Ledertapeten, die Karten an der Wand, die

saubern Pergamentbände auf den Regalen, über dem Arbeitstische der

schöne Waldgrund von dem älteren Ruisdael—und dann davor der leere

Sessel. Meine Blicke blieben daran haften; gleichwie drunten in der

Kapellen der Leib des Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir

itzt entseelet und, obschon vom Walde draußen der junge Lenz durchs

Fenster leuchtete, doch gleichsam von der Stille des Todes wie

erfüllet.

Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da ich

mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, und ich

sah, wie unter den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt hielt, ihre

Brust in ungestümer Arbeit ging. „Nicht wahr“, sagte sie leise, „hier

ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und seine grimmen

Hunde?“

„Katharina!“ rief ich; „was ist Euch? Was ist das hier in Eueres Vaters

Haus?“

„Was es ist, Johannes?“ Und fast wild ergriff sie meine beiden Hände,

und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz. „Nein, nein;

laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! Aber dann—du sollst

mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang hier verweilen—dann,

Johannes, hilf mir; um des Todten willen, hilf mir!“

Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel ich

vor der Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle meine Kräfte

zu. Da lösete sich ein sanfter Thränenquell aus ihren Augen, und wir

saßen neben einander und sprachen lange zu des Entschlafenen

Gedächtniß.

Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch dem

alten Fräulein nach.

„Oh“, sagte Katharina, „Bas’ Ursel! Wollt Ihr sie begrüßen? Ja, die ist

auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die Treppen sind ihr

schon längsthin zu beschwerlich.“

Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf den

Beeten vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der Erde

brachen. Bas’ Ursel saß, in der schwarzen Tracht und Krepphaube nur wie

ein schwindend Häufchen anzuschauen, in einem hohen Sessel und hatte

ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie nachmals mir erzählte, der

Herr Baron—nach seines Vaters Ableben war er solches itzund

wirklich—ihr aus Lübeck zur Verehrung mitgebracht.

„So“, sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie behutsam

die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, „ist Er wieder da,

Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c’est un jeu très-compliqué!“

Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an. „Ei“,

meinte sie, „Er ist gar stattlich angethan; aber weiß Er denn nicht,

daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?“

„Ich weiß es, Fräulein“, entgegnete ich; „aber da ich in das Thor trat,

wußte ich es nicht.“

„Nun“, sagte sie und nickte gar begütigend; „so eigentlich gehöret Er

ja auch nicht zur Dienerschaft.“

Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich

jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der

alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von dem

Thürmchen, das draußen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach dem

Fenster hingesponnen und wiegete seine grünen Ranken vor den Scheiben.

Aber Bas’ Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, die

itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne ohnedem den

Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu abgelegen; das

Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im Garten draußen aber

passire eben nichts, als etwan, wann der Gärtnerbursche an den Hecken

oder Buchsrabatten putze.

—Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, es

sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken.

Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem alten

Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir auf seiner

Tragkist, und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, von ihm

erzählen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche Sitte durch

das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und holete allerlei

Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die fremden Truppen auf

dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden müssen; einmal aber, da

ich seine Rede auf das gute Frölen Katharina gebracht und er erst nicht

hatt ein Ende finden können, brach er gleichwohl plötzlich ab und

schauete mich an.

„Wisset Ihr, Herr Johannes“, sagte er, „’s ist grausam schad, daß Ihr

nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drüben!“

Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit

seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: „Nun, nun, Herr

Johannes; ’s war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich bleiben,

wo uns der Herrgott hingesetzet.“

Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, fragete

aber nur, was der von der Risch denn itzund für ein Mann geworden.

Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen

Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wüchse. „Wollet Ihr’s

wissen, Herr Johannes?“ begann er dann. „Er gehöret zu denen muntern

Junkern, die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die Knöpfe von den

Häusern schießen; Ihr möget glauben, er hat treffliche Pistolen! Auf

der Geigen weiß er nicht so gut zu spielen; da er aber ein lustig

Stücklein liebt, so hat er letzthin den Rathsmusikanten, der überm

Holstenthore wohnt, um Mitternacht mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm

auch nicht Zeit gelassen, sich Wams und Hosen anzuthun. Statt der

Sonnen stand aber der Mond am Himmel, es war octavis trium regum und

fror Pickelsteine; und hat also der Musikante, den Junker mit dem Degen

hinter sich, im blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen

müssen!—Wollet Ihr mehr noch wissen, Herr Johannes?—Zu Haus bei ihm

freuen sich die Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Töchtern

gesegnet; und dennoch—aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und

unser Junker, Ihr wisset’s wohl, hat schon vorher von seinem Erbe

aufgezehrt.“

Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon mit

seinem Spruche: „Aber ich bin nur ein höriger Mann“, seiner Rede Schluß

gemacht.

—Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt gekommen,

wo ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich anitzt, wie es

sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die Tagesstunden aber

wandte ich zunächst in meinen Nutzen. Nämlich, es befand sich oben im

Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach ein Saal, räumlich und hoch,

dessen Wände fast völlig von lebensgroßen Bildern verhänget waren, so

daß nur noch neben dem Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren

das die Voreltern des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende

Männer und Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er

selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh verstorbene

Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren gar

trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, in

seiner kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem Pinsel die

Züge meines edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in verengtem

Maßstabe und nur mir selber zum Genügen; doch hat es später zu einem

größeren Bildniß mir gedienet, das noch itzt hier in meiner einsamen

Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters ist. Das Bildniß seiner

Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern.

Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den

schönen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden Eltern

wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; wo aber

war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker Wulf?—Das

mußte tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein! Langsam ging

ich die Reih der älteren Bildnisse entlang, bis über hundert Jahre weit

hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den Würmern schon

zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon als Knabe, als ob’s

mich hielte, still gestanden war. Es stellete eine Edelfrau von etwa

vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen sahen kalt und stechend

aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte zwischen dem Weißen Kinntuch

und der Schleierhaube sichtbar wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich

vor der so lang schon heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir:

,Hier, diese ist’s! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum

und drüber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der

Geschlechter fort; dann, längst vergessen, taucht es plötzlich wieder

auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen Gerhardus;

vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößling soll ich

Katharinen schützen.‘ Und wieder trat ich vor die beiden jüngsten

Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte.

So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die

Sonnenstäublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen.

Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und den

Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas’ Ursel nicht in ihren hohen

Tönen redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl, so daß mir

oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den Abgeschiedenen

war deß Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und Schwester, als sei

das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen. Katharina, nachdem sie

fast die Speisen nicht berührt, entfernte sich allzeit bald, mich kaum

nur mit den Augen grüßend; der Junker aber, wenn ihm die Laune stund,

suchte mich dann beim Trunke festzuhalten; hatte mich also hiegegen

und, so ich nicht hinaus wollte über mein gestecktes Maß, überdem wider

allerart Flosculn zu wehren, welche gegen mich gespitzet wurden.

Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen,

geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche des

Dorfes, allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine bei denen

seiner Voreltern ruhen, mit denen der Höchste ihnen dereinst eine

fröhliche Urständ wolle bescheren!

Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute aus

der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen aber

fast wenige und auch diese nur entfernte, maßen der Junker Wulf der

Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl nicht

hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, daß in der Kürze

alle wieder abgezogen sind.

Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk begönne,

wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu belegenen

Fenster mir schon den Platz erwählet hatte. Zwar kam Bas’ Ursel, die

wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte, und meinete, es möge

am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran geschehen, so sei es uns

beiderseits zur Unterhaltung; ich aber, solcher Gevatterschaft gar gern

entrathend, hatte an der dortigen Westsonne einen rechten Malergrund

dagegen, und konnte alles Reden ihr nicht nützen. Vielmehr war ich am

andern Morgen schon dabei, die Nebenfenster des Saales zu verhängen und

die hohe Staffelei zu stellen, so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber

in den letzten Tagen angefertigt.

Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, öffnete

sich die Thür aus Herrn Gerhardus’ Zimmer, und Katharina trat herein.

Aus was für Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich empfand, daß wir uns

dießmal fast erschrocken gegenüber standen; aus der schwarzen Kleidung,

die sie nicht abgeleget, schaute das junge Antlitz in gar süßer

Verwirrung zu mir auf.

„Katharina“, sagte ich, „Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen;

duldet Ihr’s auch gern?“

Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte leise:

„Warum doch fragt Ihr so, Johannes?“

Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. „Nein, nein, Katharina!

Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?—Setzet Euch, damit wir

nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht! Oder vielmehr, ich

weiß es schon. Ihr braucht mir’s nicht zu sagen!“

Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. „Denket Ihr noch,

Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen niederschosset? Das

thut dießmal nicht noth, obschon er wieder ob dem Neste lauert; denn

ich bin kein Vöglein, das sich von ihm zerreißen läßt. Aber,

Johannes—ich habe einen Blutsfreund—, hilf mir wider den!“

„Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!“

—„Ich habe keinen andern.—Dem Manne, den ich hasse, will er mich zum

Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich den

schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg hab

ich’s ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag; aber

ich weiß, auch das wird er nicht halten.“

Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus’ einzigen

Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und Zuflucht

anzugehen sei.

Katharina nickte. „Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?— Geschrieben

habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort, und auch

erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth meines Bruders,

die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte, wenn es noch offen

gewesen wäre für den Schall der Welt; aber der gnädige Gott hatte das

geliebte Haupt schon mit dem letzten Erdenschlummer zugedecket.“

Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet, und

ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen wir zu

ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter vorgeschritten,

nach Hamburg mußte, um bei dem Holzschnitzer einen Rahmen zu bestellen,

so stelleten wir fest, daß ich alsdann den Umweg über Preetz nähme und

also meine Botschaft ausrichtete. Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk

zu fördern.

Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der Junker

mußte es schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand;

gleichwohl—hieß nun sein Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder

glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket—, was ich

besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie an den

andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar trat er ein und schalt mit

Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber dann die Thür hinter

sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein Reiterstücklein pfeifen.

Ein ander Mal noch hatte er den von der Risch an seiner Seite. Da

Katharina eine heftige Bewegung machte, bat ich sie, auf ihrem Platz zu

bleiben, und malete ruhig weiter. Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen

fremden Gruß mit ihm getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem

Hofe nicht gezeigt; nun trat er näher und beschauete das Bild und

redete gar schöne Worte, meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich

so sehr vermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken

auf den Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engelländischer Poet so

trefflich ausgedrücket, „rückwärts den Winden leichte Küsse werfend.“

Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus’ Bild

und sagte: „Ihr wisset wohl nicht mehr, daß das mein Vater war!“

Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich;

meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur

gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand malete.

Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß und jenes noch zu

reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so nahm er alsbald

seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil wünschend.

Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen Blick

gleich einer Messerspitze nach mir zücken.

—Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der Jahreszeit

rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den Waldkoppeln draußen der

Roggen in silbergrauem Blust, und unten im Garten brachen schon die

Rosen auf; wir beide aber—ich mag es heut wohl niederschreiben—, wir

hätten itzund die Zeit gern stille stehen lassen; an meine Botenreise

wagten, auch nur mit einem Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was

wir gesprochen, wüßte ich kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben

in der Fremde ihr erzählte und wie ich immer heim gedacht; auch daß ihr

güldner Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in

ihrem Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie ich später dann

gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus mir

zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei blühete

aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde Antlitz auf, mir

schien’s, als sei es kaum mein eigenes Werk.— Mitunter war’s, als

schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch wollte ich es dann

fassen, so floh es scheu zurück; und dennoch floß es durch den Pinsel

heimlich auf die Leinewand, so daß mir selber kaum bewußt ein

sinnberückend Bild entstand, wie nie zuvor und nie nachher ein solches

aus meiner Hand gegangen ist.—Und endlich war’s doch an der Zeit und

festgesetzet, am andern Morgen sollte ich meine Reise antreten.

Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch

einmal mir gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; wir

sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich noch hie

und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die schweigende

Gesellschaft an den Wänden werfend, deren ich in Katharinens Gegenwart

sonst kaum gedacht hatte.

Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte Frauenbildniß,

das mir zur Seite hing und aus den weißen Schleiertüchern die stechend

grauen Augen auf mich gerichtet hielt. Mich fröstelte, ich hätte nahezu

den Stuhl verrücket.

Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: „Ihr seid ja fast

erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?“

Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. „Kennet Ihr die, Katharina?

Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen.“

„Die da?—Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und gar bei

Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die Gemahlin

eines früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat sie hier

gehauset.“

„Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter“, entgegnete ich; „dies

Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen.“

Katharina sah gar ernst zu mir herüber. „So heißt’s auch“, sagte sie,

„sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen aber hat

man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der nachmals

zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es gewesen sein.“

„Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen aus

dem Boden.“

„Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich

noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht sie

erst hier an den Fenstern gleiten, dann draußen in dem Gartensumpf

verschwinden.“

Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen des

Bildes. „Und weshalb“, fragte ich, „verfluchete sie ihr Kind?“

„Weshalb?“—Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fast

verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. „Ich glaub, sie wollte den

Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl.“

—„War es denn ein gar so übler Mann?“

Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes Rosenroth

bedeckte ihr Antlitz. „Ich weiß nicht“, sagte sie beklommen; und

leiser, daß ich’s kaum vernehmen mochte, setzte sie hinzu: „Es heißt,

sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht ihres Standes.“

Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit gesenkten

Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem Schoße auf ihr

Herz geleget, so wäre sie selber wie ein leblos Bild gewesen.

So hold es war, ich sprach doch endlich: „So kann ich ja nicht malen;

wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?“

Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da war

kein Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem Herzen.

„Katharina!“ Ich war aufgesprungen. „Hätte jene Frau auch dich

verflucht?“

Sie athmete tief auf „Auch mich, Johannes!“—Da lag ihr Haupt an meiner

Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der Ahnfrau, die

kalt und feindlich auf uns niederschauete.

Aber Katharina zog mich leise fort. „Laß uns nicht trotzen, mein

Johannes!“ sagte sie.—Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein

Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich mühselig

die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns deshalb wieder

an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette zur Hand genommen

hatte, öffnete sich die Thür, und Bas’ Ursel, die wir wohl zuletzt

erwartet hätten, kam an ihrem Stock hereingehustet. „Ich höre“, sagte

sie, „Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu besorgen; da muß ich mir

nachgerade doch Sein Werk besehen!“

Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen die

allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft Bedrang und

Trübsal bringen. Als Bas’ Ursel auf Katharinens Bild, das sie bislang

noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, zuckte sie gar

stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug mich allsogleich:

„Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen, als wie sie da im Bilde

sitzet?“

Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht bloß

die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an unsern Augen

oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn ihre Blicke gingen

spähend hin und wider. „Die Arbeit ist wohl bald am Ende?“ sagte sie

dann mit ihrer höchsten Stimme. „Deine Augen haben kranken Glanz,

Katharina; das lange Sitzen hat dir nicht wohl gedienet.“

Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei

noch hie und da zu schaffen.

„Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!—

Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!“

Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig Kleinod

mir entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; kaum daß die

braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden konnten.

Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. Auf

einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der Frühe aus

dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer von des Junkers

Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach den Flechsen, wannschon

selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der oben im Sattel saß,

schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen gleichwohl ohne Blessur

davon, ich und der Gaul, und langeten abends bei guter Zeit in Hamburg

an.

Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen

Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur

zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun brauchte.

Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir das alles wohl

verpacket nachzusenden.

Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar vieles

zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers Störtebeker

silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der Stadt genennet

wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem Buche heißer,

niemand sagen dürfe, daß er in Hamburg sei gewesen; sodann auch der

Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und Fluchten, so eben um

diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und den die Hamburger, wie

ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg wider die türkischen Piraten

deuteten; allein, obschon ein rechter Reisender solcherlei

Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war doch mein Gemüthe, beides,

von Sorge und von Herzenssehnen, allzu sehr beschweret. Derohalben,

nachdem ich bei einem Kaufherrn noch meinen Wechsel umgesetzet und in

meiner Nachtherbergen Richtigkeit getroffen hatte, bestieg ich um

Mittage wieder meinen Gaul und hatte allsobald allen Lärmen des großen

Hamburg hinter mir.

Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im Stifte

bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. Ich

erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die Schwester meines

theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich an unverehelichten

Frauen oftmals zeiget, waren die Züge des Antlitzes gleichwohl strenger

als die des Bruders. Ich hatte, selbst nachdem ich Katharinens

Schreiben überreichet, ein lang und hart Examen zu bestehen; dann aber

verhieß sie ihren Beistand und setzete sich zu ihrem Schreibgeräthe,

indeß die Magd mich in ein ander Zimmer führen mußte, allwo man mich

gar wohl bewirthete.

Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch rechnete

ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns bereits verspürete,

noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich anzuklopfen.—Das Schreiben,

das die alte Dame mir für Katharinen mitgegeben, trug ich wohl

verwahret in einem Ledertäschlein unterm Wamse auf der Brust. So ritt

ich fürbaß in die aufsteigende Dämmerung hinein; gar bald an sie, die

eine, nur gedenkend und immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen

Gedanken schreckend.

Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub

sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das Geißblatt;

in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine Nachtgeziefer oder flog

auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule an die Nüstern; droben aber

an der blauschwarzen ungeheueren Himmelsglocke über mir strahlte im

Südost das Sternenbild des Schwanes in seiner unberührten Herrlichkeit.

Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus’ Grund und Boden war,

resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten,

welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist. Denn

ich gedachte, daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen Handwagen

habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt schicken, um die

Hamburger Kiste für mich abzuholen; ich aber wollte nur an sein

Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu bestellen.

Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den

grünlichen Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern mich

hier umflogen. Und schon ragete groß und finster die Kirche vor mir

auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte; ich hörte,

wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von der Glocken scholl

die Mitternacht ins Dorf hinunter. ,Aber sie schlafen alle‘, sprach ich

bei mir selber, ,die Todten in der Kirchen oder unter dem hohen

Sternenhimmel hieneben auf dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den

niedern Dächern, die dort stumm und dunkel vor dir liegen.‘ So ritt ich

weiter. Als ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens

Krug gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf

den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir

entgegen.

Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu und

brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die Tenne trat,

war es gedrang voll von Menschen, Männern und Weibern, und ein Geschrei

und wüst Getreibe, wie ich solches, auch beim Tanz, in früheren Jahren

nicht vermerket. Der Schein der Unschlittkerzen, so unter einem Balken

auf einem Kreuzholz schwebten, hob manch bärtig und verhauen Antlitz

aus dem Dunkel, dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre.—Aber

nicht nur Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen;

bei den Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen,

stund der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen

Arm, an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein schien

ihm nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen aus den

Händen, warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und verlangte, daß

sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen sollten. Als dann die

Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie toll die neue Weise klingen

ließen, schrie er nach Platz und schwang sich in den dichten Haufen;

und die Bauerburschen glotzten drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme

lag, gleich einer Tauben vor dem Geier.

Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem Wirth

zu reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte den alten

Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Späßen in Bedrängniß

brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und schüttelte

sich vor Lachen, wenn der geängstete Mann gar jämmerlich um Gnad und

Nachsicht supplicirte.—Da er mich gewahr worden, ließ er nicht ab, bis

ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug nach meiner Reise, und

ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget; ich aber antwortete nur,

ich käme eben von dort zurück, und werde der Rahmen in Kürze in der

Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn mit seinem Handwäglein

leichtlich möge holen lassen.

Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von der

Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen kühlen Trunk

zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die Zunge schwer im

Munde wühlete, faßte ihn am Arm und riß ihn auf den leeren Stuhl

hernieder.

„Nun, Kurt!“ rief er. „Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen! Was

soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein ehrbar

hazard mitsammen!“ Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm Wams

hervorgezogen. „Allons donc!—Dix et dame!—Dame et valet!“

Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; nur

wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.— Der

Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem von der

Risch schlug nach einander jede Karte fehl.

„Tröste dich, Kurt!“ sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd die

Speciesthaler auf einen Haufen scharrte:

„Glück in der Lieb

Und Glück im Spiel,

Bedenk, für einen

Ist’s zu viel!

Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß sie

auswendig; da kriegst du’s nach der Kunst zu wissen.“

Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel von

Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch und sah

gar grimmig auf mich her.

„Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!“ sagte der Junker Wulf vergnüglich,

als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; „aber

getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein Freund,

der Maler, kommt eben erst von Hamburg.“

Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem

Spürhund bei der Witterung. „Von Hamburg heut?—So muß er Fausti Mantel

sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu Mittag noch

in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch gewesen.“

Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein mit

dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers Wulf

lagen auf mir; und war mir’s nicht anders, als sähe er damit mein ganz

Geheimniß offen vor sich liegen. Es währete auch nicht lange, so flogen

die Karten klatschend auf den Tisch. „Oho!“ schrie er. „Im Stift, bei

meiner Base! Du treibst wohl gar doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich

auf den Botengang geschickt?“

„Ihr nicht, Junker Wulf!“ entgegnet ich; „und das muß Euch genug

sein!“—Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da; fiel

mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da ich

vorhin den Gaul zu Stalle brachte.

Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: „Reiß ihm

das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du findest eine

saubere Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet sehen!“

Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der

Risch an meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann. Ich

fühlte wohl, daß ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht mehr

über würde; da aber fügete es sich zu meinem Glücke, daß ich ihm beide

Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir stund. Es hatte

keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen; als wir uns aber itzund

in die Augen sahen, da wußte jeder wohl, daß er’s mit seinem Todfeind

vor sich habe.

Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von seinem

Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen; mochte

aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf seinen

Platz zurück. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es noch

vermochte: „He, Tartar! Türk! Wo steckt ihr! Tartar, Türk!“ Und ich

wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, so ich vorhin auf der Tenne an

dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle springen

sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der Tanzenden

daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings meinen Feind zu

Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem Zimmer, die ich

schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das Freie.

Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und

Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst zu

gehen, sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das Feld dem

Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die Richtung nach dem

Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die Holzung bis hart zur

Gartenmauer. Zwar war die Helle der Himmelslichter hier durch das Laub

der Bäume ausgeschlossen, aber meine Augen wurden der Dunkelheit gar

bald gewohnt, und da ich das Täschlein sicher unter meinem Wamse

fühlte, so tappte ich rüstig vorwärts; denn ich gedachte den Rest der

Nacht noch einmal in meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten

Dieterich zu berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich wohl

sahe, daß meines Bleibens hier nicht fürder sei.

Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem Abgang

wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten Vorsprung mir

gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut vernehmbar. Wohl aber, da

ich eben aus dem Schatten auf eine vom Mond erhellete Lichtung trat,

hörete ich nicht gar fern die Nachtigallen schlagen; und von wo ich

ihren Schall hörte, dahin richtete ich meine Schritte, denn mir war

wohl bewußt, sie hatten hier herum nur in den Hecken des Herrengartens

ihre Nester; erkannte nun auch, wo ich mich befand, und daß ich bis zum

Hofe nicht gar weit mehr hatte.

Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir aus

dem Dunkel drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr, das

jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht zweifeln

konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie hielten fest

auf meiner Spur, und schon hörete ich deutlich hinter mir ihr Schnaufen

und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub des Waldbodens. Aber Gott

gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem Schatten der Bäume stürzte ich

gegen die Gartenmauer, und an eines Fliederbaums Geäste schwang ich

mich hinüber. Da sangen hier im Garten immer noch die Nachtigallen; die

Buchenhecken warfen tiefe Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst

vor meiner Ausfahrt in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt.

„Sieh dir’s noch einmal an, Johannes!“ hatte dermalen er gesprochen;

„es könnt geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr

fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor

geschrieben stünde;—ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier

vergäßest.“

Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen; denn

nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich die Hunde

des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauer rennen. Selbige

aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht überall so hoch, daß

nicht das wüthige Gethier hinüber konnte; und rings im Garten war kein

Baum, nichts als die dichten Hecken und drüben gegen das Haus die

Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als eben das Bellen der Hunde wie

ein Triumphgeheule innerhalb der Gartenmauer scholl, ersahe ich in

meiner Noth den alten Epheubaum, der sich mit starkem Stamme an dem

Thurm hinaufreckt; und da dann die Hunde aus den Hecken auf den

mondhellen Platz hinaus raseten, war ich schon hoch genug, daß sie mit

ihrem Anspringen mich nicht mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel,

so von der Schulter geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir

herabgerissen.

Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben

schwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte suchend um

mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte; aber es war

nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um mich her.—Da, in

solcher Noth, hörete ich ober mir ein Fenster öffnen, und eine Stimme

scholl zu mir herab—möchte ich sie wieder hören, wenn du, mein Gott,

mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal!— „Johannes!“ rief sie;

leis, doch deutlich hörete ich meinen Namen, und ich kletterte höher an

dem immer schwächeren Gezweige, indeß die schlafenden Vögel um mich

auffuhren und die Hunde von unten ein Geheul heraufstießen.—„Katharina!

Bist du es wirklich, Katharina?“

Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich gegen

das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll Entsetzen in

die Tiefe starrten.

„Komm!“ sagte sie. „Sie werden dich zerreißen.“ Da schwang ich mich in

ihre Kammer.—Doch als ich drinnen war, ließ mich das Händlein los, und

Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster stund, und hatte ihre

Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten ihres Haares lagen über

dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab; der Mond, der draußen

die Gartenhecken überstiegen hatte, schien voll herein und zeigete mir

alles. Ich stund wie fest gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und

doch so ganz mein eigen schien sie mir; nur meine Augen tranken sich

satt an all der Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob,

sprach ich zu ihr: „Katharina, liebe Katharina, träumet Ihr denn?“

Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: „Ich glaub wohl fast,

Johannes!—Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!“

Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, fuhr

sie erschreckt empor. „Die Hunde, Johannes!“ rief sie. „Was ist das mit

den Hunden?“

„Katharina“, sagte ich, „wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich, es

muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal durch die

Thür in dieses Haus gelangen sollte.“ Dabei hatte ich den Brief aus

meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie ich im Kruge

drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen.

Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann

schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir uns

morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina sollte noch

zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen Abreise zum Kieler

Johannismarkte festgesetzet sei.

„Und nun, Katharina“, sprach ich, „habt Ihr nicht etwas, das einer

Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit ich

der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?“

Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. „Was sprichst du,

Johannes!“ rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß geruhet,

griffen nach den meinen. „Nein, nicht fort, nicht fort! Da drunten ist

der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!“

Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und wir

umfingen uns in großer Herzensnoth. „Ach, Käthe“, sprach ich, „was

vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht wäre; ich

bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben.“

Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie

Schelmerei aus ihrem Munde: „Kein Edelmann, Johannes?—Ich dächte, du

seiest auch das! Aber—ach nein! Dein Vater war nur der Freund des

meinen—das gilt der Welt wohl nicht!“

„Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier“, entgegnete ich und

umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; „aber drüben in Holland, dort

gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen Edelmann; die Schwelle

von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam ist wohl dem Höchsten

ehrenvoll zu überschreiten. Man hat mich drüben halten wollen, mein

Meister van der Helst und andre! Wenn ich dorthin zurückginge, ein Jahr

noch oder zwei; dann—wir kommen dann schon von hier fort; bleib mir nur

feste gegen euere wüsten Junker!“

Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete mich

und sagte leise: „Da ich in meine Kammer dich gelassen, so werd ich

doch dein Weib auch werden müssen.“

—Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine Adern

goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.—Von dreien

furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein verfolgter

Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes Schoß.

Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings

stille, und da es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und wild

davon rennen.

Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der Athem

stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-, dann

zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. „Das ist Wulf“, sagte

Katharina leise; „er hat die beiden Hunde in den Stall gesperrt.“—Bald

hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflurs gehen, den Schlüssel

drehen und danach Schritte in dem untern Corridor, die sich verloren,

wo der Junker seine Kammer hatte. Dann wurde alles still.

Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern war

es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf

zurückgelehnt; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen.—„Soll ich

nun gehen, Katharina?“ sprach ich endlich.

Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich ging

nicht.

Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der

Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten um

die Hecken fließt.—

Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die schöne

heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen

Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. Der

Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwüler Ruch von Blumen

hauchte durch das Fenster, und dorten überm Walde spielete die Nacht in

stummen Blitzen.—O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern?

—Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne

krähten, und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen hielt,

die mich nicht lassen wollte, unachtend, daß überm Garten der Morgen

dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann aber, da sie deß

inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst geschreckt, mich fort.

Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das

Gesind zu Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald uns

treffen; und dann—ich wußte selber kaum, wie mir’s geschehen— stund ich

im Garten, unten in der kühlen Morgenluft.

Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel aufhob,

schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum Abschied winken.

Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen bei einem Rückblick

aus dem Gartensteig von ungefähr die unteren Fenster neben dem Thurme

streiften; denn mir war, als sähe hinter einem derselbigen ich

gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach mir mit aufgehobenem

Finger und schien mir farblos und knöchern gleich der Hand des Todes.

Doch war’s nur wie im Husch, daß solches über meine Augen ging; dachte

zwar erstlich des Märleins von der wieder gehenden Urahne; redete mir

dann aber ein, es seien nur meine eigenen aufgestörten Sinne, die solch

Spiel mir vorgegaukelt hätten.

So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten,

merkete aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen;

sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob ihn was

hinunterziehen wollte. ,Ei‘, dachte ich, ,faßt das Hausgespenste doch

nach dir!‘ Machte mich aber auf und sprang über die Mauer in den Wald

hinab.

Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu;

hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine Sinne

sich nicht lösen mochten.—Erst da ich nach geraumer Zeit vom

Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach. Ein

Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und über mir vom

Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schüttelte ich all müßig

Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber auch wie heiße

Noth die Frage mir ins Hirn: ,Was weiter nun, Johannes? Du hast ein

theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß dein Leben nichts gilt als

nur das ihre!‘

Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn

Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann zurück

nach Holland ginge, mich dort der Freundeshülf versicherte und

allsobald zurückkäm, um sie nachzuholen. Vielleicht, daß sie gar der

alten Base Herz erweichet; und schlimmsten Falles—es mußte auch gehen

ohne das!

Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des

grünen Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom

Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem Gewühl

hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellem Zuruf grüßen

und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim geleiten. Mein

Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kräftiger und rascher schritt

ich aus, als könnte ich bälder so das Glück erreichen.

—Es ist doch anders kommen.

In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und

trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings

hatte flüchten müssen.—„Ei, Meister Johannes“, rief der Alte auf der

Tenne mir entgegen, „was hattet Ihr doch gestern mit unseren gestrengen

Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber da ich wieder

eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und auch die Hunde

raseten an der Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß geworfen hattet.“

Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht wohl

begriffen habe, so entgegnete ich nur: „Ihr wisset, der von der Risch

und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal gezauset; da mußt’s

denn gestern noch so einen Nachschmack geben.“

„Ich weiß, ich weiß!“ meinte der Alte; „aber der Junker sitzt heut auf

seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit solchen

Herren ist nicht sauber Kirschen essen.“

Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot und

Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen Degen

holete, auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm.

Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans Ottsen,

daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen lassen; und als

er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus zum Wald. Ich ging

aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel, von wo man die beiden

Giebel des Herrenhauses über die Gartenhecken ragen sieht, wie ich

solches schon für den Hintergrund zu Katharinens Bildniß ausgewählet

hatte. Nun gedachte ich, daß, wann in zu verhoffender Zeit sie selber

in der Fremde leben und wohl das Vaterhaus nicht mehr betreten würde,

sie seines Anblicks doch nicht ganz entrathen solle; zog also meinen

Stift herfür und begann zu zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen,

woran ihr Auge einmal mocht gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt

es dann in Amsterdam gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen

grüße, wann ich sie dort in unsre Kammer führen würde.

Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie zum

Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich die

Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich nebenan im

Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, daß die Zeit

vergehe.

Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte von

einem fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten von dem

Hofe sei. Die Sonne glühte schon heiß hernieder und verbreitete den

Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung überdeckt war. Es fiel mir bei,

wie einst Katharina und ich uns hier bei unseren Waldgängen süße

Wegzehrung geholet hatten; und nun begann ein seltsam Spiel der

Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den Sträuchern ihre zarte

Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich anschauend mit den seligen

Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst gesehen, wie ich sie nun gleich,

im nächsten Augenblicke, schon leibhaftig an mein klopfend Herze

schließen würde.

Da plötzlich überfiel mich’s wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? Es

war schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen, ich ging

umher, ich stund und spähete scharf nach aller Richtung durch die

Bäume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam nicht; kein

Schritt im Laube raschelte; nur oben in den Buchenwipfeln rauschte ab

und zu der Sommerwind.

Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach dem

Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, begegnete mir

Dieterich. „Herr Johannes“, sagte er und trat hastig auf mich zu, „Ihr

seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; sein Junge brachte

mir Euren Gaul zurück;—was habet Ihr mit unsern Junkern vorgehabt?“

„Warum fragst du, Dieterich?“

—„Warum, Herr Johannes?—Weil ich Unheil zwischen euch verhüten möcht.“

„Was soll das heißen, Dieterich?“ frug ich wieder; aber mir war

beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken.

„Ihr werdet’s schon selber wissen, Herr Johannes!“ entgegnete der Alte.

„Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor einer Stund

mag’s gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der im Garten an den

Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben unser Fräulein ihre

Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas’ Ursel mit unserem Junker dicht

beisammen stehen. Er hatte die Arme unterschlagen und sprach kein

einzig Wörtlein; die Alte aber redete einen um so größeren Haufen und

jammerte ordentlich mit ihrer feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder

auf den Boden, bald hinauf in den Epheu, der am Turm

hinaufwächst.—Verstanden, Herr Johannes, hab ich von dem allem nichts;

dann aber, und nun merket wohl auf, hielt sie mit ihrer knöchern Hand,

als ob sie damit drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich näher

hinsah, war’s ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr’s da an Euerem Mantel

traget.“

„Weiter, Dieterich!“ sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf

meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug.

„Es ist nicht viel mehr übrig“, erwiderte er; „denn der Junker wandte

sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen wäret. Ihr

möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf gewesen, die

Augen hätten blutiger nicht funkeln können.“

Aquis Submersus · 第 2 / 6 题