Sie machten Ausflüge zusammen, schwammen oder lagen in den Stühlen am

Strand. Das Badevolk sprach über sie, das Einvernehmen schien eng. St. Goar

war ein Mann von heldischen Schultern und schmalen Hüften. Er ging sehr

elastisch und mit Haltung und hatte unstreitig Geist. Er war einer der

nobelsten Männer und nicht ohne den Charme, der verbindet. Vielleicht besaß

er zuviel Vorzüge und nicht genug Bestimmtheit. Er pflegte ohne Ursache

gern angenehm zu lachen, was ihn sehr beliebt machte. Das ging wochenlang

ohne Trübung. Beim Lunch wurde plötzlich ein Billet für St. Goar abgegeben,

woraufhin er sich empfahl. Als Granuella ihren Abendgang nach der Mole

machte, fand sie ihn auf der Landungsbrücke ganz vorn an der Dampferanlage

in heftigem Wortwechsel mit einem Mann. Es hatte tags und die Nacht vorher

gestürmt. Die Brechwellen überrannten, ohne daß die beiden es merkten, mit

Gischtwolken die Barriere und hüllten hinter ihnen den Himmel in eine

Schale von wildem Schaum. Granuella hielt einen Augenblick an. Die rote

Sonnenglut lag prall auf dem Meer gerade vor dem Erlöschen des Gestirns,

das in die Gischt hineinstürzte mit ungeheurer Majestät. Das junge Mädchen

bebte vor Zorn. Als sie zu ihnen trat, standen Tränen der Güte in ihren

Augen: »Ist es Ihnen zuviel geworden Romanoff«, fragte sie, »ich wähnte Sie

bei meinem Vater, den zu bewachen Sie mir vorschlugen.« Er konnte ihr Auge

nicht ertragen und stammelte: »Mein Fräulein«, er bediente sich der

malenden litauischen Ausdrucksweise, obwohl er vor Aufregung bebte,

»Frederik de Voß benötigt nur selten noch eines Wärters. Er geht in seinem

Garten herum, wo man blitzende Glaskugeln aufgestellt hat, in die er

vernarrt ist. Er würde sie nie mehr verlassen. Vergessen Sie diesen Mann,

Herrn de Voß, und wenn Sie ihn rasch in Ihrem Herzen vergessen, um so

besser, um so besser. Er hat seinen Frieden.« Das Mädchen drehte sich

herum, daß es in die Röte sehen mußte und unwillkürlich die Augen zukniff:

»Man hat ihm drei Söhne vor den Augen erschossen«, sagte sie hart. Die zwei

standen wie Soldaten vor ihr. Ja, sie wären auf ihren Wunsch ins Meer

gesprungen, obwohl es wohl das Sinnloseste gewesen wäre. Sie gingen dann

langsam die Landungsbrücke nach dem Strand zurück. St. Goar versuchte ihr

zuzureden, da ihn ihre Härte erstaunte, er konnte in der Dunkelheit nicht

sehen, daß sie Tränen in den Augen hatte und deshalb schwieg, um sich nicht

zu verraten. Ihr glühendes Herz litt furchtbar aus Stolz, aber auch aus

Mitleid mit dem Alten. Romanoff verschwand in der gleichen Nacht. Man geht

nicht fehl zu vermuten, daß er innerlich befreiter abfuhr. Er konnte nach

seinen Erfahrungen sicher sein, daß er auf St. Goar nicht eifersüchtig zu

sein brauchte. Es war wohl, wie er dachte, vorteilhafter für ihn, um den

Alten herum und also ihrem Herzen doch nah auf die Dauer zu sein, als sich

in ihrer britischen Nähe zu befinden, wo er täglich sie verlieren, aber nie

augenblicklich gewinnen konnte. St. Goar dagegen versuchte einen anderen

Weg der Hoffnung.

Er war in dem Jahr, das ihm die Douglas seinerzeit in England nicht

aussichtslos gelassen hatte, vor Sehnsucht bald schwindsüchtig geworden. Er

stand eines Nachts auf, lief mit zwei Pistolen am Strand herum, schrie und

delierierte, kehrte gegen Morgen zurück und begann plötzlich offenkundig zu

werben. Er ging völlig tollkühn vor und überraschte Granuella ganz und gar.

Sie waren etwa eine Stunde in der Dämmerung nach dem Leuchtturm zu gegangen

und an den ersten Büschen der Anlage erst bemerkte sie seine völlige

Verstörung. Er gebärdete sich auch bald wie ein Rasender. Was kann ich

anderes tun als ihn beruhigen, dachte sie und stieß ihn sanft zurück. Sie

bekam feuchte Lippen und ein fast vor dunklem Glanz perlmutternes Auge, was

der Besinnungslose für ein gutes Zeichen hielt. Natürlich vermochte

Granuella sich dem Geheimnis der Gelegenheit und der sinnlichen Kraft

dieser Erklärung nicht ganz zu entziehen. Sie war innerlich ohne Zweifel

weit entfernt auf ihn zu hören. Ihre Hand fuhr über seinen Kopf, aber sie

dachte nicht an ihn. Das brachte ihn zur Verzweiflung. Sie war, seitdem sie

einem Manne zugehörte, empfänglicher geworden für Leidenschaft und trotz

der silbernen Dämmerung sah er, daß ihre Nasenflügel sich strafften. Er

warf sich zu Boden, als er ihre Erregung sah und empfand, daß er sie

dennoch nicht haben werde. Er war jedoch klug genug, sich zu mäßigen, da er

ihr Gesicht voll Tränen sah. Es entsprach dem mystischen Glauben, der sie

beide an ihre Nation band, daß sie keine Scheu hatte, ihm von Leuchtenberg

zu sprechen. Die Angelegenheiten ihres Lebens und ihrer Leidenschaft waren

mit einer bestimmten und fast vorgeschriebenen Planmäßigkeit in die Ziele

ihrer politischen Absichten verwebt, und in diesem Dämmerklar der Gefühle

verstand es sich von selbst, daß St. Goar begriff, daß ihr Leben nur dem

Mann gehöre, der sie aus den Flammen gerissen hatte und auf dessen

Lebenslauf ihr Herz als den vornehmsten und ersten horchte. Sobald er

Gewißheit hatte, ließ ihn das nicht ohne Hoffnung, denn er war sich der

Zuneigung und der vertrauensvollen Ergebenheit dieser Frau sicher. Fast zu

eilig verließ er sie, als sie ihn bat zurückzukehren, um mit ihren Gedanken

allein zu sein.

Während er mit fast zu Sicherheiten sich spannenden Hoffnungen den Strand

entlang mit aufgewühlter Seele lief, ging Granuella die zweihundert Stufen

zu dem Leuchtturm hinauf. Sie stand mit einem Herzen da, das die Erlebnisse

dieser leidenschaftlichen Szene mit ungeheurer Empfindlichkeit nach der

Richtung seines eigentlichen Ziels gewandt hatte, ja man hätte sie für eine

Wahnsinnige halten müssen, wie sie, die Arme aufgerissen, auf der Brüstung

stand. Mit der Energie einer Tollen erlebte sie das phantastische Glück der

Gegenwart ihres entfernten Geliebten. Sie wäre fast von der Zinne gestürzt.

Trotzdem der Herzog tausende Kilometer von ihr entfernt war, empfand sie in

der Tat eine ungeheuerliche Bewegung. Seine Anwesenheit hätte sie nicht

verstärkten können und die Verbindung, die sie auf der Höhe dieser Minute

mit aller Tiefe ihres Wesens durchatmete, war fast tötlich schön. Das Meer

lag unter ihr wie Getreide. Der Mond spannte mit seinen Lichtfurchen die

Kanäle ihrer Heimaterde dazwischen. Was blieb ihr, als zu erstarren vor

Glück, obwohl sie immer den eiligen kaum mehr vor Eile wahrnehmbaren

Herzschlag in sich vernahm. Sie war keine eigentlich schwärmerische Natur

und eher mit Geduld begabt, auf Genuß zu warten, als sich an Visionen zu

begeistern in der Abwesenheit des Gegenstands ihrer Wünsche und ihres

Schicksals. Sie hatte aber die bestimmte hellsichtige Zuversicht in dieser

Nacht, daß ein ungeheures Glück nahe.

Dieses junge Mädchen mußte am Morgen hören, Leuchtenberg sei gefallen. Sie

nahm es ohne Gefühlsäußerung auf, vielleicht lächelte sie sogar in den

Winkeln ihres kühlen und doch wollüstigen Mundes. Sie sagte am Abend zu St.

Goar, als er kam und sich stumm zu ihr setzte: »Ich glaube nicht, daß ich

vergessen kann, Sie eine kleine Freude bei der Nachricht empfinden zu

sehen.« Ihre Offenheit beschämte ihn grenzenlos und öffnete wieder das Tor

des Verstehens zwischen ihnen, das durch seine Unsicherheit einen

Augenblick zugeschlagen war. Natürlich konnte er weder jetzt noch je in

seinem Leben den Gedanken verlieren, daß er der natürliche Nachfolger

Leuchtenbergs sein müsse und die Hoffnung auf eine Füsilierung des Herzogs

war eines der sichersten Besitztümer seiner Seele. Er hätte den Triumph

meistern müssen, denn er setzte damit alles, nämlich ihr Stück Zuneigung zu

ihm, aufs Spiel. Er klagte sich fassungslos an. Sie war sehr gütig und

entschuldigte ihn selbst. St. Goar empfand an diesem Tag die Furchtbarkeit

seiner Lage, die ihm Granuella für immer nahm. Das einzige, was ihm den Weg

zu ihr frei machte, würde als Gespenst sie ihm mit der Pistole noch

weigern. Er verfiel in eine tragische Melancholie, in der der Entschluß in

ihm reifte, sein Leben lang für dieses Stück Zuneigung bei ihr zu werben,

auch wenn er sie nicht besitzen solle, zufrieden, wenn ihm das wenigstens

bliebe. Von ihm wurde sie wohl am meisten und besten geliebt, obwohl er

nicht wie andere dafür in den Tod hineinjagte. Sie zeigte ihm dafür eine

nachsichtige Freundschaft nicht ohne Zärtlichkeit bis zu ihrem Sterben.

Niemand vermochte ihr abzuraten, als sie sich entschloß in die Heimat zu

fahren. Ihre Familie galt immer noch als Mittelpunkt der Irredenta der

Provinz. Sie begab sich, alle Warnungen freundlich ablehnend, am

festgesetzten Tag auf die Reise. Jedermann sah einen schlechten Ausgang,

sie allein tat es nicht im mindesten. In der Tat sah sie den Wind mit den

Maisfeldern spielen, roch den Duft, den beseligenden träumerischen Duft der

Gartenerde und sah die Sonne zwischen dem kühlen Schatten der

Kastanienallee. Aber nur mit geschlossenen Augen in ihrem Kupee. Man fing

sie gleich hinter der Grenze ab und gab ihr ein anständiges aber sie völlig

abschließendes Gefängnis in einer Festung, von deren Namen sie keine Ahnung

hatte. Man transportierte sie nachts und in geschlossenem Auto. Sie

vermochte sich nicht mit der Douglas in Verbindung zu setzen, und die

Nachforschungen, die diese anstellte, zogen sich wochenlang resultatlos

hinaus.

Granuella suchte verhört zu werden, verfaßte Proteste, bat um Erklärungen.

Es war, als verschwände jedes Zeichen von ihr in der Luft. Sie konnte über

nichts klagen, aber sie kam nicht aus der geheimnisvollen Isolierung

heraus. Es blieb nichts übrig, als sich auf den Stolz zurückzuziehen und

die Dinge mit Hochmut abzuwarten. Das war nicht immer leicht, wenn man die

Vögel und die Wolken ansehn mußte. Zu ihrem Glück liebte die Wärterin sie

ebenso umständlich wie tief. Sie hatte die Neigung eines ergebenen

Haustiers zu ihr gefaßt und sie tat ihren Dienst unter Schmerzensausbrüchen

über ihre schöne Gefangene. Wenn sie Granuella in schwachen Stunden zart

und in Tränen aufgelöst fand, küßte sie ihr das Kleid wie einer Heiligen.

Nach einer Zeit von etwa zwei Monaten kam eine Kontrolle der Regierung in

die Festung. Der Führer benahm sich äußerst seltsam, prallte an der kaum

geöffneten Tür Granuellas, die schlief, zurück, hauchte den Atem scharf aus

und verschloß die Tür rasch hinter sich. In dieses Zimmer trat er überhaupt

nicht ein, ließ sich die Listen vorlegen, tobte durch die anderen Zellen,

steckte drei Pförtner sofort in strengen Arrest, fluchte über die

Unsauberkeit und ließ den Kommandeur kommen: »Pfui Teufel, Sie Schwein«,

schrie er ihn an, »schreiben Sie Ihren Abschied«, und warf ihm ein Papier

auf den Tisch und schlug die Reitpeitsche quer über das Blatt. Weiter

äußerte er nichts, ließ einen seiner Leute als Kommandeur zurück und reiste

ab. Nach zwei Tagen kam er nachts wieder zurück. Man sagte, er hätte den

Berg selbst wie ein Rasender hinauf gelenkt. Er blieb da, ob in Urlaub ob

in einer Mission war nicht klar. Täglich ging er mit entschlossenem Schritt

bis an die Tür der Gefangenen. Es war um die Zeit, wo sich niemand auf den

Gängen befand. Wenn er die Klinke fassen wollte, griff er höher, bis sein

Arm senkrecht stand. Dann drehte er um, ließ den Arm herunterfallen und

verschloß sich im Bureau, wo er Akten studierte.

Nach einiger Zeit ging in dem Augenblick, wo er anmarschierte, die Tür weit

auf. Die Wärterin, die nicht in dem Zimmer zu sein hatte, warf sich ihm zu

Füßen und bettelte, ob sie ihm einen Brief übergeben dürfe. Das war

verboten und er schob sie mit einem Tritt bei Seite. Granuella sah in das

Gesicht des Obersten Gagarin. Ihre Blicke, die aus dem Wolfshaß

heraufkamen, hatten einige Zeit, sich ineinander zu verketten. Der Fürst

war General geworden und noch tiefer ergraut. Sein Gesicht war marmorweiß

und fast jung geblieben. Zugleich nahm sie in seinem Blick, der die

schrankenlose Energie der Soldaten seiner Zeit hatte, die gleiche Energie

eines schmerzlichen Zugs wahr, der eigentlich sein ganzes Gesicht nun

erfüllte. Plötzlich griff er an die Schläfe, grüßte und begann zu sprechen:

»Es ist meine Aufgabe, Ihre Angelegenheit zu prüfen und zu bedenken,

welchen Wert Ihre Anwesenheit für meine Nation hier haben kann. Die

Verantwortung darüber ist völlig in meine Hände gelegt, auch inwieweit man

sich Ihrer als Geisel für zukünftige Fälle bedienen kann. Diese

Verantwortung ist ungeheuer, da ich jeden Tag meines Lebens für das Wohl

der Nation nur atme. Ich würde mich eher in den Kasematten auf meinen

eigenen Befehl erdrosseln lassen, als daß ich nicht auch in diesem Falle

lediglich für die Nation handelte. Sie werden begreifen, wie entsetzlich

mir die unerwartete Aufgabe über Sie zu entschließen geworden ist.« Sie sah

in den Hof hinab, wo man aufgeregt hin und her lief und dachte nach, welche

Vorbereitung zu welchen Schrecken das sein solle. »Es ist meine Pflicht,

Ihnen diese Briefe zu übergeben, die eingelaufen sind.« Er hielt sie ihr

hin und da sie nicht zugriff, legte er sie auf den Tisch. Sie standen sich

wieder gegenüber. Er rang mit etwas, hielt es aber zurück.

»Obwohl es nicht mein eigentliches Amt ist, habe ich Ihnen eine weitere

Mitteilung zu machen.« Es war offensichtlich, daß er sich trotz seiner

eisigen Ruhe in tiefster Bewegung befand. Sie dachte, indem sie ihn mit

halbgesenkten Lidern ansah: er hat meine Brüder erschossen. Möge Gott ihn

bei der ersten Gelegenheit töten . . . und schloß die Augen. Er hob die

Hand an sein Käppi und salutierte: »Ich bringe Ihnen die Nachricht Ihrer

Freiheit, Baroneß.« Sie sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie glaubte, er

wolle ihr Herz langsam martern. Es war klar, daß er noch etwas, worauf es

ihm überhaupt ankam, im Hintergrund habe. Er sagte langsam: »Wenn Sie die

Grenze nicht innerhalb fünf Stunden überschreiten, werden Sie heute Abend

erschossen sein. Bis zur Grenze kann Sie mein Auto bringen. Eilen Sie sich,

je eiliger, um so besser. Es geht um Ihr Leben. Später wird die Grenze

geschlossen sein, da man Unruhen befürchtet. Ich werde in der Zwischenzeit

einen Brief nach Warschau zu telephonieren haben, den ich, an Sie

gerichtet, öffnen mußte. Noch einmal, beeilen Sie sich.«

Sie wurde totenfahl. Sie erkannte die Schriftzüge Leuchtenbergs. Es wurde

ihr klar, daß der Mann ein furchtbares Spiel gegen sie vorhaben müsse. Er

reichte ihr ungeöffnet das Schreiben. Sie öffnete es aber nicht, sondern

legte es auf den Tisch zurück. In diesem Augenblick empfand sie, daß dieser

Mensch sich in einem grauenvollen Zwiespalt wand. Er war so unglaublich,

daß sie ihn kaum anzusehen wagte. Seine Augen bohrten sich förmlich in ihr

Herz hinein. Es wäre dem Fürsten ein Leichtes gewesen, mit ihr als

Angelhaken den Leuchtenberg heranzulocken, den er mehr haßte, als er hätte

sagen können. Er hatte den Entschluß gefaßt, die Frau loszulassen, mit der

er als Geisel seiner Karriere einen starken Dienst hätte tun können. In der

Tat hatte er sich geschworen für das, was er seinem Edelmut nachgab, sich

zu rächen und den Herzog sofort zu töten, wo er ihn erreichen konnte, wenn

dessen Ankunft den Beginn neuer Schwierigkeiten in den Provinzen bedeutete.

Das Mädchen begriff in der einen Sekunde alles und schlug die Hände vor das

Gesicht. So schlich sie bis an die Tür. Als sie diese erreicht hatte, blieb

sie einen Augenblick stehen. Fürst Gagarin salutierte noch immer, obwohl

ihm der Hals bald sprang. Sie sah ihm auf die Zähne. Er sagte aber nichts

mehr.

Da sie aber an die Hölle, die sie in ein paar Minuten durchlebt hatte,

nicht mehr glauben konnte, als sie im Auto saß, sondern alles für einen

Traum hielt, fragte sie den Chauffeur, der sie an die Grenze fuhr: »Höre,

ist Dein Herr, der General, der Herzog von Leuchtenberg?« Sie hatte sich

nach vorn gebeugt, er konnte aber in der rasenden Fahrt nicht zurückschauen

und sie mußte wiederholen und ihr Ohr weit nach vorne schieben. »Nein,

Frau«, sagte er kopfschüttelnd, »es war nicht der Herzog von Leuchtenberg.«

Darauf fragte sie: »Und nun? War es Fürst Gagarin?« Darauf erwiderte der

Chauffeur, es wäre der General Gagarin gewesen. Mittlerweile kamen sie an

die Grenze. Sie hielt den Brief noch in der Hand, sie hatte vergessen ihn

zu öffnen. Sie erbrach ihn und erbleichte. Das Blut schoß ihr in die

Schläfen. Als sie ausstieg, sandte sie durch den Chauffeur dem General, der

ihre Brüder erschossen hatte, das Tuch, mit dem sie in Florenz ihrem ersten

Geliebten gewinkt hatte. Sie hätte es in der nächsten Sekunde lieber mit

den Zähnen zerrissen. Dieser Mann, dem sie das Tuch sandte, hatte keinen

anderen Gedankten, als den Herzog von Leuchtenberg zu töten. Es kam jedoch

anders, und Fürst Gagarin kam nicht in die Lage, dafür, daß er Granuella de

Voß, die er wahnsinnig liebte, zu ihrem ersten Geliebten entweichen ließ,

zum Schutz seines Landes und als Sühne für seine Tat den Herzog

abzuschießen. Leuchtenberg kam nicht in die Provinz.

Das junge Mädchen traf eine Woche nachher Lady Douglas und reiste mit ihr

Leuchtenberg entgegen nach Süden, wo man sich besser traf als in der Nähe

fanatisierter Kugeln. Diese Reise war der Höhepunkt ihres Lebens. Dieses

Glück hatte sie nicht für möglich gehalten. Sie mußte immer wieder

innehalten und von vorne anfangen zu denken, weil die Vorstellungen sich

ihr verwirrten. Zu manchen Zeiten wußte sie kaum, was sie sprach, und

starrte mit erschreckten Augen um sich, wo sie sich überhaupt befinde.

Diese Woche war so, als trete sie immer aus einem Traum, um für Sekunden

Wahrnehmungen zu machen, worauf sie wieder in den Traum zurücksank. Ein

Gefühl von so maßlosem Entrücktsein hatte sie ergriffen, daß vor dieser

machtvollen Verzauberung Lady Douglas Beängstigung empfand. Es schien

unfaßlich, wie diese völlige Verwandlung noch zu übertreffen, ja überhaupt

je wieder ins einfache Leben zurückzuleiten sei. Das Gespenst einer

ungeheueren Gefahr lebte in dieser Wonne alle acht Tage hindurch. Die

Douglas hatte eine Schatulle mit Papieren bei sich, um die Eheschließung,

wo auch immer sie sich träfen, sofort vornehmen zu lassen.

Sie begegneten sich in Triest. Der Herzog kam mit einer Art

Janitscharenregiment auf einem eigenen Schiff. Die Kapellen spielten,

Schüsse wurden abgefeuert und Signale gewechselt. Der Einzug hatte einen

beinahe offiziellen Anstrich, da die Souveränitäten von Dutzenden neuer

östlicher Staaten nie durchschaubar waren, solange die asiatischen

Auseinandersetzungskämpfe mit den Bolschewiken dauerten. Der Herzog hatte

offenbar ein kriegerisches und abenteuerliches Dasein zu Ende gebracht. Er

hatte so wilde Sitten, daß die Douglas ihre ganze Autorität gebrauchte, ihn

kein Aufsehen erregen zu lassen. Granuella war fast von Sinnen vor

Aufgelöstheit. Sie sah nichts und hörte nichts. Offenbar wußte sie gar

nicht, wo sie sich befand. In der Nacht raubte sie Leuchtenberg, nachdem er

sie geschickt während einer kurzen Abwesenheit der Engländerin in den

Garten geführt hatte.

Auf einem eigenen Motorboot, in das er Blumen hatte werfen lassen, fuhr er

sie nach einer kleinen Insel. Zwischen einer Lichterkette gelangten sie zu

einem Haus auf einem Hügel. Er trug sie mehr, als sie ging. Was Granuella

in dieser Nacht erlebte, war das Süßeste und Unfaßbarste für sie. Sie

spürte selbst, alles Spätere sei überflüssig. Am liebsten wäre sie nicht

wieder erwacht. Sie erinnerte sich, daß ihre Jugendträume alle auf etwas

hingingen, das sie noch nicht damals erfassen und erblicken konnte. Das war

es. Es war nun da. Sie empfand eine Bestätigung heute für alles, was sie

getan und unterlassen hatte in ihrem Leben. Sie mußte Leuchtenberg wie

einen Gott empfunden haben, der sie besuchte. Bei diesen beiden Menschen

schlug das Feuer ihrer Begeisterung und ihrer Liebe immer wieder zusammen,

wenn sie sich die Nacht zurückriefen, wo er sie aus ihrem Kindheitshause

holte. Baroneß Granuella de Voß war überzeugt, daß sie ihr Vaterland

umarme, wenn sie ihre Mädchenarme zärtlich um ihren Geliebten schlang, und

daß die Sehnsucht, um die sie Jahre hindurch in der Fremde gewandert und

die sie grauenhaft durchlitten, ihr nun mit Dank in dem besten Mann ihrer

glühenden Nation sich erfülle.

Am Morgen vermochte sie von der Adlernase dieses Mannes nicht mehr zu

entdeckten als die ferne Spur seines Schiffes, das wie ein Hauch in dem

Meerblau schwebte. Der Herzog hatte sich aus dem Hafen des Freistaats

entfernt und das Schiff wieder südlich gesteuert, nachdem er einen

diplomatischen Auftrag erledigt hatte. Gewiß war er nicht ohne etwas wie

Gewissen, obwohl bei Männern in Frauensachen diese Tugend nicht viel mehr

als eine angenehme Verlogenheit bedeutet, aber er war keineswegs der Mann,

ein wildes und hartes männliches Leben für eine auf Jahre verlängerte

Schäferszene hinzugeben. Und er hatte in der Tat, abgesehen davon, ob sein

Ideal gewichtig oder erbärmlich sei, wahrhaftig die Empfindung, Träger und

Bringer eines unsterblichen und nie wieder erreichbaren Glücks gewesen zu

sein. Granuella starb um eines Haares Breite, als sie begriff. Sie hatte

bis zum Mittag aufgerichtet im Bett allein am Fenster gesessen. Als die

Douglas sich über sie beugte, sah sie diese einen Augenblick an. Die

Engländerin, die sie den Tag mit großer Ängstlichkeit gesucht hatte,

nickte. Granuella wurde weiß und fiel auf das Gesicht. Sie hatte lange mit

dem Tod zu kämpfen, und Lady Douglas vermochte lange nicht, ihrem Nicken

hinzuzufügen, daß sie diese ganze Sache vorausgesehen habe.

Granuella wurde in der Folge sehr schön. Man sah nur ihre Zähne nicht mehr.

Früher hatte sie die Lippen stets leicht geöffnet getragen. Sie hatte

weniger Gelegenheit nunmehr zu lächeln. Ihr Bruder war während ihrer

Krankheit auf eine unaufgeklärte Weise gestorben. Sie reiste daher, als sie

die Nachricht vom Tod ihres Vaters erhielt, zu seiner Beisetzung noch

einmal nach Kowno. Wie der blonde Erzengel stand sie mit dem wollüstigen

Madonnengesicht zwischen den Fahnen und Uniformen. Sie blieb allein am Grab

vor einem wilden Haufen Blumenkränzen: »Das da unten ist der Mann, mit dem

ich meine Jugend geduldet, gelitten, gehofft,« dachte sie. »Das Leben war

zu schwer für ihn und hat ihn zerbrochen. Habe ich ihm nicht Unrecht getan,

daß ich ihm deshalb zu zürnen wagte? Hat er diesen Unsinn nicht einfach nur

eher durchschaut wie ich?« Sie griff sich an die Stirn und fühlte die

Traube blonden Haars, die aus dem koketten Turbanhut und dem dicht unter

dem Kinn geführten Schleier herausquoll. Sie sah die letzten Menschen um

die Ecke des Friedhofgangs biegen. Sie hatten dieses Wrack, das schon vor

Jahren aus Leidenschaft zum Geld die Sache der Nation verriet wie einen

großen Führer begraben. Sie war toll verliebt in diesen Vater, weil er dem

Leben unterlegen war, aber sie verachtete die Schreier, die ihre Phrasen

über seinen armseligen Tod geschwungen hatten, als ob ein Heros für sie

gefallen sei. »Man hätte dieses Volk nie versuchen sollen zu retten. Es

wäre vielleicht zu seinem besten gewesen, wenn man es hätte rädern lassen,«

dachte sie. Etwas fehlte nunmehr in ihrem Gesicht, aber es war unbestimmt

was. Sie ging bis dicht an das Grab heran, dann drehte sie um. Um

Weihnachstag heiratete sie den General Gagarin.

Die Amazone · 第 3 / 4 段