würde sie töten oder zur Rasenden machen. Sie war zu ungewandt in der
Kenntnis der Charaktere und hatte keine Erfahrung in der Gesellschaft, um
die Schwäche ihres Vaters als unheilbar zu erkennen. Sie beschränkte sich
darauf, mit dem ganzen Edelmut ihres Herzens an ihn zu glauben, eine
Fähigkeit, die ebenso großartig wie verrückt war. Voß verlor wieder
dauernd. Ohne Geld und Anhang verstrickte er sich an suspekte Kerle. Der
Kampf ums Geld wurde riesenhaft für ihn. Eines Abends war er im Kasino
aufgesprungen, hatte die Brusttaschen seines Fracks gewendet und das Futter
in den Händen, als ihn jemand in seiner Verzweiflung anstieß. Der Mann war
ihm dem Namen nach irgendwie bekannt und er folgte ihm hinaus. Dort sagte
er ihm, die Provinzen seien den Polen zugesprochen worden. Darauf ging er
schlendernd wieder weg, Voß war wie ein Pferd zusammengestürzt. Sein
Zustand war um so entsetzlicher, als er sich auch wegen des Zustands seiner
Kasse die entsetzlichsten Vorwürfe machen mußte. Er sah sich in jeder
Hinsicht vernichtet und wäre für einen guten Tod dankbar gewesen. Die ganze
Nacht weinte er mit Granuella, die ihn tröstete. Wirklich stellte sich
anderen Tags heraus, daß die Zuteilung der Provinzen an Polen nur
provisorisch war. Voß hatte aber nicht mehr Kraft genug, das auszuhalten.
Das linke Auge schloß sich von dieser Nacht ab völlig. Er war seelisch zu
sehr verludert, als daß der Schlag ihn nicht mitten durchgebrochen hätte.
Sein Stolz ging mit diesem Unglück für allemale in den Kot. Er wurde fast
kindisch und dachte überhaupt nur noch an Geld. Die Habgier wurde mit einer
phantastischen Leidenschaft von ihm betrieben. In seinen Träumen weinte und
bebte er um ungeheure Summen. Der Geiz saß in seinen Augen, die Geldlust
machte seine Finger zittern. Dazu wurde er greisenhaft launisch, wackelte
mit dem Kopf und fürchtete immer, er könne nicht mehr leben, während sich
sein Kopf mit wirren Plänen quälte. Dabei verwaltete Granuella ohne sein
Wissen die Ausgaben ihres Hausstandes mit Darlehen, die Lady Douglas ihr
besorgte und für die sie mittlerweile ihre russischen Besitzungen
verpfändet hatte.
Die Lebenshaltung des alten Voß war außerhalb des Hauses sehr trist
geworden. Er verlor, je tollere Träume von großen Vermögen und
ungewöhnlichen Verdiensten ihn juckten, in der Wirklichkeit auch die letzte
Kritik. Er vernachlässigte seine Kleidung, um auf das Mitleid der Reichen
spekulieren zu können. In seinen Rücken hatte sich ein devoter Zug
eingeschlichen, er war entsetzlich unsicher und weinerlich geworden und
seine Gesellschaft war abscheulich. Einmal sagte im Kasino ein Mann, der in
der Diplomatie sehr bekannt und sein zynischster Gegner war, als er
seinerzeit mit Wagen und Pferden das erstemal in Lausanne eingezogen war:
»Dieser Mann da schien uns jungen Leuten der Konferenz albern, aber wir
beneideten ihn. Er ist noch alberner geworden, aber man kann ihn nicht mehr
beneiden und ich glaube man sollte ihn deshalb totschlagen.« Die
Umstehenden lächelten, weil, ohne ihr Gespräch zu beachten, Frederik de Voß
mitten durch sie gegangen kam, aber der Sprecher schien es zu erbärmlich zu
finden, um zu lachen, schob den hohen Hut in die Stirn und ging aus dem
Foyer. Frederik de Voß las aus den Gesichtern der Menschen nur noch wie an
einem Thermometer, wie weit sie für Geld in Betracht kamen. Alles andere
übersah er bereits, er war nicht mehr zu kränken. Er hatte den Vogelblick
mit seinem rechten Auge bekommen, mit dem er nach Beute spähte. Er dürstete
so nach Geld, daß er alles an Geschäften annahm, was herbeikam, um es
wieder zu verspielen. Die Briefe seines Sohnes schob er zitternd in eine
Schublade, um sie aus dem Gesicht zu bekommen. Er hatte wahrscheinlich gar
keine Vorstellung mehr davon, daß er Buchenwälder besaß, die bis ans Meer
grenzten, und daß seine Maisfelder zwischen den Kanälen flimmerten.
Alle Welt wußte bereits über diesen Zusammenbruch Bescheid und man erzählte
sich von ihm die abenteuerlichsten Geschichten der Erniedrigung. Als ein
skrupelloser Agent, dem er mit seinem Namen ein übles Geschäft über die
Grenze gedeckt hatte, ihm ein Drittel der Verdienste auszahlte, stürzte Voß
vor ihm auf die Knie. »Väterchen«, rief er und schüttelte die Hand des
Agenten mit seinen beiden Armen, »meine Kinder verhungern«. »Was wollen
Sie«, fragte der Spediteur, der einen unglaublichen Namen trug.
»Fünftausend Franks«, wimmerte der Alte in seinen Bart. Er war
tiefunglücklich. Der andere trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und
starb bald vor Lachen. Er kannte die Verhältnisse genau. In seinen
Karpfenaugen glomm eine diabolische Idee, er warf eine Hand voll
Silbermünzen durch sein Bureau und schlug die Arme über dem Kopf zusammen,
so strengte ihn das Lachen an, um Luft zu bekommen, als der Edelmann wie
ein Narr herumlief, und die Stücke einsammelte. Dieser Mann benutzte ihn
nun zu seinem Vergnügen zu allen möglichen Peinigungen und Quälereien. Er
hatte eine schwere Jugend gehabt und genoß nun, daß einer der Herrenkaste
in seiner Hand war. So ließ er ihn die grauenhaftesten Dinge vornehmen, die
Voß für das Geld, das ihn verzauberte, ohne Besinnen machte. Von alle dem
ahnte Granuella nichts.
Granuella war überzeugt, daß die Sorgen ihren Vater abmagern ließen, gab
keinem Zweifel in ihrem Herzen Platz und verdoppelte ihre Liebe zu ihm.
Eines Abends fand sie Abschriften von Briefen. Es war kein Zweifel, daß ihr
Vater mit den Polen verhandelte. Aus Goldgier hatte der Alte den besessenen
Vorschlag gemacht, zurückzukehren. Er beabsichtigte die Okkupation
anzuerkennen und verlangte dafür Rückgabe seines Vermögens und Auslieferung
der beschlagnahmten Guthaben. Es war offensichtlich, daß dieses Vorgehen
nur aus einem völlig zerrütteten Hirn kommen konnte. Die Erkenntnis war
aber für Granuella so grausam, daß sie das Mädchen, da sie sie nicht
tötete, furchtbar hellsichtig machte. Sie erkannte mit einem Blitzschlag
alles. Sie fiel wortlos zu Boden.
Als sie die Augen aufschlug, kam die Dämmerung über den See. Sie glaubte
diese Verhöhnung des Lebens nicht ertragen zu können. »Welch ein
erbärmliches Schicksal«, dachte sie voll Wut. Darüber geriet sie so außer
sich, daß sie aus ihrer tötlichen Müdigkeit aufsprang. Das rettete ihr
wahrscheinlich das Leben, denn als sie mit geschlossenen Lidern die Stirn
an das Fenster drückte, war sie mehr eine Wölfin wie eine Sterbende. Sie
fühlte einen ungeheuren Zorn. Von einem Geräusch aufmerksam gemacht, drehte
sie sich um. Voß stand in der Tür mit weißem Gesicht, schielend, nicht ganz
nüchtern. »Du bist toll,« sagte sie und ging hinaus.
Er folgte ihr durch zwei Zimmer. Sie stampfte auf, als er nicht zurückging.
Sie konnte ihn nicht sehen, so außer sich war sie. Schließlich hielt sie
sich mit der Hand fest an dem Vorhang, der an der Tür niederfiel und sagte:
»Folge mir nun nicht weiter. Du zwingst mich sonst, einiges mit Dir zu
reden, was ich Dir ersparen könnte,« und setzte rasch hinzu: »Ich vermag es
Dir aber auch zu sagen.« Er schwieg und sah sie mit flackernden Augen
wütend an. Da ging sie mit einer stürmischen Bewegung bis dicht an sein
Gesicht heran. Ihre Kieferknochen strafften sich vor Energie und wurden
weiß wie Seile: »Erbärmliche Geschichten, die Du machst,« rief sie, »Du
verhandelst mit den Polen. Du warst imstande, das Beste unseres Lebens
unter deine Füße zu schmeißen. Ich wäre lieber gestorben, als dies erleben
zu müssen.« Das junge Mädchen war in einem Schmerz, der sie nichts mehr
ertragen ließ: »Geh weg von mir. Ich ertrage Deinen Anblick nicht länger.
Gott helfe mir,« schluchzte sie.
Voß blickte sich im Zimmer um, er sah, daß er sie besänftigen müsse. Sein
Auge blieb an dem Schreibtisch hängen. Er verwünschte seine Nachlässigkeit:
»Du hast in falschen Sachen geblättert,« sagte er und suchte zu lachen,
obwohl seine Kniee deutlich zitierten. Er beschloß rasch, sich
herauszuwinden, indem er ihr bewies, daß die Listen eine Falle für das
polnische Gouvernement wären. Es gelang ihm gar nicht zu reden. Er hatte
die unklare Vorstellung, daß er im Begriff stand, etwas sehr Wertvolles zu
verlieren und krallte die Hände immer auf und zu. Aber die Angst, die in
seinem Gesicht herumzuckte, schnürte ihm die Gurgel zu. Das junge Mädchen
sah ihn an, ein Wrack, eine Leiche. Er hatte sie ohne Zweifel wieder
getäuscht.
»Das will ich Dir sagen,« flüsterte sie, »daß ich Dich durchschaue und
entschlossen bin, ein Ende zu machen.« Sie erstickte fast vor Tränen.
Trotzdem war in diesen Sekunden das unerfahrene Mädchen zur Furie
verwandelt. »Ich bin entschlossen, ein Ende zu machen, eh Du alles
ruinierst. Du hast unsere große Sache zertrümmert. Du hast Dich an der Idee
der Freiheit, für die wir heute gelebt haben, wie ein Wahnsinniger
vergangen. Du hast uns von St. Goar leben lassen, ohne daß ich es ahnte.
Ich habe Romanoff abreisen sehen wegen Verrätereien von Dir, die er
einzurenken bestimmt war. Unser Geld fließt zu Roland, der es mit Dirnen
vertut. Du verspielst es beim Roulette. Meinst Du, ich ahne die Posse
nicht, die ihr alle mit meinem Herzen getrieben. Wir sind Bettler geworden,
aber kein Strolch kann uns Ehre erweisen, und wenn wir noch leben, so ist
es das Glück, das wir hatten, immer mit edlen Menschen zusammengetroffen zu
sein.« Sie warf sich auf den Divan und schlang die Arme um die Kniee.
»Dieser alte Mann ist mein Vater«, dachte sie. »Ich erkenne ihn nicht in
diesem scheinheiligen Greise, der sich abmüht, mich durch Winseln zu
rühren. Wie schändlich hat diesen edlen Mann das Leben zerstört. Warum ist
er nicht gestorben, als unsere Jugend in die Pania watja ihm noch zulief.«
Der alte Voß war gekränkt. Er verstand nicht, warum ihr Herz blutete, und
um welcher erhabener Ideen willen sie litt. Er vermutete, daß sie ihm wegen
seiner Bettelarmut Vorwürfe mache und murmelte vor Angst gröhlend: »Halte
an Dich, sprich nicht über Dinge, von denen Du keine Kenntnis hast, denn
ich habe mit Silberminen ein Vermögen gestern erworben in einer
Spekulation, die einen anderen wie mich vernichtet hätte.« Es war
offensichtlich, daß er log. »Du wirst es morgen wieder verlieren. Ich will
Dir etwas sagen,« meinte Granuella, die plötzlich aus ihrer Vereisung
erwachte, »ich bin Deine Tochter,« und sie ging ungestüm auf ihn zu und
küßte ihn . . ., »aber ich sehe keinen Kameraden mehr in Dir. Es ist wahr,
daß ich Dich verlasse.«
Sie trat zurück. In diesem Augenblick geschah etwas Seltsames. Langsam
öffnete sich das linke Auge des Alten und wurde ganz groß, weiter als das
rechte. Das Mädchen überlief ihn mit einem Blick. Sie war plötzlich von
einer wundervollen Fremdheit. Sie mußte das hinzufügen, was sie noch zu
sagen hatte: »Ich möchte nicht,« sagte sie und merkte, wie sein linkes Auge
starr und entsetzt sie ansah, »daß ich vergäße, Du seist mein Vater, wenn
ich Dir entgegentreten müßte.« Sie fügte diesen Satz kalt hinzu und ging
hinaus. Nach einer halben Stunde erst fand der alte Voß nach einer ihm
unerklärlichen Aufregung die Kraft in ihr Zimmer zu laufen und nachzusehen,
ob sie Schmuck zurückgelassen hätte. Sie besaß schon lange keinen mehr, er
nahm aber an, sie hätte ihn darum betrogen und wühlte verzweifelt und auf
sie fluchend in den Fächern. Sein linkes Zuge schloß sich wieder völlig.
Granuella ballte auf dem Schiff währenddem die Hände um die Börse, die sie
mitgenommen, im Anblick von Genf, das sie erreichen wollte:
»Dieses Metall hat vermocht, einen glühenden Geist wie meinen Vater zu
zerstören,« dachte sie voll heißem Kummer. Sie war kindlich genug, es wie
Gift zu hassen. Drei Schritte weiter auf dem Verdeck kam St. Goar auf sie
zu.
Dieser junge Mann hatte sich in anmutiger Ehrerbietung ihr gegenüber
jederzeit bewährt. Sie hatte keinen Grund sich ihm nicht anzuvertrauen,
zumal sie ja sich nicht verschwieg, daß er Grund hatte, ihrer Familie aufs
heftigste zu zürnen: »Ich würde mich wundern, wenn Sie die
Abscheulichkeiten ganz verwunden hätten, denen Sie durch unsere Schuld
ausgesetzt waren,« sagte sie, worauf er sehr unglücklich war und heftig
errötete, denn er verehrte sie so, daß er ganz andere Dinge auf sich
genommen hätte. Sie gab sich ihm vollständig in die Hände, als ob Vertrauen
das natürlichste sei. Er besaß die Ritterlichkeit und Kraft genug, seine
tiefe Leidenschaft zu verbergen oder wenigstens sich nicht zu erklären. Sie
gestattete ihm, sie zu Lady Douglas zu begleiten. Er war stolz, von dieser
schönen, hin und wieder verzagten Frau als Beschützer ausgewählt zu sein.
Wenn sie über die vergangenen Dinge erschauerte, nahm er ihre Partei gegen
den Schatten ihres Vaters, indem er diesen aber zu schonen verstand. Er
hatte den Takt ihr eine wirkliche Hilfe zu sein. Der arme Bursche starb aus
Anstand fast vor Leidenschaft, aber seine gute Gesinnung hinderte ihn
wirklich daran, zu sprechen, bis sie bei der Douglas ankamen und er das
Mädchen dem Schutz der erfahrenen Frau übergab. Er lief darauf einige Tage
herum, ehe er sich zu erklären wagte. Dabei machte er eine so seltsame
Figur, daß es sich bei den Gästen des Landgutes herumsprach und alle eher
als Granuella wußten, wie es um ihn stand.
Entschlossen lauerte er ihr im Park eines Abends auf und sah sie
herzklopfend einen der Wege hinuntergehen, an deren Ende schon der Mond
zwischen blauen Schatten und Düften stand. Er wartete, bis sie umdrehte und
nun voll Gewölk und den Abglanz des sie im Rücken treffenden und
umhüllenden Mondlichts zurückkam. Da hielt ihn wieder eine geheimnisvolle
Scheu zurück. Er flüchtete in eine Fliederlaube und fühlte den Abendtau
sein Gesicht überströmen. Halb von Sinnen eröffnete er sich der Lady, die
mit Granuella sprach. Sein Vermögen war in der Lage, ihr Leben vollständig
zu ändern, er sagte auch über die Behandlung ihres Vaters das Vornehmste.
»Sagen Sie ihm,« meinte Granuella nach einer besinnlichen langen Pause und
wandte sich brüsk herum, daß die Douglas ihr fast nachlaufen mußte, und
kaum das folgende Flüstern Granuellas hörte. Es schien jedoch dem Gesicht
St. Goars zufolge, der den Abend abreiste, daß sie ihn nicht ohne Hoffnung
gelassen hatte. Diese Vermutung hatte einen weiteren seltsamen Grund. Seit
dieses Mädchen mit einem Male so entsetzlich hellsichtig geworden war,
schien sie überhaupt nicht mehr ihr Leben von den Hoffnungen ihres
nationalen Ehrgeizes trennen zu können. Sie wurde dabei und wahrscheinlich
dadurch immer weicher und frauenhafter.
Manchmal brach sie in Tränen aus über das Geschickt ihres Vaters, aber
während sie in Weinen zerging, stand eine Zornfalte ihr wie einer gerührten
Amazone auf der Stirn. Lady Douglas vermochte ihr leicht die Selbstvorwürfe
zu nehmen. Sie bewies ihr durch Briefe alten und neuen Datums, daß die
fürchterliche Gier nach Geld den Alten bis zur Besinnungslosigkeit
beherrschte. Das war entsetzlich, nahm ihr aber den Alpdruck der Härte.
»Man hätte Sie diesem Mann entrissen, wenn Sie nicht gekommen wären,«
meinte die Douglas mit einem etwas hochmütigen Gesicht. Granuella hatte
eine Art, unerhört zu gefallen, daß es ihre Freundin ängstete, zumal das
Mädchen selbst es überhaupt nicht zu bemerken schien.
Manche Dummköpfe von jungen Leuten, fürchtete die Douglas, würden aus
Verzweiflung oder aus Ehrgeiz vielleicht skandalöse Dinge wagen, und sie
sprach mit dem Mädchen vorsichtig darüber. Sie wollte sie wappnen. Es war
überflüssig. Sie kam zur Einsicht, daß Granuella, je weniger sie sich aktiv
an den politischen Dingen beteiligte, um so leidenschaftlicher mit der
ganzen Glut ihrer Frauenhaftigkeit auf deren Erfolg zu warten und in einem
unbestimmbaren Sinne sich als Preis für den kühnsten der Feuerköpfe zu
betrachten schien. Irgend etwas Geheimnisvolles dieser Art bestimmte
jedenfalls ihr Leben völlig und gab ihr auch den Reiz phantastischer
Sicherheit. Bestimmt waren ihre Kindheitseindrücke mit grandioser Größe in
ihr aufgerichtet und alles Spätere war geneigt, dagegen abzufallen oder von
ihr leicht vergessen zu werden. Sie war ohne Zweifel im Innern nur darauf
gerichtet, daß ihr Schicksal notwendigerweise mit dem ihrer Heimat
zusammenfiele.
So empfand sie es mehr schändlich als mitleiderregend, daß Briefe ihres
Vaters an sie selbst einzulaufen begannen, der sie mit fieberhaften
Beschwörungen um Geld anging, ohne etwas hinzuzufügen, als einen Haufen von
wirren Spekulationen, in die er sich stürzen wollte. Sie antwortete, sie
besäße nichts, als was die Douglas ihr spende. Sie vermöge nur sich selbst
anzubieten, schrieb sie voll Wut. Er antwortete wie ein Verrückter, er
wolle kommen, sie anzusehen. Sie brauchte einen ganzen Tag, den sie im
Garten herumlief, aufgescheucht und fassungslos, bis sie erfaßte, daß das
Hirn dieses Mannes, der sie erzeugt hatte, unrettbar verworren sei. Sie
verbot ihm zu kommen. Diesen Brief las die Douglas über ihrer Schulter in
der Fliederlaube, deren Blätter sich duftig bewegten: »Ich glaube nicht,
daß es eine Zeit gab, wo die edlen Charaktere so grenzenlos vor dem Geld
kapitulieren mußten. Es hat die Kraft die besten Gebete zu zerbrechen.« Die
Lady hatte Grund, in anklagenden Metaphern sich über die Welt, die sie zu
verstehen glaubte, aber doch wohl nur aus der Klugheit des Schmerzes heraus
ablehnte, zu äußern. Sie mußte England verlassen, da ihr Gatte mit einer
Person aus der Filmindustrie von schlechtem Wuchs und miserablen Zähnen
öffentlich zusammenlebte, um vom Ausland her die Scheidung gegen diesen
Mann in Gang zu bringen. Sie nahm Granuella mit auf ein großes schlesisches
Besitztum, das sie mit nicht viel englischen Pfunden gekauft hatte aus dem
fiskalischen Nachlaß einer Adelsfamilie, die infolge der Kriege und
Teuerung ausgestorben war.
Die Erntezeit im Osten hatte einen entzückenden Glanz. Nach Jahren der
Vagabondage durch Europa war es eine erstaunliche Erfrischung. Zwei Schritt
über die Allee hinaus sahen sie einen riesigen Horizont überall auf das
Land fallen. In offener Sicht war alles von der Helligkeit der Sonne bewegt
und das Licht flutete in diesem unermeßlichen Raum herauf und herunter. Man
sah wie die Sensen tief in das Korn einschnitten und hörte die Mägde
schreien. Die ganze Ebene durchbrochen breite Wagen voll getürmter Garben.
Die Farben waren unbeschreiblich. Niemand spürte, daß Granuella sich vor
Sehnsucht verzehrte. Eines abends näherte sich mit hier seltenem Geschrei
eine Verfolgung dem Park, über dem die Gesellschaft auf den Stufen der
erleuchteten Terrasse thronte. Der Raum bis zu den Springbrunnen war nur
ein paar Schritte weit. Dahinter lag das massive Dunkel der Bäume, durch
die nur manchmal leuchtende Käfer schnurrten. Plötzlich trat ein junger
Mann mit einer Dogge ins Helle und lachte über die Schulter ins Dunkle
zurück, wo sofort wieder Stille anbrach. »Das Gesindel war toll genug, mich
zu verfolgen,« sagte er, indem er mit großer Liebenswürdigkeit zur Terrasse
hinaufgrüßte. Man war erstaunt über diese Sprache. Lady Douglas machte ihn,
als er heraufkam, aufmerksam, daß er von ihren Leuten spreche. Er nahm den
Tadel nicht an, sondern bat um Gastfreundschaft. Es war ihm nicht zu
widerstehen. Er war Flüchtling vor den Polen und wollte zu seinen
litauischen Gütern zurück. Schon als er die Helligkeit betreten hatte,
hörte Granuella ihr Herz schlagen. Er amüsierte die Frauen sehr mit seiner
Erzählungsart. Die Männer wurden durch seine abenteuerliche Überlegenheit
verärgert. Einer versuchte sogar eine Ungezogenheit, doch der Fremde gab
ihm nur gesteigerte Höflichkeit zurück. Er hatte tolle Dinge zu erzählen
dabei. Seit drei Jahren hatte sich unter dem Dach des von den
Interalliierten Nationen geschützten Friedens ein kleiner Guerillakrieg
entsponnen. Es war ein trojanisches Heldenleben, das man um die Grenze
herum führte. Die Geschlechter, Städte und Stände hatten eine Art Turniere
eingerichtet mit für jeden von ihnen passendem Ehrenkodex, je nachdem man
die Unterlegenen bewirtete oder beraubte. Die Miniatur eines kleinen
Mittelalters mit ebenso wahnsinnigen wie tugendhaften Manieren lag genau
hier zwischen den Arbeiterzaren und den westlichen Demokratien in
leidenschaftlichem Ausbruch, und es war kein Zweifel, daß, so kindisch im
Grunde es ihnen klang, alle Männer den jungen Mann beneideten. Die Probleme
Europas und der einzelnen hatten ihre Glatzen beschwert und ihre Nächte
schlaflos gemacht, ohne daß diese überlegenen Standpunkte ihnen schließlich
etwas anderes als einen ungeheuren Zynismus geboren hätte. Der junge Mann
hatte eine Trompetenstimme, die ohne Hemmung in den Park hinausschmetterte.
Er nannte Namen um Namen, die Granuella kannte. Sie äußerte kein Wort.
Glücklicherweise beherrschte der Fremde die Situation so völlig, daß
niemand etwas auffiel. Bald schilderte er die Rettung von Frederik de Voß.
Ohne Zweifel hatte er daran teilgenommen.
Granuella sank fast zur Erde. Sie hielt in der Dunkelheit ihres Platzes ihr
Herz mit den Händen bedeckt. Sie vermochte keine Silbe zu sprechen. Als der
junge Mann ins Innere des Gutshauses trat, sich verabschiedete, um sein
Zimmer aufzusuchen, erhielt er einen Zettel in die Hand gedrückt. Mit
demselben Blick, mit dem er las »Kommen Sie«, verfolgte er die Dame, ging
ihr nach und erkundete ihr Zimmer. Als er nach einer Weile mit
geschmeicheltem Lächeln und ein wenig prahlerisch eintrat, fand er eine
Dame, die ihm sagte:
»Mein Herr, ziehen Sie keine falschen Schlüsse und verurteilen Sie nicht
meine Handlungsweise. Ich bin die Tochter von Frederik de Voß. Sagen Sie
mir die Adresse und den Aufenthalt des Herzogs von Leuchtenberg und führen
Sie mich hin.« Mit Blut übergossen vermochte der junge Offizier kaum seine
Haltung zu wahren. Er verneigte sich tief und nannte, was sie wollte. Am
anderen Tag erzählten die Domestiken, Fräulein von Voß sei in großer Eile
abgereist und habe einen Teil ihrer Wäsche vergessen.
Lady Douglas gab ihrer Freundin einen großen Beweis der Zärtlichkeit, daß
sie sie nach Kowno begleitete. Sie folgte Granuella fast auf dem Fuße. Dort
lernte sie den Herzog von Leuchtenberg kennen, dessen leichte sichere Art
ihr gefiel und dessen Männlichkeit fast wie ein Nationalheld gefeiert ward,
als er ankam. Mit einer schicksalhaften Bestimmtheit wußte Granuella auf
den Mann zu treffen, der sie aus dem Feuer gerissen und für den sie sich,
ohne daß sie es wußte, bestimmt hatte. Sie galt als die schönste Frau der
Gesellschaft und die Neidischsten konnten ihm nicht versagen, daß er an der
Spitze der Tugenden des jungen Landes stand. Hätte er nicht eine Frau
besessen, mit der er in Scheidung lag, sie hätten sich wohl auf der Stelle
vermählt. Es war ein beispiellos schönes und auffallendes Paar. Lady
Douglas deckte ihre Beziehungen, es hätte niemand ihnen irgendeinen Vorwurf
zu machen vermocht. Die Douglas war nicht nur eine der feinsinnigsten,
sondern auch der instinktvollsten Frauen, was sie aber mit großer äußerer
Überlegenheit verbarg. Ihre Eleganz war so ungewöhnlich raffiniert, daß man
sie nicht schildern konnte, aber sie genau spürte. Sie hatte Granuella, als
Leuchtenberg in die Stadt einfuhr, mit ihrem Wagen an den seinen gedrängt
und er hatte sie sofort wiedererkannt. Sie reiste auch mit, als der Herzog,
der in türkischen Diensten stand, zurück mußte.
Damals ging die Taktik seiner Gesinnungsgenossen darauf hin, durch
Schwierigkeiten am Balkan die Polen mürbe zu machen zu Konzessionen in den
immer noch umstrittenen Gebieten. Er hatte einige Erfolge erzielt und
wollte versuchen, seine Stellung, soweit es ihm die Ehre, wie er glaubte,
gestattete, abzuwickeln. Seine Rückkehr stand in aussichtsreicher Nähe.
Inzwischen rollte sich seine Scheidung ab. Die Douglas behandelte er mit
jener schroffen Ritterlichkeit, die nicht verhehlte, daß er sie haßte. Sie
nahm an, daß es sein Kollektivhaß auf die interalliierten Völker sei, die
sein Land verschacherten und die Gerechtigkeit nicht ehrten. Sie verschwieg
auch, daß diese ewige Ritterlichkeit ihr auf die Nerven ging. Sie fuhr mit
bis Florenz, man machte einen Umweg, um sich dort zu trennen. Als sein
Schiff abfuhr in der Frühe, stand Granuella auf dem Balkon ihres Hotels.
Sie winkte mit einem Taschentuch hinunter nach dem Meer, auf dem das Schiff
groß wie eine Hand langsam hinausfuhr. Sie vermochte Lady Douglas nicht zu
verbergen, daß ihre Lippen weiß waren wie Kalk. Sie wäre beinah über das
Geländer gestürzt.
Nach einigen Monaten begab sich Leuchtenberg über Beirut nach dem Kaukasus,
er hatte diese Expedition nicht verhindern und nicht ausschlagen können.
Die Nachrichten hörten auf. Das dauerte ein Jahr. Es gab ein Dutzend
Gründe, es zu erklären. Das Frühjahr verbrachte die Douglas auf ihrem
schlesischen Gut. Im Mai tratschten die Pferdeknechte eines Besuchs von
einer abenteuerlichen Karriere Leuchtenbergs im Osten. Den Sommer ging man
ans Meer. Dort tauchte Romanoff auf und machte Granuella in fast
einfältiger Weise den Hof. Man mußte ihn darauf hinweisen, wie albern es
sei, bei ihrem Anblick zu erröten, beim Verabschieden blaß zu werden und
nachts unter ihrem Zimmerfenster herumzurennen und die Beete zu
zerstampfen. Die Douglas erwartete immer einen Gewaltstreich und hatte sich
darauf eingerichtet. Eines Tages war er verschwunden. Bald darauf traf
Granuella, die spazieren ging, hinter den Dünen einen Mann, der sich ihr zu
Füßen warf. Man sah sie nunmehr viel mit St. Goar.