vergötterte diese Frau. Er sprach auch in Gesellschaft, wenn sie abwesend
war, nur mit einer märchenhaften Verehrung von ihr. Sie selbst wohnte des
öfteren mit ihm auf dem väterlichen Gut, das nun endgültig polnisch war.
Die interalliierten Mächte hatten schließlich die Macht, die die Provinz
halten konnte, sanktioniert. Sie war auch bei allen Anweisungen auf der
Seite ihres Gatten, der in der rücksichtslosesten Weise vorging. Wenn man
sie gefragt hätte, was sie dabei empfinde, hätte sie voraussichtlich mit
der Duldung aber auch der Härte, die sie auszeichnete, auf die Verachtung
gedeutet, die sie für jene baltischen Schwärmer empfand, die, ehemals
deutschen Blutes, mit ritterlichen und unklaren Gesten ihr Leben
verkämpften, das nichts als nebelhaften Inhalt hatte. Die Phrasen taten ihr
zu jeder Stunde weh. Sie konnte Begeisterungen nicht mehr ertragen, da sie
auf der Kehrseite die Dummheit sah. Sie stand auf dem Boden ihres Mannes
und hielt für recht, daß er behielt, was er besaß und daß er besaß, was er
zu halten vermochte. Sie hatte Gelegenheit, sich in alle Geistesrichtungen
ihrer Zeit zu versenken, es ist nicht gesagt, daß sie das primitive und
wohl etwas kindische Ideal ihres Gatten zu oberst stellte, auch wenn sie es
billigte. Als Frau war sie allen Schwingungen des Geistes ihrer Epoche
zugänglich und selbst den Geheimnissen offen, in deren Schoß die Erde sich
auf furchtbare Zeichen neu ankündigt. Aber als Frau wiederum fühlte sie
sich in der brutalen Gradheit ihres Mannes geborgen, darüber mochte die
Welt zerspringen. Sie hielt nicht genügend von ihr, um in Ereiferung
darüber zu geraten. So war es ihr gleich, daß man sie haßte, wo sie der
besinnungslosen Liebe des Generals sicher war.
»Gehen Sie,« sagte sie, als sie sich unwohl fühlte, zu dem General Fürst
Gagarin, der den Vorzug hatte, ihr Gatte zu sein, »dieses Telegramm
bestellen.« Nach zwei Tagen rannte, den Krummsäbel in der Hand, um nicht zu
stürzen, ein fast weißhaariger litauischer General die Treppe herauf. Er
schien völlig verstört und irrte sich in den Zimmern. Plötzlich riß er
einen Teppich zurück. Sie war schon tot. Neben ihrem Bett stand Gagarin. Er
grüßte stumm und nahm von ihrem Gesicht das Tuch, das sie ihm als erste
Sache geschenkt hatte. Der Mann, der ihre Brüder erschossen, reichte es St.
Goar, an dem sie ein wenig mit der Zärtlichkeit ihrer Glutseele gehangen
und der zu spät kam. Er hatte die Nachfolgeschaft des Herzogs nie antreten
dürfen. Die Männer reichten sich die Hände in einem plötzlichen
Liebesempfinden, das wunderbar in ihren Augen glühte. »Ich beschwöre Sie,
mir zu gestatten, dieses auf ihre Brust zu legen«, sagte St. Goar, und
legte die Fahne mit der Silberfaust und den drei roten Punkten nieder, mit
der sie zum erstenmal ans Meer gefahren waren. Er ließ sie eine Sekunde
liegen, dann nahm er sie zu sich.
Als er das Haus verließ, sanken überall die Standarten. St. Goar schritt
ein wenig torkelnd aus. Jemand lief hinter ihm her. »Geben Sie mir die
Fahne -- ich beschwöre Sie«, sagte Gagarin. St. Goar holte sie aus der
Tasche und gab sie ihm mit einem herzlichen Gefühl und tiefer Verneigung.
Sie mußten denselben Gedanken gehabt haben, sie lächelten, als ob ihr Leben
umsonst gewesen wäre ohne diesen Augenblick oder vielmehr, als ob die
ungeheure Seligkeit dieser Vereinigung alles auslösche, was sie im Guten
und Schlechten gegeneinander getan hatten und noch tun würden.
Die Straße schien leer. Es konnte aber St. Goar nicht entgehen, daß das
Volk der Toten fluchte. Er schaute seine Hände an, die ihre Brust berührt
hatten und wäre fast darüber für immer stehen geblieben. »Sie hat mich ein
wenig geliebt«, dachte er. Er war der Ansicht, es sei das glühendste
Geschenk, daß sie ihn zum Sterben nicht missen wollte. Er faßte das Tuch
und preßte es gegen sein toll gewordenes Herz. Der alte General war fast
närrisch vor Glück. Er bedurfte einer Menge Kraft sich zu fassen, da er mit
Uniform, in der er Hals über Kopf herübergejagt war, auf fremdem
Territorium sich befand, und seinen Wagen herbeizuwinken.