Produced by Jens Sadowski
Die Amazone
Von Kasimir Edschmid
In den Auseinandersetzungskämpfen der östlichen Randstaaten wurde um
Weihnacht von den Polen Feuer auf dem Gut des Großbesitzers Voß gelegt. Der
alte Voß hatte westfälisches Blut in sich. Der Vater war ein Eingeborener,
der bis an die Küste den Forst jagdbar gemacht hatte. Frederik de Voß war
ungefähr fünfzig Jahre und unter der früheren Regierung
Landschaftsdirektor.
Auf seinem Besitz gründete er die »Pania watja«, von der eine große
Bewegung für die nationale Sache ausging. Bei den Abstimmungen in den
Grenzgebieten, in denen auch seine Äcker und Scheuern lagen, stand Frederik
de Voß mit allen Pferden und Dienern im Sattel vor den Lokalen und hielt
die nationale Fahne in der Hand. Neben ihm standen in den Bügeln
aufgerichtet seine Kinder, vier Söhne und seine Tochter Granuella. Auf dem
Gut verkehrte die gesamte litauische Intelligenz. In Granuella bewegte sich
das baltische Blut und sie stand mitten in der Atmosphäre von Haß und
Freiheitslust, wie sie litauische Frauen nur schwer aufzubringen vermögen.
Um diese Zelt annektierte der polnische Staatsstreich ihr Gebiet mit zwei
anderen Grenzprovinzen. Granuella war damals fünfzehn Jahre und vermochte
Helden zu entfachen mit dem weißgrauen Blick in dem Madonnengesicht. Das
Haus wurde ein Mittelpunktt der Irredenta; einer der Brüder, Roland, reiste
mit litauischen Ministern zu einer Konferenz des Völkerbunds, die anderen
reizten die etwas stumpfe Bevölkerung gegen die Eroberer auf.
Frederik de Voß, sagte man, vermochte diesen letzten Schlag nie ganz zu
verwinden und schwor überall, daß, wenn die europäischen Mächte das
polnische Unrecht sanktionierten, er das ganze Terrain in eine Wüste
verwandle. Vierzehn Tage nach Abreise der Kommission zum Völkerbund wurden
Kisten auf den Hof gebracht. Nachts wurden mit Fackeln Tiere herausgelassen
und an Ketten gelegt. Mit eisernen Maulkörben tobten sie in einem
zementierten Keller, bis durch einen Unglücksfall eines entwich und in
voller Flucht vom Voß-Hof herjagend ein polnisches Kind zerbiß. Daß Voß
Wölfe aussetzte, steigerte die Erregung der Bevölkerung jenseits der
Grenze.
»Schlangen und Haifische,« sagte Voß, »sollen folgen,« und ritt mit seinen
Söhnen quer über das blühende Ackerland, das sie jahrhundertlang angebaut
hatten. Er dachte es preiszugeben. Sie ritten die Kanäle hinauf und
schauten mit den Pferdeköpfen kaum über den Mais. »Misericordia«, schrie
plötzlich eine Figur in einer Priestersoutane und sprang entsetzt in die
Höhe. Die Reiter warfen sich mehr, als sie sprangen, von den Pferden auf
den Bauch, und der polnische Priester fing mit gebreiteten Armen die Salve
von zehn Kugeln auf, welche durch sein Signal die de Voß erledigen sollten.
Sie waren in fünf Minuten im Galopp auf dem Hof und ließen die Wölfe hinter
den Franktireuren her. Drei warfen sie vor dem Dorf und fraßen die
Weichteile heraus. Die Polen, die sich am Abend heranschlichen, zitterten
vor Wut. In der Nacht zündeten sie die Scheuern um das Gut herum an.
Vor Granuellas Augen fielen die drei Brüder. Zu Zweien gingen die
litauischen Knechte durch den Feuerschein über den Hof durch ein
Detachement polnischer Soldaten, die ihre Uniformen nur oberflächlich mit
Radmänteln und Säcken, durch die sie Kopflöcher geschnitten hatten,
verdeckten. Ihre Blicke waren alle auf einen Mann gerichtet, der einen
leicht ergrauten Schnurrbart trug und auf einem Maultier saß und unbeirrt
in den Brand schaute.
Er war voll in der blutigen Flammenpracht erleuchtet und setzte sich allen
möglichen Schüssen aus. Man sah über sein totenblasses Gesicht die Scheine
unaufhörlich hinwehn. Sein Pelz deckte nicht den Säbel seines Regiments,
und die Epauletten stießen Beulen in den Mantel über seinen Schultern.
Der junge Oberst ritt nun bis dicht vor das Gebäude, um dessen Holzsäulen
das Feuer wie ein Karussel sich drehte und rief ein paar Worte zu dem
Balkon hinauf, wo der alte Voß stand. Der hatte keine Kugeln mehr in seinem
Gewehr, warf die beiden Pistolen nach dem Polen und rief: »Verdammt will
ich sein, Fürst Gagarin, wenn ich davonkomme, so ich nicht die Kanäle
morgen bis Warschau übers Land laufen lasse.« Er fing bitter zu lachen an,
als gleichzeitig die Flammen sich gegen den Balkon warfen. Er sah den Tod
sicher.
Wieder sagte darauf der junge polnische Oberst etwas, das Voß in eine Art
Raserei brachte. Er suchte herunterzuspringen, woran ihn Granuella
hinderte, die an dem Gitter herangelaufen kam, dem einzigen feuerfreien
Platz. Der junge Oberst ward fast wahnsinnig, als er sie sah.
Er ritt so nahe, daß sein Tier sich auf den Hinterbeinen hob, sah fest in
die Augen des Mädchens und ritt mit gesenktem Kopf wieder weg, als habe man
ihn zwischen die Schultern geschossen. Er liebte das Mädchen wie ein
Verrückter, aber wie sollte er sie gewinnen, wo er ihre drei Brüder getötet
hatte. Er schalt sich feig, daß er sie nicht gezwungen hatte vor dem Brand
sich retten zu lassen, aber es war unmenschlich, in die Flamme zu springen,
um jemand herauszuziehen, der lieber starb als ihn ansah. Er watete mit dem
Maultier in einen Kanal, ließ sein Detachement mit den gefangenen Litauern,
die rekrutiert werden sollten, an sich vorbeiziehen und war nahe daran,
sich hinter ihnen eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Nach einer halben
Stunde war er wohl wieder bei sich, aber er hatte das Gefühl, keine Frau je
wieder ansehen zu können.
Der Brand hatte sich auf alle Scheuern und Schober ausgebreitet. Das Vieh
verbrannte unter großem Lärm in den Ställen. Die Schober brannten viel
heller und höher, acht Stück, im Kreis um das Herrenhaus, wo man in immer
rasenderen Stößen am Zittern des Bodens die Stöße empfand, mit denen die
Bullen ihre Steinwände einzurennen versuchten.
Der Platz zwischen den Scheuern und der Mauer, die die Hofsiedelung im
Viereck umgab, war hundert Meter weit, der Zwischenraum zwischen den
Scheunen und dem Gutshaus zweihundert, und alles war so hell, daß man die
Mäuse am Boden herumspringen sah. Das Tor war verrammelt mit Wagen, die
übereinandergestürzt in der Einfahrt lagen, und der eiserne Teilflügel des
Tors hing riesenhaft, schräg, nur in einer Achse in die Luft und spießte
mit seinem Hellebardenabschluß ein Schwein, das von einem turmhohen
Furagewagen hineingesprungen war. Plötzlich ritt eine Abteilung eines
Litauerregiments über die Äcker und Kanäle heran.
Sie saßen ab, steckten die Köpfe über die Mauer, hoben die Nasen neugierig
und sprangen auf einen Befehl hinüber. Der junge Leuchtenberg, der sie
führte, kam mit dem Pferd über die Mauer und war der erste auf der Leiter,
mit der man Granuella und den Vater rettete. Er trug sie selbst Schritt um
Schritt und nicht sehr eilig über den dreihundert Meter taghellen Hof nach
dem Kanal hinter der Mauer. Als er sie niederlegte, um sie mit Wasser an
den Schläfen zu waschen, ward sie, die immer in seinen Blicke
hineingeschaut hatte, ohnmächtig.
Das Detachement suchte die Polen noch zu erreichen. Die hatten die alte
Polengrenze bereits überschritten, man kehrte daher auf das umstrittene
Gebiet zurück, das dem Recht nach wohl den Litauern, der Macht zufolge den
Polen gehörte, das eine Art Freikampfplatz der irregulären Truppen
darstellte und um dessen Schicksal seit zwei Jahren in Lausanne beraten
ward. Mit gesenkten Karabinern kamen sie zurück.
Voß schwur, als er seine Söhne sah, wie sie nebeneinander lagen, durch und
durchgeschossen, mit einer plötzlich weinerlichen Stimme, nicht eher
zurückzukehren, bis das Terrain wieder litauisch sei und er in einem
schauerlichen Kreuzzug durch Europa an den Polen seine Rache genommen habe.
Mit den drei Leichen auf einem Leiterwagen, neben jedem ein Bauer, der ihn
umarmt aufrecht hielt, fuhr er über den Dünensand in die Fichtenwälder nach
Kowno, Soldaten vor und hinter sich.
Neben dem Wagen Granuellas ritt der junge Herzog von Leuchtenberg eine
Weile, salutierte dann und ritt zurück, denn das Mädchen schien immer noch
in einer Ohnmacht, obwohl sie sprach und auf Anruf sich bewegte. Ihre
Aufmerksamkeit schien völlig in der Feuersbrunst zurück gebannt zu sein und
es war seltsam, wie sie mit einer eigenartig zarten Bewegung sich hinderte,
den Kopf dahin zu wenden, woher sie kamen. Er beobachtete sie einige
Augenblicke, nahm die Mütze von seinem ganz blonden Scheitel, unter dem
eine angenehm gebogene Adlernase hervorsprang, pfiff den Rest des
Detachements zusammen und sprengte die Grenze lang zurück, während der
Trauerzug aus dem Wald ins freie Feld torkelte. Solange man ihn am hellen
Himmelsrand sehen konnte, blickte Granuella, stehend, im Wagen ihm nach.
Der alte Voß hielt sich monatelang in Lausanne auf. Er richtete sich
umständlich ein, mietete ein altes Hotel und stellte eine Wache davor. Er
suchte durch seine Versipptheit mit belgischen Adelsfamilien einen Einfluß
auf den Gang der Verhandlungen auszuüben und machte den Aufwand eines
Fürsten. Die ständig arbeitenden Bureaus sahen in der Ruhe ihrer Arbeiten
dem kleinen Kriegsspiel im Osten nicht ohne Neugier aber ohne jedes
Interesse zu. Man erwartete Entscheidungen, die man selbst zu fällen
vermied. Man hatte durch Zufall diese Randvölker, deren Namen man früher
nicht wußte, befreit und hätte lieber gesehen, daß sie aus dem Erlös ihrer
Schweine eine Börse bauten und sich mit Parfum bespritzten, statt daß sie
die westlichen Ehrbegriffe mit übertriebener Entzündlichkeit nachmachten.
Diese Kriegstüchtigkeit war allerdings ein Rechnungsposten gegen die Macht
Lenins und man ehrte sie dadurch, daß man die Sache hinhielt und sich für
keinen vorderhand entschied. Da Voß leidenschaftlich seine Sache liebte,
langweilte er alle Instanzen zu Tode. Man gab ihm den Rat zu verschwinden.
Zu seinem Unheil befolgte er ihn nicht.
Die jungen Attachés, die an seinem Tisch saßen, fingen an, hinter den
Servietten ihn zu verspotten. In den Stuben ihrer Sekretäre wurde er
vertröstet, wie man jemanden traitiert, der der Ansicht ist, die Welt sei
der Gerechtigkeit halber da. Er schadete seiner Sache, weil niemand mehr
davon hören wollte. Die Reisenden fanden es imposant, wenn er als
Freiheitsheld ihnen gezeigt wurde, wie er mit Granuella am Quai des eaux
vives mit seinem mächtigen Körper und dem Blond seiner Rasse herunterkam,
aber seine Politik hatte gar keinen Transport.
Da der Alte mit Wagen und Pferden wirtschaftete wie zu Hause, konnte er auf
die Dauer die Differenz zwischen der litauischen Mark und dem schweizer
Franken nicht aushalten und begab sich nach Paris. Er war halb von Sinnen
über die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen. Revenüen aus den Gütern bezog
er nicht mehr. Von einem Teil des Barvermögens lebte der letzte Sohn in
London als Beirat immer zweckloser sich gestaltender Konferenzen. Man
schien plötzlich überhaupt die ganze Frage suspendieren zu wollen und
wartete auf einen Zufall, der das Grenzabkommen endgültig von selbst
erledigte Für jemanden, dessen Güter während des Krieges sechsmal die
Deutschen und fünfmal die Russen erobert und annektiert hatten, war die
wirtschaftliche Lage mehr als ein Kartenspiel wert. Plötzlich galt es zu
leben. Man hatte alle Energie nötig, den Unterhalt auf der Höhe zu halten.
Seither kamen dem Besitzer von hunderttausend Morgen, der eine Provinz
beherrschte, Gedanken derart nicht im Traume vor. Mitten in seinen
Unternehmungen, die eine fixe Idee der Gerechtigkeit umkreisten, sah er
sich mit ungeheuerlicher Energie in die Enge getrieben und fand sich in
einer Situation gefangen, die schon fast verzweifelt war, als sie ihm
bekannt wurde.
Seine Eitelkeit litt in dieser Nacht erstaunliche Qualen. Man war
mittlerweile nach London übergesiedelt. Er stürmte im Salon seiner
Hotelwohnung mit sich redend auf und ab, bestellte um drei Uhr Allasch und
Tee, durchmaß die Wohnung knurrend in schräger Richtung hin und her. Um
vier Uhr stürzte er plötzlich an das Balkonfenster, zog den Vorhang zurück
und blieb, die abgerissene Schnur in der Hand, über dem Frühnebel stehen.
Schon in der Frühe begab er sich auf die Bank von England mit einem Diener,
der zwei große Aktienpakete unterm Arm trug. Er rechnete damit, eine Rente
in Pfunden oder Sterling aufzunehmen über einen Teil seiner Besitzungen,
die in Rußland lagen. Die englischen Banken übernahmen gern die
Besitzrechte zu einundfünfzig Prozent auf ertraglose Werte, um sie bei
einer Kursänderung der Arbeiterstaaten gewaltig unter der englischen Flagge
auszubeuten. Trotzdem man in London an das baldige Ende Lenins glaubte,
hatte man kein Interesse für die von Voß angebotenen Werte. Man empfahl
ihm, seine litauischen Güter zu beleihen. Die Herren der Prokura, die ihn
empfingen, sollten eine große Szene erleben. Der alte Seigneur riß seinen
Kragen vom Hals und sagte, er werde eher Portier der Bank. Darauf wandte er
sich um, winkte dem Boten und warf die Tür hinter sich zu. Obwohl die
Offerte der Bank verständig war, fühlte er sich tagelang beschimpft. Das
Gefühl, den Boden, um dessen politische Freiheit er sich in ihm
unerträgliche Prozesse gestürzt hatte, geschäftlich benutzen zu müssen, gab
ihm einen Schlag ins Gesicht. Er wankte in seinem ganzen Seelenbezirk. Mit
irren Augen sah er die Ereignisse herankommen, die er nicht begriff und die
ihn, pfui Teufel, noch weniger zu begreifen schienen. Mit zitternden Händen
rückte er seinen Zylinder zurecht, als er Granuella den Mittag bei ihrer
Freundin abholte, der Lady Douglas, die, zehn Jahre älter als sie, sie
unter ihren Schutz genommen hatte. Die Douglas war eine entfernte Verwandte
und hatte ihr Haus und ihre Anmut den Flüchtlingen geöffnet. Voß verschwieg
ihr seine Lage. Wenn er von seiner Provinz in Zukunft sprach, hatte er
mitten in seinem blondumbarteten Mund eine gewisse Weichheit bei der
Artikulation. Im Herzen war er verzweifelt. Natürlich wären viel
Hilfsmittel zu seiner Verfügung gewesen, allein durch seine Eigenart verlor
er die Freiheit, sich ihrer zu bedienen. Wo es ihm gepaßt hätte, sich
Freunden zu eröffnen, war das fragliche Vermögen zu gering. Die Blicke des
Hoteldirektors zwangen ihn zu Entscheidungen im Hinblick auf seine lang
aufnotierte Rechnung. Von allen Seiten bestürmten ihn nunmehr
Schwierigkeiten, denen er nicht gewachsen war mit seiner herrischen Natur
und Erziehung. Das englische Pfund begann sich gegen den Dollar stark zu
senken, die Gläubiger holten ihre Ausstände ein. Er ging an der Börse ein
Baisseengagement auf die polnische Mark ein, die sich besserte und ihn
zerschlug.
Man verkaufte sein Auto, seine Pferde. Solange reiste er nach Brüssel und
kam zurück, als sei in der Tat nichts geschehen. Auf seinem Tisch lag ein
Telegramm seines Sohnes Roland, das nichts über die Verhandlungen enthielt,
jedoch Schweizer Franks wünschte. Er konnte nicht helfen. Zum erstenmal im
Leben empfand er Heimatlosigkeit. Er fühlte seine Umgebung feindlich und
unzugänglich. Als er plötzlich sich an seine Gärten und die flache
braungelbe Schonung erinnerte, zerriß ihn fast die Verzweiflung. Mit
dröhnenden Schritten stolperte er in die Gassen hinein, die Vorstädte
umgaben ihn mit dem Nachtgewölb. Das Elend, die Hilflosigkeit übermannten
ihn. Seitdem er den Boden seiner Heimat verlassen, der ihm Sicherheit durch
das Leben hindurch gewährleistet hatte, sprangen lauter unglückselige Dinge
hinter ihm her. Er bewegte die Arme alle paar Minuten vom Körper weg. Es
kam ihm vor, als sei er gefesselt. Er war von einer Hilflosigkeit
zerschmettert, die ihn kindisch machte. Er hatte nur noch Gedanken nach
Geld. Die Schatten der Vorbeihuschenden türmten sich über ihn, alles
drückte ihn zu Boden, was ihm begegnete. Er kam über eine Brücke mit
gurgelndem Wasser und sah sich plötzlich in einer bekannten Straße. Mit
Erstaunen bemerkte er, daß er nach einigen Schritten sich an der Tür eines
Emigrantenklubs befand. Er stieg hinauf, riskierte seine Ehre, indem er auf
Wort spielte und gewann die Nacht tausend Pfund und fuhr nächsten Tags nach
Paris. Daß er gerettet war, machte ihn glücklich und heiter.
Sie machten die Reise in kleinen Stationen über Antwerpen, Gent, Calais. Er
beabsichtigte, für seine Tochter etwas zu tun, die ihm in den letzten
Monaten aus dem Gesicht gekommen war. Das Unternehmen dieser Reise war
heiter. Er nahm seine Tochter vor Rührung in die Arme, als sie zum
erstenmal Buchenwald wieder an das Meer heranrücken sahen. Dahinter flogen
Windmühlen und eine Herde Kühe kam ihnen entgegen. Sie waren beide
hingerissen. De Voß, mit Tränen in den Augen, begann aus voller Kehle im
Auto halbstehend, die nationale Hymne zu singen. Die Ebenen und Wiesen mit
den Arbeitenden und dem Vieh hätten ihn fast zum Jüngling gemacht.
In Paris scharte er entschlossen die Jugend seines Randstaats um sich. Da
die Verhandlungen in der Schweiz keine Fortschritte machten, verlegte er
einige Wochen seinen Wohnsitz wiederum in die Schweiz, ohne indes etwas zu
erreichen. Er hatte allerdings die Ehre, daß Lord Chamberlain ihn empfing,
der das britische Reich damals vertrat und ein Vetter der Douglas war. Die
Unterredung war kurz, aber er vermochte den Diplomaten an die besten
Traditionen seines Volkes zu erinnern und sah ihn in einem majestätischen
Moment bewegt, als er ihm die geschäftliche Feigheit der europäischen
Staaten vorwarf, aber ein furchtbarer Schlag zwang ihn nach Paris zurück.
Er vermochte sein Vermögen nicht mehr zu retten.
Er fuhr direkt zur Börse. Der Krach war entgültig und erledigte ihn. Es
blieben lediglich einige südafrikanische Shares. Diesmal schien es keine
Rettung mehr zu geben. Er wurde tiefsinnig. Er erholte sich wohl auch nie
mehr von der Demütigung, die ihn zwang, wieder dem Gelde nachzulaufen. Bei
einem Spaziergang in den Tuilerien fiel ihm ein Bankier ein, den ihm Lady
Douglas als ihren Vertrauensmann in Geldsachen bezeichnet hatte. Hier griff
zum erstenmal die Douglas in das Leben dieser Familie ein, die um ein
Lebensrecht kämpfte, das sie seit einem Jahrhundert schon verloren hatte.
Er ging zur Avenue Wagram zu Fuß und widerrief seine Absicht bei jedem
dritten Schritt. Aber beim vierten entschloß er sich wieder von neuem.
Schließlich trat er in das Privatbureau des Präsidenten.
Als dieser eintrat, hatte er sofort solchen Widerwillen gegen den Mann, daß
er versuchte, mit einer Ausrede ihn zu verlassen, dann sah er ihn einige
Sekunden an von dem schlechten Scheitel bis zu den falsch geknöpften
Schuhen. Er nahm seinen Hut ab, verneigte sich und sagte: »Sie sehen in mir
einen Mann, der sein Vaterland über alles liebte und der vernichtet ist.«
»Bedecken Sie sich,« sagte der andere, der einen kleinen Sprachfehler
hatte, »ich will sie retten.« Der Mann hielt ihn trotz seiner imposanten
Ausgaben drei Monate über Wasser, bis die Baisse nachließ und die Kurse der
Unternehmungen, an denen er ihn gegen gute Prozente beteiligt hatte, wie
die Affen kletterten. »Mein verehrter Baron,« sagte der Bankier, »Sie sind
saniert und ich hatte das Vergnügen dabei, einer verehrten Frau eine
Gefälligkeit erweisen zu dürfen. Jetzt kehren Sie auf Ihre Besitzungen
zurück.«
Darauf nahm Voß den Hut mit einer feierlichen Bewegung, als ob er etwas in
tiefster Ehrerbietung heimlich grüße, bekam einen Kopf wie ein
Schlagflüssiger und verließ ohne Dankeswort den Sprecher. Er schüttelte die
Faust über diesen Zeloten. Er gewann seinen ganzen Stolz zurück. Es war
prächtig, wie er damit sich selbst zurückgewann und mit sich prunkte. Einen
Teil seines Gewinns sandte er in aufsehenerregender Weise an Roland de Voß
nach Lausanne und eiferte ihn an, aufs heftigste tätig zu sein. Einige
Wochen ging es ausgezeichnet.
Die Fürstin Trobetzkoi kam aus Nizza zu Besuch. Das Haupt der von ihm
gegründeten Pania Watja, der jüngere St. Goar, ein Vetter der Fürstin, die
den letzten polnischen Marschall auf der Promenade zur Rede gestellt hatte,
traf ein. Noch einmal flatterten die kleinen Litauerfahnen an seinem Wagen
mit der aufsehenmachenden Silberfaust zwischen den drei roten Kugeln. Auf
den Wunsch St. Goars fuhren sie ans Meer. Sie standen am Vormittag lang auf
der Düne und sahen in den starken Wind. Es war ein angenehmer Tag. In der
Nacht tappte Voß an seinen Safe, der in einen suite-case eingebaut war. Er
fand nichts mehr darin, Die Hände fingen ihm an zu zittern. Man war wieder
am Ende. Von nun ab trug er das eine Auge etwas geschlossen.
In der Frühe beeilte er sich zu Granuella hinüberzugehen. Die war erstaunt,
daß er ohne sich anzumelden, kam, weil das noch nie geschehen war, solang
sie denken konnte. Selbst als ganz kleines Kind wurde sie jeweils erst von
einem Mädchen auf seinen Besuch aufmerksam gemacht. Sie bemerkte, daß er
eine graue Haut hatte. Daraufhin richtete sie sich auf. Im Zimmer flogen
aus drei hängenden Käfigen Kanarienvögel hin und her und sangen. Die Zofe
hatte die aufgewellten Cremegardinen halb hochgezogen und eilte hinaus.
»Packe alles,« sagte er und sah sie mit aufgerissenen Lidern an. »Wir
werden uns in Zukunft einzuschränken haben. Entlasse das Personal. Ich
werde gehen, eine unseren Verhältnissen angemessene Wohnung zu finden.«
»Wie,« sagte Granuella, »wir müssen anfangen zu verzichten? O, wie danke
ich Dir, daß wir endlich dazu bereit sind.«
Voß war es in diesem Augenblick, als müsse er sterben. Denn er sah zum
erstenmal seine Tochter so. Er hatte gedacht, daß sie toben würde. Diese
Hingabe rührte ihn derart, daß er sich aus Schwäche auf ihren Bettrand
setzen mußte, und immer wieder ihre Hand nahm und sie an sein Herz preßte.
Er war restlos besiegt und erschüttert und küßte ihre Haare.
Als er allein war, machte das ihn unsicher. Er wollte seine Tochter das
Opfer in Wirklichkeit nicht erleben lassen. Wie er in den Spiegel sah und
dachte, daß er alle die Monate und Jahre an seiner Tochter vorbeigelebt
hatte, brach er sogar in Tränen aus. Um Geld herbeizuschaffen, lief er zu
dem Bankier, erreichte aber nichts, da er verreist war. Er suchte ihn gegen
Abend noch einmal auf. Er hatte wieder keinen Erfolg, trotzdem dachte er
nur daran, Granuella das seitherige Leben fortführen zu lassen. Als
Granuella den Zurückkehrenden gedrückt sah, durchschaute sie alles,
überraschte ihn mit fertigen Tatsachen, das Personal war entlassen, das
Etablissement gekündigt, manches zum Verkauf ausgeschrieben und das meiste
schon gepackt. Am nächsten Mittag zogen sie in eine kleine Wohnung am
Friedhof Pair La Chaise.
Eine Weile lebten sie, daß es Granuella später vorkam, es sei die beste
Zeit gewesen in ihrem Leben. Wenn Voß die Treppe herunterkam, sprang
jedesmal der Concièrge aus seiner Loge und schlug mit dem Holzbein an den
Schellenbaum, den er bei Verdun getragen. Voß pflegte kurz zu grüßen.
Trotzdem war der Mann über die Frische begeistert, die da die Treppe
herunterkam, und hinter der er einen General vermutete. Sein Herz schlug
höher, er salutierte noch hinter ihm her, manchmal verfolgte er ihn mit
seiner Krücke ein Stück auf der Straße und rief hinter ihm her: »So sehen
Sie doch, mein Herr, wie frisch die Bäume sind. Es muß einen neuen Krieg
geben, sapristi . . .« Er blies sogar in die Hände über diesen Mieter und
drehte sich vor Vergnügen im Kreis, wenn man ihn nicht sah.
Es war für Vater und Tochter eine entzückende Sache sich einzuschränken,
weil sie es nicht gewohnt waren. Man machte Entdeckungen. Es war mehr eine
Robinsonade und ein unterhaltendes Spiel als die Not. Was war das für ein
Leben ohne Telephon und Diener. St. Goars Blicke wurden bei diesem Anblick
der rührenden Sparsamkeit glücklich. Man gründete die Pania watja mit neuen
Formeln, ein Strom von Belebung ging von beiden aus. Zu ihrem Glück setzten
die polnischen Studenten-Manipel durch, daß die Pania watja aufgelöst
werden mußte. Sie bestand unter anderem Namen verstärkt fort.
»Man muß arm sein, um eine Sache richtig machen zu können,« wagte eines
Tages sogar Voß zu sagen, als er erfreut zurückkam. Zu seinem Unheil war
das bescheidene Leben aber ebenfalls zu knapp. Man streifte wieder die Not.
In diesen Tagen mußte Rolands Scheck erneuert werden. Es blieb nur die
Möglichkeit, den Sohn zurückzurufen. Granuella sagte: »Wir dürfen unseren
Stolz nicht so sehr wachsen lassen. Wir müssen des Erfolges halber auf die
Revenüen der Güter zurückgreifen, auch wenn die Polen darum herumsitzen.
Man schmeckt es dem Gelde nicht nach, daß es nach den Schwarzbeinigen
riecht.« Sie hatten sich angewöhnt, nach den Landarbeitern in den Kanälen
die ganze Station so zu nennen. Zu ihrem Erstaunen widersprach der von Geld
durch die Not wieder ganz bezauberte Voß kaum. Es war umsonst. Denn bald
kam die Nachricht, daß ein Semjimbeschluß die Ausfuhr von Geld aus dem
annektierten Gebiet verboten habe. Das zertrümmerte Voß. An Rückkehr war
nicht zu denken. Er wäre eher vom Dach des Hotels gesprungen.
Wahrscheinlich hätte man sie ihm nicht einmal erlaubt. Nun empfand er seine
totale Losgelöstheit. Es gab tatsächlich keinen Halt mehr für ihn, man
hatte die Heimat wie ein Stück Körper von ihm abgeschnitten und er befand
sich mitten in einer furchtbaren unübersichtlichen Flut. Es konnte nur ein
Ziel geben, das gleichzeitig allein Halt verbürgte: Geld. Er bekam einen
Zug, der seine Nase schärfer machte, den Mund spitzte, im Auge flackerte
manchmal mit einem gelben Schein die Gier. Die Hände schnellten oft wie bei
einem Vogel, der einen Ast ergreift, zusammen. Er war gemacht für Kämpfe,
die eine gewisse Höhe an Stolz und Anspruch voraussetzten. Zu anderer Zeit
wäre er ein großer Anführer für die Freiheit gewesen. Zu seiner
Verwunderung wurde er rücksichtslos umgeworfen. Wo er an Adel sich
klammerte, krachte die Not. Er glitt fast widerstandslos in die Hände von
Glückssrittern und in die Fallen von Habenichtsen. Plötzlich war er
hilflos, aber auch unfähig wie ein Kind. Er ging einfach glatt vor die
Hunde in dieser Quälerei um die Existenz. Sein Widerstand war so
erstaunlich gering, weil er selber fühlte, wie er abstarb in diesem
Zeitalter, das seine Voraussetzungen schon gar nicht mehr kannte. Man mußte
Paris verlassen. Er jagte hinter allen Möglichkeiten des Geldes wie ein
Besessener her. Im Grunde ward das die mächtigste Bewegung in seiner Seele.
Er hatte Angst in einem Vorstadthotel zu krepieren. Aus dieser Furcht
entwickelte sich eine namenlose Habgier nach Geld.
Zuerst waren es noch korrekte Sachen, die an ihn heran kamen. So war er zum
Beispiel wohlgelitten bei der Großherzogin von Luxemburg, die ihn ihr
Gestüt beaufsichtigen ließ. Wegen seiner Zugehörigkeit zur Pania watja
erreichte nach einigen Monaten diese Beziehung ein Ende. Der polnische
Geschäftsträger wies darauf hin, daß Voß Anwesenheit am Hofe seine
Regierung stark verstimme. Da der luxemburgische Frank gut stand, mußte man
den Alten opfern. Zu allem Elend kam nun, daß die Polen, gegen die er den
»Kreuzzug durch Europa« unternommen hatte, ihn wie einen Fuchs zu jagen
begannen, als sein Kreuzzug schon ein erbärmliches Gehetz durch immer
erschrecklichere Not wurde. Das Halali des Staatschefs Pilsudski hinter ihm
her brachte ihn fast ins Grab in den nächsten Monaten. Er war zu mürbe
schon, um zu sterben an seiner Galle. Er war entschlossen nicht Hungers zu
sterben. Also starb er auch nicht an Ehrgeiz, denn es fehlte die Zeit dazu.
Ein Lichtblick war, daß er in Kissingen einen abgesetzten deutschen Fürsten
am Brunnen traf, der auf seinem Gut übernachtet hatte und ihm nun klagte,
daß Auseinandersetzungen mit englischen Banken sein Vermögen zerstörten. Er
gewann Voß dafür, durch eine Reise seine Londoner Beziehungen in den Dienst
seines Prozesses zu stellen. Voß fuhr nach Dover, dann nach London. Er war
zu ungeschickt, trotz besten Drucks durch seine Bekannten, den Prozeß
geschickt gegen die gerissenen Advokaten des englischen Fiskus zu leiten.
Er nutzte Beziehungen falsch aus, bestach nicht und versprach, wo man
Tatsachen sehen wollte. Er verlor durch schlechte Laune seine Beziehungen,
denen er seine Unterlassungen und Fehler empfindlich vorwarf. Er hatte mehr
zerstört, als vorher möglich schien. Gedrückt kam er nach Deutschland
zurück. In München wachte er auf und besaß noch für drei Tage Geld. Das
Gespenst saß schon auf seinem Bett. Es hatte ihn eingeholt. Es hatte lange
im Dunkel gedroht. Da war es vor seinem Gesicht. Er war zerrissen und
zerschlagen. Hoffnungslos schlich er durch die Straßen. Da drückte ein
junger Mann dem Alten die Hand. Er sah St. Goar in die Augen. Er mußte im
ersten Augenblick einige Schritte zurücktreten, dann frug er gierig: »Haben
Sie Geld.« St. Goar hatte reichliche Mittel. Er sanierte Voß, beteiligte
ihn an schlesischen Werten, die gerade haussierten. Das sollte St. Goar
aber schlecht bekommen.
Als der Alte sich im Besitz starker Mittel sah, erwachte das Gefühl für
seine politische Aufgabe wieder in ihm, und zwar in ungeheuerlichem Maße.
Die Hälfte seiner Einkünfte sandte er sofort an Roland de Voß, der gerade
mit einer Studienkommission im Osten war. Mit einem Stab junger Feuerköpfe
reiste er an allen Gouvernements und Börsen herum. Er ließ Proklamationen
an die Parlamente und Bittschriften an die führenden Kabinette verfassen,
Versammlungen abhalten und die Presse beeinflussen, kurz er machte soviel
Wind und Redens um seine Angelegenheit, daß er sich alle zu Feinden zuzog,
die am Schweigen darüber interessiert waren, und das waren die Mächtigsten
und gerade die, die allein hätten helfen können.
Voß hatte nunmehr einen neuen Plan ausgeheckt, die Sache seiner Provinz zu
beschleunigen, indem er sie in die Hände der Großindustrie legte, und
jeweils, wo er zu Konferenzen erschien, sah man ihn von jungen Leuten und
Dienern begleitet, die Gesteinproben mitschleiften. Er suchte nachzuweisen,
daß gewaltige Schätze in dem umstrittenen Terrain steckten, und daß ein
faules Volk wie die Polen sie vernichten würden oder zu dumm seien, sie zu
verwenden. Er war jedoch bereit, jeder ausländischen Interessentengruppe
alle Konzessionen, ja allen Verdienst, abzutreten, wenn sie über ihre
Regierung den Sieg seiner Nation durchsetzten. Dieser Plan wurde damals von
vielen Seiten ernstlich in Betracht gezogen, und es war nicht unsinnig, an
seine Verwirklichung zu glauben.
Der treuste seiner Begleiter war ein junger Mann aus der bürgerlichen
Familie Romanoff, die in Litauen ansässig war und eine hervorragende Menge
von Begabungen in die noch spärliche Intelligenz sandte. Er hatte
veilchenblaue Augen und ganz blonde Brauen. Sein Hals war fast klassisch,
sein Haar mehr blau wie schwarz. Mit dem Mund verstand er so zu schweigen,
daß es eine der anmutigsten Gesten war, die es in dieser Zeit gab. Die
Überzeugtheit des alten Voß nahm damals eine solch riesenhafte Höhe an, daß
sie wie eine plötzliche Krankheit wirkte. Das machte den alten Seigneur
verdächtig bei aller Welt. Mit von Widerständen krankhaft aufgereiztem
Feuer begann er nach so langer Pause des Verschollenseins und nach so
atemloser Jagd nach dem Geld sich wie ein Ertrinkender in ein Schlachtfeld
von neuen Plänen zu stürzen und sich daran zu verwirren. Unter anderem
zahlte er St. Goar auf eine peinliche Weise den Dank für die Gutmütigkeit,
mit der jener ihn an den Haaren aus dem Dreck und Skandal gezogen.
In Lausanne überwarf er sich wegen einer technischen Frage der Propaganda
mit St. Goar beim Lunch und beleidigte den Verblüfften auf eine gewaltsame
Art, worauf dieser mit einem langen Blick auf Granuella den Saal verließ.
Voß vermochte Widerspruch nicht mehr zu ertragen. Genau so großartig, wie
er knapp am Hunger lebend die Erzlager seiner Provinz den internationalen
Industriekapitänen vor die Füße schmiß, genau so vergaß er, von welchem
Geld er überhaupt lebte, als er seinen besten Helfer barbarisch traktierte.
Es gelang allerdings, ihn zu einer Aussprache mit St. Goar zu bringen.
Sie fand im Salon des Hotels statt und St. Goar bewies viel Würde und Wille
zur Verständigung. Er vermochte allerdings nicht, sich einem Gesichtspunkt
seines Gegners, den er für verrückt hielt, anzuschließen. Leider ereiferte
sich Voß maßlos und, um St. Goar für seinen Gewaltplan zu zwingen oder ihn
unschädlich zu machen, drohte er einen Augenblick, ihn wegen gewisser
Unregelmäßigkeiten aus der Bewegung auszuschiffen. In diesem Augenblick
trat Granuella ein. Sie führte ihren Vater in die Ecke und sprach leis
einige Worte zu ihm. Es schien, als ob sie ihn um Mäßigung bitte. Voß ging
darauf ganz weiß im Gesicht an die Tür, öffnete sie und telephonierte im
Nebenzimmer. Nach zwei Minuten kam der Portier des Hotels mit zwei Beamten
der Fremdenpolizei.
»Dieser Herr hier,« sagte Voß, und deutete auf St. Goar, »besitzt einen
falschen Paß. Ich teile das Ihnen mit im Interesse des Landes, das mir
Gastfreundschaft gewährt.« Voß war in furchtbarer Verfassung. Am liebsten
hätte er gesehen, daß man St. Goar an den Spiegel stellte und füsilierte.
Er beachtete überhaupt nicht, daß die beiden Beamten ihn baten mit zur
Präfektur zu kommen. Er sah in ihm lediglich den Feind seiner Methoden und
seiner Sache, der zu vernichten sei. Er war durch die erbarmungslosen Stöße
des Lebens in den letzten Jahren von einer fieberhaften seelischen
Erkrankung begleitetet, die jedenfalls kein Irrsinn war, ihn aber
veranlaßte, aus Angst vor dem raschen Ausgehn des Geldes alles mit einem
bedeutenden Größenwahn zu sehen. Ohne Zweifel war er überzeugt, daß an der
kleinen Differenz der Anschauungen mit St. Goar das Schicksal seiner ganzen
Mission hänge und daß noch sicherer ohne seine eigene Hilfe die ganze Sache
rettungslos zerfalle. Diese Verantwortung brachte ihn fast zum Wahnsinn.
Er bedachte dabei nicht, daß er mit St. Goar seine Börse verhaften ließ. Er
war bei aller Begeisterung eigentlich ein Kind, dem entging, daß die
Schicksale der Nationen keineswegs auf den Rollschuhen entzündeter kleiner
Patrioten liefen. Er war der Trümmerhaufen einer abgeschiedenen Zeit aber
immerhin sehr interessant, wie er, dampfend vor Zorn, mit seinem großen
Körper über den Klubsessel gebreitet dalag. Granuella stand noch an der
Wand. Nun kam sie herüber: »Ich vermute, daß Du sehr unrecht getan hast,«
sagte sie und bemerkte daß sein linkes Auge fast zugefallen war.
Daß seine Tochter, die nunmehr achtzehn Jahre alt war, aus ihrer Anonymität
heraustrat, ließ Voß zuerst erstarren. Dann sprang er auf. Wie alle falsch
Illuminierten entschloß er sich sofort, alles, was ihm lieb war, in seinem
Herzen zu massakrieren und sich völlig zu isolieren. Er dachte damit seine
Kühnheit zu verstärken, während er sich kastrierte. Auch konnte er
seltsamerweise den Blick der Tochter schwer ertragen, kurz, er brüllte sie
plötzlich nach einigem Schwanken wie ein Panther an. Sie wich zurück. Dann
sagte sie kalt, sie billige die Ansichten St. Goars.
Der Alte schlug die Hände zusammen. Er vermochte es nicht zu fassen: »Meine
Tochter! Meine Tochter!!« . . . rief er dauernd. Granuella sagte nun mit
festem Ton: »Ich erwarte, daß du St. Goar sofort deckst. Telephoniere zum
Präfekten. Schreibe der Polizei. Lauf zum Gesandten . . . was Du
vorziehst.« Sie ereiferte sich.
»Wie . . .,« schluchzte der Alte . . ., »wie -- -- Du sprichst mit Deinem
Vater . . . .«
»Ich spreche,« sagte Granuella, »mit einem Freund des Vaterlandes, der
einen anderen den Feinden ausgeliefert hat, und ich weiß, was man in diesem
Falle zu tun hat.« Sie dachte damit zu sagen, er solle sich entschuldigen
und die Sache wieder gut machen. Voß wurde im Übermaß der Erregung völlig
ruhig, trotzdem oder wahrscheinlich, weil er den Sinn ihrer letzten Worte
falsch als Rebellion verstand: »Ich gebe Dir Gelegenheit, dich nicht zu
übereilen,« sagte er und schloß sie ein.
Granuella war in einer furchtbaren Lage. Sie war entschlossen, St. Goar zu
befreien, indem sie sich für ihn verwandte. Doch nach der Szene im Salon
mußte der Gefangene der Ansicht sein, daß sie wie stets ihres Vaters
Mitwisserin sei und seine Handlung billige. Dazu kam, daß Frederik de Voß
sie eingesperrt hielt und überhaupt nicht mehr sichtbar ward. Sie mußte
fürchten, wenn sie gewaltsam zu fliehen versuchte, auch den Vater durch den
Skandal zu belasten und die Sache damit noch weit mehr zu verwickeln.
Nach etwa acht Tagen hörte sie ein Geräusch am Kamin, und als sie sich
umdrehte, sagte eine Stimme, sie möge nicht erschrecken. Dann krümmte sich
etwas, das zwischen den Paravants herausfiel, sich überschlug und
aufschnellte: Romanoff. Sie vermochte ihr Staunen, ja ihr Zittern nicht zu
verbergen.
»Ich komme durch den Luftschacht,« sagte er stolz.
»Schweigen Sie,« flüsterte Granuella, und legte den Finger auf die Lippen,
»wenn mein Vater Sie erblickt, wäre es aus.«
Der junge Mann lachte leis: »Mit mir? Ich bin unabhängig und denke die
Mittel zu kennen, die Ihren Vater fesseln.«
Diese unklar anmaßende Sprache mißfiel Granuella, aber es war einiges an
dem Jüngling, was sie anzog. Vor allem bewies er ihr in jeder Bewegung eine
Verehrung, die weit das landläufige übertraf. Sie war damals durch die
Umstände ihrer Flucht und ihr Leben, ohne daß sie sich überhaupt je
besonders geäußert hätte, etwas wie eine kriegerische Heilige für die
jungen Schwärmer ihrer Nation. Sie war stets völlig hinter Frederik de Voß
zurückgestanden. Man dachte, wenn man sie mit ihrem elastischen, fast
federnden Körper und dem beinahe wollüstigen Madonnengesicht sah, an eine
blonde Amazone, die den Tod und den Genuß mit einer unendlich süßen Kraft
in sich vereinigte. Er schied auf dem gleichen Wege von ihr, auf dem er
gekommen war.
Sie hatte ihm ihre Ansicht über St. Goar übermittelt; er erreichte es, bei
einer Gegenüberstellung, die er zu einem anderen Zweck herbeiführte, ihn zu
sprechen und überbrachte ihr die Nachricht, St. Goar habe nie an ihr
gezweifelt. Seine Sache stand nicht gut, da Voß sich wie ein altes Raubtier
in diesen Haß verbissen hatte und auf irgendeine geheime Art immer neues
Material gegen ihn den Behörden zufließen ließ, die in einer panischen
Furcht vor dem Eindringen revolutionärer Subjekte in die Schweiz lebten.
Granuella verabredete, daß sie bei der Lady Douglas interpellieren wolle,
die den Schweizer Gesandten in England auf den Fall verweisen könne, und
daß St. Goar infolge dieses mächtigen Protektorats frei werde, ohne daß Voß
in die Sache hineingezogen werde.
»Er ist mein Vater, den ich wohl verehre,« sagte sie lächelnd, »aber er ist
närrisch geworden über die Liebe zum Vaterland, daß er es bald verdirbt.«
Romanoff schwieg nach dieser Äußerung betreten. Die ganze Unschuld und
Unwissenheit des Mädchens ging ihm mit einer wundervollen Weichheit auf.
Doch äußerte er nichts, er ließ sein Auge sprechen. Ihm war wichtiger als
das Politische, daß Granuella seine Leidenschaft spürte. Doch hemmte ihn
seine Verehrung und er kam nicht weit.
Voß verspielte im Kasino den Rest seines Geldes, während seine Tochter über
den Speicher an einem Seil Besuch empfing. Doch war das Glück ihm plötzlich
günstiger, er gewann zeitweise, und fand Gelegenheit, schon auf der
schiefen Bahn, dennoch seiner fixen Idee mit der Hartnäckigkeit des schon
halb gefällten Alters nachzugehen. Als er einmal Romanoff im Vorzimmer sah,
schöpfte er, mißtrauisch wie er geworden war, Verdacht. Romanoff mußte nun
nachts kommen. Das gab dem Zusammentreffen eine gewisse Heimlichkeit und
Intimität. Granuella erwartete mit Herzklopfen den Moment um Mitternacht,
wo es dreimal zirpte. Das andere ging mit jeweils neu bestaunter Energie
vor sich, fast lautlos.
Diese beiden jungen Leute erglühten an dem Eifer, der ihre Ziele
zusammenhielt. Diese Familien, die nur teilweise litauisches Blut in sich
trugen, meistens Baltenfamilien entstammten, aber alle litauische
Mischungen bis in die letzte Zeit in sich trugen, waren alle von einem
unaufhörlichen blonden Haß gegen alles Polnische erfaßt. Diese
mittelalterlichen Ritter waren durchaus von der sauberen Heiligkeit ihrer
Kreuzzüge überzeugt. Hätte man einen ihrer Führer im Dialekt des zwölften
Jahrhunderts angesprochen, er hätte vermutlich ebenso geantwortet. An der
Wiege einer jungen Nation wiederholen sich in verkürztem Tempo aber ohne
ein Überspringen alle Tugenden, aber auch alle Irrtümer der alten. Die
Geschichte der Völker ist eine Kartothek des gleichen Unsinns, der, wo er
tragisch wird, eine besondere Größe erreicht. Hinter diesem Glanz rennen
die jungen Völker wie Verzauberte her. Die Gelehrten vermöchten von Babylon
bis nach Karthago oder jenem Augenblick, wo von Byzanz die Macht an Rom
überging, oder wo die Souveränität des Westens nach New York wanderte und
die Idee der Völker in Moskau statt in Paris proklamiert ward, ihren
Nationen zur Belehrung Beispiele in Haufen vorzuführen. Die Randstaaten,
die am Kreisbogen des alten Europa entstanden, hätten eine Welt vor Staunen
erstarren lassen, wenn sie den tausendsten Teil eines durchschnittlich
klugen Gedankens gehabt hätten, als sie ihr Nest etablierten. Sie zogen es
vor, statt die westlichen Demokratien einfach zu kopieren, deren
Säuglingsniveau noch einmal darzustellen. An der Wiege neuer oder befreiter
Nationen entstehen alle Dummheiten, aber sie werden durchgeführt mit den
blendendsten Eigenschaften, deren das menschliche Geschlecht fähig ist.
Diese beiden jungen Menschen, die nie über das Reich Gottes und nie über
die furchtbaren Probleme der Einzelnen und der Massen nachgedacht hatten,
erglühten einfach in schwärmerischer Hingabe an die Idee ihres Staates.
Eines nachts kam er wie außer sich. Er vermochte aus irgendeinem Grunde
seine Leidenschaft nicht zurückzuhalten. Granuella fand seinen Kopf in
ihrem Schoß. Seine Hände suchten immer über ihre Arme zu streifen. Sie
sprang zurück und sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie empfand die
Liebe, die ihr entgegenschlug, aber sie dachte in diesem Augenblick nicht
an Romanoff, sondern an den Herzog von Leuchtenberg, der sie aus dem
brennenden Haus geholt.
»Was wollen Sie?« schrie sie, »was wagen Sie?«
Der junge Mann war zerschmettert. Sie suchte ihn aufzurichten, als sie ihn
so blaß sah.
»Verzeihen Sie,« meinte er mit zuckenden Lippen, »ich habe Sie nicht
beleidigt. Man zwingt mich abzureisen und ich vermag nicht ohne ein Wort
der Zuneigung von Ihnen zu gehen. Lieber erschieße ich mich vor Ihrer Tür.«
Das Mädchen war tief gerührt. Sie nahm ihm die Pistole aus der Hand, die er
ihr wie gelähmt überließ:
»Ich vermöchte keinen Mann zu lieben, der sich nicht um die Heimat die
unausdenkbarsten Verdienste gemacht hätte. Aber ich spüre nichts für Sie,
als jene Zärtlichkeit, die ich Ihnen schulde.«
»So lieben Sie einen andern,« schrie Romanoff und schlug die Faust auf die
Brust, als wolle er sie zerschmettern. Er dachte an St. Goar und fühlte
sich plötzlich schmählich mißbraucht. Granuella war an die Wand getreten
und so hinreißend, daß er sich unwillkürlich vor Bewunderung aufrichtete.
Sie sagte fast tonlos etwas, das nicht vernommen werden konnte und
schüttelte den Kopf.
Er stürzte auf ihre Hand und überströmte sie mit Küssen. Sie forderte ihn
auf, zu bleiben und seine Reise aufzuschieben. Er sagte düster, er könne
nicht.
»Warum?« Er wandte sich um. Er suchte auszuweichen, etwas zu erfinden. Er
fluchte auf sich, daß ihm nichts einfiel und verwirrte sich. Schließlich
erfuhr sie, daß sie von St. Goars Geld gelebt hatten, daß Voß durch
monatelange Versäumnisse das Vertrauen seiner Kreise eingebüßt habe, daß er
sogar gewisse wichtige Akten und Namensverzeichnisse ohne Skrupel aus
Rachelust mit St. Goar zusammen hatte verhaften lassen. Romanoff war auf
dem Wege, daraus folgernden Schwierigkeiten vorzubeugen. Es traf sie fast
tödlich. Sie hatte die Augen lange geschlossen und zitterte am Körper, als
hinge sie im Wind. Zuletzt fragte sie mit harten Augen: »Warum habe ich das
nicht lange bereits erfahren. Es wäre Ihre Pflicht gewesen, mich
aufzuklären. Warum blieben Sie in seiner Gesellschaft?«
»Ihretwegen,« sagte Romanoff und sah sie mit aller leidenschaftlichen
Erregung an. »Ich konnte nicht vor Sie treten und sagen: »Frederik de Voß
ist ein vom Geld zermorschter Habenichts, ein Verräter und ein
gewissenloser Freund der Nation. Gott hilf mir. Ich habe es nun gesagt.«
»Gehen Sie, gehen Sie,« rief sie und schlug mit der Faust in die Hand. »Es
ist genug.« Er wollte sich ihr zu Füßen werfen, da wurden sie unterbrochen.
Es klopfte, sie öffnete. Ihr Vater trat ein.
Er sah Romanoff mit großen Augen an. Dann wandte er sich an seine Tochter.
Er hatte Wind davon, daß sie St. Goar irgendwie stützte und mit dem
erbarmungslosen Haß des Greises suchte er ihr diese Betätigung zu
zerschlagen. Jedoch nach einigen Sätzen hielt er inne, als schraube ihm
jemand die Rede von den Lippen ab. »Gehen Sie,« sagte Granuella zu
Romanoff. Der junge Mann kettete sein Auge an sie, bis die Tür sich hinter
ihm schloß.
Vater und Tochter sprachen ungefähr eine halbe Stunde miteinander. Es
gelang Voß noch einmal zu einem günstigen Resultat zu kommen. Sie
beschlossen am Ende des Gesprächs die Wohnung zu verlassen. Voß sah sich
plötzlich zwar seiner Autorität beraubt, aber von der Tochter mehr als
früher verehrt. Es gelang ihr, ihr Herz dazu zu bringen, seine Fehler zu
verzeihen. Infolgedessen gab sie ihm St. Goar preis und versprach, Romanoff
nicht mehr zu sehen. Sie glaubte, wie auch als Kind schon, als sie den
gewaltigen Mann vor sich weinen sah, wie an das Sakrament von neuem an
seine Liebe zum Vaterland. Ihre Herzen einigten sich wieder, unter Tränen
lächelnd schätzte Granuella sich glücklich, einen solchen Vater zu haben.
Bei all ihrer Weltunkenntnis konnte ihr nicht entgehen, daß Voß überzeugt
war von dem, was ihn bewegte. Als sie auf die Straße traten, trafen sie
einen Trupp der polnischen Delegation, der, den Fürsten Gagarin in der
Mitte, aus einem Konferenzgebäude über den Reitweg herüberkam. Das Gesicht
des Fürsten war von Erregung so blaß wie damals, als die Flammen ihres
Hauses sein Gesicht beleuchteten. Wie er vorbeiging, mit einer tiefen
Verbeugung und aschfahlen Augen, drückten Vater und Tochter sich die Hände.
Sie wünschten ihm einen fürchterlichen Tod.