juedische Mitarbeit gesucht und gefunden. Andererseits haben gerade die
juedischen Gemeinden in weitgehendster Weise die Not unter den Juden
gelindert, sogar im armen Osten haben die juedischen Religionsverbaende
ihre Angehoerigen gestuetzt, und dem Staate damit seine Aufgabe
erleichtert.
* Die Lehren des Krieges.*
Die Ergebnisse aus dem Kriege fuer das Verhaeltnis der deutschen Juden
zum Reiche sind leicht zu ziehen. Wie im Frieden, so haben sich die
Juden besonders in den schweren Zeiten der Stuerme als gute
Staatsbuerger bewaehrt. Der Burgfriede hat es ermoeglicht, dass die,
welche durch lange Zeit als Soldaten II. Klasse und auch als mindere
Staatsbuerger behandelt worden waren, ihre Pflicht in vollem Masse taten
und mehr als das. Wenn man die Zahl der juedischen Kriegsfreiwilligen,
die zum Heere stroemten, zaehlen wird, duerfte mancher fruehere
Antisemit erstaunen. Soviel Liebe und Begeisterung fuer ein Vaterland,
das seinen juedischen Mitbuergern die Zeiten des Soldatenstands nicht zu
den angenehmsten machte, kann nur bei einem Volke gefunden werden, das
in seinem Kern ein loyales ist. Und die Juden waren und sind denn auch
tatsaechlich in England, in Frankreich, in Italien und Oesterreich, in
den Vereinigten Staaten, in Holland etc. ueberall als ein unbedingt gut
patriotisches Element bekannt.
Wenn sich etwas aus den Lehren des Augenblicks fuer die Zukunft ergeben
muesste, so ist es die Forderung der vollen Durchfuehrung der
Gleichberechtigung der juedischen Staatsbuerger in Deutschland. Wie sich
in Oesterreich die Ungarn bewaehrten, wie die Polen und Elsaesser und
Daenen in unseren Heeren zum Erfolge beitrugen, so vor allem die Juden,
die nie auf deutschem Boden ein eigenes Territorium zu gruenden suchten,
die nie in geschlossener Organisation irgend welchen staatlichen,
sprachlichen oder kulturellen Bestrebungen der Deutschen im Frieden wie
im Kriege eine Gegnerschaft aufboten.
Der deutsche Jude hat keine nationale und religioese Politik, die sich
gegen die der andern Staatsbuerger wenden kann. Es gibt keinen
juedischen Verein, der Deutschland liberal, demokratisch oder
sozialistisch regiert haben will. Wohl aber gibt es juedische Redakteure
bei den Freikonservativen, bei den Nationalliberalen, bei den
Volksparteilern und in der Arbeiterbewegung. Eine irgendwie einheitliche
juedische Politik gibt es in Deutschland nicht. Auch ihre religioesen
Anschauungen stoeren niemanden.
Nicht um Lohn zu finden, haben die Juden Seite an Seite mit allen
anderen Deutschen gekaempft. Sie haben aber ein Anrecht, nicht um ihre
Freiheit verkuerzt zu werden. Es muss _das_ Schauspiel des Friedens
aufhoeren, dass der Jude, sobald er getauft ist, Professor, Offizier,
Staatsanwalt usw. werden kann. Diese _Praemie auf das Renegatentum_ ist
nicht wert, in Friedenszeiten wiederzukehren. Deutschland darf keine
antisemitische Politik betreiben, es wuerde sich sonst an das
programmatisch antisemitische Russland anlehnen. Es kann im Gegenteil
auch nicht dem Ehrgefuehl deutscher adliger Offiziere entsprechen, mit
Maennern eng verbunden zu sein, die sich ihrer Ahnen und Herkunft
schaemen. Es kann nicht die Auffassung der Hueterin des Rechts sein,
dass Richter vorerst ihren Glauben abgeschworen haben muessen; es kann
keine freie Wissenschaft sein, die das christliche Bekenntnis zur
Voraussetzung hat.
Deutschland, der nunmehrige Freund des _Islam_, kann auch seine
_juedische_ Bevoelkerung ihrer Religion nachgehen lassen, ohne dabei
Schaden fuer seine christlichen Bewohner zu nehmen. Der Uebertritt vom
Judentum zum Christentum muss wieder oeffentlich als das gebrandmarkt
werden, was es in den weitaus meisten Faellen wirklich ist: als
Streberei, Gesinnungsheuchelei, Religionsmissbrauch (alldieweil es keine
"ueberzeugten" Christen sind, die den Weg zum Taufbecken suchen und ihn
so leicht finden.)
Der Krieg hat dem elenden Religions- und Rassengezaenk im Innern des
Landes hoffentlich ein Ende bereitet, nach aussen hin wird es noch genug
Arbeit geben, um den Hass der Nationen, die Zwietracht, Rachsucht,
Missgunst langsam abebben zu lassen. Auf Jahrzehnte hinaus wird
Deutschland genuegend Feinde besitzen, es kann daher die Ruhe im Innern
doppelt noetig brauchen.
Soziale und biologische Probleme stellen sich in den Vordergrund. Die
deutschen Juden haben der Grossstadt und der Sucht, wirtschaftlich zu
erstarken, bedeutende Opfer gebracht. Junggesellentum aus Vorliebe oder
aus Not, weil die Familie oekonomisch eine bedeutsame Last ist,
Kinderlosigkeit und Kinderarmut sind die Kennzeichen fuer die
Entwicklung der heutigen deutschen Juden. Ich habe sie in den Buechern
"_Der Untergang der deutschen Juden_"[20], "_Das sterile Berlin_"[21]
und in der _Preisschrift der Gesellschaft fuer Rassenhygiene_[22] des
naeheren dargelegt.
[20] Verlag Reinhardt, Muenchen.
[21] Verlag Marquardt, Gross-Lichterfelde.
[22] Verlag Louis Lamm, Berlin C.
Nun reisst der Krieg weite Luecken in ihre Reihen. Waehrend Deutschland
waechst, verkuemmert der Anteil seiner Juden. _Sombart_ hat
nachgewiesen, wie die Buerokratisierung der Banken, der Schwerindustrie
usw. den juedischen Einfluss hemmt. Dazu kommt die prozentual geringer
werdende Beteiligung. Die hervorstechende oekonomische Macht der Juden
weicht langsam, aber sicher von selbst.
Eine antisemitische Bewegung koennte hoechstens wirtschaftlich
wertvollen Kraeften, die ohnedies abnehmen, Hindernisse bereiten,
Unzufriedenheit in den juedischen Kreisen saeen und den Geist der
Zwietracht verbreiten. Deutschland ist kein einheitlicher Staat,
aufgebaut auf Grundlagen _einer_ Religion, _einer_ Rasse, _einer_
Staatsform. Es ist (aehnlich Amerika) die glueckliche Synthese der
verschiedensten Bevoelkerungsschichten, die alle als deutsche
Staatsbuerger respektiert werden wollen. Glaubens- und Rassekaempfe
muessen verflossenen Zeiten angehoeren. Wie traurig ist es, dass noch
Millionen von Katholiken glauben, sich politisch vereinigen zu muessen,
um entweder in ihren Rechten nicht geschwaecht zu werden oder sich
groesseren Einfluss sichern zu koennen. Eine Vermischung von Religion
und Politik. Sehen wir die Welfenpartei! Eine Gruppe, die nach fuenfzig
Jahren noch immer die Geschichte umwaelzen, nochmals die staatlichen
Zustaende von 1866 herbeifuehren wollte. Die Negation als Grundlage
einer politischen Betaetigung!
Der grosse Krieg muss auch im Innern eine Reform bedingen. Er muss uns
soweit einander naeher gebracht haben, dass wir die volle politische und
buergerliche _Gleichberechtigung_, die Freiheit des Individuums
fuerderhin nicht mehr einzelnen Klassen und Gemeinschaften rauben
wollen. Neben den Sozialdemokraten sind es die Juden, die vornehmlich
als treue Staatsbuerger angesehen zu werden verlangen und hoffentlich es
auch erreichen. Mag besonders die Ostmarkenpolitik, die antisemitisch
bis in die Knochen, durch die mehr oder minder gewaltsame
wirtschaftliche Vertreibung der juedischen Handwerker und Kaufleute in
den Staedten Posens und der oestlichen Provinzen den polnischen
Mittelstand aufbluehen liess, ein deutliches Warnungszeichen dafuer
sein, wie schaedlich letzten Endes jede Hetzpolitik ist.
* Das Problem der Ostjuden.*
Es mag leicht sein, dass ein Friedensschluss dem Deutschen Reich neue
polnische Gebiete bringt. Kein Element wird dann so leicht fuer das
Deutschtum sprachlich und staatsbuergerlich zu gewinnen sein, wie das
juedische, das sich durch sechs bis sieben Jahrhunderte, seit es aus den
Rheinlanden vertrieben wurde, die deutsche Mundart -- wenn auch in
eigener Entwickelung -- bewahrte. Viele der deutschen Soldaten dachten
sich garnichts dabei, als sie in allen Staedten Russlands eine (wenn
auch nicht ganz korrekt) deutsch sprechende Bevoelkerungsschicht
antrafen. Einzelne aber waren darueber doch erstaunt. Sie waren auch
ueberrascht, eine ueberaus aermliche, im Wust der Umgebung verschmutzte,
aber fuer alle Entwicklung empfaengliche Masse anzutreffen, die sich
gerne den deutschen Massnahmen fuegte.
Das Urteil ueber die polnischen Juden ist bei den Deutschen nicht immer
sympathisch. Jedes fremde Volk hat Schwaechen, die dem Fremden
auffallen, und die leicht zu einer vollkommenen Verurteilung fuehren.
Bei den russischen Juden wird zu wenig daran gedacht, dass die russische
Regierung sie gewaltsam in modernen Ghetti zusammenpfercht. Sie duerfen
nur im Ansiedlungsrayon wohnen, und hier wiederum nur in den Staedten.
Vor dreissig Jahren hat man sie so zusammengetrieben ohne Ruecksicht
darauf, ob die vorhandenen Wohnungs- und Lebensmoeglichkeiten genuegten.
Man hat sie zwangsweise in schmutzige Loecher gestossen. Die vielen
hundert Verbote, die den russischen Juden treffen, rauben ihm die Lust
und das Recht, sich Haeuser zu bauen, das Heim auszugestalten. Russland
will den Juden vertreiben, und so ist er denn auch immer auf dem Sprung,
wegzugehen. Millionen Juden sind bereits nach Amerika, England,
Suedafrika, Frankreich usw. ausgewandert.
Der russische Jude gilt wegen seiner Sprache (Juedisch-Deutsch oder
"Jargon") als Deutschfreund. Waehrend sich vielfach Polen und Ruthenen
in Oesterreichisch-Galizien bei der russischen Okkupation recht
eigentuemlich benommen haben, waehrend in diesen Laendern, besonders
aber in Russisch-Polen, die Landbevoelkerung in reichlichstem Masse zum
Franktireurkrieg und zu Spionage neigte, verhielten sich die Juden
ueberaus loyal. Es ist unwahr, dass sie fuer Deutschland
Kundschafterdienste leisteten; sie haben sich aber naturgemaess auch den
Russen gegenueber durchaus korrekt benommen. Dabei wurden die Juden am
schwersten durch _beide_ Parteien geschaedigt. Die Russen haben aus Hass
juedische Staedte, z. B. Szawle, angezuendet, und die Deutschen
verbrannten u. a. Tauroggen als Gegenmassregel gegen russische Greuel in
Ostpreussen. Tauroggen war aber vor allem eine juedische Stadt. Kalisch,
eine echte Judenstadt, wurde gruendlichst zerstoert, weil als Zivilisten
verkleidete Soldaten aus Buergerhaeusern schossen. Dadurch wurden
Tausende von Juden obdachlos. Viele Staedte wurden durch Bombardements
zerstoert, wie Lowicz, Sochaczew etc. Von Seiten der Deutschen mussten
vielfach Ausweisungen juedischer Buerger erfolgen, da man natuerlich
keinem der feindlichen Staatsangehoerigen trauen konnte; die
Massenausweisungen der Juden aus Polen, Russland, Kowno etc.
uebertreffen ums Dreifache die Zahl der seinerzeit aus Spanien
vertriebenen Juden. Bereits wandern heimatlos eine und eine halbe
Million im Innern Russlands, und auch in Oesterreich sind es
Hunderttausende, deren Heim zerstoert ist. --
Der deutschsprechende Jude wird, wie oben bemerkt, als Deutschenfreund
angesehen. So wie die Verhaeltnisse vor dem Kriege lagen, haette es den
russischen Juden nichts eingetragen, sich an die Freundschaft
Deutschlands zu wenden. Nicht einmal seine eigenen Juden schuetzte
Deutschland vor Russland. Das Zarenreich erlaubte nur ganz ausnahmsweise
den Deutschen juedischen Glaubens den Eintritt in sein Land. Und
Deutschlands Politiker haben gegen diese monstroese Beschraenkung
niemals remonstriert. Sie liessen die oeffentliche Beschimpfung ihrer
Juden zu, ohne durch irgendeine Gegenwehr, Gegenmassregel oder nur
ernstliche Vorstellung ihre Staatsbuerger vor schimpflicher Behandlung
zu schuetzen. Und die deutsch sprechenden sieben Millionen Juden
Russlands? Sie gelten zwar als Freunde Deutschlands, _nur dass
Deutschland nicht ihr Freund ist_!
Deutschland hat zu Beginn des Krieges durch seine Generale erklaeren
lassen, dass es den Polen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen wolle.
Die Juden, deren Zahl in den Grenzlaendern bedeutend ist, wurden nicht
sonderlich erwaehnt.
Es ist anzunehmen, dass sich Deutschland nach dem Kriege allen seinen
Juden gegenueber liberal verhalten wird.
Aber es ist doch sehr die Frage, wenn sich keine gewaltigen
Grenzverschiebungen ergeben, ob die Judenfrage Russlands einer Loesung
naehergebracht wird. Schon vor dem Krieg hat die russische Regierung die
Bedrueckung der Juden systematisch inauguriert, die Pogrome des Jahres
1905 waren bestellte Arbeit. Russland bekennt sich zu dem Lehrsatz eines
seiner Minister: "Ein Drittel der Juden wird vertrieben, ein Drittel
muss verhungern und ein Drittel ist zu toeten." (Siehe Errera "Die
Judenfrage".)
Die Judenfrage Russlands interessiert Deutschland aus vielen Gruenden.
Die sieben Millionen, die deutsch verstehen und sprechen, bildeten ein
wertvolles wirtschaftliches Element, das gerne mit Deutschland
Handelsbeziehungen unterhielt. Diese sieben Millionen sind die
staerksten Gegner jedes Krieges mit Deutschland, das sie verehren. Wegen
ihrer deutschen Sprache und ihrer deutschen Sympathien sind sie in
grausamster Weise von Russland bestraft worden. -- Deutschland hat den
Polen zu verstehen gegeben, dass es sich ihrer annehmen wird. Mit noch
groesserer Berechtigung aber koennen die _Juden_ erwarten, dass
Deutschland sie nicht vergisst, wenn die Frage der unterdrueckten
Nationen in den Friedensverhandlungen aufgeworfen wird.
Die Juden haben nie im politischen oder sprachlichen Kampfe mit den
Deutschen gelegen (wie die Polen), seit Jahrhunderten sind sie zu einem
Teile fest verwachsen mit der deutschen Erde. Die in Polen
zurueckgebliebenen Gemeinden sind bei der Teilung dieses Landes durch
Zufall zu Russland, Oesterreich oder Preussen gekommen. Die, welche
russische Staatsbuerger wurden, haben seit jener Zeit eine Geschichte
des Leides und der Verfolgung erlebt, die ans finsterste Mittelalter
erinnert. Leider wissen unsere deutschen Mitbuerger wohl von "Greueln in
Armenien", wie sie die Englaender aus politischen Gruenden
aufbauschten, -- die Regierungspolitik Russlands jedoch, das sich so
lange als der beste Freund Deutschlands gebaerdete, wusste recht gut
ueber allen ihren Schandtaten dichte Schleier auszubreiten.
Die deutsch sprechenden Juden Russlands sind zum Teil Zionisten. Die
Tuerkei hat an ihren zionistischen Buergern in diesem Kriege eine gute
Unterstuetzung gefunden. Deutschland kann sehr wohl, im eigenen
Interesse wie in dem seines neuen Bundesgenossen, ein Entgegenkommen der
Tuerkei fuer eine juedische Besiedlung der veroedeten Landstriche
Palaestinas befuerworten.
Es kann keine Frage sein, dass sofort nach dem Friedensschluss eine
_Massenauswanderung_ der russischen Juden beginnen wird, welche die
gesamte Voelkerwanderung numerisch in den Schatten stellt. Diese Juden,
denen man das Letzte genommen hat, die ein volles Jahr lang gequaelt und
getrieben wurden, jeden Augenblick gewaertig, erschossen oder zum
mindesten nach Sibirien gefuehrt zu werden, warten nur auf die
Moeglichkeit, wieder frei zu atmen.
Soll Deutschland diese Emigration nicht zum eigenen Nutzen zu
beeinflussen suchen? Soll der Strom der Auswanderer nach Amerika
gehen?[23] Deutschland wuenscht eine moderne Entwicklung der Tuerkei.
Durch die Verluste, die der Krieg im eigenen Lande zeitigte, ist keine
Emigration der eigenen Massen bevorstehend. Im Gegenteil.
[23] Eine wirkliche Masseneinwanderung oestlicher Juden in Deutschland
wird schon aus oekonomischen Gruenden schwer durchfuehrbar sein.
Dieselbe waere auch vom juedisch-nationalen Standpunkt nur eine
Notstandsaktion, die uebrigens wegen der vielen Widerstaende, die
nach jeder Hinsicht zu ueberwinden waeren, keineswegs einzutreten
braucht.
Wenn die Erloesung der kleinen Voelker einen Rueckhalt an Deutschland
finden darf, dann kann es die gequaelte juedische Masse des Ostens nur
in zionistischem Sinne erloesen. Auf Russland kann Deutschland nicht
einwirken, wie es seine Untertanen regieren soll. Eine breite Oeffnung
der eigenen Grenzen liegt nicht im Wunsch der meisten eigenen
Staatsbuerger.
Will Deutschland das Buendnis mit der Tuerkei oekonomisch ausnuetzen,
will es sich dort eine Masse sichern, die aus sprachlichen Motiven wie
auch aus Dankbarkeit zu Deutschland neigt, dann wird es einer
grosszuegigen zionistischen Emigration die Wege ebnen, wird "dem Lande
ohne Volk das Volk ohne Land" geben.
Professor Otto _Warburg_ hat schon vor zehn Jahren darauf hingewiesen,
dass die Besiedelung Mesopotamiens von ausschlaggebender Bedeutung fuer
die wirtschaftliche Erschliessung und Entwicklung Vorderasiens ist.[24]
[24] Wir koennten z. B. von daher unsere Baumwolle beziehen und so vom
Auslande unabhaengig werden.
Deutsches Kapital hat die grossen Bahnbauten nach Bagdad ermoeglicht.
Wir sind alle daran interessiert, dass Deutschland daraus Nutzen zieht.
Hier kann nur eine geeignete Einwanderung helfen, denn die ortsanwesende
Bevoelkerungsmenge ist nicht ausreichend.
Da schon Massen arbeitsloser Juden in Polen den Behoerden zur Last
fallen, so waere es gut, wenn man sich, wie fuer die ostpreussischen
Fluechtlinge, so auch fuer das juedische Proletariat Galiziens und
Polens interessierte. Sobald sich die tuerkische Regierung entschliesst,
einwandernden juedischen Familien Land anzuweisen, wird auch von der
juedischen Seite das noetige Geld zur Ueberfuehrung und Ansaessigmachung
aufgebracht werden. Es ist nur noetig, dass sich _der neue Dreibund_
darueber klar ist, _was er mit dem namenlosen Judenelend machen will_,
wie er den vom Krieg entwurzelten Massen hilft, ohne dabei selbst
Menschen zu verlieren. Denn Menschen sind Geld, Maenner sind im
Kriegsfalle Gewehre. Nie hat man die Bedeutung der Ziffer so erfasst,
wie bei diesem Krieg.
Kommt aber den Juden vom neuen Dreibund keine Hilfe, dann wandern sie
bestimmt nach Amerika aus und gehen fuer die deutsche Sache verloren.
Mit ihnen aber ein grosses Nationalvermoegen, -- auch deshalb, weil ja
jeder Emigrant etwas Geld bei sich haben muss, was bei einer solchen
Voelkerwanderung allein schon Millionenwerte ausmacht.
Die Zukunft von Deutschlands kolonisatorischer Taetigkeit liegt im
Orient, in der Tuerkei. Wie kaum je wieder bietet sich eine Gelegenheit,
die Kolonisation zu foerdern. Kenner des Orients, wie Rohrbach, Auhagen,
Paquet[25] u. a., sind gerade in letzter Zeit fuer diese Orientierung
der deutschen Politik eingetreten. Schon frueher plante uebrigens der
verstorbene Grossherzog von Baden, das Interesse der Maechte fuer eine
organisierte Kolonisation Palaestinas durch die Juden wachzurufen.
[25] Ein soeben von Alfons _Paquet_ erschienener Artikel (in Heft 40
Jahrg. 1915 des Maerz) "_Juden im Osten_" kommt zu denselben
Resultaten. Paquet schreibt:
"Das tuerkische Volk kuemmert sich wenig um den Glauben anderer.
Es erkennt in den Juden die Orientalen, es weiss, dass jene, die
aus dem Westen kommen, zugleich Europaeer sind, Traeger eines
praktischen Koennens, das dem neuen tuerkischen Staatswesen Nutzen
zu bringen vermag. Und das eigentliche Palaestina? Hat es nicht in
den Jahren, die dem Versuch der Wiederbesiedelung gewidmet waren,
bewiesen, dass es wirklich das Land ist, wo einmal der Wanderer
sein Haupt hinlegen kann unter den Sternen die den Erzvaetern
leuchteten, um auszuruhen und boese Spuren aus seinen Zuegen
wischen?"
Sie brauchen eines zuerst: eine Zukunft, ein gruenes Banner. In
dem von Menschen erfuellten Europa werden sie das wichtigste fuer
ihre Zukunft: -- den Boden -- nie erhalten, eher werden sie die
Traeger irgend eines unbestimmten Unheils sein. In allen
Erdteilen, ausser Vorderasien, fehlen die Moeglichkeiten einer
Ansiedelung, die den Juden erlaubt, nach ihrer hoechst
eigentuemlichen Art zu leben und von dem geistigen Gut, nach dem
sie hungern, satt zu werden. Aber in dem einen kleinen Lande, das
schon begonnen hat, zu einem neuen Dasein zu erwachen, ist Raum
und Tragkraft genug, sie aufzunehmen. Josua und Kaleb sind von
ihrer Kundschafterreise zurueckgekehrt mit schweren Trauben. Es
kommt jetzt darauf an die Faehigkeiten des Volkes, die bisher auf
die Wuestenreise verwendet wurden, zu wecken und neu zu
gebrauchen. Schulen nach dem Vorbild der deutschen Volksschulen,
vielleicht mit einer Hochschule an der Spitze, werden dazu helfen
koennen. Einst werden dann diese Knaben die Mannschaft eines neuen
morgenlaendischen Wesens bilden, gleichviel, ob sie Ingenieure
oder Kaufleute, Handwerker, Ackerbauer oder Gelehrte werden,
gleichviel sogar, wie viele von ihnen in Europa bleiben und wie
viele wirklich im Morgenland wohnen. Sie koennen in einer neuen
Heimat ein neues Volk sein -- nicht im Sinne jenes Nationalismus,
der in Europa die Voelker zerreisst und schlaegt, sondern in dem
innerlich freien, nach aussen duldsamen Sinne der
morgenlaendischen Weisen. "Der tuerkische Baum muss sehr gruen
werden und auswachsen." "Wer in seinem Schatten wohnen will, muss
aber zuvor sein Gaertner sein." -- -- --
So denkt ein bekannter Orientkenner ueber die Judenfrage und das
Problem der Tuerkei.
Statt dessen hat man den franzosenfreundlichen Jesuiten, die neben
zahlreichen Schulen eine Universitaet in Beirut gruendeten, den
russischen und griechischen Missionen Raum gegeben und hat die
englischen Machinationen unter den Arabern geduldet.
Die neu-deutsche Judenpolitik darf des weiteren nicht in den Fehler
verfallen, das juedische Element im Osten den Polen auszuliefern. In
ganz Galizien hat man die Juden dem Terrorismus der Polen
ueberantwortet. Man denke sich, dass dort ca. 900000 Menschen ein
deutsches Idiom sprechen, eine Sprache, die der deutschen naehersteht
als die flaemische Mundart. Gleichwohl konnte man in Oesterreich nicht
erreichen, dass das "Jiddisch", wie es genannt wird, die Rechte einer
Sprache bekam. Obwohl es eine Unzahl von Zeitungen gibt, die taeglich in
diesem Dialekt geschrieben werden, und deren Blaetter u. a. in Lemberg,
Lodz, Krakau etc. erscheinen (Warschauer und New Yorker Blaetter in
Jiddisch haben Auflagen von ueber 100000 Exemplaren), war diese Sprache
"von Rechts wegen" verpoent! Der Kaufmann sollte seine Rechnungsbuecher
damit nicht fuehren duerfen, Eingaben an die Regierung waren
unstatthaft, waehrend unterdessen die jiddische schoene Literatur in
alle Sprachen uebersetzt wurde, und Theaterstuecke, ins Hochdeutsche
uebersetzt, Sensation in Berlin hervorriefen!
Auch heute hat die deutsche Regierung die Bedeutung dieses Jargons noch
nicht erfasst. Eine Volksschicht, die in polnischen Gebieten lebt,
greift aber, wenn sie ihre Muttersprache lassen muss, nicht zu dem
dieser nahverwandten Deutschen, sondern zum _Polnischen_. Es liegt kein
Grund vor, die Polen _kuenstlich_ zu staerken und ein Volkstum, das sich
sprachlich ans Deutsche anlehnt, seiner Nationalitaet zugunsten der
polnischen gewaltsam zu entkleiden.
Sollten groessere polnische Bezirke Deutschland und Oesterreich
angegliedert werden, so muss das _Recht der Minoritaet_ geschuetzt
werden. Das moderne Polentum hat sich noch nicht als massvoller und
zuverlaessiger Charakter erwiesen. Wo sie es nur konnten, haben die
Polen die Juden bedrueckt und ausgenutzt. Die galizischen Wahlen waren
wahre Schlachttage der Schlachta. In vielen Orten floss juedisches Blut,
weil die Juden keine Polen waehlen wollten. Noch schlimmer erging es den
Juden in Russisch-Polen, wo sie den _Polen und Russen_ gaenzlich
ausgeliefert waren.
Wenn die Franzosen und Italiener von "unerloesten Voelkern" sprechen,
dann haben sie kaum der armen Juden gedacht, und sicherlich nie eine
Hand geruehrt, um deren Los zu erleichtern.[26] Und sie haetten es doch
so bequem. Sie brauchten bloss ihren Bundesgenossen "darauf aufmerksam
zu machen". -- -- --