So glaubte man z. B. allgemein nicht, dass der einzige Soldat, der bei
meinem Regiment das Eiserne Kreuz I. Klasse im Jahre 1914 besass, ein
Jude war (der spaeter als Leutnant gefallene Gottfried Sender, Lehrer an
einer juedischen Mittelschule, welcher es im Frieden knapp bis zum
Gefreiten bringen konnte). Vielfach ist aber die Tuechtigkeit des
juedischen Vorgesetzten und Soldaten von hohen Offizieren anerkannt
worden. Exempla docent. Die ueberaus grosse Zahl von Befoerderungen,
Dekorationen etc., ueber die sich jeder, namentlich z. B. im "Hamburger
Israelitischen Familienblatt" informieren kann, gibt die beste Gewaehr.
Der oesterreichische Thronfolger hat oftmals Gelegenheit genommen, sich
dahin auszusprechen, dass der persoenliche Mut und die Zuverlaessigkeit
des juedischen Soldaten durch diesen Krieg aufs neue bewiesen
wurden.[12]
[12] Ueberall ist die Tapferkeit der Juden anerkannt worden.
Prinz Fuad, der Fluegeladjutant des tuerkischen Sultans, hat dem
offiziellen ungarischen Pressevertreter folgende Erklaerung
abgegeben (in der deutschen Presse im Jued. Echo, Muenchen, Nr.
27, 1915, wiedergegeben):
"Die juedische Legion, welche auf den Dardanellen operiert,
verrichtet wahre Wunder. Der Kommandant der Legion, ein
tuerkischer Jude, bekam den Hauptmannstitel und eine Auszeichnung.
In den uebrigen Militaerteilen kaempfen die Juden mit andern
zusammen ausgezeichnet. Die tuerkischen Militaerbehoerden machen
daher keinen Unterschied zwischen juedischen und nichtjuedischen
Soldaten. Das Gleiche kann hinsichtlich der juedischen
Zivilbevoelkerung gesagt werden, welche im jetzigen schweren
Moment opferwillig dem Lande hilft, soviel sie nur vermag. Die
juedischen Bestrebungen in Palaestina sind gut bekannt; niemand
zweifelt an dem Patriotismus der tuerkischen Juden".
Und Gustav Herve sagt ueber die viel geschmaehten russischen
Juden -- welche ein eignes Regiment gebildet hatten und in den
erbitterten Fruehjahrskaempfen bei Arras fielen -- bei Gelegenheit
der Veroeffentlichung von Briefen gefallener Juden der juedischen
Fremdenlegion:
"Held Litwak -- du, dessen herrlicher Brief, geschrieben am Tag
deines ruhmvollen Todes bei Carency an der Seite von 2000
Mitjuden, ich unlaengst abgedruckt habe, vergib diesen armen
Sergeanten, die euch monatelang als schmutzige Judenbuben und
aehnlich beschimpft haben -- euch, die ohne dazu verpflichtet zu
sein, in einem Augenblick edler Begeisterung euer Blut grossmuetig
an Frankreich dahingegeben habt, das in euren Augen das Sinnbild
aller Freiheit und sittlichen Groesse war." . . . Und das beste
Zeichen, wie sehr die Juden freiwillig fuer die Freiheit zu
kaempfen wissen, dass gerade die Anfuehrer der polnischen
Legionisten fast durchwegs Juden sind: Nach dem Jued. Echo (Nr.
31, 1914, Muenchen) ist der Vorsitzende des Polnischen Nationalen
Hauptkomites und der Legionen ein Jude namens Mosche Scherer und
ebenso eine ganze Anzahl von Fuehrern der Legion.
Ebenso wie der sozialdemokratische wurde auch der juedische Soldat
endlich einmal von den Meisten vorurteilsfrei betrachtet und bewertet.
Natuerlich gibt es auch Faelle, wo sich Vorgesetzte noch nicht in den
Gedanken der Gleichwertigkeit "solcher Elemente" hineinleben konnten.
Die ungeheure sozialdemokratische Begeisterung ist nicht zuletzt das
Produkt der so oft geschmaehten "inter"-nationalen Denkweise juedischer
Fuehrer, mit der man frueher alles Unrecht gegen Juden deckte und
erklaerte. Die Fuehrer haben ihren Patriotismus nicht nur durch billige
Phrasen dokumentiert, sie sind nicht wie andere Sozialistenfuehrer a la
Vandervelde als Wanderredner durch die Lande gefahren, um die Menschen
aufzuwiegeln, haben a la Herve billige blutruenstige Artikel geschrieben
oder sich als Leutnants, wie D'Annunzio, zu Hause wichtig gemacht. Der
Jude _Ludwig Frank_[13], vielleicht der faehigste Kopf in der
sozialdemokratischen Partei, trat als einfacher Soldat in Reih und Glied
und fiel -- wie er es wuenschte -- als ein einfaches, aber schoenes
Beispiel treuer Vaterlandsliebe.
[13] Der bekannte Genosse Davidsohn "nur" zweimal verwundet, nunmehr
Offizierstellvertreter.
Aber nun kam, was nicht kommen durfte. Man hat in vielen Zeitungen ueber
den Mannheimer, ueber den Rechtsanwalt, ueber den Sozialdemokraten Frank
geschrieben. Man hat bewiesen, dass ein Sozialdemokrat patriotisch sein
koenne. Dass er aber ein Jude war, diese Tatsache wurde nach
Moeglichkeit verschwiegen. -- Nicht zum Beweis der Tapferkeit und der
Vaterlandsliebe wollen wir Frank als Juden registrieren. Es liegt
eigentlich eine unglaubliche Verworfenheit des Charakters vor, wenn
jemand von einer kulturell so hochstehenden Rasse wie der juedischen,
von der Tausende im oeffentlichen Leben wirken, welche alle
Kulturstaetten deutscher und anderer Bildung genossen haben, annehmen
koennte, dass Mannesehre und Wuerde bei ihnen nicht zu finden waere.
Dass man bei allen Nachrufen aber sichtlich vergessen wollte, zu
erwaehnen, dass der erste deutsche Volksfuehrer, welcher mit seinem Tode
die Treue zur Heimat und zum Staate besiegelte, ein Jude war, ist keine
erfreuliche Erscheinung.[14] Ebensowenig wie die Tatsache, dass die
Dichter des grossen Krieges, die zuerst verwendet wurden und starben,
Juden waren. Wir nennen nur _Zuckermann_, der das wundersame
oesterreichische Reiterlied empfand, und _Heymann_, den jungen
Koenigsberger Lyriker, sowie den Schlesier Georg _Hecht_. Man hat so oft
ueber die billige Poesie, wie sie Literaten hinterm Schreibtisch
gewinnsuechtig betreiben, gespottet. Zuckermann, Heymann, Georg Hecht.
_Ich kannte die gluehende Begeisterung, die sie mit dem Leben zahlten._
[14] Dagegen unterstreichen z. B. die deutsch voelkischen Blaetter
haemisch, dass Haase, welcher den verunglueckten Aufruf
veranlasste, _Jude_ sei, was man zu Kriegsbeginn, als er noch in
minder unsympathischem Fahrwasser segelte, sorgsam unterliess, bei
ihm zu erwaehnen.
Eine typische Todesanzeige fuer einen aktiven juedischen Offizier
mag hier folgen:
Gestern Abend um 1/29 Uhr verschied in der Medizinischen Klinik
des Buergerspitals zu Strassburg
*Herr Major* *Max Hollerbaum*
*Kommandeur des B. Landsturm-Infanterie-Bataillons Passau II
Ritter d. Eisernen Kreuzes, d. K. B. Militaer-Verdienstordens
usw.*
Das Bataillon steht in tiefer Trauer an der Bahre seines ersten
Kommandeurs.
Durch und durch Soldat, ein vornehmer, ritterlicher,
zuverlaessiger Charakter, durch Willenskraft und warmherziges
Wohlwollen gleichmaessig ausgezeichnet, war er uns allen
vorbildlich auch durch den Heroismus, den er im Kampfe gegen ein
langwieriges, schweres Leiden bis zuletzt bewahrt hat. Es war ihm
nicht vergoennt, wie an dem Kriege um die Gruendung des Reichs so
an dem um seine Behauptung bis zum ehrenvollen Abschluss
teilzunehmen. Aber er hat Treue bis zum Tode gehalten, und sein
Gedaechtnis wird in hohen Ehren bleiben.
Am 27. September 1915.
*Fuer das Landsturm-Infanterie-Bataillon Passau II*
I. V.: *Hauptmann Freiherr von Pechmann.*
Anschliessend mag noch bemerkt werden, dass Major Hollerbaum nicht
der einzige aktive juedische Offizier in der bayerischen Armee
war. Es gab und gibt noch eine Anzahl solcher. Nachstehend seien
nur einige namentlich genannt: Der alte bayerische
Kuerassiergeneral Carl Ritter v. Obermayer, Major Isidor Marx
(Vater) und Major Maximilian Marx (Sohn), die Majore Orfenau,
Friedmann, Henle u. a. Ausserdem gab und gibt es viele juedische
aktive Sanitaetsoffiziere, Militaerbeamte und auch untere Chargen.
Wie aber war die Haltung der juedischen Bevoelkerung vor dem Ausbruch
des Krieges? Die Juden haben sich in allem ueberaus wuerdig benommen.
Dass sie als Kaufleute und Bankiers usw. nicht wie die Militaers
bestaendig sich um die Militaerangelegenheiten bekuemmerten, ist
selbstverstaendlich. Das beruehmte "juedische _internationale_
Grosskapital", von dem soviel gefabelt wird, ist nie in Aktion getreten.
Die juedischen Bankiers und die juedischen Kaufleute benahmen sich nicht
anders wie die andern Schichten der Bevoelkerung. Ruhig und ernst, wie
es der Situation entsprach, als ihre Soehne entweder freiwillig oder als
Militaerpflichtige hinauszogen. Reiche Gaben und Spenden flossen allen
Instituten von ihnen zu. Und was in der Heimat geleistet werden konnte,
wurde getan. Maenner wie Ballin, Rathenau, Riesser ruhten im Kriege
nicht. Es ist noch nicht die Zeit, ihrer Verdienste fuer die
Volksernaehrung, fuer die Munitionsergaenzung und anderer Dinge zu
gedenken.[15]
[15] Otto v. Gottberg, die offizioese Feder unseres Kriegsministeriums,
schreibt in einem Artikel "D. K. R. A." ueber Rathenau: "Er kam
ohne Ruf und Amt, ein Deutscher in Sorge um das Vaterland. Wie
wenige ein Kenner unserer Wirtschaft, fuehlte Dr. Walter Rathenau,
dass Deutschland einen laengeren Krieg siegreich nur dann
ueberstehen koenne, wenn der Staat ohne Saeumen zu organisiertem
Sammeln, Sparen und Mehren der fuer die Kriegfuehrung noetigen
Stoffe schritt. Der Kriegsminister sah den Mann, den er gesucht
hatte. Sankt Bureaukratius schlug wohl unter Protest die Haende
ueber dem Kopf zusammen, als der General den Zivilisten, Doktor
und Ingenieur mit hoeflicher Geste beim Kragen nahm und im
Allerheiligsten der Heeresverwaltung in einen Stuhl setzte mit dem
Auftrag, die Kriegs-Rohstoff-Abteilung ins Leben zu rufen."
Die Art, wie Rathenau die Aufgabe in achtmonatlichem Wirken
loeste, sichert ihm einen Ehrenplatz in der Geschichte des
Wirtschaftskrieges.
Die deutschen Juden hatten schon in Friedenszeiten eine zu geringe
Vermehrung. Zu viele blieben aus wirtschaftlichen Gruenden oder aus
Laune Junggesellen; die vielen Spaetehen der akademischen Kreise und der
Kaufleute bedingten einen hohen Prozentsatz kinderloser Ehen. Die, die
Kinder haben, begnuegen sich mit zweien. Auf die deutsche Judenheit,
welche eine geringere Geburtenziffer als die Franzosen hat, wird der
Krieg eine unheilvolle Bedeutung haben. Er raecht die Beschraenkung der
Kinderzahl.
Die durch Taufe und Mischehe und Kinderlosigkeit geschwaechte deutsche
Judenheit weiss, dass dieses elementare Ereignis ihre Reihen noch mehr
lichten wird. Alte Familien werden durch den Krieg erloeschen, die
deutsche Judenheit wird unendlich geschwaecht und in ihrer Existenz
erschuettert aus dem Kriege hervorgehen.
Die juedische Jugend zahlte gern die Teilnahme an der deutschen
Kulturgemeinschaft mit dem Tode.
* Juden im Ausland.*
Italien, Frankreich, England sind judenarm. Italien hat nur 40000,
Frankreich 120000, England nicht ganz 300000, also alle drei Laender
zusammen nicht viel mehr als Preussen. In der englischen Regierung sass
vor 35 Jahren ein bedeutender Jude, Lord Beaconsfield, der mit Bismarck
eine Verstaendigung der beiden Laender herbeifuehrte. Heute hat im
britischen Ministerium nur Lord Samuel ein Portefeuille, das des
Postministers, der nur in seinen Angelegenheiten eine Stimme hat.
In Italien ist der bekannte Sonnino der Sohn eines getauften
italienischen Juden und einer englischen Christin. Ausserdem ist in
Italien der Finanzminister Luzzatti Jude, der sich urspruenglich gegen
den Krieg aussprach.[16] Das judenreinste Kabinett Russlands traegt die
Hauptverantwortung fuer diesen Krieg. Das Land, in welchem die Juden am
wenigsten zu sagen haben, hat am staerksten zum Kampf gedraengt.
[16] Die Abkunft Barzilais' ist uebrigens nicht sicher auf Juden
zurueckzufuehren.
In England lag die Entscheidung ausschliesslich bei wenigen Nichtjuden.
Bedeutende englische Juden hatten sich gerade in den letzten Jahren fuer
eine gegenseitige Annaeherung Deutschlands und Englands bemueht, weil
sie instinktiv die Entfremdung der Laender bemerkten.[17] Als der Krieg
begann, legten Sir Cassel und Sir Speyer ihre Wuerden nieder.
[17] Dafuer hat Ernst Cassel Millionen gespendet, die er dem Kaiser
uebermittelte; der einzige Englaender, der sich die Freundschaft
der beiden Laender etwas kosten liess und sich ernsthaft darum
bemuehte.
In Frankreich war das Kabinett wie in Russland und Serbien "judenrein".
Die Juden an der Pariser Boerse haben wahrlich keinen Krieg inszeniert.
Als der Krieg aber ein fait accompli geworden war, haben einzelne
fruehere Deutsche resp. Elsaesser in Frankreich und England aus der
Angst fuer ihre Existenz unsympathische Kundgebungen erlassen. Ob sich
darunter viele Juden befanden, weiss ich nicht. Ich konnte es nicht
erfahren. Der beruechtigte Obermacher der Bethlehem Steel Company,
_Schwab_ in Amerika, welcher wohl der anruechigste Typ des Renegaten
ist, stammt von wuerttembergischen Eltern, ist nicht, wie deutsche
antisemitische Blaetter verleumderisch behaupten, ein Jude. Er ist
vielmehr der Nachkomme eines Pfarrers.
Wenn in einem Staate eine ziffernmaessig einflussreiche juedische
Volkschaft war, die sich fuer den Frieden haette einsetzen koennen, so
waere es die Russlands gewesen. An sieben Millionen Menschen, die aber
in der Duma nur durch _einen_ Abgeordneten vertreten sind. (Auf diese
Juden werden wir noch spaeter zu sprechen kommen.) Sie waren vollkommen
machtlos.
Der Jude ist nicht, wie das alte, aber abgeschmackte Maerlein der
Antisemiten es will, der Brandzuender des Weltkrieges gewesen. Er war
ein Freund des Friedens. Er wuerde als Kriegshetzer auch am allermeisten
gegen sein Interesse handeln. Der Beamte wird im Krieg durch den Staat
hinreichend oekonomisch geschuetzt, der Bauer findet nach dem Kriege
immer seinen Grund und Boden wieder. Der Jude aber als Kaufmann hat
durch die Unterbindung des Aussenhandels enorm verloren. Bei einer
grossen Zahl der juedischen Firmen ist mit einem Schlage der Lohn
arbeitsvoller Jahre dahin gewesen. Und nach dem Kriege wird es auch fuer
sie des groessten Fleisses beduerfen, um nur annaehernd das wieder zu
erreichen, was man vorher an Wirtschaftsbeziehungen besass.
Am meisten unter allen Voelkern haben die _Juden in Oesterreich_
gelitten. Die Besetzung Galiziens und der Bukowina stuerzte 800000 Juden
ins Unglueck. Der ruthenische oder polnische Bauer wurde von der
russischen Regierung mit aller Schonung behandelt. Gegen den Juden ist
man jedoch mit aller Niedertracht verfahren, die man sich denken kann.
Der Bauer hat sein Heim, seine Ernte, seinen Verdienst behalten. Der
galizische Jude ist --, wenn er nicht gar nach Sibirien transportiert
wurde, -- zum armseligen Bettler geworden. Sein Haus, seine Ware, sein
Geld vernichtet, er selbst brotlos und heimatlos. Man lese darueber das
Buch Segels "Der Weltkrieg und das Schicksal des juedischen
Volkes"[18] -- und man wird das Gruseln dabei lernen.
[18] Verlag Stilke, Berlin 1915.
Eines der auch amtlich nachgewiesenen Ereignisse moechte ich hier zur
Probe nach der Schilderung Benjamin Segels wiedergeben:
"Im 16. Jahrhundert pflegten sich die Kosaken im Kampfe gegen Polen
eines von den Tataren entlehnten Kriegsmittels zu bedienen: wenn sie
eine Festung stuermten, trieben sie mit Lanzenstichen und Gewehrfeuer
Gefangene vor, die Saecke voll Erde auf den Schultern trugen und unter
dem Kugelregen ihrer eigenen belagerten Landsleute die Laufgraeben um
die Festung ausfuellen mussten, wobei sie unter der Last begraben
wurden. Diese unmenschliche Sitte ist aus dem Kriege zwischen
zivilisierten Voelkern verschwunden. Die Japaner haben nur oftmals gegen
die russische Feldarmee Viehherden vorgetrieben, die das heftigste Feuer
auffingen. Die Russen aber haben in Galizien aufs neue den Brauch
eingefuehrt, Menschen, wehrlose Menschen zu diesem Zwecke zu gebrauchen.
Nicht etwa Gefangene, sondern Nichtkaempfer, Greise, Frauen und Kinder.
Vor _Nadworna_ im Suedosten Galiziens geschah das Furchtbare. Die Russen
brachten _eintausendfuenfhundert juedische_ Familien zusammen und
trieben sie vor die oesterreichische Front, waehrend sie selber
hinterdrein vorrueckten.
Die menschliche Sprache hat keine Worte, um das Grausame dieser Untat
auch nur annaehernd zu kennzeichnen." --
Bekannt sind die Befehle russischer Kommandanten, von denen ich z. B.
den des Etappenkommandeurs von Krosna, vom 10. Maerz, wiedergebe:
"Fuer jeden Fall, in dem die deutsche oder oesterreichische Regierung
jemanden aus der nichtjuedischen Bevoelkerung bestraft, sind die Juden
verantwortlich. Zu diesem Zweck werden juedische Geiseln mitgenommen und
fuer jeden Nichtjuden wird man zwei Juden umbringen."
Das Stockholmer Blatt "Sozialdemokraten" konstatierte: Jeder russische
General, der eine Niederlage erleidet, schiebt die Schuld einfach
auf -- die Juden in dem Gebiete, wo er ist. Die Juden wurden zu
Zehntausenden ausgewiesen: auf lose Angebereien wurden sie erschossen
und erhaengt.
Und in _Russland_? Die russischen Juden duerfen, das ist in Deutschland
kaum bekannt, nur in den westlichen polnischen, litauischen und
bessarabischen Provinzen Russlands wohnen und auch hier nicht auf dem
Lande, sondern nur in den Staedten. Sie sind vom Ackerbau abgeschlossen,
Bodenerwerb ist ihnen streng untersagt. Kuenstlich hat die russische
Regierung alle modernen Bildungsbestrebungen verboten, alle
freiheitlichen Regungen unterdrueckt, die idealistische Jugend, die ihre
Glaubensgenossen organisieren wollten, die fuer irgend einen Fortschritt
kaempften, gefangen gesetzt. Tausende gerade der Faehigsten sind
ausgewandert. Amerika nahm allein 2 Millionen dieser unfreiwilligen
Emigranten auf. Was blieb, ist ein Torso. Die staendigen Judengesetze
und Verordnungen treiben willkuerlich die Juden in gewissen Staedten
zusammen. So hat das Jahr 1882 eine masslose Ueberfuellung des
Ansiedlungsrayons hervorgerufen. Das polnisch-juedische Ghetto ist ein
modernes Kunstprodukt, wofuer die russische Regierung verantwortlich
zeichnet. Mit Gewalt haelt die Obrigkeit die juedische Bevoelkerung in
Armut, hindert jede hygienische Regung und verbietet alle geistigen
Bestrebungen. Es ist unmoeglich, dass die Verhaeltnisse anders sind, als
wir sie antreffen, und das antisemitisch absprechende Urteil
beruecksichtigt nicht, dass es sich um ein Volk handelt, das in allem
geknebelt und entrechtet ist. Der Krieg, der sich im Westen Russlands
abspielt, hat naturgemaess die Juden am staerksten betroffen.
Hunderte juedischer Gemeinden sind zertreten. Ich habe selbst viele in
Polen sowie noerdlich der Weichsel und besonders im Gouvernement Kowno,
sowie in Kurland gesehen.
Ueber die Lage der Juden in Russland informiert das Buechlein von Kurt
_Aram_: Der Zar und seine Juden[19] ("Das juedische Elend in Warschau
ist doch noch viel graesslicher als alles andere, was ich sah.") Und Dr.
Claus schreibt im Russenheft der Sueddeutschen Monatshefte: "Schon in
Friedenszeiten war das Elend unter den Juden gross; wer einmal einen
Einblick in die Ghetti Warschaus oder einer litauischen Stadt getan hat,
wird das Bild des Grauens so leicht nicht los."
[19] Verlag Ullstein, Berlin.
Ich will nicht eingehend ueber all das Grauenhafte schreiben, was selbst
die russische Zensur in ihren Blaettern bringen liess. Einwandsfreie
nichtjuedische Abgeordnete haben in den denkwuerdigen Dumatagen des
August das tragische Geschick des juedischen Volkes, das von der
Regierung zu allen Zeiten als Blitzableiter dienen musste,
gekennzeichnet. Geben wir der "Guerre Sociale", dem bundesgenoessischen
Blatt, darueber das Wort:
"Das oesterreichische wie das russische Polen ist von Polen und Juden
bewohnt. Was hat man getan, um z. B. die Juden fuer die Sache der
Verbuendeten zu gewinnen? Hat man nicht vielmehr alles getan, sie en
bloc in das Lager unserer Feinde zu treiben? Wenn alles das, was
amerikanische Blaetter ueber die den Juden seit Kriegsbeginn zuteil
gewordene _schmachvolle Behandlung_ mitteilen, wahr ist, wie kann
Russland dann fuer sie etwas anderes sein, als ein _Land des Schreckens
und der Schande_, wo ihre verfolgte Rasse den Becher bis zur Neige
geleert hat."
Und nochmals die "Guerre Sociale" (Gustav Herve): "Mir kommt nicht zu,
in diesem Augenblick, wo das befreundete und verbuendete Russland
schmerzliche Stunden durchlebt, davon zu erzaehlen, wie es viel zu lange
die Juden behandelt hat. Es hat sie aber behandelt, wie unsere Vorfahren
sie im Mittelalter behandelt haben."
Und schliessen wir mit den mutigen Worten des juedischen Dumadeputierten
_Friedmann_, den keine Angst vor Einkerkerung oder vor Sibirien abhalten
konnte, nach allen vorliegenden Zeitungen u. a. folgendes festzustellen:
"Die Zeitungen registrierten eine ungeheure Menge juedischer
Kriegsfreiwilliger. Diese Freiwilligen sollten ihrem Bildungsgrad nach
Anspruch auf Offiziersrang haben, aber sie wussten ganz gut, dass sie
als Juden den Offiziersrang nicht bekamen. Trotzdem zogen sie in den
Krieg.
Zahlreiche juedische Studenten kamen aus dem Ausland und gingen an die
Front. Die Juden zuhause bauten Lazarette, spendeten viel Geld und
brachten verhaeltnismaessig _weit groessere Opfer als andere Nationen_.
Viele juedische Soldaten bekamen auch das Georgskreuz. (Ich habe selbst
verschiedene gesehen. Der Verf.) So war die Stimmung der Juden bei
Kriegsausbruch. Aber wir duerfen nicht vergessen, dass im Polenland
juedisches Blut in starken Stroemen fliesst, und zum Unglueck nicht nur
von Feindeshand. Militaerbehoerden und Regierung brauchten Suendenboecke
fuer ihre Misserfolge. Man benutzt zu diesem Zweck die alte Firma, das
ist der Jude. Kaum ueberschritt der Feind die Grenze, so verbreiteten
sich Geruechte, dass juedisches Gold auf Aeroplanen, in Saergen und
Eingeweiden von Gaensen zu den Deutschen floss. Die Legende wuchs, sie
verbreitete sich dank der Agitation der Regierungsagenten und nahm
schliesslich ungeheure Dimensionen an. Den Juden gegenueber wurden
unerhoerte Massnahmen angewendet und diese Massnahmen, die vor den Augen
der ganzen Bevoelkerung vollzogen wurden, floessten derselben und der
Armee das Gefuehl ein, dass die Juden als schlimmste Feinde ausserhalb
des Gesetzes stehen. Zuerst wurden alle Juden aus Polen und Litauen
ausgewiesen. _Ueber eine Million_ Menschen musste den Bettelstab
ergreifen. Verwundete juedische Soldaten mit dem Georgskreuz wurden in
Viehwagen und wirklich wie Vieh mit einem Frachtschein abtransportiert.
Juedinnen, deren Maenner, Kinder und Brueder ihr Blut fuers Vaterland
vergossen haben, wurden ueberall verfolgt. Eine andere harte Massnahme
war das Geiselnehmen. Es handelt sich hier um einen unerhoerten Fall in
der Weltgeschichte. Man nahm als Geiseln Staatsangehoerige des eigenen
Landes. Anders als eine Schmach kann man das nicht nennen."
Trotzdem Millionen nur Jiddisch verstehen, wurden in ganz Russland die
Korrespondenzen, Telefongespraeche, Unterhaltungen auf der Strasse in
Jiddisch verboten und die Ungluecklichen eingekerkert, die dagegen
verstossen mussten.
Russland erklaert, dass des Zaren "liebe" Juden Freunde der Deutschen
sind, dass sie denen zu Liebe spionieren, ja sogar auf die russischen
Truppen schiessen. Gewiss bestehen vielfach Sympathien fuer die
Deutschen auf Seiten der russischen Juden, weil viele Deutsche zwar auch
Antisemiten, aber doch nicht so grausame Feinde der Juden sind wie die
Russen. Aber zwischen einigen Sentiments und zwischen der Aeusserung
irgendwelcher staatsfeindlicher Gefuehle ist doch noch ein sehr weiter
Sprung. Selbst die, welche sich darueber klar sind, dass ihnen die
deutsche Regierung wegen des geringeren antisemitischen Druckes lieber
waere, wagen sicherlich nicht die geringste Tat. Sie wissen, dass sie
als Juden schon _ohne_ allen Grund als Vaterlandsverraeter gebrandmarkt
sind, dass man ihnen ueber Schritt und Tritt nachforscht. Und sie hueten
sich aengstlich vor jedem Verstoss. Wer die Psyche der Ostjuden kennt,
weiss, dass es, abgesehen vom Hindu, keine friedlichere Bevoelkerung
gibt. In der strengglaeubigen Bevoelkerung sprechen dabei auch
religioese Auffassungen mit.
Was die russischen Juden den Deutschen so nahebringt, ist ihre Sprache
und ihre Kultur. Wohin der deutsche Soldat in Russland kommt, er nimmt
sich immer den Juden vor, von dem er weiss, dass er Deutsch versteht,
und dass er ueberhaupt nicht schwer von Begriff ist.