[26] Die 2 1/3 Millionen Juden der Vereinigten Staaten sind deshalb

durchweg deutschfreundlich. Alle Bestrebungen der

Deutschamerikaner haben an ihnen eine rege Stuetze gefunden.

Vergessen wir nicht, dass die Stimmung in Newyork, der groessten

Stadt Amerikas, fuer das ganze Land bedeutsam ist, dass sich die

dortigen 1,2 Millionen Juden konstant fuer die Deutschen

verwandten, weil sie von ihnen eine Erloesung der russischen Juden

erwarten. -- Eine offene Erklaerung der deutschen Regierung an die

amerikanischen Juden wuerde eine namenlose Begeisterung erwecken

und die Kabinette des Dreiverbandes in nicht geringe

Unannehmlichkeiten wegen der Haltung Russlands versetzen. Es waere

die beste Antwort gegenueber all den Enunziationen betreffs der

unerloesten Voelker in Oesterreich und Deutschland. Ausserdem

wuerde Deutschland dadurch erhebliche Geldmittel fuer seine

kuenftigen Anleihen erwarten koennen.

Die Lage des juedischen Volkes in Galizien ist eine viel bessere als

jenseits der Grenze im Reiche des Friedenszaren. Aber was ihnen noch an

nationaler und politischer Freiheit fehlt, wollen wir ruhig und offen

darlegen. Umsomehr, als jede Einverleibung neue Hunderttausende uns

zufuehren muesste, die sich nicht wieder Zuruecksetzungen und Schikanen

ausgesetzt wissen wollen.

Die Bedrueckung an Ort und Stelle zwingt sonst zu einer ungeheuren

Auswanderung, die auch in Deutschland zu merken sein duerfte. Dagegen

gibt es nur ein Allheilmittel: _Lokale Rechte und Hilfe_; _ferner

Ableitung der ueberschuessigen Kraefte in den Orient_ durch starkes

Entgegenkommen der verbuendeten Regierungen. Das heutige System

entwurzelt nur die Elemente, die einigermassen fest an der Scholle, an

der Heimat haengen, und jagt sie ins Ungewisse.

Wenn die deutsche Regierung den oestlichen Juden nicht entgegenkommen

kann, wird auch die dadurch sicherlich eintretende Entvoelkerung die

wirtschaftliche Entwicklung dieser Laender bedeutend verzoegern.

* Schluss.*

Der Krieg hat Deutschland bewiesen, dass der juedische Einfluss, welcher

sein gut Teil an der finanziellen Erstarkung des Landes, an der

Entwicklung seines Handels und seiner Industrie beigetragen hat, nicht

umsonst war. Der vielverspottete Geist der Rothschild und Bleichroeder,

der schon 1870/71 eine Rolle gespielt hat, ist auch diesmal den Heeren

gefolgt und hat den Siegen den noetigen Rueckhalt gegeben. Boerse,

Konfektion, Chemie, Getreidehandel sind lauter Begriffe, mit denen der

Militarismus zu rechnen hat. Die deutsche Geldwirtschaft kann nicht nur

von gewissenlosen Boersenjobbern gegruendet sein; denn sie, ebenso wie

der deutsche Wollmarkt[27], wie das Sanitaetswesen, wie die Fabriken und

Aerzte -- alles zu hohem Prozentsatz "verjudete" Berufe -- haben die

Erwartungen nicht getaeuscht. Im Innern geht der Handel weiter und

erhaelt uns unsere wirtschaftliche Kraft, und gibt dem Heere das, was

die grosse alte Handelsnation England muehselig sich aus Amerika

zusammensuchen muss.

[27] Spottet ueber die "Leder- und Stiefeljuden", aber es tat

Deutschland gut, dass die unternehmenden Kaufleute, die sonst ins

Ausland exportierten, fuer Millionen Vorraete liegen hatten, die

nun Heereszwecken dienen konnten.

Voreingenommene Noergler werden auch nach dem Kriege zu den alten Waffen

des Neides greifen und die hetzerische Taktik des Antisemitismus wieder

aufleben lassen. Wenn aber die Zeitgeschichte etwas gelehrt hat, dann

wird hoffentlich nach dem Kriege der unselige Klassen-, Rassen- und

Religionshass in die Rumpelkammer der Geschichte verschwinden.

Wir koennen uns aber fuerwahr in Deutschland das Leben leichter machen,

brauchen uns nach aussen nicht mehr als ein anscheinend in sich

zerrissenes Staatsgefuege zu zeigen, auf dessen Zerfall andere Laender

lauern. Wir naehren damit nur falsche Hoffnungen und toerichte

Berechnungen. Deutschland ist gross genug, um allen seinen Bewohnern

Spielraum zu lassen, es ist stark genug, um als Synthese der Religionen

und der verschiedenen Volkschaften eine Eigenart zu zeigen. Neben dem

bajuwarischen Menschenschlag moechten wir den etwas differenzierten

Rheinlaender, den Maerker, aber auch den Ostpreussen nicht missen. Wer

weiss, ob zum Polen und Elsaesser nicht auch noch ein flaemischer

Einschlag kommt. Der Staat kann keine Helotenklasse unter den Buergern,

die er freiwillig einverleibte, errichten. Der deutsche Jude ist nicht

erst gegen den Willen der Einheimischen "neu zugezogen".

Seit mehr als einem Jahrtausend vielmehr weilt der Jude im Lande und hat

sich stets allen Gesetzen des Staates willig und gern gefuegt. Seine

Religion ist seit drei Jahrtausenden so von fortschrittlichen, sozialen

und hygienischen Massregeln durchsetzt, dass sie heute noch Bewunderung

erregen muss. Die Sabbatruhe, das juedische Familienleben, die

Fleischbeschau, die allgemeine Schulpflicht, die sich bei allen Juden,

auch wo der Staat diesbezueglich versagte, laengst findet, sind

Emanationen einer Kultur, die nur der Boeswillige uebersehen und gering

achten kann.

Der Starke hat Achtung vor der Eigenart des Naechsten und bedarf keiner

Machtmittel, um dessen Lebensnerv aus Angst fuer sein eigenes Ich zu

unterbinden. Wir haben in diesem Krieg die Unkultur Russlands und des

Slawentums bekaempft, wir haben gesehen, zu welch verwerflichen

Massregeln die brutale Gewalt des neidischen England draengte. Mag sich

Frankreich wie wahnsinnig (und dabei gleichzeitig als Hueterin des

Fortschritts) gebaerden, Deutschland wird und muss nur noch gelaeuterter

als ein wahrer Hort der Freiheit seiner Buerger und der neutralen

Staaten und Voelker aus dem Kriege hervorgehen.

Von den ueber 14 Millionen Juden hoffen und harren die Meisten auf den

Sieg der deutschen Waffen. Die Sympathien der amerikanischen Israeliten

stehen auf seiten der Zentralmaechte. Nicht umsonst und nicht zufaellig

ist es gerade die Tuerkei, die von jeher am meisten die Juden toleriert

hat und die nie antisemitische Pogrome inszenierte, welche sich an die

Seite Deutschlands gestellt hat. Moege die alte Sage des Talmud, die

Lessing populaer gemacht hat, nicht nur in den Tagen der Greuel und des

Voelkermordens bei uns eine wahre Staette der Verehrung finden: die

Geschichte von den drei Ringen.

Der muhammedanische, der christliche und der juedische Glaube sind

Formen der Kultur der Menschheit, die so viel der Welt gegeben, die sich

so lange bewaehrt haben, dass es verbrecherisch waere, Menschenglueck

und -hoffen um einer vergeblichen, nutzlosen Intoleranz willen zu

gefaehrden.

In dem Machtbereich der eigenen und der verbuendeten Laender wird dann

die deutsche Politik bedeuten: Friede auf Erden.

*Anmerkungen zur Transkription*

Liste der im e-Text korrigierten Druckfehler:

- *S. 21, Z. 5*: (die deutsche _z, B._ vertreten durch Mauthner) -->

z. B.

- *S. 28, letzte Zeile der Fussnote*: _Sehwanenfeld_ --> Schwanenfeld

- *S. 30, Z. 18*: Untervereinen bis 33% der _Manschaften_ -->

Mannschaften

- *S. 32, Z. 13*: Der Jude Ludwig Frank _vielleichst_ der faehigste

Kopf --> vielleicht

- *S. 35, Fussnote*: fehlende schliessende Anfuehrungszeichen,

wahrscheinlich am Ende von ins Leben zu rufen. (andernfalls am Ende

des letzten Satzes in der Geschichte des Wirtschaftskrieges.)

- *S. 32, Z. 5 der Fussnote*: fuer die Freiheit _zn_ kaempfen --> zu

- *S. 46, vorletzte Zeile*: _Ein_ antisemitische Bewegung --> Eine

- *S. 47, Z. 3 v. u.*: ein deutliches _Wahrnungszeichen_ -->

Warnungszeichen

- *S. 49, Z. 11-12*: besonders aber in _Russich-Polen_ -->

Russisch-Polen

- *S. 54, Z. 19 der Fussnote*: nach dem sie _lungern_ --> hungern

- *S. 54, Z. 27 der Fussnote*: _morgenlandischen_ -->

morgenlaendischen

Im Weiteren wurden fehlende Punkte am Satzende hinzugefuegt:

- *S. 34, letzte Zeile des Textes*: und anderer Dinge zu gedenken.

- *S. 36, letzte Zeile des Textes*: die Entfremdung der Laender

bemerkten.

- *S. 54, Z. 4 der Fussnote*: um den Glauben anderer.

sowie fehlende Kommata:

- *S. 28, vorletzte Zeile der Fussnote*: v. Renard,

- *S. 59, Z. 27*: Sabbatruhe,

Fussnoten, auf die im Original mit *) verwiesen wurde, wurden im e-Text

durchnummeriert.

Die Juden Im Weltkriege · 第 4 / 4 段