Die bei Apia gestrandeten Schiffe nach dem Orkan.]

‚Eber‘ ging in der sechsten Morgenstunde unter. Während der durch die

Katastrophe hervorgerufenen allgemeinen Verwirrung und Aufregung verlor

jedermann für einen Augenblick die Lage der anderen Fahrzeuge aus den

Augen. Aber schon bald zeigte sich, daß auch diese sehr kritisch war.

Der ‚Adler‘, durch die ganze Bucht hindurchgeschleift, stieß mit der

‚Olga‘ zusammen, dann befand sich der ‚Adler‘ in allernächster Nähe

des gefährlichen Riffs, auf dem das gescheiterte Kanonenboot lag,

dessen Schicksal auch ihm beschieden war. Eine ungeheure See warf ihn

hoch auf das Riff, wo er aufgekantet liegen blieb. Seine Mannschaft

wurde ins Meer geschleudert. Doch ein Glück im Unglück bestand darin,

daß das Schiff sich vollständig auf die Seite legte und aus dem

Wasser herausragte. Das Schiffsdeck stand senkrecht zum Korallenriff,

und diese Seite des Schiffes lag der sturmfreien Himmelsrichtung

zugekehrt. Hundertdreißig Offiziere und Mann befanden sich an Bord des

Kriegsschiffes; trotzdem sie ins Wasser fielen, konnten hundertzehn

von ihnen gerettet werden. Zwanzig Mann ertranken, außerdem erhielt

eine Reihe schwere Verletzungen. Zu den Verletzten gehörte auch der

Befehlshaber des deutschen Geschwaders, Korvettenkapitän Fritze.

Durch Umsicht und Tatkraft gelang es den Eingeborenen, Taue an dem

Wrack zu befestigen, die das Deck mit dem Ufer verbanden. Mit Hilfe

dieser Verbindungsstraße wurden zahlreiche Seeleute gerettet. Lange

hielt sich jedoch dieser Rettungssteg nicht, und so mußte der nicht

gerettete Teil der Besatzung sich am Deck des Wracks festklammern und

noch den Tag und die ganze Nacht dort aushalten, ehe der Sturm soweit

an Gewalt nachließ, daß es gelang, mit Booten vom Ufer aus an das

Schiff zu kommen. Die ungeheuren Anstrengungen hatten diesen Teil der

Mannschaft völlig erschöpft.

Das amerikanische Kriegsschiff ‚Nipsic‘ hatte sich unter Volldampf

gegen den Wind gehalten, stieß dabei zweimal mit der ‚Olga‘ zusammen

und bohrte den Schoner Lily in den Grund, von dessen Besatzung nur

ein Mann gerettet wurde. Beim zweiten Zusammenstoß traf die ‚Olga‘

den ‚Nipsic‘ so schwer, daß der Schornstein brach und umfiel, auch

die Maschine wurde gebrauchsunfähig. Dem stark betroffenen Amerikaner

schien das Schicksal des Kanonenboots ‚Eber‘ gewiß zu sein. Dem

beschloß der Kapitän zuvorzukommen und das Schiff auf die Sandbank

zu setzen. Eine geringe Dampfkraft der Maschine, dazu die Ruderkraft

reichten aus, um das Schiff von der gefährlichen Riffstelle forttreiben

zu lassen; auf einer weiter nördlich gelegenen Sandbank lief das Schiff

auf. Als die Boote ausgesetzt wurden, schlug eines um, und sieben Mann

der Besatzung ertranken.

Schwierig gestaltete sich der Abstieg von dem von Sturzwellen

überschütteten Wrack, und wieder halfen die Samoaner nach besten

Kräften. Mit Hilfe von Tauenden, die sie an Bord geworfen hatten,

ließ sich die Mannschaft nach und nach hinab; unten fingen die

bereitstehenden Eingeborenen sie auf. Die beiden kleinsten Schiffe

der im Hafen vereinigten Flotte, ‚Eber‘ und ‚Nipsic‘, hatten ihren

Untergang gefunden, die größeren, darunter auch die ‚Olga‘, blieben

noch flott.

Unentwegt tobte der Sturm weiter. Englische und amerikanische Schiffe

kollidierten. Besonders das amerikanische Schiff ‚Trenton‘, das sich

bis in die Morgenstunden gut hielt, hatte seit zehn Uhr morgens keinen

Dampf; dazu war die Ruderstange gebrochen, und das hereinströmende

Wasser löschte die Kesselfeuer. Der Versuch, das Hereinströmen des

Wassers durch die Ankerklüsen zu hindern, gelang nicht mehr. Im Schiffe

verließen die Heizer erst ihre gefährlichen Posten, als sie bis an die

Hüften im Wasser standen. Das zur Beruhigung der Wellen in reichem Maße

ausgegossene Öl richtete in dem wütenden, tobenden Elemente nichts

aus. Hilflos trieb das amerikanische Kriegsschiff auf die ‚Olga‘

zu, deren Kommandant Kapitän von Ehrhardt die Gefahr erkannte. Er

ließ die Anker fallen, dazu die Maschinen mit voller Kraft arbeiten.

Es half jedoch nichts. Der unvermeidliche Zusammenstoß kam, beim

‚Trenton‘ zersplitterten schwere Balken am Heck des Schiffes, auf der

‚Olga‘ barst der Bugspriet. Nach dem Zusammenstoß kamen beide Schiffe

wieder frei, und Kapitän von Ehrhardt ließ die ‚Olga‚ nach der an der

Ostseite des Hafens gelegenen Schlammbank steuern und hier auf den

Strand setzen. Nur mit äußerster Kraft erreichte das deutsche Schiff

die Schlammbrücke, in die es sich sicher einbettete. Wohl gingen in

der Nacht die Sturzwellen fortwährend über das Schiff hinweg, sie

raubten ihm jedoch keine Menschenleben. Der ‚Trenton‚ trieb nach dem

Zusammenstoß mit der ‚Olga‚ weiter. Kurz vor seinem Auflaufen spielte

die Musikkapelle am Bord des Schiffes, um die Furchtlosigkeit zu

beweisen, die amerikanische Nationalhymne: ‚das sternenbesäte Banner‘.

Das gestrandete Schiff füllte sich sehr rasch mit Wasser, es blieb

aber noch so viel Raum oberhalb der Wasserlinie über, um der bedrohten

Mannschaft Schutz zu bieten; von ihr ging niemand verloren.

Als dann am 17. März die Gewalt des Sturmes nachließ, übersah man den

Schauplatz der schauerlichen Tragödie, die sich hier abgespielt hatte,

und die der deutschen Marine einen schweren Verlust brachte, aber auch

bewies, daß deutsche Seeleute im Unglück eine unerschrockene Haltung zu

bewahren und mannhaft zu sterben wissen.

„Nicht ertrunken sind unsere Kameraden,“ so rief der Kaiser, „sondern

gefallen, ihre Pflicht bis zum letzten Augenblick erfüllend. Nachdem

sie siegreich gegen Menschenhand gefochten, fanden sie im mutigen

Kampfe gegen die entfesselten Elemente ihren rühmlichen Tod! Gott hat

es so gewollt! Auch so starben sie den Tod für Kaiser und Reich!“

Deutsche Flagge, sei gegrüsst! Friedens- und Kriegsfahrten der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine · 第 57 / 97 题