Admiral Tirpitz hatte im Juli 1896 die Kreuzerdivision, die aus den
Schiffen ‚Kaiser‘, ‚Prinzeß Wilhelm‘, ‚Irene‘, ‚Arkona‘, ‚Kormoran‘,
sowie dem Kanonenboot ‚Iltis‘ bestand, vor der Reede von Tschifu
zusammengezogen, um eine angekündigte Mannschaftsablösung zu
erwarten. Wiederholte Landungsmanöver wurden hier ausgeführt, da die
Küsten- und Bodenverhältnisse eine günstige Gelegenheit dazu boten.
Besondere Umstände, die auf sanitärem Gebiete lagen, verursachten,
daß die Kreuzerdivision nach dem Norden Japans ging, während das
Kanonenboot ‚Iltis‘, das vom Kapitänleutnant Braun kommandiert wurde,
als Stationsschiff an der langgestreckten chinesischen Küste die
deutsche Flagge zeigen sollte. Dieses Sommerkommando war keineswegs
beneidenswert, weil Hitze und Moskitos die Seeleute sehr plagten. Am
23. Juli lief der ‚Iltis‘ aus Tschifu aus. Das Wetter war drückend
heiß. Von den Philippinen her war ein gewaltiger Taifun im Anzuge.
Nebel und Regen erschwerten die Ortsbestimmung. Dazu tobte der Orkan
an der felsenreichen Küste Schantungs mit der Windstärke elf bis
zwölf. Arge Besorgnisse herrschten über das Schicksal des ‚Iltis‘ bei
der Kreuzerdivision, da dem kleinen Kanonenboot nur eine schwache
Maschine zur Verfügung stand. Man nahm aber an, daß der ‚Iltis‘ den
Hafen Wei-hai-wei als Nothafen anlaufen werde; um so mehr vertröstete
man sich mit dieser Annahme, als ein chinesischer Bote die Mitteilung
brachte, mehrere Schiffe seien in den Hafen eingelaufen. Erst am
28. Juli traf beim Flottenflaggschiff die Nachricht ein, daß der
‚Iltis‘ am 23. Juli 1896 zwischen zehn und elf Uhr nachts gestrandet
und ganz verloren sei. Alle die Besorgnisse, die beim Herannahen
des Taifuns gehegt wurden, hatten sich erfüllt. Das Schiff und die
tüchtige Mannschaft waren verloren, die prächtigen Menschen lagen
am Meeresgrunde oder als verstümmelte Leichen auf den Felsenriffen
Schantungs. Ein Schreiben des Schiffsschreibers vom ‚Iltis‘ traf durch
einen chinesischen Boten ein; hierdurch erst wurde die ganze Schwere
des Unglücks offenbar. Die Schiffe ‚Arkona‘ und ‚Kormoran‘ dampften
sofort nach der Unglücksstätte ab, um zu retten, was zu retten war.
Während die ‚Arkona‘ bei der Strandungsstelle blieb, brachte der
‚Kormoran‘ die elf Geretteten zum Flottenflaggschiff; hier mußten sie
neu eingekleidet werden, da sie alles verloren hatten. Am anderen
Tage begab sich das Flaggschiff nach dem Felsenriff, das bei Flut und
Sturm ganz unter Wasser liegt, bei Ebbe etwa einen Meter aus diesem
hervorragt als zackige Felsenkante, scharf wie ein Messer. Wer auf
dieses Riff geworfen wird, den zerschneiden die Felskanten, daher
erklärt es sich auch, daß so wenig Leichen gerettet wurden, und die,
die man rettend barg, zerfetzt waren.
Wie geschah das folgenschwere Unglück? Folgen wir den Ereignissen an
Bord des Kanonenbootes. Am Mittag des Unglückstages dampfte der ‚Iltis‘
bei dem Hafen Wei-hai-wei, die Gefahr nicht ahnend, vorbei, trotzdem
schon ein widriger Wind wehte. Der Weg ging nach Süden. Gegen Abend
wurde der Wind unregelmäßiger, das Stoßen und Stampfen des Schiffes
immer stärker, dazu nahm das Kanonenboot viel Wasser über Bord. Die
Seen liefen hohler und höher, der Wind nahm ständig zu, die stärksten
Sturmsegel mußten gesetzt werden, um vorwärtszukommen. An Deck war
wegen der überkommenden Wasser der Aufenthalt kaum noch möglich. Noch
mehr wuchs der Sturm. Das Pfeifen in der Takelage wurde schriller, die
Segelflächen standen gespannt in der Wucht des einfallenden Windes.
Eine Gaffel zerriß, eine neue wurde gesetzt. Mit voller Kraft arbeitete
die Maschine. Nebel und Regen verhinderten jeglichen Ausblick. Schon
fingen die Heizer an, matt zu werden; neue Kräfte aus den Reihen der
Matrosen traten an ihre Stelle, um der Maschine den nötigen Dampfdruck
zu erhalten. Tapfer arbeitete das kleine Schiff gegen Wind und Wellen
an. Ein Wenden des Schiffes, um von der vermuteten Küste freizukommen,
war nicht mehr möglich. Die dienstfreie Mannschaft lag angekleidet
in den Hängematten. Gegen zehn Uhr abends überschlug der Kommandant
noch einmal die Lage des Schiffes und die Richtung. Der gute Gang
der Maschine bürgte für eine glückliche Rettung des arg bedrohten
Schiffes. Beruhigt konnte eine Hälfte der ermatteten Mannschaft sich
in die Hängematten legen, der Kommandant blieb auf der Brücke. Eine
grausige Nacht! Kaum eine halbe Stunde darnach stieß das Schiff mit
mächtigem Stoß auf. „Alle Mann aus dem Zwischendeck!“ tönte als Befehl
durch die Finsternis und den heulenden Sturm. Das Schiff saß fest, der
Schiffsboden war durchstoßen, und machtvoll drangen die Wassermassen in
den Schiffsraum; gierig zischend strömten sie hinein in den Heizraum;
die Feuer löschten, die Lampen stürzten, und mitten im Schiffe
herrschte dunkle Nacht und brausendes Wogengetümmel. „Die Kranken an
Deck und mit Rettungsgürteln versehen!“ lautete der nächste Befehl. Die
Lage des Schiffes war jedem klar. Kommandant Braun, der das Ende vor
sich sah, ließ als letztes Abschieds- und Treuezeichen ein dreifaches
Hurra auf den Kaiser ausbringen. Nacht und Grausen ringsumher! Der
Sturm nahm noch immer zu, hochauf bäumten sich die Wogen. Aus den
dunklen Fluten tauchten gespenstisch weiße, zackige Felsspitzen auf,
die mit ihren gräßlichen Armen nach den Unglücklichen zu greifen
schienen, die am Schiff sich festgeklammert hielten. Mitten in der
Brandung saß der ‚Iltis‘, er wurde hin und her geworfen. Ein Ächzen und
Tosen erfüllte die Luft, gerade als ob die Geister der Hölle sich auf
das unglückliche Schiff stürzten.
Unentwegt prasselten Regen und Hagel hernieder; das Gebrüll der Wogen
erstickte jeden Befehl. Nieten und Haken zerbrachen und zerrissen;
das Deck zersplitterte und fiel auseinander. „Ein ergreifendes
Vorkommnis,“ so schreibt I. Langenberg, einer der Geretteten, „werde
ich nie vergessen. Die Schiffsglocke, die an der Vorkante der Kambüse
aufgehängt war, schlug durch das Hin- und Herstoßen des Schiffes
von selbst an; es klang wie Totengeläut. Plötzlich hörte es auf.“
Der Augenblick des Untergangs war gekommen, denn jetzt machten die
Wogen ganze Arbeit und rissen den Schiffskörper auseinander. In zwei
getrennten Stücken, Vorschiff und Achterschiff, lag das Wrack da.
Mächtiger rollte die See heran. Sie erfaßte das Hinterschiff und warf
es mit donnerndem Getöse neben dem Vorschiff nieder. Menschliche
Kraft war zu Ende, die entfesselten Elemente hatten den Untergang
des Schiffes und seiner braven Besatzung beschlossen. Der Kommandant
überschaute von der zusammengebrochenen Brücke aus noch einmal die
Lage, ein letzter Gruß dem Kaiser, ein letztes Gedenken an Weib und
Kind, und dann rief der Tod zur letzten Fahrt, der grausigen Todesfahrt
fern von den Lieben.
Das Vorschiff lag eingekeilt und konnte sich nicht so viel bewegen wie
das Achterschiff. Leuchtkugeln erhellten diese Stätte des Grausens,
jedoch vergebens, keine Rettung kam den von der wilden Brandung
umtosten Schiffbrüchigen; wer von ihnen noch nicht den gierigen
Meereswogen zum Opfer fiel, dem schlug jetzt die Todesstunde.
Vom Hinterschiff erhob sich die mächtige Stimme des Feuerwerksmaaten
Raehm. In heiteren Stunden hatten sein froher Sinn und seine Sangeslust
oft genug die Mannschaft unterhalten, und im Augenblick des Sterbens
halfen sie auch über das Bitterste hinweg. Die ersten Strophen des
deutschen Flaggenliedes wurden angestimmt. Mannhaft klangen in das
Gebrüll der Wogen die Worte hinein: ‚Stolz weht die Flagge schwarz-
weiß-rot!‘
Und die Treue, von der die Braven sangen, haben sie dem Vaterlande
gehalten bis zum letzten Atemzuge. Ein letzter Ton, und verstummt
war der Mund für immer! Der wütende Orkan hatte das Hinterschiff
hinabgezogen in die Tiefe und mit ihm den größten Teil der Mannschaft.
Vierundsechzig brave deutsche Seeleute waren nicht mehr. Nur zwei Mann
wurden besinnungslos an die eine Seemeile entfernte Küste geschwemmt,
wo sie am nächsten Morgen von Chinesen aufgefunden und erquickt wurden.
Die auf dem Vorschiff zurückgebliebenen Schiffbrüchigen kamen auch in
eine schlechte Lage, da die wilde See ungestümer heranrollte und sich
ihnen auf dem Vorschiff kein Schutz mehr bot. An eine Rettung dachten
die meisten nicht mehr, sie hatten abgeschlossen mit dem Leben; immer
noch rollte die Brandung so stark über die kleine Schar hinweg, daß
sie kaum atmen konnte. Gegen drei Uhr morgens brach noch der Fockmast,
und von den zehn Seeleuten, die hier auf Rettung hofften, verschwand
noch einer in den Wellen. Die übrigen krochen gegen Morgen in das
Zwischendecksluk. So hatten sie leidlich Schutz vor der Brandung. Essen
und Trinken gab’s nicht. Zwei Flaschen Mixed-Pickles fanden sie, zwei
Tage erquickten sie sich an dem Essig. Im Innern hatten die Wellen
alles zertrümmert. Die hin und her geschleuderten eisernen Wassertanke
gestalteten die Lage im Innern noch gefährlicher. Am Mittag nach
der Unglücksnacht versuchten die Schiffbrüchigen, aus Planken und
Holztrümmern ein Floß zu zimmern, jedoch vergebens. Ein Matrose wurde
durch die hohe Brandung über Bord gespült, er konnte sich als guter
Schwimmer glücklicherweise noch ans Land retten. Als er nach einem
in der Nähe gelegenen Dorfe kam, führten ihn die Dorfinsassen zu den
beiden vom Achterschiff Verschlagenen. Es war eine herzliche Freude
des Wiedersehens, die um so größer wurde, als sie vernahmen, daß noch
mehr Kameraden vom Wrack zu retten seien. Sie scheuten keine Mühe, um
in die Nähe des wildumbrandeten Felsenriffs zu kommen. Endlich gelang
das Wagnis. Ein Chinese schwamm von einem verankerten Boot aus an
einem Tau zur Unglücksstätte, und mit unsäglicher Mühe und größter
Lebensgefahr rettete er die ermatteten Kameraden. Mit Hilfe eines noch
an Bord vorhandenen Schwimmgürtels kamen die Unglücklichen trotz der
scharfen Felskanten zum Boot, das sie ans Land brachte. Hier wartete
der einarmige Leuchtturmwärter Schwilp auf die Geretteten. Halb
verhungert und ganz zerschunden, wurden sie auf Esel gesetzt und nach
dem Leuchtturm transportiert, wo er sie pflegte, bis der ‚Kormoran‘ die
Überlebenden zu dem Flaggschiff ‚Kaiser‘ nach Tschifu brachte.
Die ‚Arkona‘ erhielt den Auftrag, nach den Leichen der Verunglückten
zu suchen und sie auf einem dicht bei dem Leuchtturm angekauften
Acker zu beerdigen. Wochenlang dauerte diese traurige Arbeit. Weit
und breit lagen die angeschwemmten Leichen und Leichenteile an den
Küstenländereien. Um sie zu rekognoszieren, blieben zwei Leute vom
‚Iltis‘ beim Leuchtturm zurück. Der Steuermann und der an seiner
Kleidung kenntliche Zahlmeisterapplikant wurden wiedererkannt. Die
übrigen konnten nicht ermittelt werden, da die Leichen von den
scharfen Felskanten zerrissen waren. Nach wochenlangem Suchen konnten
achtundzwanzig Leichen geborgen werden. Dreiundvierzig kamen nicht
mehr zum Vorschein, trotz der hohen Prämien, die für die Auffindung
ausgesetzt waren. Am 15. August hielt der Divisionspfarrer auf dem
sauber hergerichteten Friedhof Gottesdienst und weihte ihn ein.
Ein sieben Meter hoher weißer Marmorobelisk auf hohem Postament
wurde in Tschifu aufgestellt, die Namen der Braven zum ewigen
Gedenken eingegraben und auf die vierte Seite die Schlußstrophe des
Flaggenliedes gesetzt:
„Und treibt des wilden Sturms Gewalt
Uns an ein Felsenriff,
Gleichviel, in welcherlei Gestalt
Gefahr droht unserm Schiff,
Wir wanken und wir weichen nicht,
Wir tun, wie Seemannsbrauch,
Den Tod nicht scheuend, unsre Pflicht
Noch bis zum letzten Hauch!
Ja, mit den Wogen kämpfend noch,
Der sterbende Pilot,
In seiner Rechten hält er hoch
Die Flagge schwarz-weiß-rot!“
Eine hohe Mauer umgibt dies einsame Stückchen deutscher Erde im fernen
Osten. Hübsche Anlagen schmücken den Platz. Alljährlich kommt ein
Schiff des Kreuzergeschwaders und bekränzt von neuem die Ruhestätten
dieser braven Seeleute. Erst nach und nach hat sich eine wetterharte,
dem Klima angepaßte Vegetation entwickelt, die die Ruhestätten dieser
Braven, für die Ehre des Vaterlandes Verstorbenen ziert.
Die Deutschen in Ostasien ehrten ihre gefallenen Landsleute durch
die Errichtung eines Denkmals, das im Parke zu Schanghai aufgestellt
worden ist. Ein terrassenförmiger Unterbau trägt einen Mast, von dessen
abgebrochener Spitze Tauwerk herabhängt, am Fuße des Mastes ruht die
lorbeerumwundene deutsche Kriegsflagge.
* * * * *
Die Helden vom ‚Iltis‘.
Wild rast der Sturm an Chinas Küste
Aus grauer Nebel Hinterhalt;
Er hat die gelbe Wasserwüste
Zu flüchtigem Gebirg geballt.
Es dampft das Schiff: in allen Bohlen
Ächzt’s wie ein Tier in Todesqual,
Und bei des Sturmes Atemholen
Schießt es vom Berg zum Wellental.
Vor sich den Fels, den Sturm im Rücken...
Er legt das Fernrohr aus der Hand
Und steigt von der Kommandobrücken --
Zum letzten Male Kommandant!
Auf jenen glatten Felsenkanten
Läßt sinnend er das Auge ruhn,
Er kennt sein Schicksal: er wird stranden
Und untergehen im Taifun.
„Schart euch um mich!... Wir sind verloren,
Hier hilft nicht Anker, Segel, Tau;
Den wir so oft heraufbeschworen,
Der Tod, hält seine letzte Schau!
Kein Seufzer grüßt, kein banger, leiser,
Zum letztenmal die schöne Welt:
Ein donnernd Hoch dem Deutschen Kaiser,
Und, Kinder, dann -- wie’s Gott gefällt!“
Und mitten durch der Stürme Tosen
Und durch der Wogen weißes Heer
Tönt aus den Kehlen der Matrosen
Ein letztes Grüßen übers Meer,
So kräftig, wie in frohen Tagen
Es einst daheim beim Becherklang...
Ein Ruck -- ein Sturz -- die Wellen schlagen
Zusammen über Schiff und Sang -- --
Wir sahn euch nicht für immer scheiden,
Wir senkten euch nicht still hinab.
Der Schatten deutscher Trauerweiden
Fällt nicht auf euer Heldengrab.
Das Meer, dem ihr die Kraft ergeben,
Gab tief im Grund euch nun die Ruh’,
Und über eure Leichen schweben
Die Schiffe eurer Heimat zu.
Kann Liebe nicht zum Grabe wallen,
Als letzten Gruß den Kranz zu weihn,
So soll ein Held, im Kampf gefallen,
Im Herzen uns unsterblich sein.
Des Ruhm erlischt nicht auf den Lippen,
Der als ein Stolz der Mutter schied,
Dem an der Fremde öden Klippen
Die Woge singt das Sterbelied.
Und preisen sollen frohe Töne,
-- Ob auch die tiefe Wunde brennt, --
Daß noch die Jugend solcher Söhne
Germania ihr eigen nennt.
Wir fürchten keines Feindes Tücken
Und bieten Trotz der Stürme Wehn,
Solang auf den Kommandobrücken
Noch Helden euresgleichen stehn!
Rudolf Presber.
(Aus: „~Media in vita~“, 5. Aufl., J. G. Cottasche Buchhandlung
Nachfolger, Stuttgart.)
[Illustration]
Der neue ‚Iltis‘ vor Taku.
(17. Juni 1900.)
Glorreich und süß ist sterben fürs Vaterland.
Horaz.
Der neue ‚Iltis‘ verließ unter dem Befehl des Korvettenkapitäns Lans
am 6. Februar 1899 den Kieler Kriegshafen. Das neue Schiff führte
vier Stück 8,8 Zentimeter-Schnellfeuergeschütze und einige 3,7
Zentimeter-Revolverkanonen und hatte stärkere Maschinen als der alte
‚Iltis‘, dazu zählte die Besatzung vierzig Mann mehr.
China galt auch für den neuen ‚Iltis‘ als Reiseziel.
Der Chinese liebt den Europäer nicht, die Bezeichnung ‚roter Barbar‘
weist schon darauf hin. Kaufleute, Priester, Missionare haben zunächst
am meisten zu leiden unter den Aufständen, die die Geheimbünde, an
denen China so reich ist, anzetteln.
Im Jahre 1898 begann die Gesellschaft der Boxer den Kampf gegen die
Europäer, die Gesandten in Peking wurden belästigt und verlangten
daher Schutzwachen, zahlreiche Missionare erlagen, meuchlerisch
hingeschlachtet, den Boxerbanden, die im Jahre 1900 einen großen
Aufstand begannen. Wohl hatten alle Seemächte Truppen und Schiffe
nach China entsandt, aber dennoch überraschte sie der Ausbruch
der Unruhen, bei deren Beginn der deutsche Gesandte Freiherr von
Ketteler ermordet wurde. Peking, von Boxern besetzt, die das
Gesandtschaftsviertel belagerten, schwebte in großer Gefahr. Während
des Anmarsches der Entsatztruppen unter Admiral Seymour hatten Teile
der Landungstruppen den starken Hafen von Peking, die Takuforts, zu
erobern. Die Befestigungen lagen an der Mündung des Peiho in das Meer,
die meilenweiten Versandungen hinderten das Herankommen größerer
Kriegsschiffe, und so konnten die vereinigten Seemächte in den Peiho
nur flachgehende Kanonenboote entsenden und ihnen die Aufgabe stellen,
diesen Zugang nach Peking und Tientsin offen zu halten.
Die Boote, denen die Lösung dieser Aufgabe zufiel, hießen: ‚Iltis‘
(deutsch), ‚Algerine‘ (englisch), ‚Lion‘ (französisch), ‚Bobo‘,
‚Borejets‘, ‚Hillate‘ (russisch) und ‚Atage‘ (japanisch).
Eine letzte Benachrichtigung schrieb den Chinesen vor, am 17. Juni
früh die Befestigungen zu räumen, andernfalls der Angriff von beiden
Seiten beginne. Dieser Mitteilung kamen die Chinesen zuvor: um
Mitternacht eröffneten sie bei hellem Mondschein gegen die Kanonenboote
das Feuer ihrer gutbesetzten Befestigungen. Die Schiffe, anfangs
durch die Ebbe in ihrer Bewegung gehindert, fuhren um zwei Uhr in die
verabredeten Gefechtsstellungen und erwiderten von jetzt an das Feuer.
[Illustration: S. M. S. ‚Iltis‘.]
Als es heller wurde, vermochten sich die Gegner besser aufs Korn zu
nehmen. Immer wirkungsvoller schossen die Forts. Kurz hintereinander
trafen sechs Geschosse die Schornsteine vom ‚Iltis‘ und durchschlugen
sie. Die ersten Schwerverwundeten lagen an Bord des Schiffes:
Berichterstatter Herrings und Obermaat Homann. Immer heftiger wurde
der kleine ‚Iltis‘ getroffen. Seine hohen Aufbauten boten ein
gutes Ziel. Schüsse in die Takelage nahmen Wanten und Stage weg.
Als dann in der Morgendämmerung die Landungstruppen vorrückten und
die Wälle des Nordwestforts stürmten, war es die höchste Zeit, den
Ankerplatz zu wechseln, so gut hatten sich die Chinesen mit den
Südfortgeschützen eingeschossen. Vorwärts, langsam vorwärts ging es
dann. Brausend begrüßte sich die Iltisbesatzung durch Hurrarufe mit den
Landungstruppen, die das Nordwestfort, auf dem bald alle Flaggen der
am Kampfe beteiligten Nationen wehten, besetzt hielten. Nur kurze Zeit
feuerte der ‚Iltis‘ auf das Nordfort. Als es schwieg, richteten sich
alle Geschütze, soweit sie nach Steuerbord feuern konnten, gegen die
Kanonen der Südforts und bewarfen diese mit Schnellfeuer. Mit lautem
Knall flog dort ein Munitionslager in die Luft. Wieder trafen sehr
schwere Schüsse den ‚Iltis‘.
Ein anderer Treffer zündete die 3,7
Zentimeter-Maschinenkanonen-Munition an, so daß sie knisternd
abbrannte. Binnen kurzer Zeit hatte Oberleutnant Nerger mit den
Feuerlöschmannschaften das Feuer gelöscht. Ein Geschoß traf die untere
Brücke und tötete den im Gang stehenden Artillerieoffizier Oberleutnant
Hellmann und den neben ihm stehenden Hornisten. Kurz, Schlag auf Schlag
folgten die schmerzlichen Verluste.
Eine Granate schlug unter dem Kommandoturm ein und richtete hier große
Verheerungen an. „Ruder zerschossen!“ meldete der Signalmatrose;
der Telegraphenposten rief: „Maschinentelegraphen und Sprachrohr
zerschossen!“ -- „Befehlsübermittelung an die Maschinen über Deck!“
lautete der Befehl des Kommandanten, und kaum war es gesprochen,
da zuckte ein Feuerstrahl, ein Knall -- und die Sprengstücke der
Granate durchlöcherten den anderen Schornstein, zerschmetterten dem
Kommandanten das Bein und rissen ihn zu Boden. Der Schreckensruf: „Der
Kommandant ist gefallen!“ eilte durch die Räume des Schiffes.
[Illustration: Vizeadmiral von Lans.]
Als der Pulverrauch sich verzogen hatte, stand der Führer, gestützt auf
das Geländer, wieder aufgerichtet da und rief dem Steuermann zu: „Das
linke Bein ist zerschossen; hier ist mein Taschentuch, schnüren Sie es
über die Wunde fest um das Bein!“
Oberleutnant Hoffmann übernahm das Kommando; in einem Berichte, den
er veröffentlichte und dem auch wir folgen, schreibt er: „Nun stand
ich neben dem Verwundeten, der sich beim Passieren der ‚Algerine‘ noch
einmal zusammenraffte und um ärztliche Hilfe hinüberrief, da unser
Arzt und unsere Krankenträger durch die schweren Verwundungen alle
Hände voll zu tun hatten, -- dann brach der Kapitän Lans zusammen. Er
wurde von mir und dem Steuermann Schmidt auf einen an Deck stehenden
Munitionskasten gesetzt, bis auf den Ruf: ‚Krankenträger!‘ sich unter
persönlicher Leitung des Stabsarztes diese zum Transport des Kapitäns
nach dem Verbandplatz anschickten.
„Ich sah noch, wie die Krankenträger den schwerverwundeten Kapitän
Lans hoch nahmen und an die Backbordtreppe brachten. Da traf uns
wieder ein Schuß, der die Bereitschaftsmunition der Maschinenkanonen
zum zweitenmal in Brand setzte, die im Gang liegenden zwei Leichen
noch mehr verstümmelte und bei seiner Explosion die Treppe wegriß, auf
der einer der Krankenträger schon stand, den verwundeten Kommandanten
im Arm. Alle wurden weggerissen, durch den Luftdruck beiseite
geschleudert. Ein Wunder war’s, daß sie nicht alle den Tod fanden. Um
sie konnte ich mich leider nicht mehr bekümmern.“ --
Wie durch ein Wunder blieben der Arzt und seine Leute unverletzt. Den
ohnmächtigen Kommandanten hatte einer seiner Matrosen in die an der
Längsseite haltende Pinasse von der ‚Herta‘ getragen; hier bemühte sich
der wieder zur Besinnung gekommene Stabsarzt um den Schwerverwundeten.
Nach Anlage eines Notverbandes bettete man ihn sorgfältig im Boot und
labte ihn durch Moselwein und Wasser.
Vor und hinter dem ‚Iltis‘ schlugen fortgesetzt Geschosse ein. Heftig
erwiderte der ‚Iltis‘ das Feuer. Da -- plötzlich ein Knall, der allen
Schlachtenlärm übertönte: eine leuchtende Feuersäule im Südfort bewies,
daß wieder ein Pulvermagazin des Feindes in die Luft geflogen war.
Donnernde Hurrarufe an Deck schreckten den Feind, der denn endlich,
nach langen, opferfordernden Minuten, in regelloser Flucht, im wilden
Durcheinander das Fort verließ.
Mit zwei intakten Maschinenkanonen und den vorderen
Schnellfeuergeschützen sandte der ‚Iltis‘ ihm noch eine Unmenge
Abschiedsgrüße nach. Mit lauten, weithin schallenden Hurrarufen wurden
die Forts besetzt. Der ‚Iltis‘ hatte nach beinahe sechsstündigem hartem
Kampf die Feuertaufe erhalten!
Wie sah aber das gestern noch so schmucke Schiffchen aus! Überall wüste
Zerstörung an den Aufbauten und Schornsteinen, Feuerspuren, Blut und
Leichenteile am Deck. Etwa siebzehn Volltreffer im Schiff und viele
andere durch Granaten, Schrapnelle, Vorderladerkugeln und Sprengstücke
verursachte Schäden! Die Leute zum großen Teil schwarz vom Pulverqualm
und Kohlenteer, zum Teil blutbespritzt, in der als Totenkammer
eingerichteten Abteilung sieben Tote, im Lazarett fünf Schwerverwundete
und fünfundzwanzig Leichtverwundete!
Als dann der ‚Iltis‘ hinausfuhr zur Reede, glich die Fahrt einem
Triumphzug. Beim Passieren der internationalen Flotte wurde das
deutsche Kanonenboot von den in Parade angetretenen Besatzungen unter
Spielen der Nationalhymne mit donnernden Hochrufen begrüßt. Stolz
winkte das Signal vom deutschen Flaggschiff:
„Iltis nachzueifern sei unser Stolz,
Ihm gleich zu werden, unser Ziel!“ -- -- --
Dann fiel der Anker -- und der ‚Iltis‘ schlingerte wie sonst, als ob
gar nichts passiert sei, in der bewegten See, und dabei war ein Tag
dahingegangen, der wohl einzig in der Geschichte der deutschen Marine
dasteht. Lebenslänglich wird er für alle Teilnehmer unvergeßlich sein,
da er ein Ruhmesblatt einflocht in den Kranz unserer jungen Marine.
Viel war durch dies an Opfern reiche, siegbringende Gefecht erreicht.
Ein letzter Liebesdienst mußte nun noch den Gefallenen erwiesen werden,
die Bestattung im Seemannsgrabe.
Am nächsten Vormittag wurden die Särge, nachdem sie vielfach angebohrt
und, um schneller untersinken zu können, mit Roststäben beschwert
waren, auf dem Deck aufgebahrt. Die deutsche Flagge deckte die Särge,
und darüber lagen Orden und Ehrenzeichen, Säbel und Seitengewehr. Alle
deutschen Schiffe sandten Abordnungen, dazu kam die Geschwaderkapelle
an Bord, zuletzt alle dienstfreien Offiziere und der Pfarrer.
Dann lichtete der ‚Iltis‘ den Anker zur letzten Fahrt für die
Gefallenen, alle Flaggen wehten auf Halbstock. Fünf Seemeilen weit
ging’s hinaus in die See; hier stoppte das Schiff. Nach einer
ergreifenden Ansprache des Marinepfarrers spielte die Musik, und
gesenkten Hauptes, nassen Auges brachten Matrosen die Särge ans
Fallreep, der Trauersalut knallte als letzter Scheidegruß über die
Meereswogen.
Während der Bootsmann ‚Fallreep‘ pfiff, salutierten die Offiziere,
und die Mannschaft stand still. Bald verschwanden die sieben Särge
auf Nimmerwiedersehen in den Fluten des Gelben Meeres. -- -- „Flaggen
vor! Äußerste Kraft! voraus!“ So nahmen sie Abschied für immer von den
braven Helden, die so ehrenvoll und ruhmreich fürs Vaterland starben! --
Am 27. Juni traf das ehrende Telegramm des Kaisers ein: „Voller Freude
über die Bravour des ‚Iltis‘ und seiner Besatzung bei Taku spreche
ich dem Kommandanten und der Besatzung Meine Anerkennung und Meinen
Kaiserlichen Dank aus. Ich sehe, die Tapfern des alten ‚Iltis‘ sind
neu erstanden, es wird Meiner Marine nie daran fehlen, dessen bin
Ich sicher. Dem Kommandanten, Korvettenkapitän Lans, verleihe ich
Meinen Orden ~pour le mérite~. Für alle Offiziere und Mannschaften sind
Ordensvorschläge telegraphisch einzureichen.
Ehre den Gefallenen!
gez. Wilhelm I. R.“
* * * * *
Deutsches Flottenlied.
Hurra! Ihr blauen Jungen,
Wohlauf an Bug und Heck!
Aus kräft’gen Seemannslungen
Laßt’s dröhnen übers Deck;
Laßt brausen durch die Meere
Den Spruch, dem keiner gleich:
Mit Gott für Deutschlands Ehre --
Hurra!
Für Kaiser und für Reich!
Hurra! Wir blauen Jungen,
Wir schirmen jeden Strand,
Wo deutscher Fleiß errungen
Ein neues Vaterland;
In eisigen Nordwinds Schauern,
Im Südhauch lind und weich
Stehn wir wie Wall und Mauern --
Hurra!
Für Kaiser und für Reich!
Hurra! Wir blauen Jungen
Sind Brüder allzumal,
Uns hält ein Band umschlungen,
Das fester als von Stahl;
Denn wo wir auch geboren,
An Düne, Strom und Deich,
Wir haben Treu’ geschworen --
Hurra!
Für Kaiser und für Reich!
Hurra! Wir blauen Jungen,
Wir führen gute Wehr;
Und wird dereinst gerungen
Zur See um Sieg und Ehr’,
Dann stehn wir jedem Rede
Und zahlen Streich mit Streich;
Wir scheuen keine Fehde --
Hurra!
Für Kaiser und für Reich!
Hurra! Wir blauen Jungen,
Wir lachen der Gefahr;
Zu Häupten, unbezwungen,
Fliegt uns des Reiches Aar;
Und sehn den Tod wir winken,
Wird keiner schwach und bleich,
Wir rufen noch im Sinken:
Hurra!
Für Kaiser und für Reich!
Reinhold Fuchs.
(Aus: „Strandgut“. Stephan Geibel, Altenburg.)
[Illustration: I. Geschwader im Sturm.]
Der Pflicht getreu bis in den Tod.
Wenn zur Sommerzeit die Reisenden aus dem Binnenlande die
Reichskriegshäfen aufsuchen, um einen Einblick zu gewinnen in
Deutschlands Flotte, dann beachten sie auf ihren Rundfahrten durch die
Häfen besonders die Torpedoboote, die Blitzboote, die zu Dutzenden an
einer verborgenen Stelle des Hafens zusammenliegen. Ruhig und friedlich
liegen sie beieinander; aber wehe, wenn sie losgelassen werden und in
schneller Fahrt das Wasser durchfurchen! Dann glühen die Feuer, und
der dicke, schwarze Rauch fliegt aus den Schornsteinen, die Sirenen
gellen, und dahin fahren die Boote wie wildgewordene Tiere. Wehe
dem Feinde, dem sie auf kurze Entfernung nahekommen, um auf ihn den
verderbenbringenden Torpedoschuß abzugeben!
Die Torpedoboote bilden eine der jüngsten Waffen der Marine, sie sind
unheimlich und furchtbar. Eine ungemein starke Maschine verleiht
den schlanken und rasch lenkbaren, leicht gebauten Booten eine
große Geschwindigkeit; die Schnelligkeit ist ihre einzige Waffe im
Kampfe gegen Panzerriesen, die die Torpedoboote mit Schnellfeuer und
Maschinengewehren gar leicht in den Grund bohren können.
Wenn die Boote irgendwo im Hafen liegen, steigen die Landratten gern
bewundernd in ihnen hin und her. Die wagemutige Jugend klimmt vergnügt
aus den Innenräumen des Schiffes durch die schmalen Aufgänge, die
nur die Breite eines Mannes haben, ohne zu ahnen, einen wie schweren
und verantwortungsvollen Dienst diejenigen haben, die während der
Friedenszeit ihrer Dienstpflicht auf den Torpedoschiffen genügen
müssen. Nur dadurch, daß immer und immer wieder Offiziere und
Mannschaften im Kampfe mit der See für ihre schwierige Aufgabe --
schneller Angriff auf eine feindliche Flotte im Ernstfall -- geschult
werden, wird diese Waffe das, was sie sein soll: ein wirksamer
Verteidiger unserer bedeutenden Seehäfen.
Die Aufgaben, die unsere Marine den Torpedomannschaften und ihren
Offizieren stellt, sind gewiß keine leichten. Besonders, wenn der
Nordweststurm über die Nordsee fegt und die heranwälzenden Wasserberge
den Schiffen den Garaus bereiten wollen. Bei solchem Wetter brausen
Sturm und See um die Wette. Oft genug fährt bei einer schweren See der
Bug des Torpedobootes steil in die Höhe, um sofort wieder in ein tiefes
Wellental niederzustoßen.
Angstgefühl durchzittert die Rekruten, die zum ersten Male eine solche
Fahrt mitmachen; aber die, welche schon länger dienen, kennen diese
Gefahren. Sie haben sich vertraut gemacht mit dem Gedanken, daß ein
unglücklicher Umstand in solchen Augenblicken, wenn der Wind schaurig
um die Schornsteine und die Signalmasten weht, leicht das Ende
bedeutet. Nur diese fortdauernden mannigfachen Friedensübungen bei
schwierigem Wetter, die Fahrt über die See und die Angriffsübungen auf
die heimische Kriegsflotte ermöglichen es, Großes von der Torpedowaffe
im Ernstfalle zu erwarten. Vom Geist, der die Mannschaften beseelt,
haben Vorkommnisse der letzten Jahre den besten Beweis geliefert. Wir
müssen dieser todesmutigen Männer gedenken, weil auch sie starben für
die Ehre der deutschen Flagge.
[Illustration: Angriff eines Torpedobootes.]
Es war im September des Jahres 1912. Die deutsche Hochseeflotte hatte
Torpedoangriffe abzuwehren. Bei diesen Übungen erhielt das Torpedoboot
G 171 von dem Panzer ‚Zähringen‘ einen so unglücklichen Kammstoß, daß
das hintere Viertel des Torpedoschiffes vom übrigen Teil abgeschnitten
wurde und früher sank, als der größere Teil des Wracks. Im Augenblick
des Zusammenstoßes empfanden die Mannschaften des Torpedobootes, daß
das Schiff seinen Todesstoß erhielt, aber alle blieben während der
unheilschwangeren Minuten in musterhafter Ordnung an ihren Posten.
Die Befehle der Offiziere wurden so ruhig gegeben, als handle es sich
um eine Gefechtsübung, und die Mannschaft führte sie genau und schnell
aus. Nichts von Panik, obgleich die Sendboten des Todes das Schiff
umlauerten. Als in den gefahrdrohenden Augenblicken die Klappen und
Ventile, die Düsen und Sicherheitstüren sich schlossen, zuckte wohl
durch manches Hirn der Gedanke an den Tod, aber zum Ausdruck kam er
nicht.
Gerade dieser peinlichen, getreuen Pflichterfüllung bis zum letzten
Augenblick, die auch die übten, die unten in den Schiffsräumen bei den
Maschinen ihren Dienst versahen, ist es zu verdanken, daß das Wrack
eine Viertelstunde sich über Wasser hielt und fast die ganze Mannschaft
gerettet wurde. Als die gierigen Wellen das Wrack umfaßten, stand die
Mannschaft unter Kapitänleutnant Hoppenstedt am Vorderdeck. Schwimmer
und Nichtschwimmer waren geschieden. Die an der Schiffswand befestigten
Schwimmwesten, soweit sie nicht schon den erregten Meereswogen
zur Beute fielen, wurden verteilt. Die Nichtschwimmer erhielten
die vorhandenen Westen. Und dann ging’s auf Befehl des leitenden
Offiziers Mann für Mann über Bord. Schon eilten die Rettungsboote
der Panzerschiffe heran, um die im Wasser Schwimmenden aufzunehmen.
Hier auf brandendem Meere übten sie Mannszucht; in dem Augenblick, da
das Hinterteil des Schiffes immer tiefer sank und von den gierigen
Meereswogen überspült ward, übten sie noch treue Kameradschaft.
Die kurze Mittagspause, die die Mannschaften in Ruhe genießen sollten,
brachte den unheilvollen Zusammenstoß. Einer der Matrosen, der in
diesem Augenblick aus einem der schachtartigen Niedergänge herauskam,
wurde schwer verletzt. Hilflos lag er auf dem von Meereswogen
überspülten Verdeck. Selbst konnte er sich nicht mehr helfen. Sein
Kamerad, der schon sprungbereit an der Schiffswand stand, um zum
Rettungsboote hinüberzuschwimmen, sah ihn liegen. „Hein! Du kannst ja
mit deinem gebrochenen Arm nicht schwimmen; komm, ich nehme dich mit!“
Ein Mann, ein Wort. Er hat dies gehalten bis zum letzten Augenblick.
Mit seinem Schützling im Arm kämpfte er gegen die Meereswogen, um sich
einen Weg zu bahnen, dem helfenden Boote entgegen. Allein vergebens!
Den Verletzten im Arm, sank er vor den entsetzten und machtlosen
Helfern in die Tiefe, seinen Kameraden getreu bis in den Tod.
* * * * *
In den Märztagen des Jahres 1913 ereignete sich ein ähnliches Unglück,
das durch die Größe des Verlustes an Mannschaften das schwerste
Unglück darstellt, das bis dahin die deutsche Torpedoflotte erlitt.
Über siebzig brave Seeleute fanden dabei den Tod, alles junge,
pflichtbewußte Menschen, die im Friedensdienste für das Vaterland ihr
Ende in den Nordseewellen fanden.
[Illustration: Torpedoboot S 178.]
Zur mitternächtigen Stunde erhielt das Torpedoboot S 178 durch
den Panzerkreuzer ‚York‘ einen schweren Stoß, der das Wasser mit
Mächtigkeit und Schnelligkeit in das verletzte Boot hereinströmen ließ.
Einer der Mitfahrenden und wenigen Geretteten schrieb darüber in einem
Zeitungsbericht:
„Das Unglück geschah elf Uhr vierzig Minuten. Ich lag in der Koje und
verspürte den Stoß selbst nicht. Auch als ich Wasser hereinrauschen
hörte, dachte ich schlaftrunken: ‚Das ist wie gewöhnlich bei schwerem
Wetter.‘ Da legte sich das Boot schief nach Backbordseite. Jetzt war
ich bei klaren Gedanken: ‚Reiß dich zusammen!‘ Ich sprang aus der
Koje, tastete nach rechts -- niemand mehr da, ging nach vorn an den
Niedergang und griff dabei links -- niemand mehr da. Ich war also
meiner Meinung nach der Letzte. Das Wasser stieg und stürzte mit
Macht durch den Niedergang. Ich arbeitete mich mit Riesenkräften dem
Wasserdruck entgegen, Stiege für Stiege. Auf der obersten Stufe stand
ich dann bis zum Leib im Wasser und holte tief, tief Atem, wie ein
Schwimmer vor langer Tauchstrecke. Da sank das Hinterteil des Bootes.
Ich wurde in den Wirbel gezogen -- tiefer und tiefer. Da fühlte ich,
daß sich eine Leine um meine beiden Füße gewickelt hatte. Blitzschnell
kam mir der Gedanke: Sollst du hier elend ertrinken? Nein! Mit
verzweifelter Kraft riß ich die Unterhose vom Leibe, wobei die Leine
mit abging, und arbeitete mich hoch. Es dauerte lange, sehr lange,
und als all meine Luft verbraucht war, kam ich an die Oberfläche.
Nicht weit von mir schwamm jemand auf irgendeinem Wrackteile. Ich
schwamm hin und schwang mich mit hinauf. Wir verteilten uns, damit
das Gleichgewicht blieb. Und nun das Drama! Das Vorderteil des
Bootes war noch nicht gesunken, sondern stand schräg aus dem Wasser.
Sämtliche übrigen Menschen standen darauf und schrien durcheinander.
Alles dauerte drei bis vier Minuten. Wir auf unseren Planken krallten
uns im Holze fest. Die See ging über uns und erstarrte uns. Der
Ingenieur gesellte sich zu uns. Und das Boot sank. Wir trieben etwa
dreiviertel Stunden, riefen die naheliegenden Schiffe an -- keine
Rettung. Trotzdem blieben wir vollständig klar bei Sinnen. Des sehr
schweren Wetters wegen konnte von den Linienschiffen kaum ein Kutter
ausgesetzt werden. Ich sagte zu meinem Gefährten: ‚Noch zehn Minuten
tragen uns die Bretter -- dann ist Schluß.‘ Da kam ein Kutter; dreimal
zurückgeworfen, kam er endlich doch heran, und wir flogen hinein.
Jetzt waren wir geborgen, und das Frieren fing an. Der Obermaat hatte
Unterhose und Hemd, der Ingenieur Lederzeug, und ich nur das Hemd an.
Nach halbstündiger Fahrt kamen wir an Bord. Der Unterkörper war wie
abgestorben.“ -- -- --
Nur elf Mann wurden gerettet, die andern fanden den Tod in den Wellen;
alle waren der Pflicht getreu bis in den Tod!
Ehre ihrem Andenken!
[Illustration: Unterseeboot U 11.]
Wichtige Daten zur Geschichte der deutschen Marine.
Die mit Stern (*) bezeichneten Ereignisse sind in dem vorliegenden Buch
in besonderen Abschnitten behandelt.
1676. Seegefecht bei Bornholm.
1683. Gründung von Groß-Friedrichsburg.
8. Juni 1848. Beschluß der National-Versammlung in
Frankfurt am Main wegen Gründung einer
deutschen Flotte.
5. September 1848. Errichtung eines vorläufigen
Marinier-Bataillons und Einsetzung einer
Marinekommission.