1. Ostafrika.

In den achtziger Jahren ließen sich an verschiedenen Stellen der

afrikanischen Küste deutsche Kaufleute nieder, die von den dort

ansässigen Häuptlingen der Eingeborenen Gebietsteile erwarben. Eine

festere Gestalt nahmen diese Landstriche für das Vaterland an, als

sich im Jahre 1884 auf Anregung Doktor Peters’ in Berlin ein Kreis von

Herren zusammentat, um eine Gesellschaft für deutsche Kolonisation zu

gründen. Sie erachteten als ihr Arbeitsgebiet, in außereuropäischen

Ländern Ackerbau- und Handelskolonien zu schaffen. Die zur Ausführung

solcher weitgreifenden Pläne nötigen Gelder wurden in verhältnismäßig

kurzer Zeit beschafft. Man begann sofort mit der Ausführung des

Planes, indem man die Herren Doktor Peters, Graf Pfeil und Jühlke nach

Ostafrika hinaussandte.

Diesen kühnen Männern gelang es, eine Reihe Verträge mit den

Häuptlingen der Eingeborenen abzuschließen, so daß ein Gesamtgebiet von

über zweitausend Quadratmeilen von ihnen erworben wurde. Diese Bezirke

konnten dann im Jahre 1885 unter den Schutz des Deutschen Reiches

gestellt werden.

Gegen das Auftreten der Deutschen im Küstengebiete Ostafrikas wandte

sich der Sultan von Sansibar, und ihm mußten erst die in die dortigen

Gewässer gesandten Schiffe ‘Prinz Adalbert‘, ‘Stosch‘, ‘Elisabeth‘ und

‘Gneisenau‘ Achtung vor der deutschen Macht einflößen. Als die deutsche

Flottenmacht gegenüber dem Sultanspalaste vor Sansibar lag, willigte

er in die von deutscher Seite aufgestellten Forderungen und erkannte

Deutschlands Oberhoheit über die Küstenbezirke an.

Die junge Kolonie sollte sich nicht ungetrübt entwickeln. Das

Eindringen der deutschen Kaufleute als Kulturpioniere paßte den im

Küstenstriche ansässigen arabischen Händlern durchaus nicht, ihre Macht

schwand, und da die herrschende Gewalt auf das Deutschtum überging,

sahen sie sich in ihren Einkünften geschmälert, zumal auch jetzt Ernst

gemacht wurde in der Bekämpfung des Sklavenhandels, der bis dahin ein

gutes Geschäft für die farbigen Händler bildete. Der offene Aufstand

begann. Die noch nicht hinreichend befestigten Stationen fielen den

Aufständischen im ersten Ansturm in die Hände. Gewalt und grauenhafte

Taten wurden von den aufständischen Eingeborenen und Arabern verübt,

das Hinterland der Kolonie befand sich im hellen Aufstande. Wenn nicht

alles verloren gehen sollte, mußte kraftvoll eingegriffen werden.

Im Küstengewässer waren zu Beginn des Aufstandes nur die Korvetten

‚Leipzig‘ und ‚Sophie‘, sowie der Kreuzer ‚Möwe‘ anwesend; die von

diesen Schiffen gelandeten Marinemannschaften hatten die Ehre der

deutschen Flagge zu wahren, sie mußten den ersten Ansturm aushalten,

bis neue Verstärkungen aus dem Heimatlande herankamen.

Im August des Jahres 1888 begann der Aufstand im Norden des

Schutzgebietes, in Pangani; dort weigerte sich der Wali des Ortes,

den von der Ostafrikagesellschaft eingesetzten Bezirkshauptmann

anzuerkennen. Das Erscheinen des Kreuzers ‚Möwe‘, dem bald die ‚Carola‘

folgte, genügte, um den Widerstand des Walis zu brechen. Von seiten

der Schiffsleitungen sah man davon ab, die Schwarzen zu bestrafen,

und dadurch schwoll diesen der Mut. In Tanga, Bagamoyo und anderen

Küstenplätzen begann die offene Empörung.

Am 6. September 1888 lag der Kreuzer ‚Möwe‘ vor Tanga. Ein Marineboot,

das ans Land fuhr, um Lebensmittel aufzukaufen, wurde vom Lande her mit

Schüssen empfangen. Die Mannschaft sah sich gezwungen, zurückzukehren.

In verstärkter Zahl kam eine Landungsabteilung von vierzig Matrosen

zurück, die Schiffsgeschütze der ‚Möwe‘ feuerten in die arabischen

Linien hinüber, dazu drang die in Schützenlinie aufgelöste Abteilung

unter lebhaftem Gewehrfeuer vor. Die Araber mußten den erstürmten

Ort räumen. Glücklicherweise gab es auf deutscher Seite nur zwei

Verwundete, die zur Pflege in ein Lazarett nach Sansibar kamen. Große

militärische Erfolge zu erreichen, war sehr schwer, überall gelang

es dem Feind, zu entwischen, wenn die Landungsabteilungen in die

Küstenortschaften einmarschierten. In Berlin glaubte man nicht an eine

ernste Gefahr; das Kreuzergeschwader erhielt Befehl, nach Südafrika

zu fahren. Erst durch einen gegen den Geschwaderführer Konteradmiral

Deinhardt geplanten Anschlag sah man, daß man einer planmäßig

vorbereiteten Empörung gegenüberstand.

Das Zentrum des feindlichen Aufstandes bewegte sich um die wichtigen

Niederlassungen Bagamoyo und Daressalam. In Bagamoyo führten die

aufständischen arabischen Rebellen Greuel der verschiedensten Art aus.

Die von der Korvette ‚Leipzig‘, die vor Bagamoyo ankerte, gesandte

Matrosenabteilung konnte gleichfalls, unterstützt von den Kanonen des

Kriegsschiffes, den Ort stürmen und besetzen. Unter Zurücklassung

zahlreicher Toter und Verwundeter entfloh der Feind wieder ins Innere

des Schutzgebietes. Dreißig Matrosen blieben zum Schutze der Station

zurück. Jetzt begannen die Wogen des Aufstandes höher zu schlagen.

Buschiri, der Halbblut-Araberhäuptling, stellte sich an die Spitze der

ganzen Bewegung und entwickelte sich mit der Zeit zu einem gefährlichen

Gegner. Die Flotte begann zunächst eine Blockade der Küste, um dadurch

den Handel der Araber lahmzulegen, ferner wurde ihnen dadurch die

Zufuhr von Waffen aller Art abgeschnitten, und insbesondere wurde der

Sklavenhandel gehindert. Am 6. Dezember begann die Blockade durch sechs

Schiffe der deutschen Marine mit einer Besatzung von 1337 Mann; ihnen

schlossen sich englische und italienische Schiffe an. Energisch haben

die deutschen Kriegsschiffe das Werk angegriffen.

Um die flachgehenden arabischen Sklavenfahrzeuge abzufangen, wurde

ein ausgedehnter Bootsdienst bei Tag und Nacht eingerichtet, der

außerordentlich beschwerlich war und die Mannschaften sehr anstrengte.

Oft kamen sie nicht aus den Booten und mußten aus den Negerdörfern

Nahrungsmittel holen, um keine Zeit mit der Rückkehr zu den weit

draußen liegenden Schiffen zu verlieren. Sie hatten alle Unbilden der

Witterung, brennende Hitze, schweren Regen, Sturm und See in ihren

offenen Booten auszuhalten. Trotzdem erlahmten sie nicht und taten in

treuester Pflichterfüllung ihre volle Schuldigkeit. Manche Heldentat

wurde dabei von den braven deutschen Seeleuten ausgeführt. Dazu ein

Beispiel:

Der Leutnant zur See von Bredow erspähte des Nachts einmal eine große

arabische Dhau, die er mit seinem Boote, das mit fünf Matrosen besetzt

war, zur Untersuchung anhielt. Als das Marineboot anlegte, traten

den Deutschen plötzlich achtundzwanzig Araber schußfertig entgegen,

doch der Ernst der Lage erschreckte von Bredow nicht. Sein sicheres

und besonnenes Auftreten schüchterte die Araber so sehr ein, daß die

anderen, auf die gegebenen Signale herbeieilenden Boote der Marine,

ohne weiteren Widerstand zu finden, die Araber gefangennehmen konnten.

Diese Zeiten des Kampfes in den Jahren 1888/89 brachten für die

Mannschaften unserer Marine schwere Gefahren mit sich, und wer die

Geschichte unserer Kolonien verfolgt, wird dankbar auf die Taten der

deutschen Seeleute stoßen. Der beschwerliche Wachtdienst in den Booten

wurde unterbrochen, wenn es zu Kämpfen auf dem Festlande kam, denn

auch dort dauerten die Kämpfe unentwegt fort. Buschiri, der kühne

Araberhäuptling, schuf sich zwischen Bagamoyo und Pangani einen festen

Stützpunkt, um von hier aus seine Räuberbanden nach allen Seiten

bequem aussenden zu können. Er glaubte sich um so sicherer an diesem

Platze, als die deutschen Schiffsbesatzungen vorläufig nur Bagamoyo und

Daressalam hielten; er spottete der ‚feigen Weißen‘. In Deutschland

war man jedoch zur Erkenntnis gekommen, daß nur eine durchgreifende

Änderung erzielt werden würde, wenn man kraftvoller gegen diesen

Häuptling vorginge. Zur Lösung dieser Aufgabe war Major Wißmann

ausersehen.

Unentwegt hatte inzwischen Buschiri bald Bagamoyo, bald Daressalam

gestürmt, aber immer wieder mußten seine Scharen mit blutigen Köpfen

heimkehren. Am 25. Januar und am 3. März 1889 fanden besonders heftige

Angriffe statt. Mit dem 4. März desselben Jahres verhängte Admiral

Deinhardt, der den Oberbefehl über die deutschen Schiffe innehatte,

die Blockade auch über Sansibar, und acht Tage später das Standrecht

über den ganzen Küstenstrich von Bagamoyo bis Daressalam. Im April

traf Wißmann ein, und im Mai 1889 ging er zum Angriff über, als seine

Truppen zur Stelle waren und die notwendigsten Vorbereitungen dies

erlaubten.

[Illustration: Admiral August Deinhardt.]

Der Bericht des Reichskommissars über die Erstürmung des feindlichen

Lagers lautet:

„Nach Verständigung mit dem Chef des Kreuzergeschwaders, Herrn

Konteradmiral Deinhardt, beschloß ich, sofort in Aktion zu treten.

Den eingegangenen Berichten zufolge hatte Buschiri seine Streitkräfte

in der Stärke von sechshundert bis achthundert Mann in einem etwa

eineinhalb Stunden von Bagamoyo gelegenen, nach afrikanischen Begriffen

außerordentlich starken Lager versammelt.

„Die Durchführung unseres Angriffes wurde auf den 8. Mai festgesetzt.

Wir brachen um sieben Uhr morgens auf. Der Weg führte uns anfangs auf

den Kamm des an der Küste entlanglaufenden Höhenzuges. Ungefähr um acht

Uhr wurde dieser schöne, mit Palmen und Fruchtbäumen dichtbewachsene

Höhenzug verlassen, und ein ungefähr neunhundert Meter breites,

schattenloses, sumpfiges, mit fast mannshohem Grase bewachsenes Tal

lag vor uns. Glühend heiß brannte die Sonne auf dasselbe herab,

kein Luftzug machte sich fühlbar, ein übler Geruch entströmte den

morastigen Stellen, welche den Marsch außerordentlich erschwerten.

„Nach dem Überschreiten des Tales wurde wieder auf dem Höhenzuge

entlangmarschiert. Auf diesem lag in einem Palmenhain Buschiris Lager.

Dasselbe war weithin sichtbar und bot den Anblick einer hohen, aus

dicht aufgestellten Baumstämmen bestehenden Verschanzung. Nachdem wir

bis auf sechshundert Meter an das feindliche Lager herangekommen waren,

schwärmte der Vortrupp sofort aus, während die Artillerie -- drei

Geschütze -- Aufstellung in der Schützenlinie nahm. Die Marineabteilung

unter Korvettenkapitän Hirschberg von S. M. S. ‚Schwalbe‘ stand dicht

hinter dem Vortrupp beziehungsweise der Artillerie. In dieser Formation

wurde bis auf zweihundertfünfzig Meter an das Lager herangegangen. Beim

ersten Sprung auf zweihundert Meter begann das Feuern aus dem Lager,

das unsererseits nicht erwidert wurde. Als jedoch bald darauf der weiße

Reitesel Buschiris vor dem Lager erschien, beschoß ich und verwundete

scheinbar das dem wohlbeleibten Buschiri notwendige Mittel zur Flucht,

auch war dieser Schuß das Zeichen zum Beginn des Feuers auf der ganzen

Linie. Das Feuergefecht wurde auf beiden Seiten ein sehr heftiges.

Zugleich trat im Lager ein Geschütz, mit Eisenstücken geladen, in

Tätigkeit. Wir schossen uns sprungweise bis auf hundert Meter an das

Lager hinan. Nachdem das Schnellfeuer etwa eine Minute gedauert hatte,

gab ich auf Verabredung mit Korvettenkapitän Hirschberg den Befehl, das

Seitengewehr aufzupflanzen und zur Attacke vorzugehen. Die Sudanesen

des Freiherrn von Gravenreuth waren zuerst an den Palisaden und

Leutnant Sulzer der erste am Lager. In der Front brachen gleichzeitig

die Matrosen unter Korvettenkapitän Hirschberg und die Askaris unter

Freiherr von Eberstein ein. Den Matrosen voraus, nicht wartend, bis

Bresche gerissen war, überklomm Leutnant zur See Schelle die Palisaden

und wurde im Lager tödlich getroffen. Während jetzt die Matrosen die

Palisaden soweit niedergerissen hatten, daß Mann hinter Mann eindringen

konnte, war Freiherr von Eberstein mit den Askaris durch eine

eingerannte Tür gedrungen. Nun wurde alles, was sich im Lager befand,

niedergemacht. Die Flüchtlinge ließ ich noch eine Strecke verfolgen,

bis das hohe Gras den Nachstürmenden ein Ziel setzte. Buschiri selbst

soll nur mit Mühe entkommen sein. Erbeutet wurden zwei arabische, mit

Koransprüchen beschriebene Geschütze und eine Menge anderer Waffen.

Ferner fielen den Soldaten drei Kisten mit 6000 Rupien in die Hände.

Nach zuverlässigen Nachrichten soll sich der Verlust des Gegners auf

hundertsechs Mann belaufen.“ --

Die günstigen Folgen des Sieges blieben nicht aus. Viele Orte

unterwarfen sich der deutschen Oberhoheit, und wo sich Eingeborene und

Araber nicht freiwillig unterwarfen und sich noch aufsässig zeigten,

gingen die Land- und Seetruppen gegen die Aufsässigen vor. Ungeheure

Strapazen haben die deutschen Seeleute damals zu ertragen gehabt. Das

feuchtheiße afrikanische Klima, vereint mit den Anstrengungen mußte

naturgemäß zeitweise zu Krankheitserscheinungen führen. Die Erfolge

der deutschen Waffen mehrten sich; nachdem der Küstenstrich in Besitz

genommen war, folgte das Innere. Im Dezember des Jahres 1889 konnte

die Blockade aufgehoben werden. Der Handel kam wieder zur Geltung;

selbstverständlich blieb der Sklavenhandel für immer verboten.

Deutsche Flagge, sei gegrüsst! Friedens- und Kriegsfahrten der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine · 第 53 / 97 题