4. Das Seegefecht bei Havanna.

Seit Ende des Jahres 1869 war das kleine deutsche Kanonenboot

‚Meteor‘ unter dem Kommando des Kapitänleutnants Knorr in

Westindien stationiert. Das Schiff hatte eine Größe von

dreihundertsiebenundvierzig Tonnen, eine schwache Maschine von

dreihundertzwanzig Pferdestärken. Seine größte Geschwindigkeit betrug

nicht mehr als sieben Knoten, das ist kaum fünfzehn Kilometer in der

Stunde. Die Bewaffnung war eine recht starke. Außer einer mittschiffs

aufgestellten Fünfzehnzentimeterkanone, die nach beiden Seiten feuern

konnte, trug das kleine Schiff noch zwei Zwölfzentimetergeschütze,

die am Bug und am Heck standen. Die Besatzung zählte im ganzen

zweiundsechzig Mann. Am 7. November 1870 morgens fuhr der ‚Meteor‘ in

den Hafen von Havanna auf Kuba ein. Die notwendigen Arbeiten waren

kaum beendet, da ankerte auch der französische Kriegsaviso ‚Bouvet‘,

der bedeutend stärker war, im Hafen. Durch eine Maschine von 620

Pferdekräften erzielte das Schiff eine Fahrt von 20,4 Kilometer in

der Stunde. Außer einer Besatzung von fünfundachtzig Mann gaben dem

französischen Kriegsdampfer ein Sechzehnzentimetergeschütz auf dem

Achterdeck, zwei Zwölfzentimetergeschütze an den Breitseiten und

vier Drehbassen auf der Verschanzung eine größere Kampfkraft. Die

Neutralität des Hafens erforderte, daß in seiner Nähe kein Gefecht

stattfinden durfte. Trotz der vorzüglichen Verfassung des feindlichen

Schiffes wollte das Kanonenboot unter Knorr einen Kampf erzwingen.

‚Meteor‘ dampfte deshalb des Mittags wieder hinaus und lud dadurch

den ‚Bouvet‘ zum Kampfe ein. ‚Bouvet‘ kam nicht, er ließ sich nicht

hinauslocken. Am Abend fuhr das deutsche Kanonenboot wieder in den

Hafen ein. Kaum hatte das deutsche Schiff festgemacht, da erschien ein

spanischer Offizier und eröffnete dem Kapitänleutnant Knorr, daß es

der Neutralität entspräche, erst vierundzwanzig Stunden nach Abfahrt

des französischen Schiffes den Hafen zu verlassen. Am 8. November

mittags lichtete das französische Kriegsschiff seine Anker und fuhr

hinaus. Genau vierundzwanzig Stunden später, am 9. November um ein Uhr

mittags, folgte nach ungeduldigem Warten das kühne deutsche Schiff.

Stolz wehte von der Gaffel die Flagge des Norddeutschen Bundes, und

mutvoll beseelte das Kampfgefühl die deutschen Marinesoldaten. Nur

ein Gedanke war in ihnen: im Kampfe zu siegen oder unterzugehen. Die

Kunde von dem zu erwartenden Seegefecht verbreitete sich blitzschnell

in der Stadt, und viele tausend Zuschauer begaben sich in die Nähe der

Hafenausfahrt auf die Festungswerke und die hohen Ufer. Die vielen

Deutschen, die in der Stadt wohnten, beherrschte die bange Sorge, ob

das kleine deutsche Kriegsschiff auch dem stärkeren französischen

Gegner gewachsen sei. Stolz zog das deutsche Schiff seine Bahn. Vor

dem Hafen wurde ‚Klar Schiff‘ gemacht; alles war zum Gefecht bereit

und jedem Geschütz ein bestimmter Teil des feindlichen Schiffes

als Zielpunkt angewiesen. Besonders sollten die Maschine und die

Wasserlinie beachtet werden. Die Absicht des kühnen Kommandanten ging

dahin, den Gegner so zu treffen, daß er sich nicht bewegen konnte,

und dann wollte er ihn durch Enterung nehmen. Etwa drei Seemeilen

vom Lande entdeckten sie das französische Schiff. Der Kommandant

Knorr, der nachmalige Admiral der deutschen Flotte, richtete an die

Mannschaft kernige und herzliche Worte und legte ihnen vor allen

Dingen die Pflicht auf, im Kampfe auf die Kommandos zu achten und nicht

eher zu feuern, als bis der Befehl dazu gegeben sei. Während dieser

Zeit schon grüßten die ersten Schüsse, die ihr Ziel verfehlten und

ins Wasser schlugen, in einer Entfernung von zweitausend Meter vom

französischen Schiff herüber. Ein lautes Hurra der deutschen Matrosen

war die Antwort. Nachmittags halb drei Uhr war der ‚Meteor‘ auf etwa

tausend Meter an den feindlichen Aviso herangekommen; jetzt eröffnete

er das Feuer. Der Tanz hatte begonnen. Für kurze Zeit wurde nun von

beiden Seiten ein lebhaftes Geschützfeuer unterhalten, ohne jedoch

irgendeine ersichtliche Wirkung zu erzielen. Eine leichte nordöstliche

Brise bewegte das Schiff, das durch sein Schlingern die Bedienung

der Geschütze erschwerte. Das Kanonenboot stand südlich vom Feinde

und steuerte, immer Feuer gebend, in nordöstlicher Richtung auf ihn

zu. Da, als die Entfernung nur noch sechshundert Meter betrug, ging

der ‚Bouvet‘ mit voller Dampfkraft auf den ‚Meteor‘ los, um ihm in

die Seite zu rennen und ihn so dem sicheren Untergange zu weihen.

Mächtig schnitt das Schiff durch die aufschäumenden Wogen. Rechtzeitig

erkannte der umsichtige Kapitänleutnant Knorr die Gefahr, und keinen

Augenblick verlor er die Ruhe. Ein klarer Befehl, eine entsprechende

Ruderbewegung, und der Plan des Gegners war vereitelt! Gleichzeitig

wurde der Befehl zum Entern gegeben; nur einige Mann, die bei den

Geschützen standen, blieben zurück, die übrigen griffen zu den

Handwaffen, um in den wenigen Sekunden, da das stattliche, hochbordige

französische Schiff vorbeistrich, dieses unter Feuer zu nehmen. Als

der ‚Bouvet‘ heranbrauste, war die ernsteste Gefahr vorüber. Beide

Schiffskörper stießen in einem schwachen Winkel zusammen und jagten

unter entgegengesetztem Kurse aneinander vorbei. Im Vorbeifahren

fiel auf deutscher Seite ein Steuermann, der neben dem Kommandanten

auf der Kommandobrücke stand; ein Matrose wurde an Deck getötet. Die

deutsche Mannschaft hatte sich im Augenblick der Gefahr glatt auf

die Erde gelegt, um nicht von den Bordwänden des ‚Bouvet‘ aus unter

Feuer genommen zu werden, da diese einundeinhalb Meter höher waren.

Während dieser Zeit hatte die Artillerie mit einigem Mißgeschick zu

kämpfen. Im Augenblick des Vorbeistreichens riß dem Buggeschütz die

Abzugsleine, und als dann endlich der Schuß losging, wurde nur noch

das Hinterteil des ‚Bouvet‘ getroffen. Der ‚Bouvet‘ hatte sämtliche

Backbordwanten und die beiden an Backbord hängenden Boote abgerissen

und zerschlagen. Dazu zertrümmerte die Fockrahe des Franzosen diejenige

des ‚Meteor‘ und knickte den Großmast über Deck ein, der wiederum

den hinteren Mast abbrach. Dabei fiel der letztere sofort über die

Steuerbordseite und zertrümmerte mit seinem unteren Ende auch die

Kommandobrücke. Freischwebend hing er an dem zugehörigen Tauwerk an

der Bordwand über Wasser. Eine angsterregende Szene; das Kanonenboot

schien in große Bedrängnis geraten zu sein. Der Wellenschlag kam vom

Steuerbord und holte bei den heftigeren Schlingerbewegungen stärker

nach Backbord über. Der Großmast schwankte hin und her und drohte jeden

Augenblick nach der Backbordseite hinüberzufallen und die Geschütze

gefechtsunfähig zu machen. Die Gefahr war aufs höchste gestiegen. In

diesen Augenblicken hing alles von der Tüchtigkeit der Geschützführung

ab. Durch ein geschicktes Manövrieren wollte der Schiffsleiter das

Schiff so führen, daß der gebrochene Mast nach Steuerbord hinüberfiel,

damit die Geschütze wieder ungestört Feuer geben konnten. Vorzüglich

glückte das Manöver. Während dieser Drehbewegung war der ‚Bouvet‘

in die Visierrichtung des Hintergeschützes gekommen, und der

Geschützführer, der beste Schütze an Bord, Bootsmannsmaat Wage, der

die Gunst der Lage erkannte, wartete keinen Befehl ab, sondern feuerte

mit größter Kaltblütigkeit. Sausend schlug die vierundzwanzigpfündige

Granate in den Rumpf des ‚Bouvet‘ ein. Sie hatte gut getroffen. Die

weißen Dampfwolken, die gleich darauf aufstiegen, bewiesen, daß der

verwundbarste Teil des Schiffes, die Maschine, getroffen war. Das

fremde Schiff war kampfunfähig. Ob dieses erfolgreichen Schusses brach

unter den deutschen Matrosen ein heller Jubel aus. Jetzt hieß es,

sich so schnell wie möglich von den hängenden gestürzten Masten zu

befreien und die verbindenden Taue zu kappen, um dem Gegner auf den

Leib zu rücken. Ein letzter Kampf, Mann gegen Mann, sollte über das

Schicksal der Schiffe entscheiden. Leider ging das nicht so schnell,

wie man auf dem deutschen Schiffe erwartet hatte. Durch Tauwerk der

herunterhängenden Takelage war die Schraube unklar geworden. Als

endlich Schraube und Ruder wieder arbeiteten, war eine kostbare halbe

Stunde vergangen. Während dieser Zeit hatte der ‚Bouvet‘ Segel gesetzt,

um in schleuniger Flucht den schützenden Hafen zu erreichen. Der

‚Meteor‘ näherte sich, da er mit voller Kraft fuhr, zwar wieder dem

feindlichen Schiffe und nahm das Geschützfeuer auf, jedoch schon nach

dem vierten Schusse erreichte der Franzose die schützende spanische

Hoheitsgrenze, und die spanische Korvette ‚Hernan Cortez‘ zeigte

dies durch einen Schuß an. Jetzt mußte der ‚Meteor‘ die Verfolgung

aufgeben. Unbeholfen und schwer bewegte sich das französische Schiff in

den Hafen; die Zuschauer an der Hafeneinfahrt grüßten es mit eisigem

Schweigen. Bald darauf lief schnell und behende der ‚Meteor‘ ein.

Sein Äußeres wies deutlich darauf hin, daß er durch den Kampf schwer

mitgenommen war; die Masten und ein Teil der Kommandobrücke fehlten,

aber dennoch: stolz als Sieger zog das kleine deutsche Schiff dicht an

den Ufern vorbei, und mächtiger Beifallssturm brauste vom Land herüber.

Er galt der kleinen, tapferen Streiterschar, die mutvoll für die Ehre

der deutschen Flagge einem stärkeren Gegner entgegengetreten war.

Am nächsten Tage wurden die beiden an Bord fürs Vaterland Gefallenen

auf dem Gottesacker von Havanna bestattet; es war eine selten schöne

Begräbnisfeierlichkeit. Den Gefallenen des ‚Bouvet‘ wurde ein

Seemannsgrab auf offener See zuteil.

Der ‚Meteor‘ blieb noch lange im Hafen von Havanna, um gründlich seine

Schäden auszubessern; den glücklichen Schützen und den umsichtigen

Kommandanten schmückte von dem Tage an das Eiserne Kreuz.

* * * * *

Michel, horch, der Seewind pfeift!

Michel, horch, der Seewind pfeift,

Auf, und spitz die Ohren!

Wer jetzt nicht ins Ruder greift,

Hat das Spiel verloren.

Wer nicht jetzt sein Teil gewinnt,

Wird es ewig missen.

Michel, horch, es pfeift der Wind,

Segel gilt’s zu hissen!

Denk’ des Ruhms vergangner Zeit

Und der alten Lehre:

Volkes Wohl und Herrlichkeit

Blüht auf freiem Meere.

Schläfst du wieder, altes Kind?

Hurtig aus den Kissen!

Hurtig auf, ins Boot geschwind,

Segel gilt’s zu hissen!

Droben überm Nordseestrand

Schimmern Meeresweiten:

Deutsches Meer war’s einst genannt --

Hei, das waren Zeiten!

Heldenzeiten, hochgesinnt,

Kühner Tat beflissen --

Michel, horch, es pfeift der Wind,

Segel gilt’s zu hissen!

Und wie alter Helden Ruf

Tönt’s aus fernen Tagen:

Was die Kraft der Ahnen schuf,

Du auch sollst es wagen!

Michel, eh’ die Zeit verrinnt,

Schlag an dein Gewissen --

Michel, horch, es pfeift der Wind,

Segel gilt’s zu hissen!

Sieh die Nachbarn! Meer um Meer

Sperren sie mit Ketten,

Michel, schärf’ die alte Wehr,

Rette, was zu retten!

Michel, bist du taub und blind?

Hurtig aus den Kissen!

Hurtig auf, ins Boot geschwind,

Segel gilt’s zu hissen!

Gottfried Schwab.

(Aus: „Wolkenschatten und Höhenglanz“. Augsburg, Theodor Lampart.)

[Illustration]

Die deutsche Flotte im Kampf um den Kolonialbesitz.

Deutsche Flagge, sei gegrüsst! Friedens- und Kriegsfahrten der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine · 第 52 / 97 题