1. Allgemeiner Überblick.

Als im Freiheitskampfe der Schleswig-Holsteiner gegen Dänemark der

kleine Staat mit seinen Seekräften die deutsche Küste blockieren

konnte, da begann der Flottengedanke zuerst Raum einzunehmen im

deutschen Gemüte. Allüberall wurde die Notwendigkeit einer deutschen

Bundesflotte erkannt. Jedoch man kam über den Gründungsgedanken

nicht hinaus. Die Zerrissenheit in den Anschauungen der einzelnen

Bundesregierungen bedingte, daß die schnellerworbenen Kriegsschiffe

wieder unter den Hammer kamen und verkauft wurden. Preußen allein

nahm den Gedanken auf, eine Marine zu gründen, und hielt den Gedanken

eines Ausbaus der Flotte aufrecht. Das Einigungswerk schritt rüstig

vorwärts, und als der Schlußstein im Völkerringen von 1870/71 gelegt

werden sollte, da hielten sich die Vaterlandsfreunde die Frage vor:

„Ist unser Küstenschutz in diesen schweren Tagen zur Beschirmung

unseres Seehandels so auf der Höhe, daß wir uns der berühmten

französischen Flotte erwehren können?“ Erfreulicherweise bewies die

Marine ihre Tüchtigkeit. Preußens Minister hatten in den vorhergehenden

Jahren wirksam gearbeitet. Die Ausstattung der Kriegsfahrzeuge mit

Panzerplatten, mit schweren gezogenen Geschützen, die Ausbildung

einer seetüchtigen geschulten Mannschaft war nicht vergessen worden.

Leider wies der Küstenschutz in den Küstenbefestigungen und in den

Kriegshäfen bei Beginn des Krieges einige Mängel auf; es fehlten noch

moderne Befestigungsanlagen, die durch ihre Bewaffnung den fremden

Panzerschiffen gewachsen blieben. Wohl gab es eine Reihe von Neuanlagen

dieser Art, da sie sich jedoch noch im Ausbau befanden, konnten sie

nicht in Betracht kommen. Brauchbare Seeminen und gute Torpedos besaßen

wir noch nicht, Kiel und Wilhelmshaven machten beide einen unfertigen

Eindruck. Und von den vielen der staatlichen Werftgebäude, die sich

heute in unseren Reichskriegshäfen finden, zeigten sich 1870/71 nur

die Anfänge. Alle diese unliebsamen Erscheinungen bildeten nur eine

Folge des Zeitmangels. Frankreichs Kriegsflotte bestand bei Beginn

des Krieges 1870/71 aus vierunddreißig gepanzerten Fregatten und

Korvetten, fünfundzwanzig schwimmenden Batterien, vierundzwanzig

Schraubenlinienschiffen, hundertzweiunddreißig Fregatten, Korvetten

oder Avisos mit Rädern oder Schrauben, achtundsiebzig Kanonenbooten

und sechzig Transportschiffen. Ein Teil dieser gewaltigen Macht kam

natürlich für einen Angriff auf die deutsche Küste in Frage; weil

Frankreich lange Jahre sich auf diesen Krieg rüstete, galt es nicht als

unwahrscheinlich, daß ein Angriff der Seestreitkräfte auf die deutsche

Küste Erfolg verhieß. Preußens Flotte hatte somit einen sechsfach

stärkeren Feind gegen sich. In Frankreich hatte man, wie spätere

Veröffentlichungen beweisen, den Gedanken gefaßt, auch friedliche

Hafenplätze zu nehmen, um Deutschlands Handelsbeziehungen wirksam zu

schädigen. Das Privateigentum der Kaufleute sollte nicht geschont

werden, um dadurch dem Wirtschaftsleben Deutschlands Schaden zuzufügen.

Die französischen Schiffsgeschütze zeigten sich denen der deutschen

Schiffe bedeutend überlegen. Während der zweiten Hälfte des Krieges

konnten sie im Entscheidungskampf um Paris ein bedeutungsvolles Wort

noch mitsprechen.

Wo befanden sich nun die Seestreitkräfte der beiden Nationen beim

Beginn des Krieges?

In den Frühjahrsmonaten des Jahres 1870 sollten die drei deutschen

Panzerfregatten ‚König Wilhelm‘, ‚Kronprinz‘ und ‚Prinz Friedrich

Karl‘ mit dem Panzerfahrzeuge ‚Prinz Adalbert‘ ein gemeinsames

Geschwader bilden, das zur Einübung der Mannschaft, zur Erprobung

der neuen Geschütze, sowie zu allerlei taktischen Manövern eine

größere Übungsreise zu unternehmen hatte, die sich bis nach den

Azoren ausdehnen sollte. Leider war der Beginn dieser Übungsfahrt

nicht von Erfolg begleitet. Dem ‚Prinz Friedrich Karl‘ wurden infolge

einer falschen Lotsenanweisung im Großen Belt mehrere Schraubenflügel

abgerissen. Die im Hafen von Plymouth vorgenommene Ausbesserung

durch Einsetzen der Ersatzflügel gab dem Schiffe nur wenige Knoten

Fahrtgeschwindigkeit. Durch Platzen eines Dampfzylinders erlitt

die Maschine des Panzers ‚König Wilhelm‘ einen größeren Schaden,

so daß auch dessen Fahrtgeschwindigkeit sich auf zehn Knoten

herabminderte. Und um das Unglück vollzumachen, verminderte sich

auch die Leistungsfähigkeit der Fregatte ‚Kronprinz‘ durch einen

Maschinenschaden; auch das letzte der Schiffe, das Panzerfahrzeug

‚Prinz Adalbert‘, zeigte gleichfalls keine besonderen Vorzüge.

In den heimischen Gewässern befanden sich für den Krieg nur wenige

Schiffe in Dienst: vier Kanonenboote und einige Schulschiffe, die für

einen Seekampf nicht in Frage kamen. Auf den auswärtigen Stationen

fuhren im Hinblick auf die noch geringen deutschen Seestreitkräfte

nur wenige Schiffe: ‚Herta‘ und ‚Medusa‘ in Ostindien, ‚Arkona‘ im

Atlantischen Ozean und ‚Meteor‘ in Westindien.

Die Stellung der französischen Kriegsflotte zu Beginn des Feldzuges war

eine weit günstigere, da Frankreich ohne vorangehende Rüstung in seinen

Küstengewässern zwei Übungsgeschwader besaß. Eine Flottenabteilung, die

sich aus sechs Panzerfahrzeugen und den dazu gehörigen Begleitschiffen

zusammensetzte, stand unter dem Befehl des Vizeadmirals Fourichon und

befand sich im Mittelmeere. Drei Panzerschiffe unterstanden dem Admiral

Dieudonné; dieses Geschwader zeigte sich im Kanal, ferner konnte eine

größere Anzahl von Kriegsschiffen innerhalb zweier Tage in den fünf

Kriegshäfen des Landes in Dienst gestellt werden. Bei der Größe der

französischen Kriegsflotte ist es selbstverständlich, daß auf den

verschiedenen Stationen in der Levante, in Ostasien, im Indischen

und Stillen Ozean, in Westindien, in Südamerika, sowie auch an der

Westküste von Afrika einzelne Fahrzeuge wie ganze Flottenabteilungen

die französische Flagge zeigten, und somit waren die Befürchtungen, daß

die französische Flotte urplötzlich in die deutschen Seehäfen einfallen

könnte, durchaus berechtigt.

Was tat die deutsche Flottenleitung? Sie nahm darauf Bedacht, das

in der Nähe der französischen Küste schwimmende Panzergeschwader

heimzubeordern. In den Tagen der Verwicklungen trug Prinzadmiral

Adalbert, der Führer der deutschen Panzerflotte, den politischen

Verhältnissen durchaus Rechnung. Als er am 10. Juli aus Plymouth fuhr,

führte er die Segelorder nach den Azoren wohl weiter aus, aber das

Panzerfahrzeug ‚Prinz Adalbert‘ schickte er nach Dartmouth, um von hier

aus die Nachrichten der deutschen Botschaft in London in Empfang zu

nehmen. Nicht lange sollten diese ausbleiben. Schon am 13. Juli stieß

das Panzerfahrzeug an einem vorher verabredeten Sammelplatz im Ozean

zum Geschwader. Die Mitteilungen lauteten sehr ernst und veranlaßten

den Admiral, nach Plymouth zurückzukehren und nach einem Aufenthalte

von nur wenigen Stunden die Heimfahrt anzutreten. Die gefechtsbereiten

Schiffe kamen glücklich am Abend des 16. Juli bei Wilhelmshaven an.

Am 17. Juli wurde das überflüssige Segelwerk an Land geschafft und

die Schiffe vollständig gefechtsbereit gemacht, dazu mit scharfer

Munition Schießübungen abgehalten. Die schnelle Rückkehr des deutschen

Geschwaders blieb der französischen Heeresleitung unbekannt, wie aus

den Berichten des französischen Admirals hervorging, der noch am 25.

Juli nach den deutschen Schiffen suchte und erstaunt war, sie nicht zu

finden.

An den Ufern der Elbe, der Weser und der Ems, wie auch an den Gestaden

der Nord- und Ostseeküste wurden Befestigungen geschaffen und in aller

Eile bei Kiel, Wilhelmshaven, Cuxhaven schnell Werke angelegt und mit

Geschützen besetzt, und die Flußhäfen sämtlicher gefährdeten Fahrwasser

wurden durch Sperren eingeengt. Zu dem Zwecke benutzte man Seeminen,

Ketten, Taue, Balken. Zahlreiche Beobachtungsstationen an der ganzen

Seeküste von Borkum bis Memel standen mit dem Telegraphennetze des

Landes in Verbindung. Diese gewiß nicht kleine Aufgabe der Verteidigung

kam rasch zur Ausführung und bot trotz der Schnelle eine sichere

Vorkehrung gegen etwaige Angriffe des Feindes. Vizeadmiral Jachmann

mußte bei der Mobilmachung eine Verteilung der Seestreitkräfte an

der Seeküste vornehmen. Drei Panzerfregatten, sowie die königliche

Jacht ‚Grille‘ und fünf Kanonenboote wurden auf die Außenjade gelegt,

um dieses Fahrwasser und Wilhelmshaven zu schützen. Für die Weser,

die damals noch keine hinreichende Wassertiefe besaß, um größere

Seeschiffe passieren zu lassen, genügten als Schutz vier Kanonenboote.

Das Elbwasser wurde geschützt durch Küstenbatterien, die sich noch im

Ausbau befanden, und durch drei Kanonenboote. Zur Bewachung der Ems

und zur Beunruhigung der feindlichen Verbindungslinien dienten zwei

Fahrzeuge. Ungeschützt blieb die Mündung der Eider. In der Ostsee

besaß Kiel zwei Avisos zur Auskundschaftung, und zur Verteidigung vier

Kanonenboote, eine Hafensperre, sowie die Küstenbatterien. Bei Rügen

und Stralsund lagen zwei Schiffe, die ‚Danzig‘ und die kleine ‚Nymphe‘.

Der sorgsam erwogene Verteidigungsplan konnte selbstverständlich

sich nur auf eine Verteidigung beschränken. Denn die Stärke der

französischen Kriegsflotte schloß ein Vorgehen der deutschen Flotte

aus. Zur Verteidigung der Seeküste stellten die Landtruppen das

Seebataillon, eine Seeartillerieabteilung und die vier mobilisierten

Armeekorps der Küstenprovinzen. Vom 28. Juli an verblieben nur die

17. Division in Schleswig-Holstein, drei Landwehrdivisionen und etwa

neunzigtausend Mann zur Verfügung des Generals Vogel von Falkenstein,

der das Küstenkommando innehatte.

Deutsche Flagge, sei gegrüsst! Friedens- und Kriegsfahrten der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine · 第 47 / 97 题