Lange Zeit konnte Paul Beneke sich der Ruhejahre nicht erfreuen. Schon
im Jahre 1473 mußte er wieder hinaus, um den Verhandlungen mit England,
die sich bedenklich in die Länge zogen, größeren Nachdruck zu geben.
[Illustration: Danziger Kriegsschiff ‚Peter von Danzig‘.]
Eduard IV. konnte seinem Versprechen nicht nachkommen, da die
englischen Kaufleute ihm nicht folgten; sie zum Gehorsam zu zwingen,
besaß der König nicht die Macht. Dadurch erlitten die hansischen
Handelsbeziehungen großen Schaden, die zahllosen Kapereien brachten
ungeheure Verluste. Diesen unglückseligen Zuständen sollte jetzt
endgültig ein Ende bereitet werden, und der für den Seekrieg
ausersehene erprobte Führer Paul Beneke ging mit einem seetüchtigen
Schiff, ‚Peter von Danzig‘, hinaus auf den Kaperfang. Das Glück war ihm
auch diesmal hold. Durch Zufall erhielt er die Nachricht, daß englische
Kaufleute zwei Schiffe in Holland befrachtet hätten. Um sie vor den
hansischen Kriegsfahrzeugen zu schützen, wurden sie zum Scheine an
einen der Räte Karls des Kühnen von Burgund verkauft, mit Italienern
bemannt, und außerdem segelten sie unter burgundischer Flagge. So
hatten sich die Engländer gesichert und glaubten ungehindert mit ihren
Fahrzeugen das Ziel zu erreichen.
Beneke ließ die Frachtschiffe bis an die englische Hoheitsgrenze
heranfahren; dort konnte er sie nach dem üblichen Kriegsrechte
angreifen, weil sie dem Feinde Waren zubrachten.
Die Mannschaft des ‚Peter von Danzig‘ war unter dem Vorgänger Bernd
Pawest sehr verwahrlost; es wurde Beneke schwer, strenge Ordnung und
Zucht unter diesen ‚Schiffskindern‘ zu halten. In dem Augenblicke,
da der entscheidende Angriff auf die feindlichen Schiffe bevorstand,
ließen sie ihren Hauptmann fast im Stich. Darüber erzählt der alte
Lübecker Lesemeister Reimar Kock in seiner Chronik:
„Paul Beneke näherte sich den beiden Galeeren, bot ihnen seinen Gruß
und fragte, woher sie kämen und wohin sie willens wären. Aber der
Hauptmann der großen Galeere gab ihm eine spöttische Antwort, was
er darnach zu fragen hätte, ob ihm nicht das Wappen sowohl in der
Flagge wie auf der Galeere bekannt sei. -- Denn der hochfahrende
Lombarde ließ sich bedünken, der Deutsche mit seinem kleinen Schiffe
müsse dem Welschen wohl weichen. Aber er fand einen rechtschaffenen
deutschen Mann vor sich. Deshalb sprach Paul zu dem Lombarden, er solle
die Flagge streichen und die Güter herausgeben, die den Engelschen
gehörten; wenn er es aber nicht mit Gutem wolle, solle er schon das
Streichen lernen. Aber diese Worte achtete der Welsche für Torheit, er
ließ vielmehr statt der Antwort eine Büchsenladung auf den Deutschen
abknallen. Alsbald aber war Paul Beneke und sein Volk fertig, setzte
bei und scharmutzierte eine Zeitlang mit dem Welschen. Weil aber das
Schiffsvolk sah, daß die Welschen an Geschütz und Mannschaft überlegen
waren, wurde es zaghaftig und fing an zu weichen. Da hub Paul Beneke
zornig und traurig zugleich an: „Ach, Gesellen, was macht ihr da? Was
soll daraus werden, und wie wollen wir das verantworten? Wollte ich
doch, ich hätte diesen Tag nie erlebt, da ich mit eigenen Augen sehen
muß, wie so mancher deutsche Kriegsmann und Seemann vor den Welschen
verzagt und die Flucht nimmt! Wäre es nicht ehrenvoller, daß wir alle
vor unseren Feinden um unseres Vaterlandes Freiheit stürben, als daß
wir unser Leben lang die Schande tragen, daß die Kinder mit Fingern
auf uns weisen und uns nachschreien: Das sind sie, die sich von den
Welschen jagen lassen?! --
„Das wird den Engelschen Mut machen, und sie werden alle Zeit gewinnen
und wir davon laufen. Wie manchen deutschen frommen und braven Seemann
und Kaufmann werden wir um Leib und Gut bringen! Ach, wären wir nur
nicht losgegangen, es wäre ja besser, daß uns die Welschen ihr Leben
lang nicht mit Augen gesehen!
„Habe ich euch nicht vorher gesagt: ‚Gesellen, das wäre wohl eine
gute Beute, aber sie wird Arbeit kosten! Wolltet ihr alle, wie ich,
mit Ehren drauf und dran, so sollte sie uns nicht entgehen, aber
unerschrockene Herzen und Fäuste gehören dazu. Die Galeere ist groß und
wie ein scheußliches Biest anzusehen, dessen ihr nicht gewohnt seid,
dazu viel größer als unser Schiff und mit vielem Volk und Geschütz
ausgerüstet, jedoch es sind Welsche und keine Deutsche. Wollen wir nach
unserer Väter Art mit Herzen und Fäusten Deutsche sein, so soll die
Beute uns nicht entgehen und uns unser Leben lang gut tun.‘
„Da riefet ihr alle, ich solle euch nicht anders befinden, als wie es
deutschen Männern wohl anstünde. O großer Gott, nun muß ich mit eigenen
Ohren anhören, daß uns die Welschen nachrufen, so müsse man deutsche
Hunde jagen. Sollte ein ehrlicher Deutscher nicht eher sterben, als das
anhören?“ --
Mit solchen und ähnlichen Worten machte Paul Beneke seinem Volk das
Blut wieder warm, daß es sprach: „Lieber Herr Hauptmann, hier ist noch
nicht Großes versehen. Denn wenn wir eine Wendung machen, kann es uns
viel, den Feinden keinen Nutzen bringen. Laßt uns jetzt nur alles auf
das beste einrichten. Wir sind doch Deutsche und wollen uns auch als
Deutsche finden lassen. Aber führe uns nochmals gegen den Feind. Die
Welschen sollen Hunde finden, die nicht laufen, sondern weidlich beißen
können.“
Als nun Paul Beneke merkte, daß der Kriegsleute Blut wieder warm und
hitzig geworden, wollte er sie nicht höher erbittern, sondern gab dem
Steuermann gute Worte, daß er das Schiff an die große Galeere steuere.
Da entfiel den Welschen der Mut, da begannen die Hansen sich als
Deutsche zu erweisen. Wie Löwen saßen sie dem Feinde im Nacken und
packten ihn, und ehe er sich’s versah, fielen die Enterhaken, und sie
waren in der Galeere und begunnten zu würgen, was ihnen in den Weg kam.
Da hätte man Wunder sehen mögen, wie der Hauptmann von der Galeere, der
vorher alle Deutschen allein fressen wollte, und die anderen Welschen
auf die Knie fielen, sich vor die Brust schlugen und die Deutschen wie
die Götter anflehten.
Und hier ließ Paul Beneke sich abermals wie ein Deutscher hören und
sehen, denn, wiewohl die Welschen mit ihrem Hohn an den Deutschen
kein Gutes verdient, konnte das edle deutsche Blut nicht anders, als
Barmherzigkeit erweisen über die, welche, überwunden, sich demütigten
und Gnade begehrten.
„Wollte Gott, daß solcher deutschen Hauptleuten viele wären!“ so
schließt der ehrsame Lesemeister seinen schlichten Bericht.
Im Verlaufe des Kampfes floh das kleinere Schiff; die Danziger waren
auch mit dem einen als Beute zufrieden, barg das Schiffsinnere doch
Waren im Werte von über 1 Million Mark, und den Hauptvorteil dieses
erfolgreichen Sieges bildete der Friede vom 28. Februar 1474. England
fügte sich der Hanse und erkaufte den Friedensschluß gegen eine Zahlung
von zehntausend Pfund Sterling.
* * * * *
Paul Beneke trat nach dieser Tat nicht mehr hervor, bis zu seinem Tode
herrschte Friede. Leider starb der Danziger Seeheld schon im Jahre 1480
an einer Seuche, die damals Danzig heimsuchte.
[Illustration]
[Illustration: Ditmar Koels Einzug in Hamburg.]
Ditmar Koel nimmt den Seeräuber Kniphoff gefangen (1525).
Christian II., König von Dänemark, war ein Wüterich auf dem Throne.
Das Verhängnis ereilte ihn durch seinen Oheim, Herzog Friedrich I. von
Holstein, der ihn mit Hilfe der Hansen vom Throne verdrängte und zur
Flucht in das Ausland zwang.
Der vertriebene König Christian II. eilte an den Hof der Königin
Margarete von Holland, um von hier aus die Wiedereroberung seines
Thrones zu betreiben. Weder Karl V., noch England, noch Brandenburg
wollten ihm hierbei helfen. Und so blieb er auf sich allein angewiesen.
Im Jahre 1525 ließ er in Flandern vier Fahrzeuge ausrüsten und setzte
ihnen die Aufgabe, eine Stadt im Dänenlande zu erobern, damit diese
dem vertriebenen Fürsten bei seinen weiteren Kriegsunternehmungen als
Stützpunkt dienen könne, gleichzeitig sollten die Schiffe auch den
verhaßten Hansen Schaden zufügen, so viel sie nur konnten. Für das
Unternehmen fand der König in den Niederlanden tüchtige Mithilfe;
öffentlich sprach man allerdings nur von einem ehrlichen Kriegszuge
und nicht von der beabsichtigten Piraterei. Der Anführer der Schiffe
war Klaus Kniphoff. Er stammte aus einem vornehmen Dänenhause; eine
stattliche Gestalt und ein gewandter, starker Körper waren ihm zu
eigen, seinen aufgeweckten hellen Geist trieb der große Ehrgeiz, den
Hansestädten Schaden zuzufügen und Norwegen zu erobern.
Am 16. Februar 1525 erhielt Kniphoff einen förmlichen Kaperbrief,
und außerdem ernannte ihn der König im September des Jahres zum
Obersten zur See. Auf seinen Kriegszügen beachtete der Schiffsführer
den Unterschied zwischen ehrlicher Fehde und der Seeräuberei nicht
hinreichend, dazu vergaß er, den Hansestädten einen Fehdebrief zu
schicken. Gerade das Fehlen des Briefes sollte ihm später noch zum
großen Verhängnis werden.
Viel Volk strömte Kniphoff zu, als er die Werbetrommel rühren ließ.
Allerlei seekundiges Schiffsvolk und viele Landsknechte, wohl über
tausend Mann, kamen zu ihm, selbst Adelige fehlten in diesem bunten
Kreise nicht. Simon Gans von Putlitz, Jürgen von Sydow, Benedikt von
Ahlefeld, ein verkommener holsteinischer Ritter, der sein Vermögen
verpraßt hatte, waren die Raubgenossen Kniphoffs. Sie alle erhofften
eine reiche Kriegsbeute. Das größte unter den Schiffen Kniphoffs war
ein stattlicher Viermaster, die ‚Galion‘, der sich drei kleinere
Schiffe, der ‚Bartrum‘, der ‚fliegende Geist‘ und der ‚weiße Schwan‘,
zugesellten.
In den Fastentagen des Jahres 1525 begann der Raubzug. Bei der Insel
Vlieland gesellte sich ein übel berüchtigter Freibeuter Klaus Rode
zu dem Geschwader. Nun konnte die Jagd auf die hansischen Schiffe
beginnen. Besonders die Hamburger Kauffahrer hatten sie sich zum Ziel
ihrer Räubereien gesetzt. Manches stattliche Schiff, reich beladen
mit den Schätzen des Nordens oder des Südens, fiel in die Hände der
Seeräuber, die in den niederländischen Seestädten ungehindert die
geraubten Güter verkauften. Soviel die Hansestädte auch dagegen
schrieben, sie erreichten anfangs nichts, später nur, daß den Piraten
in Holland kein Schutzaufenthalt mehr gewährt wurde. Ein sicheres Feld
seiner Tätigkeit fand der Seeräuberhauptmann Kniphoff mit seiner Schar
in dem Fahrwasser zwischen Jütland und Norwegen und in der Nordsee.
Der erzielte reiche Erfolg brachte Kniphoff auf den Gedanken, den
Stützpunkt der Hansen im Norden, Bergen, die reichste Stadt Norwegens,
anzugreifen.
Nachdem er an verschiedenen Stellen der norwegischen Küste gelandet war
und dort Güter der hansischen Kaufleute geraubt, auch Hab und Gut den
Bürgern und Bauern abgenommen hatte, sollte der kühne Plan, die Stadt
Bergen zu erobern, durchgeführt werden. Die dort lagernden Schätze
sollten mithelfen, seine Herrschaft über ganz Norwegen auszubreiten.
Jedoch das Schicksal hatte es anders bestimmt; die Bürger Bergens,
dazu die hansischen Kaufleute in ihren Niederlassungen, bereiteten
den Seeräubern einen guten Empfang. Diese wirksame unvorhergesehene
Begrüßung hatte den Erfolg, daß Kniphoff mit seinen Schiffen
schleunigst dem Meere wieder zustrebte, da ihm hier eine sichere und
reiche Beute wurde.
Inzwischen hatte der Hamburger Rat vier Schiffe ausgerüstet, denen er
auftrug, einen Tanz mit den Seeräubern zu wagen. Es waren zweimastige
Kauffahrteischiffe, die man durch Geschütze zu Kriegsschiffen
ausstattete. Die Mastkörbe wurden so verstärkt, daß mehrere Schützen
sich darin aufstellen konnten; am Hinterdeck standen Kanonen, die
man durch kastellartige Aufbauten schützte. Als die Werbetrommel des
Rates sich rührte, meldeten sich Söldner, Schiffsmannschaften und
Geschützmeister in großer Zahl. Simon Parseval bekam die Führung der
Flotte, ihm zur Seite standen als Schiffsführer Ditmar Koel, Klaus
Hasse und Dirk von Minden, unter diesen standen die vier Hauptleute,
die das Kriegsvolk anführten.
Ein trefflicher Wind kam den Schiffen bei der Ausfahrt in den
Pfingsttagen des Jahres 1525 sehr zustatten. In rascher Fahrt
erreichten sie Helgoland, wo sie vorläufig Aufenthalt nahmen, um
sichere Kunde über den Aufenthalt der Seeräuber zu erhalten. Doch von
diesen war nichts zu erspähen. Die Kreuzfahrt durch die Nordsee verlief
ergebnislos, im Spätsommer des Jahres kehrten die Schiffe ohne irgend
einen Erfolg heim. Bald nach der Rückkehr kam die Nachricht, daß Klaus
Kniphoff in der Oster-Ems sich aufhielte, sofort beschloß der Rat eine
neue Ausfahrt des Geschwaders.
Schwere Herbststürme drohten, doch mutig verfolgte die am 3. Oktober
wieder ausfahrende Hamburger Flotte das Ziel, die Seeräuber zu fangen.
Zwei kleinere Schiffe verstärkten die Zahl der Kriegsfahrzeuge.
Die sichere Kunde, daß das Wattenmeer östlich vom Dollartbusen der
Aufenthaltsort der Seeräuber sei, wurde bestätigt. Kniphoff hielt sich
hier auf, um seine Mannschaft zu verstärken und seine Schiffsvorräte
zu ergänzen. Seinem alten Plane, Bergen zu erobern, blieb er treu. Das
Mißgeschick der Strandung der ‚Galion‘ war nicht von langer Dauer,
da die Wogen der Nordsee das Schiff bald wieder flottmachten. Eilig
und ungehindert konnten die Vorbereitungen zur großen Raubfahrt nach
Norwegen fortgesetzt werden. In diese Eile griffen die Hamburger
störend ein.
Großer Jubel herrschte auf den Schiffen des Admirals Parseval über die
Auffindung der Seeräuberschiffe, dicht fuhren die Schiffe Hamburgs an
die Piratenflotte heran, um ihr den Weg zu versperren. Unter freudigem
Geschrei stieg die Hamburger Flagge am Maste empor, und der erste
donnernde Gruß aus ehernem Munde bot den Seeräubern Willkommen.
Der Herbstabend kam und mit ihm die Nebel, die einer Fortsetzung des
Kampfes hinderlich waren. Noch in den Abendstunden hielt Parseval mit
seinen Schiffsführern und seinen Hauptleuten Kriegsrat, um mit ihnen
den Verlauf des Angriffs zu besprechen.
Jeder der Schiffsführer begehrte die Ehre, die ‚Galion‘ anzugreifen
und zu entern. Das Los entschied. Ditmar Koel war der Glückliche, dem
diese Aufgabe zufiel. Dirk von Minden sollte den ‚Bartrum‘, Klaus Hasse
den ‚fliegenden Geist‘ angreifen. Der Admiral und die beiden kleinen
Bojer[18] wollten Ditmar Koel bei der Lösung seiner Aufgabe helfen.
Auch in der Abendstunde waren die Freibeuter nicht müßig. Wohl führte
Klaus Rode wilde Reden, in denen er die Hamburger Krämerseelen und
Apfelschützen schalt. Großsprecherisch prahlte er, die Nußschalen der
Hanseaten in den Grund zu bohren.
Ganz anders verhielt sich Kniphoff. Mit Vorsicht und Sachkenntnis
waltete er seines Führeramtes. Seine hochbordigen Schiffe, die über
die seiner Gegner hinwegragten, sollten die größeren Fahrzeuge der
Hamburger unter Feuer nehmen und sich nicht um die kleinen Bojer
bekümmern, und gerade diese Anordnung sollte sein Verderben werden.
Die letzte Nacht kam. Durch die Dunkelheit der Herbstnacht glänzten
nur die Steuerlichter der feindlichen Schiffe, in fröhlicher
Ausgelassenheit gedachten die Kriegs- und Söldnerscharen des kommenden
Tages und des Sieges. Klaus Kniphoff wollte der Schlaf nicht kommen.
Seiner inneren Unruhe glaubte er dadurch am besten zu begegnen, daß
er noch in der Nacht durch einen zuverlässigen Schiffsschreiber
seine Besatzung durch Werbung unter den Küstenbewohnern um sechzig
Mann verstärkte. Die Geworbenen ahnten nicht, daß sie den glänzenden
Versprechungen zuliebe ihr Leben verspielt und ihre Freiheit verwirkt
hatten.
Ein schöner Herbstmorgen brach an. Als die Sonne aus dem Meeresnebel
hervorstieg, trafen die Gegner die letzten Vorbereitungen. Ein guter
Trunk sollte den Kampfesmut und die Stimmung unter den Mannschaften
heben. Den Gebräuchen der Zeit folgend, ließen die Hauptleute der
Hansen ihren Scharen Warmbier mit Schießpulver reichen, und wie ein
alter Chronist meldet, seien die Hamburger Kriegsleute in Wut geraten.
Noch einmal versammelten die Schiffshauptleute ihre Mannschaften um
sich, um sie durch die Ansprachen anzufeuern, allezeit im Kampfe
ihre Pflicht zu tun. Sie sagten: „Ihr Hamburger, gute Gesellen, heut
nehmt euch zusammen und habt der Feinde acht. Wenn ihr euch von
ihnen bezwingen lasset, so wisset ihr, daß es euch Leib und Leben
kostet; das vergeßt nicht, und schaffet, daß ihr es euren starken
Vorfahren gleichtut, die alle Freibeuter aus der See holten, gedenket
des tapferen Simon von Utrecht und seiner Mannen, wie sie einst den
Störtebeker bezwangen, und zeiget euch wert, ihre Nachkommen zu sein,
auf daß die ehrenreiche Stadt Hamburg bei ihrem alten Ruhm und Preis
bleibe! Daran gedenket ihr alle!“
Der Kampf begann. Die kleinen Bojer der Hamburger segelten dicht
an die ‚Galion‘ Kniphoffs heran. Mächtig ragten die drohenden
Geschütze über die kleinen Schiffe hinweg, und wacker hielten sich
die beiden. Tüchtig spickten sie den feindlichen Schiffsleib mit
verderbenbringenden Eisenkugeln. Bald blitzte es vom Bord des Hamburger
Admiralschiffes auf, die Schlangen und Kartaunen begannen ein ernstes
Wörtlein mitzusprechen. Um sich vor Verlusten tunlichst zu schützen,
hatte Admiral Parseval die Mannschaft unter Deck gesandt. Diese
Schutzmaßnahme sollte ihnen noch von Vorteil werden. Klaus Hasse eilte
an den ‚fliegenden Geist‘, dem es zunächst im Nahkampf zu Leibe ging.
Am Bord des Piratenschiffes, das von den Hamburgern geentert war,
begann ein grausamer Nahkampf. Der Tod hielt reiche Beute, und die
Hamburger bewiesen ihre Überlegenheit und ihren Mut. Die überbleibenden
Schiffsleute trieben sie unter Deck, sperrten sie ein und gaben ihnen
dort unten gern ein Freiquartier. Nicht ganz so glücklich war Dirk von
Minden; sein Schiff geriet in eine Untiefe, so blieb dem Schiffsführer
nichts weiter übrig, als seine Boote zu bemannen und seinen kämpfenden
Kameraden zu Hilfe zu eilen.
Während der Zeit hatten die kleinen Bojer dem Kampf mit der ‚Galion‘
-- dem Hauptschiff der Seeräuber -- standgehalten und dem feindlichen
Schiffskörper manche Wunde beigebracht. Endlich hielt Ditmar Koel
den letzten Kampf für aussichtsreich. Sichern Auges erspähte er die
Gunst des Angriffs, mit Umsicht und Ruhe erteilte er seine Befehle.
Die Schützen mußten die Büchsen laden, die Kartaunen erhielten ihre
verderbenbringenden Geschosse, und dann ging’s zum Angriff über.
In rascher Fahrt durchschnitt Ditmar Koels Schiff die Wogen, um das
feindliche Schiff zu entern. Die aufschäumenden Bugwellen bereiteten
den Freibeutern viele Freude, denn der Untergang des Hamburger schien
ihnen sicher. Kaum war Ditmar Koel mit seinem Schiff heran, so ertönte
eine Breitseite, deren Wirkung Entsetzen unter den Piraten verbreitete.
Ein dichtes Knäuel Toter und Verwundeter lag auf dem Verdeck des
Schiffes. Und noch ehe die Seeräuber Zeit fanden, die Eisengrüße der
Hamburger zu erwidern, enterten diese unter Ditmar Koels Anführung auf
die feindlichen Schiffe.
An Bord der ‚Galion‘ erhob sich ein furchtbares Getümmel. Der
entscheidende Nahkampf begann, und auch dabei bewies Ditmar Koel seine
Umsicht. Sowie seine Leute an Bord des Seeräuberschiffes standen,
eilte ein Teil unters Verdeck, um die Mannschaften an den Geschützen
unschädlich zu machen. Mit verhaltenem Grimme tobte der Kampf hin und
her. Kampfgeschrei und Schlachtrufe ertönten. Blitzende Enterbeile
verrichteten ihr schauriges Werk. Mutig kämpften die Seeräuber;
todesmutig stellten sie sich den Hamburgern entgegen, angefeuert durch
den Gedanken: lieber den Tod als eine schmachvolle Gefangenschaft. Aber
trotz des Mutes der Verzweiflung blieb der Sieg den Hamburgern.
Ihre Schwerter, ihre sausenden Äxte, die schwirrenden Bolzen ihrer
Armbrüste, die Feuergarben ihrer Büchsen und Kartaunen verrichteten
ein blutig Werk. Über die Gefallenen hinweg wogte der Kampf.
Die Schmerzensschreie der Verwundeten wurden übertönt durch das
Kampfgetöse. Aber was half den Seeräubern alle Verzweiflung? Es war ein
vergebliches Ringen. Zu fest hatte sich der Kreis der Enterer gefügt;
sie konnten nicht bezwungen werden. Weiter raste der Kampf und forderte
immer neue Opfer. Allüberall, in Ecken und Winkeln, in den Mastkörben
und im Tauwerk suchten die Hamburger Bootsleute nach ihren Feinden; und
mancher von diesen konnte an seinem Leibe die Kraft und die Schärfe
ihres Kampfwerkzeuges spüren. Klaus Rode, der Schwätzer, fiel der
Streitaxt der Hamburger zum Opfer. Klaus Kniphoff begab sich in ihre
Gefangenschaft.
Endlich gebot die allgemeine Erschöpfung dem Kampfe Einhalt, die
‚Galion‘ verblieb den Hamburgern, und weithin schallte das jubelnde
Viktoria der Sieger. Auch die andern waren nicht müßig geblieben. Das
Piratenschiff ‚Bartrum‘ saß in einer Untiefe fest, und so viel sich die
Besatzung abmühte, das Fahrzeug wurde trotz der Erleichterung nicht
wieder flott. Der Hamburger Schiffsführer Dirk von Minden beobachtete
seine sichere Beute, und als auch ihm der Augenblick günstig schien,
eilten seine Leute in den Booten an das Piratenschiff heran. So
viel auch dessen Besatzung Steine und Kugeln vom Bord des Schiffes
herabschleuderte, es sollte ihnen nicht gelingen, sich der Angreifer zu
erwehren. Hamburgs Bootsmannschaften eroberten die ‚Bartrum‘ und bald
darauf auch das letzte Schiff, den ‚weißen Schwan‘, und damit war die
Piratenflotte zerstört, die Feinde der Hanse waren in den Händen ihrer
Gegner.
Der Herbsttag ging zur Rüste. Von sieben bis vier Uhr währte der
Kampf; die Opfer des erbitterten Streites wurden ins Meer gesenkt, sie
trieben dahin -- Seemannslos. Die Reinigung der Schiffe ging schnell
vonstatten, dergleichen die Bestattung der Toten.
Am nächsten Morgen trat Admiral Parseval mit seinen Schiffen die
Heimfahrt an. Es war ein stattlicher Zug, als der siegreiche Anführer
mit vier erbeuteten Schiffen in die Elbe einfuhr. Der Dank der freien
Stadt Hamburg blieb nicht aus.
Im Auftrag des Rats begrüßten zwei Ratsmänner, Dietrich Lange und
Otto Bremer, samt dem Stadtpfeifer die heimkehrenden Sieger. Ein Faß
feinen Weines brachten sie als Willkommengruß der Heimatstadt den
Heimkehrenden entgegen. Bei Blankenese fand die Begrüßung statt. Auf
dem Schiff des Admirals Parseval trafen sich die Schiffsführer und
die Hauptleute, und in ihrem Kreise begann ein festliches Gelage;
der Becher kreiste, auch Kniphoff, Hans von Putlitz und Sydow nahmen
daran teil und schmausten mit. Als die Flotte in Hamburg einlief,
hatte Hamburgs Bürgerschaft es sich nicht nehmen lassen, in den Waffen
ihrer Zeit zu erscheinen; geschmückt mit Harnisch und Eisenhaube,
bewaffnet mit Spießen und Schwertern und Hellebarden, so wurden die
Tapferen begrüßt. Als der Gefangene Kniphoff und seine Gesellen
ausgeschifft wurden, läuteten von den Kirchtürmen die Glocken, die
Geschütze auf den Wällen ertönten, und unter dem Jubel der ganzen
Stadt setzte sich der Zug in Bewegung. Die Stadtmusik, Trommler,
Pfeifer und Pauker, marschierte voran, ihr folgten die Ratsmänner;
dazwischen sah man den siegreichen Admiral und seinen Schiffshauptmann
Ditmar Koel; dann folgten die andern Sieger nebst den Landsknechten;
dann das Seeräuberkleeblatt Klaus Kniphoff, Hans Putlitz und Jürgen
von Sydow. Ihre Freiheit war dahin, in Ketten aneinandergeschlossen
marschierten sie vorbei. Den Beschluß bildeten die übrigen Gefangenen
und eine Abteilung Hamburger Landsknechte. Am Rathause wurden die
Sieger durch den Bürgermeister und die Ratsleute begrüßt. Noch einmal
sagte man ihnen namens der Stadt Dank. Die Gefangenen brachte man nach
dem Wilseder Turm am Tor; auf den höchsten Boden kam Klaus Kniphoff,
denn er war das Haupt der Freibeuter; ein Stockwerk tiefer nahmen die
beiden Edelleute und unten die gewöhnlichen Gefangenen Aufenthalt. Dem
Gebrauche der Zeit gemäß wurden die erbeuteten Fahnen im Dome an einem
Pfeiler in der Nähe der Kanzel als Andenken an den Sieg aufgehängt, im
Zeughaus erhielten die eroberten Geschütze ihren Platz. Die Beute ward
unter die Kriegs- und Bootsleute zu gleichen Teilen verteilt.
Schon bald, am 25. Oktober 1525, trat das Gericht zusammen unter dem
Vorsitze der Richterherren Jörgen Plate und Albert Westede. Kniphoffs
Schuldkonto war recht groß; die Wegnahme von 172 hansischen Schiffen,
Piraterei und Blutvergießen warf ihm die gegen ihn gerichtete Anklage
vor. Seine Verteidigung führte er selbst in geschickter Art, jedoch
seine Klugheit half ihm nichts. Was er für sich und seine Leute
verlangte, anständige Kriegsgefangenschaft bis zur Auslösung, wurde
ihm versagt. Er wurde des Seeraubes für schuldig erklärt und erhielt
damit die Strafe der Seeräuber, die Enthauptung, mit ihm noch sechzehn
seiner Genossen. Der Rat der Stadt Hamburg bestätigte das Urteil, und
trotzdem der Stiefvater Kniphoffs, der Bürgermeister von Malmö, ein
namhaftes Lösegeld bot, mußte Kniphoff mit sechzehn seiner Genossen den
Todesweg antreten.
„Am Montag den 30. Oktober wurde Kniphoff,“ so erzählt’s Otto Beneke in
seinen Hamburger Sagen, „hinausgeführt, er ganz allein, denn dies hatte
er sich als eine Gnade erbeten, damit es ihm nicht das Herz breche,
wenn er die Verwünschungen seiner Genossen vernehmen müsse. Es war
frühmorgens, da der Fron ihn abholte. Kniphoff war bereit, er streckte
ihm die Hände entgegen. Unverzagt und frisch schritt er zwischen den
Bütteln und Kriegsknechten durch die Straßen, und in seinem Angesicht
sah man kein Zeichen von Todesfurcht und Bangen. Und wer ihn dahingehen
sah, den jammerte es, und manch mitleidig Herz, absonderlich bei den
Frauen, konnte sich der Tränen nicht erwehren über das schreckliche
Ende des jungen, schönen Hauptmanns. Auf St. Katharinenkirchhof
stand schon Pater Stephan, der erteilte ihm hier vor allem Volk, das
betend niederfiel, die Absolution und reichte ihm das Sakrament der
Versöhnung. Und als Kniphoff sich vom Knien erhub und weiterschritt,
sprach er allen vernehmbar: ‚Herr Jesu Christe, der du dein Blut auch
für mich vergossen, erbarme dich meiner und sei mir gnädig!‘
„Dann ging’s zum Brooktor hinaus, und am Strande der Elbe, auf der
Stelle, wo hundertunddreiundzwanzig Jahre früher Klaus Störtebeker
und seine Gesellen denselben Tod erlitten, kniete Kniphoff nieder und
empfing mit gefalteten Händen den Schwertstreich, der sein Haupt vom
Rumpfe und seine Seele von der Erde schied.
„Eine Stunde später wurden sechzehn seiner Gefährten in derselben Weise
hingerichtet. Und am 10. November empfingen noch sechsundvierzig ihr
Urteil, das lautete auch auf den Hals; da wurden sie wild und zornig
und schalten überlaut auf den Rat und die Bürgerschaft; es half ihnen
aber nichts, denn am Montag nach Martini wurden sie enthauptet. Am
24. November wurden sechsundzwanzig, und am 4. Dezember noch zwanzig
Gefangene vom Gericht freigesprochen, die hatten bewiesen, daß Kniphoff
sie zum Dienste gezwungen. Am 13. Dezember aber wurden wieder acht
Freibeuter, darunter der Edelmann Simon Gans, und im Januar 1526 noch
ihrer vier zum Tode verurteilt und bald darauf hingerichtet.
„Endlich wurden noch zur ebengenannten Zeit die letzten drei
von Kniphoffs Gesellen freigesprochen, also daß, ihn selbst
eingeschlossen, im ganzen fünfundsiebzig enthauptet, die übrigen aber
frei erkannt und losgelassen worden sind. Mit selbigem Richtschwerte
aber, welches Kniphoff und seine Gesellen vom Leben zum Tode gebracht
hat, ist kein Mensch mehr hingerichtet worden. Es ist ins Zeughaus
gebracht und wurde dort bei den erbeuteten Seeräuberwaffen und Kanonen
aufbewahrt.“
[Illustration]
Die Seeschlacht bei Gotland -- eine letzte Ruhmestat.
Auch der Hansebund, der durch Jahrhunderte meergebietend dastand, hatte
seine Schicksalsstunde. Als sich nach und nach die einzelnen Städte
loslösten und eigene Wege verfolgten, konnte es nicht fehlen, daß die
Feinde des Hansebundes die günstige Gelegenheit benutzten, um die einst
so mächtigen Interessen des Bundes mehr und mehr zu zerstückeln. Mit
dem Ansehen der Hanse ging es schnell abwärts. Der Boden, auf dem der
Bund groß geworden war, geriet ins Wanken, weil es den Mitgliedern
an Einigkeit wie Selbstvertrauen und an der notwendigen politischen
Einsicht mangelte.
Trotzdem hat es auch in den Zeiten des Niederganges nicht an
Ruhmestaten gefehlt. Eine solche Begebenheit aus den Kriegsjahren 1563
bis 1570 soll hier erzählt werden. Im Jahre 1563 kündete Lübeck dem
König Erich von Schweden den Krieg an, doch der wies die Abgesandten
höhnend an den Rat von Stockholm mit den Worten: „Könige müssen
Königen, Bürger und Bauern ihresgleichen den Absagebrief senden!“ Mit
Lübeck verband sich in diesem Kampfe König Friedrich II. von Dänemark,
der durch das Anwachsen der schwedischen Macht sich bedroht sah und
sich deshalb mit seinem alten Widersacher Lübeck zur Verfechtung
gemeinsamer Interessen verband. Die Fehde begann. Beide Partien
kämpften mit wechselndem Erfolge. Bald triumphierten die Verbündeten,
bald sahen sich die Schweden wieder obenauf. Am meisten lag jedoch
der größere Vorteil bei den verbündeten Dänen und Lübeckern, da
deren Schiffe beweglicher waren und seegewohnte und schlagfertige
Mannschaften besaßen. Wie schon früher ausgeführt wurde, boten die
Kriegsschiffe der damaligen Zeit einen eigentümlichen Anblick durch
die kastellartigen, hohen Aufbauten auf dem Vorder- und Hinterteil des
Schiffes, die mit Kanonen besetzt waren. Um solche großen Lasten tragen
zu können, mußte der Schiffsrumpf überaus breit und massig sein, damit
das Gleichgewicht auf der Fahrt nicht verloren ging. Selbstverständlich
segelten solche Kriegsschiffe schwerfälliger und gehorchten dem Ruder
nicht so leicht, sie waren mehr auf den Nahkampf eingerichtet und
mit zahlreichen Seeleuten, den ‚Schiffskindern‘ besetzt, die in den
engen Räumen unter Deck kein rosiges Dasein fristeten. Die scharfen
Nocken[19] an den Rahen dienten dazu, bei der Vorüberfahrt am Gegner
dessen Tauwerk zu zerschleißen und die Segel zu zerreißen, auch hielten
sie beim Entern das feindliche Schiff mit fest.
Im Rathause zu Lübeck hängt in einem der schmucken Nebensäle ein
Kolossalgemälde von Professor Hans Bohrdt, das eine der wichtigsten
Episoden dieses Feldzuges verherrlicht. Es ist die Seeschlacht bei
Gotland, die im zweiten Jahre des nordischen siebenjährigen Seekrieges,
nachdem die Verbündeten sich bis dahin noch keines Vorteils rühmen
konnten, den ersten größeren Erfolg brachte.
Am 31. Mai 1564 trafen sich die gegnerischen Kriegsfahrzeuge bei der
Insel Gotland. Es war ein leuchtender Frühjahrstag; vom Winde bewegt,
kräuselten sich leicht die Wellen. Langsam segelten die feindlichen
Geschwader aufeinander los, und lange Zeit währte es, ehe sie zum
Angriffe übergingen, denn beide Flotten kreuzten unter seegewohnten
Führern. Jeder von ihnen suchte dem Gegner den Wind abzugewinnen, um
sich mit dessen Hilfe rascher auf die feindlichen Schiffe stürzen zu
können. Für die damalige Zeit galt dies Beginnen als ein besonderes
Stück der Kriegsführung. Hatte eine der Parteien ihr Ziel erreicht,
so durchfuhr sie die feindliche Linie und jagte dem Gegner durch ihre
Breitseiten möglichst viel Kugeln in den Bug oder ins Heck hinein; so
konnten die Geschosse auf ihrem verderbenbringenden Wege das Schiff der
Länge nach durchschlagen und viele Gegner kampfunfähig machen. Waren
die feindlichen Schiffe genügend zerschossen und durch die Schäden
in den Bewegungen gehemmt, so segelte die angreifende Flotte noch
dichter heran und enterte die Schiffe, um im Nahkampfe sich völlig
in den Besitz der feindlichen Fahrzeuge zu setzen. Auch bei Gotland
lauerten die Gegner lange Zeit einander auf, und es wäre nicht zum
Gefecht gekommen, wenn nicht der Wind urplötzlich sich gedreht hätte
und abgeflaut wäre. Den Verbündeten war der Augenblick günstig, und
zuversichtlich nahmen sie unter den schwedischen Schiffen das riesige
Fahrzeug, ‚Makeloes‘[20] genannt, das unter der Führung des Admirals
Bagge stand, aufs Korn. Es verteidigten siebenhundert Soldaten mit
hundertvierzig Kanonen -- für die damalige Zeit eine riesige Zahl
-- das Schiff. An diesen Riesen fuhren die beiden größten Lübecker
Koggen unter Admiral Knevel und Schiffsmeister Henning Krage heran.
Der Lübecker ‚Engel‘ hielt sich anfangs zurück, um nicht von den
Breitseiten des Schweden getroffen zu werden. Krage jedoch fuhr
mit seinem Schiff unter den Bug des schwedischen Riesenfahrzeuges,
das seinen Gegner samt den Kastellen bedeutend überragte. Mutig
schleuderten die Lübecker Geschützführer Geschoß auf Geschoß in den
Rumpf des Schweden. Anfangs wehrten sich diese mit ihren Bugkanonen;
sie verstummten jedoch bald, ebenso ließen auch die Breitseiten im
Feuern ständig nach. Im Innern des Schwedenschiffes sah es greulich
aus, die meisten Kanonen waren zerstört, die Hälfte der Besatzung lag
verwundet unter Deck, und dabei krachte es noch fortwährend, und noch
immer sausten die Geschosse der Lübecker Schiffe durch das Deck.
Jetzt kam für Admiral Knevel die Zeit des Angriffs, seine Geschütze
feuerten mehrere Breitseiten dem Schweden in die Rippen. Antwort vom
Gegner erhielten sie nicht mehr; entweder lag die Besatzung vollständig
verwundet am Boden, oder an Bord des feindlichen Admiralschiffes
herrschte große Verwirrung. Der Augenblick zum Entern war günstig. Die
Lübecker Schiffsführer lenkten ihre Schiffe dicht an den ‚Makeloes‘
heran, packten ihn von beiden Seiten mit Enterhaken, und mit dem Rufe
„Hie gut Lübeck und die Hanse allewege!“ stürzten sich von beiden
Schiffen die Mannschaften an Bord des Schweden. Wie ein entfesselter
Strom brauste es über den ‚Makeloes‘ dahin. Durch die Batteriepforten
an Stricken und Leitern, durch die Luken und über die hohen Bordwände
kamen die Lübecker. Der letzte, entscheidende und blutigste Teil
des Kampfes begann; wer sich wehrte, wurde niedergemacht, Schonung
gab’s nicht. Einer aus der Schar der Enterer kletterte in die Masten
und holte die schwedische Flagge herunter, an ihrer Stelle ging die
lübeckische Flagge hoch, und hierüber herrschte ein Jubel ohnegleichen.
Nun mußte sich der Rest der schwedischen Mannschaft ergeben.
Schnell begannen die Sieger die Spuren des Kampfes zu verwischen.
Mitten in diesem Beginnen ertönte der Schreckensruf „Feuer im Schiff!“
Die Lübecker Geschosse hatten gezündet, und in der Hitze des Nahkampfes
nahm dieses an Umfang zu; niemand achtete darauf, und jetzt, da der Ruf
erscholl, war es zur Rettung schon zu spät.
Zu mächtig loderten die Flammen aus dem Schiff, und ebenso schnell, wie
sie aufenterten, mußten die stolzen Sieger sich in Sicherheit bringen.
Kaum noch gelang es den Lübeckern, die Beute und die Gefangenen vom
feindlichen Schiff abzubringen, als ein gewaltiger Donnerschlag die
Luft erschütterte: das stolze schwedische Admiralschiff war nicht
mehr. Wrackstücke schwammen auf den Wellen und gaben Kunde, daß das
Fahrzeug in die Luft geflogen war. Der Rest der schwedischen Schiffe
entfloh mit dem auffrischenden Winde, um nicht das Schicksal des
Untergangs zu teilen. Den Admiral Bagge und andere vornehme schwedische
Herren, sowie die eroberten Flaggen brachten die Sieger nach Lübeck als
Erinnerungszeichen an die Seeschlacht bei Gotland.
[Illustration]
Admiral Karpfanger, seine Taten und sein Tod.
Wer schon einmal in Hamburg gewesen ist, dem wird in der Nähe
der Hamburger Seewarte eine Brücke aufgefallen sein, die die
hochgelegenen Teile der Hamburger Neustadt mit St. Pauli verbindet. Die
Pfeilervorlagen dieses Bauwerkes tragen je das Bildnis der bedeutenden
Männer, die in der hansischen Zeit während der Seekriege eine Rolle
spielten: Admiral Karpfanger † 1683, Ditmar Koel † 1563, Simon von
Utrecht † 1437 und Kersten Miles † 1420.
Berend Karpfanger war ein Zeitgenosse des Großen Kurfürsten. Er wurde
in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts als Sohn eines Hamburger
Reeders und Kaufmanns geboren. Seine Jugendtage sahen die Wirren des
Dreißigjährigen Krieges, Handel und Schiffahrt lagen darnieder, und
trotz alledem trieb es den jungen Karpfanger hinaus zur See. Der
Vater willfahrte seinem Wunsche und schickte ihn nach Holland zu dem
berühmten Admiral de Ruyter. Unter der Leitung dieses weitsichtigen und
tüchtigen Mannes wurde Berend Karpfanger ein geschickter Orlogsmann,
der, wo er auch stand, vollauf seinen Posten ausfüllte.
Als er ausgelernt hatte, kam Berend Karpfanger als erprobter Seemann
in seine Heimat zurück und errang hier wegen seiner guten Zeugnisse
die Stellung als Admiral des hamburgischen Staates. Seine Tüchtigkeit
und Umsicht sollten der alten Hansestadt noch oft von Nutzen sein. Von
seinen Taten soll nun erzählt werden.
In der Mitte des 17. Jahrhunderts brachte die sogenannte Türkengefahr
den Kaufleuten und Seeleuten allerlei Verdruß. Mit unglaublicher
Frechheit fielen die beutegierigen Korsaren, die in den Küstengebieten
Nordafrikas ihre Schlupfwinkel hatten, die Handelsschiffe an; sogar
eine aus mehreren Schiffen bestehende Handelsflotte der Hamburger
raubten diese Piraten aus und führten die Besatzung nach mannhafter
Gegenwehr in die Sklaverei. Um diesen Seeräubereien ein Ende zu
bereiten, faßten Rat und Bürgerschaft Hamburgs den Beschluß, zwei
mächtige Kriegsschiffe zu erbauen und auszurüsten, die den nach Spanien
fahrenden Kauffahrteischiffen durch die Mitfahrt Schutz gewähren
sollten.
Im Jahre 1668 lief das erste Schiff, ein riesiger Dreimaster, ‚Kaiser
Leopold‘, im nächsten Jahre das zweite Schiff, ‚das Wappen von
Hamburg‘, vom Stapel. Beide Kriegsschiffe führten je vierundfünfzig
Kanonen, meist Achtzehnpfünder, an Bord, dazu standen einige Geschütze
auf der Schanze. Das Galion und auch der hintere Teil des Schiffes
waren mit Schnitzwerk und Figuren reich verziert. Auf dem Hinterteil
befanden sich drei Signalscheiben und zwei große, kunstvoll eingefaßte
Laternen. Von den drei Masten trugen die beiden vorderen je drei
Rahsegel, der Besanmast führte ein Rutensegel und ein Rahsegel. Die
Besatzung der Schiffe, außer dem Kapitän und einer Anzahl Offiziere,
bestand aus hundertfünfzig Matrosen und achtzig Soldaten; ferner
gehörten zur Mannschaft ein Prediger, ein Profos und seine Leute,
Wundärzte, Köche und Bedienungspersonal.
An Bord herrschte strenge Mannszucht, ein unbedingter Gehorsam galt als
das oberste Gesetz. Unter Deck durfte ‚Tobak nicht getrunken‘ werden,
dazu war Karten- und Würfelspiel verpönt. Wer durch Zänkerei, Trunk
oder Fluchen auffiel, bekam Arrest, wer beim Wachtdienst einschlief,
wurde ‚gekielholt‘ oder durch Spießrutenlaufen bestraft. Wer gar
gewalttätig sein Messer gegen seinen Nächsten zückte, dem wurde die
linke Hand mit diesem Messer an einen Mast geheftet.
Diese Kriegsschiffe schlossen sich der Hamburger Handelsflotte an bei
ihren Fahrten nach den Häfen- und Handelsplätzen der nördlichen Meere,
der Westsee und denen des Mittelmeeres. Im Jahre 1674 ernannte der
Rat der Stadt Berend Jakobus Karpfanger zum Befehlshaber des ‚Kaiser
Leopold‘, in ehrender Weise umgürtete ihn der erste Bürgermeister
mit einem silbernen Degen, und bei der feierlichen Überreichung des
Admiralstabes leistete Karpfanger den nachstehenden Eid, den er
getreulich bis in den Tod gehalten hat: „Ich will bei der meiner
Admiralschaft anvertrauten Flotte mannhaft stehen und eher Gut und
Blut, Leib und Leben opfern, als sie oder mein Schiff verlassen.“
Ehrenvoll hat Karpfanger zehn Jahre seine Pflicht getan, und stolz
konnte er darauf verweisen, daß während seiner Admiralschaft kein
Schiff der Hamburger in die Hände der beutegierigen Korsaren fiel.
Besonderen Ruhm gewann der Admiral im Kampfe mit französischen
Kaperschiffen vor der Elbmündung. Fünfzig Walfischfänger, die aus
dem Nördlichen Eismeere kamen, hatte Karpfanger mit seiner Flotte
sicher in die Elbe zu geleiten. Plötzlich wurden sie von fünf
starken französischen Kaperschiffen angegriffen, die die Absicht
hatten, einige der schwerbeladenen Handelsschiffe zu erbeuten. Diese
Seeräuber trieben ihr Handwerk äußerst frech; weder Freund noch Feind
blieb von ihnen ungeschoren, denn sie standen unter dem Schutze
des ‚allerchristlichsten Königs‘, dem sie ein Zehntel aller Beute
abliefern mußten. Jedoch diesmal sollte ihnen der Raub nicht glücken,
Karpfanger hatte nicht vergebens in de Ruyters Schule die Regeln
des Kämpfens erlernt. Die Walfischfänger erhielten den Befehl, sich
zu sammeln und sich gut auf einem Haufen zu halten, das Schiff des
Admirals machte schnellstens klar zu Gefecht; alle Segel waren gesetzt,
und stolz wehte die Hamburger Flagge mit den drei weißen Türmen auf
rotem Grunde am Maste, drohend blickten die geöffneten Geschützpforten
die Seeräuberschiffe an. Karpfanger wagte mutig den ungleichen Kampf
gegen die fünf Kaperschiffe; er verließ sich auf seine Leute und auf
seine Kriegskunst. Jetzt standen die Hamburger dem ersten Kaperschiff
gegenüber, dies begann zu feuern, und die Kugeln sausten durch das
Tauwerk des Hamburger Orlogschiffes. Nur wenige Taue fielen ihnen zum
Opfer, und dieser Schaden war sehr schnell geheilt.
Doch nun galt’s den rechten Augenblick des Angriffs auszunutzen.
Fest und bestimmt lautete die Mahnung Karpfangers „Gut zielen!“ Ein
mächtiges Erschüttern ging durch den Schiffsrumpf, sechsundzwanzig
Geschütze feuerten ihren Eisenhagel auf den unvorsichtigen Franzosen.
Eine Zeitlang lag der weiße Pulverdampf über den kämpfenden Schiffen;
als er sich verzogen hatte, lagen die furchtbaren Wirkungen, die der
erste Kugelregen anrichtete, offenbar. Zersplitterte Masten hingen über
Bord, die Schanzkleidung war durchlöchert und die Boote durchschossen.
In Strömen drang das Wasser durch die an der Wasserlinie gefährlichen
Löcher in den Schiffsrumpf ein.
Dieser Gegner bedeutete für das Hamburger Kampfschiff nichts mehr.
Nun fuhr der Admiral auf das zweite französische Schiff zu; es sollte
seinen Untergang finden, ehe die Verstärkung herankam. Die Zeit war
kostbar, denn schon eilten die anderen drei ihm zu Hilfe. ‚Kaiser
Leopold‘ sandte eine Breitseite hinüber, doch dieser Eisenhagel riß
wohl Lücken und Löcher, aber das Kaperschiff blieb lenkfähig und konnte
noch rechtzeitig das Weite suchen.
Inzwischen steuerten die andern drei Kaper heran, und besonders der
größte unter diesen eröffnete ein verheerendes Feuer auf Karpfangers
‚Leopold‘. Die Schiffsleute mußten sich rühren, um die verhängnisvollen
Löcher in der Wasserlinie zu stopfen; Verwundete lagen in den
Deckskajüten, zerschossene Taue mußten zusammengespleißt werden.
Karpfangers Langmut war zu Ende. „Jetzt zeigt, daß ihr Hanseaten seid!“
lautete die begeisterte Aufforderung an das Schiffsvolk, und mit voller
Wucht schoß das Hamburger Orlogschiff auf den größten der Kaper zu.
Ein geschicktes Segelmanöver zeigte dem Franzmann die Breitseite des
Hamburges, und wieder ertönte der Knall der Geschütze. Nur zu gut
trafen die Kugeln der Hanseaten, der Rumpf des Kaperschiffes wurde
durchlöchert, und langsam begann das getroffene Schiff zu sinken. Damit
war die Macht der französischen Seeräuber gebrochen, sie suchten ihr
Heil in der Flucht und ließen die beiden sinkenden Schiffe mitsamt
ihren daraufbefindlichen Kameraden im Stich.
[Illustration: Kapitän Karpfangers Sieg über fünf französische Schiffe.