Auch Karpfanger hatte verschiedene Schäden auszubessern, und dadurch
ging einige Zeit verloren, dann aber eilte er den eiligen Flüchtlingen
nach. Ihr Vorsprung war jedoch zu groß, und so mußte er sie, nachdem
noch die Buggeschütze ihnen einen Abschiedsgruß nachgefeuert hatten,
flüchten lassen.
An der Spitze der Walfischfängerflotte fuhr Karpfanger in den Hamburger
Hafen ein. Der Jubel und die Freude seiner Mitbürger begrüßten ihn,
der Rat der Stadt verehrte ihm zum Zeichen der Dankbarkeit für diese
Siegestat 300 Taler.
Noch eine andere Heldentat dieses wackeren Seemannes will ich erzählen.
Man schrieb das Jahr 1681. Karpfanger segelte an der Spitze der
Hamburger Baienflotte nach der spanischen Küste. Als die Schiffe in die
Nähe der spanischen Küste kamen, hörten sie in der Ferne Kanonendonner.
Afrikanische Seeräuber hatten die von Südamerika heimkehrende spanische
Silberflotte angefallen und eines ihrer Schiffe als eine willkommene
Prise genommen. Der heransegelnde Karpfanger erkannte schon aus der
Ferne die Sachlage und gab Befehl, schnell alle Segel zu setzen, um den
raschsegelnden Kaperschiffen ein Schnippchen zu schlagen.
In eilender Fahrt kam das Hamburger Schiff herangebraust; ein tüchtiger
Eisenhagel überschüttete die Piraten. In der Bestürzung ließen sie die
bereits gekaperte ‚Galion‘ fahren und fuhren mit ihren Schiffen etwas
abseits. Nachdem sie sich geordnet hatten, versuchten sie von neuem
mit vereinten Kräften auf den ‚Leopold‘ einzudringen, um die verlorene
Beute wiederzugewinnen; ja, sie glaubten auch den Hamburger als sichere
Beute zu erhaschen. Von zwei Seiten begannen sie den Kampf. Aber sie
kannten nicht die Seefahrtskunst des umsichtigen Karpfanger; noch ehe
die Piraten recht zum Feuern kamen, segelte Karpfanger an den einen
heran und sandte ihm eine volle Breitseite als Willkommengruß in den
Schiffsrumpf; die Wirkung war gut. Das Kriegsschiff legte sich auf die
Seite und begann zu sinken. Jetzt hielten die beiden anderen Schiffe
nicht mehr stand, sie erblickten vielmehr in einer schnellen Flucht ihr
größtes Heil. Karpfanger befreite dann die gefangene Mannschaft der
spanischen ‚Galion‘, und dabei fielen ihm sechzig Piraten in die Hände.
Das eroberte Schiff lieferte er samt seinen Silberschätzen an den König
von Spanien ab; die gefangenen Seeräuber tauschte er gegen gefangene
Hamburger Seeleute aus. Karl II. von Spanien ehrte den tapferen
Schiffshauptmann für diese ruhmvolle Tat durch die Verleihung einer
goldnen Ehrenkette.
Im Sommer des Jahres 1683 stand Karpfanger als Admiral an der Spitze
des zweiten Hamburger Kriegsschiffes ‚das Wappen von Hamburg‘, dessen
Kapitän wegen Streitigkeiten mit der Admiralität vom Dienste entfernt
worden war. Nach allerlei Widrigkeiten erreichte Karpfanger mit seinem
Schiff und den mitsegelnden Handelsschiffen glücklich den spanischen
Hafen Cadix. Hier ging er vor Anker, und hier sollte er auch sein Ende
finden. Es war am 10. Oktober des Jahres 1683.
Karpfanger saß gegen Abend mit seinem Sohne, einem Neffen, mit
Schiffsoffizieren und einigen befreundeten Männern aus Cadix in seiner
Kajüte frohgemut an der Tafel, als sich plötzlich im Schiff ein großer
Lärm erhob. Eiligen Laufes kam ein Schiffsjunge in die Kajüte gestürmt
und berichtete, daß im Vorderteil des Schiffes ein mächtiges Feuer
ausgebrochen sei. Alle waren bestürzt, und die Tafel wurde sogleich
aufgehoben. Karpfanger eilte so schnell er konnte an Deck, um sich
von der Größe des Schadens und der Gefahr zu überzeugen. Unter seiner
Leitung ging die Besatzung dem Feuer tüchtig zu Leibe. Aber trotz
der unendlichen Wassermengen, die durch Spritzen und Eimer in das
Schiff hineingeschleudert wurden, konnte man an den Herd des Feuers
nicht herankommen. Gerade in diesem tiefergelegenen Raum fand die
zehrende Glut in dem großen Haufen der geteerten Taue immer neue und
reichlichere Nahrung. Die Löschung des Brandes gelang nicht, soviel die
Schiffsleute sich auch bemühten. Von seinem Herde aus verbreitete es
sich mit rasender Schnelligkeit im Rumpfe des Schiffes.
Dichte Rauchwolken qualmten aus dem Schiff hervor, und binnen jeder
Minute erwartete man das Hindurchschlagen der leckenden Flammen.
Notschüsse riefen Hilfe von der Stadt Cadix und von den in der
Nähe ankernden Schiffen herbei, allein kein Schiff eilte zur Hilfe
herbei, denn alle Seefahrer fürchteten die Nähe des dem Untergang
geweihten Schiffes. Die Gefahr wuchs, Schrecken und Angst ergriffen
die Schiffsmannschaft, und in Scharen stürzten die sonst so mutigen
Matrosen in die Schaluppen, um abzurudern. Karpfanger gewahrte
rechtzeitig diesen Vorgang. In ernsten Worten erinnerte er die
Flüchtenden an ihren Eid, befahl ihnen, sofort zurückzukehren, da
die Rettung des Schiffes doch noch möglich sei. Des Admirals Worte
verfehlten den Eindruck nicht, noch einmal kehrte die Schiffsmannschaft
an Bord zurück und begann von neuem die Löschungsarbeiten. Mutig gingen
sie gegen die entfesselten Elemente vor. Immer von neuem drangen sie in
den Qualm und in die Glut und achteten nicht die furchtbare Gefahr, in
der sie sich befanden. Stundenlang hielten die wackeren Schiffsleute
dem entfesselten Element stand. Jedoch menschlicher Heldenmut war
vergebens. Die Kraft der Seeleute konnte gegen die Feuersgewalt nichts
ausrichten, die schließlich durch den ganzen Schiffsraum ihre lodernde
Glut wälzte. Nicht lange währte es mehr, dann fand das Feuer den Weg
zur Pulverkammer, und damit schlug die Schicksalsstunde des ‚Wappen von
Hamburg‘.
Karpfangers Sohn fiel dem Vater zu Füßen und bat ihn, mit fortzufahren,
da das Schiff nicht mehr zu retten sei; der aber blieb fest. „Hebe
dich weg von mir, mein Sohn, ich weiß besser, was mir anvertraut ist.
Der Pflicht und Ehre bleibe ich getreu!“ Hierauf befahl er einigen
Quartiermeistern, seinen Sohn und seinen Neffen in die große Schaluppe
zu bringen.
Zu rechter Zeit kamen diese von Bord. Bald brannte das Feuer bei den
Masten durch und leckte sich züngelnd an den Tauen in die Höhe. Im
Augenblick glichen Masten und Rahen und Segel lodernden Flammenzeichen,
die weithin leuchteten. Ein furchtbar prächtiges Schauspiel bot das
Schiff, dessen Mannschaft nun nicht mehr an Bord blieb. Mit großem
Geschrei und mit entsetzten Gesichtern eilten Matrosen und Soldaten
über Bord in die Schaluppen und Boote hinein. Immer mehr drängten
nach, stießen andere um, um für sich den Rettungsweg zu erkämpfen.
Verzweiflung und Ungestüm ließen viele ins Meer fallen, und dort
hielten sie sich, mit den Wellen ringend und nach Hilfe suchend, an
den Rand der Boote und der Schaluppen. Wohl entgingen zahlreiche
Seeleute dem Feuertode, aber die Wellen gruben ihnen ein sicheres
Grab. Im Widerschein des feurig leuchtenden Schiffsrumpfes fuhren die
Boote eiligst von dannen. Gegen Mitternacht lösten sich die Kanonen
an Bord des Schiffes; es waren die Abschiedsgrüße, die über das Meer
dahindonnerten. Eine Stunde nach Mitternacht hatte das Feuer die
wohlverwahrte Pulver- und Kugelkammer erreicht. Ein furchtbarer Knall,
und mit einer hochauflodernden Feuerflamme barst der Schiffsrumpf
auseinander.
Man glaubte allgemein, Karpfanger habe als der Letzte das Schiff
verlassen und sich gerettet. Es war nicht so. Am nächsten Morgen
trieb die Leiche des verdienstvollen Mannes auf dem Wasser. Berend
Karpfanger ging, getreu seinem Eide „Ich will bei der mir anvertrauten
Flotte mannhaft stehen und eher Gut und Blut, Leib und Leben opfern,
als sie oder mein Schiff verlassen!“ mit seinem Schiffe in die Tiefe,
-- ein Opfer seiner mannhaften Pflichttreue.
Unter besonderen Feierlichkeiten wurde der Leichnam in Cadix bestattet,
und König Karl II. errichtete dem ruhmreichen Seehelden auf dem Grabe
ein prächtiges Denkmal.
[Illustration]
Unter dem Adler des Großen Kurfürsten.
Unter den Herrschergestalten der Hohenzollern war der Große Kurfürst
dank seiner Umsicht und Tüchtigkeit, die gepaart waren mit Weitblick
und Energie, der Anerkennung aller Zeiten sicher. Trotz der Ungunst der
Verhältnisse in seinem Lande, trotz der Armut und Entvölkerung des von
Freund und Feind verwüsteten Landes brachte er es in die Höhe, weil er
Ackerbau und Handel stützte, weil er die Erfahrungen seiner Jugend zum
Wohle seines Kurfürstentums und dessen Bewohnern anwandte.
[Illustration: Friedrich Wilhelm der Große Kurfürst.]
Der Aufenthalt in den Niederlanden zeigte ihm, wie ein kleiner Staat
durch Handel und Schiffahrt, die Quellen allgemeinen Wohlstandes,
sich zu Macht und Reichtum emporringen kann. Dem klaren Verstande
des Großen Kurfürsten mußte auch die Nutzanwendung dieser Erfahrung
gelingen, trotz des Neides und trotz der ungetreuen Bundesgenossen, die
jene verheißungsvolle und machtvolle Entwicklung des Kurfürstentums
Brandenburg mit scheelen Augen sahen.
„Der gewisseste Reichthumb und das Aufnehmen eines Landes kommen
von dem Commercium her; Seefahrt und Handlung sind die fürnehmsten
Säulen eines Estats, wodurch die Unterthanen, beides zu Wasser, als
auch durch die Manufakturen zu Lande ihre Nahrung und Unterhalt
erlangen“
schrieb der Große Kurfürst in einem Erlaß. Diese Worte waren seine
Richtschnur bei der Verwaltung des Staates.
Schon während der letzten Kriegsjahre des Dreißigjährigen Krieges trug
sich der Kurfürst mit dem Gedanken, eine brandenburgisch-ostindische
Kompagnie zu gründen. Seine vielfachen Bemühungen um dies weitsichtige
Unternehmen scheiterten an der Verschlechterung der politischen Lage,
die ihm nicht die erhoffte Gebietserweiterung an der Ostsee brachte,
und an der Kurzsichtigkeit der damaligen Handelskreise in den alten
Seestädten Hamburg, Bremen, Lübeck, Königsberg, die sich nicht bereit
finden konnten, durch Geldbeiträge das notwendige Gründungskapital
zusammenzubringen.
Erst nach 1675, nach der Schlacht von Fehrbellin, konnte der Große
Kurfürst den Gedanken der Seegeltung Brandenburgs wieder aufnehmen. Der
siegreiche Verlauf des Krieges gegen Schweden ermutigte ihn trotz des
Mangels einer eigenen Marine, den er bitter empfand, das alte Ziel, die
Eroberung und Einverleibung Rügens und Pommerns, zu verwirklichen.
[Illustration: Benjamin Raule.