(+Danzig im Kampf mit England.+)
Unter den Hansen wußte man, daß König Eduard IV. von England auf einen
günstigen Augenblick wartete, den Hansen eine vernichtende Niederlage
zu bereiten, damit die Handelsvorteile, die ihnen gewährt waren,
hinfällig wurden. Ein Hansetag, der ausgeschrieben war, ließ leider
die gewohnte Einmütigkeit und Tatkraft der hansischen Glieder nicht
mehr erkennen, zu sehr machten sich schon die Einzelwege der Städte
breit.
So war Köln nicht bereit, wegen seiner Handelsbeziehungen mit England
den Forderungen des Hansebundes zu folgen. Danzig rüstete daher auf
eigene Faust, um dem Unheil, das sich drohend zusammenzog, rechtzeitig
begegnen zu können. Bardewig erhielt den Auftrag, vier Auslieger
fertigzustellen und mit ihnen die Fahrt an die flandrische Küste zu
unternehmen.
Im Jahre 1468 zogen Kaufleute von Lynn nach Island, erschlugen dort
den dänischen Vogt, verheerten die Insel und beraubten auch die
Steuerkasse. König Christian I. von Dänemark, darüber erbost, setzte
auf seine Kriegsfahrzeuge angeworbene hansische Kapitäne, denen er mehr
zutraute als seinen eigenen Schiffshauptleuten, und die Erfolge, die
sie erzielten, sollten ihm recht geben. Allerlei englische Fahrzeuge
wurden aufgebracht, und damit war für England der lange gesuchte Grund
für eine Auseinandersetzung mit der Hanse gegeben. Den hansischen
Kaufleuten auf dem Stahlhof zu London maß man die Schuld bei, Anstifter
dieses Unternehmens zu sein. Nicht nur wurde der Stahlhof geschlossen,
die dort beschäftigten deutschen Kaufleute ins Gefängnis geworfen,
ein Teil sogar ermordet, sondern auch noch die Forderung erhoben,
20000 Pfund Sterling Schadenersatz zu leisten für die von den Dänen
erbeuteten Kauffahrteifahrzeuge.
Gleichzeitig rüstete der kampffrohe König Eduard IV. vierzehn
Kriegskoggen aus, die dazu bestimmt waren, die hansischen
Seestreitkräfte zu vernichten.
Paul Beneke und Eler Bokelmann erhielten vom Kontor zu Bergen sehr
bald Nachricht von diesen Vorgängen, dazu die Warnung, den schützenden
Hafen von Zween nicht zu verlassen, weil fünf Schiffe der Engländer
ihnen auflauerten. Es befand sich unter den englischen Schiffen auch
der gefürchtete ‚St. John‘. So wohlgemeint die Warnungen auch waren,
Beneke beachtete sie nicht, sondern faßte den Entschluß, die Engländer
anzugreifen. Unter französischer Flagge verließen sie den Hafen von
Zween und ankerten am nächsten Morgen beim Städtchen Deal an der
englischen Küste in der Nähe von Dover. Eine große Menschenmenge war
am Ufer versammelt, um den Lord-Mayor von London, Thomas Cook, zu
empfangen, der mit zwei französischen Schiffen zurückgeleitet werden
sollte.
Der Bürgermeister begab sich an Bord zur Begrüßung des hohen Herrn.
Wie erschrak er, als er sich in der Gewalt der Osterlinge sah! Man
zwang ihn im Namen des Lord-Mayors, eine briefliche Nachricht an
Männer in bevorzugter Stellung zu geben und sie zu bitten, ihm an
Bord des Schiffes ihre Aufwartung zu machen, da er gleich die Themse
hinaufsegeln wolle. Bald erschienen die Herren, und auch ihnen erblühte
das Los der Gefangennahme. Beneke kam damit in den Besitz von dreißig
Geiseln; damit nicht genug, faßte er auch den kühnen Entschluß, den
Lord-Mayor selbst gefangenzunehmen. Bevor jedoch seine Schiffe zu dem
Zweck die Anker lichteten, stieg die Danziger Flagge am Maste empor.
Ein großer Schrecken bemächtigte sich der Anwohner. Beneke stand davon
ab, die Stadt in Grund und Boden zu schießen, aber in anderer Art traf
er die Engländer empfindlich: die Boote wurden zu Wasser gelassen und
eine Reihe englischer Handelsschiffe, die im Hafen lagen, angezündet.
Das war die hansische Antwort auf die Kriegserklärung Eduards. --
Nun fuhr Beneke hinaus, um den Lord-Mayor zu suchen; nach wenigen
Stunden traf er die ‚Madeleine‘, ein Schiff unter französischer Flagge,
das den Lord-Mayor hinüberfuhr. Dem hohen Herrn nützte das Schelten gar
nichts, er mußte mit seinen Schätzen auf die ‚Anholt‘ hinüber, und dort
traf er gute Gesellschaft.
Nachdem dieser Streich gelungen, fuhr Paul Beneke zurück nach Zween. Da
er schon in der Ferne die die Hafeneinfahrt abschließenden englischen
Schiffe erblickte, hielt er sich in genügender Entfernung und wartete
bis zum Dunkelwerden. Dann fuhr er vorsichtig in den Hafen hinein, ohne
daß seine Feinde es merkten. --
Gegen Mitternacht kam ein Fischerboot mit zwei halberfrorenen Männern
bei dem ‚St. John‘ an. Die beiden Fischer gaben an, verirrt zu sein.
Sie baten den wachthabenden Steuermann um Brot, Wasser und Holz.
Bereitwillig gab der mitleidige Engländer ihnen alles. Dann sah er, wie
die beiden sich auf einer Unterlage von Backsteinen Feuer anmachten
und den Topf aufsetzten. Die vermeintlichen Fischer waren Paul Beneke
und Eler Bokelmann, und was sie im Topfe kochten, war Blei. Sobald sie
merkten, daß niemand auf sie achtgab, fuhren sie mit dem Boot nach dem
Spiegel des englischen Schiffes und gossen das flüssige Metall in die
Ösen (Fingerlinge), in denen sich das Ruder bewegt.
„So, die werden an unserer Suppe genug zu kauen haben,“ murmelte der
eine und lachte halblaut. „Möge sie ihnen bekommen!“
Einige Zeit lauschten sie noch, ruderten dann wieder längsseit, riefen
dem Schiffsoffizier herzlichen Dank zu für die gewährte Erlaubnis und
verschwanden in der Dunkelheit. --
Beim Anbruch des Tages bedeckte ein dichter Nebel die Gewässer, ein
guter Bundesgenosse der Hansen, die sich zum Schlagen rüsteten. Gedeckt
durch die Nebel, fuhr Beneke dicht an den Feind hinan, und sowie sich
der Dunst verzog, stürzte er auf die überraschten Engländer los. Gleich
das erste feindliche Schiff wurde durch zwei erfolgreiche Breitseiten
vollständig kampfunfähig. Noch ehe die Schiffsleute ihre Hände rührten,
waren ihre Kanonen zerstört. Aber jetzt setzten die übrigen englischen
Schiffe Segel und der ‚St. John‘ kappte seine Ankertaue, um sich auf
den Hansen zu stürzen. Doch vergebens! Das Schiff gehorchte dem Steuer
nicht mehr, es trieb wie ein Wrack mit dem Winde in die See. Da faßte
die kleinen Schiffe die Besorgnis, sie ließen ihre Gefährten ohne Kampf
im Stich und flüchteten. Paul Beneke hielt auf den ‚St. John‘ zu.
„Ergebt euch!“ rief er hinüber. „Euer Ruder sitzt fest von der Suppe,
die ich euch über Nacht in die Fingerlinge goß!“ Die überlisteten
Engländer mußten die Flagge streichen und den ‚St. John‘ überliefern.
Was half aller Zorn. Sie waren von dem Danziger Schiffsführer
überlistet worden. -- Ohne Verlust kehrte der ‚Mariendrache‘ nach Zween
zurück, und der Ruhm des Paul Beneke erfüllte das Land. Gern ließen
sich die Schiffskinder[17] für seine Schiffe anwerben.