Man schrieb das Jahr 1466. Kurt Bokelmanns Sohn Eler und sein
Pflegebruder Paul Beneke führten als Schiffshauptleute den neuen
‚Mariendrachen‘ der Danziger, denn der alte war bei einem Sturm schwer
beschädigt worden und daher abgewrackt. Die Fredekogge hatte eine
Reihe von Handelsschiffen nach Holland geleitet und lag nun mit den
Schiffen im Hafen von Zween. Dort traf die Kunde ein, daß Dänemark den
versprochenen Frieden nicht gehalten habe, eine heimkehrende Flotte der
Danziger sei überfallen, dazu sei das Begleitschiff ‚Pomuchel‘ unter
Merten Bardewig in Grund gebohrt worden. Ein neuer schwerer Schlag für
die Osterlinge! Erfreulicherweise bewahrheitete sich das Gerücht nicht
ganz, denn nach einiger Zeit lief ein schwerbeschädigtes Schiff in
den Hafen ein, und zur Freude der beiden Brüder war es die Barse[16]
‚Pomuchel‘.
Am Bord des Schiffes erfuhren die beiden tapferen Seeleute von Merten
Bardewig, daß die Dänen in der Tat mit drei Kriegsschiffen bei Anholt
über die Flotte der Danziger hergefallen waren; der sich entspinnende
Kampf war für Merten Bardewig nicht ruhmlos verlaufen, denn der eine
Gegner wurde so arg zerschossen, daß er nur einem Wrack glich, und
sicher wäre es den beiden anderen nicht besser ergangen, wenn nicht
eine dänische Kettenkugel den großen Mast des ‚Pomuchel‘ zerstört
hätte. Nun konnte die Lösung nur die sein: entweder die Flucht oder ein
ruhmvoller Untergang.
Der tapfere Bardewig wählte die Flucht, um sein Schiff der Vaterstadt
zu erhalten. Ruhig ließen die Dänen das Schiff entkommen und machten
sich über die Kauffahrteiflotte her, denn um diese Beute war es ihnen
zu tun. Vier Danziger Schiffe brachten die Dänen auf und schleppten
sie als hochwillkommene Prise nach dem Hafen Anholt. Bardewig fuhr
auf kürzestem Wege nach Holland, um den ‚Mariendrachen‘ zu suchen.
Gemeinsam konnten die beiden Schiffe den Racheplan ausführen, der schon
im Kopf des findigen Alten fertig war.
In emsiger Tätigkeit gaben die Schiffsleute beiden Kriegsschiffen ein
anderes Aussehen. Sorgfältig wurden die Kanonenpforten versteckt, Segel
und Bordwände verändert, daß die Schiffe in ihrem Äußern harmlosen
Kauffahrern glichen. Nach drei Tagen schneller Fahrt erreichten sie
die Enge Lässö und bemerkten dort eine feindliche dänische Barse.
Die Hansen segelten ruhig weiter; als sie merkten, daß die Dänen sie
erkannten, ergriffen sie scheinbar die Flucht, um so dem Feinde eine
Falle zu legen. Der Plan gelang vortrefflich. Schnell kappte der
Däne die Ankertaue und segelte hinter den vermeintlichen Danziger
Kauffahrern einher. Der Plan der Danziger war, weit genug von der Küste
entfernt den Kampf mit dem Dänen zu wagen. Damit die dänische Barse
schneller herankam, mäßigten die Danziger ihre Fahrt durch Tonnen,
die an langen Tauen ausgelegt wurden und als Schleppzug dem Schiff
nachliefen. Hätten sie Segel beigesetzt, wäre ja der Plan zuschanden
geworden.
Endlich kam der Däne in Schußweite. Ein Kanonenschuß brachte den
beiden Schiffen die Aufforderung, beizudrehen; schnell kamen die
Danziger diesem Befehle nach, nahmen die Segel fort und fuhren dabei
auseinander, so daß zwischen ihnen eine Entfernung von mehreren
hundert Schritt lag. In den Raum fuhr das Dänenschiff hinein. Der
hochwillkommene Augenblick, den Überfall von Anholt zu rächen, war
jetzt da. Auf den hansischen Schiffen öffneten sich die Kanonenpforten,
das Kriegszeichen der Osterlinge, der Besen, ging hoch. Die
Schiffsleute stürzten aus dem Innern der Schiffe hervor.
Und ehe der Feind Zeit zur Überlegung hatte, faßten ihn schon die
Enterhaken der Danziger, und mit dem Schlachtruf „Hie gut Danzig
allewege!“ stürmten die Hansen auf das Dänenschiff. Der Widerstand
seiner Mannschaft wurde in kurzer Zeit niedergekämpft, die Gefangenen
kamen auf die beiden deutschen Schiffe, wo man sie einsperrte. Vom
feindlichen Kapitän ließ sich Merten Bardewig die verabredeten
Erkennungszeichen und den Aufenthalt der beiden anderen Barsen bekannt
geben. Durch ein geschicktes Verhör stellte der Danziger Schiffsführer
fest, daß die Danziger Prisen bei Anholt lägen.
Hundertfünfzig deutsche Seeleute besetzten unter Führung von Paul
Beneke das eroberte dänische Schiff. Ihm wurde die schwierige Aufgabe
gestellt, die feindlichen Schiffe zu erobern und die Danziger
Kauffahrer fortzuführen. Paul Beneke ging frisch ans Werk, das er
ruhmvoll fertigbrachte. Sein Fahrzeug trennte sich von seinen Gefährten
und traf am Abend vor Anholt ein. Die Dänen im Hafen ahnten nichts
Böses: unangefochten konnte Benekes Schiff Anker werfen, da ja die
Erkennungszeichen durchaus richtig gegeben wurden.
Mit Beginn der Nacht gab es bei den Hansen emsige Tätigkeit; die Boote
ließ man geräuschlos zu Wasser, und ebenso leise bewegten sie sich auf
das erste feindliche Schiff zu. Hier herrschte tiefe Ruhe. Die Wache
schlief, und schnellfüßig kletterten die Hansen an den Strickleitern
empor. Ehe noch die emporgeschreckte Wache einen Laut von sich gab, lag
sie geknebelt und festgebunden da. In aller Eile fügten die Zimmerleute
feste grobe Planken über die Luken und verrammelten die Kajütentüren.
Mochten nun die Dänen auch toben, ihr Schreien blieb ungehört. Eine
kleine Wache der Hansen führte die Aufsicht über die eroberte Barse.
Die anderen eilten, um die zweite dänische Barse durch die gleiche
List in Besitz zu bekommen. Ganz so leicht sollte es diesmal nicht
gelingen. Der aufmerksame Schiffsposten gab Warnungszeichen, aber
sie halfen nicht viel. Ehe noch die schlaftrunkenen Dänen tüchtigen
Widerstand leisteten, waren die Danziger schon oben und räumten unter
den Feinden mit der blanken Waffe auf. Jegliches Schießen hatte
Beneke seinen Leuten verboten, um durch das Feuer die Uferbewohner
nicht aufzuschrecken. Der Rest der Dänen, der im Kampf nicht fiel,
verbarg sich im Innern des Schiffes und kam, wie seine Genossen, in
eine unfreiwillige Haft. Auch das dritte Stück der Arbeit sollte
den Danzigern gut gelingen. Die am Lande aufgestellte feindliche
Geschützreihe kam sehr leicht in den Besitz der Hansen, da auch hier
die Wächter sorglos schliefen und sich auf die Kriegsschiffe verlassen
hatten, die die Einfahrt zum Hafen schützten. Einige Hammerschläge
und einige kräftige Nägel genügten: das Werk war vollbracht. Jetzt
eilten die Boote der Hansen in den Hafen hinein und schafften die
Danziger Kauffahrer schnell heraus. Alles verlief so gut, daß noch
sechs dänische Kauffahrer mit hinausgenommen wurden, ohne daß deren
Besatzungen nur das geringste davon merkten.
Als der Morgen graute, erstaunten die Dänen nicht wenig, die
Handelsschiffe draußen vor dem Hafen liegen zu sehen. Zornig ruderte
der Hafenmeister hinaus, um nach den Ursachen zu forschen; nur zu bald
gaben ihm die ihn umringenden Hansen die nötige Antwort, er war ihr
Gefangener. Beneke entließ ihn mit dem Auftrage, dem Bürgermeister
mitzuteilen, die gefangenen Hansen freizugeben, dazu binnen drei
Stunden über 100000 Mark als Entschädigung zu zahlen. Unterblieb bis
zum Ablauf dieser Frist die Zahlung, so würde die Stadt in Grund und
Boden geschossen.
Bei dieser Kunde erhob sich in der Stadt ein wüstes Geschrei, man
glaubte, den gestellten Ansprüchen nicht nachkommen zu müssen, aber die
drohenden Kanonenpforten unterstützten nachdrücklichst die Forderung.
Noch ehe die Frist verstrich, war Beneke im Besitze der verlangten
Summe und segelte dann mit der Flotte hinaus, seinen Gefährten entgegen.
‚Mariendrache‘ und ‚Pomuchel‘ erschienen frühzeitig genug vor dem
Hafen, um den Sieger mit seiner reichen Beute noch auslaufen zu sehen.
Draußen auf der See setzten die Hansen die gefangenen Dänen auf die
schlechteste Prise über, die sie dann ihrem Schicksal überließen.
Nach dreitägiger Fahrt erreichte die Flotte jubelnd die Heimatstadt,
in der Trübsal und Trauer herrschten, da man einen dänischen Überfall
befürchtete. Zu Ehren der Schiffshauptleute und der siegreichen
Kriegsfahrzeuge gab der Rat ein großes Fest. Wieder läuteten die
Glocken, und wieder ertönten Böllerschüsse, und wieder wurden
schmückende Ehrenketten den Siegern überreicht, dazu ward Paul Beneke
feierlichst zum Schiffshauptmann von Danzig ernannt. Unter den
erbeuteten Dänenschiffen suchte er sich die ‚Anholt‘ aus, die dann
lange Zeit unter seiner Führung im Dienste der Stadt Danzig stand.