2. Die Seeschlacht bei Bornholm 1455.

Ein Jahrzehnt war nach diesen Ereignissen im Strom der Zeiten

verschwunden. Aus dem kleinen Paul Beneke war ein stattlicher Junge

geworden, der mitsamt seinem Pflegebruder Eler Bokelmann auf dem

‚Mariendrachen‘ in Dienst stand. Die See, die Abenteuer zur See, Krieg

und Kriegsgeschrei erfüllten die Seele dieser beiden jungen Menschen.

Die erste Gelegenheit, im tatenfrohen Jugendmute an einem Kampf

teilzunehmen, sollte sehr bald kommen.

Im Jahre 1455 gingen die Dänen ein Bündnis mit den deutschen

Ordensrittern ein und fügten der Seehandelsflotte der Stadt Danzig

allerlei Schaden zu. Trotz der Schläge, die ihnen die Hansen in

früheren Jahren erteilt hatten, fuhren die Dänen mit sechzehn

Fahrzeugen unter ihrem Admiral Hans von Zinnenberg hinaus auf die

Ostsee, um den preußischen Ordensrittern, ihren Bundesgenossen,

Lebensmittel und Munition zuzuführen. Dem Rat der Stadt Danzig

blieb dieses Vorgehen nicht verborgen. Er rüstete schnellstens die

Fredekogge, den so oft bewährten ‚Mariendrachen‘, aus und gab Kurt

Bokelmann den Oberbefehl über das Schiff und die beiden Auslieger, die

unter Merten Bardewig und Simon Lüblaw standen. Die Fredekogge hatte

eine Besatzung von etwa 250 Mann, die beiden kleineren Schiffe führten

je 80 bis 100 Mann. Ein einkommender Bergenfahrer brachte Bokelmann die

Nachricht, daß die Dänenflotte wegen widrigen Windes unter der Insel

Bornholm vor Anker läge. „Jetzt ist jeder Augenblick teuer!“ sagte

Bokelmann. „Der Wind kann täglich umspringen, und nur allzurasch können

sie uns entkommen. Darum auf, die Segel gesetzt, was die Masten nur zu

halten vermögen; heran an den Feind! Das soll unsere Parole sein.“

Auf den drei Schiffen trafen die Besatzungen die letzten Vorkehrungen,

alles Segelzeug wurde gesetzt, und hinaus ging’s in die See; die

Schiffe flogen nur so durch die Wellen, die Masten bogen sich unter der

Wucht der Segel, die dem kleinen Geschwader eine große Geschwindigkeit

gaben. Für alle Fälle lagen Reservesegel und Rahen bereit, damit kein

Aufenthalt eintrat.

Am zweiten Tage kam Bornholm in Sicht und mit ihm das dänische

Geschwader, das sich zur Abfahrt rüstete, da der Wind nach Süden

umsprang. Bokelmanns Augen leuchteten, und froher Kampfesmut beseelte

Danzigs Schiffsleute. Zur rechten Zeit trafen sie noch ein, um den

Gegner an der Abfahrt zu hindern. War es nicht ein gar zu kühnes

Unternehmen der Danziger mit ihren drei Schiffen, die sechzehn

Fahrzeuge starke Flotte der Dänen anzugreifen? Nur zu! In langer

Kiellinie fuhren die Dänen von dannen; die schnellen Schiffe voraus, in

der zweiten Abteilung sechs schwerbeladene Schiffe, denen die Mitfahrt

Mühe machte, da ihre Segelkraft nicht an die der größeren Schiffe

heranreichte.

Bokelmann nutzte den günstigen Augenblick aus und fuhr mit seinen

Schiffen in die Lücke der Dänen. Die vollen Breitseiten des

‚Mariendrachen‘ räumten auf den Decken, im Segel- und Mastenwerk

der dänischen Fahrzeuge gewaltig auf. Große Verluste erlitten auch

die Mannschaftsbestände der Dänen unter dem wohlgezielten und wenig

behinderten Feuer der Danziger. Als ihre Kugelgrüße dem dänischen

Nachtrupp durch die Segel fuhren, erkannte der Admiral seinen Fehler

und schwenkte jetzt mit dem Hauptteil seiner Flotte ein, um die

Danziger zu umklammern und von zwei Seiten anzugreifen und unter Feuer

zu nehmen. Gefährliche Augenblicke kamen jetzt für die Danziger.

Bokelmann erkannte die Gefahr, die seinen Schiffen drohte, und wandte

sie durch ein geschicktes Segelmanöver ab. Dadurch gewann er den Dänen

die Luvseite ab, so daß er seinen Gegner besser mit seinen Geschützen

unter Feuer nehmen konnte. Gründlich besorgten dies die Osterlinge.

Zwei Dänenschiffe mußten aus dem Kampf ausscheiden, die Kettenkugeln

von Bokelmanns Fahrzeugen hatten zu arg gewüstet, die Stümpfe der

Masten, die Reste der Rahen und der Segel, die über die Bordwände

hingen, bewiesen die Treffsicherheit der kühnen Hanseaten.

[Illustration: Sieg Bokelmanns über sechzehn dänische Schiffe bei

Bornholm.

Deutsche Flagge, sei gegrüsst! Friedens- und Kriegsfahrten der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine · 第 26 / 97 题