Danzig, das bei diesen Räubereien verschiedene Handelsschiffe einbüßte,
war keineswegs gewillt, stillschweigend die Gewalttaten hinzunehmen,
sondern rüstete eine gewaltige Fredekogge[15], ‚Mariendrache‘
genannt, aus. Kurt Bokelmann, Danzigs tüchtiger Schiffshauptmann,
erhielt die Führung des Kriegsschiffes. Lange Zeit suchte er in den
Nordseegewässern vergebens; endlich, am Ausgange des Jahres 1442, traf
er die Seeräuber in den Gewässern Helgolands. Die Natur bewies ihm ihre
Gunst. Bokelmann hatte den Wind für sich, so daß seine Gegner, die
Seeräuber, nicht anders als in die offene See enteilen konnten; auch
wußten sie, was ihnen bevorstand, fielen sie in die Hände des Danziger
Schiffshauptmanns; deshalb rüsteten sie sich auf einen Nahkampf, weil
sie den Danzigern für einen solchen Nahkampf zwei starke, wohlbestückte
Schiffe entgegenstellen konnten. Doch Bokelmann vermied den Nahkampf
und hielt sich in einer größeren Entfernung, da seine Kanonen trotzdem
ihr Ziel sicher trafen. Bokelmanns Geschützmeister, Martin Stolle,
hatte den klugen Einfall, die Geschosse glühend zu machen, um sie
in diesem Zustande gegen den Feind zu schleudern. Der Plan gelang
vorzüglich. Bokelmanns Mißtrauen, das er dieser neuen Art des Kampfes
anfangs entgegensetzte, war bald überwunden.
In den Lauf der Kartaunen kam zunächst Pulver, dann eine tüchtige
Schicht Leinwand und darauf die glühende Kugel. Großes Entsetzen
erregten bei den Seeräubern die feurigen Eisenkugeln vom Danziger
‚Mariendrachen‘, die ihre Schiffe trafen. Noch verzagten sie nicht und
antworteten tapfer, ohne das Ziel zu erreichen, und ihre Geschosse
fielen ins Wasser. Nach und nach entstand große Verwirrung auf den
beiden Räuberschiffen, und die aufsteigenden Rauchwolken verkündeten,
daß der Plan des Danziger Geschützmeisters Stolle seine Wirkung tat.
Immer höher stiegen die Rauchwolken, immer schwächer wurde das Feuer
der Räuberschiffe, bis es endlich ganz aufhörte, da zur Rettung der
Schiffe alle Mannschaften beim Löschen sich betätigten; nur noch die
Flucht blieb als Ausweg der Rettung übrig. Darauf wartete Bokelmanns
Schar. Der ‚Mariendrache‘ fuhr näher an die Kaperschiffe heran und
feuerte unentwegt Ladung auf Ladung in die dem Untergang geweihten
Seeräuberschiffe. Gierig züngelten die Flammen an den geteerten Tauen
zu den Masten empor. Die Segel verbrannten, und der Wind trieb mit
Hast die feurige Lohe über das Schiff. Rahen und Masten standen in
hellen Flammen, gleich feurigen Fackeln leuchteten die Piratenschiffe.
Bokelmanns tapfere Schar blieb noch immer am Werke und vermehrte durch
fortdauerndes Geschützfeuer die Verwirrung auf den Piratenschiffen.
Zwei Wege gab’s nur noch: entweder sicheren Untergang mit den
brennenden Schiffen oder die Flucht ans Land in den Booten. Die Kaperer
wählten das letztere und versuchten, in kleinen Booten das nahe
Helgoland zu erreichen. Aber auch dies Wagnis gelang ihnen nicht.
Die Geschosse des hinterdreinfahrenden ‚Mariendrachen‘ erreichten die
Fliehenden und bereiteten ihnen den Untergang, den Tod in den Wellen
der Nordsee.
* * * * *
Nach dem Treffen bei Helgoland segelte der ‚Mariendrache‘ heim, um dem
Rate der Stadt Danzig Kunde zu bringen von dem Erfolg der Ausfahrt.
In einer dunklen, stürmischen Herbstnacht übersegelte das Danziger
Kriegsschiff ein Fahrzeug. Nichts war zu sehen. Kein Licht leuchtete in
der Dunkelheit auf, und nur die Todesschreie der verunglückten Schiffer
kündeten den Danzigern, daß ein Unglück geschehen sei. Bokelmann ließ
die Boote herab, um den Überlebenden Rettung zu bringen. Aber auf der
weiten Wasserwüste war alles totenstill, Wellenberg und Wellental.
Wrackstücke schwammen auf dem Wasser. In einem Körbchen zwischen zwei
Segelstangen befestigt, so daß das Wasser nicht hineinschlug, lag ein
Säugling. Seine Mutter war versunken im Wellengrab; dem Kinde wurde
die Rettung. Bokelmann nahm den Säugling, dessen Herkunft und Name nie
ermittelt wurde, mit nach Danzig. Dort ließ der Danziger Schiffsmann
den Findling mit seinem Sohn Eler bei dem Ratsherrn Beneke erziehen.
Hier fand das Kind eine zweite Heimat, und der Kaufmann adoptierte den
Knaben, den man nach dem Auffindungstag auf den Namen Paul taufte.