Oberhalb von der Londoner Brücke lag, von engen Straßen begrenzt,
festungsartig mit hohen Mauern umgeben, der +Stahlhof+, das
Kontor der Hansen in London. Die starken Mauern, die ihn umgaben,
waren nicht umsonst so dick, denn mehrmals boten gerade sie den
Insassen vor den Angriffen des Pöbels Schutz. Diese Niederlassung
erhielt in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts ihre Bezeichnung von
der größten Halle der Anlage, in der die Tücher, die von Köln kamen,
‚gestalt‘, das heißt geprüft wurden. Im 16. Jahrhundert führten von dem
mehrstöckigen Gebäude drei Steintüren nach der Straße; zwei von diesen
waren vermauert, die mittelste aber stets streng bewacht. Lateinische
Inschriften zierten den Eingang. Sie hießen: „Fröhlich ist dieses Haus
und stets mit Gutem gefüllet, hier sind Friede, hier Ruhe und immer
ehrbare Freude“. Eine andere lautete: „Gold ist der Vater anmutigen
Glücks und der Sprößling des Schmerzes; es zu entbehren ist hart, es zu
besitzen bringt Furcht.“ Eine dritte besagte: „Wer sich weigert, dem
Guten zu gehorchen, vermeidet den Rauch, aber fällt in die Flammen!“
Die Versammlungen und die festlichen Veranstaltungen der Hansen fanden
in der Halle statt. Ein reiches Geschirr zierte die Tafeln, an den
Wänden prangten zwei Gemälde von Hans Holbein: ‚Triumph des Reichtums‘
und ‚Triumph der Armut‘. Von den übrigen zahlreichen Baulichkeiten,
den Wohnungen, Kaufräumen und den Warenhäusern wurde das rheinische
Weinhaus von der vornehmen Einwohnerschaft Londons gern und viel
besucht. Allerlei Leckerbissen, unter anderem Kaviar und geräucherte
Zunge, bildeten hier eine willkommene Zugabe zum Wein. Ein benachbarter
Garten, in dem Obstbäume und Weinreben sich fanden, gewährte im Sommer
angenehmen Aufenthalt und bot Platz für allerlei Spiele. Auch auf dem
Stahlhofe zu London herrschte strenge Zucht und Ordnung; dort verboten
die Statuten, die aus dem Jahre 1320 stammten, den Frauen den Zutritt.
Nach strenger Sitte hatte auch hier jeder seinen festen Platz inne.
Meister und Gesellen saßen stets gesondert voneinander bei Tisch.
Die Trunkenheit, das Würfelspiel und die Unsittlichkeit wurden nicht
geduldet; wer sich gegen die festgesetzten Sittenregeln verging, mußte
schwere Bußen erlegen. Pünktlich um neun Uhr schloß man das Tor. Alle
Bewohner des Stahlhofes mußten Wehr und Waffen tragen, nicht nur zum
eigenen Schutz, sondern auch zur Verteidigung der Stadtmauern, denn im
Falle eines Krieges lag den Insassen des Stahlhofes die Pflicht ob, ein
besonderes Tor zu verteidigen.
[Illustration: Der Stahlhof in London.