3. Spiele der Hansen zu Bergen.

Bei den Kaufleuten im Kontor zu Bergen gab es allerlei berühmte, oder

besser gesagt, berüchtigte Spiele, durch die insbesondere die neuen

Lehrburschen geplagt wurden. Sie sollten die Kurzweil bieten für die

Unbehaglichkeit des Kontors. Der Zweck der Veranstaltungen war, wie

die Geschichte berichtete, junge reiche Leute abzuschrecken, sich

nach Bergen aufs Kontor zu begeben, damit später aus ihnen keine

gefährlichen Konkurrenten erwüchsen. Besonders spielten die Prügel eine

große Rolle. Durch die eigentümliche Art der Erprobung verfolgte man

auch den Zweck, Muttersöhnchen den Aufenthalt zu erschweren, oder man

wollte sie im Ertragen von körperlichen Anstrengungen und Beschwerden,

deren ihrer genug im Kontor warteten, prüfen. Ähnliche Gebräuche, wie

wir sie im hansischen Kontor zu Bergen finden, hat man auch in anderen

Berufsständen während des Mittelalters geübt.

Der Neuling im Kontor mußte drei Proben bestehen, ehe er völlig in dem

Kreis der Hansen Aufnahme fand. Der Schmerz, den die jungen Burschen

bei diesen Proben empfanden, belustigte die älteren Hansen, die

Prinzipale und Gesellen, und gerade diese nannten die Spiele ergötzlich.

Die erste Probe wurde das Rauchspiel, auch ‚+Rookspill+‘, genannt;

es stellte eine Art Feuerprobe dar. Im feierlichen Zuge holte an einem

Feierabend um zehn Uhr unter Trommelschlag eine Prozession von Gesellen

den Neuling ab. Ein gar buntes Bild bot der Zug. Einige der Burschen

als Bauern, andere als alte Weiber und Narren verkleidet, trugen

allerlei Holzspäne, altes Gerümpel, Lederstücke und dergleichen Sachen

mehr. Im feierlichen Zuge ging’s in ihren Schütting. Der Lehrling,

dem die Veranstaltung galt, wurde in einen Sack gesteckt und durch

die Dachluken des Schüttings hinaufgewunden, unter ihm wurden das

Holzgerümpel, die Haare und das Leder verbrannt, den beißenden Qualm

und den erstickenden Rauch mußte der Neuling aushalten. Damit er auch

nicht zu wenig in seinen Hals bekam, hatte er auf alle ihm vorgelegten

Fragen laut und vernehmlich zu antworten, ja sogar Lieder zu singen.

Endlich war’s denn genug, der arme Bursche wurde heruntergehoben und

zur Abkühlung und Neuerweckung seiner Lebensgeister mit sechs Tonnen

Wasser übergossen.

[Illustration: Das Rauchspiel.]

Die zweite Probe bildete das ‚+Waterspill+‘; alljährlich am

zweiten Mittwoch nach dem Pfingstsonntag fand es statt. Die Neulinge

wurden zuvor gut bewirtet und am Nachmittage um drei Uhr in Kähnen aufs

Meer gefahren. Hier entkleideten sie sich, wurden ins Wasser geworfen

und dreimal untergetaucht, jedoch hielt man sie an den Armen fest.

Während sie noch im Wasser lagen, peitschten die Gesellen den bloßen

Rücken mit Ruten. Allzuhart ging es hierbei nicht her, denn jeder

Prüfling hatte einen Gesellen, der ihm Beistand leistete, indem dieser

mit Hilfe eines dichtbelaubten Maienbusches die Rutenstreiche auffing

und den Körper deckte. War diese Schaustellung vorüber, so kleidete man

die Burschen wieder an und führte sie zurück. Am Abend ging es in dem

Schütting hoch her, die Lehrburschen mußten beim Gelage ihre Prinzipale

und Gesellen bedienen.

Am Sonntage nach dem ‚Waterspill‘ kam die dritte Probe, das

‚+Stupenspill+‘ oder die ‚+Stupe+‘, zur Ausführung. Am Abend

vor dieser Schaustellung erwuchs den neuen Lehrburschen die Pflicht,

nach der nächsten Holzung zu rudern, um dort die neuen Maien- und

Birkenzweige zu holen, aus denen die Ruten gemacht wurden. Am nächsten

Morgen führte man die Lehrburschen unter Trommelschlag nach einem

Garten vor dem Tore; zwei Prinzipale, herrenmäßig gekleidet, waren

die Anführer. Andere der Kaufherren gingen als Rechenmeister mit, sie

besorgten auch die Bewirtung. Selbstverständlich fehlte auch nicht

der Hanswurst oder Narr; seine Kumpane waren ein als Bauertölpel

gekleideter Gesell und ein als Bauernweib maskierter Lehrling. Dieses

Kleeblatt foppte und neckte alle Welt, sprach in Reimen und trieb

allerlei Possen mit der Einwohnerschaft von Bergen, die diesem Aufzuge

gern zusah. Im Vorstadtgarten trieb die Schar sich eine Zeitlang herum

und kehrte alsdann mit Maienzweigen in den Händen auf den Hof zurück,

wo in der größten Schüttingstube um zwölf Uhr ein Mahl stattfand. Dann

begann der wichtige Augenblick für die armen Neulinge. Der Narr und

einige als Herren verkleidete Gesellen fingen zum Schein einen Streit

an; hierauf erhielten die neuen Lehrlinge den Befehl, ihn ins Paradies

zu bringen. Es war dies ein Alkoven oder ein Winkel im Schüttingsaale,

der zuvor heimlich in eine Marterkammer umgewandelt wurde. Gewöhnlich

hatte man die Lehrburschen bei dem Festmahl trunken gemacht, so daß sie

beim Eintritt in das sogenannte Paradies ihre vierundzwanzig als Bauern

vermummten Peiniger nicht erkannten. Einer der Gesellen redete die

Opferlämmer mit dem alten Spruch an:

„Ehr sey gott, ehr sey gott,

Daß reedt ich wahrlich sonder spott.

Ey krupp ni dat hillige paradis,

Dar skult du smecken barikenris,

barikenris mit hupen,

als 24 buren op din stert konnen stupen.“[6]

Ein ohrenbetäubender Lärm hub an; Pauken, Trommeln und Becken wirbelten

durcheinander, während die vierundzwanzig Gesellen über die Lehrlinge

herfielen, sie packten, über die Bank warfen und mit Birkenruten aus

Leibeskräften so lange bearbeiteten, bis das Jammergeschrei der Armen

die laute Musik übertönte. War auch diese letzte Probe überstanden,

dann galt der Lehrbursche als vollgültiges Mitglied der hansischen

Vereinigung in Bergen.

Ohne Frage waren es grobe, allzu derbe Spiele. Im Jahre 1671 bereitete

ihnen König Christian V. von Dänemark und Norwegen durch ein besonderes

Gesetz ein Ende; er verbot den Hansen bei schwerer Geldstrafe die

Veranstaltung dieser Spiele.

Deutsche Flagge, sei gegrüsst! Friedens- und Kriegsfahrten der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine · 第 17 / 97 题