Ein strammes Regiment scheint hier geherrscht zu haben. Es mußte
wohl so sein, besonders bei den ‚großen Schaffen‘, den jährlichen
gemeinsamen Festmählern, die nach Schluß der Schiffahrt gefeiert
wurden. Dann erhellte der herrliche vielarmige Kronleuchter den Raum,
Wachslichter brannten überall, und über dem Ölleinenbezug der vier
großen Laternen huschten die Silhouetten von Schiffern, Reitern und
Fußsoldaten.
Versetzen wir uns im Geiste einmal in die vergangenen Tage zurück.
Es geht hoch her. Die ganze Diele sitzt gedrängt voll. Mancher, der
am Feste teilnehmen möchte, kehrt mißmutig wieder um. Die Musikanten
sitzen auf den Schränken und blasen mit anerkennenswerter Stärke gegen
die Unterhaltung an. Immerhin ist noch der Lärm erträglich. Eben ist
das Essen abgetragen, und die ersten Krüge schäumenden Bieres sind
aufmarschiert. Zufrieden sehen wir einen der Schiffer zwischen den
Bänken umherwandeln. Er und sein Genosse haben es nicht leicht. Auf
ihr eigenes Risiko geht die ganze Veranstaltung. An nichts haben die
beiden es fehlen lassen. Man sieht es aber auch den Gesichtern der
Brüder an: es hat geschmeckt. Vier Musikanten sind diesmal auch mehr
als beim Schaffen des vorigen Jahres. Auf ihre Kosten kommen die beiden
Schaffer diesmal wohl nicht. Aber man sieht’s dem gutmütigen Gesicht
der Veranstalter an, daß sie es nicht verdrießt, wenn nur alles ‚in
goden freden‘ verläuft und die Brüder sich amüsieren. Das Gelage nimmt
seinen feuchtfröhlichen Verlauf ohne Störung. Im Durcheinander von
Singen, Erzählen und Musizieren muß man selbst schon ziemlich laut
werden, um sich verständlich zu machen. Das ist etwas für Leute mit
Nerven! So fühlen sich unsere Seebären gerade wohl und sind angeregt
wie selten. Rauchwolken wie aus einem kleinen Schornstein steigen
in die Luft und lagern über der munteren Gesellschaft, die grause
Gefahren und Abenteuer des vergangenen Jahres mit Phantasie verbrämt
zum besten gibt. Und seßhaft sind sie! Der grauende Morgen findet noch
alles fidel beisammen. „Und sind lustig gewesen bis des Morgens halb
sieben,“ bemerkt schmunzelnd der Schaffer in seinem Buche und fügt
erleichterten Herzens hinzu: „und is wol thogan“.[4] Nicht immer kann
er das berichten. Im hohen Seegang der Bierbegeisterung wird wohl
mancher Zusammenstoß erfolgt sein. Schwerwiegende Vergehen gegen die
Ordnung des Hauses finden wir jedoch nur selten vermerkt. Die warnende
Tafel hat doch wohl ihre Bestimmung nicht verfehlt. Heutzutage schreckt
sie niemanden mehr. Wann hat wohl der letzte Name darangestanden? Lang,
lang ist’s her! Anders sind die Gäste, die im Schifferhause heute
verkehren, ruhiger vor allem und weniger ausdauernd. Und wenn’s auch
jetzt noch manche späten Zecher gibt, bis ‚des Morgens halb sieben‘ hat
das Haus der Schiffergesellschaft wohl lange keine Gäste mehr bei sich
gesehen.
„Es ändert sich die Zeit und wir mit ihr!“
Auch das Kirchenjahr mit seinen vielen Feiertagen bot alt und jung,
hoch und niedrig Gelegenheit, sich an besonderen Festlichkeiten zu
vergnügen, dem Frohsinn und der Erheiterung gaben die Tage vor den
Fasten viele Gelegenheit. An sie reihten sich wiederum Mai-, Pfingst-
und Schützenfeste und die Jahrmärkte mit Gaukelspielern, Akrobaten,
Possenreißern und sonstigen Künstlern.
Mit der Zunahme des Wohlstandes wuchs das Bestreben, sich gegenseitig
zu überbieten, und nicht immer vergrößerte sich damit der innere Gehalt
der Vergnügungen. „Speise und Trank, Kleidung und Schmuck, Tanz und
Spiel blieben für lange Zeit die vornehmsten Vergnügungen“.
[Illustration]
Der hansische Kaufmann im Auslande.