Nach einer Aufnahme der Kgl. Meßbildanstalt in Berlin.]

[Illustration: Das Haus der Schiffergesellschaft zu Lübeck.]

Das Leben war im Mittelalter bis in das 15. Jahrhundert hinein arm und

hart, und erst in einer Zeit, da von Italien der Prunk und Anspruch

nach Deutschland vordrangen, wurde die Lebensart eine andere. Das

Haus und seine Einrichtung dienten bis dahin in erster Linie den

geschäftlichen Zwecken; für das Familienleben blieben nur enge und

unbehagliche Räume. Erst mit dem 15. Jahrhundert begann hier ein

Wechsel einzutreten, da zu dieser Zeit in norddeutschen Städten

die Verwendung der Glasscheiben ihren Eingang fand. Aus dem Grunde

ist es erklärlich, daß die Bewohner jener Zeit den Trieb nach

Geselligkeit außerhalb des Hauses befriedigten und in Klubhäusern und

Ratskellern ihre Zusammenkünfte pflegten. Die Artus- und Junkerhöfe,

Seglerhäuser und Schüttinge, Bursen und Säle, unter welchen Namen

diese Versammlungs- und Trinkhäuser ihren Zwecken dienstbar waren,

sahen namentlich in den Wintertagen und nach des Tages Last und Hitze

trinkfrohe Kreise in ihren Räumen versammelt.

Ein bemerkenswertes, eigenartiges und noch in unserer Zeit viel

aufgesuchtes Versammlungshaus aus den Tagen der Hanse bildet das Haus

der Schiffergesellschaft zu Lübeck.

Doch treten wir ein! Eine große Diele umfängt uns. Immer von neuem übt

dieser Raum auf den Besucher seine Wirkung. Wie wunderlich ist er, und

doch wie charaktervoll! Hier weht Seeluft. Wie der Seemann selbst in

alter Zeit war, so ist auch sein Vereinslokal, behäbig, derb und voller

Erinnerungen; und wie den Seemann erst ein längeres Verweilen und das

Eingehen auf seine Worte veranlaßt, sich dem Gaste zu erschließen und

sein ‚Garn zu spinnen‘, so lösen sich auch hier erst allmählich und

nach einigem Verweilen aus der Dämmerung des Raumes die ‚Erinnerungen‘,

jene sonderbaren Dekorationsstücke, die, in Jahrhunderten aus

aller Welt zusammengebracht, den Raum bis in die fernsten Winkel

füllen. Von der verräucherten Decke hängen die alten Schiffsmodelle

herab, dazwischen prangt der mächtige Messingkronleuchter. Alte

Heiligenstatuen bemerken wir an den Schränken, Bilder an den Wänden,

Kränze und Teller auf den Borden. Jedes Stück hat seine Geschichte.

Zwei große Bilder an einem Pfosten stellen den ‚Adler‘ dar, jenes

gigantische Lübecker Admiralsschiff vom Jahre 1567. Das Gestühl an der

südlichen Wand trägt als Wappen zwei gekrönte, gekreuzte Bootshaken.

Dies ist das eigentliche Wappen der Schiffergesellschaft. Auf den

Lehnen der übrigen ‚Gelage‘ in der Mitte des Raumes erblicken wir die

Wappen der Bergenfahrer: ‚Gekrönter Stockfisch‘ und ‚Halber Adler‘,

der Rigafahrer: ‚Burg mit gekreuzten Schlüsseln‘, und der Revalfahrer:

‚Drei Leoparden‘.

Hier fanden sich die Schiffer nach den Gesellschaften zusammen,

denen sie dienten, und hier trafen sie am ehesten gute Bekannte. Aus

dicken Eichenplatten ist das Gestühl gezimmert, derb wie der Seemann,

der einst darauf saß. Am Tische der Älterleute, dem sogenannten

Beichtstuhl, finden wir wieder das Wappen der Gesellschaft, die

gekreuzten Bootshaken. Die Hausordnung stammt aus dem Jahre 1580. Ohne

Umschweife ward hier verfügt:

„Dit Nafolgende hebben de Hanße Bröderschop bewilliget: de disses

Huses Gerechtigkeit nicht wil dohn ahne Kiwen den schall men up

disse Taffel schriewen unde schall dar so lang up stahn dat he

disses Huses Gerechtigkeit hefft gedahn. Beer tappen schall men ehm

hir nicht, so lange dat he sine sake Hefft maket schlicht.[3]

Deutsche Flagge, sei gegrüsst! Friedens- und Kriegsfahrten der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine · 第 12 / 97 题