Nach einem Altargemälde in der Marienkirche zu Lübeck.]

Die Schiffahrt, das wichtigste Hilfsmittel des hansischen Handels,

erfreute sich allseitiger Anteilnahme. Der norddeutsche Kaufmann

begleitete in der Regel seine Ware und wachte persönlich über sie.

Wie im Laufe der Zeit sich ständige und enge Beziehungen zwischen

den verschiedenen Häfen und Gebieten entwickelt hatten, dazu die

Handelsgesellschaften und Lieger sich mehrten, veranlaßten säumige

Schuldner oder andere Gründe einen großen Teil der Handelsherren,

sich oft den Gefahren einer Meeresfahrt auszusetzen. Die Seekrankheit

mit ihren unangenehmen Begleiterscheinungen focht nicht weiter an.

Dafür drohten Seeraub, Kaperei und Strandrecht, ferner konnten die

Naturgewalten durch Sturm und Unwetter Schiffbruch und Strandung

herbeiführen. An der Westwand der Briefkapelle in der Marienkirche zu

Lübeck hängt ein Gemälde, das den Untergang eines lübischen Dreimasters

an der norwegischen Küste im Jahre 1489 darstellt. Der Sturm hat

die Masten zersplittert, die Segel zerrissen; an Kisten und Planken

geklammert, sucht sich die Schiffsbesatzung zu retten, einige haben

glücklich die Felsenküste erreicht. Spruchbänder an der Tafel erzählen,

daß der Schiffer und dreiunddreißig Mann ertrunken seien.

Der unbekannte Stifter des Bildes, wahrscheinlich ein aus dem

Schiffbruch glücklich geretteter Bergenfahrer, schließt daran die

Ermahnung:

Och, guden gesellen, holdet nicht to licht,

Er gi to scepe gat, gat jo to der bicht.

Et was so kort ene tyt,

Dat wy unses levendes worden quid.

En pater noster vor alle cristen seelen![2]

Aus diesen einfachen Versen spricht das religiöse Empfinden, das

jeden vor Beginn einer größeren, mit Gefahren verknüpften Reise

veranlaßt, für sein künftiges Seelenheil zu sorgen. Man darf jedoch die

Unsicherheit der Land- und Wasserstraßen nicht übertreiben. Es lauerten

weder an jeder Straßenecke oder in jedem Walde Räuber auf, noch

verbargen sich hinter jeder Klippe oder in jeder Bucht Vitalienbrüder.

Die Regel bildete das sichere Vollbringen der Fahrten. Von ihnen wird

nicht viel gesprochen. Ohne das glückliche Vollenden vieler Fahrten

wäre ein so reger und ständig wachsender Handelsverkehr nicht möglich

gewesen. Mehr sprach man von den Reisen, die durch Raub und Plackerei

betroffen wurden, und umfangreiche Schriftstücke in den Archiven

der Städte beweisen, daß man mit vieler Umständlichkeit Beschwerden

zu Papier gebracht hat. Der hansische Kaufmann reiste gern. In das

Einerlei des Tages brachte die Fahrt willkommene Abwechslung. Nach der

Heimkehr erwartete den jungen Kaufmann die Pflicht des Tages. Er mußte

mitwirken in der Schreibstube, in den Räumen des Hauses oder auf den

Kaufhöfen. Einerlei, ob er in das väterliche Geschäft eintrat oder sich

selbständig machte. Spärlich ist die Auskunft über diese Tätigkeit; und

in den Handelsbriefen und Handelsbüchern jener Epoche des deutschen

Handels wird wenig darüber berichtet. Bildliche Darstellungen von den

Meistern jener Zeit wissen uns mehr zu erzählen. Sorgen aller Art

haben auch damals den Kaufmann bedrückt. Der Durchschnittskaufmann

jedoch überarbeitete sich nicht. Das Hasten unserer Zeit, Telephon

und Telegraph kannte er nicht, und reiflich und langsam überlegte er

seine Geschäftsabschlüsse. Man erhob sich zwar früh aus den Federn,

um der Frühmesse beizuwohnen. Dann kam das gemächliche Verzehren der

Morgensuppe, dann die Arbeit oder die Ratssitzung, und wenn sich

zur Mittagszeit der Hunger wieder einstellte, so gab’s nach dem

Essen eine längere Ruhepause. Des Nachmittags ging man wieder den

Berufsgeschäften nach, um zwischen vier und fünf Uhr zu vespern; damit

war dem Arbeitstage sein Ziel gesetzt, und nur in eiligen Zeiten, wenn

die Arbeitsmenge sich häufte, so zum Beispiel bei der Ankunft oder vor

der Abfahrt von Flotten, wird sich mancher Kaufherr noch einmal des

Abends in seine Schreibstube verfügt haben, um die Geschäftspapiere zu

erledigen.

[Illustration: Der Artushof in Danzig.

Deutsche Flagge, sei gegrüsst! Friedens- und Kriegsfahrten der Hanse, Kriegs- und Friedenstaten der deutschen Marine · 第 11 / 97 题