Über den Verlauf der ersten Kinderjahre berichten die hansischen
Geschichtsquellen wenig. Sie wissen wohl davon zu erzählen, daß die
Kindersterblichkeit eine hohe Ziffer aufwies, ebenso war aber auch der
Kinderreichtum der Familien groß. Die Sterblichkeit lag der Hauptsache
nach in dem damaligen Stande der ärztlichen Kunst begründet. Allerlei
Medizinen, viele Haus- und Geheimmittel begleiteten das neugeborene
Kind von der Wiege an durch alle Lebensabschnitte der Kindheit. Sie
sollten das Zahnen, das Gehen und Sprechenlernen unterstützen, und der
Aber- und Wunderglaube jener Tage, der den Wolfs- und Pferdezähnen und
ähnlichen Amuletten wunderbare Wirkungen zuschrieb, ist ja in unserer
Zeit noch nicht ausgestorben. Auch in jenen Tagen hat es nicht an
Beispielen gefehlt, daß der Kampf ums Dasein hart war, daß Vater und
Mutter sich nicht, wie es sein mußte, um ihr Kind kümmern konnten.
Mit dem Eintritt in die Schule begann ein neuer Zeitabschnitt in
dem Leben des jungen Menschenkindes; daß der Kaufmann jener Tage
eine Schule besuchte, war selbstverständlich. In den Archiven der
hansischen Städte finden wir neben den Aufzeichnungen, die in den
Kanzleien geschahen und von Ratmannen oder Beamten stammten, auch
Rechnungen einfacher Handwerker und Kaufleute. Und die Starrheit und
Ungelenkigkeit der Schriftzüge beweisen, daß die Feder nur widerwillig
der Führung der Hand gehorchte. Das Schulwesen jener Tage zeigte
keine einheitliche Gliederung, sondern die örtlichen Verhältnisse
und die recht verschiedenen Bedürfnisse und Rücksichten entschieden
alles. Die Schule bildete keine Angelegenheit des Staates oder der
Stadt, sondern der Kirche, und daher kam es oft zwischen beiden zu
Auseinandersetzungen. Die Zucht in den Schulen war strenge; Stock und
Rute spielten eine große Rolle, sie blieben die unentbehrlichsten
Hilfsmittel im Unterricht. Auf bildlichen Vorstellungen des
Mittelalters ist die Rute das Standessymbol des Lehrers. Als Unarten
der Schüler jener Zeit werden nur solche Vergehen berichtet, die auch
die heutige Jugend noch nicht abgelegt hat. Nach der Schulzeit kam die
Lehre und damit der Ernst des Lebens.
Über die Lehrzeit sagen die niederdeutschen Quellen wenig. Sie war
verschieden bemessen und schwankte zwischen zwei und zehn Jahren.
Alter, Bildungsstand, Lebensstellung des Lehrlings spielten eine
bestimmte Rolle. Lehrlingsordnungen überlieferte erst eine spätere
Zeit. Es darf jedoch als sicher gelten, daß manche von diesen schon
früher bestanden. In einigen dieser Bestimmungen fesselt besonders
die Verfügung, die dem jungen Kaufmannsgesellen einen zweijährigen
Aufenthalt in der Fremde vorschrieb. Hierin haben wir den Schlüssel
zu der Stellung des hansischen Kaufmanns. Jeder mußte hinaus, um
sich an anderen Orten, an fremden Plätzen, an fremden Märkten
Erfahrungen zu sammeln, die ihn später in den Stand setzten, nicht
nur für sich, sondern auch für das Wohl seiner Vaterstadt zu wirken.
Die Lehrzeit war gewiß recht hart, denn der junge Kaufmannslehrling
mußte auch im Haushalte tüchtig zugreifen; Einheizen, Feuerstechen,
Hauskehren, Wein-, Bier- und Wasserholen gehörten vielfach zu seinen
Dienstobliegenheiten. In den Bestimmungen wurde der Lehrherr darauf
hingewiesen, den Lehrling in Gottesfurcht zu erziehen und allseitig
auszubilden. Es darf nicht vergessen werden, daß der Lehrling oft sehr
jung in die Lehre kam und häufig genug erst jetzt seine Schulbildung
vervollständigte. Wenig hören wir von der Erlernung fremder Sprachen,
abgesehen von dem Latein. Man darf als sicher annehmen, daß der
Kaufmann der hansischen Zeit auch versucht hat, die Sprachen der
Völker, mit denen er Handel trieb, zu beherrschen. Lehrjungen und
Gesellen waren bei den Kaufleuten besonderen Aufnahmegebräuchen
unterworfen, die nach Ort und Zeit durchaus verschiedenartige waren. Am
bekanntesten sind die Spiele am Kontor zu Bergen geworden. Von ihnen
soll noch in einem anderen Kapitel die Rede sein.
Nach überstandener Lehrzeit wurde aus dem Lehrling ein Handlungsdiener,
er wurde Knecht oder Geselle. Die Bezeichnungen haben eben verschieden
gelautet. Jetzt begann für ihn die Zeit der Reise; entweder begleitete
er dabei seinen Herrn, oder dieser beauftragte den jungen Menschen,
in die Fremde zu gehen. Gleich dem Wandern der Handwerkergesellen
waren diese Handelsfahrten für den jungen Kaufmann von Wichtigkeit,
sie gaben ihm Weitblick und Unternehmungsgeist und verliehen seinem
Dasein Reiz. „Koplude, loplude“ sagt ein altes Wort, das die Seite
des kaufmännischen Lebens jener Tage dadurch scharf beleuchtet.
Heutzutage, der Zeit der Durchgangszüge mit Speisewagen, reist es
sich bequemer und schneller als in jener Vergangenheit, in der die
Land- und Heerstraßen nur schlecht im Stand gehalten wurden. Nur die
ärgsten Stellen und Löcher auf den großen Landesheerstraßen besserte
man notdürftig mit Reisig und Knüppeln aus. Langsam und mühsam bewegten
sich die hochbeladenen, mit einer großen Plane überspannten Frachtwagen
vorwärts. Staub und grundloser Schmutz belästigten die Begleiter.
Manches Rad und manche Achse gingen an Steinen und in Tiefen zuschanden.
Der wandernde Geselle schritt mit seinem Ränzel nebenher, der reiche
Kaufherr ritt nebenan. Es war notwendig, sich mit Lebensmitteln wohl
zu versorgen, denn die Wirtschaften an Straßen und in den Dörfern
hatten nur selten etwas Genießbares. Auf Heuböden, bei der Ofenbank,
auf den Tischen der Wirtsstuben wurde genächtigt. Oft blieb der
Reisende lieber unter freiem Himmel. Geiler von Kaisersberg ruft
mitleidig aus: „Was muß der Kaufmann alles leiden! Er muß elende
Herbergen aufsuchen, manch böses Mahl mit guten Zähnen essen und teuer
bezahlen.“
[Illustration: Schiffbruch eines Bergenfahrers.