In dem Vertrage wurden den Hansen ihre Handelsvorteile gelassen, jedoch
Waldemar kümmerte sich wenig um die Vereinbarungen, und bald kamen aus
den Städten die heftigsten Klagen über allerlei Vergewaltigungen.
Im November des Jahres 1367 beschlossen auf dem Hansetag in Köln
siebenundsiebzig Städte einen neuen Krieg gegen Dänemark und Norwegen.
Eine machtvolle Flotte wurde ausgerüstet. Den ersten Angriff der
vereinigten Flotte hatte Norwegen auszuhalten. Im Frühjahr 1368
verheerten die Hansen die Küste Norwegens so nachdrücklich, daß König
Hakon um einen Waffenstillstand nachsuchte. Dann fuhren die verbündeten
Hansen nach dem Sunde, eroberten in kurzer Zeit Kopenhagen, das feste
Schloß Helsingör und verwüsteten Seeland. Gleichzeitig eroberte
Albrecht von Schweden, der mit den Hansen gemeinsame Sache machte,
Schonen und belagerte Helsingborg. König Waldemar weilte als Flüchtling
im Ausland. Am 24. Mai 1370 schloß der Hansebund den ruhmreichen
Frieden zu Stralsund, in dem ihm neben einer Kriegsentschädigung das
bedeutungsvolle Recht zugesprochen wurde, die Könige der nordischen
Reiche zu bestätigen. Damit stand die Hanse auf ihrem Gipfelpunkt, ein
Städtebund triumphierte über Könige und Fürsten.
Nach diesem großen Erfolge ließ die Hanse es an der nötigen Aufsicht
und an der notwendigen Einheit fehlen. Die Seekaperei und der Seeraub
begannen überhandzunehmen. Wismar und Rostock hielten es im Jahre
1390 für angezeigt, Kaperbriefe gegen Schiffe der drei nordischen
Reiche auszugeben. Statt daß die Verhältnisse sich besserten,
verursachte dieses Vorgehen nur eine Verschlimmerung. Eine feste
Seeräubergesellschaft mit dem Hauptstützpunkt in Wisby bildete sich;
ihre Anhänger nannten sich ‚Likendeeler‘, auch unter dem Namen
‚Vitalienbrüder‘ sind sie bekannt geworden. Alles, was nicht zu diesen
beiden Städten gehörte, sahen die Raubgeschwader als willkommene Beute
an. Nicht nur, daß sie die See unsicher machten; ihre Wege führten sie
auch nach Bergen, das sie plünderten und damit der Hanse großen Schaden
zufügten. Im Jahre 1394 schickte Lübeck eine Flotte von vierunddreißig
Koggen gegen sie aus, ohne jedoch einen bemerkenswerten Erfolg zu
erringen.
Erst als die Likendeeler im Jahre 1398 Wisby und Gotland durch
das Vordringen des deutschen Ordens verloren, suchten sie ihren
Hauptstützpunkt in der Nordsee, wo sie noch lange ihren Räubereien
oblagen.
Von einem ihrer verwegensten Anführer, Klaus Störtebeker und seinen
Genossen, soll in einem anderen Kapitel die Rede sein. Im Jahre 1401
wurde er durch die Hamburger gefangengenommen und hingerichtet.
Unter den Seehelden der Hanse, die in den nachfolgenden Jahren eine
Rolle spielten, müssen Kurt Bokelmann und Paul Beneke, die beiden
Danziger Anführer, genannt werden, da sie in der Mitte und gegen
Ausgang des 15. Jahrhunderts die Tüchtigkeit der hansischen Seehelden
durch bemerkenswerte Taten bewiesen; von ihnen wird noch die Rede sein.
Am Anfang des 15. Jahrhunderts begann der Hansebund sich zu lockern;
die mancherlei Eigenwege, die die im Hansebund zusammengeschlossenen
Städte einschlugen, zersetzten den Bund immer mehr und mehr.
So führten die holländischen Städte Handel auf eigene Faust, der sie
durch ihre günstige nähere Lage zum Ozean besonders fördern konnte.
In den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Hanse und
König Erich von Dänemark, die wegen der Erhebung eines Sundzolles
in den Jahren 1427 bis 1435 entbrannten, hielten die Holländer
strenge Neutralität und schufen sich dadurch Vorteile, der Hanse aber
Nachteile, die schließlich im großen und ganzen das festhielt, was sie
besaß.
Hin und her schwankte in jenen Jahren das Kriegsglück; unter sich
uneins, griffen die Hansestädte wieder zum Kaperkriege, bei dem ihnen
die Vitalienbrüder willkommene Bundesgenossen waren. Rostock und
Stralsund bröckelten im Jahre 1430 vom Bunde ab, indem die beiden
Städte durch einen Sonderfrieden, den sie mit Dänemark eingingen, die
Gesamtinteressen verletzten. Die übrigen Hansestädte schlossen im
Jahre 1435 mit dem Dänenfürsten den Frieden zu Vardingholm. Der König
bestand nicht mehr auf dem Sundzoll und zahlte sogar eine geringe
Entschädigung, nicht in Rücksicht auf die Kraft der Hansen, sondern
weil die Verhältnisse in seinen Reichen ihn zum Nachgeben zwangen.
Die größte Bedeutung in der Lockerung des Hansebundes hat die Tatsache,
daß vom Jahre 1425 an der große Zug der Heringe zur Ostsee ausblieb.
Die an der Südwestspitze Schonens bei Skanoer und Falsterbo im Sommer
und im Herbst errichteten umfangreichen Heringslager, unter dem Namen
‚Fitten‘ in der Geschichte bekannt, büßten an Bedeutung ein. Tausende
von Fischern, Schiffern und Kaufleuten aller Nationen hatten sich
viele Jahre hindurch hier zusammengefunden, und nun, da der Hering auf
seinem Zuge jetzt die südliche Nordsee aufsuchte, büßten die alten
Niederlassungen ihre Bedeutung ein. Die Niederlande aber nahmen an
Bedeutung zu, da sie jetzt der Welt die bedeutsamste Fastenspeise --
den Hering -- lieferten.
Ein Kaperkrieg, der zwischen der Hanse und Holland ausgefochten wurde,
brachte den Hansen Verluste und hatte als Endergebnis im Jahre 1441
die endgültige Trennung der holländischen Seestädte von der Hanse; das
kleine Holland begann zuversichtlich seinen Welthandel zu entwickeln.
Die Politik der Hansen war nicht mehr so sicher, so tatkräftig und so
umsichtig wie früher. Ein vorsichtiger Krämergeist verursachte, daß
nicht mehr wie sonst eine hinreichend starke Flotte unterhalten wurde,
und als dann die drei nordischen Reiche in einer Hand vereinigt waren,
bildeten sie eine Macht wie nie vorher. Die Hanse ließ es zu, mußte es
zulassen, weil sie untätig war und sich mit der papierenen Zusicherung
ihrer alten Vorrechte begnügte.
Inzwischen begannen die Verwicklungen mit England, die zu Kriegen
führten, da die Engländer in den hartnäckigen französisch-englischen
Auseinandersetzungen sich zeitweise mit Gewalt an den hansischen
Schiffen bereicherten; die Engländer taten dies, weil sie wußten,
daß hinter den einzelnen deutschen Städten keine Macht stand, und
an eine Einigkeit der Hansestädte glaubten sie nicht. König Eduard
IV. von England nahm im Jahre 1468 den Hansen ihre Vorrechte, setzte
den deutschen Kaufmann gefangen, schloß den Stahlhof zu London und
beschlagnahmte die deutschen Güter; nur die Kölner blieben verschont.
Jetzt einigten sich die Städte. Auf dem Hansetag im Mai 1469 wurde
auf Antrag von Lübeck beschlossen: 1. der Krieg gegen England, 2. das
Verbot des Verkaufs englischer Waren im Gebiete der Hanse, 3. die
Unterbindung des Verkehrs mit England.
Große Unternehmungen leiteten die Hansen nicht ein, sie versuchten es
vorwiegend mit einem Kaperkriege, in dem sich besonders der Danziger
Schiffsführer Paul Beneke hervortat.
Als eine starke Hanseflotte englische Küstengebiete viele Meilen
weit verheerte und eine Reihe Schiffe fortgenommen hatte, bequemte
sich Eduard IV. im Jahre 1474, Frieden zu schließen, der Hanse ihre
Vorrechte wieder zu bestätigen und eine Kriegsentschädigung zu zahlen.
Er tat dies, weil England die Absatzgebiete der Hanse noch brauchte.
Gegen Rußland konnte die Hanse bedeutsame Schritte nicht unternehmen,
da diesem Staate ein Küstengebiet fehlte. Als Iwan I. im Jahre 1494 den
deutschen Hof in Nowgorod ausplünderte, legte er die dort wohnenden
neunundvierzig Deutschen in Ketten und fügte dadurch der Hanse schweren
Schaden zu. Wohl rief sie den Kaiser um Hilfe an, der aber half nicht.
Wenige Jahre später erwirkte sich König Johann von Dänemark einen
Achtbrief gegen Schweden. Die Hanse wurde hierdurch in ihrem
Handelsverkehr gehindert. In diesen Zeiten erfuhr das feste Gefüge
des Bundes eine große Lockerung. Als Lübeck am Ende des Jahres 1509
Dänemark den Krieg erklärte, schlossen sich ihm nur noch Rostock,
Wismar und Stralsund an. Aber die Tatkraft der Hansestädte erfocht
noch einmal den Sieg. Am 9. August 1510 wurde bei Bornholm den Dänen
in einer Seeschlacht ein großer Verlust zugefügt; sie blieb aber
nur unentschieden, weil die Stralsunder Schiffe zu spät kamen. Die
dänischen Inseln waren schon vorher von den Hanseschiffen heimgesucht
worden. Wenige Tage nach dem 9. August griffen die Hansen vor Danzig
eine holländische Handelsflotte an und erbeuteten zahlreiche Schiffe.
Am 18. August des gleichen Jahres kam es erneut zu einem Treffen bei
Hela, in dem die dänische Flotte geschlagen wurde, dazu betrieben
Lübeck und Kolberg den Kaperkrieg mit Erfolg, so daß die Überlegenheit
der Hanse zur See bestehen blieb und der Friede zu Malmö im Jahre 1512
ihre Vorrechte bestätigte.
Wohl hatten die Hansen ihre Macht noch einmal gezeigt, aber die
politischen Verhältnisse hatten während der zweieinhalb Jahrhunderte
eine große Veränderung erfahren. Die Staaten, in denen die Hanse
so große Vorrechte besaß, waren zu einem Lehns- und Beamtenstaat
geworden; die Macht der Königswürde wuchs und damit auch das Bestreben
jener Größen, nicht mehr den Seehandel des eigenen Landes in fremden
Händen zu sehen. Dazu wollten die Fürsten sich des Rechtes, an ihrer
Landesgrenze Zölle zu erheben, nicht länger begeben, noch sich
Einschränkungen auferlegen lassen. Auch die günstigen Vorrechte, die
der Hanse zustanden, wurden als lästig und drückend empfunden. Kurzum,
die Zeit, in der sich Monopole des Seehandels aufrechterhalten ließen,
war mit dem Mittelalter vorbei.
Leider erkannten die sonst so weitsichtigen Staatsmänner der Hanse
diese Veränderungen der Zeitverhältnisse nicht. Sie hielten zu
stark und zu fest an alten überkommenen Zielen. Die Seegrenzen,
die die Haupthansestädte umfaßten, waren viel zu groß, dazu das
Einflußgebiet der einzelnen Hansestädte zu verschiedenartig. Als
notwendige Folge konnte die Abbröckelung des Bundes nicht ausbleiben.
Die großen Entdeckungen des Mittelalters, die Reformation mit ihren
durchgreifenden Erregungen der Gemüter führten auch zu einer Änderung
auf sozialem Gebiete, durch das Schwankungen in die Verhältnisse
hineinkamen.
In den Hansestädten wollten auch die minderbemittelten Kreise, die
Handwerker, Einfluß auf die Regierung der Stadt haben und nicht allein
alle Macht in den Händen der Kaufleute sehen. Die Gärung der Geister
ging nicht spurlos im Treiben der Zeit vorüber, allein zum Ausbruch kam
sie erst später.
[Illustration: Bürgermeister Jürgen Wullenweber (1492-1537).