Organisation zielt beständig dahin, daß die Bevölkerung stark und
leistungsfähig werde. Aber dies rastlose Streben nach Stärke und
Leistungsfähigkeit entzieht der höheren Natur des Menschen, die ihn
aufopfernd und schöpferisch machte, ihre Kraft. Seine Opferfähigkeit
wird von ihrem eigentlichen, sittlichen und lebendigen Ziel abgelenkt
auf ein mechanisches und lebloses, die Erhaltung dieser Organisation.
Und doch fühlt er in der Erreichung dieses Zieles die ganze Genugtuung
sittlicher Erhebung und wird daher der Menschheit äußerst gefährlich. Er
fühlt sich in seinem Gewissen beruhigt, wenn er seine Verantwortlichkeit
auf diese Maschine schieben kann, die eine Schöpfung seines Intellekts
und nicht seiner ganzen sittlichen Persönlichkeit ist. So kommt es, daß
das Volk, welches die Freiheit liebt, in einem großen Teil der Welt die
Sklaverei fortbestehen läßt mit dem wohltuenden Gefühl des Stolzes,
seine Pflicht getan zu haben. Menschen, die von Natur gerecht sind,
können sowohl im Handeln wie im Denken grausam ungerecht sein und dabei
das Gefühl haben, daß sie den Menschen nur zu dem verhelfen, was sie
verdienen. Menschen, die sonst ehrlich sind, können, ohne zu wissen, was
sie tun, andern dauernd ihr Menschenrecht auf höhere Entwicklung rauben
und dabei die Beraubten schmähen, daß sie keine bessere Behandlung
verdient hätten. Wir haben im täglichen Leben gesehen, wie sogar kleine
Geschäfts- und Berufsorganisationen Menschen, die von Natur nicht
schlecht sind, gefühllos machen, und wir können uns wohl vorstellen,
welch eine Zerstörung in der sittlichen Welt angerichtet wird, wenn
ganze Völker sich mit rasendem Eifer organisieren, um Macht und Reichtum
zu gewinnen.
Der Nationalismus ist eine sehr schwere Gefahr. Er ist seit Jahren die
Ursache von allen Leiden Indiens. Und da wir von einer Nation regiert
und beherrscht werden, die in ihrer Haltung ausschließlich politisch
ist, haben wir trotz des Erbes unserer Vergangenheit versucht, den
Glauben in uns zu entwickeln, daß wir auch vielleicht eine politische
Aufgabe haben.
Es gibt in Indien verschiedene Parteien, die ihre verschiedenen Ideale
haben. Einige streben nach politischer Unabhängigkeit. Andere glauben,
daß die Zeit dazu noch nicht gekommen ist, aber sie meinen, Indien
sollte die Rechte der englischen Kolonien haben. Sie wollen soweit wie
möglich Selbstregierung.
Als die politische Bewegung in Indien anfing, da gab es noch keinen
Parteistreit wie heute. Damals gab es eine Partei, die sich Indischer
Kongreß nannte. Sie hatte kein wirkliches Programm; sie wies auf einige
Mißstände hin und forderte ihre Abstellung von seiten der Behörden. Sie
wünschte eine größere Vertretung im Regierungsrat und mehr Freiheit in
der Gemeindeverwaltung. Sie verlangte lauter Kleinigkeiten, aber sie
hatte kein aufbauendes Ideal. Daher konnte ich mich für ihr Vorgehen
nicht begeistern. Es war meine Überzeugung, daß das, was Indien am
meisten braucht, schöpferische, aus seinem eigenen Geist geborene Arbeit
ist. Und bei dieser Arbeit müssen wir alle Gefahren auf uns nehmen und
selbst noch in des Verfolgers Rachen nicht aufhören, unsere uns vom
Schicksal auferlegte Pflicht zu tun, und so durch Leiden und Mißerfolg
bei jedem Schritt moralische Siege gewinnen. Wir müssen denen über uns
zeigen, daß wir sittliche Kraft und Stärke haben, für die Wahrheit zu
leiden. Haben wir aber selber nichts aufzuweisen, so können wir nur
betteln. Es würde verderblich für uns sein, wenn uns die Gaben, um die
wir bitten, sogleich gewährt würden, und ich habe meinen Landsleuten
immer wieder gesagt, daß sie sich zusammenschließen sollen, nicht um zu
betteln, sondern um Möglichkeiten zu schaffen, daß unser Geist der
Selbstaufopferung sich wirksam erweisen kann.
Der Indische Kongreß verlor jedoch an Einfluß, da das Volk bald sah, wie
nutzlos die Halbheit seiner politischen Bestrebungen war. Die Partei
spaltete sich, und es bildeten sich die Radikalen, die die bisherige
Methode des Bittens -- die leichteste Methode, sich der
Verantwortlichkeit gegen sein Land zu entschlagen -- verwarfen und für
absolute Freiheit des Handelns eintraten. Ihre Ideale gründeten sich auf
die Geschichte des Westens. Sie hatten kein Gefühl für die besonderen
Probleme Indiens. Sie erkannten die offenbare Tatsache nicht an, daß
unsere Gesellschaftsordnung uns unfähig macht, es mit den fremden
Völkern aufzunehmen. Denn was würde aus uns werden, wenn England
irgendwie aus Indien vertrieben würde? Wir würden nur andern Nationen
zum Opfer fallen. Dieselben sozialen Übel würden bestehen bleiben. Was
wir in Indien erstreben müssen, ist dies: wir müssen suchen, mit den
sozialen Sitten und Idealen aufzuräumen, die uns unsere Selbstachtung
genommen und uns von denen, die uns beherrschen, ganz abhängig gemacht
haben -- mit dem Kastensystem und mit der blinden und trägen
Gewohnheit, uns auf die Autorität von Traditionen zu verlassen, die
heutzutage vernunftwidrige Anachronismen geworden sind.
Ich lenke noch einmal eure Aufmerksamkeit auf die Schwierigkeiten hin,
mit denen Indien zu kämpfen gehabt hat. Sein Problem war das Weltproblem
im kleinen. Indien hat eine zu große Ausdehnung und beherbergt zu
verschiedene Rassen. Es sind in ihm viele Länder in einen geographischen
Behälter zusammengepackt. Es ist gerade das Gegenteil von dem, was
Europa in Wahrheit ist: ein einziges Land, das in viele Länder zerteilt
ist. So hat Europa bei seinem Wachstum und Fortschritt den doppelten
Vorteil gehabt: es hatte die Stärke der Vielheit und die Stärke der
Einheit. Indien dagegen, das von Natur eine Vielheit und nur durch
Zufall eine Einheit ist, hat immer unter dem losen Zusammenhang der
ersteren und unter der Schwäche der letzteren gelitten. Wahre Einheit
ist wie eine runde Kugel, sie rollt von selbst und trägt ihr Gewicht mit
Leichtigkeit; aber Vielheit ist ein Ding mit vielen Ecken und Kanten,
das man mit aller Kraft ziehen und vorwärtsstoßen muß. Es muß zu
Indiens Rechtfertigung gesagt werden, daß es diese Vielheit nicht selbst
geschaffen hat, es hat sie von Anfang seiner Geschichte an als eine
Tatsache hinnehmen müssen. In Amerika und Australien hat Europa sich
sein Problem dadurch vereinfacht, daß es die Urbevölkerung fast ganz
ausrottete. Und noch heute macht sich dieser Ausrottungsgeist bei den
Europäern bemerkbar, indem sie Fremde ungastlich ausschließen, sie, die
selbst als Fremde kamen in die Länder, die sie nun beherrschen. Aber
Indien duldete von Anfang an die Verschiedenheit der Rassen, und diesen
Geist der Duldsamkeit hat es in seiner ganzen Geschichte gezeigt.
In ihm hat auch sein Kastensystem seinen letzten Grund. Denn Indien hat
immer versucht, eine soziale Einheit zu entwickeln, die alle die
verschiedenen Völker zusammenhielt und ihnen doch die Freiheit ließ, die
bei ihnen bestehenden Unterschiede zu wahren. Das Band war so lose wie
möglich, und doch so fest, wie die Umstände es gestatteten. So ist etwas
wie ein sozialer Bund von Vereinigten Staaten entstanden, dessen
gemeinsamer Name Hinduismus ist.
Indien hat gefühlt, daß Rassenunterschiede sein müssen und sollen, was
auch ihre Nachteile sein mögen, und daß wir nie die Natur in enge, uns
bequeme Grenzen zwingen können, ohne es eines Tages teuer bezahlen zu
müssen. Soweit war Indien im Recht; aber es bedachte nicht, daß die
Unterschiede, die die Menschen trennen, nicht wie Gebirgsgrenzen sind,
die für immer bestehen, sondern fließend mit des Lebens Fluß und Lauf,
Gestalt und Größe wechseln.
Indien erkannte durch seine Kasteneinteilung die Unterschiede an, aber
nicht die Wandelbarkeit, die das Gesetz des Lebens ist. Indem es
versuchte, Zusammenstöße zu vermeiden, stellte es unbewegliche Mauern
als Schranken auf und gab so seinen zahlreichen Rassen die negative
Wohltat der Ordnung und Ruhe, aber nicht die positive Möglichkeit der
freien Bewegung und Ausbreitung. Es ließ die Natur gelten, wo sie
Verschiedenheiten geschaffen hatte, aber hinderte sie, diese
Verschiedenheiten im ewigen Spiel ihrer schöpferischen Tätigkeit neu zu
wandeln. Es wurde der Buntheit des Lebens gerecht, aber es versündigte
sich an seiner ewigen Bewegung. Und so entfloh ihm das Leben aus seiner
Gesellschaftsordnung, und Indien betet nun statt seiner den prächtigen
Käfig mit den vielen Abteilen an, wohinein es das Leben sperren wollte.
Dasselbe geschah, als Indien es versuchte, die Zusammenstöße der
verschiedenen Handelsinteressen zu vermeiden. Es wies bestimmte Gewerbe
und Berufe bestimmten Kasten zu. Dies hatte die Wirkung, daß der endlose
Neid und Haß des Wettstreits für immer beseitigt war -- dieses
Wettstreits, der soviel Grausamkeiten im Gefolge hat und die ganze
Atmosphäre mit Lügen und Betrug vergiftet. Aber auch hierbei legte
Indien, das Gesetz der Wandlung außer acht lassend, den ganzen Nachdruck
auf das Gesetz der Vererbung und setzte so allmählich Kunst auf
Kunstfertigkeit, und schöpferische Kraft auf Geschicklichkeit herab.
Was jedoch dem westlichen Beobachter entgeht, ist die Tatsache, daß
Indien, als es das Kastensystem schuf, mit ganzem Ernst und im vollen
Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit daran ging, das Rassenproblem so zu
lösen, daß alle Reibung vermieden, und doch jeder Rasse innerhalb ihrer
Grenzen Freiheit gewährt wurde. Wir wollen zugeben, daß Indien dies
nicht in vollem Maße gelungen ist. Aber eines müßt ihr auch einräumen:
daß der Westen, da er in bezug auf Gleichartigkeit der Rasse in einer
viel günstigeren Lage ist, dem Rassenproblem nie seine Aufmerksamkeit
zugewandt hat, und daß er, wenn er vor dies Problem gestellt wurde, sich
leicht damit abfand, ohne eine ernsthafte Lösung zu suchen. So macht er
es auch jetzt, wo er die Asiaten systematisch von den Küsten dieses
Landes fernzuhalten sucht und sie ihres Rechtes beraubt, ihren
Lebensunterhalt hier ehrlich zu erwerben. In den meisten eurer Kolonien
laßt ihr sie nur unter der Bedingung zu, daß sie die niedern Dienste von
Holzhauern und Wasserträgern auf sich nehmen. Entweder verschließt ihr
den Fremden eure Türen, oder ihr würdigt sie zu Sklaven herab. Dies ist
eure Art, das Problem des Rassenstreites zu lösen. Welche Vorzüge diese
Art auch haben mag, ihr werdet zugeben müssen, daß sie nicht höheren
sittlichen Motiven entspringt, sondern den niederen Leidenschaften der
Gier und des Hasses. Ihr sagt: So ist die menschliche Natur. Indien
glaubte auch, die menschliche Natur zu kennen, als es seine
verschiedenen Rassen durch feste soziale Ranggrenzen voneinander
absperrte. Aber wir haben durch teure Erfahrung gelernt, daß die
menschliche Natur nicht das ist, was sie scheint, sondern daß ihre
Wahrheit in ihren unendlichen Möglichkeiten liegt. Und wenn wir in
unserer Blindheit die Menschheit wegen ihres zerlumpten Gewandes
schmähen, so läßt sie diese Verkleidung fallen, und wir sehen, daß wir
die Gottheit geschmäht haben. Die Erniedrigung, die wir in unserem Stolz
oder Eigennutz andern antun, fällt auf unsere eigene Menschheit -- und
dies ist die furchtbarste Strafe, denn wir spüren sie erst, wenn es zu
spät ist.
Nicht nur in eurer Beziehung zu fremden Völkern, sondern auch in der
Beziehung eurer verschiedenen Gesellschaftsklassen zueinander habt ihr
keine versöhnende Harmonie zustande gebracht. Der Geist des Kampfes und
Wettstreits darf ungezügelt seinen Lauf nehmen. Und da er der Sprößling
von Habsucht und Machtgier ist, kann er nicht anders enden als mit
gewaltsamem Tode. In Indien wurde die Herstellung von Waren unter das
Gesetz sozialer Ordnung gebracht. Ihre Grundlage war Zusammenwirken, ihr
Ziel vollkommene Befriedigung der sozialen Bedürfnisse. Im Westen ist
Wettstreit ihre Triebkraft und Erwerb von Reichtum für die Einzelnen ihr
Ziel. Aber der Einzelne ist wie die geometrische Linie, die nur eine
Ausdehnung hat. Sie hat keine Breite und keine Tiefe und kann nicht
irgend etwas umfassen und dauernd halten. Und daher läuft sie ewig
suchend und unbefriedigt fort. Sie kann in ihrer endlosen Verlängerung
andere Linien kreuzen und Verwicklungen verursachen, aber sie wird immer
dünn und isoliert bleiben und das Ideal der Vollständigkeit nicht
erreichen.
Bei allen unseren physischen Begierden erkennen wir eine Grenze. Wir
wissen, daß, wenn wir darüber hinausgehen, es auf Kosten unserer
Gesundheit geschieht. Aber hat denn diese Gier nach Reichtum und Macht
nicht auch Grenzen, jenseits welcher das Reich des Todes ist?
Verbrauchen die westlichen Völker bei diesen nationalen Karnevalfesten
des Materialismus nicht den größten Teil ihrer Lebenskraft dabei, daß
sie tote Dinge schaffen statt lebendiger Ideale? Und kann das eine
wirkliche Kultur sein, die das Gesetz der sittlichen Gesundheit außer
acht läßt und dadurch, daß sie unaufhaltsam materielle Stoffe in sich
hineinschlingt, zu scheußlicher Aufgedunsenheit anschwillt? Im sozialen
Leben sucht der Mensch seine Begierden zu zügeln und den höheren Zwecken
seiner Natur zu unterwerfen. Aber im wirtschaftlichen Leben kennen
unsere Begierden keine anderen Schranken als die von »Angebot und
Nachfrage«, und diese können künstlich verrückt werden, so daß der
Einzelne seinen ausschweifenden Gelüsten, soviel er will, sich hingeben
kann. In Indien legten unsere sozialen Ideale unseren Begierden Zügel
an -- vielleicht unterdrückten sie sie gänzlich --, im Westen jedoch
treibt der Geist der wirtschaftlichen Organisation, der kein sittliches
Ziel kennt, die Menschen zum fortwährenden Jagen nach Reichtum; aber ist
dem keine heilsame Grenze gesetzt?
Die Ideale, die sich in den sozialen Einrichtungen zu verwirklichen
suchen, haben ein doppeltes Ziel. Einmal sollen sie unsere
Leidenschaften und Begierden zügeln und dadurch unsere harmonische
Entwicklung möglich machen, und dann sollen sie uns helfen, in
selbstloser Liebe für unsere Mitmenschen zu wirken. Daher ist die
Gesellschaft der Ausdruck jenes sittlichen und geistigen Strebens, das
zur höheren Natur des Menschen gehört.
Unsere Nahrung ist schöpferisch, sie baut unseren Körper auf; aber der
Wein, der nur aufregt, ist es nicht. Unsere sozialen Ideale schaffen die
menschliche Welt, aber wenn unser Geist von ihnen abgelenkt wird auf
Gier nach Macht, dann leben wir in einem Zustande des Rausches und
infolgedessen in einer naturwidrigen Welt, wo unsere Kraft nicht
Gesundheit und unsere Freiheit nur Ungebundenheit ist. Daher kann uns
die politische Freiheit keine wahre Freiheit geben, solange der Geist
nicht frei ist. Ein Automobil kann mir nicht Freiheit der Bewegung
geben, weil es eine bloße Maschine ist. Wenn ich selbst frei bin, so
kann ich das Automobil im Dienst meiner Freiheit brauchen.
Wir dürfen in der gegenwärtigen Zeit nicht vergessen, daß die Menschen,
die politische Freiheit erlangt haben, darum noch nicht frei zu sein
brauchen, sie sind nur mächtig. Die Leidenschaften, die ungezügelt in
ihnen wirken können, schaffen riesige Organisationen einer Sklaverei,
die sich für Freiheit ausgibt. Die sich Gelderwerb als höchstes Ziel
gesetzt haben, verkaufen, ohne daß sie sich dessen bewußt sind, ihre
Seele dem Reichtum, entweder einzelnen oder Gemeinschaften. Jene, die in
ihre politische Macht verliebt sind und sich an der Ausdehnung ihrer
Herrschaft über fremde Rassen weiden, liefern allmählich ihre eigene
Freiheit und Menschlichkeit den Organisationen aus, die nötig sind, um
andere Völker in Sklaverei zu halten. In den sogenannten freien Ländern
ist die Mehrzahl des Volkes nicht frei; sie wird von der Minderheit nach
einem Ziel hingetrieben, das sie nicht einmal kennt. Dies wird nur
dadurch möglich, daß die Menschen die sittliche und geistige Freiheit
nicht als ihr Ziel anerkennen. Sie schaffen mit ihren Leidenschaften
riesige Strudel, und wenn sie von der bloßen Geschwindigkeit ihrer
wirbelnden Bewegung ganz berauscht und schwindlig sind, so halten sie
dies für Freiheit. Aber das Verhängnis, das ihrer wartet, ist so gewiß
wie der Tod, -- denn die Wahrheit des Menschen ist sittliche Wahrheit,
und seine wahre Befreiung geschieht nur im Geiste.
Die große Mehrzahl der heutigen Nationalisten in Indien ist der Meinung,
daß wir mit der Entwicklung unserer sozialen und geistigen Ideale
endgültig fertig sind, daß diese Arbeit des Aufbaus der Gesellschaft
schon seit Jahrtausenden bei uns getan ist, und daß wir jetzt unsere
ganze Schaffenskraft in politischer Richtung betätigen können. Wir
denken nicht im entferntesten daran, unsere gegenwärtige Hilflosigkeit
auf soziale Unzulänglichkeit zurückzuführen, denn unser Nationalismus
hat den Glauben, daß dies System schon für alle Zukunft zur Vollendung
gebracht wurde von unseren Vorfahren, die die übermenschliche Gabe
prophetischen Schauens und die übernatürliche Kraft der Fürsorge für
unendliche Zukunft hatten. Daher machen wir für alles Elend und für
alle Unzulänglichkeiten die geschichtlichen Ereignisse verantwortlich,
die plötzlich von außen über uns hereinbrachen. Und aus diesem Grunde
glauben wir, daß es unsere einzige Aufgabe ist, ein politisches Wunder
von Freiheit auf dem Flugsand sozialer Sklaverei aufzubauen. Ja, wir
wollen den Strom unserer eigenen Geschichte abdämmen und aus den Quellen
der Geschichte anderer Völker Macht borgen.
Die unter uns, die dem Wahn erlegen sind, daß politische Freiheit uns
frei machen würde, haben die Lehre des Westens als Evangelium angenommen
und ihren Glauben an die Menschheit verloren. Wir müssen bedenken, daß
jede soziale Schwäche, an der wir festhalten, in der Politik zu einer
Quelle von Gefahren wird. Dieselbe Passivität, die uns bei unseren
sozialen Einrichtungen an toten Formen hängen läßt, wird in der Politik
starre Kerkermauern um uns aufrichten. Die Engherzigkeit, die es möglich
macht, daß wir einem großen Teil der Menschheit das drückende Joch der
Minderwertigkeit auflegen, wird sich in der Politik als Tyrannei und
Ungerechtigkeit behaupten.
Wenn unsere Nationalisten von ihren Idealen sprechen, so vergessen sie,
daß bei uns dem Nationalismus die Grundlage fehlt. Dieselben Leute, die
diese Ideale hochhalten, sind in ihrer sozialen Haltung die
Konservativsten. Die Nationalisten sagen z. B.: »Seht die Schweiz, wo
sich trotz der Rassenunterschiede die Völker zu einer Nation
zusammengeschlossen haben.« Aber ihr müßt bedenken, daß sich in der
Schweiz die Rassen vermischen und untereinander heiraten können, weil
sie eines Stammes sind. In Indien ist dies nicht der Fall. Und wenn wir
von den verschiedenen Nationalitäten Europas sprechen, so denken wir
nicht daran, daß dort die Nationen nicht den physischen Widerwillen
gegeneinander haben wie unsere verschiedenen Kasten. Gibt es irgendwo in
der Welt ein Beispiel dafür, daß Glieder eines Volkes, die ihr Blut
nicht mischen dürfen, doch ihr Blut für einander vergießen, es sei denn
gezwungen oder um Sold? Und können wir jemals hoffen, daß diese
moralischen Schranken, die der Vermischung unserer Rassen im Wege
stehen, nicht auch ein Hindernis für unsere politische Einheit sein
werden?
Auch dürfen wir uns nicht verhehlen, daß unsere sozialen Beschränkungen
noch immer so tyrannisch sind, daß sie die Menschen zu Feiglingen
machen. Wenn mir jemand sagt, er habe ketzerische Ansichten, wage aber
nicht, ihnen zu folgen, weil er sonst gesellschaftlich geächtet würde,
so verzeihe ich es ihm, daß er ein unwahres Leben führt, um überhaupt
leben zu können. Dieser bei uns herrschende soziale Geist, der uns dazu
treibt, unseren Mitmenschen das Leben zur Last zu machen, wenn sie auch
nur in der Wahl ihrer Nahrung von uns abweichen, wird sich sicher in
unserer politischen Organisation behaupten und schließlich
Zwangsmaschinen erzeugen, die jeden vernunftgemäßen Unterschied und
damit jedes wirkliche Leben zermalmen werden. Und die Tyrannei wird die
unvermeidliche Lüge und Heuchelei im politischen Leben nur noch
schlimmer machen. Ist denn der bloße Name Freiheit so wertvoll, daß wir
um seinetwillen unsere sittliche Freiheit opfern sollen?
Die Wirkung unserer ausschweifenden Gewohnheiten zeigt sich noch nicht
gleich, wenn wir noch in der vollen Kraft unserer Jugend sind. Aber sie
zehrt allmählich diese Kraft auf, und wenn die Zeit des Abstiegs
beginnt, da haben wir unsere Rechnungen zu begleichen und unsere
Schulden zu bezahlen und stehen bald vor dem Bankrott. Noch könnt ihr im
Westen den Kopf hoch tragen, obgleich eure Menschlichkeit aus dem Rausch
organisierender Macht nicht mehr herauskommt. Auch Indien konnte auf der
Höhe seiner Jugend die Last seiner sozialen Organisationen, die auf
seine Lebensorgane drückten, tragen und hielt sich tadellos gerade
dabei, aber es ist ihm zum Verhängnis geworden und hat seine lebendige
Natur allmählich gelähmt. Und so ist es gekommen, daß die gebildeten
Schichten Indiens kein Gefühl haben für seine sozialen Nöte. Sie sind
gerade stolz auf die Steifheit unseres sozialen Rückgrats, -- und weil
das gesunde Schmerzgefühl in den Gliedern unseres sozialen Organismus
abgestorben ist, so lassen sie sich zu dem Glauben verleiten, daß alles
in Ordnung sei. Daher glauben sie, daß das politische Feld jetzt der
einzige Spielraum für alle ihre Kräfte ist. Sie machen es wie jemand,
dessen Beine eingeschrumpft und unbrauchbar geworden sind und der sich
einzureden versucht, er fühle diese Glieder nicht, weil sie ganz
wiederhergestellt seien, nur die Krücken seien nicht in Ordnung.
Dies ist es, was ich über die soziale und politische Wiedergeburt
Indiens sagen wollte. Nun ein Wort über seine Industrie. Man hat mich
oft gefragt, ob seit dem Beginn der britischen Herrschaft die Industrie
in Indien sich gehoben habe. Ich muß daran erinnern, daß die britische
Regierung gleich am Anfang unsere Industrie unterdrückt hat und daß wir
seit der Zeit keinerlei wirkliche Hilfe oder Ermutigung gefunden haben,
uns den ungeheuren Handelsorganisationen der modernen Welt gegenüber zu
behaupten. Die Nationen haben entschieden, daß wir ein lediglich
ackerbautreibendes Volk bleiben und sogar den Gebrauch der Waffen für
alle Zeiten verlernen sollen. So wird Indien in eine Reihe leicht
verdaulicher Bissen verwandelt, die jede Nation, auch wenn sie ein noch
so unentwickeltes Gebiß hat, zu jeder Zeit verschlucken kann.
Indien hat daher wenig Gelegenheit, seine Originalität auf dem Gebiete
der Industrie zu zeigen. Ich meinesteils glaube nicht an die plumpen
Riesenorganisationen unserer heutigen Zeit. Schon die Tatsache ihrer
Häßlichkeit zeigt, daß sie in Disharmonie mit der ganzen Schöpfung sind.
Die großen Kräfte der Natur offenbaren ihre Wahrheit nicht in
Häßlichkeit, sondern in Schönheit. Schönheit ist das Siegel, das der
Schöpfer unter seine Werke setzt, wenn er mit ihnen zufrieden ist. Alle
unsere Erzeugnisse, die die Gesetze der Vollkommenheit frech verletzen
und sich schamlos in ihrer häßlichen Plumpheit zeigen, sind beständig
unter dem Gewicht von Gottes Zorn. Wenn euer Handel nicht die Würde der
Schönheit hat, ist er unwahr. Die Schönheit und ihre Zwillingsschwester,
die Wahrheit, brauchen zu ihrer Entfaltung Muße und Selbstbeherrschung.
Aber die Gewinnsucht kennt keine Schranken, wenn sie sich nur ausdehnen
kann. Ihr einziges Ziel ist Hervorbringen und Verschlingen. Sie hat
weder Mitleid mit der schönen Natur noch mit lebendigen menschlichen
Wesen. Sie ist unbarmherzig bereit, ohne auch nur einen Augenblick zu
zögern, Schönheit und Leben zu zermalmen und sie zu Geld zu machen.
Diese häßliche Roheit im Handel stand in Verachtung bei unseren
Vorfahren, die noch Muße hatten, das Idealbild der Menschheit ruhigen,
ungetrübten Blickes zu schauen. Die Menschen jener Zeiten schämten sich
mit Recht des niederen Triebes, der nur auf Gewinn geht. Aber in unserem
Zeitalter der Naturwissenschaften hat das Geld durch das Gewicht seiner
Masse sich den Thron erworben. Und wenn es nun vom Gipfel seiner
aufgehäuften Schätze aus die höheren Instinkte des Menschen verhöhnt und
die Schönheit und alle edlen Gefühle aus seiner Nähe verbannt, so
unterwerfen wir uns ihm. Denn wir haben uns in unserer Armseligkeit von
ihm bestechen lassen, und unsere Einbildungskraft, von seinem
Riesenumfang überwältigt, kriecht vor ihm im Staube.